Drei Tote am See - Kirsten Weinhold - E-Book

Drei Tote am See E-Book

Kirsten Weinhold

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Beschreibung

Drei Frauenleichen, die am Ufer des idyllischen Möhnesees zur Schau gestellt werden. Eine Ehefrau, die bei einem mysteriösen Unfall ums Leben kam. Ein Hauptverdächtiger, der nicht der Täter sein kann. Die erste Bewährungsprobe für Fenja Grothe als frisch ernannte Oberkommissarin.

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Seitenzahl: 343

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Dieses Buch widme ich

den Beamtinnen und Beamten

der Kreispolizeibehörde in Soest

In Irland wird die Polizei mit dem gälischen Namen Garda Síochána bezeichnet. Es ist eine sehr besondere, wertschätzende Bezeichnung, denn sie bedeutet Wächter des Friedens. Ich würde mir wünschen, dass die Polizistinnen und Polizisten in unserem Land, die Tag für Tag ihren Dienst für uns leisten, ebenfalls als Wächter des Friedens gesehen würden. Doch leider zeigt die jüngste Vergangenheit immer häufiger, dass das Gegenteil der Fall zu sein scheint. Beamtinnen und Beamte werden von einem Teil unserer Gesellschaft während der Ausübung ihres Dienstes beleidigt, angefeindet und angegriffen. Wenn sie gezwungen sind, in Notwehr zu handeln oder Nothilfe zu leisten und der Angreifer kommt zu Schaden, werden sie von den Selbstgerechten in unserer Gesellschaft als Täter abgestempelt.

Doch es gibt, Gott-sei-Dank, auch andere Beispiele. Wie erfrischend war eine Situation, die ich vor einigen Monaten beobachten durfte. Eine ältere Dame rief einem Polizisten auf der anderen Straßenseite zu: „Ein herzliches Dankeschön, dass Sie Tag für Tag auf uns aufpassen!“ Diesen freundlichen Worten möchte ich mich mit meiner Widmung anschließen.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Keela

Montag

Dienstag

Mittwoch

Susan

Donnerstag

Freitag

Samstag

Montag

Hannah

Dienstag

Mittwoch

Samstag

Sonntag

Verena

Ein Jahr zuvor

Montag

Mittwoch

Vier Wochen später

Prolog

Leise drückte Markus die Haustür ins Schloss. Dann schlüpfte er aus dem Mantel und legte vorsichtig sein Handy und die Schlüssel auf die Kommode. Er wollte nicht, dass Verena wach würde. Auf Zehenspitzen ging er durch den dunklen Flur zur Treppe, hob den linken Fuß auf die unterste Stufe. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass ein schmaler Lichtstreifen unter der Wohnzimmertür über den Marmorboden floss. Sie war noch wach.

Er zögerte, griff nach dem Handlauf. Es konnte doch nicht sein, dass er sich wie ein Pennäler in sein Schlafzimmer schleichen würde. Das war sein Haus!

Wovor hatte er eigentlich Angst? Davor, dass sie ihn gleich wieder mit Vorwürfen überschütten würde? Was wollte sie überhaupt von ihm, wenn sie ihm ihre Triaden an den Kopf warf? Es ging ihr doch gut. Sie lebte in einem präsentablen Haus, hatte ausreichend Geld, das sie nach ihrem Gusto ausgeben konnte und die Freiheit, ihre Zeit so zu gestalten, wie sie es für richtig hielt.

Er zog den Fuß von der Treppenstufe. Letzte Woche hatte er überlegt, ob eine Scheidung nicht das Beste wäre. Schließlich bestand ihre Ehe schon seit Jahren nur noch aus einem Stück Papier und zwei goldenen Ringen. Er wandte sich der Wohnzimmertür zu. Heute würde er ihr erklären, dass er sich scheiden lassen möchte, entschied er.

Fast hätte er angeklopft. So fremd war ihm Verena bereits, dass er stets auf untadelige Höflichkeit im Umgang mit ihr achtete. Unwillig schüttelte er den Kopf und drückte die Klinke hinunter.

Wie von ihm erwartet saß sie in eine Decke gehüllt auf der breiten Couch, mit einem ihrer grässlichen Liebesromane in den Händen. Sie sah auf, legte das Buch beiseite und griff nach dem Glas auf dem Tisch. Der Wein glühte in der gedimmten Beleuchtung in einem tiefen Rot.

„Komm, trink einen Schluck mit mir“, forderte sie ihn lächelnd auf.

Wenn sie lächelte, war sie wunderschön, fast einer Madonna der alten Meister gleich. Sein Herz zog sich zusammen. Schon seit Monaten hatte sie ihn nicht so angesehen. Trotzdem spürte er die Wachsamkeit, die sich plötzlich bei ihm breitzumachen versuchte. Langsam holte er ein Glas aus dem Schrank, ihres beobachtenden Blickes bewusst. Er setzte sich ihr gegenüber, griff nach der fast leeren Weinflasche und goss sich ein.

„Na, war es schön heute Abend?“ Ihr Plauderton wurde von ihrem zauberhaften Lächeln begleitet.

„Wie meinst du das?“

„Na, ist deine neue Flamme gut im Bett?“

Warum war er nicht in sein Schlafzimmer verschwunden, als er noch Gelegenheit dazu hatte? Nun würde er wieder die Litanei der vernachlässigten Ehefrau über sich ergehen lassen müssen.

„Ich muss mit dir reden“, erwiderte er darum eilig, ihre Frage unbeachtet lassend.

„Oh, das trifft sich gut. Ich muss ebenfalls mit dir sprechen, aber beginne du.“ Ihr Lächeln schien wie an ihren Lippen festgefroren zu sein.

„Ich möchte mich scheiden lassen.“

Ihre Augenbrauen schossen in die Höhe.

„So, möchtest du.“ Ihr Mund verschob sich zu einem breiten Grinsen. „Wenn du dich scheiden lassen willst“, erklärte sie gleichmütig, „musst du auf dein schönes Schwarzgeld leider verzichten.“

Ihm wurde heiß. Sein Herz setzte einen Schlag aus und es schien ihm, als gehorche ihm seine Atmung nicht. Er stieß die Luft aus.

„Das ist mein Geld!“ Er wurde laut. „Das ist mein Geld“, wiederholte er mit Nachdruck. „Du wirst mir jeden Cent wiedergeben!“

„Ach Markus. Was glaubst du, was dein Chef über deinen kreativen Nebenverdienst sagen wird? Und die Beamten der Wirtschaftskriminalität werden sich sicherlich ebenfalls freuen, dich kennenzulernen.“

„Du hängst doch genauso drin wie ich. Schließlich liegt das Geld auf deinem Konto. Also sei vorsichtig mit dem, was du sagst!“, warnte er sie zornig.

