Driven. Begehrt - K. Bromberg - E-Book

Driven. Begehrt E-Book

K. Bromberg

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Beschreibung

Stell dir vor, plötzlich musst du mit aller Kraft um jemanden kämpfen …

Colton stiehlt Rylees Herz, erweckt in ihr längst abgestorbene Gefühle wieder zum Leben und entfacht eine Leidenschaft, von der sie nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

In nur einer unerwarteten, schicksalhaften Nacht ändert sich alles: Keiner von beiden hat es gewollt, doch jetzt kämpfen sie mit aller Kraft darum, dass es für immer ist.



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K. BROMBERG

Driven

BEGEHRT

Roman

Aus dem Amerikanischen von Kerstin Winter

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel Fueled bei JKB Publishing.

Taschenbucherstausgabe 03/2015

Copyright © 2013 K. Bromberg

Copyright © 2015 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Anita Hirtreiter

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

unter Verwendung von shutterstock/Viorel Sima

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-14906-2

www.heyne.de

Für J. P.

Danke für deine Geduld, während ich diese Herausforderung, die immer ein Traum von mir gewesen ist, zu meistern versuche. Und, hey – jetzt ist es nicht mehr nur ein Hobby …

COLTON

Verfluchte Träume. Erinnerungsfetzen, die durch mein Unterbewusstsein taumeln. Rylee ist hier. Füllt sie aus. Durchdringt alles. Und ich will verdammt sein, wenn ich weiß, warum mich ihr Anblick an einem Ort, der eigentlich voller furchtbarer Erinnerungen steckt, mit einer seltsamen Ruhe erfüllt – einer Art Hoffnung sogar –, die mit der Erkenntnis einhergeht, dass ich vielleicht, ganz vielleicht einen Grund haben könnte, all das zu überwinden. Einen Grund, das Finstere, das dort lauert, zu bekämpfen. Dass der schwarze Abgrund in meinem Herzen vielleicht doch zu Liebe fähig ist. Ihre Anwesenheit hier in diesen dunklen Tiefen weckt in mir die Hoffnung, dass die Wunden in meiner Seele, die noch immer schwären, eines Tages vielleicht doch verschorfen können.

Ich träume – ich weiß, dass ich träume –, wie kommt es also, dass sie überall ist, sogar in meinem Schlaf? Sie stiehlt mir tagsüber jeden verdammten Gedanken, und nun hat sie sich sogar in mein Unterbewusstsein geschlichen.

Sie bedrängt mich.

Wirft mich vollkommen aus der Bahn.

Frisst mich auf.

Jagt mir eine Heidenangst ein!

Sie ist wie der Start eines Rennens: Mein Herz setzt einen Schlag aus, und doch jagt mein Puls. Sie flößt mir Gedanken ein, die ich nicht haben sollte. Stößt tief in die Finsternis in mir vor und bringt mich dazu, »wenn« zu denken statt »falls«.

Unfassbar!

Ich muss wirklich träumen, wenn ich so einen verdammten Blödsinn denke. Seit wann bin ich so verweiblicht? Becks würde mir in den Hintern treten, wenn er mich so reden hörte. Es kann nur daran liegen, dass ich sie unbedingt noch einmal haben muss. Ihren warmen Körper unter mir spüren muss. Ihre schönen Kurven. Die festen Brüste. Die enge Muschi. Mehr wird es nicht sein. Danach ist das Problem beseitigt. Mein Verstand wird wie gewohnt funktionieren, und ich kann aufhören, mit dem Schwanz zu denken. Ich muss mich endlich wieder auf etwas anderes konzentrieren, als auf schwachsinnige Gefühle und ein klopfendes Herz, das, wie ich nur allzu genau weiß, sowieso nicht in der Lage ist, Liebe zu geben oder anzunehmen.

Es muss am Reiz des Neuen liegen, dass ich mich fühle und benehme wie eine notgeile männliche Schlampe – dass ich tatsächlich von ihrim Besonderen träume und nicht wie üblich von dem gesichtslosen perfekten Frauenkörper. Sie hat etwas so verdammt Scharfes an sich, dass ich manchmal fürchte, den Verstand zu verlieren. Verdammt, ich freue mich genauso auf die Zeit, die wir miteinander verbringen, bevor wir vögeln, wie auf die im Bett.

Na ja, fast.

