Drei zornige alte Männer - Giulia Birnbaum - E-Book

Drei zornige alte Männer E-Book

Giulia Birnbaum

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Beschreibung

Der Manager Müller-Zepp hat die Idee eines freien Mitarbeiters gestohlen; der junge Mann bringt sich um. Arnold Korff will der Witwe zu ihrem Recht verhelfen. Sein alter Freund Benno macht mit, ebenso Tito Tigges, früher Grafiker in Arnolds Werbeagentur. Bei der Vorbereitung ihrer Aktion lernen die Korffs Bennos neue Gefährtin Ilka kennen. Die ruhige Sabine Korff hält zunächst Abstand zu "dieser Hippie-Queen". Den drei Männern gelingt es tatsächlich, dem Dieb eine Entschädigung abzupressen. Dem Tito Tigges genügt das aber nicht; er hat noch eine Rechnung mit der Zepp-Sippe offen. Die beiden anderen erkennen das nicht. Um Schlimmeres zu verhüten, verbünden sich Sabine und Ilka; sie kommen aber zu spät. Plötzlich interessiert sich die Polizei für die Vorgänge. Sabine meint den Grund zu kennen: Zepp senior hat sie angerufen. Der Industrielle vermutet einen terroristischen Hintergrund. Sabine sucht Erklärungen: Was hat der Grafiker Tigges seinerzeit in Arnolds Agentur getrieben? Sie stöbert eine alte Tigges-Cousine auf, die mehr verrät, als die Polizei wissen darf.

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Seitenzahl: 290

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Giulia Birnbaum

Drei zornige alte Männer

Roman

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1 / Haruspex

2 / Drei Helden von früher

3 / My two front teeth

4 / Die Gemse

5 / Für einen Dieb gut genug

6 / Ein Ekel in Hochform

7 / Früher gab es richtige Herren

8 / Das Eheleben der Sabine Korff

9 / Wittfelds Party

10 / Abendkritik auf der Bettkante

11 / Ein komischer Kerl

12 / Irritationen im Museumsgarten

13 / Tito braucht einen Hund

14 / Das Mäuschen vom Zoo

15 / Die Jury

16 / Im Auftrag der Rechte-Inhaber

17 / Kriemhild und die Hunnenkönige

18 / So etwas wie ein Black-Out

19 / Ilkas Fehler

20 / In dieser Nacht

21 / Ein Gespräch unter Männern

22 / Beim kranken Tito

23 / Zepp ruft an

24 / Parkallee in Nachmittagssonne

25 / Den Nachlass verwalten

26 / Erinnerungen und Rätsel

27 / Die Geschichte der Hilde Huberti

28 / Sympathisanten

29 / Geisterbeschwörung

30 / Schluss mit großer Geste

31 / Ein letzter Blick nach vorn

Impressum neobooks

1 / Haruspex

Als Anne Hoyer noch in ihrer alten Wohnung lebte, hörte sie abends wieder und wieder die Nachricht ab, die ihr Mann bei seinem letzten Anruf hinterlassen hatte:

„Ich kann nicht mehr.“

Georg hatte wirre Sätze gestammelt, die den Tumult in seinem Kopf verrieten, aber später brachte Anne nicht mehr genau zusammen, was sie verstanden hatte. Er hatte ihr wohl versichert, dass sie seine Liebste sei, und irgendwie versprochen, dass alles gut würde, sie sei doch die Stärkste.

Dann hatte er seinen Ford auf einen abgelegenen Parkplatz gefahren, aus dem Auspuff einen Schlauch in den gut abgedichteten Wagen geführt und den Motor gestartet. Ein Bauer, der mit seinem Traktor aufs Feld fuhr, fand ihn am nächsten Morgen.

In den dunklen Tagen, die folgten, hielt Anne sich an die Stimme von Band. Sie war wie vor den Kopf geschlagen, versuchte aber, aus dem immer gleichen Gestammel einen Hinweis herauszuhören: Wie sollte denn „alles gut“ werden?

Sie löschte das Band, als sich herausstellte, dass Georgs Versprechen, wenn er denn eins gegeben hatte, nicht zu halten war. Es wurde keineswegs alles gut. Die Lebensversicherung verwies auf eine Vertragsklausel, die Zahlung bei Selbsttötung ausschloss. Private Rücklagen waren kaum vorhanden; als die Bestattung bezahlt war, war Georgs Konto leer.

Anne musste die Eigentumswohnung aufgeben, sie konnte die Hypothek nicht mehr bedienen. Sie zog in einen weniger gefragten Stadtteil und suchte sich Arbeit, einunddreißig, keine Kinder. Vor acht Jahren hatte sie einen Job im Reisebüro aufgegeben, um Georg in seinem Werbestudio zur Hand zu gehen. Nun gab es keinen Georg mehr und kein Studio; Anne Hoyer musste sehen, wie sie durchkam.

Immer noch suchte sie dringend nach einer Erklärung: Warum hatte ihr Mann das getan? Er wusste, dass sie an diesem Abend nicht zuhause war: Wollte er aufs Band sprechen, damit sie ihn nicht umstimmen konnte? Was hatte ihm nur so zugesetzt? Er hätte mit ihr sprechen müssen. Sie waren doch immer gut miteinander ausgekommen, und für eine Depression gab es nicht das geringste Anzeichen. Geldsorgen vielleicht? Aber das hätte sie doch gewusst!

Das Studio war ein paar Jahre leidlich gelaufen. Georg hatte eine Reihe mittelständischer Kunden gewonnen – eine Druckerei, einen Großhändler, einen Hersteller von Profilblechen –, aber der große Auftrag, der richtig fette Werbeetat, war ausgeblieben.

