Drei Wochen Juli - Ilvi Frey - E-Book

Drei Wochen Juli E-Book

Ilvi Frey

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Beschreibung

Drei Wochen Juli ist eine schnelle Geschichte. Sie baut den Konflikt um Susanna und Josh auf und bleibt an ihm dran, hält sich nicht lange an Nebenhandlungen auf. Jeder der Charaktere verleibt der Liebesgeschichte seine Seele ein und gibt ihr damit viele verschiedene Gesichter. Sie wird intelligent frech erzählt, witzig und charmant, alles andere als kitschig. Sie ist nicht auf den Mund gefallen, erhebt nicht ihren Zeigefinger und soll allen, die sich auf sie einlassen, Lust machen, das Abenteuer Liebe zu wagen, egal auf welches es sie mitnehmen möchte.

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Seitenzahl: 350

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Meinem Mann, meinen Jungs, meiner Familie & Ira

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

1

Marie sitzt auf meinem Stuhl. Ich fixiere sie durch den Spiegel hindurch. Sie dreht sich; dreht sich langsam hin und her, scrollt durch meine Playlist. Ihre Stirn hat sie in zarte Falten gelegt, ihre Augen wundern sich über mich, erinnern mich an damals, als ich ihr das erste Mal begegnete. Sie trug ein rosafarbenes Ballerina Kleid, weiße Rüschensocken in schwarzen Lackschuhen und an ihrem Handgelenk klimperten neonfarbene Plastikarmreifen. Ihre Fingernägel hatte sie rot angemalt, ihre Lippen auch. Sie stand vor mir, begutachtete mich in meiner blau weiß gestreiften Latzhose, mit eben diesem Blick. Egal wie sehr jeder von uns beiden versucht hatte an unserem ersten Kindergartentag unsere Persönlichkeit zu demonstrieren, spürten wir schnell, dass wir maximal unpassend gekleidet waren. Am Ende waren es unsere Mütter, die sich anhören mussten, dass Latzhosen wunderschön, aber furchtbar Toilettenuntauglich wären, vor allem in dringender Lage und das Ziel, Prinzessinnen Kleider vor Essens-, Knet- und Sandbeschmuddelungen zu beschützen schier unmöglich. An der einen Hand uns und in der anderen eine Tüte mit eingesudelten Klamotten, gingen wir nach Hause.

Bis heute weiß ich nicht, warum Marie und ich Freundinnen wurden. Vielleicht war es die Tatsache, dass Marie am nächsten Tag trotz aller Erfahrungswerte im gewaschenen Barbie Outfit erschien, während meine Mutter mich erfolgreich in eine Hose mit Gummizug gesteckt hatte – unter Protest, aber sie hatte es getan. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihr ICH zu leben schien, war in meiner bis dato einseitigen Mutter-Kind-Sozialisation neu. Sie faszinierte mich und mein Protest wurde lauter, drang in jede einzelne Faser meines Lebens. An den Dingen, die mir zunehmend zuwider wurden, fand Marie proportional steigend Gefallen. Sie liebte mein überfülltes Spielzimmer, den Chichi meiner Mutter, das ausgefallene Essen, das sie kochte, ihre Kleider… Sie war am liebsten bei mir und ich bei ihr, was zu einem gerechten Wechsel in Wochenendübernachtungen führte. Ich kann mich kaum an einen Freitagabend erinnern, der nicht mit uns startete, noch an einen Sonntagabend, der mit uns endete.

Marie und ich sind keine Freundinnen, wir sind gewordene Schwestern, die nicht mit, aber auch nicht ohne einander können. „Gott Susanna! Ich würde alles mit dir tauschen! Bis auf dein Gehirn! Es muss furchtbar anstrengend sein, mit so einer Masse zu leben, wie sie bei dir da oben drin klemmt!“

Danke Marie!

In deinem Gehirnfeuerwerk will ich auch nicht stecken! Mir reicht, dass ich es seit Jahren jeden Tag erleben darf.

„Susanna?“ Marie schaut zu mir hoch. „Dieser Song, der von Lamb: ‚Wenn ich in diesem Moment sterben müsste, hätte ich keine Angst, weil es sich noch nie so angefühlt hat, eins zu sein!‘“ Sie seufzt, starrt in mein Spiegelbild. „Glaubst du daran?

Dass es diesen einen Menschen gibt? Der einem dieses Gefühl der Vollkommenheit geben kann?“

„Keine Ahnung!“ Ich greife meine Haare zusammen, halte sie in verschiedenen Variationen nach oben.

„Du glaubst es! Dieser Song ist…, lass mich lügen: 20 Mal auf deiner Playlist!? Du hörst ihn rauf und runter!“

„Es ist die Melodie, die ich mag, der Text ist mir…“

„Bullshit!“

Ich verdrehe die Augen, entziehe mich ihrem Blick, wende ihn auf mein Kleid.

„Susanna?“

„Mmmm?“

„Kannst du dich an unseren Schwur erinnern?“

Für einen Minimoment halte ich inne, drehe mich zu ihr rum.

„Das ist ewig her!“

„Einen Schwur darf man nicht brechen!“ Teufelshörner drücken sich durch Maries Kopfdecke, spitzen sich auf mich zu. Ich ignoriere sie, blicke zurück zum Spiegel. „Man darf! Weil es sich um die Gehirne neunjähriger Mädels gehandelt hat, die aufgrund ihrer Hormonüberschwemmung vor jedem Gericht dieser Welt als unzurechnungsfähig freigesprochen werden würden!“

„Wir waren glasklar!“

Ich schmunzle. „Maulsperre im Gesicht, Glubschaugen, Gehörgang dicht! Das nennst du klar?“

Marie schnappt sich die Zeitung von meinem Schreibtisch, schlägt sie vor ihrem Gesicht auf. „Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt, wenn du über der heißen Glut der Hölle zappelst, um Vergebung bettelnd!“

Ich seufze. „Findest du das Kleid…“

„Es sei denn… Susanna! Hör zu!

Der Einfluss der Sterne beschert dir eine mega Anziehungskraft. Mach es wie Schneewittchen und verliere einen deiner Schuhe…“ Sie reißt die Zeitung nach unten. „Du musst auf dein Horoskop…“

„Marieeee…“, funkelnd blicke ich sie durch den Spiegel hindurch an.

„Was? Das steht hier!“

„Nur, dass die von der Zeitung zu 100-prozentiger Sicherheit wissen, dass es nicht Schneewittchen war, die ihren Schuh verloren hat!“

„Egal, wer‘s war! Tatsache ist, dass deine Sterne…“

„Marie bitte! Sag mir lieber, was du hierzu meinst.“ Ich schwinge herum, postiere mich vor ihr, lächle. Sie legt die Zeitung auf den Schreibtisch, richtet sich auf. Ihre klebrig schwarz getunkten Wimpern verdichten sich, legen sich wie ein Netz vor ihre Augen, erlauben ihnen eine Minispaltbreite an Lichtzufuhr.

In Schieflage kriechen sie über mich, scannen jede einzelne Faser meines Kleides. Sie kommt auf mich zu. Ihre Handballen schmiegen sich unter meine Brüste, drücken sie nach oben zusammen. Beißend stechende Dämpfe durchziehen meine Nase.

