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Eine Schmunzel-, Grins- und Lachgeschichte für Leserinnen und Leser mit Vergnügen an sprachlichen Stolpersteinen und hinreißendem Unsinn. Wo durchgeknallte Typen mit undenkbaren Situationen kämpfen, ist grenzenloses Wunderland, in dem nichts sicher ist und alles möglich: Dressierte Machos, feministische Gespenstinnen und ein Autor, der alles besser weiß und nichts begreift. Mah ehrlich – issas nich allerhand?
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Drei im Himmelbett
Hermann Bärthel
Alle Rechte, insbesondere der Vervielfältigung, der Übersetzung, der Dramatisierung, der Rundfunkübertragung, der Tonträgeraufnahme, der Verfilmung, des Fernsehens und des Vortrages, auch auszugsweise, vorbehalten.
Der ursprüngliche Titel „Sterntaler“ wurde für die hier vorliegende überarbeitete Neuauflage geändert auf „Drei im Himmelbett“
© Copyright 2019 by Hermann Bärthel, Hamburg
Umschlaggestaltung: Nagl Design, Stade
Gesamtherstellung: epubli
Ein herrlicher Sommer hatte all seine bunten Farben über das Land gestreut, allenthalben leuchteten Blumen in verschwenderischer Pracht, sogar in dem kleinen Gärtchen am sanften Ufer der Schlei unweit des kleinen Städtchens, in dem ein lockiges Geschöpf ein Liedchen trällernd Spaliertomaten zählte, immer drei und drei, wie es einst die Mutter gelehrt hatte, damals, ehe an jenem unglückseligen Tag vor vier Jahren der Schrebernachbar ein begehrliches Auge auf ihr Mütterchen geworfen, und Kirsten Troddel, noch immer ein Weib in der späten Blüte ihrer Jahre, mit ihm davongezogen war in die Ferne, weit hinter Buxtehude, und Claudia, ihre Einzige, allein gelassen hatte.
Da saß es nun, dieses Kind der Liebe aus Kirstens leidenschaftlicher Hingabe zu Trutz Graf von Altenburg während jener schicksalsschweren Anwendung vor zweiundzwanzig Jahren ...
Claudias Mama war zu der Zeit eine blutjunge Heilgymnastin in einem Kneippbad, als der Graf mit Bandscheibenvorfall und ohne Dorothee, seine Gemahlin, in ihr Leben lahmte, sich aber schon nach drei Fangopackungen und zweieinhalb Massagen in wilder Begierde über alles, auch sein Stützkorsett, hinwegsetzte und damit Claudias Lebensweg begründete. Stand und Dünkel versiegelten danach seine gräflichen Lippen. Auch konnte Dorothee, wie er aus leidvoller Erfahrung wusste, treten wie ein Pferd, vorzugsweise ins Kreuz, und das machte sein Schweigen endgültig.
Ach ja, mein Mammilein, seufzte Claudia wehmutsvoll, da aber bimmelte es plötzlich ungestüm an der Gartenpforte!
Verwirrt erhob sie sich, doch schon von weitem sah sie Albert, den Jungpostboten mit einer büttenpapierenen postalischen Zustellung winken! Da flog sie hin zu ihm, ihr Goldhaar wehte im Winde, ihre Wangen glühten, und dann hielt sie ihn in ihren zitternden Händen, jenen Brief, den als Absender eine stolze Krone zierte: Trutz Graf von Altenburg
Und wieder kam sie ihr in den Sinn, jene traurige Kinderweise, die ihr Mütterlein oft leise zur Schlafenszeit an ihrem Bettchen gesungen hatte:
Ach, ziert auch heut die Krone nicht
dein golden Lockenhaar,
so wird doch einst und immerdar
dir leuchten hell der Liebe Licht!
Mein Grafenkind ...
Mütterlein spinnt ...