Sie ist so ganz anders als die Frauen, die sich normalerweise an mich ranmachen, mir ihre Titten entgegenrecken und »Nimm mich« auf der Stirn stehen haben, und, ja, ich gebe zu, häufig lasse ich mich nur allzu bereitwillig auf ihr Angebot ein. Mit Rylee aber war es von Anfang anders, seit sie aus dieser verdammten Abstellkammer in mein Leben geplumpst ist.

Bilder ziehen durch meinen Traum. Der erste Blick aus ihren verflucht wunderschönen Augen, der mich wie ein elektrischer Schlag durchfuhr. Der erste Kuss und ihr Geschmack, der sich in meinen Verstand brannte, mir das Rückgrat hinablief, mich an den Eiern packte und mir befahl, diese Frau nicht mehr gehen zu lassen – der mir klarmachte, dass ich sie um jeden Preis haben musste. Und der Anblick ihres runden Hinterteils, als sie mich ohne mit der Wimper zu zucken stehen ließ und mich mit etwas verführte, das ich niemals für sexy gehalten hätte – Widerstand.

Immer mehr Bilder tauchen vor meinem inneren Auge auf. Rylee, die vor Zander in die Hocke ging und seine verwundete Seele hervorzulocken versuchte. Sie in meinem Lieblings-T-Shirt auf meinem Schoß oder gestern Nacht auf der Dachterrasse rittlings auf mir. Rylee in ihrem Büro, verwirrt und verärgert, als ich ihr ein Angebot machte, das sie unmöglich ablehnen konnte. Und Rylee in Spitzenwäsche, wie sie vor mir steht und mir selbstlos alles geben will, was sie zu bieten hat.

Wach endlich auf, Donovan. Du träumst. Wach auf, und nimm dir, was du haben willst. Sie liegt direkt neben dir. Warm und einladend. Verführerisch.

Gott, wie frustrierend. Ich will sie so sehr, aber ich schaffe es nicht, mich aus dem Traum zu lösen und mich über ihren Körper herzumachen, der sexy wie die Sünde selbst ist. Vielleicht ist es das, was sie so anziehend macht – sie hat keine Ahnung, wie aufregend sie ist. Anders als die meisten Frauen, die Stunden vor dem Spiegel verbringen und sich selbst kritisieren, hat Rylee nicht einmal einen Schimmer.

Wieder gehen mir Bilder der vergangenen Nacht durch den Kopf. Wie sie mit ihren veilchenblauen Augen zu mir aufsieht, die geschwollene Unterlippe zwischen ihren Zähnen, der Körper, der instinktiv auf meinen reagiert, sich mir unterwirft. Ihr Duft nach Vanille. Ihr berauschender Geschmack. Sie ist unwiderstehlich, unschuldig und sinnlich zugleich, und alles verführerisch kurvig verpackt.

Allein der Gedanke an sie macht mich hart. Sie ist meine Droge, und ich brauche den nächsten Schuss. Ich kann einfach nicht genug von ihr bekommen. Zumindest, bis der Reiz des Neuen nachlässt und ich mich wie immer nach der Nächsten umsehe. Nie und nimmer wird es geschehen, dass ich bei irgendeiner Braut unter dem Pantoffel stehe. Warum sich auf jemanden einlassen, der dich letztlich sowieso wieder verlässt? Warum sich auf jemanden einlassen, der Reißaus nimmt, sobald er weiß, wie kaputt, wie verdorben du innerlich bist? Unverbindliche Beziehungen sind das, was ich brauche. Was ich will.

Das Einzige, was ich zulasse.

Ihre Hand streicht über meine Hüfte und bleibt auf meinem Bauch liegen. Ein herrliches Gefühl. Fuck, ich will sie. Jetzt. Ich brauche sie. Das Wissen, dass die enge, nasse Hitze, nach der ich mich sehne, in meiner Reichweite ist, weckt meinen Schwanz auf. In wenigen Augenblicken kann ich mich in ihrem weichen Körper verlieren und all den Mist in meinem Kopf vergessen. Meine Morgenlatte wird noch härter, sodass es fast wehtut.