„Ist der Lack trocken? Kein Bock auf rote Striemen im Kleid!“

„Purpurne!“

Ich verdrehe die Augen. „Was machst du?“

Sie zieht ihren Kopf ein Stück zurück, spitzt ihre Lippen, blickt von unten, blickt von oben. „Du solltest einen BH tragen, der deine Pracht zur Show zu stellen vermag. Eine Schande! Du könntest einen mega geilen Oberpopo haben!“

„Das ist keine Peepshow, zu der ich gehe!“

„Du hast dein Horoskop gehört, deine Sterne…“

„Marie, du nervst! Wie alt?“

Sie lässt von meinen Brüsten ab, setzt sich auf mein Bett und grinst. „MIT Oberpopo…!“

Mein Blick fällt zurück auf den Spiegel. „Vergiss es!“ Ich drehe mich links, drehe mich rechts, knicke meine Hüfte und tippe mit dem Zeigefinger gegen meine Lippen. „Obwohl…“

„Hey, was machst du?“

„Nach was sieht‘s aus?“

„Warum? Das sah toll an dir aus!“

„Eine Spur zu sexy.“

„Du hast Probleme! Ich würde auch gerne zu so ‘ner Charity Dingsbums Party gehen. Irgendeinen süßen Millionär kennen lernen, mich verlieben und happily ever after leben.“

Marie lässt sich auf mein Bett fallen, lächelt verklärt die Decke an.

„Glaub mir, möchtest du nicht! Verdammt, wo ist der? Er hing zwischen diesen beiden Kleidern!“ Ich reiße einen Bügel nach dem anderen über die Stange.

„Geh so! Sexy Dessous – reizvoll!“ Marie faucht wie eine Katze, krallt ihre Hand in meine Richtung! „Bis auf die Push - Kraft.“

„Marie!“

„Was? Die Männer würden sabbern.“ Sie kichert, lässt ihre Zunge hektisch hin und her schlackern.

„Geht’s noch? Du weißt, dass ich nicht wegen den Männern dahin gehe! Außerdem setzt sich der Nachwuchsbestand aus arroganten Schnöselis zusammen; von Beruf Sohn. Voll die Honks.“

„Glaub ich nicht, ICH denke…“

„Du willst es nicht glauben! Du kennst diese Typen nicht…“

„Ja, ja ich weiß: Lackierte Äffchen, die sich für etwas Besseres halten, meinen, die Welt verstanden zu haben; Hauptsache reich und sexy, oberflächlich bis zum Abwinken, kein Tiefgang…

Blablabla. Du wiederholst dich, Susa! Wenn jemand so über dich reden würde, ohne, dass er dich kennt… Gerade Du solltest wissen, dass man nicht alle über einen Kamm ziehen kann.“

„Scheren!“

„Was?“

„Es heißt SCHEREN! Alle über einen Kamm scheren!“

„Ziehen, scheren… Gib zu, dass ich Recht habe. Du hast aus Prinzip kein Bock auf die überaus attraktive, hoch gebildete High Society Regatta.“

Ich verdrehe die Augen. „Bei dir ist auch jeder Profifußballer per se sexy!“

„Hä? Was hat das mit Fußball zu tun? Aber keine schlechte Idee, im nächsten Leben werde ich Spielerfrau!“

„Warum erst im nächsten?“

„Egal, dein Horoskop…

„Verlieben steht nicht auf meinem Plan!“

„Sowas plant man nicht, das passiert! Du solltest…“

„ICH.

WILL.

KEINEN.

FREUND!

KLAR?

Sag mir lieber, wo dieser verfluchte Hosenanzug hin ist, ich erfriere!“ Ich schlinge meine Arme um meinen Körper, reibe meine Hände über sie. „Ich hätte die Heizung anmachen sollen!“

„Es ist Sommer!?“

„Ein scheiß Sommer!“

Marie raunt. „Heiße Gedanken helfen!“

Ich seufze, schweige still.

„Frag deine Mutter, vielleicht…“

„Meine Mutter…“, ich drehe mich zu Marie, blicke sie an, ohne sie wirklich dabei anzuschauen, als wäre sie durchsichtig. „Die wird doch nicht etwa…, nein! Das würde sie nicht wagen…“

„Redest du mit mir?“

„Warte, bin gleich wieder da.“ Ich reiße meine Zimmertür auf.

Meine Füße überschlagen sich auf dem Weg nach unten.

„MAMA?“

„Bin in der Küche!“ Auf halber Strecke kommt sie mir entgegen.

„Mama, weißt du zufällig, wo mein schwarzer Hosenanzug hin ist?“ Ich stehe vor ihr, halb nackt, meine Hände vor der Brust verschränkt, meinen Kopf in leichter Schieflage, kneife ich meine Augen zusammen, funkle sie an. Sie lächelt.

„Susanna, Schatz!“

Was ist ‘n das für ‘n beschissener Säuselton?

Susanna Schatz…

„Der war aus der Mode, partout nicht salonfähig! Ich habe ihn weggetan!“

„Wie WEG?“ Meine Muskeln spannen sich an, drücken alles Blut in meinen Kopf.

„In die Altkleidersammlung!“ Sie dreht sich um, wackelt zurück in die Küche.

„SPINNST DU?“

„Susanna! Schrei mich bitte nicht an! Kauf dir was Neues, irgendetwas… Schickes.“

„Und wie ich schreie! Du kannst nicht Klamotten von mir wegtun, ohne mich zu fragen! Geht’s noch?“ Ich reiße meinen Körper herum, schmeiße die Küchentür hinter mir zu.

„Es gibt gleich essen!“, ruft mir meine Mutter hinterher.

„Mir ist der Appetit vergangen!“, plärre ich zurück, stampfe jede Treppenstufe einzeln hoch in mein Zimmer.

„Puh, was geht ‘n bei euch da unten?“

„Genau DAS ist der Grund, warum ich hier weg muss! Auf eigenen Beinen stehen, leben, wie ICH es will.“

„Okayyyy…“

„Schmeißt die mir nichts dir nichts Klamotten von mir weg, weil sie sie nicht für STANDESGEMÄß hält! Die spinnt!“

„Was machst du, wie so ‘ne wild gewordene Furie?“

„Ich packe meine Abendklamotten zusammen. Wir gehen zu dir!“

„Ich dachte, wir essen hier!“

„Glaubst du wirklich, dass ich Bock auf ‚Hier Essen‘ habe?“

„Schade, deine Mutter kann sooooo gut kochen!“

„Marie, bitte!“

„Was ziehst du heute Abend an?“

„Das, was ich eben anhatte!“

„Also doch!“ Marie klatscht in die Hände. „Das sah toll an dir aus, glaub mir! Bomben Trinkgeld Garantie!“

„Die Charity Gala ist keine Kneipenveranstaltung! Da gibt es kein Trinkgeld.“

„Dafür süße Millionärserben…“, Maries Stimme tänzelt um ihre Worte herum. „Trinkgeld all inclusive…, ein Leben lang…“

„Ich sag dir, wenn meine Eltern sich heute Abend nicht an unsere Vereinbarung halten…, wehe, meine Mutter erzählt überall rum, dass ich eine der ‚reizenden‘ Servicekräfte bin oder spricht mich gar an, dann…, dann…“, ich reiße meine Jeans nach oben, schwinge mein T-Shirt über.

„Was dann? Warum tust du dir das an, dein Vater…“

„Das scheiß Geld meines Vaters interessiert mich nicht. Abgesehen davon, ich vermute, dass er mir jegliche Unterstützung verwehren würde, wenn er wüsste, was ich vorhabe.“

„Deine Eltern wissen nichts von Deinen Plänen?“

Marie richtet sich in meinem Bett auf, reißt ihre Augen in Maximalgröße auf mich.

