Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Lieben Sie Weihnachtsbäume? Hassen Sie trompetende Nachbarn? Oder wollen Sie wissen, was man alles mit einer Zitrone anstellen kann? In der Anthologie der Stuttgarter Autorinnengruppe finden Sie die passenden Stories: Anna Leyk, Silke Matthaei, Johanna Schließer und Sabine Wälz spiegeln in ihren Kurzgeschichten das Leben in all seinen Facetten. Sie präsentieren ein lebendiges Mosaik von widersprüchlichen Charakteren, leidenschaftlicher Liebe und kaltblütigem Mord. Die Stuttgarter Gruppe wurde 2018 gegründet. Was als spielerisches Schreibexperiment begann, entwickelte sich zu einem literarischen Wettbewerb des Autorinnenquartetts. Die Aufgabe lautete, aus vorgegebenen Stichworten eine Geschichte zaubern. So entstanden mit der Zeit vierundvierzig unterhaltsame Kurzgeschichten; mal heiter, mal düster und gerne mit einer Brise schwarzem Humor, so unterschiedlich wie ihre Schöpferinnen selbst.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 241
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Blauer Blazer – Bushaltestelle – Eisblume
Das Mädchen
Line
Gabel – Hirn – Kerze
Dessert
Zu Gast in fremden Landen
Bücher – Pillen – Wasserflasche
Mehr
Bergwandern
Amerika
Eine Weihnachtsgeschichte
Weihnachtsbaum
Weihnachtsgeschichte
Kopenhagen – Schnitt – Tausch
Der Tausch
Schnitttechnik
Ausstellung – Demi Roussos – Statistik
Glaubst du?
Schlagerparade
Bierdose – Kugelschreiber – Spiegel
HOLLYWOOD
Sudoku
Antrag – Toilettenpapier – Urlaub
Freu dich lieber nicht
Schirmchendrink am Meer
Fluss – Frisur – Spind – Zitrone
Perfekt
Clutter Day
Die Invasion der Zitronen
Rotkehlchen
Farbeimer – Porös – Seepferdchen – Wespe
Der Trip
Blutbild
Ein Kneipenabend
Auf der Landstraße
Nicht mehr als zwei
Batterie – Kontaktlinse – Stricknadel – Trompete
Es gibt Mammut!
Musikstunde
Doktor Google
In einer Bar
Fleecejacke – Kalender – Schlamm – Ringelblume – Zimt
Gipfelsturm
Veganer Hackepeter
Jamaikanisches Bananenbrot
Wohnungstausch
Autoreifen – Schürfwunde – Traum – Wetterbericht – Zaun
Los
Geschlossene Wolkendecke
Verrat
Das Ende
Am Rande
Großstadtsommer
Durchhalten bis zum Ende
Die Straße
Die Autorinnen
Johanna Schließer
Heute waren ihre Haare zu zwei festen Zöpfen geflochten. Wie zwei dicke Seile lagen sie auf ihrer Brust und reichten fast bis zu der Stelle, wo ich ihren Bauchnabel vermutete. Die weiße Mütze verdeckte beinahe ihre Augen. Noch nie habe ich sie mit offenen Haaren gesehen und nie trug sie etwas anderes als den blauen Blazer. Egal ob heißer Sommertag oder tiefster Winter, es war immer derselbe Blazer. Glaube ich zumindest. Vielleicht hatte sie zwei oder sogar mehrere gleiche. Nur die Blusen und die Schals wechselten wie die Frisuren. Am besten gefiel sie mir mit dem dicken Dutt, dann sah man ihr Gesicht besser. Sie hatte ein sehr schönes Gesicht. Nicht so schön, dass sie ein Supermodel werden könnte. Es war jene Art von Schönheit, die man erst erkannte, wenn man einen Menschen länger betrachtete. Wenn man die Züge seines Gesichts studieren konnte und dessen Augen folgte. Ich sah sie mir jeden Tag an. Morgens, wenn wir auf den gegenüberliegenden Straßenseiten standen. Jeder für sich an der Bushaltestelle, während wir warteten. Sie war mir erst gar nicht aufgefallen. Nur der blaue Blazer, der sich täglich wiederholte, hatte irgendwann meine Aufmerksamkeit geweckt. Schon oft habe ich mich gefragt, was es mit diesem Kleidungsstück auf sich hatte, wenn ich wieder so tat, als würde ich ins Leere starren. In Wirklichkeit betrachtete ich ihren Blazer und ihre Hände, die sie entweder zusammengefaltet vor sich hielt oder in die kleinen Taschen des Kleidungsstücks schob. Zwei dunkelblaue Knöpfe, ein zeitloser Schnitt, einfacher Kragen. Kein Aufnäher einer Uni oder eines Unternehmens, kein Namensschild eines Hotels. Es war einfach ihr Blazer. Und sie, sie war meine allmorgendliche Neugier: Ob sie denn endlich etwas anderes tragen würde?