Plötzlich spüre ich, dass die Arme, die mich umfassen, gar nicht weich und glatt sind und nach Vanille duften wie Rylees. Mein Körper verspannt sich, ich schaudere vor Ekel, und mein Magen droht sich umzudrehen. Bittere Galle steigt in meiner Kehle auf und schnürt sie mir zu. In der Luft hängt der Gestank nach kaltem Zigarettenqualm und schalem Alkohol, der stärker aus seinen Poren dringt, umso erregter er wird. Seine feiste Wampe drückt sich gegen meinen Rücken, während seine dicken Finger gespreizt auf meinem Unterbauch liegen. Ich kneife die Augen zu, und das laute Pochen meines Herzens übertönt sogar meinen wimmernden Protest.

Spiderman. Batman. Superman. Ironman.

Während Mommy auf dem letzten Trip war, habe ich so wenig zu essen gehabt, dass ich ausgehungert und schwach bin, also wehre ich mich besser nicht. Mommy sagt, dass wir beide eine Belohnung kriegen, wenn ich tue, was man mir sagt, und außerdem hat sie mich dann besonders lieb. Sie kriegt was von ihrem »Mommy geht’s gut«, und ich kriege den angebissenen Apfel und die zwei in Plastik eingeschweißten Cracker, die sie zum Glück irgendwo gefunden und mitgenommen hat. Mein Magen zieht sich zusammen, und mir läuft das Wasser im Mund zusammen bei dem Gedanken, dass ich endlich wieder was zu essen kriege.

Spiderman. Batman. Superman. Ironman.

Ich muss einfach nur brav sein. Nur brav sein.

Das sage ich mir immer wieder, als sein bärtiges Kinn über meinen Nacken schabt. Ich versuche zu ignorieren, dass mein Magen sich heben will, doch obwohl es nichts gibt, was ich erbrechen könnte, kann ich den Reflex nicht unterdrücken, und mein ganzer Körper verkrampft sich heftig. Seine Wärme an meinem Rücken – immer an meinem Rücken – lässt die Tränen in mir aufsteigen, die ich um jeden Preis unterdrücken will. Er stöhnt mir ins Ohr, weil meine Angst ihn erregt, als trotzdem einzelne Tropfen durch meine zusammengekniffenen Lider quellen, mir über die Wange rinnen und in der muffigen Matratze versickern, die am Boden liegt. Ich befehle mir, mich nicht zu wehren, als sein immer dicker werdendes Ding sich gegen mein Hinterteil drückt. Ich weiß nur zu gut, was passiert, wenn ich mich wehre. Mich wehren oder mich nicht wehren, beides tut weh, und beides ist ein Albtraum, der auf gleiche Art ausgeht: Prügel vor dem Schmerz oder den Schmerz hinnehmen, ohne zu kämpfen.

Ob es auch wehtut, wenn man stirbt?

Spiderman, Batman, Superman, Ironman.

»Ich hab dich lieb, Colty. Tu das für mich, und ich hab dich wieder lieb. Ein lieber kleiner Junge tut alles für seine Mommy, alles. Liebe bedeutet, so was zu tun. Wenn du mich liebst und weißt, dass ich dich liebe, dann tust du das, damit es Mommy wieder gut geht. Ich weiß, dass du Hunger hast. Ich auch, Schätzchen. Ich hab ihm gesagt, du wehrst dich diesmal nicht, weil du mich lieb hast.«

Ihre flehende Stimme hallt in meinem Kopf wider. Und obwohl sie direkt hinter der Tür dort sitzt, wird sie mir nicht helfen, so laut ich auch schreien mag. Ich weiß, dass sie mich hört, aber sie hat sich in ihren Dunst der Gleichgültigkeit zurückgezogen. Sie braucht die Droge, die er ihr gibt, wenn er mit mir fertig ist. Nichts anderes interessiert sie mehr.

Spiderman. Batman. Superman. Ironman. Spiderman. Batman. Superman. Ironman. Immer wieder sage ich mir im Kopf die Namen meiner Superhelden vor, meine stumme Flucht aus dieser Hölle. Vor der Angst, die durch mein Blut rauscht, meine Haut mit einem Schweißfilm überzieht und einen unverkennbaren Geruch ausströmt. Wieder bete ich stumm die Namen herunter. Bete darum, dass einer von ihnen kommt, um mich zu retten. Um das Böse zu bekämpfen.

»Sag’s mir«, keucht er. »Sag’s mir, oder es tut noch mehr weh.«

Ich beiße mir auf die Lippe und bin froh über den metallischen Geschmack von Blut, als ich mich anstrenge, um nicht zu wimmern, nicht vor Schmerz und Angst zu schreien. Er packt mich fester, und es tut so weh. Schließlich gebe ich nach und sage, was er hören will.

