Dreiklänge - Christine Franke - E-Book

Dreiklänge E-Book

Christine Franke

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Beschreibung

Clara ist mit sich und ihrem Leben, das sie allein auf einem restaurierten Vierkanthof verbringt, vollkommen im Reinen. Bei einem Kurzurlaub in Hamburg begegnet sie auf einer Ausstellung Walther von Waldheim, der sie mit seiner Sicht auf das Leben und Beziehungen im Besonderen vorerst aus ihrer behaglichen Mitte holt. Wieder zu Hause, findet sie in ihren Alltag zurück und bereitet sich auf das jährliche Musikfest, ein Event, das lokalen Musikerin eine Bühne bietet und in Kürze auf ihrem Anwesen stattfindet, vor. In ihrer Scheune lässt sie junge Bands proben und das herausragende Talent Jasons, dem neuen Mitglied einer der Bands, findet ihr Interesse und nicht nur das. Seine gesamte Person zieht sie in ihren Bann. In ihrem Roman "Dreiklänge" verarbeitet die Autorin einen Teil der eigenen Kindheit und der depressiven Erkrankung in ihren Zwanzigern. Die Begegnung dreier Menschen, deren Lebenswege sich kreuzen, spiegelt ihre eigene Persönlichkeit und psychische Entwicklung wider.

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Seitenzahl: 562

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Clara ist mit sich und ihrem Leben, das sie allein auf einem restaurierten Vierkanthof verbringt, vollkommen im Reinen. Bei einem Kurzurlaub in Hamburg begegnet sie auf einer Ausstellung Walther von Waldheim, der sie mit seiner Sicht auf das Leben und Beziehungen im Besonderen vorerst aus ihrer behaglichen Mitte holt. Wieder zu Hause, findet sie in ihren Alltag zurück und bereitet sich auf das jährliche Musikfest, ein Event, das lokalen Musikerin eine Bühne bietet und in Kürze auf ihrem Anwesen stattfindet, vor. In ihrer Scheune lässt sie junge Bands proben und das herausragende Talent Jasons, dem neuen Mitglied einer der Bands, findet ihr Interesse und nicht nur das. Seine gesamte Person zieht sie in ihren Bann.

In ihrem Roman "Dreiklänge" verarbeitet die Autorin einen Teil der eigenen Kindheit und der depressiven Erkrankung in ihren Zwanzigern. Die Begegnung dreier Menschen, deren Lebenswege sich kreuzen, spiegelt ihre eigene Persönlichkeit und psychische Entwicklung wider.

Christine Franke, Jahrgang 1957, wurde in Passau geboren, ist verheiratet und lebt im oberbayerischen Burghausen. Dreiklänge ist ihr erster Roman.

Das Lippenbekenntnis "Ich liebe Dich!" ist entweder überflüssig oder unaufrichtig.

– Andreas Tenzer –

Inhaltsverzeichnis

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Letztes Kapitel

1

Die Ausstellung, sagte sich Clara, spannte den Bogen etwas zu weit, wenn sie die beiden Bildzyklen ‚Tulsa‘ und ‚Teenage Lust‘ des Fotografen Larry Clark mit der Geschichte der Modefotografie verknüpfte. Die einzige Verbindung, die sie darin erkennen konnte, war die Gegenüberstellung des Hochglanzscheins mit der ungeschminkten Darstellung der Drogenszene seiner Heimatstadt, die er in den Bildern dokumentiert hatte.

Genau in dieser Gegensätzlichkeit lag auch der Reiz, den dieses Milieu auf sie ausübte. Sie selbst war in den Siebzigern in der behüteten Spießbürgerlichkeit und Beschränktheit einer bayrischen Kleinstadt groß geworden und war mit dieser Welt, die sie nur vom Hörensagen kannte, selbst nie in Berührung gekommen. Für sie war sie nur eine von einem dunklen Mysterium umgebene Fiktion gewesen.

Sie sah auf ihre Armbanduhr. Die Führung war in wenigen Minuten zu Ende, aber der Schmerz in ihrer Lendengegend, den sie dem gestrigen Besuch der Hamburger Kunsthalle zu verdanken hatte, wurde langsam unerträglich und zudem meldete sich ihre volle Bla se. Unbemerkt verließ sie die Gruppe und wandte sich der Treppe zu, die nach unten ins Foyer und zu den erlösenden Toiletten führte.

Auf der Suche nach dem Hinweisschild entdeckte sie im Augenwinkel ein Plakat, das auf eine weitere Ausstellung im Erdgeschoss hinwies und obwohl ihre Blase sie drängte, blieb sie davor stehen.

Zwei zum Ende hin verblassende Schriftzüge ‚Verloren‘ und ‚Trugbild‘ durchzogen die Schwarz‐Weiß‐Aufnahme und lenkten den Blick auf eine männliche Gestalt, die tot oder wie sie hoffte, schlafend, inmitten einer Schneise gleichgültig vorübergehender Passanten auf dem Bürgersteig lag.

Die Entscheidung war schnell getroffen. Bis zur Eröffnung um fünf Uhr blieb ihr noch fast eine Stunde. Zeit genug, dachte sie, um sich zu regenerieren und eine, vielleicht auch mehrere Zigaretten zu rauchen und den Nachhall der Bilder etwas abklingen zu lassen.

Kaum hatte sie den Tabak auf dem Blättchen verteilt, als die erhoffte Ruhe durch das Öffnen der Tür in ihrem Rücken gestört wurde.

Sie warf einen kurzen Seitenblick zu dem schlanken, in festlichem Schwarz gekleideten Mann, der in einiger Entfernung von ihr stehen geblieben war, und registrierte verwundert, wie er ebenfalls einen Tabakbeutel aus seiner Jackentasche zog. Sie beachtete ihn nicht weiter und schnippte ihr Feuerzeug an, das nur ein schwaches Funken von sich gab. Sie hatte kein Benzin nachgefüllt, dachte sie verärgert, während sie wider besseres Wissen versuchte, ein zweites und drittes Mal ihrem Feuerzeug eine Flamme zu entlocken.

„Wenn sie sich einen Moment gedulden?“, hörte sie von rechts und drehte sich in Richtung der Stimme.

„Danke“, sagte sie, als ihre Zigarette brannte.

„Für solche Fälle empfiehlt es sich einen Ersatz bereit zu haben“, sagte er und hielt ihr sein Feuerzeug entgegen. „Nehmen sie es nur. Es war ohnehin ein Werbegeschenk.“

Etwas peinlich berührt nahm sie es entgegen. Dass sie zu ihm aufblicken musste, versetzte sie in eine unterlegene Position und kurz war sie versucht aufzustehen, doch er hätte sie auch dann noch überragt und sie entschied sich zugunsten ihres schmerzenden Rückens dagegen.

„Sie sehen nicht aus wie jemand, der seine Zigaretten selbst dreht“, sagte sie.

„Das müssen sie mir erklären. Darf ich mich kurz zu ihnen setzen?“, fragte er und deutete auf den Steinquader auf dem sie saß. „Ich möchte nicht auf sie herabsehen müssen.“

Er war äußerst attraktiv, musste sie zugeben, aber er war ihr nicht auf Anhieb sympathisch. Äußere Makellosigkeit hielt selten, was sie versprach.

„Nun“, sagte er, „Sie sehen einen Stilbruch darin, oder wie soll ich es verstehen?“

„Es passt nicht zu dem seriösen Eindruck, den sie vermitteln.“

„Dann sehe ich zwischen uns durchaus eine Gemeinsamkeit“, lächelte er.

Sie überging seine Bemerkung.

„Wollen sie die Ausstellung im Erdgeschoss besuchen?“

„Gewissermaßen …“, antwortete er im Tonfall einer Frage, „und sie?“, fügte er hinzu.

„Ich habe es vor, ja. Ich bin durch Zufall über die Ankündigung gestolpert. Können sie mir vielleicht etwas darüber sagen?“

„Lassen sie sich doch überraschen.“

Etwas an ihrer Unterhaltung schien ihn zu erheitern, glaubte sie aus seinem Lächeln zu lesen.

„Ich würde gerne wissen, was mich erwartet. Das Bild auf dem Steher in der Halle hat mich jedenfalls angesprochen.“

„Das ist doch eine gute Voraussetzung.“

„Ich habe mich gefragt, ob dieser Mann, der auf dem Bürgersteig liegt, schläft oder tot ist. Was glauben sie?“

„Soweit ich dem Flyer entnehmen konnte, ist er tot. Leider habe ich ihn nicht zur Hand“, sagte er nach einem suchenden Griff in die Innentasche seines Smokingjacketts. „Auf der Straße schlafende Obdachlose schockieren niemanden mehr“, meinte er. „Ein Toter jedoch rüttelt auf, allein schon deshalb, weil er an die eigene Sterblichkeit erinnert und den Betrachter zwangsläufig einbindet. Weil er an eigene Ängste rührt und persönliche Betroffenheit schafft. Der Tod begegnet einem noch öfter während dieser Ausstellung.“

„Haben sie Angst vor dem Tod?“

Wie kam sie nur dazu, einen Menschen, den sie erst vor wenigen Minuten begegnet war, so etwas zu fragen, dachte sie.

„Bevor wir uns einer derart persönlichen Fragestellung nähern …, ich heiße Waldheim“, streckte er ihr seine Hand entgegen. „Walther mit ‚h‘, Waldheim.“

„Clara Frank“, sagte sie und nahm seine Hand.