Manchmal, wenn sich unsere Blicke doch trafen, dann lächelte sie ein kurzes schüchternes Lächeln und schaute schnell weg. Meistens zur Seite, so als wollte sie schauen, ob der Bus kam. Dann sah man ihre kleinen Ohrstecker aufblitzen.
Ich zog den Kragen meiner Jacke hoch und den Reißverschluss ganz zu. Der Nachtfrost hatte Eisblumen an die Scheiben des Haltestellenhäuschens gezeichnet. Mir lief die Nase, aber ich hatte keine Lust, meine warmen Hände aus den Taschen zu ziehen. Wie hielt sie es nur bei dieser Kälte in diesem dünnen Blazer aus? Kurz schaute ich auf. Ihre Hände steckten in weißen Handschuhen, passend zu Mütze und Schal, der eher wie ein dicker Verband um ihren Hals lag als ein Kleidungsstück. Vielleicht war es aber das, was sie warmhielt. Ich schaute zu ihr, als der Bus auf der anderen Seite in die Haltestelle einfuhr. Dann war er auch schon weg – und der blaue Blazer auch. Ich sah hinab auf meine Schuhe. Weiße Turnschuhe. Das waren sie zumindest mal gewesen. Jetzt waren die Schnürsenkel bereits grau, die Sohle war eine Mischung aus hellgrauen, braunen und grünen Farbtönen, das Profil beinahe runtergelaufen. Nur die Streifen an den Seiten hatten sich nicht verändert. Ob weiße Turnschuhe zu einem blauen Blazer passen? Ich nahm mir vor, sie morgen endlich danach zu fragen.
Anna Leyk
Line friert. Der Bus ist schon wieder drei Minuten drüber, es ist bereits 08:02 Uhr. Jeden Tag dasselbe Theater! Außerdem sind es mindestens fünf Grad unter null, Lines Füße fühlen sich eiskalt an. Mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung mustert sie das Mädchen vor sich. Die hat es sicher warm in ihren Doc-Martens-Boots. Wie kommt man überhaupt auf die Idee, Doc Martens zu grauen Strickstrumpfhosen und einem kurzen Kleid zu kombinieren? Aber was sich klobig anhört, sieht an der jungen Erwachsenen ganz zauberhaft aus. Keine Spur von klotzig. Line fühlt sich altmodisch und fade. Und durchgefroren. Der Bus hat jetzt schon sechs Minuten Verspätung. Das Mädchen ist sehr schlank und hat lange braune Haare. Über dem Kleid trägt sie eine kurze schwarze Jacke; ein lässig geschlungener dicker Schal rundet das Outfit ab. Wieso sehe ich nicht so stylish und hipp aus?, denkt Line. Warum funktioniert das bei mir nicht? Ich bin wie ein Altersheim mit Schonkost. 28 Jahre alt, und da stehe ich nun in Halbschuhen mit viel zu dünnen Sohlen und einem ollen beigen Spießermantel. Langweiliger geht‘s kaum.
08:12. Mist! Line kriegt Panik. Das gibt mal wieder Ärger im Büro. Ich kann mir jetzt schon vorstellen, was ich von Müller zu hören kriege. Der wartet doch nur auf eine neue Gelegenheit, mich runterzumachen. Und kaum ist die Standpauke vorbei, wird diese dürre Schlange von Nicole noch ihren Kommentar draufsetzen. »Na, Line, heute mal wieder zu lange beim Styling gebraucht?« Haha, klar, kann ja nicht jede so sein wie Miss Perfekt, die vermutlich jeden Morgen bereits ab fünf Uhr ihr Tages-Make-up beginnt. Abgebrochene kaufmännische Lehre, aber dem Chef in den Hintern zu kriechen, das verschafft halt Macht. Da wird sogar das Einscannen von Rechnungen zur wichtigsten Aufgabe der ganzen Abteilung.