„Welch blöde Frage! Bei aller Liebe, ich begebe mich nicht freiwillig in eine ihrer legendären Diskussionsfoltern. Ich kann sie förmlich hören: ‚Susanna, Liebes, das ist nicht das Richtige für Dich, so was hat keine Zukunft. Möchtest du nicht eine Familie, Kinder? Nein, schlag dir das lieber aus deinem hübschen Köpfchen…‘, Blablabla.“

„Ja“, Marie seufzt. „Vielleicht ist es besser, ihnen nichts zu sagen. Außerdem, wer weiß, was sein wird.“

„Was soll sein?“

„Keine Ahnung, das sagt man so!“

Ungläubig blicke ich sie an: „Tut man das?“

„Trotzdem: Ich kann mir nicht vorstellen, dass deine Eltern dir jegliche Unterstützung verwehren würden. So krass sind die nicht! Warte!“ Sie kramt in ihrer Tasche, fummelt an ihrem Handy herum und hält es mir vor die Nase. „Hier!“

Ich zucke zurück. „Was ist das?“

„Ein Artikel aus der In & Out!“

„Du liest die In &Out?“

„Geil, ‘ne? Und überhaupt, tu nicht so schockiert!“

„Stimmt, war ‘ne blöde Frage, ich hätte es besser wissen müssen.“

„Nenn, mir einen, der nicht die In & Out durchblättert, außer dich selber.“

„Du blätterst sie nicht durch, du fotografierst Artikel ab!“ Ich runzle meine Stirn, richte meine Augen zweifelnd auf sie.

„Ich habe lauter solche Berichte. Die helfen mir, wenn ich meinen Depri Tag schiebe. Wenn ich das lese, wieviel Scheiße den Menschen passieren kann… Geht’s mir besser!“

„Du spinnst!“

„Lies! DIR, meine Liebe, geht’s richtig gut, glaub mir!“

Ich nehme ihr das Handy aus der Hand, halte es auf Lesehöhe und überfliege den Text, murmle ihn leise vor mich hin. „Jörg K. wollte sich das Leben nehmen, zu stark war der Druck seiner Eltern. Die Firma seines Vaters… zusammen mit seinem Bruder… Nur, wenn er funktioniert hat, schien alles gut, aber… Sie haben ihn emotional bestraft… Flucht in den Alkohol… Eliteinternat als letzte Rettung…“

„Krass oder?Dagegen ist das, was bei dir abläuft Kindergeburtstag!“

„Trotzdem: Ich will, dass sie MICH wahrnehmen, mich akzeptieren so wie ICH bin.“ Seufzend setze ich mich neben Marie. Umständlich zieht sie ihre Beine heran, lässt ihren Oberkörper in sich zusammensacken, legt ihren Kopf auf meine Schulter. „Das Leben ist unfair!“

„Was meinst du?“

„Deine Eltern haben Kohle bis zum Umfallen und du willst sie nicht und meine…“ Für einen Minimoment ist es still. Plötzlich zieht sie ihr zusammengesacktes Ich in die Senkrechte, tauscht monotones Gemaule gegen trällernden Singsangmodus und schaut mich verheißungsvoll an: „Du musst mir alles haarklein erzählen! Alle aufregenden Details: Welche Kleider die Frauen anhatten, welchen Schmuck, die neuste Schuhmode und: Nicht zu vergessen: Ob es süße Männer gab!“

„Marie, es wird tot langweilig werden. Ich werde mir mit einem von Häppchen beladenen Tablett die Beine in den Bauch stehen, meinen Eltern aus dem Weg gehen und am Ende mit einem fiesen Dauerlächeln - Gesichtsmuskelkater erschöpft neben dir ins Bett fallen.“

„Schlüssel hast du?“

„Danke! Komm, lass uns abhauen!“

„Ohne deiner Mutter Tschüss zu sagen?“

„Du hoffst, dass sie dir etwas zu essen einpackt!“

„Was wäre schlimm daran?“ Marie zuckt mit den Schultern.

„Hallo? Du bist MEINE Freundin! Schon mal was von Solidarität gehört?“

„Hä? Essen ist ein Grundbedürfnis! Aber, bitte…, sagen wir eben nicht Tschüss!“

Ich seufze, stumm!

Mein Gott!

Und als ich mit einem Fuß aus der Haustür raus bin, drehe ich mich um, rufe Richtung Küche: “Tschüss, bin bei Marie! Bis morgen!“ Maries Augen starren schräg. „Jetzt doch? Und warum bis morgen? Du siehst sie nachher!“

„Hoffentlich nicht!“

Von Maries Haus ist es ein Katzensprung bis zum Grand Hotel. Ich nehme mein Fahrrad und radle los. Der Duft kühlen Sommerregens hinterlässt eine wohlige Gänsehaut auf meinem Körper, klärt meine Sinne. Von weitem kann ich die hochglanzpolierten Autos vorfahren sehen; Frauen, die von ihren Männern am Händchen Richtung Hoteleingang geführt werden, bedacht darauf, nicht ihre teuren, geliehenen Kleider in den Regenpfützen ein zu matschen. Ich fahre vorbei, atme auf. Heute Abend werde ich euch von außen betrachten, euch bedienen und nett zu euch sein. Heute bin ich keiner von euch!

Zehn Minuten vor der vereinbarten Zeit betrete ich den Personalraum. Stickig warme, mit einer Spur von zu viel Deo durchzogene Luft strömt mir entgegen.

„Joel, denken Sie an Ihre Schuhe und Mark, Ihre Frisur…, dahinten steht Haargel, checken Sie das bitte. Lisa! Sind Sie sicher, dass Sie in diesen Schuhen durchhalten können, ich hatte gesagt, nicht zu hohe Absätze und Patrick, Ihre Fliege, schief…“

„Hallo!“ Meine Stimme klingt bedacht, zurückhaltend.

Schwungvoll dreht sich Beatrice zu mir um, scannt mich mit schnellem Blick. „Susanna! Super, Sie sind umgezogen!“ Hektisch drückt sie mir eine unserer Servicekräfteschürzen vor die Brust. Im Unisex – Stil modern designet sind sie schlicht und ganz in Schwarz.

„Hat jeder den Ablauf im Kopf? Erst der Champagner, ich gebe das Zeichen für das Fingerfood. Leute“, Beatrice klatscht in die Hände. „Gleich geht’s los! Fingernagel Check, ich will Eure Nägel sehen! Ina, Ihr Lidschatten ist verschmiert, machen Sie das neu – Stopp, Ihre Nägel! Okay, auf geht’s! Wer fertig ist, bitte aufstellen! Wie wir es besprochen hatten. Ihr wisst Bescheid…“

Lächeln, aufmerksam sein für den Gast!

„Susanna! Ihre Schicht endet um 22.00h. Per wird sie pünktlich ablösen. Los geht‘s, volle Präsenz und Aufmerksamkeit!“

Bäuche eingezogen, Brüste in Reih und Glied raus gestreckt stolzieren wir unseren Weg in die Küche. Mit Champagner und frisch gepressten Orangensaft gefüllte Gläser, kunstvoll garnierte Fingerfood Platten, stehen für uns bereit, warten auf ihren großen Auftritt.

„Wow! Meinst Du, wir können uns später etwas davon nehmen?“ Lisa und Ina hinter mir tuscheln, verzaubert von den Leckereien. Ich drehe mich um: „Ist den Gästen vorbehalten!“

„Und wenn etwas übrig bleibt?“

Ist das ihr Ernst?