‚Wenn ich bin, ist der Tod nicht, wenn der Tod ist, bin ich nicht‘, zitierte er. „Wer hat das gesagt? War es Epikur? Nein, ich habe keine Angst vor dem Tod. Jenseits des Lebens existiert nichts. Es gibt kein Bewusstsein, das die Feststellung treffen könnte, man wäre tot.“

„Dann sollte ich sie eher fragen, ob sie Angst vor dem Sterben haben?“

„Ich finde das Leben viel zu interessant um es mit Ängsten und Befürchtungen zu vergeuden“, lächelte er. „Wie steht es mit ihnen? Haben sie diesbezügliche Ängste?“

„Ich bin von einer abgeklärten Sicht über den Tod und das Sterben noch weit entfernt“, antwortete sie und war über ihre eigene Offenheit erstaunt. Glücklicherweise hakte er nicht weiter nach.

Fast zeitgleich griffen sie nach ihren Tabakbeuteln. Als er ihr die Flamme seines Feuerzeugs anbot, wurde ihr Blick von seiner Hand angezogen und folgte ihr, bis er das Feuerzeug wieder in seine Anzugtasche gleiten ließ.

„Sind sie ohne Begleitung hier?“, fragte er.

„Ja“, antwortete sie etwas irritiert.

„Haben sie eine Einladung?“

„Wie meinen sie?“

Er musterte sie schmunzelnd.

„Ich würde ihnen – natürlich nur, wenn sie einverstanden sind – meine Begleitung anbieten. Ich könnte ihnen einiges über die Bilder erzählen.“

Sie fühlte sich von seiner etwas antiquiert anmutenden Ausdrucksweise auf den Arm genommen und zugleich, wenn auch ungewollt, geschmeichelt.

„Sie bieten mir also ihre Begleitung an“, wiederholte sie zögerlich, obwohl die Entscheidung schon feststand. „Warum eigentlich nicht? Gut. Einverstanden.“

Die Vernissage war noch nicht eröffnet und in der Eingangshalle hatte sich eine beachtliche Menschenmenge versammelt. Während er mit einer Selbstverständlichkeit, als wären sie alte Bekannte, ihren Arm hielt, bahnte er sich mit den Worten ‚Verzeihung‘ und ‚Entschuldigung‘, die mehr nach einer Aufforderung als nach einer Bitte klangen, den Weg.

„Scheint ja großen Anklang zu finden, diese Ausstellung“, meinte Clara.

„Vielen Gesichtern hier begegnet man ständig“, sagte er mit einem abfälligen Blick über die Menge, „gleich, worum es sich handelt.“

Als er die Klinke der Doppelflügeltür nach unten drückte, wurde sie von innen aufgezogen und ein Ordner stellte sich ihnen in den Weg. Dann fiel sein Blick auf ihre Begleitung und er trat mit einem Nicken beiseite.

Man kennt ihn hier, dachte Clara, doch sie hatte keine Gelegenheit, den Gedanken weiter zu verfolgen.

Geblendet von der Helligkeit in der Eingangshalle konnte sie nur Umrisse der Bilder an der Wand erkennen, als sie den spärlich beleuchteten Raum betraten. Sie versuchte den Aushang, der über die Anordnung der Bilder Aufschluss gab, zu entziffern, doch der Griff um ihren Arm führte sie zielstrebig entlang der Reihen in einen zweiten Raum.

„Die Aufnahmen sind chronologisch angeordnet und beginnen hier“, erklärte ihr Begleiter und deutete auf eine grobkörnige Schwarz–Weiß–Aufnahme.

Die wuchtige und weit ausladende Lehne des Sofas ließ die Gestalt kleiner erscheinen, als sie war. Der Junge, mager und mit nacktem Oberkörper schaute in die Kamera, als würde sie ihn bei etwas stören oder koste ihn wertvolle Zeit. Seine Haltung war ungeduldig angespannt, wie auf dem Sprung, fast erwartete sie ihn jeden Moment emporschnellen zu sehen. Seine feinen Gesichtszüge milderten kaum den finsteren Ausdruck seiner Augenbrauen, die sich unter seiner gerunzelten Stirn fast berührten.

Worauf sich diese Ungeduld gründete, ließ sich aus dem nächsten Bild erahnen, auf dem man ihn, über den ausgestreckten Arm gebeugt, die Hand zu einer Faust geschlossen, eine Spritze ansetzen sah.

‚Jean – August 1985‘, las sie auf dem Schild an der Wand.

„Das war in Paris in einem Hotelzimmer“, erklärte er weiter. „Jean war Franzose, er studierte Sprachen, was nahelag. Sein Vater arbeitete im diplomatischen Dienst, er war Botschafter und zerrte seine Familie über den halben Erdball, was auch seine Wurzellosigkeit und die zwanghafte Suche nach etwas, das ihm Geborgenheit vermittelte, erklärte“, sagte er. „Er glaubte irrtümlicherweise, sie in Heroin gefunden zu haben.“

Die Frage, woher er so genau Bescheid wusste, erübrigte sich. Ihr Begleiter war der Fotograf, dachte sie, während sie das nächste Bild fasziniert von dem selig entrückten Ausdruck, der sich auf dem Gesicht des Jungen zeigte, betrachtete. Die Spritze noch im Oberarm lag er auf die Seite gesunken und sein Blick war nach innen gerichtet, als gäbe es dort ein Paradies, das nur für seine Augen bestimmt war.

Diese Momentaufnahme der Glückseligkeit war überwältigend und es fiel ihr schwer, diesen Jungen nicht um seinen Zustand zu beneiden.

Ein angenehmes Prickeln breitete sich über ihren gesamten Körper aus, als sie die Bildreihe entlang ging, in denen ihr ähnliche Szenen in derselben Intensität und Ausdruckskraft nur mit wechselnden Darstellern begegneten. Nichts Mahnendes oder Abstoßendes war darin zu erkennen, fast schien es, als wollte für die Droge geworben werden.

„Kennen sie ‚Trash‘ von Andy Warhol mit Joe Dallesandro?“, fragte sie.

Sein Nicken ließ keinen Zweifel daran, wie er über den Film dachte.

„Finden sie nicht, dass sich die sinnlichen Darstellungen des Rausches ähneln?“, deutete sie auf das Bild vor dem sie standen. „Ich sehe überall dieselbe, wie soll ich sagen, laszive Hingabe, fast so, als würde man einem ewig andauernden Orgasmus zusehen.“

„Es könnte in der Absicht des Fotografen gelegen haben, es so erscheinen zu lassen“, meinte er.

Sie nahm einen inneren Anlauf, bevor sie sagte:

„Dann muss ich sie fragen: Wollten sie die Droge damit verherrlichen?“

In seinem Gesicht zuckte kein Muskel.

„Der Orgasmus ist nur ein unzureichender Versuch, das tatsächliche Erleben des Rausches zu beschreiben, entgegnete er unbeeindruckt. „Es ist ein Vergleich, der eindeutig auf die Sehnsüchte des Betrachters abzielt.“

„Wenn sie diese Verbindung herstellen, wecken sie Lust auf die Droge. War das denn ihre Absicht?“

Er war einen Schritt zur Seite getreten und betrachtete sie die Arme vor der Brust verschränkt, mit einem beinahe wohlgefälligen Lächeln.

„Insofern, um die Anziehungskraft der Droge zu verdeutlichen, durchaus. Aber es kommt noch anders, sie werden sehen“, sagte er und deutete ihr ihm zu folgen.

Sie gingen zurück in den Hauptraum, der sich von ihr bisher unbemerkt gefüllt hatte. Die Eröffnung stand kurz bevor, was hieß, sie musste sich gedulden, bis die Auftaktzeremonie vorüber war. Eine angespannte Atmosphäre herrschte im Raum, viele hielten sich an einem Glas Sekt in der Hand fest, das sie von Kellnern, die sich routiniert mit ihren Tabletts balancierend durch die Gäste schlängelten, entgegen nahmen.

„Ah, Herr von Waldheim! Wir wären dann so weit!“

Die erhobene Hand von sich gestreckt, eilte ein älterer Herr auf sie zu, der trotz seiner schmächtigen Figur und seines grauen, widerspenstigen Haarschopfes, eine kultivierte Würde ausstrahlte.

„Herr Conradi, darf ich vorstellen, meine Begleitung, Frau Frank“, sagte von Waldheim, wie sie nun erfahren hatte und zu ihr gewandt, erklärte er:

„Herr Conradi, der Kurator dieser Ausstellung.“

Dieser tippte ungeduldig auf seine Armbanduhr, während er sich in ihre Richtung verneigte, ohne sie wirklich zu beachten.

„Einen Moment noch“, erwiderte von Waldheim mit einer Bestimmtheit, die Conradi, wenn auch kopfschüttelnd, zum Rückzug veranlasste.

Sie standen sich gegenüber und sie sah mit erwartungsvoller Miene zu ihm auf.

„Entschuldigen sie. Ich hätte mich ihnen in Gänze vorstellen sollen, aber es reizte mich einfach, zu erfahren, wie die Bilder auf sie wir ken. Und was den Namenszusatz betrifft, den vernachlässige ich meist. Er spielt keine große Rolle für mich.“

Sie winkte nur ab.

„Warten sie auf mich? Es dauert nicht lange“, deutete er mit einer raumgreifenden Geste in Richtung des Podiums, auf dem nun Conradi stand und die ersten Worte an das Publikum richtete. Sie nickte wortlos. Er legte ihr kurz die Hand auf den Arm, dann drehte er sich um.

Sie machte ihm keinen Vorwurf, dachte sie, als sie ihm nachsah. Im Gegenteil: Der Stolz darüber, ihren Verdacht unumwunden kundgetan zu haben, überwog bei Weitem.