Weiter wusste sie nicht, und so brach sie bang das gräfliche Siegel und las erschüttert die Botschaft des alten Grafen, die von den Wirren seiner jähen Liebe zu Claudias jugendknospiger Mama berichtete; vom seit altersher unbeugsamen Stolz seiner Sippe, derer von Altenburg, die nicht nach Herz noch Treue fragte und schon gar nicht nach folgenschweren Fangopackungen; und von der Einsamkeit des Alters, die nun des Grafen Herz geöffnet hatte für die wahren Werte des Lebens! Nun hatte er sie endlich gefunden, nach verzagt durchwachten und erregt durchgooglelten Nächten, die ihm etliche unerfreuliche Kontakte mit anderen Damen bescherten, Claudia, seine Einzige, sein allerliebstes Wirbelstürmchen, wie er sie scherzhaft in Anspielung auf - aber das behielt er lieber für sich, auch wenn seine selige Dorothee längst das Zeitliche gesegnet hatte - genug: Noch war es nicht zu spät, um Vergebung zu bitten, in aller Form, und etwas wiedergutzumachen, soweit ein gräfliches Erbe es nur immer vermochte ...
Hier perlten Tränen über Claudias bleiche Wangen, und im nahen Fliederbusch zirpte eine Meise oder ein Rabe oder Ähnliches, und Albert, dieser Postkoloss von zwei Meter zwölf, klopfte ihr zärtlich auf die nun von heftigem Schluchzen zuckenden Schultern, so daß sie das Weinen vergaß; ihr blieb für längere Zeit die Luft weg.
„Albert,“ lächelte sie tapfer, „Albert, du Guter ...“ und Albert, in Verkennung der Ursache ihrer heißen Zähren, zog sie kraftvoll zu sich hoch, und so standen sie erstaunlich lange vereint, das heißt, Albert stand und Claudia hing, und noch immer zirpte was auch immer im besagten Fliederbusch.
Endlich setzte er sie behutsam auf den dafür nur mäßig geeigneten Gartenzaun, von dem sie aber sogleich unbeschadet hinabglitt, denn dergleichen problematische Platzierung war ihr durch Albert schon zweimal widerfahren.
Gütig verzeihend, aber auch fest sah sie ihm nun in die Augen und wollte zu einer Erklärung ansetzen. Da Claudia aber von Kind auf an eine leichte Schiefstellung der Äuglein zu eigen war, sah sie auch gleichzeitig an Albert vorbei, und was sich da ihren Blicken bot, ließ sie bis in die Purpurlippen erbleichen: Eine gräfliche Kutsche rollte heran, und als es vom Kutschbock „Brrr!“ schallte, hielten die schnaubenden Rösslein augenblicklich inne und scharrten fröhlich wiehernd mit den Hufen.
Herunter aber sprang Martin, des alten Grafen junger Gutsverwalter, und lief mit federnden Schritten, einen herrlich bunten Rosenstrauß schwenkend, auf sie zu. Galant küsste er Claudias schlankes Händchen, das heißt, eigentlich küsste er Alberts Pranke, weil dieser empört Claudias Hand an sich zog, lachte sie herzlich und offen an, wobei seine prachtvollen Zähne im sonnengebräunten Gesicht blitzten - Zahnfarbe 10, bemerkte Claudia erschauernd, weißer geht's nimmer - und verbeugte sich artig.
„Vom Grafen!“ erklärte er und überreichte ihr den üppigen Strauß. „Für Sie, gnädiges Fräulein - Sie sind doch Fräulein Claudia Troddel, Zahnarzthelferin von Beruf, nicht wahr?“
Claudia nickte errötend, in ihren großen blauen Augen spiegelte sich sanfte Freundlichkeit - und allerdings auch Albert, der all dies stumm betrachtete und heftig mit den Zähnen knirschte.
„Dein Beißschutz, Albilein, trägst du ihn nachts nicht mehr? Du knirschst schon wieder so grausig ...“ raunte Claudia ihm zu, doch Albert, der Hühne, blickte nur wild auf Martin hinab, schwang sich Ungutes knurrend auf sein Postrad, denn er hatte noch die halbe Tour vor sich, und strampelte mit einem bitteren „Moin!“ davon.
„Was er nur hat ...“ murmelte Claudia erschrocken, „So hat er noch nie geknirscht ...“. Doch dann besann sie sich und bat Martin hinein in ihr bescheidenes Gartenhäuschen.
Da standen sie sich nun gegenüber, die zwei Menschenkinder, und wusste doch keines, wie ihm geschah, hier in dem kleinen Stüblein, das eine große Firma so unbarmherzig möbliert hatte.