Georgs letzte Idee hätte ihm einen tüchtigen Schub geben können. Er wollte sie einem Verlag anbieten, von dem er früher kleine Aufträge bekommen hatte, aber er war erfolglos zurückgekommen. Er hatte seine Enttäuschung nur schlecht überspielt, und am nächsten Tag war er auf diese Geschäftsreise gegangen, seine letzte. Warum?

Anne rief einen alten Bekannten an. Arnold Korff hatte in der Trauergemeinde gestanden, die auf dem Nordfriedhof Abschied von Georg nahm. Die lieben Worte, die Umarmungen, die Blicke aus feuchten Augen hatten Anne gut getan, obwohl die schwarzen Garderoben den Versammelten etwas Fremdes gaben. So seriös, so feierlich kannte sie ihre Freunde nicht. Die meisten hatten mit Werbung zu tun und waren dem Förmlichen eher abgeneigt. Sie waren alle so jung.

Korffs gediegener Auftritt überraschte sie nicht. Sie kannte ihn als Mann, der sich in gutem Tuch wohlfühlte und mit freundlichen Augen in die Welt sah, offen für alles und für jeden. Er war jetzt deutlich über siebzig und schon eine Weile aus dem Geschäft. Sein Ruhestand war „wohlverdient,“ und das war mehr als die Floskel der Versicherungsvertreter. Er hatte in seiner Werbeagentur – Zodiac / Ideen für Märkte – erfolgreiche Kampagnen entwickelt und schöne Umsätze erzielt. Georg arbeitete mit Zodiac hin und wieder zusammen; auch Anne hatte geholfen. Sie verloren sich dann aus den Augen, aber die alten Tage waren beiden noch gegenwärtig, als er am Friedhofausgang an ihre Seite trat und leise sagte: „Wenn ich etwas für Sie tun kann …“

Das konnte er jetzt.

Ja, Sonntagvormittag passte ihm. Ein Büro hatte er schon lange nicht mehr, sie kam zu ihm ins Haus, nahm gerne einen Kaffee.

„Schrecklich,“ meinte Korff und sah sie betrübt an. „Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll – mein Gott, wer hätte denn mit so etwas gerech­net? Eigentlich war er doch immer gesund?“

Tatsächlich war ihr der Verdacht gekommen, Georg könne eine ernste Krankheit verheimlicht haben. Aber sein Hausarzt hatte die Daten des Patienten Hoyer – den er allerdings selten gesehen hatte – nochmals überprüft und den Kopf geschüttelt. Da war nichts.

„Wir dachten immer, guten Leuten kann nichts Schlimmes passieren. Aber irgendetwas muss ihn stark getroffen haben. Darüber wollte ich mit Ihnen sprechen. Er war ziemlich geknickt, als er von Bernkopf zurückkam. Er wollte es sich nicht anmerken lassen – Sie wissen ja, wie Georg war.“ Annes Augen blickten ins Leere, als müsse sie Tränen zurückhalten.

Korff nickte. „Wann ist er denn zu Bernkopf gegangen?“

„Am Tag davor.“

„Und was hat er da getan?“

„Das hier.“ Anne zog ein weißes Heft aus ihrer Handtasche und reichte es Korff hinüber. „Das Exposé. Die Idee für eine neue Zeitschrift. Er war völlig überzeugt davon, aber die von Bernkopf haben abgelehnt.“

Das Heft mit dem Titel Haruspex wurde durch Klebebindung zusammengehalten und enthielt etwa ein Dutzend Seiten DIN A 4. Korff blätterte es auf.

„Haruspex. Sie wussten sicherlich Bescheid, um was es da ging?“

„Um Blicke in die Zukunft. Das war die Idee. Georg meinte, das sei ein Konzept, das noch niemand ernsthaft verfolgt hat.“

„Blicke in die Zukunft.“ Korff war überrascht, ein bisschen ungläubig auch.

„Ja. Georg meinte, die Zukunft sei allemal spannender als die Gegenwart. Es gäbe so viele Hinweise, die müsse man nur zu Ende denken, dann bekäme man schon ein ziemlich genaues Bild.“

„Das ist jedenfalls eine interessante Idee,“ meinte Korff höflich. Er blätterte das schmale Heft unentschlossen durch. „Man müsste mal durchdenken, was drinsteckt.“

„Das hat Georg getan.“ Anne deutete auf das Heft in Korffs Hand. „Sie werden sehen, er begnügt sich nicht mit allgemeinen Trends, sondern zeigt ganz im Ernst, was auf den Leser zukommt – damit der sich schon mal vorbereiten kann.“

Sie legte den Kopf leicht zur Seite und beobachtete ihn.

„Verstehen Sie? Zum Beispiel im Wohnungsmarkt. Häuser an Durchgangsstraßen werden bald wieder interessanter.“

„Warum?“ wollte Korff wissen.

Sie freute sich über die Frage: „Weil der Verkehr leiser wird. Viel leiser, weil die Autos elektrisch fahren.“

„Interessant,“ sagte Arnold Korff. „Interessant.“ Nach einer nachdenklichen Pause: „Es gibt bestimmt eine ganze Reihe von Leuten, die sich gern mit der Zukunft beschäftigen. Manchmal sieht man so was auch im Fernsehen. Man müsste nur aufpassen, dass man nicht in die Science Fiction abrutscht.“

„Nein.“ Anne Hoyer war fest überzeugt. „Ich glaube nicht, dass da etwas abrutscht. Aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich das einmal anschauen und mir sagen, was Sie davon halten. Es kann doch nicht sein, dass Georg sich derart verrannt hat.“

„Vielleicht hat er sich an den falschen Adressaten gewandt. Vielleicht ist eine Zeitschrift das falsche Medium. Ich fürchte, so was findet heute meistens im Internet statt; aber natürlich gibt es noch Ausnahmen. Ich werde mir das gern ansehen. Haruspex ist jedenfalls ein merkwürdiger Titel. Damit sind die alten Weissager gemeint, aus der Antike, nicht wahr?“

Anne nickte. „Die Priester im alten Rom.“ Sie lächelte jetzt. „Georg mit seinem Latein-Abitur. Er konnte es manchmal übertreiben.“

„Und wie geht es Ihnen jetzt?“ wollte Arnold beim Abschied wissen. „Kommen Sie zurecht? Im neuen Job, meine ich?“

Anne meinte, der wäre schon o.k., die Kollegen im Büro seien nett, aber das freie Arbeiten gegen die tägliche Routine einzutauschen, das sei ihr schwer gefallen.