Keela

Montag

Möhnesee/Körbecker Becken

Die Wolken fuhren dunkel und regenvoll über die Sperrmauer. Sie schoben kräftige Böen vor sich her. Matthias fröstelte. Dabei hatte der frühe Morgen so sonnig und vielversprechend begonnen, dass er sich entschlossen hatte, zum Angeln hinauszufahren. Zwei Maränen und eine Brasse hatten sich von seinen Blinkern täuschen lassen und lagen nun in dem Angeleimer - ein hübsches Mittagessen. Eine neue Böe kündigte sich an. Die Wasseroberfläche erhob sich zu kleinen Wellen, und das Boot begann bedenklich zu schaukeln. Nein, für heute hatte Matthias definitiv genug. Er verstaute seine Angeln, schaltete den E-Motor ein und nahm Kurs auf die Bucht, in der der Angelverein seinen Steg liegen hatte. Plötzlich schoss ein Surfer mit seinem Brett keine zwei Meter vom Bug des Ruderbootes entfernt vorbei. Matthias zuckte zusammen und verriss das Ruder. Eine neue Welle, dieses Mal größer, heftiger, schlug seitlich gegen den Rumpf. Für einen Moment befürchtete Matthias, über Bord zu gehen. Er krallte sich mit der freien Hand an der Ruderbank fest. Der Angeleimer schlug gegen die Bootswand. Der Deckel öffnete sich und flog mit der Böe hinaus aufs Wasser. Eine der Maränen schwappte aus dem Eimer und flog hinterher.

„Du Hornochse!“, schrie Matthias dem Surfer hinterher. Doch dieser hatte bereits die Hälfte des Sees überquert.

Mit wild klopfendem Herzen brachte Matthias das Boot wieder auf Kurs. Ein Blick in den westlichen, fast nachtschwarzen Himmel genügte ihm, um zu beschleunigen. Und dann sah er es. Ein weißes Aufblitzen zwischen den tiefhängenden Zweigen einer uralten Weide. Er blickte erneut nach Westen zu dem unaufhaltsam näherkommenden Wolkenungetüm. Er musste sofort runter vom See. Unter der Weide zeigte sich eine Bugspitze, die nach oben fuhr und unsanft zurück auf das Wasser klatschte.

Was, wenn dort jemand Hilfe benötigt? schoss es ihm durch den Kopf. Er zögerte nur eine Sekunde, dann gab er Gas und nahm Kurs auf die Uferbefestigung zu, auf der der Baum stand.

Die nächste Böe fegte das weiche Geäst der Weide zur Seite und gab den Blick auf einen Optimisten frei. Ohne Mast, Segel und Schwert schlug er hart gegen die groben Steine der steilen Böschung. Eine Person konnte Matthias in dem kleinen Boot nicht ausmachen. Trotzdem näherte er sich, tauchte unter dem frischen Grün der Zweige hindurch und holte seinen Bootshaken hervor. Er konnte nicht riskieren, den Motor ganz abzustellen, doch er drosselte ihn so weit, dass er bequem längsseits des anscheinend verlassenen, kleinen Segelbootes gehen konnte. Ein knurrender Laut kam über seine Lippen. Der Bootshaken entglitt ihm und wurde ein Stück von den Wellen getragen, bis er im graugrünen Wasser versank.

Soest/Kreispolizeibehörde

„Fenja, hast du einen Moment Zeit?“

Ich sah von der Tastatur auf. Vor meinem Schreibtisch stand Kriminalhauptkommissar Hans Beckmann, mein Chef und Leiter der Kripo bei der Soester Kreispolizeibehörde. Abwartend betrachtete er mich, die Augenbrauen zusammengezogen und die Stirn in Falten gelegt. Diese Miene kannte ich von ihm nur, wenn es schwerwiegende Probleme gab. Automatisch formte sich in meinem Kopf die Frage, ob ich etwas falsch gemacht hätte. Ich schenkte meinem Computerbildschirm einen raschen Blick. Der Cursor blinkte geduldig, wartete darauf, dass ich an dem Vermerk zu einer Zeugenbefragung weiterarbeitete. Ich hasste diese nervtötenden Schreibarbeiten und obwohl mich Hans Ernsthaftigkeit und die schlicht gestellte Frage unruhig machten, empfand ich so etwas wie Erleichterung, diesem unliebsamen Geschreibsel für einen Moment entfliehen zu können.

„Klar“, antwortete ich munter und speicherte das halb fertige Dokument ab.

„Gut. Dann komm bitte mit mir in Dieters Büro.“ Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ging.

Eilig sprang ich auf und folgte ihm durch das Großraumbüro. Seine hagere Gestalt schwankte ein wenig, als er sich langsam zwischen den Schreibtischen hindurchbewegte. Seit seiner Hüftoperation vor knapp einem Jahr hatte er sich diesen Watschelgang angeeignet. Ein sicheres Zeichen dafür, dass entweder bei der OP oder der Reha etwas schiefgelaufen war.

Er öffnete die Milchglastür, hinter der sich das Büro des Leiters der uniformierten Polizei, Hauptkommissar Dieter Winter, befand, und ließ mir den Vortritt. Mit einem dankenden Nicken ging ich an ihm vorbei und betrat den Raum. Dieter saß hinter seinem Schreibtisch und sah mir entgegen. Auf seinem Gesicht entdeckte ich die gleiche Ernsthaftigkeit, fast Betroffenheit, die ich auch in Hans Miene gelesen hatte.

Ohne Gruß wies Dieter auf einen der Besucherstühle. „KKA Grothe, setz dich bitte. Wir haben dir etwas mitzuteilen.“

Verwirrt und mit klopfendem Herzen sank ich auf die Kante des gepolsterten Stuhls. Hans blieb an der Tür stehen und verschränkte die Arme vor der Brust, während Dieter sich gerade aufrichtete und die Hände, wie zum Gebet gefaltet, auf der Schreibtischplatte ablegte.

Mein Blick wechselte zwischen den Gesichtern der beiden Männer hin und her. Ich spürte Trockenheit in meinem Mund und räusperte mich kurz.

„Tja!“, begann Dieter unheilschwanger. „Tut mir leid, dass WIR dir das eröffnen müssen, aber es bleibt uns wohl nichts anderes übrig.“

Wovon sprach er nur? Hatte man mich vom Dienst suspendiert? Aber warum, Herrgott, noch mal? Oder sollte ich zurück zum Streifendienst? Hatte man meine Anwartschaft zur Kriminalkommissarin aufgekündigt? Ich versuchte zu schlucken, erfolglos, da meine Zunge am Gaumen festzukleben schien.

„Ich möchte betonen, dass Hans und ich nur sehr ungern eine unserer besten KKAs verlieren. Aber“, es folgte eine kurze Pause, „wir können da gar nichts machen.“

„Was ist denn passiert?“ Meine Stimme war nur ein Flüstern.

