Drei Straßen des Krieges - Max Osborn - E-Book

Drei Straßen des Krieges E-Book

Max Osborn

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Beschreibung

Auf den französischen Totenfeldern ruhen die Deutschen, die das schwarze Los gezogen. "Wo mer hinguckte — Näbel!" erzählt mir einer. Die Gesichtsmasken schützen wohl vor dem Ersticken, aber die Augen schmerzen. Und trotzdem, trotzdem — es ist nicht zu begreifen — verlieren die Leute nicht ihre Kaltblütigkeit, lassen sich nicht verwirren, sondern halten Stand, nehmen den Kampf mit den eindringenden Feinden auf, wanken nicht. "Un denn hammer se retour gehauen," berichtet der kleine Gefreite aus Zwickau. Die Sachsen haben sie "retour gehauen". 1870 war der Krieg in wenigen Monaten aus. Doch jetzt gibt es kein Ende. Dieser Krieg wird weiter gehen. Drei Jahre! Fünf Jahre! Zehn Jahre! Immer weiter. Bis keiner mehr am Leben ist. Bis alle tot sind. Der Krieg frisst alles und spuckt alle als Krüppel oder Leichen aus. Kinder werden heranwachsen und es wird immer noch Krieg sein!

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Seitenzahl: 339

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Drei Straßen des Krieges

Arras / Champagne / Flandern

 

von

Max Osborn

_______

 

Erstmals erschienen im:

Verlag Ullstein & Co,

Berlin-Wien, 1916

__________

Vollständig überarbeitete Ausgabe.

Ungekürzte Fassung.

© 2018 Klarwelt-Verlag, Leipzig

ISBN: 978-3-96559-113-4

www.klarweltverlag.de

Inhaltsverzeichnis

 

Titel

Vorbemerkung

I. Arras

In der Hölle von Souchez

Vor der Loretto-Höhe

Zwischen Lille und Arras

Gefangene Russen im Artois

Frankreichs „Schwarzes Land“

Eine Totenfeier

Das Museum der Pioniere

Augen, die das Grauen gesehen

In den eroberten feindlichen Gräben

Wie auf Vimy gestürmt wurde

An der Straße Arras—Lens

II. Champagne

Bei den Helden der Champagne

Kriegsbilder aus der Champagne

Die große Herbstschlacht

Nach der Schlacht

Das Ende der „Alsace“

Der Ehemann aus der Luft

Der zweite Offensivstoß

Hinter der Front

Am Py-Grund

Fliegerangriff

Die Tapfern vom Sachsenland

Von Graben zu Graben

Madame Hille Bobbe

III. Flandern

Schwarz-weiß-rote Brüsseler Bilder

Das schlummernde Antwerpen

Auf dem Schlachtfeld von Ypern

In Roeselare

Systematik des Stellungskrieges

Die Gräber von Lüttich

An der belgischen Küste

Auf der Kaiserin-Batterie

Badesaison in Ostende

Brügge, die Matrosenstadt

Links von der Yser

Am rechten Flügel

Westende und Middelkerke Ostende,

Weihnachten vor Ypern

Von Zandvoorde bis Zonnebeke

An der belgisch-französischen Grenze

U-Boot-Besuch

Vorbemerkung

Aus dem dichten und verschlungenen Wegenetz, durch das sich die Blutspuren des Krieges an der Westfront im letzten Jahre zogen, heben sich drei Hauptstraßen weithin sichtbar heraus. Sie führten durch das Artois vor Arras, führten durch Flandern und durch die Champagne — durch die Landschaften, in denen Angriff der Feinde und Abwehr der Unsern die schwersten Zusammenstöße der Heeresmassen brachten.

Als eine Auswahl der Berichte, die ich im gleichen Zeitraum für die „Vossische Zeitung“ schrieb, erscheinen hier die Schilderungen aus diesen Kampfgebieten in drei Gruppen vereinigt und geschieden. Vor Arras habe ich im Frühsommer die Durchbruchsversuche der Franzosen und in den letzten Wochen den Beginn des neuen deutschen Vorstoßes, in der Champagne die große Herbstoffensive des Gegners, in Flandern den Nachhall unserer siegreichen April-Schlacht bei Ypern und das Ringen des Stellungskrieges miterlebt.

Der „Kriegsberichterstatter“, über dessen Tätigkeit, soweit ich sehen kann, in der Heimat — nicht im Felde — vielfach unklare Vorstellungen herrschen, wird sich gewiss nicht rühmen, als Mitkämpfer zu gelten. Aber er darf stolz sein auf das hohe Glück und Schicksalsgeschenk, das ihm zufiel: in bescheidener Ecke an dem Riesenwerk, das unserm Volke zu vollbringen bestimmt ward, mitzuarbeiten. Nicht auf die Spiegelung des Weltgeschehens in seiner Person kommt es ihm an, sondern auf die strengste Wahrhaftigkeit in der Wiedergabe jedes Eindrucks, jedes Bildes, jedes Gesprächs und jeder Erzählung, die er mitteilt. Ist es ihm gegönnt, auf solche Art Merkmale zur vertieften Erkenntnis der ungeheuren Leistung heranzutragen, die von dem kämpfenden Heere deutscher Nation in diesen Zeiten gefordert und erfüllt wird, so hat er sein Amt ehrlich verwaltet.

 

Großes Hauptquartier,

im Februar 1916

Max Osborn

I. Arras

In der Hölle von Souchez

Anfang Juni 1915

as Auto verlässt die kleine französische Stadt und biegt auf die gutgepflasterte Straße ein, die nach Westen führt. Über uns wölbt sich ein nächtlicher Junihimmel von märchenhaftem Gefunkel. Es ist fast Neumond, und die Sterne, vollzählig versammelt, glühen und glimmen im stärksten Lichte. Zwischen den Häusern der Stadt, die alle Lampen gelöscht, war es dunkler als hier im Freien, wo geheimnisvolle Halbhelle gebreitet ist.

Doch man kann nichts unterscheiden. Alles verfließt und verwebt miteinander, ineinander, ist in den flutenden Strom tiefdunkelblauer Dämmerung getaucht. Wie gespenstische Kulissen erscheinen die vorbeihuschenden Mauern einzelner Häuser. Sind plötzlich da, aus der Erde gezaubert, glotzen uns mit erloschenen Fensteraugen eine Sekunde lang an, und sind verschwunden, vom Nichts verschluckt. Da rechts leuchtet etwas auf. Brennt es irgendwo? Nein, es ist nur ein anderes Auto, das uns entgegen kommt und mit seinen Lichtern den Staub, den es selbst aufwirbelt, wie Flammenschein emporsteigen lässt.

Das Wagengebilde des Großen Bären weist uns den Weg. Wir jagen durch stockfinstere kleine Ortschaften, an gotischen Kirchen vorbei mit wuchtigen Türmen und Strebepfeilern und schiefangesetzten Sakristeien. Alles ausgestorben. Nur cm der Ecke wird ein Wachtposten sichtbar, oder vor einem langgestreckten Bau mahnt uns ein rotes Kreuz auf weißem Felde, dass hier Menschen leiden, die für uns bluteten. Wir beißen die Zähne aufeinander und hüllen uns fester in unsere Mäntel.