„Ja,“ sagte Korff zögernd, „die große Freiheit.“ Er dachte an die uferlosen Arbeitszeiten, die Nächte an der Schreibmaschine, die Mittagspausen, in denen ein schneller Joghurt und ein belegtes Brötchen genügen mussten. Er erinnerte sich auch an die Telefonate mit seiner Frau, wenn es wieder später wurde.

In der Diele war der Bratenduft aus Frau Korffs Küche zu wittern.

„Gulasch,“ verriet Korff lächelnd. Er habe sich über Annes Besuch sehr gefreut und wolle das Exposé gern durchlesen; er würde sich melden.

2 / Drei Helden von früher

Nach Auflösung seiner Agentur hatte Arnold Korff seinem Leben einen Dreh gegeben, auf den seine Frau Sabine nicht vorbereitet war. Sie hatte sich die gemeinsame Zukunft anders vorgestellt, an schöne Reisen, an Wellness-Hotels und Freiluftfestivals gedacht. Jetzt hatten sie doch genügend Zeit dafür. Sabine kannte genügend Ruheständler, die wochen­lang unterwegs waren, von jedem Terminkorsett befreit.

Die baltischen Staaten wurden jetzt gern genommen, und ein paar Tage Florenz mussten eigentlich auch für die Korffs möglich sein. Sabines Reiselust meldete sich zuverlässig, wenn sie in der Küche zugange war, wenn sie Töpfe und Pfannen aus dem Schrank geholt, Zutaten bereitgestellt und Zeit hatte. Sie konnte sich zwar ein Buch vornehmen, aber die Lektüre blieb Stückwerk: Immer wieder musste gerührt, abgeschmeckt, nachgewürzt werden. Sie hätte die lebenslang geübten Handgriffe gern wieder mal dem Koch eines österreichischen Berghotels oder einer Trattoria in Perugia überlassen.

Aber ihr Arnold war für große Expeditionen nicht mehr zu haben; er war genug gereist. Außerdem waren die Hoteladressen, die er spaßeshalber im Internet ausprobierte, samt und sonders auf Monate ausgebucht. Das sei die eigentliche Erfindung der Ferienindustrie, nörgelte er: Das ausverkaufte Ziel. Die Untugend der Leute, ihr Hotel ein Jahr im voraus zu buchen, hätte mit Reisen nichts mehr zu tun, es sei eher eine Art Umbettung im Abonnement. Ob Sabine sich nicht an den schlimmen Juli am Gardasee erinnere. Sie waren vor Jahren auf gut Glück hin­gereist und mussten meilenweit ins Hinterland fahren, um überhaupt noch ein Bett zu finden.

Arnold fand aus seiner eigenen Postleitzahl nicht mehr heraus; da war nichts zu machen. Sabine bekam ihn nur zu Ausflügen vor die Tür, deren Ziele in ein oder anderthalb Stunden zu erreichen waren, eigentlich waren es nur längere Spaziergänge. Die Parks gehörten dazu, die Uferwege am Rhein und auch die Friedhöfe, auf denen sie jetzt immer mehr alte Bekannte entdeckten. Man sei an der frischen Luft und hätte obendrein was zu lesen, sagte Arnold, das sei doch schön.

Er blieb gern bei ihr im Haus. Er mochte das Haus; sie hatten es in dreißig Jahren kaum verändert. In der Diele hing nach wie vor das Poster vom Italian Film Festival und erinnerte an einen Museumsshop in Paris. Die Lampen über dem Küchentisch – an dem sie bequem acht Gäste bewirten konnten – waren ein Glücksgriff aus den Achtzigern; immer noch tauchten sie alles, was auf die blank gescheuerten Bretter kam, in ihr warmes Licht.

Abends setzten sie sich mit einem Glas Rotwein auf die Terrasse, ließen die Sonne untergehen und sprachen sich aus. Sogar Arnold konnte dann besinnlich werden: „Weißt du was? Ich finde es so beruhigend, wenn ich nachts höre, wie friedlich du neben mir atmest.“ Sie wusste nicht genau, was sie davon halten sollte, jedenfalls wich er ihr Tag und Nacht nicht mehr von der Seite. Als ob er wettmachen wollte, was er zuvor versäumt hatte.

Das Familienleben der Korffs war von Arnolds Beruf arg gerupft worden. Es hatte Jahre gegeben, in denen er wochenlang spät in der Nacht nach Hause kam; mehr als einmal gab es am Frühstückstisch bittere Worte und unglückliche Gesichter. Die Agentur sei in einer sehr angestrengten Phase, versuchte Arnold zu beruhigen, bald würde es besser.

Er war dann doch erschrocken, als einer seiner Kunden, ein Aufsteiger kurz vor dem Chefsessel, ein harter Hund, ihm mitten in der Besprechung etwas vorheulte: Just an diesem Vormittag war ihm seine Frau weggelaufen; sie hatte die einsamen Abende nicht mehr ertragen. Arnold konnte nur mitfühlend dreinschauen. In diesem Moment wusste er nicht, was er sagen sollte, aber am nächsten Tag verschob er die Herchenberg-Präsentation und ordnete auf Biegen und Brechen seinen Termin­ka­lender neu. Er blieb auch bekehrt, als er später hörte, so einsam seien die Abende der abtrünnigen Gattin durchaus nicht gewesen, vielmehr hätte sie im Schwimmbad ihrer Wohnanlage zu oft diesen Innenarchitekten getroffen. Eigentlich lief es ja auf dasselbe hinaus.