„Düsseldorf hat entschieden, dass du ab nächster Woche deine Anwartschaft verlierst …“, ein breites Grinsen flog über sein Gesicht, „… und hier in Soest als neue Kriminaloberkommissarin deinen Dienst antreten sollst. Herzlichen Glückwunsch!“

„Und willkommen bei der Kripo in Soest!“, fügte Hans lachend hinzu.

„Was?“ Ich benötigte einen Moment, um die Information zu verarbeiten, die Bedeutung von Dieters Worten zu erfassen. „Was fällt euch beiden eigentlich ein, mir einen solchen Schreck einzujagen?“, polterte ich los und sah die Männer, die sich wie zwei Lausebengel über einen gelungenen Streich zu freuen schienen, wütend an. „Ich hatte schon wer weiß was befürchtet!“

„Das war der Plan“, erwiderte Dieter entspannt und lehnte sich in seinem Bürostuhl zufrieden zurück, während Hans sich neben mich setzte und mir aufmunternd den Arm tätschelte.

„Und warum hat man meine Anwartschaft verkürzt?“

Hans zuckte mit den Schultern. „Wir gehen davon aus, dass dein Ermittlungserfolg im letzten Jahr den Ausschlag gegeben hat.“

„Und die Sache mit Fromme1 hat bestimmt auch weitergeholfen“, ergänzte Dieter grinsend. „Dank deiner Hilfe sind sie ihn in Dortmund ein für alle Mal los. Aber das ist alles noch inoffiziell. Also erzähle es niemandem. Und jetzt könntest du dich ruhig mal ein wenig freuen.“ Er beugte sich hinunter, zog eine Schreibtischschublade auf und holte eine Flasche Korn und drei Pinnchen hervor. „Ich finde …“

Ein heftiges Klopfen an der Tür ließ uns erschrocken zusammenfahren. Der Schnaps und die Gläser verschwanden gerade noch rechtzeitig im Schreibtisch, bevor sich die Tür öffnete und ein sichtlich aufgeregter PKA Dennis Stabler erschien.

Der junge Kollege blieb verwundert unter dem Sturz stehen und sah uns an.

„Oh, ich wollte euch nicht stören!“

„Tust du nicht. Was ist denn?“

„Ähm, Hans, da is' 'ne Leiche aufgetaucht.“

Dennis war ein wirklich netter Typ, hilfsbereit, freundlich, immer gut gelaunt. Seit einem Jahr war er Anwärter bei der Schutzpolizei. Leider gehörte er zu der Sorte Mensch, der man jede Einzelheit aus der Nase ziehen musste, um dann völlig unstrukturierte Antworten zu bekommen.

„Wann ist wo was für eine Leiche aufgetaucht?“, fragte Hans sanft.

„Ähm, Moment.“ Dennis kramte in seiner Brusttasche nach seinem Notizblock. „Heute Morgen ist eine junge Frau in einem Boot tot aufgefunden worden.“

„Und das Boot befindet sich wo?“

„Im Seepark an der Möhne. Direkt bei der Seetreppe“

„Unfall? Suizid? Mord?“

„Der Frieling aus Körbecke hat gesagt, dass die ermordet wurde.“

Ich hörte ein leises Seufzen aus Dieters Richtung.

„Und woher weiß er das so genau?“

„Weil der Oderpohl wohl joggen war und da vorbeikam, als ein Angler gerade das Boot an Land zog.“

„Okay. Unser Rechtsmediziner ist also schon da. Und den Tatort haben die Kollegen ebenfalls schon gesichert?“

„Ja, klar.“

„Danke, Dennis.“ Hans wandte sich an mich. „Du rufst die Spusi an und ich gebe eine Meldung nach Dortmund raus. In einer Viertelstunde ist Abmarsch.“

Körbecke/Seepark

Ich lenkte den Dienstwagen auf den Großparkplatz des Seeparks in Körbecke. Normalerweise hätte ich meinem knallroten UP genommen, aber ich wollte Hans und seiner Hüfte nicht die Enge meines Wagens zumuten. Als wir ausstiegen, kam ein schwarzer Van mit quietschenden Reifen neben uns zum Stehen. Vera Johannpeter, Leiterin der Forensik, winkte uns munter durch die Windschutzscheibe zu. Veras Ankündigung, in vier Monaten in Pension zu gehen, hatte in der Direktion Dortmund große Betroffenheit ausgelöst. Die kleine, mollige Frau, mit dem drahtigen, grauen Haar und der spitzen Zunge, war eine der Besten ihres Fachs, wenn nicht sogar die Beste. Sie sprang aus dem Van und scheuchte gleichzeitig ihre drei in weißen Overalls gekleideten Mitarbeiter aus dem Wagen. Sie selbst trug einen Schutzanzug in Dunkelblau. Angeblich, so behauptete sie, würde diese Farbe sie schlanker wirken lassen.

„Na, wie sieht es aus, Liebes?“

„Vera, wir sind auch gerade erst gekommen. Aber Oderpohl war zufällig in der Nähe, als die Leiche gefunden wurde.“ „Ah, das ist ja hervorragend. Dann müsste unser guter Baldur mit seiner Begutachtung bereits fertig sein. Los, Leute, bereitet schon mal alles vor. Ich komme in fünf Minuten nach. Was wisst ihr sonst noch?“

„Weibliche Leiche, liegt in einem Boot, Tötungsdelikt, wurde von einem Angler gefunden“, zählte Hans an seinen Fingern ab.

„Na dann! Und, Liebes, freust du dich?“

Ich blickte Vera erstaunt an. „Worüber? Über die Leiche?“

„Papperlapapp! Über deine Beförderung.“

„Woher weißt du das denn?“

„Es gibt nichts im Direktionsbezirk, was das Veralein nicht wüsste“, antwortete Hans mit einem merkwürdigen Unterton in der Stimme.

„Ganz genau, mein Lieber!“, erwiderte sie fröhlich und zwinkerte uns zu.

„Nur bei Fromme hattest du danebengelegen“, setzte Hans ironisch nach.

Vera verdrehte die Augen und wandte sich mir zu. „Kannst du deinem Chef mal sagen, dass er mir den Buckel herunterrutschen kann. Außerdem sollte er sich mal um seine Hüfte kümmern. Er watschelt ja wie eine Ente durch die Gegend.“ Sie griff nach ihrem Alukoffer und ging, ohne ein weiteres Wort, in Richtung der breiten, terrassenartig angelegten Seetreppe.

„Kann sie nicht einmal ihre Klappe halten?“, brummte Hans verärgert.