Vor einem Gittertor hält der Wagen. Die Silhouetten eines Gartens werden erkennbar. Dazwischen ein kleines Schlösschen. Im ersten Stockwerk ist ein Fenster geöffnet; ein erleuchtetes Zimmer gibt dem Auge in der wogenden Unbestimmtheit ringsum einen Halt. Totenstille. Nichts regt sich. Wie ein Geisterhaus, wie der Schauplatz eines Maeterlinckschen Schau- und Schauerspiels liegt das Gebäude vor uns. Ein Heimchen zirpt.

Da knirscht der Kies. Ein Taschenlaternchen leuchtet auf. Zwei hohe, schlanke Schatten kommen näher. Es sind die beiden Offiziere, die uns führen wollen: Hauptmann R., männlicher Ernst und ruhige Sicherheit; Leutnant v. I., blühendste Jugendfrische, bestes Blut vom Rheine. Sie haben es gastfreundlich übernommen, uns drei, zwei Kollegen und mich, in die vorderen Stellungen bei Souchez zu geleiten.

Wir fahren weiter. Nach einer Weile werden die Lichter des Autos gelöscht, und nun sind wir ganz von der Sommernacht umhüllt. Aber in dem Dunkel beginnt es sich zu regen. Graue Schatten bewegen sich. Erst einzelne. Dann immer mehr. Immer mehr. Ganze Züge drängen sich auf dem Wege. Zwischen zerschossenen Dorfhäusern liegen, sitzen, hocken ruhende Reserven. Geschlossene Kompagnien kommen von der Front. Andere rücken vor in die Schützengräben, die Kameraden abzulösen. An langen Kolonnen holpern wir vorüber. Große Wagen- und Sanitätsautomobile mit Verwundeten fahren uns entgegen. Zwei Gulaschkanonen tragen ihr sehnlich erwartetes Labsal nach vorn. Berittene sprengen an. Die Leiber der Pferde wachsen im Dunkel zu Ungetümen auf. Pioniere sind an der Arbeit. Kein lautes Wort wird gesprochen. Höchstens ein Flüstern, eine leise gesummte Liedmelodie wird hörbar. Alles Einzelne verschwindet, verschwimmt, ballt sich zu einem riesenhaften Organismus zusammen, der das Individuelle aufsaugt. Wie die Gestalten in ihrer farblosen Felduniform mit dem Boden eins zu werden scheinen, so verwachsen sie auch miteinander.

Nun steigen wir aus. Zu Fuß geht es weiter über einen staubigen, steinigen Weg. Der winzige Rest des abnehmenden Mondes ist inzwischen aufgestiegen, eine feine, schmale Sichel aus blassrot vergoldetem Silber. Aber auch ihr Licht genügt nicht, um die Granatlöcher besser zu erkennen, über die wir stolpern. Andere Lichter jedoch erscheinen plötzlich am Himmel. Raketen recken sich auf, ziehen in elegantem Bogen empor, bis ihr Feuerstreifen sich in eine Garbe auflöst — nicht anders, als werde dort drüben ein pyrotechnisches Sommernachtsfest veranstaltet. Und große, weiße Lampen stehen plötzlich am Himmel. Das sind die Leuchtkugeln der Franzosen, die mit einem Fallschirm versehen sind, um sich länger in der Höhe zu halten. Man glaubt, es seien mit einem Male Leuchttürme in die Luft gebaut. Ein greller, bleicher Schein fällt weithin über das Gelände. Es ist, als sollte rings im Umkreis alles entdeckt, ertappt, verraten werden. Zugleich blitzt es aus dem Dunkel mit jähem Geflacker auf, von allen Seiten: die Geschütze sind an der Arbeit.

Denn mit dem phantastischen Feuerwerk, das unermüdlich die Nacht aus ihrer dunkeln Ruhe schreckt, verbindet sich nun der ohrenzerreißende Spektakel der Mordinstrumente beider Fronten. Was aus der Ferne nur als ein grollendes Brummen vernehmbar gewesen, zerteilt sich nun in zahllose Laute und Klänge. Mit leisem Zwitschern sausen die Kugeln der Infanteriegewehre vorüber, wie verängstigte kleine Vögel, die eiligst flüchten. Salven knattern und rollen. Maschinengewehre knarren im Takt. Schrapnells platzen. Haubitzen speien gurgelnd ihre Ladung aus. Der Krieg umdröhnt uns krachend und polternd. Opfer suchend, Tod verbreitend. Und zur Seite murmelt und gluckst zwischen Weidengebüsch und zarten Gräsern, friedlich und unbekümmert, der Carencybach. Nebelglanz liegt auf den Wiesen. . .

Halb gedeckt durch Böschungen und Sandhaufen kommen wir vorwärts. Meist wird es um diese Zeit ruhiger, und so werden wir wohl bald unbehelligt in den Stellungen angelangt sein. Schon sind wir vor Souchez, wo sie beginnen, da bricht mit einem Male eine Hölle los. Mit unmittelbarer Wucht kracht uns der Donner in die Ohren. Über die Böschung steigt eine finstere Wolke hoch; eine Granate hat eingeschlagen. Bautz — bum! Drüben eine zweite. Wir gehen in einen Unterstand, und kaum sind wir im Erdloch, als uns die wilde Jagd rasend, mit schäumender Wut und Wildheit umtanzt. Die Granaten fahren wie besessen rings um uns her. Gerade auf unseren Weg, gerade auf den Zugang zu dem Orte haben es die Franzmänner offenbar abgesehen. Jetzt schlagen sie in die Wiese drüben. Feuerschein, Erde, Steine sprudeln auf. Jetzt jagen die Geschosse durch das Gebüsch zur Seite, die Bäume beugen sich rauschend, wehren sich heftig mit den Armen ihrer Äste, schütteln sich vor Ekel und Entrüstung. Jetzt geht es fauchend in die Straße selbst, dass uns der aufgewühlte Sand ins Gesicht spritzt.

Alle Teufel sind los. Das grausigste Konzert spielt auf. In abgerissenen, unorganischen, regellosen Rhythmen, in hundert unharmonischen Tonarten wettert die satanische Spuksymphonie über das Land. In den wunderlichsten, zerrissensten Klangfarben. Zermalmend und stampfend, fauchend und heulend, rasselnd und fast kichernd. Es ist akustisch gewordener Hieronymus Bosch. Eine hundertfache Steigerung der unwirklichen Geräusche, mit denen man auf dem Theater Fausts Hexenküche oder Peer Gynts Trollenreich lebendig zu machen sucht. Die Luft zittert. Der Boden wankt. Und — die Sterne blicken weiter ruhig in das Chaos herab, und die Nachtigallen feiern die Juninacht. . .