Während der Laudatio erfuhr sie den Namen und Verwandtschaftsgrad des Fotografen Thomas Herders, seines Cousins, der ebenfalls einige Bilder in dieser Ausstellung zeigte. Seine Abwesenheit wurde mit großem Bedauern entschuldigt, bevor man die verschiedenen Tätigkeitsbereiche von Waldheims aufzählte, der nicht nur fotografierte, sondern auch Artikel schrieb, aus mehreren Sprachen übersetzte und an der POP‐Akademie über Fotografie und digitale Bildbearbeitung dozierte.

Als Conradi das Wort an ihn übergab, erfüllte seine Stimme den Raum und ließ nicht nur die beiden Frauen in ihrer Nähe das Gespräch unterbrechen und interessiert aufhorchen.

Er erklärte unter anderem mit diesen Aufnahmen in seiner Jugend, einer Zeit, in der er selbst Gefahr lief, sich nach und nach zu verlieren, begonnen zu haben. Er habe in der Fotografie die Möglichkeit gesehen, sich mehr als Betrachter denn als Teilnehmer der Szene, in der er sich selbst bewegt hatte, zu sehen. Seine ursprüngliche Absicht sei es nicht gewesen, seine Arbeiten zu veröffentlichen. Erst die Idee seines Cousins, ein gemeinsames Projekt zu starten, habe ihn dazu veranlasst, diese Bilder, die ein Teil seiner eigenen Geschichte und somit etwas sehr Persönliches für ihn waren, der Öffentlichkeit preiszugeben.

Noch vor Beendigung seiner Ansprache wandte sich Clara wieder den Fotos zu. Sie wollte ein Zeichen setzen. Auf ihn zu warten, bedeutete, sich seinen Regeln zu unterwerfen. Das wollte sie auf keinen Fall.

Die Wirkung der Bilder war verstörend. Sie sah eine Aufnahme des französischen Studenten Jean, die auf den Tag genau ein Jahr nach seinem denkwürdigen ersten Schuss gemacht wurde, dem, der ihn auf überwältigende Weise in den paradiesischen Zustand versetzt hatte, der tief in der Vorstellung jedes Menschen verankert war.

Nicht nur seine ausgemergelte Gestalt und seine leeren und zugleich fiebrigen Augen waren es, was diese Aufnahmen grundsätzlich von den vorherigen unterschied. Sie waren mit kaltem, fast klinisch sterilem und unbarmherzigem Blick aufgenommen, als hielte die Kamera nicht mehr der Mensch, der die Droge zu lieben schien, sondern einer, der sie entlarvte und entmystifizierte. Dieser Eindruck verstärkte sich von Bild zu Bild und die Kreuze häuften sich hinter den Namen, die ihr mittlerweile so vertraut waren, als hätte sie die Personen dahinter persönlich gekannt.

Jeans Grabstein nannte den 3. März 1989, den Tag seines neunzehnten Geburtstags, als seinen Todestag.

Sie erschrak, als Waldheim plötzlich neben ihr erschien. Noch völlig im Bann des Bildes, vor dem sie stand, schaute sie nur auf und deutete mit einem Kopfnicken auf Jeans Grab.

In seinem Gesicht war keine Regung zu erkennen. Er betrachtete es, wie er es durch die Linse gesehen hatte. Unbeteiligt und distanziert.

„Es gab nur diesen Weg für ihn“, sagte er nach einer Weile. „Einen anderen kannte er nicht. Nur war es nicht die Droge, die ihn tötete, es war die Konsequenz daraus, wie er sich und die Welt wahrnahm.“

„Heißt das, es war – wie soll ich sagen – schon aufgrund seiner Persönlichkeitsstruktur vorherbestimmt, dass er auf diese Weise sterben würde? Das kann ich so nicht glauben.“

„Ohne die Droge hätte er eventuell eine Chance gehabt. Es gab einen kurzen Zeitraum, in dem er im Ansatz begann, sich selbstkritischer zu betrachten, aber als er das Heroin entdeckte, glaubte er, sein Heil darin gefunden zu haben, und in seinem Denken blieb kein Raum für anderes mehr. In einem seiner seltenen, klarsichtigen Momente sagte er einmal zu mir, er sei wie eine Pflanze, der man nie die Möglichkeit gegeben hatte, Wurzeln zu schlagen und ein anderes Mal meinte er, wie ein durchlässiges Gefäß zu sein, aus dem al les, was man hineingab, hindurch rann. Er war nie zufrieden mit dem, was er bekam, er wollte immer mehr, und wenn man ihm Sympathie oder gar Zuneigung entgegenbrachte, nahm er sie entweder nicht wahr oder tat alles dafür, um sie zu zerstören. Er behauptete selbst unter einer Gefühlsblindheit, einer Alexithymie – kurz angemerkt: Ein umstrittener Begriff – zu leiden, an der keine seiner Therapien, die man ihm von früher Jugend an angedeihen ließ, etwas ändern konnte. Wohl auch deshalb, weil er zudem ein geschickter Lügner war und den Therapeuten kein brauchbares Material lieferte, mit dem sie hätten arbeiten können. Sein Leben lang suchte er nach der Geborgenheit einer Kindheit, die er nie hatte. Das Fatale daran war jedoch, dass ihm durch das Heroin die Leere in seinem Innern noch deutlicher bewusst wurde. Er wusste nur zu genau, dass jeder Versuch zu entziehen gescheitert wäre, weil nichts in ihm war, worauf er hätte aufbauen können. Diese Erkenntnis beendete sein Leben.“

„Haben sie versucht, ihm zu helfen?“

„Nein. Das lag weder in meiner Absicht, noch hätte es etwas geändert. Ich verstand, warum er litt, aber ich akzeptierte seine Opferhaltung nicht. Sein Leiden war eine Auszeichnung für ihn, die ihn, in seinen Augen, von allen anderen unterschied und zu etwas Besonderem machte. Er trug es mit Stolz, er hielt es wie ein Schild vor sich und jeder Versuch, ihm, auf welche Weise auch immer, zu helfen, prallte daran ab.“

„Wie lange kannten sie sich?“, wollte sie wissen.

„Wir waren ungefähr gleich alt und beide vierzehn, als wir uns durch unsere Eltern kennenlernten.“

„Er war neunzehn, als er starb und in diesen fünf Jahren hat sich keine irgendwie geartete Beziehung zwischen ihnen und ihm entwickelt?“

„Jede Begegnung führt unweigerlich dazu, in gewisser Weise miteinander in Beziehung zu treten“, entgegnete er und sie meinte, in seinem Lächeln einen Anflug von Spott herauszulesen.

„Ich wollte nicht mit ihnen diskutieren, ich wollte eine Antwort auf meine Frage“, sagte sie und erschrak über den gereizten Tonfall in ihrer Stimme. Sie durfte sich nicht von ihm provozieren lassen, schwor sie sich.

„Sie wollen wissen, ob er mir etwas bedeutet hat. Die Antwort darauf ist ‚Nein‘. Er war mir gleichgültig, ich wollte nichts von ihm, was jedoch zur Folge hatte, dass er all die Jahre versuchte, mich für sich zu gewinnen. Ich sah in ihm nicht das Besondere, als das er sich wahrnahm, und ich bot ihm einen Widerstand, den er so nicht kannte und der seinen Ehrgeiz weckte. Ich ließ mich auf seine Spielchen nicht ein, unfassbar für ihn.“

„Das klingt für mich etwas herzlos und selbstbezogen“, sagte sie. „Wie kann man so unberührt und unbeteiligt angesichts des offensichtlichen Leidens eines anderen sein?“

„Ich würde es eher professionelle Distanz nennen, wenn sie gestatten“, meinte er breit lächelnd.

„In ihrer Rede klang dies anders. Sie sprachen davon, dass die Bilder etwas sehr Persönliches für sie waren. Was für mich auch bedeutet, dass ihre Beziehung zu den Menschen darin persönlich war. Widersprechen sie sich da nicht?“

„Es genügt oft nicht, die Kunst für sich selbst sprechen zu lassen, wenn man sie an den Käufer bringen will. In der Werbepsychologie wird das als emotionale Aufladung von Produkten bezeichnet, um eine Verbindung zwischen Interessent und Werk zu schaffen.“

„Sie sehen nichts Unmoralisches darin, sich durch Unwahrheiten Vorteile zu verschaffen?“, fragte sie.

„Es geht nicht um eine persönliche Haltung, sondern um das Gesetz des Marktes“, sagte er unterkühlt. „Wollen wir weitergehen?“

Nein, wollte sie nicht, dachte sie. Sie wollte sich nicht mit einer Erklärung, die keine für sie war, abspeisen lassen. Doch bevor sie widersprechen konnte, trat ein Mann zu ihnen, der auf diese kurze Gesprächspause gewartet zu haben schien.

„Ich habe meinen Sohn durch diese Droge verloren“, begann er ohne Begrüßung. „Er war ein vielversprechender Junge – hochbegabt. Er arbeitete in der Sozietät ‚Esche · Schümann · Commichau‘ – sie ist ihnen vielleicht ein Begriff – und 1997 erhielt er als einer der Ersten den Förderpreis, den die Kanzlei anlässlich ihres 175‐jährigen Bestehens vergab.“

Er redete ohne Punkt und Komma und beschrieb mit von väterli chem Stolz getränkter Stimme das glanzvolle Leben seines Sohnes, das durch die Droge zerstört worden war, und hinter seinen Worten spürte Clara das Elend dieses Hochbegabten, der unter der Last der Erwartungen, die an ihn gestellt worden waren, zerbrochen war. Der Sohn war die Hoffnung seines Lebens gewesen und sein Augenmerk richtete sich ausschließlich auf die Droge und ließ ihn erbittert darüber schwadronieren.