Line trippelt von einem Bein aufs andere, aber wärmer fühlen sich die Eisklumpenfüße in den abgelatschten Tretern dadurch auch nicht an. Klar, die waren mal richtig schön, tolle Büroschuhe, gute Qualität. Aber was nutzt das, wenn gefühlt hundert Jahre später der Lack gründlich ab ist? Solide, praktisch und teuer. Bitter stoßen Line die Grundsätze ihres Vaters auf: »Wir geben unser sauer verdientes Geld mit Bedacht und nur für Spitzenware aus.« Ja, deshalb hat sie sich schon zu Schulzeiten als Outsider gefühlt. Immer nett und brav in den ausgemusterten Qualitätsblusen ihrer Mutter. Noch einmal eine aprikotfarbene Schluppenbluse tragen müssen, und ich kotze. Line ist selbst erschrocken über ihre Gedanken. In Lines Familie flucht man nicht. Da guckt man streng. Aber einmal angefangen, fühlt es sich seltsam gut an, unkontrolliert zu sein. Die dicke Line mit den Fusselhaaren und den braven Hosenanzügen in Dunkelblau. Schon mit zehn Jahren sah ich aus wie ein plumpes Abbild meiner Mutter. Was hätte ich zu Schulzeiten gegeben für eine gutsitzende Jeans. Oder ein modisches Sweatshirt. Oder einen tollen Haarschnitt! Mit ungepflegtem Langhaar kann man als Teenager ebenso wenig punkten wie mit den ausgemusterten Mama-Outfits. Aber ein guter Friseur war Vater zu teuer. »Nichts schmückt ein Mädchen doch mehr als natürliche Schönheit«, war sein Motto. Sicher, schießt es Line durch den Kopf, und nichts garantiert mehr, dass die glanzlose Tochter auf immer und ewig dem alten Tyrannen dienen wird. Freunde kann man so nämlich nicht gewinnen: Caro-Line, brave Biene. Caro-Line, fade Trine. Caro-Line, Margarine. Der Chor ihrer Mitschüler schmerzt auch heute noch.
08:15. Line ist nervös. Müller macht mich fertig! Der wird mich mit Spott zuschütten, bis mir die Tränen kommen. »Na, Frollein Line, Sie sind sich wohl zu fein zum frühen Aufstehen, was? Meinen Sie, Sie kriegen es heute hin, mal ein paar Zahlen richtig zusammenzurechnen, oder wollen Sie gleich zum Feierabend übergehen?« Jeden Tag geht das so, immer findet er Zeit, seine Häme über mich auszukippen. Warum eigentlich, wundert sich Line. Ich stemme die gesamte Steuerabwicklung für sämtliche Auslandsgesellschaften alleine. Fehler mache ich selten. Meist komme ich vor ihm und gehe nach ihm. Und habe ich nicht als einzige in der Abteilung ein Studium abgeschlossen? Er will mich kleinhalten, stellt Line fest. Genau wie mein Vater. Nichts, was ich tue, ist gut genug. Damit treiben sie mich an und halten mich gefügig. Wo sonst kriegt man eine Fachkraft her, die widerspruchslos Überstunden schiebt, niemals protestiert und dabei weniger verdient als die Angelernten? Ich bin ja so blöde! Lines Gedanken schweifen, sie vergisst die Zeit. Mittlerweile ist die Haltestelle voll von Wartenden. Alle Lohnzombies, genau wie ich, bemerkt Line. Festgefahren in einem Alltag, der immer nur noch müder macht.
08:37. Der Bus kommt. Die Leute drängen zu den Türen, doch Line zögert beim Einsteigen. Will ich eigentlich noch zur Arbeit, fragt sie sich. Will ich eigentlich noch mein Leben leben? Doch, denkt Line, mein Leben will ich schon. Nur dieses Leben nicht. Aber das ist ja auch nicht meines. Das ist das Leben von Papas braver Linetochter. Der dicken Line aus der dritten Klasse, der faden Line aus dem Matheleistungskurs, der Fleißline aus der Buchhaltung. Die mit dem abgetragenen blauen Blazer von Mama. Nur beste Qualität aus den 80ern. Line stößt ein bitteres Lachen aus und steigt ein. Sie ergattert einen Sitzplatz und macht sich klein auf ihrem Platz, presst sich an die Seite und versucht, jeden Körperkontakt zum Sitznachbarn zu vermeiden. Sie dreht den Kopf zum Fenster, und da sieht sie es: Eine Eisblume am Busfenster. Die Struktur ist wunderschön, wie von Elfen gemaltes Farnkraut. Line hebt die Hand und streicht zart über das filigrane Gebilde am Fenster.