Ich schlenderte zu der niedrigen Hecke, die den Parkplatz vom Seepark abgrenzte. Meine Augen wanderten über das abfallende Gelände bis hinunter zum Ufer, wo das forensische Team bereits mit dem Aufbau eines Sichtschutzes begann. Trotz der frühen Stunde hatte sich eine Gruppe Schaulustiger eingefunden. Doch die großzügige Absperrung, die die Kollegen Frieling und Möller gezogen hatten, ließ mich vermuten, dass die Gaffer nicht wirklich etwas Interessantes erkennen konnten. Zudem standen die beiden Kollegen breitbeinig, die Arme im Rücken verschränkt, hinter dem Absperrband und verwarnten jeden, der es wagte, sein Handy zu zücken.

„Du weißt doch, wie sie ist. Immer ehrlich und geradeheraus“, antwortete ich. „Aber mit deiner Hüfte hat sie ja nicht ganz unrecht“, fügte ich vorsichtig hinzu.

Hans seufzte. „Morgen habe ich einen Termin zum Röntgen und CT.“

„Was sagt denn der Arzt?“

„Du weißt doch, wie sich ärztliches Fachchinesisch anhört. Habe kaum was verstanden“, brummte mein Chef unwillig. „Außer, dass es sein könnte, dass ich noch einmal unters Messer muss.“

„Das tut mir leid.“

„Und mir erst!“ Abrupt wandte er sich ab. „Mach mal Fotos von den Gaffern!“, rief er mir noch über die Schulter zu, bevor er sich, bedächtig einen Fuß vor den anderen setzend, auf den Weg hinunter zum Ufer machte.

Na Klasse! Wenn Hans ausfiel, würde ich mich wieder einmal allein mit einem Ermittlungsleiter aus Dortmund herumschlagen müssen.

Ich griff nach meinem Handy und filmte unauffällig die Gruppe der Schaulustigen. Ich wunderte mich jedes Mal, wie schnell sich Menschen selbst an abgelegenen Tatorten einfanden. Hans verglich diese Leute gern mit Schmeißfliegen, die zu Hunderten selbst kilometerweit entfernt dem Geruch der Verwesung nicht widerstehen konnten.

Hans stand wie an einem Grab, mit gesenktem Kopf und die Hände vor dem Schoß gefaltet am Heck der kleinen, weißen Jolle. Es fehlten Mast, Baum und Segel sowie das Schwert. Irgendwer hatte das Boot wohl auf den See hinausgezogen, vielleicht in der Hoffnung, dass es bei dem morgendlichen Unwetter kentern würde und seine makabre Fracht für immer im See versank. Diese Fracht war eine junge Frau, im vorderen Teil des Optimisten abgelegt und den zierlichen Körper seitlich um den Schwertkasten gewunden. Schwere, schwarze Locken bedeckten ihr Gesicht. Lediglich lugte die fahle Nasenspitze hervor. Sie trug einen weißen Rock mit üppiger Lochstickerei, eine hellrote, kurze Aran-Strickjacke und Cowboystiefel im gleichen Farbton. Ihre schmale, rechte Hand ruhte wie zufällig auf ihrem Oberschenkel und gestattete den Blick auf einen goldenen Claddagh-Ring2. Das gekrönte Herz, das von zwei Händen gehalten wurde, wies nach außen zur Fingerspitze.

„Sie ist Irin“, entfuhr es mir ungewollt.

„Ah, KKA Grothe kann jetzt schon hellsehen!“ Die ironische Bemerkung kam von Doktor Baldur Oderpohl, seines Zeichens Rechtsmediziner und im zweiten Beruf Miesepeter. Er stand seitlich mit verschränkten Armen neben dem Boot und beobachtete kritisch das Tun von Vera. „Dann wissen Sie sicherlich auch, wie die Frau ums Leben gekommen ist?“

„Guten Morgen, Dr. Oderpohl“, erwiderte ich mit einem Lächeln. „Nein, ich weiß nicht, woran sie starb. Das ist Ihr Job, Doktor“, fuhr ich liebenswürdig fort. „Und ich kann auch nicht hellsehen. Aber ich weiß, dass sie Irin und Single ist.“ Zufrieden beobachtete ich, wie sich Verwirrung auf das Gesicht des stets mürrischen, arroganten Rechtsmediziners schlich. Vera, die sich über das Bootsinnere gebeugt hatte, richtete sich überrascht auf.

„Na, dann lass uns mal an deinem Wissen teilhaben. Bis jetzt haben wir nämlich noch nichts gefunden, mit dem wir sie identifizieren könnten.“

„Ihr Ring ist ein traditionelles, irisches Schmuckstück. So wie sie ihn trägt, ist sie in einer festen Beziehung. Außerdem ihr dunkles Haar, die blasse Haut und die Aranjacke. Sie muss eine Irin sein.“

„Es gibt 2,5 Millionen Irinnen. Das schränkt die Suche nach ihrer Identität wahrlich ein“, bemerkte Oderpohl spöttisch.

„Nun lass mal, Baldur“, wies Vera ihn zurecht. „Wir sind schließlich in Deutschland und nicht in Irland, falls dir das bisher nicht aufgefallen ist. Und hier ist eine Irin mit Sicherheit eine Exotin. Erzähl lieber, wie und wann das Mädel ums Leben gekommen ist. Hattest ja reichlich Zeit, dir darüber deine Meinung zu bilden.“

Oderpohls Miene verfinsterte sich. Es schien, als wolle er etwas erwidern, besann sich jedoch. Aus einer offenen Konfrontation mit Vera konnte man nämlich nur als Verlierer hervorgehen. Er reckte seinen langen, hageren Körper

„Rigor Mortis noch nicht voll ausgeprägt. Todeseintritt vor vier bis sechs Stunden.“ Er bückte sich und hob vorsichtig die Locken an, bis der Hals der Frau sichtbar wurde. Ein feiner, blutroter Striemen hob sich von der Haut ab.

„Erdrosselt. Mit einer Garrotte?“

„Ganz genau, Kommissarin Allwissend“, fuhr mich Oderpohl an. „Ich dachte, das wäre mein Job.“

Vera gab ein leises Kichern von sich, während Hans neben mir ein Stöhnen hören ließ.

„Ich glaube, das reicht jetzt“, wies er uns ärgerlich zurecht. „Wann ist die Autopsie?“

„Heute Nachmittag um drei.“

„Gut, dann sehen wir uns. Vera, was hast du schon herausgefunden?“

„Aber Hans, ich habe doch noch gar nicht richtig angefangen. Also ein bisschen Zeit brauchen wir schon.“ Sie drehte sich um und wies mit der Hand auf einen Mann, der allein auf einer Bank am Ufer saß und auf das Wasser starrte. „Vielleicht nehmt ihr euch den Angler erst einmal vor. Der hat nämlich das Boot mit der Toten gefunden und geborgen.“

Ich hatte mich in der Zwischenzeit hingehockt und versucht, einen beschädigten Aufkleber am Rumpf des Bootes zu entziffern. „Das ist ja ein Zufall!“, rief ich ungeachtet des Gesprächs der anderen aus. „Das Boot gehört zu dem Yacht Club, in dem im letzten Jahr die drei Mitglieder ermordet wurden.“

Der Mann saß nach vorn gebeugt, die Ellbogen auf den Oberschenkeln, die Hände in nervöser Bewegung. Er war so in Gedanken vertieft, dass er erschrocken zusammenzuckte, als Hans ihn ansprach.