Sie zieht diese Möglichkeit in Erwägung?

Mädel, du bist hier zum Arbeiten.

„Die Frauen werden nicht viel essen! Die müssen auf ihre schlanke Linie achten!“ Sie kichern. Ich schmunzle, wohlwissend, dass der Personal Trainer seit Wochen für morgen vorreserviert ist und das, obwohl eine unausgesprochene goldene Fastenregel für die Tage vor einer solchen Veranstaltung existiert.

Ich betrete den Ballsaal des Grand Hotels. Mein Mund verformt sich zu einem freundlichen Lächeln. Goldenes Licht scheint dunkel von den Swarovski beladenen Deckenkronleuchtern, taucht die Gäste in einen rougeigen Glanz. Sie sind vertieft in wichtige Gespräche, die meine Ohren mit gähnend langweiligem Gemurmel über die neusten Projekte und Aufträge durchziehen. Kontakte werden geknüpft, Netzwerke erweitert und der Champagner kühlt die trockenen Kehlen. Blicke huschen über mich hinweg, schenken mir ein flüchtiges Anstandslächeln. Selbst Papa und Mama habe ich noch nicht gesehen. Ob sie es schafft, sich zurückzuhalten, nicht jedem alten oder neu gewonnenen Bekannten zu erzählen, dass ihre Tochter heute hier arbeitet?

„Susanna!“ Ich zucke zusammen. Beatrice hat sich von hinten an mich herangeschlichen, flüstert mir ins Ohr. „Läuft alles?

Machen Sie sich bereit, ich werde die Bar eröffnen. Sie tauschen Champagner gegen Fingerfood.“

Sie quetscht ihre Hand in meinen Oberarm, verschwindet im Glitzer der Abendgarderoben. Ich gehe in die Küche; nehme mir eine der Platten, prall gefüllt mit den verschiedensten Canapés.

Ein fischig, süßlicher Geruch steigt in meine Nase, tötet jedes Magengrummeln. Ich bevorzuge die Art von Brot, in das man sich traut hinein zu beißen, ohne dass dabei die Hälfte runterfällt und man trotzdem noch fünf harmonisch aufeinander abgestimmte Geschmacksrichtungen gleichzeitig im Mund hat.

Aber, als die Damen und Herren der Gesellschaft mitbekommen, dass es etwas zu Essen gibt, geht ein wohliges Raunen durch den Saal. Schnell leert sich mein Tablett. Schmunzelnd muss ich an Lisa und Ina denken. Ich hole mir eine zweite Platte und schlendere gehabt höflich lächelnd durch meinen Bereich des Saals, bleibe hier und da stehen, biete wohlwollend meine Häppchen an.

„Welche der verschiedenen Köstlichkeiten, die Sie hier anbieten, können Sie besonders empfehlen?“

Bin ich gemeint?

Ich drehe mich um.

Mir fremde Augen,

fremde männliche Augen,

fremde junge männliche Augen

blicken zielgenau in meine.

Lächeln.

Er meint mich!

„Viel Lärm um nichts, würde ich sagen!“

Shit!

Ich ziehe mein Atem lautlos scharf nach innen.

Habe ich das laut gesagt?

Eine mir undefinierbare Hitze durchflutet meinen Körper. „Äh, ich meine, probieren Sie von jedem eins und begeben Sie sich auf kulinarische Forschungsreise.“

Hä?

Was rede ich für ein Blödsinn?

‚Kulinarische Forschungsreise‘!

Aber…, mein Gott, muss er mich so anschauen?

So…, so…

Keine Ahnung!

So halt!

Er schmunzelt, senkt seine Augen nach unten.

Gott sei Dank!

„Hört sich spannend an! Das werde ich machen!“ Gekonnt nimmt er sich das erste von den fünf Verschiedenen ‚Köstlichkeiten‘ und beißt rein. „Ichwürde sagen, ich bin in Deutschland, nördlich, schmeckt fischig und der Meerrettich on top…, lecker.“ Ich starre ihn an. Messerscharf durchschneiden seine weiß glänzenden Zähne die Häppchen. Jeder Zahn an seinem richtigen Platz, geradewegs durch. Die Spitze seiner Zunge zieht die Meerrettichcreme geschickt nach innen; nicht ein Hauch bleibt an seinen Lippen kleben.

Ich wette, der gehört dieser äußerst seltenen Spezies an, die ein dick beschmiertes Nutella Brot essen kann, ohne eine einzige Beweisspur zu hinterlassen.

„Das mit der Feige sieht verlockend aus. Frankreich?“ Mit erhobenen Augenbrauen schaut er mich an, seine Augen glitzern.

Meine starren.

Seine Kiefermuskulatur bewegt sich markant dynamisch von links nach rechts und wieder zurück. Seine Halsschlagader drückt sich elegant nach außen. Ich schlucke, verharre stumm.

„Ich liebe Feigen! Vielleicht sollte ich das als letztes essen; das Beste kommt bekanntlich zum Schluss!“

Er kaut und kaut, schluckt und kaut, beißt ab und kaut weiter.

Landet in Spanien, Ungarn, Belgien… Am Ende bleibt er bei seiner französischen Feige.

„Mögen Sie Feigen?“ Ohne seine Augen von mir zu lassen, nimmt er sich eine Serviette und wischt flink über seine Finger.

Die Sehnen und Muskeln seiner Unterarme spiegeln die Bewegungen wider, gipfeln in ihrer definierten Form. Mein Mund ist trocken, mein Gehirn auch. „Ich…, äh…“ Mein Atem stockt.

Mein Gott!

Ich habe ihm beim Essen zugeschaut!

Wie paralysiert!

Die anderen Gäste vollkommen vergessen. Dass mein Mund nicht offen stehen geblieben ist, vor lauter…

Erstaunen?

Bewunderung?

Faszination?

Ich habe keine Ahnung!

Nichts ist ihm danebengefallen, nichts in seinen gepflegten Bartstoppeln hängen geblieben.

Krampfhaft zwinge ich mich zum Weiteratmen, schüttle mich innerlich und lächle. „Es freut mich, dass Sie das richtige für sich gefunden haben! Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend“, werfe einen letzten flüchtigen Blick in seine Augen und drehe mich zu den anderen Gästen um: „Möchten Sie eines von unseren leckeren Canapés?“, mische mich zurück unter die Menschenmenge. Das Gerede der Gäste rauscht durch mich hindurch. Ihre Gesichter, ihr Zähne zeigendes Lächeln, kommen überdimensional groß auf mich zu. Meine Hände schwitzen und unter meinen Achseln hat sich unnatürlich viel Feuchtigkeit gebildet. Ich presse meine Arme gegen meinen Körper, obwohl ich ihnen viel lieber Luft machen würde.

Atmen!

Ich muss ruhig ein- und ausatmen!

Wie war das?

Lächeln und volle Aufmerksamkeit für den Gast!

Verdammt: Wie kann dieser Typ mich so aus meinem Konzept bringen?

Was wird er von mir denken?

‚Viel Lärm um nichts…‘, dass ich die Dinger probiert habe und nichts von ihnen halte?

‚Kulinarische Forschungsreise…‘, dass ich schnippisch und frech bin und auf das alles hier kein Bock habe?

Egal wie viel Wahrheit dahintersteckt; es geht ihn nichts an.

Wieso hat mich mein Anstand im falschen Moment verlassen?