Ich sitze in meiner Erdhöhle fast wie in einer Loge, als sähe ich der Aufführung eines Totentanzes zu. Allerdings, die Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum könnten sich leicht verschieben! So gut die Granaten hinter uns und vor uns einschlagen, könnten sie in das dünne Schutzdach fahren, unter dem wir sitzen. Aber man ist wie von einem Rausch dieses grandiosen Schauspiels erfasst und überwältigt.

Unbekümmert trotten vor uns auf dem Wege Soldaten daher, zu ihrer Pflicht oder von ihrer Pflicht. Mit ruhigen Gesichtern — ihnen ist das alles wohlvertraut. Nur ein bisschen schneller suchen sie an der gefährdeten Stelle vorbeizukommen. Und waren doch auch bis zum August 1914 meist Bürger und Zivilisten wie wir! Was für Menschen sind seitdem aus ihnen geworden!

Und nun fasst mich Zorn gegen mich selbst. Welch ein Recht hast du, Nichtkämpfer du, diesen Leuten und ihrem Heldentum, ihrer Pflichterfüllung und ihren Gefahren wirklich wie ein Zuschauer im Schauspiel so nahe zu rücken? Tag für Tag, Nacht für Nacht leben sie so, leiden sie so, kämpfen sie in dieser Hölle, um unser Land zu schützen, um mit ihrem Atmen und Sein ihr Volk vor Unheil zu bewahren. Kennen Monat um Monat, in Kälte und Hitze nichts als die unerbittliche Pflicht. Lassen sich den Tod in einer Stunde tausendmal um die Ohren sausen. Jede Sekunde bereit, alles hinzugeben. Oder vielleicht bin ich hier doch zu Recht? Um wenigstens Zeugnis ablegen zu dürfen für das Unausdenkbare, Unermessliche, was sie leisten. Um wenigstens eine Kostprobe der Furchtbarkeiten zu schmecken, die sie stündlich umdräuen, und so eindringlicher noch den Ewigkeitsdank zu empfinden, den wir ihnen schulden, und der deutschen Heimat von der ungeheuren Arbeit zu sprechen, die sie als treueste Diener des deutschen Gedankens verrichten.

Ein schwacher Schein von Helligkeit dringt in mein Lehmloch: der junge Morgen meldet sich. Und wie in dem holdesten Tagelied der Menschheitsdichtung löst auch in diesem schreckenvollsten Erdenwinkel der Triller der Lerche die Sehnsuchtsrufe der Nachtigall ab. Wahrhaftig, mitten in das ächzende Gestöhn und das rohe Knallen der Geschütze singt sie ihr Frühlied. Denn das Getöse hört nicht auf, kennt keine Pausen. Unwillkürlich fragt man sich: Wird denn der Nachtspuk gar nicht gebannt sein? Wird die Ehrfurcht vor dem aufsteigenden Weltgestirn die Mäuler der Kanonen nicht verstummen machen? Da — wirklich? — Der Lärm hält inne, die Batterien schweigen. Einen Augenblick lang ist Ruhe. Und in der Dämmerung sieht meine erregte Phantasie von dem blassen Morgenhimmel einen Gott niederschweben, der Arme ausbreitet wie sonnenbeglänzte Gebirge und mit einer Stimme, die alles Leid der Welt auslöscht, das eine Wort über die Heere, über die Völker ruft: „Friede!“

Krach — bum — bautz! „Da liegt der Brei!“ Zur Antwort auf meine Vision schlägt eine neue Granate ein. Von drüben kullert der Gegengruß über den Hügel. Das kleinere Gekläff stimmt in den Chorus ein. Nun sind sie alle wieder beisammen. Vorbei ist‘s mit dem dummen Morgentraum. Es war nur ein Atemholen. Auch die Hölle muss wohl gelegentlich einmal verschnaufen. Nun tobt sie hemmungslos von neuem weiter.

Rasch wird es ganz hell. Nun sehe ich auch das weiche Kissen, auf dem ich zu hocken glaubte — es ist ein zerfetztes blutiges Leinenstück. Wem mag es gehört haben? . . . Aber auch die Sommerlandschaft sehe ich, die sich nun ausbreitet, und den weißen Staub, der über der Straße ruht, und das Granatloch, das mich aus unmittelbarer Nähe angrinst. Wir treten den Heimweg an. Alles sieht kalt, nüchtern, grausam aus. Wieder ziehen Soldaten, Sanitäter, Transportmannschaften hin und her. Zu ihrer Pflicht. Ohne auf das Krachen und Heulen zu achten, durch das sie schreiten. Aus Morgennebel, Staub und Fabrikrauch braut sich eine weißliche Schicht zusammen, die über der Ebene schwimmt. Kirchtürme, Schornsteine, zerschossene Giebel ragen aus diesem Luftmeer wunderlich hervor. Und auf ihm schwebt die eben emporgetauchte Sonne — ein blutiger Ball. Das rechte Symbol für solchen Junitag. Gleichmütig, erbarmungslos steigt sie höher, während unser Auto wieder der Stadt zustrebt. Von fernher dröhnt noch immer der Donner, ohn‘ Unterlass, ohn‘ Ende. . .

Nein: die Götter reden nicht. Sie sprechen keine erlösenden Worte. Und die Menschen morden sich weiter.

 

Vor der Loretto-Höhe

7. Juni 1915

ort drüben der kahle Hügelrücken, der zur Rechten, nach Nordwesten hin, in einen scharf ansetzenden Waldstreifen übergeht, — das ist sie: „Höhe 165“, oder wie die Welt sie heute besser kennt, die Loretto-Höhe“. Dicht vor dem Kamm des ansteigenden Plateaus, kaum mehr sichtbar, liegen die Trümmer der kleinen Kapelle von Notre Dame de Lorette, einst ein Mittelpunkt frommer Wallfahrten und kirchlicher Übungen, heute und seit langen Monaten schon das Zentrum blutigster, wildester Kämpfe.

Es war, wie die alten Abbildungen erzählen, ein Kirchlein im Baukastenstil. Ohne besondere Schönheit. Aus rotem Ziegelwerk und weißen Werksteinen errichtet. Hoch oben im offenen Giebel hing die Glocke, deren freie Silhouette von weitem schon sichtbar gewesen sein muss, wenn man zur Höhe hinaufstieg. Einsam grüßte der Bau von dünnbewachsener Heidefläche. Nur ein großer Baum stand als Wächter zur Seite.

Nichts als ein Steinhaufen bezeichnet jetzt noch die Stelle, wo bis zum Schicksalsjahre 1914 das kleine Gotteshaus die Gläubigen zu sich rief. Auch der Baum ist gefallen. Ein wenig unterhalb sind die Stellungen der Franzosen. Deutlich überblicke ich, vom hohen Eisengerüst eines verlassenen Fabrikbaus her, der mit unzähligen Splittern zertrümmerter Scheiben fußhoch angefüllt ist, die weiteren Partien des Schlachtfeldes: am Südosthang der Loretto-Höhe, der schroff abfällt, die von den 21 Feinden besetzte „Kanzel“, nördlich davon die Talsenkung, die unsere Militärs die „Schlammulde“ nennen, und weiter links näher zu mir her, nach Südosten sich ziehend, die Höhe von Vimy, die von den Unsern besetzt ist.