Geduldig und mit der ausdruckslosen Miene eines Beichtvaters hörte von Waldheim ihm zu. Er stellte keine Frage, er entgegnete nichts und hielt den Kopf gesenkt, als würde er sich vor dem Leid dieses Mannes verneigen, doch sie spürte instinktiv, dass er dasselbe dachte, wie sie.

Dieser Mann trauerte nicht um seinen Sohn, er trauerte, sofern man das Wort in diesem Sinne verwenden konnte, um den verlorenen Ruhm seines Sohnes, dessen Widerschein sein Leben erhellt und ihm Sinn und Bedeutung gegeben hatte.

So abrupt, wie er das Gespräch begonnen hatte, beendete er es wieder, verabschiedete sich in knappen Worten, in denen er seinen Dank für das offene Ohr seines Gegenübers aussprach, nickte ihr kurz zu und war verschwunden.

„Kannten sie ihn?“

„Nein. Ich habe ihn noch nie gesehen.“

„Ich dachte. Weil er seinen Namen nicht nannte.“

„Er scheint bedeutungslos für ihn zu sein.“

„Mein Mitgefühl für ihn hält sich in Grenzen“, sagte sie in Waldheims erstaunt geweiteten Blick. „Als ich ihm zuhörte, sagte ich in Gedanken zu ihm: Nicht die Heroinsucht war es, die deinen Sohn umgebracht hat, sondern dein kranker Stolz. Und du hast keinen blassen Schimmer davon.“

Die eigenen Worte klangen in ihren Ohren, als hätte sie den Mann öffentlich des Mordes bezichtigt und sie schwieg. Der Schreck musste ihr im Gesicht gestanden haben, denn von Waldheim lachte laut auf.

„Sie haben sich erlaubt, ihn in Gedanken zu duzen? Wie respektlos“, sagte er mit entwaffnendem Grinsen.

Dieses unerwartete Einvernehmen schloss die Kluft, die sich durch seine kaltherzige Haltung gegenüber Jeans Schicksal zwischen ihnen aufgetan hatte.

Er erschien ihr weit menschlicher, als sie vor dem Bild des Obdachlosen standen, und er erklärte, wie er den Mann, der inmitten der Passanten auf dem Bürgersteig lag, aus einem fahrenden Taxi heraus entdeckt hatte und den Fahrer gebeten hatte, anzuhalten. Etwas an der Haltung dieses am Boden Liegenden, seine gekrümmten Glieder, die starre Reglosigkeit, hatten ihn seinen Tod schon erahnen lassen. Damals hatte er seine Kamera stets griffbereit und diese Szene festgehalten, bevor er ausgestiegen war und seine Ahnung bestätigt fand.

Die letzte Serie stand unter der Überschrift ‚Trugbild‘, die in Zusammenarbeit mit Waldheims Cousin entstanden war. Im ersten Abschnitt sah man, wie man zunächst glaubte, Sexarbeiterinnen unterschiedlicher Couleurs, teils als Callgirls in luxuriöser Umgebung, teils am Straßenstrich, sie standen vor Wohnwägen und saßen hinter Glasscheiben, und während aus den Aufnahmen Thomas Herders die Hoffnungslosigkeit gescheiterter Existenzen sprach, sah man in den Bildern Waldheims ausschließlich Frauen, die selbstbewusst und mit würdevollem Stolz in die Kamera blickten.

Der zweite Abschnitt schien aus Porträts verschiedener Berufsgruppen zu bestehen. Dieselben Frauen saßen nun in Businesskostümen hinter Schreibtischen, bedienten als Kellnerinnen in Restaurants und Cafés, standen hinter ihren Kunden in Friseursalons oder arbeiteten an Fließbändern. Dadurch entstand der Eindruck einer verwirrenden Vorher‐Nachher‐Aufnahme, in der sich die Personen kaum mehr glichen.

„Diese Serie“, erklärte er, „beruhte ursprünglich auf einer Projektarbeit über habituelle Strukturen während meines Studiums. Ich sprach mit Thomas darüber und die Diskussion über den Zusammenhang zwischen Klassenzugehörigkeit, persönlicher Entwicklung und Lebensstil inspirierte ihn zu dieser Idee. Wir fragten uns, welche Kriterien wir selbst anwandten, was für uns ausschlaggebend in der Beurteilung einer Person war, und wir stellten fest, dass auch wir nicht frei waren von Klischees und vorgefertigten Annahmen. Thomas wollte die Betrachter ebenso dazu auffordern, ihre eigenen Maßstäbe zu hinterfragen, deshalb ließ er die Frauen in verschiedenen Rollen auftreten. Doch weitaus interessanter als das eigentliche Projekt gestaltete sich die Arbeit mit den Frauen. Keine einzige von ihnen war tatsächlich Prostituierte und es fiel den meisten schwer, sich in dieser Rolle abbilden zu lassen. Sie machte ihnen ihre eigene Ablehnung bewusst und dass sie ihnen bei den Shootings von außen entgegenschlug, hatte ihre Selbstwahrnehmung und ihre Identität am heftigsten erschüttert, war die einhellige Meinung dazu gewesen.“

„Vielleicht würde es das Denken der einen oder anderen ebenfalls erschüttern, wenn man den Test wagen würde, als Nichtmuslimin in der Öffentlichkeit eine Burka zu tragen. Wo bleibt das Ich, wenn es unter einem Symbol unsichtbar wird? Wie nimmt man die Welt unter der Burka wahr – wie nimmt die Welt einen wahr? Das wären doch interessante Fragen, insbesondere für Männer, finden sie nicht?“

„Bevor wir dieses Thema vertiefen,“, meinte er unvermittelt, „schlage ich einen Ortswechsel vor. Was sagen sie dazu?“

Das erste Bild vor Augen, als sie erwachte, war, wie er vor ihr stand und ihr zum Abschied die Hand reichte. Dann sah sie die Bar, in der sie bis tief in die Nacht gesessen hatten und sie versucht war, dem Sog seiner Aufmerksamkeit nachzugeben und ihre gesamte Lebensgeschichte vor ihm auszubreiten. Sie hatte vergessen, wie es sich anfühlte, wenn jedes Wort, jeder Gedanke auf Wohlwollen und Interesse stieß und dadurch wichtig und bedeutsam schien und man meinte, sich selbst in jedem Moment neu zu entdecken.

Auf der Fahrt hatte er ihr offenbart, dass zu dieser Ausstellungseröffnung nur geladene Gäste Zutritt gehabt hatten und sein Angebot, sie zu begleiten, sie vor der Peinlichkeit, abgewiesen zu werden, bewahrt hatte. Das Gefühl, unbedarft und naiv zu sein und in seiner Schuld zu stehen, war jedoch nach kurzer Zeit verflogen.

Das Wenige, das sie von ihm erfuhr, war der Tod seiner Eltern, die er mit neunzehn Jahren durch einen Flugzeugabsturz verlor und er damit über Nacht zur Vollwaise und zum Alleinerben eines Vermögens wurde, das ihn, wie er es ausdrückte, in alle Zukunft von äußeren Zwängen und Notwendigkeiten befreite. Die Folge war jedoch, dass er sich durchs Leben treiben ließ und um etwas Halt in sein Leben zu bringen, erst nach einem Jahr Aufenthalt in Amerika zu studieren begann.

Was es bedeutete, mit einem plötzlichen Vermögen konfrontiert zu werden, hatte sie vor acht Jahren selbst erfahren. Lotto zu spielen war mehr eine Gewohnheit als der Glaube an einen tatsächlichen Gewinn gewesen. Sie hatte denselben Lottoschein immer wieder neu gespielt, ohne auf die Zahlen darauf geachtet zu haben, bis ihr eines Tages ihre Geldbörse, in der sich der Schein befunden hatte, gestohlen wurde und sie neue Zahlen tippte. Diese brachten ihr den unglaublichen Gewinn von 42 Millionen – damals noch D‐Mark – ein. Sie hatte den Jackpot geknackt.

Es sollte eine Weile dauern, bis sie den Schock, der sie angesichts dieser unfassbar hohen Geldsumme erstarren ließ, überwunden hatte und sie ihr Glück akzeptieren konnte. Ihr Lebenstraum erfüllte sich wie von selbst, als sie durch Zufall von der Versteigerung eines Vierkanthofs erfuhr. Sie setzte sich mit der Bank in Verbindung und vereinbarte einen Termin zur Besichtigung, wobei sie Mühe hatte, das Anwesen zu finden, zu dem nur eine unscheinbare Straße durch ein ansteigendes Waldstück führte. Sie glaubte schon, sich verfahren zu haben, als urplötzlich der imposante Hof wie eine Trutzburg zwischen den hohen Bäumen erschien. Sie war sofort verliebt in diesen idyllisch abgelegenen Ort, der von einigen Hektar Wald und Grund umgeben war und auf dem als Zugabe ein etwas heruntergekommener, leer stehender Pferdehof stand. Selbst der Gutachter, mit dem sie sich verabredet hatte, war von dem guten Zustand der Immobilie beeindruckt und riet ihr aus vollem Herzen zu. Als sich am Tag der Versteigerung herausstellte, dass sie der einzige Bieter war, bescherte ihr dieser Umstand einen zusätzlichen Nachlass der Bank und als sie den Kaufvertrag unterschrieb, konnte sie ein weiteres Mal ihr Glück kaum fassen.

Voller Begeisterung hatte Clara ihm in sämtlichen Details ihr Zuhause geschildert, in dem sie nun seit sechs Jahren lebte und in dem sie sich, wie in keiner Wohnung zuvor, auch tatsächlich zuhause fühlte.