08:56. Der Bus passiert gerade das Stadtteilzentrum mit Geschäften und Cafés, als Line einen Entschluss fasst. Hastig steht sie auf und drückt den Halteknopf. Fast hätte es nicht mehr gereicht, doch der Bus bremst scharf ab und hält. Mit einem puffenden Geräusch öffnet sich die Bustür, und Line ist draußen. Ach du Scheiße! Was mache ich hier? Line hat Angst vor ihrem Mut. Hilflos sieht sie sich um und entdeckt einen kleinen Laden. Im Schaufenster hängen Etuikleider in Schwarz und Weiß, die Schaufensterpuppen tragen dazu Overknees und bunte Jacken. Line nähert sich der Auslage und betrachtet hingerissen eine übergroße senfgelbe Strickjacke. Einmal so schick, so lässig sein, wünscht sie sich. Nicht im dunkelblauen Businessblazer von Mutti, abgetragen und mit verfilzten Kügelchen übersät. Nein, ein kurzes Kleid. Sexy Stiefel. Lässige Wolljacken. Und Farben. So schöne Farben! Ob ich das kann, so modern? Line ist unsicher. Ob sie einfach in den Laden hineingehen soll? Sich mal umschauen? Nervös blickt sie sich um. Neben dem Laden ist ein Café, das sieht gemütlich aus. Hell und einladend. Line wendet sich vom Schaufenster ab. Ich werde einfach nur schnell einen Kaffee trinken und mit dem nächsten Bus zur Arbeit fahren, sagt sie sich. Mehr Freiheit als die eine Stunde Verspätung ist nicht. Ich bin ja noch zu schüchtern, eine Boutique zu betreten. Ihr Blick richtet sich auf die Caféhaustür, und sie bemerkt den Zettel an der Glasscheibe: »Das Bistro Eisblume sucht kurzfristig Verstärkung im Service. Lust auf Arbeiten im netten Team? Auch als Aushilfe oder Studentenjob möglich.« Line erstarrt. Das kann doch kein Zufall sein! Plötzlich ist alles Zögern aus ihr heraus, wie weggeblasen das Lähmende. Line richtet sich auf und atmet durch. Als eine Kirchturmuhr die volle Stunde anschlägt und just im selben Augenblick die Tür zum Modeladen aufgeschlossen wird, ist sie sicher: Die doppelte Eisblume, der verspätete Bus, das vollendete Timing der Ladenöffnung – all das ist eine Einladung an sie! Wozu auch immer.
Drei Monate später schiebt Caro ein Latte-macchiato-Glas über die Theke und wischt sich die Hände an der Schürze ab. Immer noch hat »Die Eisblume« seinen Zauber für sie nicht verloren, auch wenn die Zehn-Stunden-Schichten anstrengend sind. Die Chefin ist nett, die Gäste höflich. Caro genießt selbst in den hektischen Mittagszeiten die Ruhe, denn Ruhe ist für sie nicht Nichtstun. Ruhe ist, wenn die Leute lächeln, wenn sie Caro ansehen. Caro, nicht mehr Line. Caro schließt für einen Moment die Augen. Sie wird das Café vermissen. Aber es ist Zeit, die nächsten Schritte Richtung Freiheit zu gehen. Nur noch wenige Tage, bis sie nach Frankfurt zieht. Die Kisten sind bereits gepackt, aber es ist nur wenig, was sie mitnehmen wird. Das Zimmer in der netten Berufstätigen-WG hat sie bekommen, darüber freut sie sich. Und die Jobzusage ist ein Hauptgewinn: Mitarbeiterin bei einer kleinen, aber feinen Steuerberatungsgesellschaft mit Spezialgebiet Ausland & Devisen. »Wir freuen uns auf Sie, Frau Heistermann!« Ja, das klingt anders als »Frollein Line, sie können eh nichts.« Ein ganz neues Leben wartet auf sie. Caro blickt lächelnd in die Zukunft.
Johanna Schließer
Er hatte wirklich an alles gedacht, um sie zu beeindrucken. Das schneeweiße Tischtuch war aus dickem Leinen wie in den teuren Restaurants. Die Weingläser genauso poliert wie das massive Silberbesteck, und beides passte perfekt zu dem cremefarbenen Gedeck. Sie betrachtete die drei dunkelroten Rosen in der kleinen Vase mitten auf dem Tisch. Im Licht der massiven Kerzen auf der Fensterbank sahen sie beinahe mickrig aus, wenn nicht diese kräftige Farbe sie auf dem hellen Untergrund so hervorheben würde. Ihre Mundwinkel bewegten sich nach oben, als er mit dem Hauptgang aus der Küche kam. Ihr zweites Treffen. Es war sein Vorschlag gewesen, für sie zu kochen. Seine Garderobe hatte er wahrscheinlich auf das Tischgedeck abgestimmt. Dunkler Anzug mit weißem Hemd und einer tiefroten Krawatte. Perfekt gebunden, perfekt rasiert und frisiert, sein Parfum erkennbar, aber nicht aufdringlich. Der Traum vieler Frauen, und bestimmt ist nicht nur einer in Erfüllung gegangen.
Sie schaute von den Rosen auf und lächelte. Steak! Er hatte es sich gemerkt.