Dorf Vimy selbst liegt im prallen Sonnenschein. Seine rotbraunen Dächer funkeln. Denn es ist ein Tag himmlischster Sommerwonne — „ein Tag, von Gott dem Herrn gemacht zu süßerm Ding, als sich zu schlagen“. Wäre der alte Kottwitz Kleistischen Angedenkens gestern im nördlichen Frankreich gewesen, er hätte gewiss seine Worte vom Fehrbelliner Morgen wiederholt. Aber was ist das? Am tiefblauen Himmel wird plötzlich ein weißes Wölkchen sichtbar. Noch eins! Noch eins! Zehn. Zwanzig. Fünfzig. Hallo, es geht los. Schrapnells steigen in die Luft, um ihr eisernes Feuerwerk zu verstreuen. Warum? Was gibt‘s? Aber da ist schon die Erklärung: ein französischer Flieger will unsere Reihen überschweben. Ihm gelten die Grüße. Jetzt ist es ein schwarzer Punkt, und jetzt — er muss eine Wendung gemacht haben steht mit einem Male die Sonne so glitzernd auf dem Metall seiner Maschine, dass es rötlich zu schimmern und zu glühen scheint. Wie ein Blutkörper, losgelöst vom endlosen Leid der Völker, treibt es, scheinbar ziellos, in der Höhe, durch den Äther, und die Wattebäusche der Schrapnellwölkchen wollen ihn aufsaugen. Ein unheimliches medizinisches Symbolspiel in den Lüften, ohne dass Menschenhände sichtbar werden, die es treiben.

Da — zur Seite links, ein neuer schwarzer Punkt. Noch einer! Zwei deutsche Flieger sind zur Begrüßung des Gegners aufgestiegen. Sie streuen Raketenzeichen aus, die wie Kometen mit langen dünnen weißen Schweifen durch das Blau ziehen und irgendwo im Weltall hängen bleiben. Da macht der Franzose kehrt, und wie er die Linien der Seinigen erreicht, schießt er eine Leuchtkugel ab, einen dunkelrot funkelnden Stern, der wie ein Meteor aufflammt und verlischt.

Nun wird die Erde auf die Luft eifersüchtig. Auch sie will sich mit dem dritten Element, dem Feuer, einlassen. Und aus den Schlünden der Kanonen donnert es. Unter grässlichen Wehen werden fauchende Granaten ans Licht der Welt getrieben, um ihr Unheil wirkendes Sekundenleben zu erledigen. Man hört den dumpfen Klang des Abschusses, zählt ein paar Zahlen und vernimmt den Schall des Aufschlags jenseits der Höhen, hinter denen die feindlichen Batterien stehen. Gelblich-weiße Wolken steigen dort wirbelnd über dem Höhenrand auf. Und von drüben kommt die Antwort. Nun gibt es auf unserer Seite aus dem Boden steigendes Gewölk; dunkle schwarzbraune Erdmassen, aus träger Ruhe aufgewühlt, stäuben wild empor. Dann erst erreicht uns der Schall des krepierenden Geschosses. Das Duell ist im Gange. Nach dem erregenden Fliegerkampf brüllen sich die feindlichen Batterien an wie reißende Tiere, die in weit voneinander entfernten Käfigen herumrasen, ohne sich zu sehen.

Das war gestern Vormittag. Es war vorläufig noch nichts anderes als das seit dreiviertel Jahren gewohnte tägliche Lied. Der Fremde, der es zum ersten Mal hört, erschauert. Aber die Offiziere, und Mannschaften, die hier Monat um Monat ausgehalten, betrachten es fast als eine Erholung nach de n furchtbaren Kämpfen des Mai und den ihnen folgenden Angriffen der letzten Wochen und Tage. Erst allmählich erfährt man Einzelheiten über die ungeheure Wut und Verbissenheit dieser Schlachten, die zusammen wieder nur einen Teil dessen ausmachen, was später wohl unter dem Namen der riesenhaften „Schlacht bei Arras“ fortleben wird.

Die unbändige Gewalt dieses Ringens, so erzählte mir ein Regimentskommandeur, ist unbeschreiblich. Ein Artilleriefeuer, wie man es nie erlebte, machte den Auftakt. Am 9. Mai dauerte das sinnverwirrende Bombardement der Franzosen von morgens sieben Uhr bis halb zwölf, ohne die geringste Unterbrechung. Die ganze Höhe war nichts als eine einzige schwarze Rauchwolke. Eigentlich hätte man annehmen müssen, es könnte in unseren vorderen Stellungen kaum mehr jemand am Leben, geschweige denn kampffähig sein — da warfen unsere Truppen, bei dem nun plötzlich und schnell hervorbrechenden Offensivstoß des Feindes, die enorme Übermacht der Angreifer trotz alledem mit sausenden Gegenschlägen zurück. Den moralischen Eindruck eines so kolossalen Feuers zu überwinden, sich von ihm nicht unterkriegen und einschüchtern zu lassen, und dann noch zu felsenfester Abwehr bereit zu sein, das deutet, fuhr der Oberst fort, auf eine übermenschliche Fähigkeit, seine Nerven in Zucht zu halten, kaltes Blut zu bewahren, und auf eine Siegesüberzeugung, wie sie einfach noch nicht da war. Das Heldentum dieser Leute ist nicht geringer als das der Glücklicheren, die auf anderen Kriegsschauplätzen im Siegeslauf vorwärtsstürmen dürfen.

„Bedenken Sie,“ sagte er, „dass unsere Mannschaft oft weniger in Schützengräben stand als in Granatlöchern, dass neu hergestellte Befestigungen der Stellung, an denen man einen ganzen Tag gearbeitet hatte, mitunter in zwei Stunden wieder zerstört waren. Es war eine Hölle. Seine ganze Kraft hatte der Gegner hier zusammengeballt. Und dennoch diese Unerschütterlichkeit unserer Truppen, deren Stimmung durch nichts zu deprimieren war! Auch in den Kämpfen der Wochen nach dem 9. Mai ließ die Heftigkeit der feindlichen Angriffe nur wenig nach. Oft standen die Linien sich so nahe, dass sie nicht weiter als fünf Meter voneinander entfernt waren, dass man bei einer Distanz von fünfundzwanzig Meter schon sagte: ,Das ist nicht schlimm, da sind ja die Gräben sogar fünfundzwanzig Meter auseinander!!“

Unermüdlich pries der Kommandeur seine Leute. Auch ihr unerschütterliches Ausharren im Winter. „Ich sage Ihnen: bis zum Bauch standen sie oft tagelang im Morast, und wenn sie einmal herauskamen, in Reserve oder in Ruhestellung rückten, sahen sie überhaupt nicht mehr menschenähnlich aus.“ Nach diesen endlosen Strapazen einen Angriffsversuch von solcher Wucht doch aufhalten, doch zum Stehen bringen, das sind Leistungen, die über jeden Begriff groß und ruhmvoll sind.