„Guten Tag. KHK Beckmann und KKA Grothe. Man hat uns gesagt, dass Sie die Tote entdeckt haben.“

„Ähm, ja.“ Er setzte seine Schirmkappe ab und fuhr über sein raspelkurzes, blondes Haar.

„Dürfen wir Ihnen ein paar Fragen stellen?“

„Natürlich.“

Er wollte aufstehen, doch Hans winkte ab.

„Ich setze mich mal zu Ihnen, wenn Sie erlauben.“

„Natürlich.“ Rasch rutschte er zur Seite. An seinem schmächtigen Körper schien die Anglerkleidung wie von einem größeren Bruder ausgeliehen. Die kakifarbene Funktionshose war viel zu lang, ebenso die Ärmel seines Parkers aus festem Drillich im Camouflage-Muster. Sein blasses, faltenfreies Gesicht und seine wachen, braunen Augen wollten so gar nicht mit den voluminösen Lippen, der knubbeligen Nase und den von Couperose überzogenen Wangen harmonieren. Es fiel mir schwer, sein Alter einzuschätzen.

Während die beiden Männer es sich auf der Sitzfläche gemütlich machten, darauf bedacht, sich nicht zu berühren, lehnte ich mich gegen den Stamm einer jungen Buche, die der Bank gegenüberstand, und holte meinen Notizblock aus der Tasche.

„Würden Sie uns bitte Ihren Namen und Ihre Anschrift nennen und uns dann erzählen, was Sie heute Morgen erlebt haben?“

Der Mann stellte sich als Matthias Grundmann vor, der mit seiner Frau in Körbecke lebte. Dann stockte er kurz, bevor er mit der Schilderung der Ereignisse begann.

„Wegen des aufziehenden Unwetters habe ich gemacht, dass ich zurück zum Angelklub kam.“ Er wies mit dem Arm ein Stückchen das Ufer entlang bis zu einer schmalen Bucht. „Ich war gerade unter der Fußgängerbrücke durch als mich so ein durchgeknallter Windsurfer schnitt. Wäre fast gekentert vor Schreck. Und als ich das Boot wieder im Griff hatte, habe ich etwas Weißes unter der Weide auftauchen sehen.“ Nun wies er in die andere Richtung.

Ich wandte den Kopf und konnte etwa fünfzig Meter entfernt auf der Uferböschung einen uralten Baum erkennen, dessen lange, weiche Zweige die Wasseroberfläche berührten.

„Erst wollte ich gar nicht nachsehen. Das Wetter, Sie verstehen. Aber dann erkannte ich, dass es ein kleines Boot war und dachte, dass da jemand Schutz unter der Weide gesucht hatte und vielleicht Hilfe brauchte. Ich also hin. War ein Opti ohne Mast und Segel und anscheinend leer. Erst als ich längsseits ging, sah ich dann das Mädel. Ich habe sie angesprochen und sie schließlich an die Schulter gefasst. Und da war mir klar, dass sie nicht mehr lebte. Und dann habe ich den Opti ins Schlepp genommen. Konnte das arme Ding bei dem Unwetter ja nicht da draußen lassen.“

„Sie haben also das Boot und die Tote angefasst?“

„Ja. Ging nicht anders. War das falsch?“ Sein Blick huschte nervös zwischen Hans und mir hin und her.

„Nein“, beruhigte Hans den Mann. „Es war alles richtig. Wir benötigen dann allerdings ihre Fingerabdrücke und ihre DNA, damit wir sie von anderen möglichen Spuren abgrenzen können. Wenn Sie einverstanden sind, wird jemand von der Forensik gleich die Proben nehmen.“

Matthias Grundmann nickte erleichtert.

„Dieser Surfer, von dem Sie sprachen. Kannten Sie ihn?“

„Nee.“

„Wie sah er aus?“

„Der hatte einen langen Neoprenanzug an und die Kapuze auf. Hab ihn nur von hinten gesehen. Aber es schien ein junger Mann zu sein. Schlank, mittelgroß.“

„Und das Surfbrett?“, hakte ich ein. „Wissen Sie noch, wie das Segel aussah?“

Grundmann überlegte einen Moment. „Grau, rot und schwarz. Und oben am Achterliek so ein Zeichen. Sah aus wie ein Kreis mit mehreren Zirkeln.“

„Könnten Sie es mir vielleicht aufmalen?“ Ich reichte ihm mein Notizbuch. Mit schnellen, sicheren Handbewegungen zeichnete er das Segel aufs Papier.

„So ungefähr.“

„Danke. War denn sonst noch jemand auf dem Wasser?“

„Nee. Die haben wahrscheinlich alle, außer mir, vorher den Wetterbericht gehört.“ Er zeigte ein schiefes Grinsen. „Aber um diese Zeit treibt sich außer Anglern eh keiner auf dem Wasser herum.“

„Wann sind Sie denn rausgefahren?“, übernahm Hans wieder.

„Gegen halb fünf. Da war es noch schön.“

„Und da ist Ihnen das Boot unter der Weide nicht aufgefallen?“

„Nee. Hab auch nicht in die Richtung geschaut.“

„Haben Sie irgendetwas Ungewöhnliches bemerkt?“

„Nee. Ich angle immer in der Nähe vom Linkturm. Und da war keine Menschenseele. Darum hatte ich mich so erschreckt, als der Surfer plötzlich auftauchte. Und das Körbecker Becken kann man von dort nicht einsehen.“

„Eine letzte Frage noch. Wo waren Sie zwischen drei und halb fünf Uhr?“

Grundmann sah mich verwirrt an. Dann wurde ihm klar, worauf meine Frage abzielte.

„Sie glauben doch nicht, dass ich …“ Empört richtete er sich auf.

„Wir müssen jeden fragen, mit dem wir bei den Ermittlungen ein Gespräch führen“, versuchte ich ihn zu beruhigen.

„Na, wo werde ich wohl gewesen sein? Zu Hause! Könn‘ Se meine Frau fragen.“

Günne/Yacht Club

„Was hältst du von dem Angler?“, fragte Hans, als wir in den Wagen stiegen und uns auf den Weg zum Yacht Club machten.