Natürlich war das nicht das zentrale und einzige Thema dieses Abends gewesen, aber jedes hatte letzten Endes seinen Ursprung in ihr oder führte zu ihr zurück.

Die erste Gemeinsamkeit mit ihm entdeckte sie, als Waldheim seinen Motor startete und aus den Lautsprechern die Slidegitarre von Elmore James erklang. Sie hatte den Blues erst vor einigen Jahren für sich entdeckt, als hätte es dafür erst einer gewissen Reife bedurft, um ihn wahrnehmen und in sich aufnehmen zu können, doch er hatte sich schon in seiner Jugend dafür interessiert, eröffnete er ihr.

Es war, als hätte dieser Abend mit ihm eine Tür zu etwas aufgestoßen, das sie, ohne es zu wissen, vermisst hatte. Etwas Vergleichbares hatte sie noch nicht erlebt.

Schon allein darin lag eine gewisse Gefahr, die drohte, sie aus ihrer beschaulichen Lebensbahn zu werfen. Dabei lebte sie seit zehn Jahren frei und ungebunden und war zu der letztendlich befreienden Überzeugung gelangt, zu ihrem Glück und ihrer Zufriedenheit keine Person an ihrer Seite zu benötigen. Sie hatte nun – endlich – zu der materiellen auch ihre persönliche Unabhängigkeit erreicht.

Doch jetzt musste sie feststellen, dass diese Begegnung sich in ihr festgesetzt hatte.

Seine Worte zum Abschied klangen noch frisch in ihren Ohren:

„Dein Widerspruchsgeist gefällt mir. Er gefällt mir sogar sehr. Er lässt Rückgrat vermuten und das findet man eher selten.“

2

„Herr Duffner?“, rief sie dem Handwerker zu, den sie hinter dem hochragenden Felsen des Wasserfalls vermutete. Er schien sie nicht zu hören.

„Herr Duffner?“, wiederholte sie.

„Alles in Ordnung. Die Pumpe war verschmutzt.“

Kurz darauf erschien die kugelförmige Gestalt des Handwerkers, dessen Kompetenz sie nicht nur aufgrund seiner unförmigen Figur und seines bluthochdruckroten Gesichts bezweifelte. Er watschelte auf seinen kurzen Beinen an ihr vorbei.

„Ich schalte ihn ein!“, rief er ihr über die Schulter zu.

„Na, da bin ich aber gespannt!“, murmelte sie seinem Rücken zu.

Kurz darauf begann es zu rauschen und die Wasserfontäne ergoss sich aus vier Metern Höhe auf das flache Steinplateau. Ihre Zweifel waren also unbegründet gewesen.

Sie stand unter Hochspannung. In ein paar Tagen würde das drei Tage dauernde Fest beginnen, das alljährlich teils im Freien, teils in ihrer ‚Scheune‘ stattfand, die sie zu einem Veranstaltungsraum umfunktioniert hatte und obwohl die Organisation dieses Events ihr langjähriger Freund Jerry übernahm, fühlte sie sich letzten Endes verantwortlich und konnte auf Komplikationen wie gerade diese verzichten. Der Wasserfall war für die Besucher nicht zugänglich und somit für das Gelingen des Festes nicht von Bedeutung, aber er war für sie und ihre Freunde ein Ruhepol in diesen Tagen der hektischen Betriebsamkeit, der insbesondere nachts, wenn man am Feuer saß, das die hoch aufragenden Steine mit seinem flackernden Schein beleuchtete, an eine indianische Kultstätte erinnerte und eine fast magische Atmosphäre schuf.

Zudem hatte sich ein Problem mit der Grateful Dead Coverband ‚Roadhouse Rockers‘, dem eigentlichen Highlight des Festes, ergeben. Interne Querelen hatten sich derart zugespitzt, dass sie kurzfristig ihren Auftritt abgesagt hatten. Jerry versuchte verzweifelt, einen Ersatz zu finden, was um diese Jahreszeit, in der viele Gruppen schon ausgebucht waren, ein schier aussichtsloses Unterfangen war.

Als sie Walther davon erzählte, bot sich eine überraschende Lösung an. Eine Bluesband, bei der er vor seinem Amerikaaufenthalt eine Zeit lang mitspielte, hatte eine Reunion gestartet und nutzte jede sich bietende Gelegenheit, um aufzutreten. Es bestand durchaus die Aussicht, dass sie dazu bereit wären, ins ferne Bayern zu reisen.

Gestern hatte er ihr die freudige Botschaft mitgeteilt. Sie hatten zugesagt und da sie planten, eine CD aufzunehmen, hatte er sich als Fotograf für das Cover angeboten. Das hieß, sie würde ihn bald wiedersehen und das war die wohl erfreulichste Nachricht für sie.

Claras Reise nach Hamburg war vor etwas über einem Monat gewesen. Sie hatte ihren Aufenthalt noch um zwei Tage verlängert, so sehr war sie von seiner Persönlichkeit gefangen genommen, und als sie abfuhr, war es, als nähme sie Abschied von einem Menschen, den sie schon von Jugend an kannte.

Sie waren nach der Alsterfahrt, es war Samstag, der 3. Mai gewesen, wieder bis tief in die Nacht zusammen gesessen und da ihr Hotelzimmer nur bis Sonntag Morgen gebucht war, blieb sie die beiden letzten Nächte bei ihm.

Ihr Vertrauen in ihn hatte sie nicht getäuscht, was sie – insbesondere in den beiden letzten Tagen ihres Aufenthalts – in gewisser Weise doch etwas enttäuschte. Er schien sie als Frau nicht wahrzunehmen, was sie bedauerte, obwohl sie ihm andererseits auch dafür dankbar war. Ihre Sexualität war das Stiefkind ihrer Persönlichkeit und hielt mit ihrer intellektuellen und psychischen Entwicklung nicht Schritt. Sie wusste selbst, dass es diese Trennung nicht gab und sie die Persönlichkeit, die sie sich wünschte zu sein und die sie sich zum Ziel gesetzt hatte, nur werden konnte, wenn sie auch diesen Teil ihres Wesens mit einbezog. Obwohl ihr das bewusst war, hatte sie ihre Sexualität schon seit Jahren auf Eis gelegt. Sie beschäftigte sich nicht mehr mit ihr und hatte bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie ihn kennengelernt hatte, keinen Gedanken mehr an sie verschwendet.

Kurz vor der Abfahrt hatten sie ihre Telefonnummern ausgetauscht und als der Zug losfuhr, stand er auf dem Bahnsteig, hielt eine Hand zum Gruß und die andere wie einen imaginären Telefonhörer ans Ohr. Doch sie wusste, als sie ihm mit einem unverbindlichen Schulterzucken antwortete, dass sie sich nicht bei ihm melden würde.

In ihrem Zuhause angekommen wurde ihr jedoch schmerzlich bewusst, wie tief der Eindruck, den er bei ihr hinterlassen hatte, gewesen war. Die Räume wirkten fremd und unwirtlich, sie fand keinen Bezug zu ihnen und in sich spürte sie eine Leere, eine Unvollständigkeit, als hätte sie einen Teil ihres Wesens in Hamburg zurückgelassen. Sie stürzte sich am nächsten Tag in die Arbeit, erledigte Liegengebliebenes und schon nach drei Tagen hatte sie sich so weit zusammengesetzt, dass ihr die Erinnerung an ihn keinen Stich mehr versetzte.

Am Abend dieses Tages klingelte das Telefon. Als er seinen Namen genannt hatte, war sie wie erstarrt und sie antwortete erst, als er fragte.

„Ich bin hier richtig bei Clara Frank?“

Von diesem Tag an telefonierten sie regelmäßig. Die Telefongespräche takteten ihre Woche und wurden zu einem Mittelpunkt, der ihr angst machte. Sie wagte es kaum, ihre Beziehung als Freundschaft zu betrachten und doch fand sie keine passendere Bezeichnung dafür. Sie wusste mittlerweile, dass er bisher nie eine Beziehung gehabt hatte und dies auch für sein weiteres Leben rigoros ausschloss.

„Mir fehlt kein Gegenüber zur Ergänzung, ich fühle mich durchaus vollständig“, waren seine Worte gewesen, als sie ihn ein rundheraus nach seinen früheren Beziehungen, von denen sie wie selbstverständlich ausging, gefragt hatte.

Das erforderte eine Erklärung, die sie jedoch erst nach und nach bekam. Er brachte ihr die Wahrheit über sich, oder besser gesagt, den Bereich, den er sie sehen lassen wollte, schonend, fast in Lektionen, bei.

Das war auch gut so, denn sie musste jede Information, die sie von ihm bekam, verdauen, wobei ihr der meist dreitägige Abstand ihrer Telefonate gerade recht kam. Es waren nicht die Tatsachen allein, sondern die entschiedene, kategorische Härte seiner Aussagen, die sie schockierten. Es war die schwindende Hoffnung und zugleich steigende Gewissheit, nie mehr als Freundschaft von ihm erwarten zu können, die sie in der Zeit dazwischen zu verarbeiten und zu akzeptieren hatte.

In seiner Gefühlswelt schien es mehr als nur einen blinden Fleck zu geben. Verliebtheit etwa war in seinen Augen ein hormoneller Wahn, hinter dem die Erwartung stand, durch ein anderes Ich einen Ausgleich der eigenen emotionalen Defizite zu schaffen.

So ging es in einem fort und bei jedem seiner Glaubenssätze hatte sie das Gefühl, als würde ein Kübel eiskalten Wassers über sie gekippt.

