Drei Sterne über Sinai - Maike Munck - E-Book

Drei Sterne über Sinai E-Book

Maike Munck

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Beschreibung

"Drei Sterne über Sinai" wird allen Menschen, die den Wunsch haben, einmal ins Land ihrer Träume zu gehen, um dort für längere Zeit zu leben, eine Vorstellung darüber geben, was es heißt, sich diesen Wunsch zu erfüllen. Das Leben einer jungen deutschen Frau in Ägypten hat sie veranlasst, ihre Erfahrungen niederzuschreiben. Unbedarft wanderte sie aus auf die Halbinsel Sinai, ohne zu wissen, was die Zukunft ihr dort bringen würde. In knapp zwei Jahren erlebte sie Wundervolles und Großartiges genauso wie Schrecken und Katastrophen. Schonungslos wurde sie mit Intrigen und Machenschaften konfrontiert, doch fand sie auch unerwartetes Glück in der geheimnisvollen Welt der Wüste. "Drei Sterne über Sinai" ist die unverblümte Wiedergabe eines Abenteuers. Eine authentische Erzählung über die Erfüllung eines Lebenstraums. Ein Lebenstraum, wie ihn viele träumen.

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Seitenzahl: 282

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Für Adel

Inhaltsverzeichnis

PROLOG

Wie es einmal anfing

Der Fluch des Pharao

Rückkehr

Verlobung

Ein neuer Lebensabschnitt

„Welcome back home!”

Erste Konfrontation mit dem Islam

„Habe immer ein Lächeln auf den Lippen ...”

Bittere Einsicht

Suleiman und das Schweigen

Entscheidungsphase

DAS BUCH

Arbeitssuche

Das Puppenhaus

Paradiesische Kehrseiten

Die drei Sterne

Der große Regen

Folgen einer Katastrophe

Die zu bestehende Probe

Liebe, die keine Ansprüche stellt

Top Advertising

Glückliche Zeiten

Wasserprobleme und andere Ernüchterungen

High Society

Arabische Bräuche

Neue Erkenntnisse auf Matoussas Rücken

Zerfall

Seelenqual

Ein Traum geht zu Ende

EPILOG

NACHTRAG ZU DEN EINZELNEN PERSONEN

DANKSAGUNG

PROLOG

Wie es einmal anfing

„Kind, komm doch mal her und guck‘ mit in den Prospekt. Wo wollen wir denn die Anschlußwoche zum Tauchen nach der Nilkreuzfahrt verbringen? Da werden zwei Orte angeboten: der eine ist an der Küste vom ägyptischen Festland und der andere hier ist, wie heißt das? ,Scham el Schaik‘ oder so ähnlich, im Sinai.”

Meines Vaters Finger schob sich auf der Landkarte entlang, während er mit der anderen Hand die Brille näher rückte, sichtlich bemüht, die ägyptischen Ortsnamen nach bestem Wissen und Gewissen auszusprechen. Das Kind war sogleich entzückt:

„Sinai, Sinai – das hört sich schon so exotisch an. Da will ich hin!”

Heute würde ich sagen, so fing alles einmal an.

Eigentlich fühlte ich mich damals schon lange aus dem Alter heraus, um mit meinen Eltern nochmals einen Urlaub zusammen zu verbringen. Doch Ägypten schien mir so interessant, geprägt durch diese unglaubliche Kultur. Auch freute ich mich auf das gemeinsame Tauchen mit den Eltern und außerdem mußte ich nichts zahlen. Der Urlaub wurde mir spendiert. Da sagt man doch nicht Nein.

Ein paar Wochen später ging es los, und wer schon einmal eine Nilkreuzfahrt gemacht hat, wird mir sicherlich zustimmen: abwechslungsreicher kann man Ägypten wohl kaum bereisen.

Das Leben in diesem Land wird ermöglicht durch den Nil, und vom Schiff aus hat man einen wunderbaren Einblick in dieses Leben: man besucht nicht nur die großen Städte wie Kairo, Luxor und Assuan, sondern erhält auch Eindrücke von dem Alltag in den Dörfern, auf dem Land. Dort glaubt man sich in einer anderen Welt, in einer anderen Zeit; sie scheint einem uralt.

Mich faszinierte dieses ursprüngliche, einfache Leben. Denn Völker können bescheiden leben ohne den für uns gewohnten Standard und anscheinend trotzdem zufrieden und glücklich sein. Diese Menschen weckten mein Interesse. Ich hatte immerzu das Verlangen, mit ihnen zu sprechen und alles über ihr Dasein, ihre Vergangenheit und die Traditionen zu erfahren.

Ja, wer schon eine Nilkreuzfahrt gemacht hat, der weiß wohl auch, daß zwar die kulturellen Erwartungen absolut erfüllt werden, aber irgendwann die nächste Ankündigung eines Landganges zum Zwecke eines weiteren Tempelbesuchs nicht mehr mit einem Lächeln hingenommen werden kann. Ich hätte nie geahnt, daß Ägypten so viele Tempel hat.

Nach einer Woche Staubtreten waren wir reif für die verdiente Entspannung. Ich sehnte mich nach Wasser, Strand und Tauchen ...

Eine Propeller-Maschine der Air Sinai brachte uns von Kairo in den Badeort Sharm el Sheikh auf der Halbinsel Sinai.