»Ich hab dich lieb. Ich hab dich lieb. Ich hab dich lieb …« Ich sage es immer und immer wieder, und sein Atem beschleunigt sich mit seiner wachsenden Erregung. Meine Nägel graben sich in meine geballten Fäuste, als er mich keuchend begrapscht. Seine groben Finger finden den Bund meiner Unterhose – ich habe nur zwei – und zerreißen sie in seiner Gier. Ich halte den Atem an, doch ich zittere furchtbar, denn ich weiß, was jetzt kommt. Eine Hand legt sich in meinen Schritt und drückt zu fest, tut mir weh, während die andere mich von hinten öffnet.

Spiderman. Batman. Superman. Ironman.

Ich kann nicht anders. Ich habe solchen Hunger, aber … aber ich weiß, wie weh es tut. Ich bäume mich an ihm auf. »Nein«, bricht es aus mir hervor, während ich anfange, um mich zu schlagen, meinen Ellenbogen nach hinten ramme und von der Matratze springe, um wenigstens vorübergehend zu entkommen. Doch die Furcht packt mich mit eisigem Griff, als er sich langsam erhebt und mit entschlossener Miene und Erregung in den Augen auf mich zukommt.

Ich glaube meinen Namen zu hören, und mein überforderter Verstand reagiert verwirrt. Rylee? Was macht sie denn hier? Sie muss weg. Sonst tut er ihr auch was! Oh, verflucht, nicht auch Rylee. Meine Gedanken schreien sie an, dass sie abhauen soll. Dass sie fliehen soll, solange sie noch kann, aber die Worte kommen nicht. Meine Kehle ist vor Furcht zugeschnürt.

»Colton.«

Das Grauen in meinem Kopf verblasst langsam und lässt das sanfte Morgenlicht in mein Schlafzimmer. Ich weiß nicht, ob ich meinen Augen trauen darf. Was ist real? Ich bin zweiunddreißig, doch ich fühle mich, als sei ich acht. Die frische Luft, die durch die Fenster hereinweht, trocknet den Schweiß auf meinem nackten Körper, aber die Kälte, die ich spüre, sitzt so tief in meiner Seele, dass die Sonne nicht ausreicht, um mich aufzuwärmen. Mein ganzer Körper ist bis zum Äußersten angespannt in Erwartung seines Angriffs, und ich brauche einen Moment, um mir bewusst zu machen, dass er wirklich nicht hier ist.

Mein Blut rauscht pulsierend durch meine Adern. Ich wende langsam den Kopf und begegne Rylees Blick. Sie sitzt in meinem riesigen Bett, die hellblauen Laken um ihre Taille, die Lippen noch vom Schlaf geschwollen. Ich starre sie an und hoffe, dass sie real ist, traue mich aber noch nicht, es zu glauben. »Oh, fuck«, stoße ich mit dem Atem hervor, löse bewusst meine Fäuste und reibe mir über das Gesicht, um den Albtraum zu vertreiben. Das Gefühl meiner rauen Bartstoppeln tut mir gut, denn sie machen mir klar, dass ich wieder zurück in der Realität bin. Dass ich erwachsen bin und er nicht hier ist.

Dass er mir nichts mehr tun kann.

»Fuck!«, presse ich wieder hervor. Ich muss dem Chaos in meinem Kopf Herr werden. Ich lasse die Hände sinken. Als Rylee sich bewegt, wird mein Blick wieder klarer. Sie hebt ganz langsam eine Hand, um sich die Schulter zu reiben, und verzieht unwillkürlich das Gesicht, doch ihr Blick, voller Sorge, ist auf mich gerichtet.

Hab ich ihr wehgetan? Verdammte Scheiße. Ich habe ihr wehgetan!

Das kann nicht real sein. Meine Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Meine Gedanken rasen. Wenn das hier die Wirklichkeit und sie wirklich Rylee ist, warum kann ich ihn dann immer noch riechen? Seinen kratzigen Bart in meinem Nacken spüren? Wieso höre ich sein widerliches Keuchen? Und spüre die Schmerzen?

»Rylee, ich –«

Sein Geschmack ist noch auf meiner Zunge. Oh Gott.