Innig schauten sie sich in die Augen, bis auf den Grund ihrer reinen Seelen, in denen wie eine tiefe Glocke die Botschaft einer nie zuvor geahnten Liebe erklang ...
Für einen Atemzug muss ich hier nun innehalten, weiß doch meine Hand vor Ergriffenheit kaum noch die Maus geschweige denn die Feder zu halten; aber was hilft es - das Rad des Lebens unserer beiden dreht sich weiter ...
Nach langem Schweigen endlich kehrten Martins Sinne aus süßem Traum zurück. Er räusperte sich mannhaft und sprach leicht verwirrt folgendes: „Ich … Sie ... ich will sagen, er, also der Graf ... Sie wissen ja, er hat Ihnen geschrieben, daß Sie ... Ich soll Sie ... Verzeihen Sie mir, daß ich mich vergaß, aber ... Der Graf bittet Sie für morgen Nachmittag um vier zum Tee, und ich soll Sie fragen, ob Sie ... Mein Gott, wie schön Sie sind ... Er hat mir nämlich dieses hier für Sie ...“
Und dabei zog Martin aus seiner Tasche ein schwarzledernes Etui, das er langsam und geheimnisvoll öffnete, und darinnen glitzerte eine von sanftem Rosèpaladon umbettete Achtundzwanziger, dem Laien eher bekannt als Totalprothese mit je vierzehn Zähnen oben und vierzehn Zähnen unten, auch vulgo „FF“ zubenannt - „Folle Fresse“.
Sanft stieg Röte in Claudias Pfirsichwangen - nun allerdings schon zum dritten Mal innerhalb von wenigen Minuten, was wir leider konzedieren müssen, denn im Leben verläuft selten etwas wie erwartet und in Claudias Backen schon gar nicht - sie deutete unbeschadet dessen stumm auf die gräflichen Beißer.
„Sind das ... des Grafen ...“ flüsterte sie dann stockend, und Martin nickte ernst.
„Ja,“ antwortete er, „schon vor sieben Wochen ist es passiert; der neue Koch ... die Schrotkugeln im Fasan ... und der Graf haute rein wie immer ... und plötzlich dieses grauenvolle Knacken - ich höre es immer noch ...“ Und dann berichtete er vom selbstlosen Opfer der treuen Dienerschaft, die dem Grafen im täglichen Wechsel ihre Prothesen ... untertänigst ... aber keine wollte recht passen ...
„Der Arme ...“ stöhnte Claudia mitfühlend, doch dann zeigte sie entsetzt auf die schimmernden Zahnreihen: „Gebrochen zwischen Viereins und Vierdrei - wissen Sie, was das bedeutet -?“
Verwirrt schüttelte Martin sein Haupt.
Claudia sah ihm tief in die Augen - sie hatte, wie bereits erwähnt, diesen festen Silberblick - und um ihren Mund legte sich ein bitterer Zug: „Ein Zahn fehlt!“ klagte sie tonlos.
Martin fasste sie erschauernd bei den Händen und zog sie an sich, während draußen ein Unwetter grollte und das Stüblein in fahles Licht tauchte. Forschend schaute er sie an und stieß mit vor Erregung heiserer Stimme hervor: „Claudia - um Gottes willen ... er hat ihn doch nicht etwa verschluckt, den Zahn ?“
Schwer lastete die bange Ungewissheit im Raum, doch dann gab sich Claudia einen Ruck.
„Ich werde kommen!“ erklärte die Zahnmedizinische Fachangestellte fest. „Mein Vater hat mich gerufen, und ich werde zur Stelle sein, mit Abdrucklöffel und Gummipott!“
Flammend vor Hingabe stand sie da, und in den langen, seidigen Wimpern schimmerte wie schon so oft eine Träne.
Wie ein Schwindel ergriff es Martin! „Süßes Mädel!“ stammelte er, denn er hatte sich nach all den Jahren im Dienste des Grafen dessen ein wenig altertümliche Ausdrucksweise angewöhnt, und eine heiße Woge der Zärtlichkeit durchwallte sein Herz. Ja, er wollte es beschützen, dieses holde Kind, fürder und fürder!