Ein winziges Stück, hundertfünfzig bis zweihundert Meter tief, konnte der Feind gewinnen. Das war alles. Ein Nichts gegen den großen Durchbruch, den er erhofft hatte. Eine Bagatelle im Vergleich zu den Opfern, die er dafür bringen musste.

„Aber es war verflucht hitzig“, sagte mir einer von den Leuten, die dabei gewesen. Die Knallerei sei so toll gewesen, dass einmal sogar ein französischer Offizier, der es einfach nicht mehr aushalten konnte, überlief und sich gefangen gab, „ganz verdreht im Kopf“. Ihnen aber hätte es nichts gemacht. Nur manchmal hätten sie zwei oder sogar drei Tage keine warme Kost bekommen, weil der Feind alle Straßen der rückwärtigen Verbindungen von morgens bis abends und abends bis morgens unter Feuer nahm und die Gulaschkanone ihren Segen nicht bis in die vordersten Linien entsenden konnte. „Na, da hilft man sich eben mal mit der eisernen Ration durch. Geht auch.“ Na ja, wenn es so losballert — „was man sich da oft für Gedanken macht, das kann man gar nicht sagen. Aber man muss ja drüber weg, und dann vergehen die Gedanken.“ Einer hatte das Eiserne Kreuz erster Klasse. Wofür er‘s habe? Ach, er hatte eine schwere Patrouille, war gefangengenommen worden, hatte aber seine Wächter erschießen, schnell zurückkehren und die befohlene Meldung bringen können.

Alle aber waren vor allem darin einer Meinung: So ‘was haben wir denn doch noch nicht mitgemacht. Auch Leute, die vorher im Osten standen, die in Flandern, in der Champagne gekämpft hatten, waren sich darüber einig. Auch die gefangenen Franzosen, die sich in der Kaserne von Douai — in einer einst französischen Kaserne — auf dem Hofe rekelten, meinten: Das war das Tollste.

Doch nun ist ein unverrückbar fester Riegel vorgeschoben. Gestern, am 6. Juni, nachmittags haben die 26 Franzosen das aufs Neue erfahren. Wieder eröffneten sie ein sinnloses, atembeklemmendes Feuer, dass man weit im Umkreise mit Herzklopfen hinüberlauschte. Dann folgte wieder ein ungestümer Angriff. In dichten Scharen stiegen die Feinde aus ihren Schützengräben und liefen gegen die Unseren an. Auf diesen Augenblick aber hatte die deutsche Artillerie gewartet. Und nun feuerte sie mit so erstaunlicher Präzision und so furchtbarem Erfolge in die Anstürmenden, dass sie in wüsten Knäueln in Blut und Staub zusammensanken. Gerade weil die französischen Stellungen auf der ansteigenden Höhe liegen, ließ sich die Angriffsbewegung so gut übersehen und im rechten Augenblick niederkartätschen. Wieder waren an diesem 6. Juni enorme Verluste des Feindes sein einziges Ergebnis.

Die Franzosen glaubten, der Besitz der Stelle, auf der das Kirchlein Unserer lieben Frau von Lorette stand, und an der ihr Glaube und Aberglaube hängt, sei ihnen Bürgschaft des „succés final“! Aber sie taumeln auch hier, wie so oft, in das gefährliche Netz einer phantastischen Vorstellung und verbluten sich.

 

Zwischen Lille und Arras

8. Juni 1915

s hilft ihnen nichts: sie kommen nicht durch! Der Frühsommer sollte die Befreiung bringen — er hat sie abermals genarrt. Gerade der Mai, den sie als Wonnemonat herbeisehnten, hat ihnen alle Hoffnungen in Scherben geschlagen.

Wenn der Deutsche im Osten mit seinem Bundesgenossen wie sausender Sturmwind vorbrach — sollte es da wirklich unmöglich sein, die halbe Macht, die er für den Westen zur Verfügung hat, zur selben Zeit zu zerreißen?

Sie wollten‘s nicht glauben. Bissen die Zähne aufeinander. Sammelten alle Machtmittel. Um wieder und wieder zu erkennen: es ist unmöglich. Wenn irgendein Zeitabschnitt seit Beginn des Krieges unsern Siegerglauben zur Gewissheit steigern durfte, so waren es die Wochen, die hinter uns liegen . . .

Die deutsche Front zieht sich auch da, wo sie Belgien verlässt und, unmittelbar östlich von Armentiéres, ins französische Gebiet einschneidet, in der Nord—Süd-Linie weiter, die, von allerlei Wellen und Ausbuchtungen unterbrochen, im Ganzen von Westende bis Noyon läuft — dem Punkte, wo sie Paris am nächsten ist —, um dann erst nach Südosten abzubiegen. Die erste Strecke der feindlichen Stellungen auf französischem Boden (von Norden gerechnet) ist die, die von Armentiéres über den Streifen östlich Béthune bis Arras läuft, und diese Strecke im Artois, namentlich die Gegend südwestlich von Lille und nördlich Arras, empfahl sich vor allen andern für den geplanten Durchbruch durch die deutschen Heeresmauern. Denn hier hatte der Feind ein Gelände von willkommener Übersichtlichkeit vor sich, das eine einheitliche Ansehung und Leitung des gewaltigen Angriffs begünstigte, den er unternehmen wollte. Hier kämpften Franzosen und Engländer gemeinsam. Wenn irgendwo ein Erfolg erhofft werden durfte, so war es hier.

Aus dem Armeebefehl Joffres, der inzwischen bekannt geworden, ging denn auch hervor, dass es diesmal aufs Ganze gehen sollte. Ebenso ist aus den Auszeichnungen gefangener und gefallener französischer Offiziere deutlich zu erkennen, dass die Truppe sich der Bedeutung der Aufgabe wohlbewusst war. In dem riesenhaften Kriegsschauspiel, das nun fast schon ein Jahr lang an unsern armen Augen vorüberzieht, reifte ein Augenblick höchster dramatischer Spannung heran. Gelang der feindliche Plan, so hätte eine Aufrollung der ganzen deutschen Front die Folge bilden, hätten sich Ergebnisse von unabsehbarer Tragweite einstellen können. Es ging hart auf hart. Eine Schlacht von ungeheurem Ernst begann — und endete mit einem völligen Scheitern der Absichten des Feindes. Das ist der Sinn der Kämpfe bei Arras; so sind sie zu würdigen.

Gleich südwestlich der Loretto-Höhe liegen die Orte Ablain und Carency. Hier setzte am 9. Mai der Hauptstoß des großartig geplanten, mit umfassender Sorgfalt vorbereiteten französisch-englischen Angriffs ein, der sich im Ganzen gegen eine Front von vierundzwanzig Kilometern richtete.