Jedenfalls hatte Sabine ihren Arnie jetzt den ganzen Tag an der Hacke; das war sie nicht gewohnt. Er saß in jedem Zimmer, er las seine Zeitung in der Küche rauf und runter, er begleitete sie zum Einkauf, nicht nur am Wochenende. Deshalb war sie begeistert, als zu Herbstbeginn Arnolds alter Freund – sein bester Freund – Benno Wittfeld abends vorbeischaute und einen gescheiten Vorschlag machte.

Sie mochte Benno. Sie wusste, dass Arnold und Benno sich als Lehrlinge in derselben Firma verbündet hatten („wie Rodgers and Hammerstein“). Glückliche Tage mussten das gewesen sein – junge Tage, als sie über Jack Teagarden sprachen statt über Vertriebswege und Marktanteile.

Als sie später in unterschiedlichen Himmelsrichtungen – und unterschiedlichen Geschäften – unterwegs waren, blieb die Freundschaft auf Standby, und sie sprang sofort an, als Benno wieder in der Stadt auftauchte. Es war schön für Arnold, den Kerl wieder in der Nähe zu haben, da gab es viel zu erinnern, viel zu streiten und viel zu lachen.

Benno kam, als Arnold gerade das Geschirr abgeräumt hatte, setzte sich zu ihnen an den Tisch und pries die Eintracht, in der die beiden nebeneinander saßen („ein Bild, das über jedes Kinderbett passen würde“). Er fragte, ob sie neuerdings auf den Friedhöfen etwas Aufregendes entdeckt hätten, und kam dann zum Thema. Sein Arzt hatte ihm viel Bewegung empfohlen, wegen des Blutdrucks und überhaupt. Überhaupt – das meinte: Man durfte die Pantoffeln gar nicht erst anziehen; wer sich wie ein alter Mann aufführte, wurde auch einer. Wandern wäre eine gute Idee, für ihn und Arnold. Jetzt bekämen die Bäume draußen allmählich Farbe („der große Maler geht durch den Wald“), das sei eine gute Zeit für die Wälder der Umgebung – doch, es gäbe noch welche.

Er sah Sabine an und sagte unschlüssig, sie könnten natürlich auch zu Dritt … , aber bevor er den Satz beenden konnte, winkte Sabine schon mit beiden Händen ab. Sie wollte ihre Chance retten, das Haus ein paar Stunden für sich allein zu haben. Arnold und Benno hatten das nicht anders erwartet; sie nickten und verabredeten sich für Donnerstag.Sie stiefelten zu zweit in den Wald und kamen zu dritt wieder heraus. Beim alten Schießstand waren sie einem von früher über den Weg gelaufen, einem Grafiker, der sich ebenso wie Arnold wunderte, dass sie erst ins Unterholz gehen mussten, um sich nach all den Jahren wiederzusehen. „Wenn man nur mal die Nase vor die Tür steckt,“ bestätigte Benno, der den Mann nicht kannte.

„Tito Tigges?“ fragte Sabine. Sie erinnerte sich an den Namen. Tigges hatte eine Zeitlang für Arnold gearbeitet. Der Mann galt als Spinner, jedenfalls sagten das Leute, die ihn kannten.

„Er war immer für schräge Einfälle gut,“ räumte Arnold ein, „aber das muss ja kein Schaden sein. Jetzt scheint er ziemlich allein durch die Welt zu laufen. Er kennt ein paar gute Wanderziele.“

Sie gingen nun regelmäßig zu dritt los. Es kam nicht in Frage, sich einem der Rentnertrupps anzuschließen, die sich an den Endhaltestellen versammeln, mit festem Schuhwerk und Frauenüberschuss. Statt dessen holten sie einander ab und fuhren dann zu entlegenen Parkplätzen am Waldrand. Sie marschierten im Räuberzivil über die Feldwege, rätselten, ob auf den abgemähten Äckern Roggen oder Gerste gestanden hatte, unterschieden mit Mühe Schafgarbe und Giersch und sahen zu, dass sie um drei wieder zuhause waren, rechtzeitig für ihr Nachmittags-Nickerchen. Länger als einen halben Tag blieben sie nicht mehr frisch.

Sie verstanden sich gut, es konnte ja immer nur einer reden. Sie erzählten sich gern Geschichten, die mit „es war einmal“ begannen, aber über ihre früheren Heldentaten sprachen sie nur vorsichtig. Sie wussten noch, dass sie manchen Erfolg nur einem glücklichen Zufall verdankten – einer unverhofften Empfehlung oder dem plötzlichen Ausfall eines Konkurrenten. Ebenso zufällig konnt es schiefgehen. Tito konnte ein Lied davon singen und tat es auch: Vier Tage, nach­dem er eine ebenso erstklassige wie teure Arbeit abgelie­fert hatte, war sein Auftraggeber in Konkurs gegangen. Tito hatte keinen Pfennig gesehen.

Dass es mit dem Georg Hoyer ein böses Ende genommen hatte, wusste jeder von ihnen. Sie setzten sich auf ein paar aufgestapelte Baumstämme und ruhten sich aus.

„Das ist das, was ich meine,“ sagte Tito. „Kein Boden unter den Füßen, nur Hecheln von Auftrag zu Auftrag. Als ob man von Eisscholle zu Eisscholle springt. Wenn du die letzte verpasst, gehst du unter.“

„Oder du lässt dich zum Heilpraktiker umschulen,“ schlug Benno vor.