Glühenden Blickes und im Sturmgebraus seiner Sinne kniete Martin schon vor ihr nieder, als ein peitschender Knall die leicht stickige Luft zerriss: Die wenngleich elastisch vernähte Gesäßnaht seiner neuen doublestitched Jeans war geplatzt!
Brennend vor Scham glühte Martins Kopf, wobei der/die geneigte Leser/in beachten möge, daß flammende Hingabe, eine heiße Woge der Zärtlichkeit, ein glühender Blick, brennende Scham und ein glühender Kopf in so rascher Folge nur annähernd jene gleichsam überkochende Jugendhitze zu beschreiben vermögen.
Jedenfalls traf es sich gut, daß nunmehr durchs Fenster ein kühler Abendwind Martins Hinterteil umfächelte.
Aus Claudias Antlitz aber wich nun alles Blut, denn hinter Martin hing ein Spiegel. Mit letzter Kraft strich sie ihm lind übers Haar: „Gehen Sie nun, Martin - für heute habe ich genug gesehen ...“
Hilflos schaute er zu ihr auf, doch dann erhob er sich und stürzte ebenso eilig wie rückwärts zur Tür - zur Kutsche jedoch lief er wieder vorwärts, was ein mütterliches Lächeln auf Claudias Züge zauberte. Und während die Rösslein davonsprengten, sank sie selig in ihre kürzlich entklumpten Halbdaunen und träumte einem neuen Tag und der herrschaftlichen Einladung zum Tee entgegen.
Der nächste Morgen sah eine andere Claudia. Eine heiter summende junge Frau schaltete und waltete in ihrem kleinen Reich; endlich all der dräuenden Sorgen um ihre Zukunft ledig, knisterte sie unbeschwert ihr Müsli - was an sich schon erstaunlich ist, denn normalerweise knistern keine Personen ein Müsli oder anderes, sondern es knistert einfach so, vielleicht im Gebälk oder im Stroh - und schlürfte so ganz unbeobachtet und lauthals ihren Brombeertee. Ja, schließlich entgluckste ihr sogar ein kleines Bäuerchen, was sie mit einem übermütigen Kichern quittierte.
Nach all dem Knistern und Entglucksen aber schritt sie nun energisch ausholend zur Bushaltestelle und schaukelte alsbald ihrer alltäglichen Wirkungsstätte als ZFA entgegen, der zahnärztlichen Praxis des Dr.med.dent. Hieronymus Caldeherz.
Caldeherz, ein schon leicht kahlköpfiger und sich umso juveniler gerierender Mittfünfziger, hatte die Angewohnheit, unbeobachtet vom Patienten, Claudia bei der Verrichtung ihrer Obliegenheiten mit gelegentlichen leisen Schnalzlauten zu überraschen, wobei nicht immer klar war, ob dergleichen aus Bewunderung für die Eleganz ihrer Handgriffe oder als etwas ungeschicktes Anbaggern zu verstehen sei.
Jedenfalls schnalzte er an diesem Morgen sogleich bei ihrem Eintritt in rascher Folge, was Claudia zwar erstaunte aber nicht davon abhielt, wie immer heiter summend das blitzende Speibecken nebst Trinkbecher für die Patienten vorzubereiten. Plötzlich aber spürte sie, wie der heiße Atem ihres Chefs auf ihrem Hals lastete und er sie nach einem weiteren Schnalzer ungeschickt zu umarmen suchte.
Doch leichtfüßig und mit silberhellem Lachen entwich sie ihm und bat schon den ersten Patienten herein.
Dunkel glomm Caldeherz' Blick auf, aber dann hatte er sich gefasst und bohrte sich emsig dem vierten Mietshaus entgegen. Und nach drei unverhofften Goldinlays klang sein „Bitte absaugen...“ fast heiter; nur als Claudia wegen ihres leichten Silberblicks die Saugpumpe dem Patienten wieder einmal an den Kragen statt in den geöffneten Mund hängte, brummte er halblaut: “Dummerchen - doch nicht die Schuppen ...“
So verging der Vormittag, die letzte Patientin erholte sich unten im Döner-Imbiß, Claudia schaute noch einmal träumerisch über Einheit und Gummibaum und wandte sich mit einem fröhlichen „Tschühsserdokter!“ zur Tür, da ... da legte sich eine schwere Hand auf die Klinke, und Caldeherz murmelte mühsam beherrscht: „Claudia, bitte! Kommen Sie! Nur einmal! Alles will ich für Sie ... Bitte! Bittebittebitte!“
Und damit drängte er die heftig Widerstrebende ungestüm zu einer Tür, die sonst immer verschlossen war, und hinter der Claudia bisher eine Art Nickerchen-Kammer für ihren Chef vermutet hatte.