Schon vier Tage vorher begann die französische Artillerie ihre Einleitungsarbeit. Mit kaum glaublicher Munitionsverschwendung beschoss sie ohne Unterlass die deutschen Stellungen. Am 9. Mai selbst machte dann wildes Trommelfeuer das dröhnende Präludium. Aber unsere Leute hielten diesem Hagel der Geschosse unerschüttert stand, und als nun die französische Infanterie den Sturm begann, ward sie von ungebrochenem Kampfesmut empfangen. Gewaltige Mengen sollten den Durchbruch erzwingen. Zahlreiche Armeekorps rasten heran — und zersplitterten im Feuer der deutschen Maschinengewehre, für die gerade die gedrängten Massen des Feindes ein willkommenes Zielobjekt bildeten. So brach sich die Sturzwelle bald in dem von den Unsern besetzten Orte Neuville (zwischen Arras und Carency gelegen). Nur an wenigen Stellen gelangten die Franzosen wirklich bis in unsere Schützengräben, und an einer völlig zerschossenen Stellung, bei La Targette (südöstlich Carency), konnten sie festen Fuß fassen.

Man weiß aus den Berichten des Generalstabs, dass der Feind bei den Angriffen der nächsten Tage und Wochen noch einige weitere kleine Erfolge buchen konnte. An drei Stellen: bei Carency selbst, bei Ablain (nordwestlich davon) und auf der Loretto-Höhe konnte er sich festsetzen. Hiermit aber — „war Schluss“. Inzwischen war es der Organisationskraft unserer Heeresleitung gelungen, in kurzer Zeit so viel Verstärkungen heranzuziehen, dass jedem Versuch zu weiterem Vordringen eine eiserne Mauer entgegengesetzt war. Dennoch wollte der Gegner seinen Plan noch nicht ohne weiteres aufgeben. Man findet nicht so schnell den Entschluss, eine groß angelegte Aktion abzubrechen, ihre Hoffnungslosigkeit sich selbst und dem Feinde einzugestehen.

So blieben die mörderischen Kämpfe ununterbrochen weiter im Gange. Man zählt bis heute nicht weniger als achtundvierzig Angriffe, in denen die Franzosen seit dem Beginn der Operationen vorzubrechen suchten. Achtmal ging es dabei gegen größere Frontstrecken; sonst wurden Einzelziele ins Auge gefasst, um, wenn nicht durchzubrechen, wenigstens durchzubohren. Keine Möglichkeit wurde außer Acht gelassen. Auch die Methoden wurden gewechselt. Während sonst heftige Artillerievorspiele den nahenden Sturm ankündigten, wurde am 12. Mai der Angriff ohne solche brüllenden Prologklänge unternommen. Aber die Unseren waren auf dem Posten und ließen sich nicht überraschen.

Ein besonders heftiger neuer Schlag war dann zum Pfingstsonntag ins Auge gefasst. Vielleicht dachte man wieder, der deutschen Sentimentalität am hohen Feiertage ein Schnippchen schlagen zu können. Aber just am Pfingstsonnabend hatten die deutschen Truppen ebendort, bei Ecurie (südlich von Neuville), einen Gegenstoß gemacht, ein paar Gräben genommen und ihre Stellung verbessern können. So war die französische Artillerie, die einen Tag früher zum Kampfe herausgelockt war, als sie wollte, im entscheidenden Augenblick am Sonntag geschwächt. Wieder half es nichts. Es ward ihnen ein rotes Pfingsten beschieden. Mit blutigen Köpfen wurden sie heimgeschickt und da, wo sie ein wenig weiter vorgedrungen waren, mit Handgranaten wieder vertrieben.

So geht es nun schon Wochen hindurch. An vielen Stellen setzten die neuen verzweifelten Versuche des Feindes an. An der Straße von Bethune nach Lens. Weiter südlich bei Aix Roulette. Dann immer aufs Neue in der heißumstrittenen Ecke um Main und auf der Loretto-Höhe, vor Souchez und bei Neuville. Schließlich bei Ecurie und, noch südlicher, an einer Stelle zwischen Roclincourt und Arras. Und der Erfolg? Bis auf unbedeutende Kleinigkeiten nichts als — enorme Verluste. Wofür? Für nichts! Denn von der Denkbarkeit eines wirklichen Durchbruchs kann jetzt erst recht keine Rede mehr sein.

Aber vielleicht haben die Engländer mehr Aussichten? Sie haben den Angriff vom 9. Mai durch eine gleichzeitige Aktion zu unterstützen versucht. Weiter nördlich, bei La Quinque Rue (nahe bei Neuve Chapelle und Richebourg), brachen sie um fünf Uhr morgens vor. In drei Linien wollten sie den Deutschen zu Leibe gehen. Aber als die erste zurückgeschlagen war und die zweite sich nicht recht an das schwierige Geschäft traute, musste gleich die dritte heran — es waren schottische Elitetruppen —, um eine schwere Niederlage zu erleiden! Namentlich das ausgezeichnete Blackwatch-Regiment wurde fast aufgerieben; es soll achthundert Tote gehabt haben, von den Verwundeten zu schweigen.

„Immer müssen die Schotten dran!“ sagte ein Gefangener mit verhaltenem Ingrimm, „die Schotten und die Iren!“ Die Engländer selbst scheinen sich gern zurückzuhalten, solange es geht. Sie schonen sich.

So endete nach einer Stunde, um sechs Uhr früh am 9. Mai dieser britische Parallel-Durchbruchsversuch, der den Franzosen allerdings nicht viel nützen konnte. Die Herren Vettern sind seitdem noch weniger erfolgreich gewesen. Sie überlassen es offenbar ihren Alliierten, die blutigen Lorbeeren — nicht zu pflücken.

Das ist der Stand der Dinge „zwischen Arras und Lille“. Die deutsche Front ist festgefügt wie nur zuvor. Die Stoßkraft des Feindes ist gebrochen. Auch seine Flieger wagen sich nicht mehr so weit vor wie in den letzten Wochen, nachdem es den Unseren gelang, mehrere der kecken Vögel herab zu holen. Hinter der deutschen Feuerlinie aber steht ein so bedeutendes Aufgebot von Truppen bereit, dass jede Aussicht der Franzosen, unsere Front doch noch aufzurollen, geschwunden ist.

Man stelle sich etwa vor, die Ostpreußen führten gegen die Westpreußen, die Pommern und die Brandenburger Krieg, und wären dabei so weit vorgerückt, dass sie mitten in der Mark ständen und in Berlin die ganze Friedrichstraße hielten. Was wäre nun gewonnen, wenn man sie im Zuge der Jäger- und Zimmerstraße bis zur Charlottenstraße nach Osten zurückgedrängt hätte? Genau so hat man sich die Teilerfolge der Franzosen bei Ablain, bei Carency und der Loretto-Höhe zu denken. Sie mindern nicht unsere Position in Feindesland. Sie haben vielleicht dem Gegner ein paar Quadratkilometer Geländegewinn gebracht, was nicht einmal gegen die Quadratmeilen in Betracht kommt, die wir zu gleicher Zeit bei Ypern vorwärts kamen. Weiter nichts. Gewiss, auch wir haben schwere Verluste an braven Kämpfern gehabt. Aber die Frühjahrsoffensive der Feinde, so tapfer und zähe sie begonnen und geführt wurde, ist gescheitert. Eisenfest und undurchdringlich steht die deutsche Vorhut bei Arras und verteidigt Deutschland — in Frankreich. Wer gegen sie anstürmt, stößt sich den Schädel ein.