Sie lachten. Sie erinnerten sich an den Mann – einen Kontakter, der die Vierzig überschritten hatte und in der Werbung keine Zukunft mehr für sich sah. Er hatte den Absprung in eine ganz andere Szene gewagt und „verdiente sich jetzt wieder schlapp.“

Georg Hoyer hatte die letzte Eisscholle verfehlt. „Dass er deshalb Schluss machen musste. Und dann so.“

„Na ja,“ meinte Tito. „Wenigstens ist er sauber gegangen.“ Er hatte einmal einen Jungen gekannt, der verschwand eines Tages und man fand ihn nicht mehr. Jahre später spazierte ein Pärchen in den Wald und legte sich unter einem Baum ins Laub. Als das Mädchen hoch blickte, sah es den Jungen hängen, ein Skelett in der Seppelhose.

„Auch damals wusste niemand, warum.“ Ihm fiel noch etwas ein: „Hatte der Wagen eigentlich keinen Katalysator? Der hätte das doch verhindern müssen.“

„Aber wenn der Hoyer das nicht wusste?“

Sie quittierten Bennos absurden Einwurf mit einem Knurren, gemischt aus Protest und Belustigung.

„Hör schon auf,“ sagte Arnold. Es wurde Zeit, von Annes Besuch zu berichten, von Hoyers Exposé und seiner Idee für Haruspex.

„Haruspex?“ fragte Benno.

„Steht im Lexikon, du kannst es auch googeln. Römische Priester, die aus den Eingeweiden toter Tiere die Zukunft herauslasen.“

„Oh je.“ Für Benno war das zu weit weg.

„Ich habe früher gern Zukunftsromane gelesen,“ sagte Tito.

„Science Fiction, ja, das habe ich zuerst auch gedacht,“ gab Arnold zu, „aber das hier ist etwas anderes.“

„In den Zeitungen steht doch schon genug,“ sagte Benno. „Neulich erst ein Artikel über Gewächshäuser auf dem Mars.“

„Das stimmt, aber Hoyer schreibt, es gäbe genug Leute, die mit solchen Häppchen nicht zufrieden sind, die wollen tiefer eintauchen.“

Tito räumte das ein: „Das ist nicht ausgeschlossen, so eine Art Flucht aus der Gegenwart.“

„Es muss nicht mal Flucht sein. Es gibt immer Leute, die anderen etwas voraus haben wollen. In Haruspex würden sie Dinge lesen, über die noch niemand Bescheid weiß – in der Zukunft war ja noch niemand. Es wäre das erste Magazin, das ausnahmslos allen Lesern etwas Neues anbietet.“

„Ob sich das verkauft?“ wiederholte Benno Wittfeld. „Kommt dein Freund Hoyer nicht ein bisschen spät? Die Zeitschriften gehen doch jetzt schon am Stock – kaum noch Anzeigen und die jungen Leute spielen lieber auf ihren Smar­t­p­hones herum.“

„Ja, die jungen Leute,“ antwortete Arnold, „aber der Hoyer war schon vierunddreißig.“

„Nicht alt genug, um sich umzubringen. Und Haruspex ist ein völlig abgedrehter Titel. Klingt nach Werkzeug­maschinen-Export.“

„Jedenfalls ist er merkfähig,“ beharrte Arnold. „Er hat einen Widerhaken.“ Ihm war, als müsse er ihnen das Haruspex-Konzept verkaufen, seiner Besucherin Anne zuliebe. Er blieb beim Thema:

„Er schlägt ‚Sieben Leben von morgen’ vor. Das fängt mit Küchenrobotern an und hört mit neuen Göttern auf. Interessant ist sein Prognose-Schema. Er teilt die Zukunft ein in ‚ziemlich sicher’, ‚möglich’ und ‚un­wahr­scheinlich’.“

„Was meint er denn mit ‚ziemlich sicher’? Dass es im nächsten Winter schneit?“

„Mit Wettervorhersagen gibt er sich nicht ab.“ Arnold korrigierte sich: „Hat er sich nicht abgegeben. Nein, er sagt zum Beispiel die Rückkehr der Schreibmaschine voraus, weil die Leute fürchten, dass ihr Computer überwacht wird. Er meint auch, dass Trinkwasser bald so viel kostet wie Burgunder.“

Die Vorstellung gefiel ihnen nicht, das konnte man sehen. Arnold schob nach: „Unter der Rubrik ‚möglich’ notiert er übrigens ‚Flüssigfleisch’.“

„Ist ja widerlich.“ Benno verzog das Gesicht. Er bezweifelte, dass man genügend Stoff sammeln könne, um Monat für Monat ein interessantes Heft zu produzieren. Auch Tito schüttelte den Kopf. Arnold konnte seine Wanderfreunde nicht überzeugen; sie wollten sich mit dem Blödsinn nicht weiter abgeben.

„Ob wir drei alten Knacker uns noch groß mit der Zukunft befassen müssen?“

Sie einigten sich darauf, der arme Hoyer hätte da eine Schnapsidee gehabt. Ein krankes Hirn. Kein Wunder, dass er sich umgebracht hatte.

Durch die Bäume hindurch sahen sie, wie sich im Westen der Himmel verdunkelte. Aus einem Stoppelacker am Wald­rand flatterte eine Kolonie von Tauben hoch. Die Vögel sam­melten sich über dem freiem Feld zum Schwarm, wurden mit einem Schwenk gegen das Licht unsichtbar, zeichneten sich dann plötzlich hell gegen die dunklen Wolken ab. Tito zog seine Schiebermütze tiefer in die Stirn – es wurde Zeit, zu gehen.

Sie erhoben sich ächzend von ihrem Holzstapel und mach­ten sich auf den Rückweg. Sie beeilten sich, gerieten dennoch in einen Schauer und konnten sich gerade noch in einer Waldhütte unterstellen. Nach zwanzig Minuten ließ der Regen nach; sie kehrten zu ihrem Parkplatz zurück. Plötzlich roch es nach Fäulnis; sie traten vorsichtig auf, um auf dem nassen Laub nicht auszurutschen.