Jetzt aber schloss er mit der linken Hand auf, wobei er mit der rechten Claudia am Ärmel ihrer duftigen Sommerbluse hielt. Da sich der Ärmel dieserhalb recht unvorteilhaft und irreparabel verlängerte, trat sie dem Doktor wütend gegen sein Schienbein, und beide torkelten unterschiedlich lädiert in das Zimmer.
Zu Claudias Überraschung fand sich dort aber nichts, was auf entspannende Mittagsnickerchen schließen ließ, nicht mal ein spartanisches Ruhemöbel; stattdessen erstreckte sich entlang dreier Wände eine nach allen Regeln hanulliger Wissenschaft aufgebaute Modelleisenbahnanlage mit aus Bausätzen errichteten Bahnhöfen, Brücken, Unterführungen, Kehrschleifen, einem Ablaufberg, unzähligen Abstellgleisen, Häuschen - worunter Claudia entgeistert auch ihr bis ins letzte Detail nachgebildetes Gartenidyll gewahrte - und schließlich sogar noch einen Schattenbahnhof unter der Anlage, zu dem sich die Schienen in blinkenden Kreisen hinunterringelten.
Immer noch sein Schienbein reibend und so in unfreiwillig unterwürfiger Stellung verharrend keuchte nun Caldeherz: „Claudia! Teuerste! Alles habe ich aufgebaut für Sie, nur für Sie! Meine schönste Lok trägt Ihren lieben Namen - 'Claudia'! Im Speisewagen wird Brombeertee serviert, im Schlafwagen ...„ - hier hielt er erschrocken inne - „... im Schlafwagen ist alles zu Ihrer Bequemlichkeit ... ich selbst ruhe einstweilen im Gepäckwagen ... wenn ich nur in Ihrer Nähe sein darf! Bitte, bitte geben Sie freie Fahrt!“ Und wie um seinen Beteuerungen Nachdruck zu verleihen, hob er eine Signalkelle und pfiff gellend, wobei er eine rote Dienstmütze schwenkte.
Doch keine Lok setzte sich summend, rasselnd oder fauchend je nach Alter und Baureihe in Bewegung, denn die Gewerkschaft der Lokführer hatte zu einem neuerlichen Streik aufgerufen. Auch wurde im Speisewagen kein Brombeertee serviert, wie Claudia durch einen raschen Blick feststellen konnte.
Die Sache war also gründlich verfahren, obwohl alles stillstand, und Claudia sprach nun begütigend auf den Lok- und Lockenlosen ein, denn sie spürte wohl, wie ihm ein großer Traum zerrann. Bleich und mutlos nickte Caldeherz zu allem, was sie über ihre Einladung auf das gräfliche Schloss, den alten Vater und seine zerbrochene Zahnprothese berichtete, aber dann schien er seine Fassung zurückgewonnen zu haben, denn er unterbrach sie hastig und bot sogleich seine Hilfe an, denn jetzt sah er Claudia in einem ganz anderen Licht - eine reiche Adelsfamilie ... lauter Privatpatienten! Überschwänglich gratulierte er ihr und erbot sich sogar, sie in seinem eigenen Wagen zum Schloss ...
Aber sie stieg bereits die Stufen hinab und begegnete leider der letzten Patientin, die ihr, aus dem Döner‑Imbiss kommend, eine Füllung entgegenstreckte und mit weit offenem Mund auf die nunmehr leere Zahnruine wies. Claudia taumelte benommen zurück, denn der Döner war offenbar heftig gewürzt gewesen, und strauchelte ein wenig, wobei sie eine Hacke verlor. Der Weg zum Schloss wurde so zwar etwas beschwerlich, aber als vom Schlossturm vier Glockenschläge klangen, stand sie doch endlich vor der prächtigen Residenz.