Er war sein eigener Kosmos und man konnte fast meinen, er lebte darin, ohne je durch etwas oder von jemanden berührt zu werden. Dass Freiheit und Unabhängigkeit an oberster Stelle für ihn standen, verstand sich von selbst. Selbst der Tod seiner Eltern hatte ihn nicht wesentlich erschüttert, was ihr fast unmenschlich erschien.

Während sie ihm in der Hoffnung auf eine Art Gegengabe ihre Vergangenheit zu Füßen legte, hielt er sich weiterhin bedeckt. Er sah keine Veranlassung an ihre Offenheit anzuknüpfen. Ganz gleich, ob sie über ihre Mutter sprach, die sie, nachdem sie einem Mann nach Australien gefolgt war, als Dreijährige bei ihrer Großmutter zurückgelassen hatte, oder darüber, ihren Vater nie kennengelernt zu haben. Erst als sie allen Mut zusammennahm und ihn rundheraus nach seinem Vater fragte, meinte er:

„Er konnte die Enttäuschung, die er für meinen Großvater gewesen war, nie überwinden.“

„Wieso war er von ihm enttäuscht?“

„Mein Großvater war ein erzkonservativer Sturschädel, fest verwurzelt im Glauben an die Tradition und Exklusivität seiner Herkunft. Sein Sohn stellte seine Werte infrage und weigerte sich, wie für ihn vorgesehen, Jura zu studieren. Er sprach fortan kein Wort mehr mit ihm und dachte sogar daran, ihn zu enterben, was meine Großmutter glücklicherweise zu verhindern wusste. Es half auch nicht, dass mein Vater sich letztlich fügte. Denn der setzte, ohne es zu wollen, noch einen drauf, als er meine Mutter heiratete. Sie entstammte einer angesehenen hanseatischen Kaufmannsfamilie, die mein Großvater nur als Kiepenkerle und Hausiererpack bezeichnete.“

„Hast du ihn einmal kennengelernt?“

„Nein. Schließlich war ich der Spross seines Sohnes, der für ihn keiner mehr war. Er starb, da war ich zehn und meine Großmutter folgte ihm drei Jahre danach. Sie hielt, hinter dem Rücken ihres Mannes, den Kontakt zu meinem Vater weiterhin aufrecht und nach seinem Tod besuchten wir sie einige Male. Aber auch zu ihr hatte ich keinen näheren Bezug.“

Auf ihre Frage nach dem Verhältnis zu seinem Vater antwortete er:

„Er wusste nicht, wie er mit einem kleinen Kind umzugehen hatte, gestand er mir einmal. Er war äußerst sachte und vorsichtig im Umgang mit mir, auch noch, als ich älter wurde. Wir hatten nie die üblichen Vater‐Sohn‐Konflikte, es gab keine Reibungspunkte zwischen uns, was wahrscheinlich unter anderem daran lag, dass meine Eltern mich fast ausschließlich Kindermädchen und Au‐pairs überließen. Im Grunde betrachteten sie sich als kinderloses Ehepaar.“

Über seine Mutter sagte er:

„Sie war achtzehn, als ich geboren wurde und voller Lebensdrang. Sie ließ sich durch ein Kind nicht in dem stören, was sie tun wollte. Sie führte ihr gewohntes Leben weiter, als gäbe es mich nicht. Das habe ich sehr früh begriffen und es akzeptiert. Wir waren uns völlig fremd.“

Er sagte es ohne jegliches Bedauern in der Stimme.

„Hast du denn nichts vermisst?“

„Was hätte ich vermissen sollen? Ich kannte es nicht anders.“

„Aber du hast doch sicher andere Familien gesehen.“

„Unsere Familie war insgesamt sehr unterkühlt. Thomas, mein einziger Cousin mütterlicherseits, war während seiner gesamten Schulzeit in Internaten und zu der Verwandtschaft meines Vaters hatte ich keinen Kontakt.“

„Und außerhalb? Du warst doch sicher auch bei Schulfreunden einmal zu Hause?“

„Die, die ich kannte, stammten aus denselben Kreisen und auch dort war es ähnlich. Dass es auch anders sein konnte, merkte ich erst als ich älter war. Aber es spielte keine Rolle für mich.“

Mit der Entschiedenheit, mit der er den Punkt am Ende des Satzes setzte, war dieses Thema für ihn beendet.

3

Seine Ankunft war spektakulär. Ein kurzfristig angesetzter Termin war Walther in die Quere gekommen und hatte ihn dazu veranlasst, ein Helicopter‐Taxi zu mieten, das nun mit ohrenbetäubendem Knattern auf ihrer Wiese aufsetzte und sie an einen Polizeieinsatz oder schlimmer noch an einen Angriff erinnerte und beinahe erwartete sie jeden Moment weitere Maschinen über dem Hügel auftauchen zu sehen.

„Ich hoffe, du hast nichts gegen Hunde“, sagte sie, als sie die Haustür öffnete und sich die neugierigen Schnauzen ihrer beiden Hunde Gandhi und Nora in den Türspalt drängten.

„Ich denke, entscheidender ist, dass sie nichts gegen mich haben“, lachte er, als sich Gandhi, der schwarze Neufundländer, der seinem Namen mit seinem sanften, bedächtigen Wesen alle Ehre machte, gegen seine Beine lehnte. Die Berner Sennenhündin Nora blieb etwas auf Abstand und schien im Gesicht dieses Fremden zu forschen. Aufmerksam beobachtete sie, wie Walther leise auf Gandhi einsprach, während er ihm das Fell kraulte, dann ließ sie das helle Bellen ihrer Zustimmung hören und setzte sich neben ihn.

Clara sah ihm zu, wie er tief in Gandhis Genickfell griff und ihm die Flanken klopfte und Nora zu seiner Rechten sanft über den Hals strich. Noras argwöhnisches Naturell ließ sie grundsätzlich zurückhaltend sein, doch Männer, deren Umgang mit Hunden erfahrungsgemäß etwas rüde und grob war, hatten kaum eine Chance, ihre Gunst zu gewinnen. Umso überraschter war sie, als sich Nora auf den Rücken rollte und mit flehentlichem Blick um weitere Zärtlichkeiten bat.

Voller Ungeduld konnte sie kaum erwarten, bis er den letzten Schluck Kaffee getrunken hatte, doch dann hielt sie nichts mehr. Sie musste ihm alles zeigen und wie immer, wenn sie Besuchern ihr Zuhause vorstellte, schärfte das ihren Blick für die Schönheit, die sie umgab.

Sie sah in ihrem Anwesen einen Teil ihrer Persönlichkeit, ihres Innenlebens repräsentiert und dass ihm gefiel, was er sah, deutete sie auch als seine Zustimmung zu ihr selbst.

Die vorletzte Station des Rundgangs war das ‚Wright House‘, ein Holzhaus im Stil der Prairie Houses von Frank Lloyd Wright, das sie auf einer Lichtung in einem der angrenzenden Waldstücke hatte erbauen lassen. Es war eine völlig unvernünftige, durch nichts zu rechtfertigende Entscheidung gewesen, die sie dennoch nie bereut hatte.

Das Haus mit seinen acht Fremdenzimmern wurde unter der Aufsicht und Obhut Frau Hinzes, der Gattin ihres Hausmeisters, als Pension betrieben und war mittlerweile über die Grenzen Bayerns hinaus bekannt. In den Sommermonaten war es meist ausgebucht und nur durch einen günstigen Zufall – eine kleine Reisegruppe hatte kurzfristig abgesagt – konnten Walther und seine Hamburger Musikerfreunde sich darin als ihre Gäste betrachten.

„Derzeit wohnt hier einer unserer Stammgäste, ein pensionierter Finanzbeamter, der unter dem Pseudonym ‚Frieder Falk‘ Krimis schreibt. Sein bürgerlicher Name ist Thorwald Proll, den er wohl etwas unpassend fand.“

„Thorwald Proll. War das nicht der Bruder von Astrid Proll? Kaufhausbrand, Frankfurt 68? Ein Wunder, wie er Beamter werden konnte mit diesem Namen.“

„Ja eben. Er behauptet, nicht mit einem Terroristen in Zusammenhang gebracht werden zu wollen. Ich verdächtige ihn eher, dass er die Konnotation mit dem Wort ‚Proll‘ vermeiden möchte. Ist schon ein verschrobener Typ. Er sagt, er fühle sich in diesem Haus wie T.C. Boyle.“

Walther nickte in Richtung des Fensters.

„Hast du schon eines seiner Werke gelesen?“

„Ja. Er wollte meine Meinung darüber wissen.“

„Und, wie fiel dein Urteil aus?“

„Vernichtend. Ich war entsetzt, um ehrlich zu sein. Es ging um Polizeikorruption im großen Stil, der Schauplatz war das LKA in Wiesbaden, seiner Geburtsstadt, wie ich aus dem Klappentext entnommen habe. Dort stand auch, sein ursprünglicher Berufswunsch wäre Kriminalbeamter gewesen und genau so las sich das Buch. Als wäre es einer Kleinjungenfantasie entsprungen. Lach nicht! Es klingt hart, aber ich habe mich beim Lesen richtig fremdgeschämt.“

„Hast du ihm das auch so gesagt?“

„Natürlich nicht! Ich denke, er gehört nicht gerade zu der Sorte Mensch, die Kritik für sich nutzen wollen oder können. Er ist nicht an meiner Meinung interessiert, dazu ist er zu überzeugt von seinem Genius. Er erwartete nur Bestätigung von mir.“

„Es wäre ohnehin vergebliche Liebesmüh“, bestätigte er. „Kleingeister haben selten Sinn für Selbstkritik.“

„Wohin, hast du gesagt, sind sie gefahren?“, fragte er vor dem Hintergrund der Bühne, auf der das Equipment der Musiker für die letzte Probe bereitstand.