Hatte ich mich nicht bewusst für ein salonfähiges Spiegelbild entschieden?

Keine Subtexte, die verraten, was ich von dem Essen oder den Leuten halte, keine vorwitzigen Kommentare!

Abgesehen davon: Ein solches Verhalten kann das Gegenüber zu weiteren Fragen einladen und wenn es etwas ist, auf das ich keine Lust habe, ist es Small Talk mit einem der Gäste.

Ich hoffe, dass sich dieser Typ bei Beatrice nicht über mich beschwert. Seinem Schmunzeln nach zu urteilen…, man weiß nie und ich möchte einen guten Job machen. Ich werde mehr als fair bezahlt.

Unauffällig schaue ich auf meine Uhr. Kurz vor zehn; Per müsste gleich kommen. Der Typ mit den Häppchen hat sich nicht mehr blicken lassen.

Gott sei Dank!

Ich bahne mir meinen Weg Richtung Küche, werfe einen letzten Blick in das geschäftige Treiben des Abends.

„Susanna!“

„Per! Ich wollte die Häppchenplatte für dich auffüllen lassen.“

„Super, danke. Ich übernehme. Schönen Abend.“

„Dir auch!“ Ich blicke seiner großen, schlanken Silhouette hinterher, gehe zurück in den Personalraum.

Marie fände ihn sexy.

Für einen Minimoment schließe ich die Augen, meine Beine und Füße kribbeln. Fünf Stunden stehen, in den hochhakigen Schuhen… Das bin ich nicht gewohnt.

Ich setze mich auf einen Stuhl, erlaube meinem Körper auf jegliche Spannkraft zu verzichten, tausche Fußfolter gegen Sneakers, ziehe die Schürze aus und mache mich auf den Weg nach draußen zu meinem Fahrrad. Die Luft ist klar und erfrischend.

Ich bleibe stehen, neige meinen Kopf Richtung Himmel, atme in die verregnete Sommerluft. Tief.

„Stickig da drinnen, was?“

Ich zucke zusammen, blicke ruckartig nach vorne.

„Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken.“

Ach du Scheiße!

Der Häppchen Tester!

Er steht vor mir, schräg an die Wand gelehnt, seine Hände in den Hosentaschen.

Was macht der hier?

„Äh…, nein, ich habe Feierabend.“ Ich schnelle runter zu meinem Fahrrad.

„Haben sie keine Angst, alleine, um diese Zeit?“

Was will der?

Quatschen?

Ich fummle an meinem Fahrradschloss, meine Hände zittern.

Oh nein!

Nicht schon wieder!

Diese Hitze. Werde ich…

Rot?

Fuck, Fuck, Fuck.

Was ist los mit mir?

Ich muss mich zusammenreißen!

Ein normaler Mann hat mir eine normale Frage gestellt. „Ich hab’s nicht weit!“

„Schade!“

Schade?

Ich halte mit dem Gefummel am Schloss inne, schaue zu ihm hoch, mein Mund offen.

„Ich hätte sie nach Hause begleitet.“

Nach Hause?

BEGLEITET?

DER?

Seine Worte klingen nach, rütteln an meinen Gehirnzellen, geben ihnen einen kurzen Moment Zeit, sich zu ordnen.

Okay Mr. Häppchen Tester.

Was wird das?

Die dumme Anmache von der Seite?

Fehlt gerade noch, dass er von fehlenden Sternen am Himmel erzählt, weil die alle in meinen Augen glitzern.

Ein Gentleman der alten Schule?

Stalker?

Was macht der am Hintereingang?

Das Essen ist vorbei, die Party fängt an; tanzen, trinken, Geschäfte besiegeln und er will gehen?

Was auch immer ihn bewegt, ICH will nach Hause, vielmehr zu Marie!

Die Frage ist, wie komme ich geschickt aus dieser Nummer raus, ohne einen blöden Spruch zu bringen, obwohl mir tausende auf der Lippe liegen.

Nein!

Er ist einer der Charity Gäste. „Vielen Dank für das Angebot, wie gesagt, ich wohne um die Ecke. Ich muss die Hauptstraße entlang und die ist um diese Zeit geschäftig. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.“

Perfekt!

Besser konnte ich es nicht machen. Er kann nichts mehr sagen.

Ich steige auf mein Fahrrad.

Endlich.

Mir ist kalt und ich habe Hunger, mein Magen knurrt.

„Haben Sie nichts von den leckeren Canapés essen dürfen?“

Hat der mein Magenknurren gehört?

Gott, wie peinlich!

Erfolgreich atme ich die in mir aufsteigende Hitze zurück an ihren Platz. Welch blöde Frage. Jeder weiß, dass das Essen nicht für das Servicepersonal mitgedacht ist. Außer Lisa und Ina!

„Haben sie Hunger? Also, ich schon! Von diesen Häppchen wird man nicht satt! Ihrem Magen nach zu urteilen: Der auch.“

Shit, er hat‘s gehört.

Unaufhaltsam schamlos drückt sich die zurückgewiesene Hitze durch meine Atemlöcher hindurch.

Oh bitte, bitte nicht!

Ich muss etwas sagen, irgendwas! „Sie lassen nicht locker, hm?“

„Locker lassen gehört nicht zu meinen Stärken!“

Verdammt, das war das Falsche!

Ich will nicht mit dem reden.

Mr. Lässt – Nicht - Locker löst sich von seiner Position an der Hauswand, schlendert auf mich zu. Seine Hände verharren in den Taschen. Er neigt seinen Blick zum Boden, kickt mit seinem Fuß einen Stein zur Seite, schaut nach oben, direkt in meine Augen. „Wie siehts aus? Hunger?“

„Ja. Äh, ich meine, Nein! Nein, ich…“, oh Fuck, ich muss mit dieser Stammelei aufhören. „Sie wollen gehen? Die Charity Veranstaltung ist nicht vorbei.“ Soll heißen: GEH DA WIEDER REIN UND LASS MICH IN RUHE und wenn du das nicht tust lieber Wie – Auch – Immer – Du – Heißt, muss ich riskieren, dass du dich bei Beatrice über mich beschweren wirst.

„Das ist nicht meins, ich habe einen Freund begleitet, der nicht alleine hingehen wollte und da der sich mittlerweile gut amüsiert, kam ich mir fehl am Platz vor.“

Bam!

1:0 für Dich!

‚Nicht meins…‘, ‚fehl am Platz…‘, deine Worte machen Dich sympathisch, Häppchen Tester.

„Ich kenne einen leckeren Asia - Imbiss, nicht weit von hier. Mögen Sie asiatisch?“

Ich liebe asiatisches Essen!

Muss ER nicht wissen.

“Okay!“

WHAT?

Der Schall meiner Worte trifft mich wie eine Ohrfeige ins Gesicht. Habe ich nicht eben etwas ganz anderes gedacht?

„Schön! Ich bin Josh!“

Sind wir per Du?

Er hält mir seine Hand hin.

Alles klar, ich werde ihm höflich wie ich bin die Hand geben und überlegen, wie ich aus der Sache elegant wieder rauskomme.

„Josh…“, wiederhole ich seinen Namen, verschaffe mir Zeit zum Nachdenken. „Susanna! Ich heiße Susanna.“

Wow!

Hat toll funktioniert!

„Susanna, schöner Name, den ihre Eltern für Sie ausgesucht haben.“

Verlegen blicke ich auf den Boden.