»Oh, das sieht gut aus!«, flüsterte sie, als er den Teller vor ihr abstellte. Ein kleines Salatbouquet zierte das Fleisch. Ein wirklich schönes Stück, dazu hervorragend angebraten. Sie griff zum Besteck. Die Gabel versank ohne Mühe in dem Fleisch, schon beim ersten Schnitt mit dem scharfen Messer quoll der warme rote Saft auf das edle Porzellan. Rare! Daran hatte er auch gedacht. Sie schaute ihn an, bevor sie die Augen schloss und das erste Stückchen genüsslich in ihrem Mund verschwand. Ungewürzt. Reiner Fleischgeschmack. Ein gutes Tier, ein guter Metzger und ein begabter Koch. Hier stimmte alles. Als sie die Augen wieder öffnete, trafen sich ihre Blicke. Er grinste zufrieden.
»Das ist köstlich!«, murmelte sie.
»Vielen Dank! Ich habe einige Zeit üben müssen, bis mir die Steaks so gelingen wie die Liebhaber des halbrohen Fleisches es mögen«, erklärte er wie beiläufig, während er sein Weinglas erhob und ihr entgegenhielt. Mit einem leisen Klingen berührten sich ihre Gläser, und sie betrachteten einander über die Ränder hinweg. Ihr Lippenstift hinterließ einen Abdruck. Dunkelrot wie der Wein.
Beinahe zärtlich schnitt sie das nächste Stück ab. Er beeindruckte sie nicht, vielmehr überraschte er auf eine angenehme Art, mit der sie gar nicht gerechnet hatte. Sie genoss seine Blicke und den Geschmack des Hauptgangs. Zufrieden betrachtete sie den roten Saft auf ihrem Teller. Auch er hatte sein Steak angeschnitten und probiert. Doch schon nach dem zweiten Bissen legte er das Besteck zur Seite und beobachtete sie dabei, wie sie sich ein weiteres Stück in den Mund schob.
»Eigentlich ist mir mehr nach Dessert.« Seine Stimme verriet, dass das mehr eine Aufforderung und keine Feststellung war. Kurz hielt sie in der Kaubewegung inne und zog eine Augenbraue hoch. Seine Blicke wanderten über ihr Gesicht, halsabwärts zu ihrem Dekolleté. Er konnte sehen, wie sie schluckte, als seine Augen ihren Weg wieder nach oben fanden. Sie grinste ihn an, bevor sie ihr Besteck zur Seite legte und zur gesteiften Serviette griff, um sich die Mundwinkel zu tupfen. Schon hatte er sich vom Stuhl erhoben und stütze sich mit beiden Händen auf dem Tisch ab, sein Gesicht näherte sich ihrem. Sie lächelte verführerisch und hielt seinem Blick stand. Jetzt konnte sie, selbst bei diesem dämmrigen Licht, trotz der guten Rasur, seine Barthaare erkennen. Schwarz wie die Nacht. Seine Lippen öffneten sich leicht, als er sich weiter zu ihr beugte. Sein Duft war verführerisch. Langsam schloss sie die Augen und griff mit der rechten Hand zu.
»Was zum ...«
Weiter kam er nicht, denn sie hatte die Krawatte unter dem Knoten gefasst und mit einem gekonnten Griff gedreht, so dass sie jetzt fest um seinen Hals saß. Und sie drehte weiter zu. Panisch ließ er den Tisch los und versuchte, ihre Hand von seiner Krawatte zu lösen. Verzweifelt zerrte er an ihren Fingern, die zu Stein geworden schienen. Ihr Griff war so hart, dass er meinte, glatten Marmor zu fassen. Bereits nach wenigen Augenblicken blieb ihm die Luft weg, und er japste wie ein Fisch an Land. Die Augen quollen langsam aus ihren Höhlen, als sie nochmals ihr Handgelenk geschickt drehte und die dunkelrote Schlinge sich noch fester um seinen Hals zuzog. Panisch blickt er sie an wie ein Rind vor dem Bolzenschuss. Sie saß gelassen da und es schien ihm, als müsse sie sich nicht einmal besonders anstrengen. Leicht verschwommen sah er ihr Gesicht.
»Wa gna wa«, waren die einzigen Silben, die er noch rausbrachte. Sie lächelte weiterhin das verführerische Lächeln. Dann wurde es schwarz vor seinen Augen. Mit einem dumpfen Schlag landete sein Oberkörper auf dem schneeweißen Tischtuch und begrub die kleine Vase mit den Rosen unter sich. Obwohl sein Gesicht auf der Seite lag, war der Ausdruck nicht ansehnlich. Die Augen immer noch weit aufgerissen, der Mund zu einem unvollendeten Schrei verzerrt. Sie vergewisserte sich, dass er nicht mehr atmete und auch kein Puls zu fühlen war.
Tot!