Sinai wird im Westen durch den berühmten Suez-Kanal vom ägyptischen Festland getrennt. Im Nordosten grenzt die Halbinsel an Israel. An der West- und Ostküste wird sie vom Roten Meer umsäumt, im Norden vom Mittelmeer. Sharm el Sheikh liegt an der Südspitze der Halbinsel, und es erwies sich als kleiner Ort mit vier Hotels und einem Campingplatz. Dazwischen war überall Sand; keine Straßen, keine Beleuchtung, keine Geschäfte, irgendwie nichts ... Wüste eben.

In meiner bildlichen Vorstellung war Wüste Sanddünen. Die Halbinsel Sinai jedoch ist eine Gebirgswüste, und uns offenbarte sich von der Küste aus ein Blick auf ein Bergpanorama, das einem unwirklich erschien, wie ein Bild in der Ferne, ein Gemälde, unglaublich und ...gewaltig. Man mochte hingehen, es anfassen oder es umlaufen, um festzustellen, ob es von hinten nicht doch vielleicht weiße Leinwand ist.

Unser Zeitvertreib galt ausschließlich dem Tauchen in dieser Woche.

Entgegen der so scheinbar kargen und öden Wüste beherbergte das Rote Meer einen Lebensreichtum an Fischen und Korallen in einer Farbenpracht, wie man es gerne auf den schönsten Bildern in Büchern bestaunt.

Morgens früh ging es hinaus mit Jeeps oder Booten an Riffe, die wir betauchten. Mit den vierradbetriebenen Fahrzeugen fuhren wir an der Küste entlang durch unwegsames Gelände, und es hatte einen Hauch von Abenteuer.

Vom Tauchboot aus konnte man stellenweise bis auf den Grund des Meeres sehen und auf dem Nachhauseweg im Sonnenuntergang begleiteten uns oft die Delphine.

Das Rote Meer offenbarte sich als ein riesiges Aquarium.

Doch mein Blick haftete meist an diesem Bild, das uns die Wüste bot: es waren die Berge, die eine ganz besondere Ausstrahlung hatten. Unentwegt mochte ich sie anschauen und unzählige Fotos davon machen, wenn sie in die typischen Farben des Sinai getaucht waren: am Morgen, wenn die Sonne ihre Strahlen darauf legte, leuchteten die Gipfel in glühendem Rot auf. Später am Tag bis zur Dämmerung zeigten sich die Bergkämme in diffusen Grauschattierungen. Wie Scherenschnitte lagen dann die Gipfelstreifen aufeinander und unterschieden sich nur durch feinste Farbnuancen.

Die Natur des Sinai wirkte von Anfang an in ganz besonderem Maß auf meine Persönlichkeit. Sie nahm mich in ihren Bann. Ich wollte wieder dorthin. Ich mußte wieder dorthin, denn eine Woche gab nicht annähernd genug Gelegenheit, diese Umgebung auszukosten.

Schon damals, während meines ersten Aufenthaltes in Sharm el Sheikh verspürte ich den Wunsch, in dieser Natur einmal zu leben.

Der Fluch des Pharao

Ägypter haben tolle Augen. Irgendwie dunkel und geheimnisvoll. Und beneidenswerte lange schwarze Wimpern. Immer schon stand ich auf dunkle Typen (sinnigerweise jedoch hatte ich stets nur blonde Freunde), und es lohnte sich, manch einem schönen ägyptischen Männergesicht Beachtung zu schenken. Dem sittsamen Töchterchen neben den Eltern auf der gemeinsamen Reise sollte es nicht passieren, daß sie etwas zu tief in ein Augenpaar dieser Sorte hineinschaut. Doch es passierte; ich hatte mich sozusagen in ihn ,verguckt‘!

Sein Name war Khaled, und er führte uns zum Tauchen in dieser Woche.

Es waren ja nicht nur die Augen; ich fand ihn einfach klasse. Und beim Tauchen erst: der machte ja die verrücktesten Sachen unter Wasser. Das muß man sich erst mal trauen. Er streichelte und lockte die Riesenmuränen aus ihren Höhlen und wagte es tatsächlich, dem hochgiftigen Steinfisch mit der bloßen Hand das Maul aufzudrücken.

Sicher, heutzutage denkt man anders über die Verhaltensregeln beim Tauchen im Roten Meer, denn es heißt, daß keine Fische und Korallen berührt werden sollen. Damals aber, vor vielen Jahren, fand ich das alles sehr spannend und aufregend.

Wenn ich spürte, daß Khaled die Gruppe unter Wasser beobachtete, versuchte ich immer ganz besonders gut zu tauchen und nicht etwa wie eine Bleiente durch das Wasser zu dümpeln. Wie es eben so ist, wenn man imponieren und gefallen möchte.

Doch meine Bemühungen, ihn auf mich aufmerksam zu machen, waren erfolglos.

Ich schob die Schuld auf meine Eltern. Warum reiste ich auch mit ihnen?

Khaled mußte natürlich annehmen, daß das Kind noch unter den wachsamen Augen seiner Erzieher steht. Da läßt er doch lieber die Finger davon. Könnte ja sonst noch unangenehme Gespräche mit den Familienangehörigen zur Folge haben. Das Interesse wurde nicht erwidert und meine Träume nahmen mehr und mehr die Form von Schäumen an.