„Ich glaube nicht, dass er etwas damit zu tun hat. Andererseits war er zur fraglichen Zeit auf dem See. Und er sagt ja selbst, dass er niemanden gesehen hatte, also wird auch ihn niemand gesehen haben. Davor war er angeblich zu Hause. Doch als Zeugin hat er lediglich seine Ehefrau angegeben. Also, was sein Alibi betrifft – nicht unbedingt vertrauenswürdig.“ Ich bog auf die Seestraße Richtung Günne ein. „Wir müssen nachprüfen, ob er die Tote vielleicht kannte.“

„Dafür müssen wir aber erst wissen, wer sie ist.“ Hans bemühte sich, mit einem leisen Stöhnen, eine bequemere Sitzposition zu finden. „Ist denn schon jemand an diesem Club?“

Ich berichtete ihm von Henrich Kemper, Hausmeister und Pächter der clubeigenen Gastronomie sowie Sauerländer Urgestein.

„Ach, das ist der, den Fromme damals auf dem Kieker hatte?“

„Ganz genau. Und bei dem man immer frischen Kaffee, Schnittchen und Gebäck bekommt.“

Ich freute mich schon darauf, Henrich wiederzusehen. Nicht nur, dass ich den rothaarigen Hünen gern mochte, sondern es gab da auch ein Geheimnis zwischen uns, das wir beiden seit einem Jahr hüteten wie unseren Augapfel. „Weißt du schon, wen die uns aus Dortmund schicken werden?“

Hans zuckte mit den Schultern. „Die in Dortmund kommen gerade vor Arbeit nicht in den Schlaf. Scheint, als hätten Morde im Augenblick Hochkonjunktur.“

Ich hielt vor dem zweiflügligen Einfahrtstor, stieg aus und betätigte die Klingel.

„Joo?“, rauschte die tiefe Stimme eines Mannes durch die Gegensprechanlage.

„Henrich? Fenja Grothe hier. Lässt du uns rein?“

„Kerr, wenn das gezz nich mein Glückstach iss“, kam die begeisterte Antwort und das Tor schwang langsam auf.

Ich lenkte den Wagen über den Parkplatz bis zu einem schmalen Teerweg, der zum Ufer und den Clubgebäuden führte. Vorsichtig steuerte ich das steile Sträßchen hinunter, rechts von uns ein baumbestandener Steilhang und links, gut zehn Meter tiefer, das in der Sonne grünlich leuchtende Wasser der Möhne. Ich stellte den Wagen neben einem Kinderspielplatz ab und wir stiegen aus. Henrich wartete bereits freudestrahlend auf der Terrasse, ein Tablett mit zwei Kaffeebechern und einer gut gefüllten Platte mit Schnittchen und Gebäck balancierend.

„Morgen!“, rief uns der hünenhafte Mann mit den feuerroten Haaren zu. „Wen hasse denn da mitgebracht?“

„Guten Morgen, Henrich. Das ist mein Chef, KHK Hans Beckmann.“

Henrich nickte Hans lächelnd zu, doch sein Blick wurde wachsamer, distanzierter. Ich wusste genau, was in Henrichs Kopf vorging. Er hatte die Befürchtung, dass ich unser Geheimnis preisgegeben hatte.

„Wir kommen wegen eines der Clubboote. Um genau zu sein, einem Optimisten, den wir in Körbecke gefunden haben.“

Vorsichtig stellte Henrich das Tablett auf einem der Terrassentische ab. Als er sich uns wieder zuwandte, lagen in seinen Augen Erleichterung und die gewohnte Herzlichkeit, die er stets bereit war, seinem Gegenüber zu schenken.

„Na, bei dem Problemken kann ich sicher helfen“, erwiderte er lachend. „Abba erst ma gönnen wa uns en Käffken und en paar Teilkes, woll.“

„Ähm, …“, setzte Hans an, doch ich unterbrach ihn.

„Dann machen wir jetzt eine größere Frühstückspause und lassen Mittag ausfallen“, schlug ich ihm vor. „Außerdem, wo hast du schon mal beim zweiten Frühstück einen so tollen Ausblick genießen können?“ Mit einer ausholenden Geste wies ich auf das dicht bewaldete, gegenüberliegende Ufer, das Wasser, auf dem kleine Wellen tanzten, und die gedrungenen, mächtigen Türme der Sperrmauer.

Hans sah Henrich kritisch nach, als dieser im Clubhaus verschwand.

„Ist der immer so?“

„Ja. Das heißt, nein. Er kann auch ganz anders, wenn er will“, erklärte ich lachend.

Hans trat an die Hafenmauer und blickte hinunter. „Ganz schön groß, dieser Club.“

„Über hundert Boote“, bestätigte ich und stellte mich neben ihn. Auf dem breiten Steg direkt unter uns lagen mehrere Optimisten ordentlich aufgereiht, mit dem Kiel nach oben. Eine Stelle war jedoch frei.

„Schau mal, Hans. Scheint, als ob eines der Boote fehlt.“

„Na, dann ist eine unserer ersten Fragen schon beantwortet.“

„Isse?“ Henrich stellte den Kaffeebecher auf den Tisch und trat neben mich. „Verdammich!“, entfuhr es ihm. „Da is ja eins wech. Hab gestern gegen zehn die letzte Runde geschoben und da war es noch da. Muss jemand inner Nacht geklaut ham.“

Nach unserem hervorragenden zweiten Frühstück verabschiedeten wir uns von Henrich und gingen zurück zum Wagen.

„Der Angler hätte den Optimisten bequem vom Steg herunterholen und dann irgendwo hinschleppen können.“ Ich rutschte hinter das Lenkrad.

„Wie jeder andere, der mit einem Boot unterwegs war“, gab Hans zu bedenken und schnallte sich an. „Aber ich gebe dir recht. Dass er die Tote gefunden hatte, könnte ein Ablenkungsmanöver sein. Wir sollten uns diesen Matthias Grundmann mal etwas genauer anschauen. Aber erst einmal müssen wir die junge Frau identifizieren.“

Ich bog auf die Linkstraße ein und beschleunigte, als sich mein Telefon meldete.

„Grothe!“

„Dieter hier“, rauschte es durch die Freisprechanlage. „Hier ist eine Frau aufgetaucht, die ihre Nichte als vermisst melden möchte. Die Frau heißt Susan Connery und ist Irin.“

Soest/Kreispolizeibehörde

Eine Viertelstunde später betraten wir das Revier. Auf einem der Besucherstühle im Empfangsbereich saß eine zierliche Frau mit langen, schwarzen Locken. Sie hob den Kopf, als sie uns kommen hörte und zwei leuchtend blaue Augen musterten uns. Dass sie mit unserem Opfer verwandt war, stand für mich sofort außer Frage. Sie war das perfekte Ebenbild des toten Mädchens, lediglich einige Jahre älter.

Nach der Begrüßung meinte Hans, dass ich das Gespräch führen solle und verschwand in seinem Büro. Super. Nun lag es allein bei mir, die Todesnachricht zu überbringen. Ich führte die Frau in unsere Kemenate, einen kleinen Raum, den wir für Gespräche mit Angehörigen nutzten. Er war nicht besonders gemütlich, aber dem kalten, spartanisch eingerichteten Verhörzimmer allemal vorzuziehen. Ich bat Susan Connery auf dem lindgrünen Sofa Platz zu nehmen. Ich selbst wählte einen frei schwingenden Polsterstuhl ihr gegenüber.