„Worauf warten wir, auf zum Asiaten, dass ihr Magen endlich etwas zu Essen bekommt!“

Wir laufen los. Ich schiebe mein Fahrrad. Schritt für Schritt setze ich auf den Asphalt, komme mir unwirklich vor, als wäre ich eine Marionette, die von höheren Kräften gesteuert wird. Ich kann nicht glauben, dass ich das tue, dass ich mit einem fremden Mann, der sich Josh nennt, zu einem asiatischen Imbiss laufe.

Ich könnte zurück!

Ich könnte mir irgendetwas ausdenken!

Dass ich nach Hause muss! Besser: Ich könnte sagen, dass ich vergessen habe, dass ich mit einer Freundin verabredet bin, oder: Dass ich schlicht und ergreifend nicht will? Das wäre das einfachste von der Welt. Ich könnte ein fake Telefonat führen.

Meine Freundin braucht dringend meine Hilfe! Ich stecke meine Hand in die Tasche, umfasse mein Telefon. „Sie sagten, Sie haben einen Freund begleitet?“

„Was tut man nicht alles!“

„So schlimm?“

„Viel Schlimmer! Wenn Sie nicht gewesen wären, dann…!“

WENN ICH NICHT GEWESEN WÄRE?

Josh senkt seinen Kopf Richtung Asphalt; sanft verziehen sich seine Mundwinkel zu einem Grinsen. „Neugierig?“

„Äh…“

„Sie waren der einzige Mensch heute Abend, für…“

FÜR?

Er bleibt stehen, was mich dazu veranlasst ebenfalls stehen zu bleiben, schaut mich an. Ein Hauch von Lächeln überfliegt sein Gesicht. Für einen Minimoment erstarre ich unter seinem Blick.

Unvermittelt beugt er sich über mein Fahrrad, führt seinen Kopf dicht an meinem vorbei, hält auf Ohrhöhe inne.

Gott, ist der nah!

Alles in mir verkrampft, mein Herz schlägt von null auf 180. Ich halte die Luft an, platze. „WAS? Nee oder?“, laut lache ich auf.

„Ist das Entsetzen oder Amüsement, das da aus Ihnen spricht?“

„Beides vermutlich! Was ist passiert?“

„Ich habe die Wahrheit gesagt.“ Josh geht weiter und zuckt mit den Schultern.

„Die Wahrheit?“

„Japp! Leider der falschen Person!“

„Was ist die Wahrheit?“

„Die Wahrheit ist, dass mich dieses affektierte Getue der ach so feinen Gesellschaft da drinnen immens anstrengt und ich keinen Bock darauf habe – dieses zwanghaft regelkonforme Verhalten um jeden Preis!“

„Zum Kotzen oder?“

Er seufzt. „Es wird immer die geben, die diese gekünstelte Welt toll finden oder so tun als ob, nur, um irgendein Rollenklischee aufrecht zu erhalten.“

Ich muss an meine Eltern denken.

„Und ihr Freund?“

„Der hat das nicht mitbekommen, habe ihm gesagt, dass ich gehen werde, weil müde.“

„Nein, ich meine…“

„Oh nein, mein Freund gehört dem Typ ‚reflektierte Generation‘ an! Er hat kapiert, dass man das Leben aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten kann.“ Wieder bleibt er stehen, schaut mich an. „Wie Sie!“

Fuck, was ist das in seinen Augen?

Ich senke meinen Blick, atme. „Wie ICH? Woher wollen Sie wissen, mit welchen Blickwinkeln ich die Welt betrachte?“

Langsam läuft er weiter, kickt abermals einen Stein vom Gehweg. Diesmal fester. Gedankenverloren schaut er ihm nach.

„Sie haben heute mehr als einmal die Augen verdreht, immer, wenn Sie dachten es sieht keiner!“

„Ich habe WAS?“

Hat der mich beobachtet?

Spinnt der?

„Japp!“

„Und wenn schon…“

„Kein bisschen Angst, dass es noch jemandem außer mir aufgefallen sein könnte und man sich über Sie beschweren wird?“ Ich schlucke, Hitze und Kälte überkommen mich, kämpfen um den ersten Platz in meinem Körper.

WAS WILL DER?

ICH bleibe stehen. „Was um alles in der Welt wollen Sie von mir? Erst, scheine ich Sie gerettet zu haben, keine Ahnung warum, aber… und dann…, im Gegensatz zu Ihnen, bin ICH nicht rausgeschmissen worden.“Die Hitze hat gewonnen, breitet sich in mir aus, meine Muskeln in maximaler Anspannung, kampfeslustig. „ICH weiß, in welchen Situationen man seine Gedanken denkt, anstatt sie auszusprechen!“

Josh reißt seine Augen auf, zieht seinen rechten Mundwinkel lächelnd nach oben. „Echt?“

„Ja, ECHT!“

Stille.

Er grinst. „Das meine ich! Sie sind nicht der Typ, der zu allem Ja und Amen sagt.“ Josh spricht ruhig und sanft. „Es gibt nicht die eine Wahrheit im Leben! Man muss den Weg dazwischen finden, seine eigene Wahrheit! Sie scheinen das verstanden zu haben!“

WHAM!

Schlagartig entspannen alle meine Muskeln, meine Körpertemperatur fällt im freien Fall, zieht mein Kinn mit sich.

Was ist das mit diesem Mann?

Von mir verteufelt…, sagt der ein so ’n Satz und…

PUFF?

Meine eigene Wahrheit finden!

Wir laufen weiter.

„Nicht einfach, das mit der Wahrheit“, gebe ich versöhnlich lächelnd von mir.

„Wir leben in einer Gesellschaft, in der nahezu alles möglich ist, da muss jeder von uns filtern lernen!“

„Filtern?“

„Filtern! Es ist nie per se alles schlecht! Wie war das? Die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen!“

„Aschenputtel hatte ‘ne scheiß Arbeit damit!“

„Soweit ich mich erinnere, hatte sie sowas wie gute Freunde bei sich sitzen, die ihr geholfen haben, das Wesentliche raus zu picken und das Schlechte weg zu lassen.“

„Und? Sie sind so ein Freund?“

Er schmunzelt, blickt zur Seite weg in die Ferne.

“Vielleicht…“

Josh sagt das, als wollte er mich herausfordern, es herauszufinden.

Will ich das?

Will ich, dass er zu meiner Wahrheit gehört?

Habe ich nicht zu Marie gesagt, dass ich keinen Mann in meinem Leben gebrauchen kann?

Liebe NICHT auf meinem Plan steht?

Oh Gott, ich habe nicht ernsthaft gerade an Liebe gedacht! Wie absurd! Ich kenne diesen Mann seit 20 Minuten!? Also ist ‚kennen‘ nicht das richtige Wort für diesen Zustand.

„Und Sie? Wer sind Sie, außer eine Servicekraft.“ Josh reißt mich aus meinen Gedanken.

„Was?“

„Dass sie Susanna heißen weiß ich; wer sich hinter diesem Namen versteckt…“

Oh Scheiße, nein!

Der will nicht von mir wissen was ich außer Jobben sonst in meinem Leben mache, woher ich komme, WER ich bin?

Nein mein Lieber!

Wenn es etwas ist, dass ich heute Abend auf keinen Fall will, ist es Wer- oder Was-Fragen über mich und meine Familie beantworten. Viel interessanter ist das WIE eines Menschen: Wenn das WIE nicht stimmt, ist der Rest egal.

Moment!

Liebe Gehirnzellen, welcher Rest?

Himmel, ich muss damit aufhören.