„Was machen wir nächsten Donnerstag?“ fragte Tito Tigges vom Rücksitz. „Vielleicht mal wieder zum alten Steinbruch?“

Ein alter Kalksteinbruch, seit Jahrzehnten der Natur überlassen, hatte es ihnen angetan. Sie konnten ihn in einer guten Stunde umrunden, das war nicht zu viel für sie. Meistens hatten sie das dicht bewaldete Areal für sich allein, mit allem Brombeer- und Weißdorngestrüpp, mit Hundsrose und mannshohem Bärenklau. Sabine hatte Arnold über heilende und giftige Pflanzen unterrichtet und ihn über die Unterschiede zwischen Bärenklau, Bärlauch und Bärwurz aufgeklärt. Er gab sein Wissen an die beiden anderen weiter, die aufmerksam zugehört hatten. Es war mal was anderes als die alten Geschichten.

Jetzt allerdings musste der Steinbruch warten.

„Ich weiß noch nicht,“ sagte Arnold. „Ich muss Montag erst mal zum Zahnarzt.“

3 / My two front teeth

Die Schulkinder, die morgens im Pulk unter dem Schlafzimmerfenster der Korffs vorbeizogen, erinnerten Arnold laut und lebhaft daran, dass er jetzt aller Tagespflichten ledig war. Der Gedanke hatte etwas Angenehmes: Er konnte sich mit einem entschlossenen Ruck noch einmal auf die andere Seite drehen. Andererseits vergaß er nicht, dass Sabine vor nicht allzu langer Zeit bemerkt hatte: „Solange morgens der Wecker klingelt, sind wir noch jung.“

Sie hatten den Wecker abgestellt. Für Sabines Tagesablauf machte das keinen großen Unterschied, aber ihm fehlte seither der Stundenplan. Er konnte in den Tag hineindröseln. Das hatte er vorhergesehen, dennoch staunte er, wie schnell jetzt selbstverständlich wurde, was früher ein seltenes Wochenend-Vergnügen war.

Dagegen wurde das Alltägliche bemerkenswert. Auf dem Weg zum Zahnarzt geriet ihm das ganze Gewusel in den Blick, für das er früher kein Auge gehabt hatte: Alle paar Meter wurde ein Lieferwagen entladen, Bauarbeiter stiegen aufs Gerüst, Maler strichen Fensterrahmen, und alle diese Leute waren zwei Stunden früher aufgestanden als er. Schaffendes Volk allenthalben, aber Arnold gehörte nicht mehr dazu, niemand schaute ihn an, er flog sozusagen unter dem Radar. In jeder Ecke wurden neue Gebäude hochgezogen, die er nie mehr im Leben betreten würde. Peu à peu wurde ihm die Stadt fremd.

Es war eben so, dass die Welt sich nicht mit ihm zur Ruhe setzte. Die Welt hatte noch viel vor. Alle diese jungen Leute um ihn herum überholten ihn, während er sich in seinem Haus im Amselgrund verschanzte, auf ein Leben mit reduziertem Pulsschlag eingerichtet. Das blieb draußen nicht unbemerkt: In der Post boten ausgebildete Polinnen ihre Seniorenbetreuung an, eine Mail versprach ihm „mit 60 noch Power im Bett,“ und ein Prospekt lud ihn zu einer Kreuzfahrt ein, „an Bord eines Premiumschiffs, in stilvollem Ambiente an die unbekannten Küsten Kroatiens (Arzt an Bord).“

Jedes dieser Angebote war sorgfältig auf die Zielperson Arnold Korff zugeschrieben, leider musste er sie ausnahmslos ablehnen.Es war eigentlich kein Zahnarzt, sondern ein Kiefernchirurg. Von Arnolds Schneidezähnen hatte man zwei nicht mehr retten können, und die Vorstellung, abends eine Prothese ins Kukident-Glas zu legen, schauderte ihn. Ein Implantat war fällig.

Der Arzt war doppelter Doktor. Arnold sprach seit Jahren Doktoren nicht mehr mit ihrem Titel an. Er fand das bäurisch, zu umständlich auch, und die jüngeren Leute schienen ohnehin keinen Wert darauf zu legen. Beim Vorgespräch hatte Arnold kurz überlegt, ob er einem doppelten Doktor nicht wenigstens einen anbieten müsse, dann bemerkte er, wie locker der Ton in dieser Praxis war. Der Arzt hatte seine Frage nach dem Behandlungstermin mit einem aufgeräumten „Sie buchen, wir spielen“ beantwortet.

Arnold stimmte sich auf den Tonfall ein, sprach sozusagen mit den Händen in den Hosentaschen. Tod und Gefahr musste man mit Verachtung strafen – anders als in den Jammergeschichten, die Sabine jetzt immer öfter mit nach Hause brachte. Er legte die Brille ab, schwenkte seinen Hintern auf die OP-Liege und ließ ein halblautes „here we go“ hören – die coole Ansage eines Kampfpiloten beim Start. Vor seinen hilflosen Augen verschwamm das Röntgenbild seines Totenschädels; leuchtend hell seine Zähne, dunkel das Nichts. Das Fenster hinter dem Röntgenschirm zeigte einen Baum, der seine Blätter verlor: Ein Memento Mori vom feinsten, im Hintergrund ergänzt vom Turm der alten Elisabeth-Kirche. Ein dünnes Glöckchen müsste jetzt noch läuten, dachte Arnold.

Die unfassbar junge OP-Schwester im Handwerkerblau bot ihm einen Kopfhörer an. Daraus war ein Klopfen und Rauschen zu hören, das Rock’n Roll sein musste; er lehnte dankend ab. Der Arzt beugte sich über ihn, sagte zu Arnolds Überraschung „Entschuldigung“ und setzte ihm vier Spritzen in den Oberkiefer, dann ließ man ihn allein. Er bemühte sich, ruhig durchzuatmen.