„Frau Connery, man sagte uns, dass Ihre Nichte verschwunden sei.“

„Ja. Keela wollte gestern Abend in Soest einen Club besuchen und ist nicht wieder aufgetaucht. Sie wollte ins Maniac.“

Alles drängte sich in mir, der Frau von der Toten im Boot zu berichten, aber da die Gefahr bestand, dass sie danach vielleicht nicht mehr in der Lage wäre, meine Fragen zu beantworten, musste ich zunächst so viele Informationen wie möglich von ihr bekommen.

„War sie dort allein?“

„Nein. Die Tochter unserer Nachbarin ist mitgefahren.“

„Frau Connery, Sie sprechen ein hervorragendes Deutsch. Leben Sie schon lange hier?“

„Nein.“ Eine leichte Röte huschte über ihre Wangen. „Erst seit sechs Monaten. Ich bin Simultandolmetscherin für Deutsch und Englisch.“

„Ach darum. Und wie lange lebt Keela in Deutschland.

„Seit zwei Monaten. Offiziell ist sie als Au-pair bei uns.“

„Bei uns?“

„Ja, meinem Freund, Markus Althaus und mir.“ Sie errötete noch tiefer. „In fünf Monaten bekommen wir unser erstes Baby und Keela sollte mich in der Schwangerschaft und den ersten Monaten unterstützen.“

„Gab es mit Keela Probleme? Ist sie zum Beispiel schon einmal weggelaufen? Oder hatten Sie Streit mit ihr?“

Susan Connery zeigte ein leichtes Lächeln. „Nein. Mit Keela kann man gar keinen Streit bekommen. Sie ist ein so fröhliches, herzensgutes Mädchen. Nie und nimmer würde sie einfach weglaufen oder fortbleiben, ohne Bescheid zu geben.“

Ich kannte diese oder ähnliche Behauptungen zur Genüge, wenn es um das Verschwinden von Teenagern ging. Niemand gab gern zu, dass er Stress mit seinen Kindern hatte. Doch in diesem Fall sagte die Frau, die mir gegenübersaß, tatsächlich die Wahrheit.

„Wie alt ist Keela?“

„Neunzehn.“ Susan Connery kramte in ihrer Tasche und zog ein Foto heraus. „Das Bild von ihr habe ich vor zwei Wochen aufgenommen.“

Ich griff nach dem Foto und betrachtete es. Es bestand kein Zweifel mehr, dass in dem Boot, von einer Garrotte getötet, Keela McCauley gelegen hatte. Ich suchte Susans Connerys Blick. Jetzt war es an der Zeit, ihr von dem Tod ihrer Nichte zu erzählen. Ein Hinauszögern war nicht mehr möglich.

„Frau Connery, wir haben heute Morgen eine junge Frau tot aufgefunden“, begann ich sanft und warf einen Blick auf das Mädchen in der roten Aran-Jacke, das mir fröhlich vom Foto aus zulächelte. „Wahrscheinlich handelt es sich um Keela.“

Die Frau mir gegenüber legte den Kopf schief, versuchte, das, was ich gerade gesagt hatte, einzuordnen. Dann begriff sie. Ihre Augen weiteten sich, wurden dunkel vor Trauer und Leid. Ihre Hand hob sich zum Mund, den Schrei, der sich seinen Weg über ihre Lippen bahnte, zu einem merkwürdigen Gurgeln abschwächend.

Ich erhob mich und setzte mich neben sie. Vorsichtig legte ich Keelas Foto auf ihren Schoß. Sie ergriff es, umklammerte es so fest, dass die Handknöchel weiß hervortraten. Ihr Kopf neigte sich und ich sah eine Träne, die sich aus ihrem Augenwinkel löste, den Nasenrücken entlangfuhr und schließlich auf das Bild hinuntertropfte.

So saßen wir beiden eine Weile ruhig beieinander, ich mit einem schrecklich großen Kloß im Hals und sie still vor sich hin weinend.

Schließlich hob sie den Kopf und sah mich an. „Kann ich sie noch einmal sehen?“

„Ja, natürlich. Sie müssen Keela offiziell identifizieren.“

„Hat sie gelitten?“

„Nein, es spricht gegenwärtig nichts dafür“, antwortete ich ausweichend. „Darf ich Ihnen noch einige Fragen stellen, die für die Ermittlungen wichtig sein könnten?“

„Ja. Natürlich. Ich will, dass Sie den, der ihr das angetan hat, finden.“

„Danke. Kann ich Ihnen vielleicht etwas zu trinken anbieten? Einen Kaffee oder ein Glas Wasser?“

Susan Connery schüttelte den Kopf. „Bitte, lassen Sie es uns so schnell wie möglich hinter uns bringen.“

Ich erhob mich und setzte mich zurück auf den Polsterstuhl. „Frau Connery, wir benötigen den Namen von Keelas Freundin und anderen Personen, mit denen sie regelmäßig Kontakt hatte, sowie die Handynummer ihrer Nichte.“

Ohne Zögern nannte sie zwei Namen und eine Telefonnummer, die ich rasch notierte.

„Hatte Keela einen Freund?“

„Nicht hier in Deutschland. In Irland schon. Wenn sie dorthin zurückkehrte, sollte die Verlobung stattfinden.“

„Gab es jemanden, mit dem sie Streit hatte. Wurde sie vielleicht gestalkt?“

„Nein. Ganz bestimmt nicht.“

„Können wir morgen früh bei Ihnen vorbeikommen? So gegen neun. Wir würden gern mit Ihrem Lebenspartner sprechen und uns Keelas Zimmer ansehen.“

Die Frau nickte zustimmend. „Markus wird da sein. Und unser Haus steht Ihnen jederzeit offen.“

„Danke, Frau Connery. Sollen wir jemanden für Sie informieren oder möchten Sie, dass ein Kollege Sie nach Hause fährt?“

„Nein. Ich möchte jetzt für mich allein sein, bitte.“ Sie erhob sich und reichte mir die Hand. „Danke, dass Sie sich um Keela kümmern.“ Sanft legte sie ihre linke Hand auf meine. Ein goldener, mit Diamanten besetzten Claddagh-Ring funkelte auf ihrem linken Ringfinger. Also war Markus Althaus nicht nur ihr Freund, sondern ihr Verlobter. „Und wenn ich zu Keela darf, melden Sie sich bitte.“