Vom Thema Ablenken!

„Susanna?“

Ich zucke zusammen. Reflexartig umgreift er meinen Arm, hält ihn fest. Langsam gleitet seine Hand an mir hinunter. „Sie sind schreckhaft.“

Seine Finger streifen meine, berühren ihre Spitzen. Für einen Minimoment habe ich das Gefühl, er schiebt sie zwischen sie hindurch. Mein Magen verknotete sich. Ich schlucke, entweiche seinem Blick. „Verzeihung, ich war in Gedanken!“

„Jetzt machen sie mich neugierig!“

So schnell lässt du dich ablenken? Okayyyy…

„Ich habe überlegt, was mit denen ist, die es nicht wie ihr Freund schaffen, ihren eigenen Weg zu gehen. Die, die sich mit Drogen volldröhnen, weil ihr wahrer Charakter von ihren Eltern nicht wahrgenommen wird, die schematisch funktionieren sollen.“ Ich muss an Marie und ihren Zeitungsbericht denken. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet sie und eine In & Out mir heute den Abend retten würden.

Dass Josh allerdings verstummt…

Sein Kopf ist Richtung Boden geneigt. Er kaut auf seiner Unterlippe rum, atmet hörbar tief ein, wendet seinen Blick zur Seite, dreht sich zu mir um, strahlt: „Kennen Sie den asiatischen Raum?“

„Nein.“ Und prompt erzählt er mir über seine Urlaube in Bangkok, über die authentische asiatische Küche, über die faszinierende Welt der Schärfegrade und irgendwelche blödsinnigen Wettbewerbe um ‚Wer schaffts am schärfsten?‘. Ich höre ihm zu und spüre, wie die Wirklichkeit, die mir abhandengekommen schien, zu mir zurückfindet, eine Wirklichkeit, in der ich beginne, mich wohl zu fühlen.

„Hier ist es.“

Ich kette mein Fahrrad an dem vor dem Imbiss dafür vorgesehenen Ständer fest. Josh hält mir die Tür auf. Ein Duftgemisch aus dampfgegartem Reis und feurigen Gewürzen strömt mir entgegen.

„Nicht der schickste Asiate der Stadt, dafür der beste!“ Er beugt sich zu mir vor, flüstert. Mein Magen fährt bis in meine Fußspitzen, meine Muskeln töten jeden weiteren Atemzug.

Schon wieder!

Diese Körpernähe!

„Nein! Ich finde es toll!“, zucke ich meinen Kopf zur Seite, suche Erlösung aus der pulsierenden Anspannung. „Es sieht gemütlich aus; wie in einer engen, kleinen Wohnküche. Ich mag diese Life Cooking Atmosphäre; wenn ich dabei zusehen kann, wie mein Essen zubereitet wird…, das hat was von… Heimat!“

„Heimat?“

„Nach Hause kommen! Das Geklapper der Woks, das Rauschen des Feuers und das Beste: Es ist warm hier drinnen!“

„Scheiß Sommer, viel zu kalt!“

„Setzen wir uns dahinten hin?“

Ich setze mich mit dem Rücken zur Wand, Josh mir gegenüber.

„Bereits hier gewesen?“

„Nein!“

Was daran liegen könnte, dass meine Eltern nie im Leben mit mir zu einem asiatischen Imbiss gehen würden. Das wäre nicht standesgemäß. Wenn uns jemand sehen würde, wie sollten wir das rechtfertigen? Allein aus hygienischen Gründen! Das Essen, viel zu billig, das kann nicht von guter Qualität sein…

Aber du Häppchen Tester, du wirst mir zunehmend sympathischer.

„Wollen Sie auf die Karte schauen oder wissen Sie, was Sie essen möchten?“ Josh guckt mich erwartungsvoll an.

Ich lehne mich zurück, ziehe meine Lippen nach innen. „Ich schlage Ihnen ein Spiel vor.“

„Ein Spiel?“

„Sie suchen etwas für mich aus und ich für Sie.“

Er senkt seinen Kopf, schmunzelt. „Okay, geben Sie mir einen Moment Zeit um nachzudenken.“

„Nein!“ Die Worte hallen wie ein Echo in mir nach, als wäre nicht ich derjenige gewesen, der sie gesagt hat.

„Nein?“ Josh runzelt seine Stirn. Ich kann die Irritation in seinen Augen sehen, höre mich reden: „Spontan! Nehmen Sie das erste, das Ihnen in den Kopf kommt.“ Die Worte sprudeln aus mir raus. Ich habe keine Kontrolle über sie. Im einen Moment fühlen sie sich richtig und gut an und ein paar Sekunden später, als hätte ich das peinlichste von der Welt gesagt. Und Mr. Häppchen Tester steht auf, geht zur Theke, winkt einen der Köche zu sich heran, zeigt auf eine Nummer, flüstert etwas und legt seinen Zeigefinger an die Lippen. Der Koch schaut in meine Richtung, grinst.

Hat Josh ihm von unserem Spiel erzählt?

Er kommt zurück zum Tisch. „Sie sind dran.“

„Sagen Sie…“, Josh blickt zu mir hoch.

Langsam setze ich mich zurück auf meinen Stuhl, lehne mich bis an die Wand. „Jaaaa?“

„Vorhin, Sie haben gesagt, dass Sie wissen, wann man Gedanken besser nur denkt… Auf der Charity Gala…, Sie haben jedem, der zu Ihnen kam, um sich eins dieser Häppchen zu holen, nett zu gelächelt und still geschwiegen – nur bei mir haben Sie ihre wahren Gedanken nicht versteckt. Warum?“

Ach du Scheiße!

Woher soll ich das wissen?

Hektisch schubst sich meine Gehirnmasse hin und her, sucht fieberhaft nach einer Antwort.

Vergeblich!

Da ist nur…

„Und wissen Sie, was ICH mich frage? Was mit Ihnen passiert wäre, wenn ich nicht gewesen wäre und warum ausgerechnet ich der einzige Mensch war, FÜR…?“ Unschuldig ziehen sich meine Schultern nach oben, auf meinem Gesicht ein nach Antwort suchendes Lächeln. Josh blickt mich an, verzieht keine Miene. Für eine Miniweile ist es still. Kein Rauschen, kein Geklapper, kein Stimmengemurmel, kein Garnichts.

„Tisch drei?“ Ich schrecke zusammen, wende meinen Blick Richtung Küchenzeile.

Tisch drei?

Meint der uns?

„Ja, Sie!“ Der Koch nickt und lacht. „Ja, bitte, schließen sie die Augen! Ich bringe das Essen!“

Wir sollen die Augen schließen?

Ich blicke zurück zu Josh. Auffällig gespielt zuckt er seinen Kopf ein Stück zurück, zieht die Augenbrauen zusammen und gibt ein stimmhaftes, hmmm!‘ von sich.

„Na denn!“, ruckle ich auf meinem Stuhl hin und her, bringe mich in Startposition und klappe folgsam die Augen zu. Sacht klimpert der Koch die Teller auf unseren Tisch, warmer Dampf strömt in meine Nase. Es riecht lecker, würzig – pikant. Nach Soja und frischem Gemüse.

„Augen auf, bitte!“

Vor mir stehen…

ZWEI TELLER?

Beide mit…

GEBRATENEN NUDELN?

„Nudeln?“, fährt es aus mir hervor.

„Mögen sie keine Nudeln?“

„Schon, aber…“, ich halte inne.