 

Gefangene Russen im Artois

9. Juni 1915

ie Überschrift klingt sonderbar, denn Frankreich führt bekanntlich keinen Krieg mit Russland. Aber die Weltgeschichte, die im Allgemeinen wohl eine ernsthafte Angelegenheit ist, muss auch ihre Witze reißen. Das ist ihre alte Gewohnheit. Sie kann es nicht lassen.

So hat sie sich also den Spaß gemacht, eine Anzahl der russischen Gefangenen, von denen wir ja in Deutschland ein wohlassortiertes Lager haben, in die okkupierten Gegenden Frankreichs zu bringen, um sie hier nützlich zu beschäftigen. Man traut seinen Augen nicht, wenn man von der Eisenbahn her die vom östlichen Kriegsschauplatz vertrauten Gestalten plötzlich unter deutscher Bewachung auf französischem Boden erblickt. Und noch größer wird das Staunen, wenn man in eine der Kolonien geführt wird, wo mehrere Hunderte von Väterchens Kindern untergebracht sind.

Man muss sich wirklich erst zurechtfinden. Aus der Ferne Kanonendonner — die ewige Bassbegleitung, die zu sämtlichen Erlebnissen, Eindrücken, Stimmungen, Bildern herüberdröhnt. Zur Seite eine alte Scheune, mit zwei Inschriften; einer älteren: „Défense d‘entrer“, und einer jüngeren: „Gott strafe England!“ Geradeaus der Eingang in einen weiten umzäumten Bezirk: das Russenlager. Ein freundliches Gartenrevier, das ein umständliches Gebäude (wohl eine Fabrikanlage) umzieht. Bestes Klima, schönste Luft und Sonne. Die Gäste, will sagen die Gefangenen haben sich denn auch, gottlob, recht erholt und sehen prächtig aus. Jeder, der am Schluss seiner Ferienreise (in fernen vergangenen Friedenstagen) so wohl dreinschaute, war froh und stolz. Man sieht, wie wir unsere Gefangenen martern!

Es ist gerade Sonnabendnachmittag: da findet eine der beiden wöchentlichen ärztlichen Untersuchungen statt. So sitzt denn ein Teil auf einer Bank in der Sonne und treibt etwas, was man „Temperaturparade“ nennen könnte: sie haben, bei entblößtem Oberkörper, je ein Thermometer unterm linken Arm. Die andern sind eben zum Appell angetreten. In ihren grauen Uniformen, mit der breiten Mütze, die gern ein wenig schief auf dem Kopfe sitzt. Burschen der verschiedensten Rassen und Stämme. Einzelne sehen geradezu deutsch aus, wie gute Pommern oder Brandenburger. Andere haben den unverkennbaren Gesichtsschnitt des Slawen. Wieder andere führen unmittelbar ins Tatarische und Kalmückische. Weiß der Himmel, woher diese Herren Feinde stammen, aus welchen Steppendörfern und Lehmkaten sie ins sommerlich blühende Frankreich, auf dem Umwege über Deutschland, gekommen sind. Auch eine Anzahl unverkennbarer jüdischer Erscheinungen ist dabei. Sie können sich am ehesten, mit wenigen anderen Genossen, in deutscher Sprache verständigen.

Es zeigt sich, dass sie alle mit ihrer Lage außerordentlich zufrieden sind. Was nicht wundernimmt. Und dass sie ganz gut informiert wurden.

„Wisst ihr, wo ihr seid?“

— „Jawohl!“

„Dass die Deutschen tief in Frankreich stehen?“

— „O ja!“

„Wisst ihr, dass Przemysl von den Deutschen und Österreichern wieder erobert ist?“

— „Jawohl!“

„Dass die Russe n bald auch Lemberg räumen werden?“

— „Noch nicht!“

Man erkennt deutlich, dass den Leuten alles recht wahrheitsgetreu mitgeteilt wird. Einer, der sich wohl beliebt machen will, ein Bauer aus der Nähe von Kiew, der ein fürchterliches Kauderwelsch zusammenbringt, ruft in einer andern Gruppe auf die Frage, wo sie sich denn befänden, mit breitem Grinsen herüber: „In Neu-Deutschland!“ — und lacht dabei, dass seine zwei riesigen Zahnreihen leuchten.

An einer anderen Stelle fand große Baderei statt. Aber ich bitte ergebenst: nicht mehr jene solenne Entlausungsaktion, die sie wohl ursprünglich ausnahmslos nötig hatten — diese feierliche Handlung hatte man an den Söhnen des Ostens schon vorgenommen, bevor sie westwärts verschickt wurden. Heute handelt es sich lediglich um das schon von Wilhelm Busch klassisch besungene und gezeichnete „Bad am Samstagabend“. Es mag den Russen als ein Symbol dafür gelten, dass sie bis zum Ende des Krieges der bürgerlichen deutschen Gewohnheiten teilhaftig sein werden.

Für die Arbeit, die die Gefangenen leisten, werden sie bezahlt. Man hat sogar, um ihren Fleiß und Eifer anzuspornen, verschiedene Lohnklassen eingerichtet. Doch hat es anfangs, wie mir der Kommandant des Lagers erzählte, Mühe gemacht, die jungen Burschen zur Annahme des Geldes zu bewegen. Sie glaubten wahrscheinlich, sie würden sich für spätere Zeiten Unannehmlichkeiten in ihrer Heimat aussetzen, wenn sie sich von den Deutschen bar bezahlen ließen. Allmählich aber siegte die Erkenntnis, dass Geld Geld sei und immer irgendwie verwendet werden könnte. Also nahmen sie‘s nun. übrigens haben manche auch von Hause aus, über die Schweiz hin, von ihren Angehörigen Geld erhalten, das dann von der nächsten Etappe ausbezahlt wird. Auch diese pünktliche Erledigung so wertvoller Sendungen, die in ihrem Vaterlande leicht abhandenkommen, hat die Gefangenen in Erstaunen über ihre Wächter versetzt und ihr Vertrauen gestärkt.

Musterhaft ist die Unterbringung der Leute. Der Eßraum, eine große Holzhalle, sieht wie ein kolossales Dorfwirtshaus aus, blitzsauber, schmuck und blank gescheuert. Nicht minder die Schlafraume. Wenn die Herrschaften es zu Hause oder in der russischen Armee alle so gut gehabt hätten! Höchstens der Pelzhändler aus Kurland oder der jüdische Lehrer aus der Umgegend von Odessa haben noch bessere Tage gesehen. Aber auch sie erklären, dass sie glücklich seien, eine solche Gefangenschaft zu genießen. Auch sie denken wohl dasselbe, was die französischen Gefangenen so gern mit einem Seufzer der Erleichterung offen aussprechen: „Enfin loin de danger!“ oder: „Pour moi la guerre est finis.“

Die Franzosen schicken unsere braven und tapferen Leute nach Dahomey oder an andere Orte mit mörderischem Klima. Wir „deportieren“ gefangene Russen nach — Frankreich. Ist das nicht eine hübsche Gegenüberstellung?