Hans Beckmann übernahm die Leitung unserer ersten Fallbesprechung, da der Ermittlungsleiter aus Dortmund immer noch nicht eingetroffen war. Dieter Winter hatte uns Dennis Stabler sowie zwei weitere uniformierte Kollegen, die POKs Tessa Beilke und Nicolas Baur zur Seite gestellt und sich angeboten, solange wie niemand von der Mordkommission aus Dortmund auftauchte, selbst mitzuhelfen. So saßen wir zu sechst im Besprechungsraum und Hans verteilte die Routinearbeiten. Dennis sollte sich im Maniac umschauen und die Bänder vorhandener Überwachungskameras besorgen. Dieter würde gemeinsam mit Tessa Beilke Informationen über Keela, Susan Connery, Markus Althaus und unseren Angler sammeln, während Hans bei der Staatsanwaltschaft die Genehmigungen für die Funkzellenabfrage am Yacht Club und der Seetreppe, die Einsicht in Keelas Verbindungsnachweise sowie die Erstellung ihres Bewegungsprofils beantragen würde. Auch musste er sich sputen, rechtzeitig bei der Obduktion zu erscheinen. Nicolas Baur wurde beauftragt, den unbekannten Surfer ausfindig zu machen. Und für mich blieben nur noch die Befragungen von Anne Schulz, dem Mädchen, mit dem Keela im Maniac gewesen war, und Stella Wohlmut, die ebenfalls in der Nachbarschaft von Susan Connery und Markus Althaus lebte.

„Aber ruf dort vorher an“, ermahnte mich Hans.

Ich hätte fast vor Freude über meine Aufgabe ein lautes Yepp ausgestoßen, konnte mich aber gerade noch zügeln.

Körbecke/Eibenweg

Gutgelaunt stieg ich in meinen UP. Ich war so froh, der langweiligen Schreibtischarbeit entrinnen zu können, dass ich auf dem Weg in Richtung Möhne das Radio laut auf WDR4 stellte und die Texte der Songs lauthals mitsang. Ich fuhr die B229 hinauf zur Haar. Oben angekommen, öffnete sich mir der Blick auf das üppige Grün des Arnsberger Waldes und das idyllisch daliegende Möhnetal. Über die kurvenreiche, von Bäumen dicht begrenzte Straße ging es hinunter bis zur Delecker Brücke. Das weiße Ausflugsschiff Möhnesee, das den Sommer hindurch Touristen über das Westfälische Meer schipperte, legte gerade in der Nähe der Brücke an. Ich folgte der südlichen Uferstraße und erreichte schließlich in Höhe der Körbecker Fußgängerbrücke den Abzweig in den Eibenkamp. Nun ging es steil bergauf bis zu einem Wendehammer, in dem Parkbuchten ausgewiesen waren. Dort stellte ich meinen Wagen ab und ging die wenigen Meter zum Haus Nummer 23 zu Fuß. Zwischen einer dichten Eibenhecke fand ich den Durchgang zu dem Grundstück und blieb auf der gekiesten Einfahrt einen Moment beeindruckt stehen. Vor mir erhob sich ein zweistöckiges Gebäude, das aussah, als hätte ein Riese mit Bausteinen gespielt, zwei gewaltige Quader aufeinandergelegt und danach verschoben. Langsam bewegte ich mich, von üppig blühenden Rabatten begleitet, auf den Eingang zu, einer monströsen Kombination aus zwei Rauchglaselementen, und drückte auf einen schlichten Messingklingelknopf. Eine wohltönende Quint erklang. Einen Augenblick später schwebte eine der Glasflächen zur Seite und eine hochgewachsene, elegant gekleidete Frau mit blondem Haar, das sie zu einem lockeren Dutt im Nacken trug, erschien.

„Sie sind sicher Kommissarin Grothe“, empfing sie mich lächelnd. „Guten Tag. Treten Sie doch bitte ein. Ich bin Larissa Hoffmann-Schulz, Annes Mutter.“

Mehrere goldene Bettelarmreifen klirrten leise, als sie mir ihre schmale, langfingerige Hand reichte. Ich folgte ihr durch eine mit dunklem Holz ausgelegte Diele zwei Stufen hinauf in ein lichtdurchflutetes Wohnzimmer, das sich über die gesamte Längsseite des Hauses zog. Links von mir breitete sich eine imposante Polsterlandschaft aus, während rechts ein minimalistischer Esstisch mit Schwingstühlen für zwölf Personen Platz bot. Doch der absolute Hingucker war der gläserne Kamin, der in die großflächige Panoramascheibe eingearbeitet worden war. Davor standen zwei gemütlich aussehende Ohrensessel in einem leuchtenden Mittelblau.

„Kann ich Ihnen etwas anbieten? Tee, Kaffee, Wasser?“

„Danke sehr, aber ich denke, dass das Gespräch mit Ihrer Tochter nicht allzu lange dauernd wird.“

„Gut. Wie Sie möchten. Nehmen Sie doch bitte Platz. Ich sage Anne Bescheid.“

Anne war ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Großgewachsen, blondes, langes Haar. Einzig die Kleidung ließ mich einen Moment innerlich schmunzeln. Ein ausgebeulter, zitronengelber Pullover, dessen übergroßer Ausschnitt über die Schultern gerutscht war und eine Boyfriend-Jeans mit breiten Cuts auf den Schenkeln ließ von ihrer sicherlich guten Figur nichts erahnen. Sie war barfuß, die Zehennägel in einem leuchtenden Violett lackiert.

Hätte ich einen vor Trauer hysterischen Teenager erwartet, wäre ich jetzt enttäuscht worden.

„Hey!“ Lächelnd kam sie auf mich zu und streckte mir ihre Hand entgegen. „Sie sind also Kommissarin. Wie spannend! Ich bin Anne.“ Dann musterte sie mich von oben bis unten. „Sorry, wenn ich jetzt übergriffig werde, aber warum ziehen Sie sich so farblos an?“

Ich blickte erstaunt an mir herunter. Blue Jeans, ein weißes T-Shirt und eine rehbraune, kurze Lederjacke – Was war daran nicht in Ordnung?

„Mit Ihren blonden Locken, blauen Augen und der guten Figur sollten Sie Royalblau, Smaragdgrün oder Rubinrot tragen. Dann sind Sie der absolute Hingucker“, plapperte sie munter weiter. „So alt sind Sie doch noch nicht, dass Sie sich verstecken müssten.“

Ich lachte laut auf. „Anna, woher haben Sie Ihre Weisheiten?“, fragte ich immer noch lachend.

„Och, ich studiere seit zwei Jahren Modedesign“, erwiderte sie gelassen und ließ sich in eine Ecke der Polsterlandschaft fallen.

Ich setzte mich ihr gegenüber. „Nun, wenn ich mal Hilfe beim Stylen benötige, dann melde ich mich gern. Aber ich bin heute nicht hier, um mir Modetipps abzuholen. Es geht um Keela.“

Anne nickte und wurde ernst.

„Gestatten Sie mir ebenfalls eine übergriffige Frage? Ihre Freundin wurde getötet. Woher dann diese Munterkeit?“