Es war der letzte Abend. Wir saßen im Sanafir: die einzige Bar in Sharm el Sheikh. Doch ein märchenhaft romantischer Ort, in dem man eigentlich nicht ,saß‘, sondern vielmehr irgendwie ,lag‘: ausgestreckt und barfüßig auf Kissen und Matten in den Nachthimmel schauend. Meine Mutter war davon überzeugt, daß es auf diesen Matratzen nur so von Ungeziefer wimmelt, doch mich kümmerte das wenig. Die Bar befand sich im Innenhof eines Hotels, welches ganz im orientalischen Stil gehalten wurde: Kuppeldächer, viele Treppen, die dorthin führten, labyrinthartige Gänge, offene Zelte mit bunten Fransen vorne dran und richtigen Beduinen, die am offenen Feuer ihr Brot buken und aromatischen Tee kochten oder auf Wunsch die blubbernden Wasserpfeifen, die Shishas, verteilten.

Ich lag auf einem dieser Kissen, betrachtete die Sterne und ließ es mir einfach gutgehen.

Da erschien Khaled! Und meine Eltern waren nicht da. So ein Zufall. Sie wollten sich nicht länger auf den ungezieferbefallenen Matten herumfläzen. Ich hingegen fläzte um so lieber und eben erst recht. Letzte Chance. Jetzt oder nie. Komm sofort hierher!

Khaled sah sich nach bekannten Gesichtern um und erblickte mich. Er kam. Er kam tatsächlich auf mich zu, plazierte sich nebenan. In mir tat sich unerwarteterweise die Hoffnung auf einen traumhaften Abend auf.

Sicherlich fühlte er sich ermutigt, mit mir eine Weile zu verbringen, da er mich alleine, ohne Vater und Mutter, fand.

So erfuhr ich vieles über Khaled. Auf englisch, was im übrigen die Verständigungssprache zwischen den Touristen und den Einheimischen ist, erzählten wir uns und alberten herum; wir lernten uns kennen. Bis in die späte Nacht hinein saßen wir zusammen. Ich wollte nicht wahrhaben, daß jener Abend das letzte Beisammensein mit ihm bedeutete und ab dem nächsten Tag kein Wiedersehen mehr möglich sein sollte.

Ich wünschte, diese Nacht würde nie vergehen, und als wir die Bar verlassen mußten, weil sie zumachte, da nahm mich Khaled bei der Hand und führte mich irgendwo durch dunkle Wege, vorbei an ein paar rumliegenden Kamelen, die ich nur schemenhaft, aber ziemlich beeindruckt, wahrnahm, in die warme sternklare Nacht.

Wir verbrachten eine wunderbare Zeit miteinander, in der wir uns sehr nah kamen, indem wir unsere Meinungen über dies und jenes austauschten. In Gesprächen um ,Gott und die Welt‘, die sich am besten unter dem Sternenhimmel führen lassen, überließen wir unsere Gedanken der grenzenlosen Phantasie unter dem unendlichen Universum ...

Doch es war spät und in solchen Situationen verrinnen die Minuten bekanntlich viel zu schnell. Es dämmerte bereits der Morgen. Mein Vater würde bald an meine Zimmertür klopfen, um mich zu wecken. Unser Flugzeug in die Heimat startete früh vom naheliegenden Flugplatz. Wenn es nicht zu unangenehmen Fragen und Vorwürfen kommen sollte, dann mußte ich schnellstens zurück ins Hotel.

Der Abschied fiel schwer. Khaleds letzte Worte werde ich nie vergessen: „Come back soon!”.

*

„Hi hi hi, dich hat der Fluch des Pharao getroffen!”.

Meine Arbeitskolleginnen amüsierten sich köstlich über meinen mich quälen den Herzschmerz. Zurück in Deutschland packte mich das Fernweh nach der ergreifenden Natur des Sinai. Durch die traumhaften Stunden, die ich mit Khaled am letzten Abend verbrachte, wurde diese Sehnsucht natürlich noch vergrößert.

,Come back soon‘ ... immer wieder hörte ich diese Worte in meinen Gedanken ..., come back soon!‘ Ja, das hatte ich vor.

Unbedingt wollte ich den Kontakt zu meinem Pharao aufrechterhalten und so schrieb ich ihm Briefe und träumte den wenigen Stunden nach, die wir zusammen hatten.

Doch zunächst nahm mich der gewohnte Alltag in Deutschland wieder voll ein. Mein Job in der Werbeagentur machte mir sehr viel Spaß. Wir waren ein kleines Team, das in einer wünschenswert familiären Atmosphäre zusammenarbeitete. Und im Kreise dieser Familie erzählten wir uns natürlich alles, was das Herz beschäftigte. Mein Herz beschäftigte sich mit der Vorstellung, in den Sinai zurückzukehren. Ich hörte nicht auf, davon zu reden.

An einem heißen Sommertag verbrachte ich mit einer Kollegin die Mittagspause beim Sonnenbad. Auf einer grünen Wiese liegend gaben wir uns den bräunenden Strahlen hin. Ich erzählte ihr von meinem großen Plan: „Irgendwann, glaub‘ es mir, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, dann packe ich die Koffer und gehe in den Sinai zurück. Doch dann wird es kein Urlaub sein, dann werde ich dort bleiben”.

Mit dieser Bekundung wurde es zum festen Vorsatz.

Fortan bezeichnete ich dieses Vorhaben als meinen ,Lebenstraum‘ und auch die Tatsache, daß Khaled auf meine Briefe niemals antwortete, änderte nichts daran.