Vor ihr erstreckte sich ein herrlicher Garten, über den sich ein strahlend blauer Himmel wölbte. Auf dem silbrigen Schlossteich schwammen majestätisch zwei Schweine, die der Druckfehlerteufel da hineingeworfen haben mochte, denn eigentlich waren es Schwäne, und die blitzenden Fenster des prachtvollen Anwesens schienen sie freundlich zu grüßen - also Claudia, nicht die Schweine, obwohl sie, wie gesagt, eigentlich Schwäne waren. Das nur zum besseren Verständnis.
Das anmutige Kind fühlte, wie ihm die Seele weit wurde - ach, wenn das doch die neue Heimat würde! Gegen diesen berechtigten und nur zu gut nachzuvollziehenden Wunsch ist sicher nichts einzuwenden, aber daß dafür eine Erweiterung der Seele Voraussetzung war, erscheint zumindest zweifelhaft. Wenn sich ihr Herz geweitet hätte, gut, das Herz ist schließlich ein Organ, aber die Seele?
Genug, gönnen wir ihr die weite Seele, sie wird sehen, was sie davon hat. Und in der Tat - kaum daß sie den kunstvoll geschmiedeten Klingelzug des Eingangstores ergreifen wollte, glitt ihr Blick das hohe Parkgitter entlang, und dort, vor der kleinen Gartenpforte des abseits gelegenen Verwalterhäuschens stand Martin und hob bescheiden und wehmütig die Hand zum Gruß.
Ja, nun hätte sie natürlich eher ein weiteres Herz gebraucht - also nicht ein zweites, natürlich nicht, sondern ein etwas geweitetes, denn dort drängte sich das Blut ungestüm wie die wilden Wasser der Schlei. Angezogen wie von magischen Kräften schritt Claudia Martin entgegen; zögernd zunächst, doch dann immer geschwinder, denn sie hatte ihre Schühchen abgestreift, wobei mir diese ewigen Diminutive allmählich auf den Sack gehen, und nun war sie bei ihm und hob ihm beschwörend den linken, hackenlosen Pumps entgegen. Und Martin, dieser Herzensgute, lachte tief und dröhnend, brach auch den anderen Absatz ab, und Claudia stand wieder fest auf beiden Füßen, wenn auch stark verkürzt.
Erst jetzt fand sie Muße, sich an seinem neuen Outfit zu weiden: Statt der neuen doublestitched Jeans, die er der geplatzten Gesäßnaht wegen sofort in eine griechische „Kleidererverkstat“ getragen hatte, deren Meister ihm verlässlich eine nunmehr treblestitched Naht zugesichert hatte, trug er jetzt ein modernes hosenähnliches Behältnis, das wahlweise als lange Hose oder als knielange Shorts zu tragen war und nun seine Waden schmuck umspielte. Er war gerade vom Einkaufen zurück und hatte auf die praktischen Taschen, neun an der Zahl, alles geschickt verteilt: 2 Brote, 5 Pfund Kartoffeln, 12 Eier, 6 Dosen Bier, 1 Blumenkohl, 1 Liter Milch, 2 Bratwürste, 1 Abwaschbürste und ½ Pfund Butter, die aber nicht weiter auftrug, denn sie war in der Tasche geschmolzen. Aus einer Hemdentasche lugte außerdem ein neuer PLAYBOY, aber der war für seinen alten Vater.
Herzlich drückte er Claudia, nicht achtend der Eier und des in solchem Kontext seltenen Genitivs, an sich, und dann betraten sie Hand in Hand das Verwalterhäuschen, das an der Eingangstür ein Schild trug mit der Inschrift „Regel 24 - Unbewegliche Hemmnisse!!!“, dessen dunkler Sinn Claudia einstweilen verborgen blieb.
Am Fenster saß der alte Oberförster, Martins Vater. Sein wasserheller Blick schien über sie hinweg ins Leere zu gleiten, dann schlug er flüchtig einen dicken Versandhauskatalog auf, murmelte Unverständliches und starrte wieder die Lippen bewegend ins Nichts.
„Er lernt Kataloge auswendig,“ flüsterte Martin ihr zu, „ das ist die Freude seines Alters ... Wollen Sie mal hören -?“
Claudia nickte zerstreut, Regel 24 beschäftigte sie noch immer.
„Otto!“ rief Martin, „Artikel 02483!“