 

Frankreichs „Schwarzes Land“

Im Juni 1915

ays noir“ — es ist eine Vorstellung, die uns die bildende Kunst vermittelt hat. Constantin Meunier übernahm das Amt, als er in den Pastellen und Ölbildern, die seinen Skulpturen vorangingen, vom belgischen „Borinage“ erzählte, dem Steinkohlengebiet bei Mons.

Aber auch Frankreich besitzt sein „schwarzes Land“. In den Norddepartements, wo die deutschen Truppen stehen und mit Riesenkraft dem Sturm der feindlichen Angriffe standhalten, ist es gelegen. Dass wir es ebenso wie den belgischen Bezirk seit dreiviertel Jahren als Pfand fest in der Faust halten, ist einer der wuchtigsten Plusstriche in der bisherigen Kriegsrechnung. Kein Wunder, dass der Gegner vor Wut über diesen Verlust schäumt und immer aufs neue krampfhaft-verzweifelte Anstrengungen macht, den schmerzlichen Zustand zu ändern.

Fährt man in die Gegend von Douai ein — mit einem der Züge, die nach dem berühmten roten „Amtlichen Kursbuch für den westlichen Kriegsschauplatz“ so pünktlich verkehren und so korrekt ineinander greifen, dass man in Deutschland zu reisen glaubt —, so kündigen merkwürdige Gebilde diese dunkle Region der Arbeit an. Weit in der Runde tauchen die Silhouetten regelrecht geformter schwarzer Pyramiden auf, die aussehen wie das Schlachtendenkmal von Waterloo. Das sind die Schlackenhalden der Kohlengruben, die sich zu ansehnlicher Bergeshöhe auftürmen und als Wahrzeichen in die kahle Ebene ragen, wie festgewordene Wellen einer Meeresfläche.

Kohle und Kohlenstaub haben dem Lande seine eintönige Farbe gegeben. Die Bewohner nennen es selbst mit dem Meunier-Namen. Die Anschläge, die allenthalben eindringlich mahnen, Bäume und Pflanzen zu schonen, schließen jedes Mal mit dem ernsten Satze: „Les arbres sont la beauté du pays noir.“ Wirklich, ohne dies Grün der Blätter wäre der Anblick gar zu düster. Im Spätherbst und Winter, wenn die Äste kahl und auch nur schwarze Linien sind, muss der Eindruck trostlos sein. Aber großartig wirkt gerade in seiner Herbheit und Härte dies reich bestellte Feld menschlicher Tätigkeit, Werte schaffender Arbeit. So weit das Auge schweift, trifft es die charakteristischen Erkennungszeichen der „fosses“, der Gruben, die sich förmlich aneinander drängen. Dazwischen die weitläufigen Zweckarchitekturen der Industrie, die Hochöfen, Fabriken und eisernen Fördertürme, deren unerbittliche Sachlichkeit eine neue, moderne „Schönheit“ erzeugt. Dann die Ortschaften, aus Arbeiterkolonien und einzelnen Zeilen von Reihenhäusern zur Größe einer Stadt aufgewachsen. Finstere Wohnstätten, aus dunkelroten Backsteinen gefügt. Der Staub hat sie alle gleich gemacht, man kann sie kaum unterscheiden, und durchfährt man sie, so meint man immer wieder denselben Ort zu passieren, sich dauernd im Kreise zu bewegen.

Greifbar melden sich dann die sozialen Kontraste. Mitten aus den gleichförmigen, oft kümmerlichen und freudlos dreinschauenden Arbeitersiedlungen tauchen Villen und Schlösser auf, von sorgsam gepflegten Gärten und Parks umstanden: die Wohnungen reicher Fabrikherren und Grubenbesitzer. Vielfach in einem grässlichen Parvenüstil gehalten, mit Türmchen und Zinnen und anderem Burgenkrimskrams, der hierher passt wie die Faust aufs Auge, im Innern mit Hallen und Wölbungen und Schnitzereien, dass einem ganz übel wird. Man sieht: die Protzenbaukunst ist ein internationales Laster. Namentlich groß ist die Zahl der Zuckerfabriken — von denen ja eine, die westlich Souchez, jetzt eine geschichtliche Berühmtheit geworden. Etwa achtzehn Kilometer östlich davon liegt Courriéres, wo vor einer Reihe von Jähren ein schweres Grubenunglück zahlreiche Menschenleben vernichtete. Damals kamen westfälische Bergleute herüber, um bei den Rettungsarbeiten mitzuhelfen — es war eine jener Aktionen der Brüderschaft von Land zu Land, von Volk zu Volk, auf die man frühlinghafte Hoffnungen setzte, die nun zertrümmert am Boden liegen.

Nun sind andere Deutsche in die rauchgeschwärzte Industrieprovinz um Courriéres eingerückt. Frankreich hat es nicht anders gewollt. So sitzen denn unsere Soldaten in dem verlassenen reichen Gebiet und haben neues Leben mitgebracht. In einer französischen Druckerei werden deutsche Felddrucksachen hergestellt. In französischen Schlachthäusern walten unsere Jungens, und aus der „antichambre“, dem Vorraum, wo mit der dem französischen Idiom eignen Höflichkeit die Ochsen und Schweine vor ihrem Todesgang zu „antichambrieren“ gebeten werden, holen deutsche Metzgerfäuste die brüllenden und quietschenden Herrschaften an die Schlachtbank. Die Krankenhäuser aber sind zu deutschen Lazaretten geworden und bergen unsagbares Leid. Und deutsche Namen grüßen von den Häuserecken. „Bismarck-Straße“, „Hindenburg-Straße“, „Rupprecht- Straße“ und dergleichen haben die Unsern hier angeschrieben.

Und auf den französischen Totenfeldern ruhen die Deutschen, die das schwarze Los gezogen. Einer der größten Heldenfriedhöfe, die angelegt wurden, ist bei Lens, einem Zentralpunkt des „pays noir“, auf der Straße gelegen, die von Arras nach Lille führt. Wer diese endlosen Gräberreihen durchschreitet, der spürt, was Krieg bedeutet. Drüben brüllen die Geschütze, über dem Lenkballon, der sich in der Junisonne hell gegen den blauen Himmel abhebt, drängen sich Schrapnellwölkchen, auch in die Stadt Lens selbst schlagen ja oft genug die Geschosse ein — wer wird morgen wieder von denen, die dort kämpfen, hierhergebracht werden? Dann steht wohl wieder eine solche Reihe schlichter Särge wie heute da und wartet auf ihre stummen Bewohner.