Rückkehr

Ich durchlief mein Leben in derart normalen Bahnen, wie es wohl jeder durchläuft, der sich dem allgemeinen Gesellschaftsbild anpaßt und bemüht ist, nicht aus der Rolle zu fallen. Da arbeitete ich, weil es ja so sein muß ... möchte man das nötige Kleingeld besitzen. Da betätigte ich mich regelmäßig sportlich, weil das ja auch so sein muß ... möchte man dem erträumten Schönheitsideal näher kommen. Da bildete ich mich nebenher, weil das ja empfohlenerweise auch so sein muß ... möchte man nicht auf der Stelle treten. Da machte ich mir Gedanken über die Zukunft, weil das ja auf jeden Fall so sein muß ... möchte man später nicht ohne Sicherheiten dastehen. Da hatte ich meinen Freundeskreis, weil der ja auch sein muß ... möchte man ,dazugehören‘, sich ablenken und samstags auf Parties mal richtig abhotten.

So verging die Zeit, wie sie eben so vergeht: man arbeitet, gibt sich seinen freizeitlichen Hobbyaktivitäten hin, trifft Freunde und macht sich Gedanken um die Zukunft und was das Leben einem wohl noch so bringen möge. Damals kam es für mich nicht in Frage, meinen gewohnten Alltag und vornehmlich meinen heißgeliebten Job in der Werbeagentur aufzugeben, um ins Ausland zu gehen und mich einem fragwürdigen Dasein in Ägypten auszuliefern.

Nein, der Zeitpunkt, um die Koffer zu packen, war weit entfernt. Dennoch träumte ich meinen Traum weiter, einmal im Sinai zu leben. Irgendwo im hintersten Winkel meines Kopfes war eine Schublade für dieses Vorhaben reserviert mit der Vorstellung, einmal ein Flugticket zu besitzen nach Sharm el Sheikh ohne Rückflug.

Viele Monate gingen vorüber, und ich fieberte dem nächsten Urlaub entgegen. Kein anderes Ziel als Sharm el Sheikh hätte mich locken können. Im darauffolgenden Sommer war es dann endlich soweit.

*

Obwohl nur ein Jahr seit dem letzten Besuch vergangen war, schien der kleine Ort völlig verändert. Die Hotels an der Küste schossen nur so aus dem Boden und es war plötzlich mehr da als nur Sand: asphaltierte Straßen, an denen sich viele Geschäfte reihten, ließen es zu einem richtigen Ort werden. Es war eine enorme Tourismusentwicklung im Süd-Sinai abzusehen. Aber es tröstete mich die Gewißheit, daß eines gleich geblieben war und auch nur schwerlich durch Menschenhand verändert werden könnte: die gewaltigen, beeindruckenden Berge der Wüste.

Erste Ausflüge zu bekannten Sehenswürdigkeiten im Landesinneren auf der Halbinsel gaben mir dann endlich die Möglichkeit, die Berge auch ,von hinten‘ zu sehen. Es war kein Gemälde. Diese imposanten Naturbauten waren echt und noch mehr: sie wirkten in besonderer Art ein auf die Menschen, die sich zwischen ihnen bewegten.

Der Besuch in dem berühmten Katharinenkloster erinnerte mich an historische Gegebenheiten des Sinai: so findet man dort beispielsweise einen Ableger des ehemals ,brennenden Dornbusches‘, durch den Gott zu Moses gesprochen hatte. Hinter dem Kloster erhebt sich schroff der ,heilige‘ Berg, 2285 m hoch, auf dem Moses nach der Überlieferung die Gesetzestafeln mit den zehn Geboten erhielt.

Ich denke, es gibt keinen anderen Platz auf der Welt, der diesen geschichtlichen Ereignissen gerechter werden könnte, als die Wüste Sinai. Das Gebirgsmassiv und die Landschaft dieser Halbinsel erinnern an Ursprünglichkeit und Entstehung. Die Natur läßt Energie und Kraft in ihrer reinsten Form spüren.

Die Bewohner der Wüste, die Beduinen, unterstrichen diese Atmosphäre durch ihre einfache und genügsame Lebensweise. In schneeweißen Gewändern ritten sie lautlos auf Kamelen durch die Täler der Wüste, die Wadis. Sie vermittelten das Gefühl von Frieden; nichts schien sie aus der Ruhe zu bringen. Wieder ergriff mich das Bedürfnis, mit diesen Menschen zu sprechen, alles über sie zu erfahren. Wie leben sie? Und werden sie schon beeinflußt durch den Tourismus und die damit einrückende westliche Zivilisation? Wie ernähren sie sich? Woher bekommen sie Wasser? Wie behandeln sie ihre Krankheiten? Wo gebären sie ihre Kinder? Es gab weder Krankenhäuser noch Ärzte in nächster Umgebung.

Ich wußte damals noch nicht, daß ich einmal das Glück haben würde, einen Beduinen als guten Freund bezeichnen zu dürfen. Durch ihn sollte ich alles erfahren.

Die Rückkehr an die Küste nach Sharm el Sheikh bedeutete für mich gleichsam das Verlassen einer Umgebung, die wie magisch auf mich wirkte. Noch heute ist der Aufenthalt in der Wüste etwas Besonderes für mich. Ich kenne keine andere Umgebung, die mir so viel Frieden und Entspannung vermittelt. Es ist ein Ort, an dem man die Stille hört. Bei absoluter Ruhe kann man sogar dem Rauschen des eigenen Blutes in den Adern lauschen, und ich würde das nicht behaupten, wenn ich es nicht selbst erlebt hätte.

Die farbige Vielfalt und der Reichtum an Tieren unter Wasser war wahrhaftig ein irrsinniger Gegensatz zu der scheinbar eintönigen und kargen Wüste. Beides grenzte direkt aneinander, so wie mancherorts am Nil nur ein Schritt vom toten sandigen Wüstenboden zum grünen saftigen Feld trennt. Diese Natur faszinierte mich, und es wurde mir erneut klar, als ich Ägypten das zweite Mal verließ: ich würde dort einmal leben.