Mein Magen dreht sich um, als die Erinnerung erneut hochkommt. »Gib mir eine Minute.« Ich muss ins Bad, und zwar schnell. Ich muss diesen ekeligen Geschmack loswerden.

Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig bis zum Klo und falle auf die Knie, um meinen nicht existenten Mageninhalt in die Schüssel zu erbrechen. Mein ganzer Körper zittert heftig, während ich alles gebe, um auch den letzten Rest von ihm aus mir herauszubekommen, auch wenn dieser Rest nur in meinem Kopf existiert. Schließlich sinke ich an die gekachelte Wand. Der glatte Marmor kühlt meine verschwitzte Haut, als ich mir mit bebender Hand den Mund abwische. Mit geschlossenen Augen lehne ich den Kopf zurück und versuche vergeblich, die Erinnerungen aus meinem Bewusstsein zu verdrängen.

Spiderman. Batman. Superman. Ironman.

Was zum Teufel ist geschehen?

Ich habe diesen Traum mindestens fünfzehn Jahre nicht mehr gehabt. Warum jetzt? Warum musste – oh, fuck! Rylee! Rylee hat alles mitbekommen. Rylee hat den Albtraum miterlebt, über den ich noch nie gesprochen, dessen Inhalt ich noch niemandem anvertraut habe. Habe ich etwas gesagt? Hat sie etwas gehört? Nein, nein, nein! Sie darf nichts davon erfahren.

Sie darf nicht hier sein.

Scham durchspült mich und setzt sich in meiner Kehle fest, und ich atme tief ein und aus, damit ich nicht erneut erbrechen muss. Wenn sie erfährt, was ich getan habe – wozu er mich gezwungen hat und was ich ohne mich zu wehren zugelassen habe –, dann weiß sie auch, was für ein Mensch ich bin. Dann weiß sie, wie schrecklich, schmutzig und wertlos ich bin. Warum ich niemals jemanden lieben und niemals Liebe akzeptieren kann. Niemals.

Die tief verwurzelte Angst, jemand könne die Wahrheit herausfinden, die Angst, die stets direkt unter der Oberfläche lauert, blubbert hoch und sprudelt über.

Oh, fuck, nicht schon wieder. Mein Magen dreht sich erneut um, und als der Würgereiz endlich nachgelassen hat, spüle ich die Toilette und zwinge mich aufzustehen. Ich taumle zum Waschbecken, drücke mit bebender Hand Zahnpasta auf die Zahnbürste und schrubbe mir aggressiv den Mund. Ich schließe die Augen und zwinge mich, das Gefühl von Rylees Liebkosungen heraufzubeschwören – von ihren anstatt von einer der zahllosen Frauen, die ich im Laufe der Jahre dazu benutzt habe, das Grauen in meinem Kopf zurückzudrängen.

Mit Vergnügen den Schmerz zu töten.

»Scheiße!« Es klappt nicht, also schrubbe ich meine Zähne immer weiter, bis ich Kupfer schmecke. Ich lasse die Zahnbürste fallen, fülle meine hohlen Hände mit Wasser und schöpfe es mir ins Gesicht. Als ich mich aufrichte, sehe ich Rylee im Spiegel das Bad betreten und konzentriere mich auf ihre Füße. Ich hole tief Luft. Ich will nicht, dass sie mich so sieht. Sie ist zu clever und hat zu viel Erfahrung mit dieser Art von Dreck, und ich bin nicht bereit, ihr die Leichen in meinem Keller zu zeigen.

Niemals.

Ich trockne mir mein Gesicht ab, während ich überlege, was ich tun soll. Ich lasse das Handtuch fallen und sehe zu ihr auf. Gott, sie ist so verdammt schön. Sie raubt mir den Atem. Dass sie nur mein zerknautschtes T-Shirt trägt, ihr Eyeliner verschmiert und ihr Haar zerwühlt ist und sich auf ihrer Wange eine Falte vom Kissen abzeichnet, tut ihrem Äußeren keinen Abbruch. Im Gegenteil: Sie kommt mir sogar noch anziehender vor. Vielleicht weil sie damit so unschuldig, so unberührbar wirkt. Ich habe sie gar nicht verdient. Jemand wie ich ist ihrer nicht würdig. Sie ist mir schon viel zu nah gekommen, näher, als ich es je einem Menschen zugestanden habe. Und das macht mir Angst. Denn eine solche Nähe bedeutet, dass man Geheimnisse teilt und Kindheiten aufarbeitet.