All I want for Christmas is my two front teeth – so was brachten sie früher im Radio. Ob die Men­schen in tausend Jah­ren bes­se­re Zäh­ne ha­ben werden, dachte er – durch natürliche Aus­le­se? Oder wird ein kräftiges Gebiss dann bedeutungslos sein? Hoyers „Flüssigfleisch“ ging ihm durch den Kopf, widerlich.

Was war bloß mit dem Hoyer los gewesen? Schon die Art, in der er sich von seiner Frau verabschiedet hatte, zeigte, wie kaputt er gewesen sein musste. Tito hatte Recht mit seinen Eisschollen, wahrscheinlich hatte Hoyer den letzten Sprung nicht geschafft. Arnold hatte ihn früher als bescheidenen Menschen gekannt, und nach allem, was man hörte, war er das geblieben. So einer taugt nicht für Hahnenkämpfe, kann sich in Herrschaftspyramiden nicht nach oben boxen. So einer ist am besten beraten, wenn er freiberuflich vor sich hin werkelt. Allerdings muss er dann nicht nur gute Einfälle, sondern auch auskömmliche Rechnungen produzieren. Bei dem scheuen Hoyer war es eher so, dass er sich schon belohnt fühlte, wenn man ihm einen Auftrag gab; es gibt solche Leute. Wenn sie an den richtigen Pfennigfuchser geraten, ziehen sie immer den Kürzeren, besonders als Anfänger.

Es sind die Zahnärzte, die Rechnungen schreiben können. Arnold hatte sich einen Kostenvoranschlag geben lassen und ohne große Hoffnung an seine Krankenversicherung weitergereicht. In Ungarn hätte er sein Implantat bestimmt für ein Drittel bekommen. Vor Jahren, in ihren Ferien am Neusiedler See, hatten die Korffs einen Abstecher hinüber ins grenznahe Sopron gemacht und dort an jeder dritten Haustür das Schild einer Zahnarztpraxis bemerkt. Auf Transparenten über der Hauptstraße warb die Implantat-Industrie um Westpatienten („Shuttle-Service zum Flughafen Wien“). Ob auf deren Zähne aber auf Dauer Verlass gewesen wäre?

Er wollte nicht ungerecht sein: Was er dem Arzt überweisen musste, konnte er früher an einem Tag verdienen. Allerdings war damals damals und heute war heute. Heute musste er seine Reserven angreifen. Es kam nichts mehr rein außer der verabredeten Rente. Unverhoffte Ausschüttungen gab es nicht mehr, und sein schönster Cashmere-Pullover wurde am Ellenbogen schon fadenscheinig.

Arnold hatte sich Zeit seines Arbeitslebens von dem Gedanken des give and take umnachten lassen: Man konnte nicht immer nur nehmen, man musste dem Markt auch etwas zurückgeben. Er ging ins Fachgeschäft statt in den Fabrikverkauf. Er handelte nicht gern, zahlte selbstverständlich den Preis, der auf dem Etikett stand. Wenn er ehrlich zu sich selbst war: Er hielt sich etwas zugute auf die Summen, die er ausgeben konnte, statt auf das Geld, das er festhielt.

Die Quittung hatte er jetzt. Die „Vollkrone aus Edelmetall, nach Stufenpräparation“ kostet allein im Materialwert 353.53 € netto, das war in dieser Höhe nicht vorgesehen. Ein zusätzlicher Betrag, der an seinem Konto nagte. Es kam eins zum anderen, adios le peso.

Drei gleißende Scheinwerfer über ihm.

„Es rumpelt jetzt ein bisschen,“ sagte der doppelte Doktor.

Es dauerte nicht lange, bis er Arnold zu einer neuen Röntgenaufnahme in den Nebenraum schickte. Das Ergebnis schien dem Arzt zu gefallen; Arnold hörte, wie er zufrieden brummte. Er wurde mit einem Kühlkissen entlassen, das er zuhause an die Backe presste. Sabine kochte ihm abends eine sämige Tomatensuppe.

4 / Die Gemse

Am nächsten Nachmittag wollte Arnold fortsetzen, was er unter der anflutenden Betäubung nicht zu Ende gedacht hatte. Er nahm sich das Exposé des Georg Hoyer nochmals vor – nicht, weil er der Sache eine Chance gegeben hätte, sondern weil er der jungen Witwe eine Antwort schuldig war.

Er begriff, worauf ihr Mann seine Hoffnungen gesetzt hatte. Bestimmt ging es ihm nicht nur um ein einmaliges Honorar für seine Idee. Statt dessen hatte er gehofft, mit der Werbekampagne für Haruspex beauftragt zu werden – dann wären in der Tat beträchtliche Summen an sein Studio geflossen.

Arnold kannte einen Gebäudereiniger, der behauptete, er müsse sich die Häuser, die er putzen wolle, mittlerweile selbst bauen. Ebenso hatte Hoyer das Produkt, für das er werben wollte, selbst erfunden. Das war clever, hatte aber einen Haken: Wenn das Produkt den Verlag nicht überzeugt, sind alle weiteren Überlegungen hinfällig.

Er würde Anne Hoyer enttäuschen müssen. Über die Zukunft konnte man schließlich jeden Tag etwas in der Zeitung lesen. Über wirtschaftliche Sorgen und medizinische Hoffnungen. Über die Weltbevölkerung von morgen und die Mars-Mission von übermorgen. Auch über den Wolf und wann er durch die menschenleeren Städte schnüren würde. Solche Sachen.

Ein Buch, das wäre möglich gewesen, es gab wohl auch schon ein paar von dieser Art. Aber eine genießbare Zeit­schrift ausschließlich mit solchem Stoff zu füllen, das war nicht vorstellbar. Nach der zweiten oder dritten Nummer musste die Zukunft den Lesern zu den Ohren herauskommen.