Khaled sah ich in diesem Urlaub nicht wieder. Vergeblich suchte ich ihn abends im Sanafir, und auch im Tauchcenter war er nicht mehr beschäftigt. Ich dachte oft an ihn, meinen ganz persönlichen Pharao, dessen Fluch mich tatsächlich für gewisse Zeit in Mitleidenschaft gezogen hatte. Doch schloß ich schnell andere Kontakte und fand gute Freunde.

Die Gemeinschaft der in Sharm el Sheikh lebenden Menschen war damals noch verhältnismäßig übersichtlich und offen für ,Neue‘. Da ich ohnehin an dem Leben ,hinter den Kulissen‘ interessiert war, versuchte ich während der kurzen Urlaubszeit, die mir zur Verfügung stand, in Gesprächen herauszufinden, wie die Menschen dort leben. Es gab viele Zugereiste, darunter auch einige Europäer, die nach Sharm el Sheikh kamen und blieben, um sich eine Zukunft aufzubauen. Was gehörte dazu, wenn man diesen Schritt ging? Welche Voraussetzungen mußte man mitbringen und welche Sprachen mußte man beherrschen – Arabisch??? Oder reichte ein passables Englisch? Welche Erfahrungen hatten sie gemacht? Rieten sie mir zu dem Schritt, das ,zukunftssicher‘ erscheinende Deutschland zu verlassen, um in Ägypten zu leben? Lohnte es sich? Oder bereuten sie, daß sie sich im Sinai niederließen, konnten aber nicht mehr zurück, weil es für einen Wiedereinstieg in ihr bisheriges Leben zu spät war?

Ich hatte sehr viele Fragen. Eines jedoch stellte ich damals bereits fest: nur ich selbst würde die Umsetzung meines Lebenstraums einmal entscheiden und verantworten müssen. Ob ich davon profitieren oder letztendlich verlieren würde, diese Frage würde mir niemand vorher beantworten können.

Auch in den Gesprächen mit meinen neuen Freunden in Sharm el Sheikh konnte ich keine Antwort darauf finden.

Verlobung

Ich wollte es wirklich nicht. Ich meine, ich wollte ihn ihr nicht ausspannen. Sicherlich war es einfach nur Pech, daß sie ausgerechnet in dieser Woche auf Geschäftsreise mußte. Wäre sie da gewesen, hätte Stefan gewiß Kathrin statt meiner zum Essen eingeladen. So aber war sie nicht da, und ich wollte ihm doch keine Absage erteilen. Immerhin war er sehr nett. Zwar wieder mal blond, aber danach soll man ja nicht urteilen.

Es wurde mehr daraus. Kathrins Schicksal war bis zu ihrer Rückkehr besiegelt, und meine neue Herzensflamme hieß Stefan. Stefan Schnobel.

Stefan Schnobel verkörperte diesen ,Bilderbuch-Schwiegersohn‘. Damit meine ich jene Art Mann, von dem die Mütter sagen: ,Kind, der ist eine gute Partie! Nimm den, da machst du nichts verkehrt.‘

Da war etwas Wahres dran, das mußte ich zugeben. Stefan war ein Mann mit Voraussetzungen, wie man sie so oft nicht findet: lieb, verständnisvoll, charmant, humorvoll, sportlich (er lernte sogar das Tauchen ,nur für mich’). Er sah gut aus und hatte auch einen gleichfalls guten Geschmack. Er besaß eine eigene Firma und wohnte im eigenen Haus mit Terrasse und Garten. Selbst meine Eltern gaben ausnahmsweise mal eine gute Bewertung ab und seine Eltern mochten mich auch und im richtigen Alter waren wir sowieso und es wurde ohnehin langsam mal Zeit: wir verlobten mit ehelichen Absichten!

Mal ehrlich, man hört immer wieder mal von Partnerschaften, bei denen das unheimlich schnell geht, und bei uns war das eben auch so. Ratz-fatz.

Vom Kennenlernen bis zu unserer Verlobung vergingen gerade mal sechs Monate. Doch das machte uns nichts aus. Stefan und ich waren glücklich und überzeugt davon, füreinander bestimmt zu sein. Etwaige Bedenken anderer Leute waren in den Wind gesprochen.

Es gab viele Geschenke. Da wir die Verlobungsfeier auf meinen Geburtstag gelegt hatten, erhielten wir wirklich eine gewaltige Menge an Präsenten (dafür allein hatte sich das schon gelohnt). Und alle waren sehr fröhlich: Die größte Freude verspürten wohl die Omis, wie das oft der Fall ist bei familiären Neuverbindungen oder frischen Enkelkindern.

Die Mütter stolzierten eher neugierigen Blickes durch die Runde und beäugten prüfend die neue Verwandtschaft, die da einmal Einzug halten würde. Väter waren da gelassener: sie brachen das Eis am liebsten im Stehen bei einem Glas Bier an der Theke.

Stefan und ich lebten unbeschwert und sorgenfrei in unserer Beziehung. Ich liebte ihn auch wirklich, und wir entschieden, daß ich meine Frankfurter Wohnung aufgebe und zu ihm nach Wiesbaden ziehe. Im Rahmen der Familienplanung erklärte ich mich nach wiederum wenigen Monaten ebenfalls bereit, meinen Zukünftigen in seinem Unternehmen zu unterstützen: ,Stefan Schnobel, Elektrohandel‘.