Aus der Handtasche holte sie ihr liebstes Spielzeug, und das leise Summen ertönte. Nach einer Weile klappte die Schädeldecke auf. Gekonnter Schnitt. »Ich musste lange üben, damit ich das so sauber hinbekomme«, sagte sie fröhlich und griff zum Besteck. Die Gabel versank in der weißen Gehirnmasse. »Ah! Endlich, das Dessert!«
Anna Leyk
Ich nehme langsam die Gabel in die Hand und pikse vorsichtig in das Fleisch. Es wabbelt leicht. Ich fühle, wie sich auf meinen Unterarmen eine Gänsehaut bildet. Als ich von meinem Teller hochschaue, sehe ich die Gesichter meiner Tischnachbarn. Erwartungsvoll die Mutter, neutral der Vater, gelangweilt die Tochter. Und ich sitze wie auf dem Präsentierteller vor ihnen. Es ist verzwickt, ich bin hoffnungslos überfordert. Was erwarten sie von mir? Dass ich jubelnd aufspringe und Lobeshymnen singe? Oder zeige ich eher dezente Begeisterung mit wohlwollendem Nicken? Ein ausgesprochenes Formidable!? Oder sagt man da eher Exquisite!? Ich fühle mich gestresst und verunsichert. Wie ätzend das doch alles ist! Wieso tun mir meine Eltern das an? Zum vierten Mal schon. Ich will das nicht mehr!
Immer wieder gerate ich in diese Situation. »Simon, das bereichert dein Leben!« »Simon, es ist phantastisch, was für Möglichkeiten du hast!« »In deinem Alter hätte ich alles gegeben, um nach England/Amerika/Frankreich reisen zu dürfen.« »Simon, du wirst so viel Neues erleben.« »Freunde in aller Welt zu haben, wirst du später sicher noch zu schätzen wissen, das ist gut für deine Karriere!« Pah, Freunde! In den USA haben mich die Mitschüler gehasst und links liegengelassen. Langhaarige Typen mit Akne kommen nicht gut an in einem Land, in dem schon Junior-High-School-Mädchen auf die erste Schönheits-OP sparen. Die Gastbrüder waren rassistische, saufende Macho-Vollidioten, die Schwestern quietschende Haarspray-Tussen. Mein engster Kontakt in den sechs Monaten war der mit einem Basketball, den ich bei einem Training voll in die Fresse bekommen habe. Ich hasse Sport. Ich hasse Basketball. Ich hasse Amerika! In England war es besser, dort mochte ich den zynischen Humor und die Wochenenden im Pub. Keiner hat mich drangsaliert, niemand hat mich ausgelacht. Aber bringt es einen kulturell und intellektuell wirklich weiter, wenn jeden Samstag Komasaufen bis zur Last Order auf dem Programm steht? Japan war nicht vollkommen übel, ich schätze die Höflichkeit und Disziplin, mit der man mich auf engster Wohnfläche ertragen hat. Doch Frankreich ist die Hölle! Die Hölle! Frankreich tötet mich, echt jetzt!
Abgeblätterte Tapeten im Wohnzimmer, ein angeschlagener Uralt-Spülstein in der Küche, ein stockfleckiger Duschvorhang im Bad, aber bei Tisch edles Porzellan und antikes Silberbesteck zu fetten Leinenservietten. Und wehe, du kapierst nicht sofort, wofür ein Messerbänkchen verwendet wird, dann trifft dich die geballte Verachtung der Familie. Ich fühle mich wie Frankensteins Monster unter Heidis Topmodells. Oh Gott, wie kotzt mich das alles an! Die ewigen Museumsbesuche, das dumme Gequatsche von Nation und Tradition. Und diese beschissene Essenszelebration erst, Wahnsinn! Glauben diese Franzosen tatsächlich, dass wir Deutschen keine warme Mahlzeit kennen und abends Käfer im Wald sammeln, um sie mitsamt einer Handvoll Wurzeln vor Ort roh zu verspeisen? Noch das schlappste Gemüse und zäheste Fleisch gilt als Beweis der französischen Kultur, jede totgekochte, mit Rosmarin bestreute Kartoffel wird als kulinarische Offenbarung angebetet. Die sollten sich mal ein Beispiel an den Belgiern und Holländern nehmen, die machen aus dem Zeug zumindest anständige Pommes.