„In den Bayerischen Wald. Sie wollten das Glasmuseum in Frauenau besichtigen und etwas wandern gehen, haben sie gesagt. Möchtest du etwas trinken?“

„Ich wusste gar nicht, dass sie sich für Glas in dieser Form interessieren“, witzelte er aufgeräumt grinsend - und ließ seinen Blick über das beeindruckende Sortiment hinter der Bar schweifen.

„One Scotch, One Bourbon, One Beer“, sang er leise und deutete auf eine Flasche Bladnoch.

„Sie werden erst spät am Abend wieder zurück sein“, ergänzte sie. „Ich habe ihnen gestern bei der Probe zugehört. Ich denke, sie sind ein würdiger Ersatz, auch wenn Jerry nicht ganz auf seine Kosten kommen wird. Er hatte sich schon auf einen ‚Grateful Dead‘‐Abend eingestellt.“

Wie sollte es ihr jemals genügen, ihn immer nur als Freund zu wissen, dachte sie, als sie auf ihren Barhockern saßen und sein Knie beinahe ihres berührte. Fast glaubte sie, die ausstrahlende Wärme seines Beines zu spüren. Derart abgelenkt hatte sie Mühe, seiner Beschreibung auf ihre Frage nach den Eigenheiten der Bandmitglieder zu folgen.

Was empfand er für sie? Was sollte sie an sich haben, was für ihn von Interesse sein konnte?

Was Liebe war, wusste sie nicht. Liebe war immer ein abstrakter Begriff für sie gewesen. Doch dieses unbedingte Vertrauen, das sie ihm entgegenbrachte, kam ihrer Vorstellung davon nahe. Dass sie bisher kaum oder wenig über ihn wusste, konnte ihren Glauben an ihn und daran, dass er es gut mit ihr meinte, ebenso wenig erschüttern wie die Gewissheit, dass er trank.

Was an ihrem ersten Abend nur ein Verdacht war, dem sie sich davon ausgehend, ihn nicht wiederzusehen, nicht weiter gewidmet hatte, fand sich bestätigt. Das Glas in seiner Hand war so selbstverständlich wie die Zigarette, die er zwischen seinen Fingern hielt. So sah sie ihn auch vor ihrem geistigen Auge, wenn sie an die Zeit in Hamburg zurückdachte oder wenn sie mit ihm telefonierte. Dass es sie weder beunruhigte noch störte, ja, dass sie es in ihre Überlegungen nicht mit einbezog, war nur dem Umstand zu verdanken, dass ihn der Alkohol nicht beeinträchtigte und ihn in keiner Weise veränderte. Er blieb derselbe, der er war oder der, als den sie ihn kannte, gleich wie viel er getrunken hatte.

Sein ironisches Zitat dieses Songs, in dem sich ein Mann an der Bar betrinkt, erschien jedoch wie die Absicht, es ihr ins Bewusstsein zu rufen. Warum ihm daran gelegen sein sollte, konnte sie sich allerdings nicht erklären.

„Ja, Sven ist oft schwer zu ertragen“, bestätigte er, als sie einige der plumpen Anzüglichkeiten des Bassisten wiederholt hatte.

„Er erkrankte mit elf Jahren, wenn ich mich recht erinnere, an FSME, einer Kombination von Gehirnhaut‐ und Gehirnentzündung. Man vermutete einen Zeckenbiss als Ursache. Die Ärzte gaben ihm kaum eine Überlebenschance, die Krankheit hatte sein Gehirn schon massiv angegriffen, aber wider Erwarten überlebte er. Erst als er gesund war, stellte man fest, wie sehr er sich verändert hatte. Er brachte sein Umfeld oftmals an seine Grenzen. Gehe ich recht in der Annahme, dass du mit deinen Gedanken nicht ganz bei der Sache bist?“, fragte er übergangslos und erst als er nicht mehr weitersprach und sie forschend musterte, bemerkte sie, dass sie ihm nicht zugehört hatte.

Ein plötzliches Schuldgefühl, als hätte sie ihm zutiefst unrecht getan, zwang sie zu einer Lüge.

„Nein, nein. Ich dachte nur gerade an den Fall Phineas Gage. Hast du diesen Namen schon einmal gehört? Er arbeitete bei einer Eisenbahngesellschaft so um achtzehnhundert irgendwas und hatte einen Unfall, bei dem sich eine zentimeterdicke Eisenstange durch seinen Kopf bohrte. Es war der erste dokumentierte Fall eines Frontalhirnsyndroms – so heißt das doch? Das Interessante dabei war, dass seine …“

Während sein Mund noch lächelte, konnte sie deutlich in seinen Augen lesen, dass jeder Versuch zwecklos war.

„Entschuldige. Das ist Blödsinn. Ja, ich dachte an etwas anderes.“

„Gut“, lehnte er sich zufrieden zurück. „Was spukt dir im Kopf herum. Lässt du mich daran teilhaben?“

Als er das Glas zum Mund führte, sagte sie:

„Wenn du mir versprechen könntest, es nicht falsch zu verstehen, dann würde ich dich gerne etwas fragen.“

„Du kannst mich alles fragen. Aber ich kann dir nicht in jedem Fall eine Antwort garantieren.“

„Es gibst also Fragen, die du nicht beantworten willst?“

„Die gibt es immer“, lächelte er.

„Gut, dann frage ich nicht. Dann sage ich dir nur, welchen Eindruck ich habe. Ich finde, du trinkst außergewöhnlich viel.“

Er nickte, als würde er etwas in sich bestätigen.

„Das ist richtig. Ich trinke seit meiner Jugend.“

Sie wartete ab, während er bedächtig eine Zigarette drehte.

„Ich war circa zwölfeinhalb“, begann er zu erzählen, „als ich mich zum ersten Mal betrank. Es war der 6. Juni, ich weiß es so genau, weil es der Geburtstag meines Vaters war und meine Mutter zu diesem Anlass eine Feier in unserem Garten arrangiert hatte. Ich kannte viele der Gäste, von denen die meisten aus dem beruflichen Umfeld meines Vaters waren, aber es waren auch einige Freunde meiner Mutter anwesend, die ich von den Partys her kannte, die sie oft fei erte, wenn er auf Geschäftsreise war. Dazu muss ich sagen, dass es keine gewöhnlichen Partys waren, wenn du verstehst, was ich meine. Das war auch der Grund, warum mich gerade diese Feier zu Ehren meines Vaters, der von all dem keine Ahnung hatte, regelrecht anwiderte. Als Kind hat man meist noch einen – wie soll ich sagen – strikteren Moralbegriff, deshalb kam mir das Ganze durch und durch verlogen vor. Ich wusste, dass meine Mutter meinen Vater betrog und auch mit wem und den Anblick dieser Menschen, wie sie meinen Vater beglückwünschten, konnte ich nicht ertragen. Das erste Glas, das ich an diesem besagten Abend trank, war ein Glas Champagner. Danach fühlte ich mich entspannter und das brachte mich auf die Idee, eine Flasche Whiskey aus der Bar meiner Eltern in eine Eisteeflasche umzufüllen. Bewusst zu trinken begann ich erst einige Jahre später, mit fünfzehn. Aber dieser Tag war sozusagen mein Initiationserlebnis gewesen.“

Sie schwieg betroffen. Ihr Schweigen war erfüllt von drängenden Fragen, die sie nicht zu stellen wagte. Woher hatte er gewusst, dass seine Mutter seinen Vater betrog? Trank er tatsächlich seit seinem fünfzehnten Lebensjahr? Wie konnte man das, ohne körperlichen oder geistigen Schaden zu nehmen, überleben? Stattdessen deutete sie auf die Couchgruppe in ihrem Rücken.

„Könnten wir vielleicht nach hinten gehen?“

„Warum nicht“, sagte er und stand auf.

Dass er sich neben sie setzte anstatt auf eines der Sofas, die in U‐ Form beieinanderstanden, wertete sie als seine Bereitschaft, dieses doch sehr persönliche Gespräch fortführen zu wollen. Doch bevor sie die Möglichkeit dazu bekam, zog er aus seiner Hosentasche das silberne Zigarettenetui, in dem er, wie sie seit dem ersten Abend, den sie bei ihm verbracht hatte, wusste, fertig gerollte Joints in Zigarettenformat aufbewahrte. Dass er Cannabis rauchte, irritierte sie wie am ersten Tag. Obwohl von der Realität längst überholt, stand es für sie nach wie vor für eine rebellische Gegenkultur, der er in allem, was er verkörperte, widersprach.

„Wie muss ich mir eigentlich diesen Jungen, der du warst, vorstellen? Wie hast du ausgesehen? Was hast du gedacht? Nein danke“, sagte sie, als er ihr das geöffnete Etui anbot. „Lass es uns zusammen rauchen.“

Er nickte und hielt die Flamme an die Zigarette. Er ließ den Rauch für einige Sekunden in sich wirken, dann sagte er:

„Ich wurde von meiner eigenen Pubertät überrascht. Eines Tages blickte mir ein anderer im Spiegel entgegen und meine Stimmlage war tiefer. Ich erkannte mich kaum wieder, aber es gefiel mir, dass man mich um einige Jahre älter schätzte. Ich hielt es für passend. Es entsprach meinem Selbstbild. Ich hielt mich schon immer für älter und klüger als ich war“.