Er war ausgesprochen froh über meinen Entschluß, bei ihm zu arbeiten, denn für eine kleine Firma im Familienbetrieb ist jede vertrauenswürdige Kraft eine große Bereicherung.

Ich gab meine Tätigkeit in der Werbebranche auf. Schon etwas ungern, aber es war ja ,für uns beide‘. Die Dinge waren eben von da an anders zu betrachten: ich arbeitete doch ,für uns‘ und nicht mehr für irgendeinen Chef. Bald sollte ich selbst Chefin sein, Frau Stefan Schnobel. Da fragt man doch nicht, ob Werbung mehr Spaß gemacht hat oder nicht ... also bitte!

Während unserer gemeinsamen Zeit kam Stefan natürlich nicht an meinen Erzählungen über den Sinai vorbei. Nörgelig bestand ich darauf, ihm diesen herrlichen Ort zeigen zu dürfen. Irgendwann hatte er das große Einsehen: ,dann fahren wir halt da hin‘!

In Vorbereitung auf den gemeinsamen Aufenthalt am Roten Meer absolvierte Stefan einen Tauchkurs. Er riskierte doch nicht, daß ich die meiste Zeit unter Wasser verbringen würde, während er auf mich warten müsse und auch sonst keinen Zeitvertreib hätte.

Das Element ,Wasser‘ war bisher eigentlich nicht so Stefans Fall gewesen. Doch nach einigen Versuchen im Schwimmbad am Ort und diversen Übungen in der Badewanne gewöhnten sich die Elemente aneinander. So hielt auch mein Liebster irgendwann die Tauchqualifikation in der Hand, und er stellte nur noch eine einzige Bedingung, bevor er im Roten Meer unter Wasser gehen würde: Er wolle keinen einzigen Fisch sehen, sonst würde er den Tauchgang sofort abbrechen!

,Natürlich Schatz, ist o.k., Schatz.‘

Stefan sah seinen ersten Fisch: ausgerechnet einen riesigen grimmig dreinschauenden Zackenbarsch von knapp einen Meter Länge und ... konnte ihn kaum nah genug betrachten! Der Barsch blickte irritiert auf den immer näher kommenden Taucher und haute ab, Stefan hinterher!

Am dritten Tag stand Schatz Stefan nach Beendigung des Tauchganges, glaubt man’s denn, fluchend gestikulierend auf der Bootsleiter und fragte vorwurfsvoll den Tauchführer, warum da wieder kein Hai zu sehen gewesen wäre? So schnell also wurden die Fische für ihn zur Gewohnheit.

Ich schmunzelte über diese Feststellung, und umgeben von meiner heißgeliebten überwältigenden Natur des Sinai fand ich die Welt sehr in Ordnung und war rundherum zufrieden.

Es war somit das dritte Mal, daß ich nach Sharm el Sheikh reiste. Ich fühlte mich nicht mehr fremd an diesem Ort. An der Seite meines Verlobten verbrachte ich erneut eine wunderbare Zeit in meinem ,Paradies‘, wie ich es gerne nannte.

Selbstverständlich würde ich mich mit der Tatsache abfinden, daß mein Lebenstraum eben nicht mehr verwirklicht werden konnte. Es war doch wohl klar, daß ich eine Liebe wie mit Stefan und eine vielversprechende, sichere Zukunft, wie sie mir bevorstand, nicht aufgab: Familie, Kinder, ein eigenes Unternehmen und ein eigenes Haus, das konnte ich unmöglich gegen ein waghalsiges Abenteuer eintauschen.

Es ist doch wohl ein waghalsiges Abenteuer, einfach in ein fremdes Land wie Ägypten auszuwandern. Alles dafür aufzugeben, ohne zu wissen, was einen dort erwartet. Und was ich alles aufs Spiel gesetzt hätte dabei! Hätte ich beispielsweise im Falle einer Rückkehr wieder eine adäquate Anstellung erhalten in Deutschland, bedenkt man vor allem die hohe Arbeitslosenzahl? Was hätte meine Familie eigentlich dazu gesagt? Ich hörte die Worte meiner Eltern: ,Bist du verrückt - wie kommst du denn auf sowas? Alberner Quatsch.‘

Und wie hätten meine Freunde reagiert? Sicherlich hätte ich riskiert, einige von ihnen zu verlieren, wenn ich ins Ausland gegangen wäre.

Außerdem hätte ich mein Vorhaben gar nicht finanzieren können. Was wäre gewesen, wenn ich in Ägypten auf der Straße gestanden hätte ohne Geld in der Tasche?

Ich bemühte mich, meinen Lebenstraum zu verdrängen: ,Es ist nur eine verrückte Idee; viel zu kompliziert und riskant. Vergiß es. Schlag es dir aus dem Kopf.‘

Für den Rest des Urlaubs konzentrierte ich mich auf meinen Herzallerliebsten und auf die Vorstellung unserer gemeinsamen traumhaften Zukunft.

Ein neuer Lebensabschnitt

Ich lebte mein Leben an der Seite von Stefan.

Sharm el Sheikh nahm einen geringeren Stellenwert in meinen Gedanken ein, doch konnte ich es nicht vergessen, und die Schublade in meinem Kopf blieb reserviert für meine Liebe zum Sinai.

Wir besuchten in den folgenden Jahren auf unseren gemeinsamen Reisen auch andere Länder. Ist doch klar. Man kann doch nicht immer an den gleichen Fleck fahren. Es gibt doch massenhaft schöne Plätze auf der Welt!