Er wunderte sich nicht, dass der Bernkopf-Verlag die Idee abgelehnt hatte. Es ging einfach nicht. Ob Hoyer tatsächlich einen Sprung in der Schüssel hatte – so, wie er abgetreten war? Dass ein Vorschlag abgelehnt wird, kommt alle Tage vor, das ist kein Grund, sich umzubringen.

Er rief Anne Hoyer an, zuhause, abends nach Büroschluss. Er bedauerte. Er begründete.

„Also keine Chance?“ fragte sie. „Kein anderer Verlag, der infrage käme? Keine andere Möglichkeit für das Material?“

„Ich fürchte nein.“

„Schade. Merkwürdig ist es trotzdem. Georg war ja nicht naiv.“ Ihre Stimme klang belegt. „Er war völlig überzeugt davon.“

„Was kann ich dazu noch sagen – so geht’s in der Welt. Soll ich Ihnen das Exposé zurückschicken?“

„Nein, nicht nötig,“ sagte Anne Hoyer. „Jetzt nicht mehr.“

„Wenn ich sonst etwas für Sie tun kann,“ sagte Arnold – ein schwacher Versuch, ihre Enttäuschung ein bisschen abzufedern.Was hätte er tun können? Seine Kontakte in die Werbeszene waren ausgetrocknet. In den ersten drei, vier Jahren hatten sich noch ein paar Veteranen gefunden, die beim einstigen Lieblings-Italie­ner die frühen Pasta-Zeiten nachschmeckten. Wie das eingeschlagen hatte im Land der sieben Hühnchen, dass Nudeln grün sein konnten!

Sie alle erinnerten sich an das Hochgefühl, nach einer erfolgreichen Präsentation in den guten alten Intercity zu klettern und einen Bocksbeutel ins Abteil kommen zu lassen. Sie erinnerten sich aber auch an Abende, an denen sie unverrichteter Dinge auf Provinzbahnsteigen herumstanden und keinen Schutz vor dem Eisregen fanden, während der Anschlusszug auf sich warten ließ. Immer noch ließen sie sich nach dem Grappa eine Quittung geben, aber nur aus alter Gewohnheit; absetzen konnten sie nichts mehr. Vielleicht waren ihre Zusammenkünfte auch deshalb allmählich seltener geworden.

Über das Werben und Verkaufen konnte Arnold nur noch mit Benno reden. Der hatte seine ersten Kunden noch im VW-Käfer besucht, auf der Rückbank die Musterkoffer, die ihm beim Bremsen ins Kreuz schlugen. Mit den Jahren hatte er sein Sortiment erweitert und von Reprokameras bis Melkmaschinen alles verkauft, was ohne give and take nicht zu verkaufen ist. Auch er hatte Kunden jeder Sorte gegenüber gesessen. Den alten Troupiers, die wussten, wovon sie sprachen. Den Bequemen, die sich gern führen ließen. Aber auch den Neunmalklugen, die alles besser wussten und „dann eben den Scheiß kriegten, den sie haben wollten.“

Benno war vorbei gekommen, um sich Arnolds neue Zähne anzusehen („ist doch erst das Provisorium,“ sagte Arnold); er brachte Sabine eine Melone und ein ehrliches Kompliment mit: „Was für ein hübsches Kleid. Ist das Baumwolle? Steht dir wirklich gut.“ In Artigkeiten war er geübt – er zielte sie aufs Detail und fuhr gut damit.

Die beiden Freunde waren hinters Haus gegangen, saßen auf der sonnenwarmen Terrasse, schauten abwechselnd in ihren Rotwein und auf den Rasen, der jetzt nicht mehr viel Pflege brauchte. Sie hatten den Herbstanfang hinter sich, umso mehr genossen sie die Wärme, die der späte Nachmittag ihnen noch einmal spendete.

„Es ist vorbei.“ Benno kam auf seine Kundentypen zurück. „Was regen wir uns auf. Einem Arsch muss man beizeiten die Meinung sagen; rückwirkend nützt es nichts mehr. Die Frage ist, wer von den heutigen Weltmeistern als Arsch in die Geschichte eingehen wird. Anwärter gibt es genug. Ärsche im Rückspiegel – das wäre mal eine Rubrik für dieses Zukunfts­magazin.“

Arnold lachte böse. „Hoffentlich gehören wir nicht dazu.“

„Sie werden mit keinem von uns gnädig umgehen,“ sagte Benno düster. „Was meinst du denn? Die Jungen liegen auf der Lauer, die wollen auch noch ein paar Krümel vom Kuchen haben. Da kannst du froh sein, wenn du in Ruhe deine Rente verzehren darfst.“

Zwischen seinen Augenbrauen zeigte sich eine senkrechte Falte.

„Ich habe vor kurzem einen Tierfilm gesehen, aus den Alpen, oben im Schnee, in den Felsen. Da hat eine junge Gemse ihre Mutter aus dem windgeschützten Winkel vertrieben, hinter dem man den Winter am besten überlebt.“

Er verkniff das Gesicht, als fege ihm selbst gerade ein Schneesturm um die Ohren.

„Da ziehst du dich besser warm an, Junge.“ Er blickte auf. „Hallo Sabine.“

Sabine war herausgekommen, um ihnen Gesellschaft zu leisten. „Das reine Rentnerglück,“ sagte sie, als sie die beiden betrachtete, halbgehangen in ihren Sesseln. „Na, was bekaspert Ihr denn da?“ Sie hatte die Melone aufgeschnitten und servierte sie auf Tellern mit kleinen Schinkenstreifen.

„Sirup? Willst du Sirup drüber?“ fragte sie Benno.

Benno tippte mit der Gabel auf seinen Teller: „Wenn sich zwei so gut verstehen, soll man sie allein lassen.“

„Keinen Sirup?“