Ich könnte mich freuen, sagen, dass ich Nudeln über alles liebe, er direkt ins Schwarze getroffen hat…

Aber hey, selbst, wenn er nicht sofort wissen muss WER ich bin, dann doch WIE ich bin.

„Aber?“

„Halten Sie mich für langweilig? Warum zwei Teller? Wirke ich auf Sie, als würde ich Unmengen von Essen verschlingen?“

Meine Augen spritzen Gift. Wenn er mit den zwei Tellern auf meine Rundungen anspielen möchte, gehe ich! Ich mag mich.

Mit all meinen Rundungen! Und ja, ich esse gerne, aber ich fresse nicht. Ein Mann, der mir den Genuss und Spaß am Essen madig machen will, hat in meinem Leben nichts zu suchen.

Meine Gedanken überschlagen sich. Mein Blut rast durch meine Adern. Josh zuckt zurück: „Oha! Ein Spiel, das es in sich hat!“ Er muss lachen.

Was ist daran witzig?

„Susanna, nichts dergleichen war meine Absicht. Ich halte Sie nicht für langweilig. Im Gegenteil: Schauen Sie, diese Nudeln, wie sie sich ineinander drehen und verschlingen, immer wieder entsteht ein neues Bild, je nachdem von welcher Seite aus ich es betrachte. Dieser Berg Nudeln sprüht vor Lebendigkeit und Facettenreichtum, es kann nicht langweilig werden.“ Er seufzt.

„Die eine Portion ist mit Fleisch, die andere ohne. Ich wusste nicht, was sie lieber mögen und ob Sie Fleisch essen.“

Mein Blick ist auf die Nudeln gerichtet, seiner auf mich, das spüre ich. Ich kann ihn nicht anschauen!

Verdammt!

Ich schließe für einen Minimoment die Augen, atme und blicke nach oben, direkt in seine. Wortlos schauen wir uns an.

Lieber Gott, hilf mir, zurück auf Spur zu kommen, bitte! „Ich mag beides gerne!“ Meine Worte kommen leise, mit einem Hauch von um Verzeihung bittenden Unterton.

„Schön, ich bin gespannt, was Sie mir ausgesucht haben! Es riecht fantastisch!“ Josh zieht seine Gabel behutsam durch das Essen. „Interessant. Ich sehe Hühnchen, Garnelen, viel Gemüse.“ Er nimmt einen Löffel und probiert.

Mit jedem Bissen mehr, den Josh in seinen Mund gleiten lässt, kommt mein Selbstbewusstsein doppelt so schnell zurück.

Danke!

Lieber Gott, danke!

„Wow, welchen Schärfegrad hat das Gericht? Spannende Kombi, was haben Sie sich dabei gedacht?“ Er lehnt sich zurück, blickt mich erwartungsvoll an.

„Was könnte ich gedacht haben?“ Ich lächle, ziehe meine Augenbrauen leicht nach oben, öffne meine Augen im Zusammenspiel mit meinem Lächeln, dass ich das Gefühl habe sie glitzern.

Herr im Himmel, was mache ich?

„Naja“, Josh lehnt sich vor. Er stützt seinen linken Ellbogen auf den Tisch, umfasst mit der Hand sein Kinn, legt seinen Zeigefinger über seine Lippen, guckt mich an und schmunzelt verschmitzt. Dann zieht er seine Hand weg, lehnt sich wieder zurück an den Stuhl, nimmt seine Gabel, stochert im Essen; sein Kopf Richtung Teller gesenkt hebt er nur seinen Blick. „Wenn ich das in dieselbe Richtung gehend interpretiere, die Sie ihrer Reaktion nach zu urteilen eingeschlagen haben, würde ich sagen, um es direkt zu formulieren: Sie finden mich scharf?“ Er grinst. Ich starre ihn an; kann mich gerade so beherrschen, meinen Mund vor Erstaunen über seinen Vormarsch nicht zu öffnen. ICH beuge mich vor. Stütze MEINEN linken Ellbogen auf den Tisch, Handballen unter dem Kinn, Finger locker an der Wange, Kopf in leichter Schieflage, zart lächelnd. „Scharf?“

ER lehnt sich nach vorne, Blick geradewegs in meine Augen.

Scheiße, mir wird heiß!

„Ich sage, was sie hoffentlich denken.“

Oh Gott, ich brauche frische Luft!

Wenn ich aufstehe, um raus zu gehen…

Meine Lippen verziehen sich zu einem dümmlichen Grinsen. Ich kann nichts dagegen tun. Bemüht meine Mundwinkel gerade zu rücken, lehne ich mich langsam wieder zurück.

Dieser Blick…

Er durchdringt, durchbohrt mich mit seinen stahlblau kristallartigen Augen. Als könnte er durch alles hindurch gucken. Ich atme, zum gefühlt hundertsten Mal an diesem Abend atme ich tief durch.

Ich muss etwas sagen!

Jetzt!

„Ein Gedankenleser!“

„Hatte ich recht?“

„Locker lassen ist echt nicht Ihre Stärke! So wenig wie Entscheidungen treffen.“

„Was?“

„Ich habe Ihnen Fleisch, Fisch und verschiedenes Gemüse ausgesucht, weil ich glaube, dass…“ Ich zögere.

„Bin ganz Ohr!“

„Erinnern Sie sich? Die Häppchen. Sie sind der klassische Buffet Mensch, testen alles durch bis es perfekt ist. In Ihren Entscheidungen wollen Sie sich zu 100 Prozent sicher sein, kein Risiko.

Das erklärt, dass Sie mir zwei Portionen bestellt haben, Sie wollten nichts falsch machen.“

„Haben Sie Psychologie studiert?“

Oh nein mein Lieber, in diese Richtung wirst Du das Gespräch nicht lenken!

„Ich lag richtig?“

„Bisher habe ich nie tiefgehend über mein Verhalten was die Entscheidungsfindung angeht nachgedacht.“ Sein Blick senkt sich, stochert in Zeitlupe erneut in seinem Essen herum, zuckt flüchtig mit den Schultern und schaut zu mir hoch. „Und ich?

Lag ich richtig bei meiner Essensauswahl für Sie?“

„Sie meinen, ob ich vor Lebendigkeit sprühe und eine Frau vieler Facetten bin?“

Er schmunzelt.

„Finden Sie es heraus!“

Was habe ich gesagt?

Diese verdammte Wortsprudelei!

Erst denken, dann reden!

Warum kapiert das mein Gehirn heute nicht?

„Wollen Sie das? Das würde bedeuten, dass wir uns wiedersehen müssten, weil: Bei aller Liebe, heute Abend werde ich es kaum schaffen, allen Ihren Drehungen und Windungen auf die Spur zu kommen. Abgesehen davon, Sie sehen müde aus.“

UPS!

Was wird das?

Wechselt er die Richtung des Gesprächsverlaufs?

Das gibt’s nicht!

Lässt mir keine Chance auf seine Frage hinsichtlich eines Wiedersehens zu reagieren. Stattdessen ändert er mir nichts dir nichts den Kurs und steuert direkt auf den Hafen des WIR – GEHEN – JETZT – NACH - HAUSE zu, weil ICH JA MÜDE BIN!?

Möchte ER, dass wir uns wiedersehen?

Die Wände des Imbisses schleichen auf mich zu, verdichten sich in dem überdimensionalen Geklapper und Gequatsche des viel zu engen Raumes, der sich unbändig in mir ausbreitet und einen unendlichen Druck in mir aufbaut.

Weg!