,Nee, nee, ja, ist schon klar, Schatz.‘

Ich bin heute ganz froh, daß ich noch nicht schwanger war, als ich irgendwann feststellte, daß unsere Beziehung eigentlich sehr langweilig wurde. Sie war eingeschlafen. Die Luft raus. Konnte das sein? So schnell?

Wir waren doch noch nicht mal verheiratet und wollten unser ganzes Leben zusammen verbringen. Wo war das Interesse am Anderen geblieben? Die gemeinsamen Freuden und Späße? Sex hatten wir auch nur noch so dann und wann, eher mal nicht. Und hatten wir uns denn gar nichts mehr zu erzählen? Wieso redeten wir nicht mehr zusammen? Warum übernahm der Fernseher die abendliche Unterhaltung?

Ich wollte Besserung schaffen, aber es ist schwer, wenn der Partner dir antwortet: ,Es gibt eben nichts zu erzählen, wenn man den Tag gemeinsam im gleichen Büro unter gleichen Leuten und gleichen Situationen verbringt. Da weiß man doch, was der Andere erlebt hat. Was soll ich denn da abends noch fragen und was willst du mir denn noch erzählen? Weiß ich doch schon alles. Mit dir ausgehen? Alleine? Ist doch langweilig. Macht keinen Spaß – wir haben doch eh‘ nichts zu reden. Da geh ich doch lieber mit meinen Freunden weg.‘

Ich stieß auf Granit. Meine Bemühungen, unsere Beziehung zu retten, schlugen annähernd ein Jahr lang fehl.

Unsere Lage spitzte sich zu. Es fehlte immer mehr an Bereitschaft über die Probleme wieder und wieder zu diskutieren. Die ohnehin schon sehr angespannten Geduldsfäden schienen bald zu reißen ...

Als Stefan mir eines Tages sagte, daß ich gefälligst nach Frankfurt zurückgehen solle, wenn es mir so, wie es ist, nicht passen würde, da war für mich das Ende zwischen uns unwiderruflich.

*

Es ist ein großes Problem, in Frankfurt von heute auf morgen eine Wohnung zu finden, doch wollte ich schnellstmöglich aus den partnerschaftlichen Räumen ausziehen.

So sollte eben nur eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung meine neue Zuflucht werden. Hauptsache zurück nach Frankfurt. Brauch ich Garten und Terrasse? Ph! Eine kleine gemütliche Bude tut’s doch auch.

Ich arbeitete und renovierte in meiner neuen Bleibe ohne Pause. Zum einen, um mich abzulenken, zum anderen, um mir eine Vorfreude auf das neue gemütliche Heim zu geben. Es sollte richtig schön werden und ich steckte sehr viel Geld in die Wohnung. Mit einem passablen Ergebnis: sie wurde tatsächlich sehr hübsch und ansehnlich - niedlich.

Meine allgemeine Stimmung aber konnten auch die neuen vier Wände nicht bessern.

Ich fühlte mich deprimiert. Grübelte fürchterlich in mich hinein. Sollte es das gewesen sein? War ich nicht fähig, einem - meinem - Mann zur Seite zu stehen? Und jetzt? Jetzt finde ich womöglich nie mehr einen Stefan wie diesen. Hatte ich mich zuwenig bemüht und eine Riesenchance einfach weggeschmissen? Es war eine Zeit, in der ich mich fragte, welche Schicksalsschläge mir das Leben wohl noch bereiten möge. Auf welche Wege es mich als nächstes führen und für was sie gut sein würden. War das eine Prüfung des Lebens? Hatte es mich auf Ausdauer und Treue hin getestet und ich hatte kläglichst versagt? Wie wird meine Zukunft aussehen? Werde ich allein bleiben oder erhalte ich eine andere Chance? Und würde diese Beziehung vielleicht genauso enden? Will ich überhaupt noch einmal so etwas anfangen?

Mich quälten Selbstvorwürfe und Zweifel darüber, ob ich richtig handelte.

Es dauerte – aber nach geraumer Zeit orientierte ich mich neu: Kopf hoch, denn es geht immer weiter, und man muß der Zukunft ins Auge schauen. Vor allem nach seelischen Durststrecken ist es wichtig, wieder den Blick nach oben zu finden und positiv zu denken über das, was kommen mag.

Ich hakte das Thema ,Heiraten und Kinder‘ vorerst ab und startete bewußt einen neuen Lebensabschnitt.

„Welcome back home!”

Die Trennung von Stefan bedeutete gleichermaßen, arbeitslos zu sein.

Es war undenkbar, weiter bei ihm beschäftigt zu bleiben.

Die neue Wohnung mit der Einrichtung kostete allerhand und um mich erstmal wieder finanziell auf sicherem Boden zu finden, suchte ich schnellstmöglich nach einer Neuanstellung. Über zwei Jahre war ich ,draußen‘ aus der Werbebranche. Elektrohandel. Ich wünschte mir diese Position aus meinem werbeagentur-reinen Lebenslauf weg. Doch ich hatte Glück. Meine Beschäftigung in der Reklamewelt hatte mir gute Kontakte eingebracht in all den Jahren und durch eine Weiterempfehlung landete ich wieder in einem Frankfurter Werbeunternehmen.

Der Job war in vieler Hinsicht anders als ich das von meiner ehemaligen kleinen Agentur her kannte. Dieses neue Unternehmen war größer und die Aufgabenverteilung wesentlich spezifischer. Ich war auf mich allein gestellt und für meinen Bereich selbst verantwortlich. Die ,Familie‘, wie ich sie gewohnt war, fand ich hier nicht. Jeder war im Streß und viel zu angespannt, um sich den Problemen anderer zu widmen. Mit der Zeit allerdings arbeitete ich mich in meine Aufgabe trotz des ungewohnten Arbeitsklimas recht gut ein.