„War da auch so etwas wie Überheblichkeit im Spiel?“

„Vielleicht mag es auf andere so gewirkt haben. Ich lebte in meiner eigenen Welt und fand kaum Berührungspunkte mit den Jungs in meinem Alter. Es gab natürlich Ausnahmen, man denke nur an Jean oder Thomas, aber die konnte ich an den Fingern einer Hand abzählen. Ich suchte keine Freunde, ich war mir selbst genug.“

„Hattest du nie das Bedürfnis, dich mit jemandem auszutauschen? Wenn ich zurückdenke, wie ich in diesem Alter war! Ich war hungrig nach Gesprächen. Ich wollte Input, insbesondere von Erwachsenen, von denen ich mir erhoffte, etwas über das Leben, das mir so interessant und geheimnisvoll vorkam, zu erfahren. Was nebenbei bemerkt, nicht geschah. Ich bekam nie die Antworten, die ich mir erhofft hatte. Entweder hieß es, ich wäre zu jung, um zu verstehen oder es ginge mich nichts an oder man hätte über so etwas noch nicht nachgedacht und … und … und. Aber egal“, sagte sie und wischte die letzte Bemerkung mit einer Handbewegung beiseite. „Ich war auch gern für mich, aber nicht für längere Zeit. Ich las viel und hatte immer das Verlangen, mich darüber austauschen. Ich musste laut aussprechen, was ich dachte, damit ich wusste, wer ich war. Vielleicht ist das bis heute so geblieben“, sagte sie und wich seinem Blick, der sie zu durchleuchten schien, aus.

„Du hast dir deinen Weg selbst gesucht und so war es auch bei mir. Ich brauchte mich nur umzusehen, um festzustellen, dass alles aus Lügen bestand. Was hätte es also gebracht, zu fragen. Ich zog meine eigenen Schlüsse, ich wollte mich nicht beeinflussen lassen, in dem, was ich dachte.“

„Du hattest mit zwölf schon solche Gedanken?“, fragte sie zweifelnd und ehrfürchtig zugleich.

„Nicht bewusst, das sicher nicht, aber im Rückblick gesehen, war es schon immer so gewesen.“

„Wenn man sich mit niemandem austauscht und nur sich selbst zum Maßstab nimmt, ist man dann nicht irgendwann festgefahren? Es gibt ja niemanden, der einem widerspricht, es gibt nur eine Linie, der man folgt, und die kann genauso gut in die Irre führen. Oder sehe ich das falsch?“

„Ich halte es auch heute noch für klüger, meine eigenen Irrtümer zu begehen, als die der anderen nachzuahmen“, sagt er lachend und nahm eine neue Zigarette aus seinem Etui. „Aber es ging mir gut damit zu glauben, ich hätte den totalen Durchblick und könnte hinter die Fassaden schauen. Dabei hatte ich einen Tunnelblick, der mir einen Ausschnitt der Wahrheit zeigte, die ich für die einzige hielt.“

Sie winkte ab, als er ihr die Zigarette reichen wollte. Noch ein paar Züge und sie wäre nicht mehr Herr ihrer Sinne gewesen.

Zum Teil beschrieb er sich als der, der er heute noch war, dachte sie. ‚Aber eben nur zu einem gewissen Teil‘, beruhigte sie sich selbst und schob den Einwand, dieser Gedanke würde nur auf Hoffnung beruhen, beiseite.

„Wann war das? Ich meine, als dir klar wurde, dass du in die falsche Richtung gegangen bist? Zumindest habe ich es so verstanden“, sagte sie.

„Irgendwann erdrückte mich mein Denken. Überall nur Schlechtes zu sehen, vergiftet die Seele. Ich wusste nicht mehr, wofür es sich zu leben lohnte. Ich habe nicht an Selbstmord gedacht, aber ich fand nichts mehr, was mir Freude gemacht hätte. Ich war verbittert und zynisch geworden und trank immer mehr, bis selbst das nichts mehr half. Als ich endgültig vor mir selbst kapitulierte, war ich achtundzwanzig. Das war vor zehn Jahren, es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen“, sagte er und schnippte die Asche mit einer energischen Bewegung ab.

„Ich sah ein, dass ich Hilfe brauchte. Das war der schwerste Schritt für mich, mir eingestehen zu müssen, dass ich es alleine nicht mehr schaffte.“

„Bist du in eine Entzugsklinik gegangen?“, fragte sie erstaunt.

„Nein! Wo denkst du hin! Eines Tages – ich war völlig hinüber – nahm ich mir ein Taxi und ließ mich zu Frank fahren.“

„Ist das DER Frank, von dem du sagtest, er wäre der Einzige, den du als wirklichen Freund bezeichnen würdest?“

„Ja. Wir kannten uns, wenn auch eher oberflächlich, seit unserer Schulzeit. Ich wusste, er praktizierte in dem ehemaligen Haus seiner Eltern in Lokstedt und er schien mir der einzige Ausweg zu sein. Er sah sofort, was mit mir los war und er stellte keine Fragen. Er ertrug geduldig mein Schweigen, bis ich irgendwann in seinem Wohnzimmer einschlief. Erst am nächsten Tag war ich fähig zu reden und er hörte mir zu. Er bot mir eine Therapie an, was mir, selbst aus heutiger Sicht, unbegreiflich erscheint. Ich sagte von vornherein, niemals auf das Trinken verzichten zu wollen und dennoch …, er sagte später einmal zu mir, dass er nicht anders konnte, obwohl er wusste, damit jede Professionalität außer acht zu lassen. Aber es funktionierte. Er half mir dabei, mich selbst wieder zusammenzusetzen. Und wurde dabei zum Freund“.

„Denkst du manchmal daran, was geschehen wäre, wenn er dich abgewiesen hätte?“

„Was wäre wenn …“, wiederholte er gedehnt, „diese Frage stelle ich mir nicht.“

„Ist er immer noch dein Therapeut? Wie kann das funktionieren, zwischen den beiden Rollen hin und her zu switchen?“

„Schon lange nicht mehr. Als unsere Gespräche immer mehr zu einer Unterhaltung wurden, hielt ich es nicht mehr für nötig. Aber es ist immer noch so, dass seine Worte etwas in mir in Gang setzen. Das macht wohl die Besonderheit unserer Freundschaft aus.“

Durch seine unerwartete Mitteilsamkeit mutiger geworden, sagte sie:

„Ich habe mich schon oft gefragt, wie es angehen kann, dass du so viel trinken kannst, ohne betrunken zu wirken. Wie machst du das?“

Diese Frage schien ihn zu amüsieren.

„Die Gegenwart anderer ernüchtert mich für gewöhnlich“, sagte er schmunzelnd. „Entschuldige, das war nur ein Scherz!“, fügte er, selbst erschrocken über ihre Bestürzung, eilig hinzu. „Es zu verbergen war mir in Fleisch und Blut übergegangen. Ich wollte nie die Kontrolle verlieren und als mir das nicht mehr gelang, musste ich etwas dagegen tun. Ich habe mittlerweile meine Maßlosigkeit in den Griff bekommen, obwohl es durchaus auch umgekehrt der Fall sein kann und sie mich im Griff hat.“

Walther hatte sich vor Sonnenaufgang mit der Band zu Fotoaufnahmen verabredet, und als er sich gegen halb vier von ihr verabschiedete, nahm sie dies als Zeichen, dass auch er die einzige Nacht, die sie ungestört miteinander verbringen konnten, nicht hatte beenden wollen.

Erst die Stille ihres Hauses ließ sie spüren, wie erschöpft und zugleich aufgewühlt sie war. Ihre Gedanken flirrten wie aufgescheuchte Vögel in ihrem Kopf umher. An Schlaf war so nicht einmal zu denken.

Sie musste sich erst beruhigen, sagte sie sich und ging in ihre Küche, um den Kaffeeautomaten einzuschalten. Sie sah auf das aufleuchtende Display und nach und nach sickerte die Bedeutsamkeit des Gesprächs und die Wucht seiner Aussage in ihr Bewusstsein.

Sie hatte sich daran gewöhnt, dass er kaum etwas von sich preisgab und sein freimütiges Eingeständnis wie auch seine Bereitschaft, ihr ein Stück seines Seelenlebens zu offenbaren, hatte sie so unvorbereitet getroffen, dass sie Mühe hatte, die Tragweite und Bedeutung all dessen zu erfassen.

Während der Kaffee leise zischend in die Tasse lief, kam ihr die bittere Erkenntnis. Sie hatte der Wahrheit nicht ins Auge gesehen. Sie hatte es nicht gewagt, die Tatsache, dass er trank, zu Ende zu denken. Das Wort ‚Sucht‘ war ihr einfach nicht in den Sinn gekommen.

Dass Männer tranken und ihre Familien terrorisierten, war in ihrer Kindheit fast so etwas wie Normalität gewesen. Anders als heute wurde der Rausch nicht verborgen, er fand öffentlich statt und mit einer Mischung aus Neugierde, Faszination und Angst hatte sie die starren Gesichter und leeren Blicke der Betrunkenen studiert, wenn sie an ihrem Fenster vorbei wankten oder halb bewusstlos von ihren Trinkkumpanen nach Hause geschleift wurden. Auch die nächtlichen Krawalle und Gewaltausbrüche, die durch die dünnen Wände ihres Wohnblocks zu hören waren, waren ihr noch lebendig im Gedächtnis geblieben.

Walther war nichts von all dem, was sie in dieser Hinsicht erlebt oder sich aus verständlichem Interesse angelesen hatte. Selbst am Morgen, nach einer Flasche Whiskey, von der nur einige Fingerbreit übrig waren und zahlreichen Joints, hatte er völlig nüchtern gewirkt und dass es in ihm eine unbeherrschte Seite gab, einen völlig anderen Menschen als den, den sie bisher zu kennen glaubte, übertraf ihr Vorstellungsvermögen.

Sie hatte ihn gefragt, was er mit Maßlosigkeit meinte.