Ich hasse mein Leben. Ich hasse meine Eltern. Und ich hasse diese bescheuerte Gastfamilie! Mir kommen fast die Tränen. Um nicht loszuflennen, gucke ich so lange in die dicke Kerze, die trotz der Sommerhitze auf dem Mittagstisch flackert, bis der Anflug vorbei ist. Dann atme ich tief durch und fasse einen Beschluss: Das ist das letzte Mal, dass ich mich verschicken lasse! Schluss mit fremden Kulturen, Schluss mit dem Herumgestottere in Sprachen, die ich eh nicht kann und auch nicht können will. Schluss mit komischen Schulsystemen, mit idiotischen Sportarten und mit arroganten Mitschülern. Schluss mit erzwungener Höflichkeit von ach so toleranten Gasteltern, und Schluss mit der Ignoranz der mich verachtenden Gastgeschwister. Ich werde nicht mehr reisen! Stattdessen werde ich schlechte Noten in Englisch, Spanisch und Französisch kassieren. Ich werde die Fünf in Sport halten und niemals den Feldaufschwung können. Ich scheiß auf die Meinung anderer, ich werde mich nicht mehr anbiedern. Ich werde in Mathe vorne sitzen und im Computerclub mitmachen. Vielleicht trete ich sogar in den Physikclub ein. Und mein restliches außerschulisches Leben werde ich ausschließlich am PC verbringen. Ich spiele täglich nach der Schule die neuesten Ego-Shooter und Adventure Games und tausche mich in Foren mit Gleichgesinnten aus. Das ist mein Plan, und den ziehe ich durch! Nach dem Abi gehe ich dann weit weg, vielleicht nach Süddeutschland oder in den Osten bis nach Leipzig. Aber auf keinen Fall gehe ich auf eine dieser doofen Eliteunis im Ausland! Ich werde Informatik oder Chemie oder Geschichte studieren, echte Freunde finden und in einer richtig coolen WG wohnen. Ich treffe Leute, die mich mögen; ich verliebe mich in eine superintelligente Computerfrau, mit der ich zusammenziehe. Diesen Aufenthalt bringe ich noch würdevoll hinter mich – meiner guten Erziehung zuliebe, aber auch, weil ich es hasse, andere zu enttäuschen. Aber ab morgen stehe ich meinen Eltern als Völkerverständigungsmusterkind nicht mehr zur Verfügung. Never ever, das war‘s jetzt!
Ich hole tief Luft, führe mein Besteck zum Teller und schneide mir ein kleines Stück Fleisch ab. Bevor es mich vor dem adrigen, fiesen Stück bis zum Brechreiz schaudert, hebe ich die Gabel mit dem kurzgebratenen Hirn, öffne den Mund und schlucke.
Johanna Schließer
Die Träger der Leinentaschen schnitten in seine Hände. Selbst nach all den Jahren spürte er den Stoff, wie er sich in die Hautfalten seiner verkrampften Finger grub, bis es schmerzte. Er mochte dieses Gefühl. Es verhieß reiche Beute. Auch diesmal hatte er tolle Schnäppchen gemacht. Die Leute wussten nicht, was für Schätze sie da teilweise auf den Flohmärkten verhökerten. Eine alte Version von Goethes Faust mit Regieanweisungen in französischer Sprache, und das in altdeutscher Schrift. Ha! Wer konnte von sich behaupten, so etwas zu besitzen? Bei diesem Gedanken musste Gregor lächeln. Bücher machten ihn glücklich. Sie bereicherten sein Leben. Vielleicht war endlich etwas für Isabell dabei. Es würde ihr so guttun, ein Buch zu lesen, das sie etwas ablenkte und beruhigte.
Bereits vor einigen Tagen hatte er gemerkt, dass sie ihre Medikamente nicht mehr nahm. Wieder einmal. Es war wieder nur eine Frage der Zeit, bis sie entweder weinend zusammenbrach oder wie vor zwei Jahren nackig und laut singend im Treppenhaus stand und allen Nachbarn die Arie der Nachtkönigin präsentierte samt ihrer Blöße. Bis der Notarzt kam. Natürlich konnte sie singen, und natürlich hatte sie einen tollen Körper. Doch was nach diesen Auftritten kam, war nicht besonders ansehnlich. Gregor hatte sie in allen Höhen und Tiefen ihrer Krankheit erlebt. Er wusste, dass sie nach einer Weile ihre Medikamente absetzte. Es war wie ein Ritual. Nach Monaten der Ruhe begann der Vulkan in ihr zu rumoren, bis sie es nicht mehr aushielt – und dann brach er aus. Eine Naturgewalt, der man mit Biochemie nicht beikommen konnte. Was die Ärzte normal nannten und eine gut eingestellte Medikation, war für sie eine Art Ruhigstellen und Anpassen. Wie viele Bücher hatte er zu diesem Thema gekauft? Die meisten sogar gelesen. Diesmal war auch eins dabei, allerdings würde er es ihr nicht zeigen. Er wollte zuerst schauen, ob es wirklich etwas taugte. Alleine.