Wie gern hätte ich abends nach Feierabend beim Aufschließen meiner schnuckeligen Wohnung Freude über mein neues Zuhause und die Geborgenheit darin verspürt.

Doch noch immer ging mir die Lebensfreude ab, die ich von mir gewohnt war. Das Geschehene beschäftigte mich noch sehr lang. Viele Fragezeichen in meinem Kopf wollten nicht weichen und blieben ohne Antwort. Zerstreuung und Abwechslung wünschte ich mir. Raus mußte ich!

In einer solchen Verfassung neigt man bekanntlich zum Urlaub machen. Und so plante ich, viele Jahre nach meinem letzten Besuch, nach Sharm el Sheikh zurückzukehren.

Ich freute mich darauf, alles wiederzusehen: meine Freunde, die Unterwasserwelt und natürlich die Berge. Ich dachte auch an Khaled. Würde ich ihm endlich wieder begegnen? Gerne hätte ich erfahren, wie es ihm in den letzten Jahren ergangen war.

Sobald es mir gestattet war, das heißt nach der sechsmonatigen Probezeit, sollte die Reise losgehen.

*

Nach meiner Landung spät abends auf dem neu ausgebauten und jetzt ,internationalen‘ Flughafen von Sharm el Sheikh war ich schockiert von dem Anblick, der sich mir bot: Was war dort passiert? Ein Lichtermeer lag vor mir! Ausgebaute vierspurige Straßen, deren gelbe Beleuchtungen sich wie Schlangen durch die nächtliche Dunkelheit zogen. Die Lichter der Hotelanlagen ließen erahnen, in welchem Umfang gebaut wurde. Ich dachte unwillkürlich zurück an meinen ersten Besuch mit meinen Eltern: vier Hotels und ein Campingplatz. Wie lange war es her? Sechs Jahre. Sechs lange Jahre. Davon war ich in den letzten drei nicht dort und hatte aus diesem Grund diese immense Entwicklung nicht mitbekommen.

So sehr Ägypten vom Tourismus als zweitwichtigste Einnahmequelle des Landes auch abhängig sein mochte, das was dort im Süd-Sinai passierte, erschien mir wie eine unüberlegte Zerstörung einer einzigartigen Natur. Diese Erkenntnis tat mir im Herzen weh.

Mein erster Blick am nächsten Morgen galt den majestätischen Bergen der Wüste. Unverändert standen sie da. Um sie herum wird sich Vieles wandeln, dachte ich, doch an diesem Gebirge selbst kann man – Gott sei Dank – nur schwerlich Hand anlegen.

Der Anblick war ein Genuß. Endlich zurück. Ich atmete tief ein und wollte auf diesem Wege etwas von der Energie, die von diesen Bergen ausging, in mir aufnehmen. Sie schienen wie eine geheimnisvolle Kraftquelle. Wäre ich nur mobiler gewesen und hätte beispielsweise ein Auto zur Verfügung gehabt, ich wäre hingefahren, um sie anzufassen. Zum Laufen waren sie trotz der Nähe zu weit weg.

Es war einfach toll, die ganzen Freunde wiederzusehen. Fast alle waren noch da. Und sie hatten mich nicht vergessen. „Welcome back home!” riefen sie mir in stürmischer Umarmung zu. ,Home‘ - das war nett. Ich wunderte mich über das ,home‘. Wieso nannten sie es mein Zuhause? Es war nicht mein Zuhause, aber die Vorstellung war sehr schön, und ich mochte die Begrüßung. Und ,fremd‘ fühlte ich mich ja in Sharm el Sheikh schon lange nicht mehr. In Gesprächen fand ich heraus, daß die Bebauung des Süd-Sinai tatsächlich ein Ausmaß angenommen hatte, über das niemand erfreut war. Eine solch große Touristenschwemme, wie sie zu erwarten sei, würde unweigerlich Schäden anrichten. Die Besitzer der Tauchcenter waren sehr besorgt um den Erhalt der Riffe mit ihren empfindlichen Korallen. Ganz zu schweigen von der Zerstörung der Küste. Natürlich geformte Küstenstriche fielen den Baumaschinen zum Opfer und erhielten die Form eines Sandstrandes, wie er im Reiseprospekt schon lange vorher abgebildet und versprochen worden war. Den Sand lieferten die Wadis in der Wüste. Überall fuhren Lkws und transportierten den Bauschutt ins Hinterland oder holten feinen Sand von dort, um die Strände aufzuschütten. Die Nachricht darüber, daß in absehbarer Zeit ein Golfplatz in unmittelbarer Nähe gebaut werden soll, ließ mich nur noch verständnislos den Kopf schütteln. Ein Golfplatz in der Wüste: welch ein Irrsinn! Wasser war hier so wertvoll. Wie konnten sie es für die Bewässerung der Grünflächen von einem Golfplatz verschwenden?

Trotz vieler Verständnislosigkeiten bereute ich meine Rückkehr nicht. Ich war von der Natur noch genauso gefangen wie zuvor. Das Tauchen war immer noch phantastisch, und abends saßen, nein ,lagen‘ wir im Sanafir, das sich überhaupt nicht verändert hatte. Alles war wie damals bei meinem ersten Besuch in dieser Bar. Beim Anblick der Matten und Kissen dachte ich unweigerlich an meine Mutter und ihre Aufregung um die Ungeziefer darin.