Mit leerem Blick und nackten Füßen lief sie durch die Wohnung. Ihre Hand streifte über die Bücher in den Regalen, die an fast jeder Wand standen. In ihnen ruhten sauber aufgereiht seine Schätze. All diese ungezählten und ungelesenen Schätze. Sie waren überall in der Wohnung. Selbst auf dem Klo hatte er Regale angebracht und stopfte sie mit billigen Romanen, alten Lexika und fremdsprachigen Sachbüchern voll. Er besaß sogar ein Wörterbuch Russisch-Spanisch, konnte weder die eine noch die andere Sprache. Es war aber im Angebot gewesen. Damals für 3 Mark. Was für ein Schnäppchen!
Sie beendete ihren Rundgang durch die Wohnung. Auf dem Couchtisch stand ihre Wasserflasche aus pinkfarbenem Plexiglas. Sie fand die richtig sexy und ließ die sechs Pillen durch die große Öffnung fallen. Morgens, mittags, abends. Sanft sanken die Tabletten auf den Boden der Flasche. Um sie herum bildeten sich kleine Gasperlen, die nach oben stiegen und an der Oberfläche des Wassers verschwanden. Am liebsten würde sie auch wie eine von diesen Gasbläschen aufsteigen und irgendwohin verschwinden. Raus aus dieser Wohnung mit diesen unzähligen Büchern, die er jedes Mal anschleppte, in der Hoffnung, sie würde endlich an einem Gefallen finden. Dabei hasste sie all diese Dinger, die er von den Märkten und aus Trödelläden mitbrachte. Sie stanken entweder nach Rauch, fremden Wohnungen, Katzenpisse oder feuchten Kellern. Waren abgegriffen, vergilbt und voller Flecken. Selbst zerrissene Groschenromane schleppte er an. Sortierte sie stundenlang in die Regale ein, stapelte sie an jeder freien Stelle der Wohnung und hortete sie heimlich im Keller. Er dachte, sie wüsste das nicht. Die Diskussionen über diesen Müll waren längst verstummt. Sie sah ihm teilnahmslos zu, wenn er wieder einmal die 58 Ausgaben von Krieg und Frieden von rechts nach links sortierte. Sah zu, wie er dabei mit leuchtenden Augen die Buchdeckel und Einbände betrachtete und stimmte ihm zu, wenn er euphorisch wiederholte, wie wichtig Bücher seien. Das war seine Welt. In ihr war er zuhause, und er würde nie eine andere Welt kennenlernen oder wenigstens sehen. Seine Welt war diese mit Büchern vollgestopfte Wohnung, in der er stundenlang saß und sortierte, ohne je alle gelesen zu haben.
Sie schüttelte die Wasserflasche. Alle Pillen hatten sich aufgelöst. Langsam hob sie die Flasche hoch. »Prost!«, rief sie den Regalen und Büchern zu, als seien sie nur Gäste, schmiss die Flasche gegen den nächstbesten Stapel Heftchenromane. »Ihr werdet mich hier nicht länger gefangen halten!« Mit diesen Worten ging sie in den Flur, öffnete den Bademantel und die Wohnungstür. »Ich werde für euch singen!«
Anna Leyk
Sie nimmt einen großen Schluck aus der Wasserflasche und hält sie ihm danach anbietend hin. Wie erwartet, lehnt er ab. Wasser mit Kohlensäure hält er für proletenhaft, lieber kramt er umständlich seine Flasche mit stillem Wasser aus dem Rucksack hervor und trinkt.
»Schöne Aussicht«, sagt sie. »Ist das da hinten die Zugspitze?«
Er setzt die Flasche ab und hebt den Zeigefinger. »Kleine Dummimaus, das habe ich dir doch schon dreimal erklärt. Da ist der Hochwanner. Die Zugspitze ist von hier aus gar nicht zu sehen!«
Sie zuckt mit den Achseln und dreht sich weg. Als würde es sie tatsächlich interessieren, wie dieser blöde Berg heißt. Sie findet Gebirge öde. Außerdem tun ihr die Füße weh. »Wollen wir ein wenig rasten?« Er nickt. »Oh ja, diesen majestätischen Anblick möchte ich eine Weile auf mich wirken lassen. Aber du bist mir schön still!«, fügt er gönnerhaft an. »Ich will diesen erhabenen Augenblick ganz in mich aufnehmen und ohne dein Geplapper genießen.«
Sie setzt sich auf das Felsstück am Abgrund und schaut ins Tal. Ihr ist langweilig, sie hätte gerne etwas gelesen. Doch Bücher lassen sich kaum auf eine Alpenwanderung mitnehmen. Außerdem liest sie nur noch heimlich, seitdem er sich über ihre Leseauswahl lustig gemacht hat. ›Haha, kleines Dummchen, bloß weil es Buchstaben hat, ist es noch lange keine Literatur!‹ Eigentlich ist er ein egoistischer Widerling, denkt sie.