Und es bedeutet, dass man den anderen braucht.

Bisher habe ich nur mich gebraucht. Jemanden anderen zu brauchen mündet unvermeidlich in Schmerz. In Einsamkeit. In furchtbare Schrecken, die einen nie wieder loslassen. Und doch brauche ich Rylee jetzt. Mit jeder Faser meines Herzens will ich zu ihr gehen, sie an mich ziehen und mich an ihr festklammern. Um mir von ihrer warmen, weichen Haut und ihrem Seufzen den schrecklichen Druck von der Brust nehmen zu lassen. Um mich in ihr zu verlieren, damit ich mich selbst wiederfinden kann – und wenn nur für einen kurzen Moment. Und genau aus diesem Grund muss sie gehen. So verzweifelt ich es mir wünsche, ich kann nicht! Ich kann ihr das einfach nicht antun. Und mir auch nicht. Das Konstrukt, mit dem ich mich schütze, ist fragil.

Allein zu bleiben ist gesünder. So weiß ich immer, was ich zu erwarten habe. Allein kann ich Situationen einschätzen und Probleme gegebenenfalls schon im Vorfeld tilgen. Fuck! Wie soll ich das bloß anstellen? Wie soll ich die einzige Frau, die ich nah an mich heranlassen möchte, vor den Kopf stoßen?

Lieber vertreibe ich sie jetzt, als dass ich miterleben muss, wie sie Reißaus nimmt, sobald sie die Wahrheit kennt.

Ich atme tief ein, um mich zu stärken, und begegne ihrem Blick. So viele Emotionen stehen in ihren veilchenblauen Augen, und doch ist es das Mitleid, das mir den Rest gibt, das mir erlaubt, mich zusammenzureißen und es als elende Ausrede für das zu benutzen, was ich jetzt vorhabe. Ich habe diesen Blick in meinem Leben schon so oft gesehen, dass mich kaum etwas mehr aufbringt. Ich bin kein Fall für die Wohlfahrt. Ich brauche kein Mitleid – von niemandem.

Und ihres am wenigsten.

Sie sagt meinen Namen mit ihrer Telefonsex-Stimme, und fast knicke ich ein. »Lass es, Rylee. Du musst gehen.«

»Colton …«

Keine der Fragen, die ich in ihren Augen sehe, kommt ihr über die Lippen.

»Geh, Rylee. Ich will dich nicht hierhaben.« Sie erbleicht, und ihre Unterlippe beginnt zu zittern. Ich beiße mir fest auf die Innenseite der Wange, als mein Magen erneut zu brennen beginnt.

»Ich will nur helfen …«

Ihre Stimme bricht, und ich zucke innerlich zusammen. Ich hasse mich für das Leid, das ich ihr zufügen muss, denn sie ist so gottverdammt dickköpfig, dass sie niemals ohne Widerspruch gehen wird. Sie kommt einen Schritt auf mich zu, und ich beiße die Zähne zusammen. Wenn sie mich berührt, wenn ich ihre Fingerspitzen auf meiner Haut spüre, habe ich verloren, das weiß ich genau.

»Raus!«, brülle ich. Sie zuckt zusammen und starrt mich ungläubig an, aber ich spüre auch ihre Entschlossenheit, mich zu beruhigen. »Verschwinde, Rylee. Lass mich in Frieden. Ich will dich nicht hierhaben. Ich brauche dich nicht!«

Sie reißt die Augen auf und presst die Kiefer zusammen. »Das … das meinst du nicht so.«

Die ruhige Kühnheit, die ihre Stimme verrät, dringt in mich und schneidet tief. Es bringt mich um, ihr so wehzutun und gleichzeitig zu beobachten, wie sie keinen Schritt weicht, weil sie sich vergewissern muss, dass ich halbwegs okay bin.

Womit sie deutlicher denn je unter Beweis stellt, dass sie in der Tat die Heilige ist und ich ihrer nicht würdig bin.

Herrgott noch mal!

Ich muss ihr irgendwelche schwachsinnigen Lügen an den Kopf werfen, damit sie mich endlich allein lässt. Am liebsten würde ich mich vor ihr in den Staub schmeißen, mich bei ihr entschuldigen und sie anflehen zu bleiben – und das gilt es auf jeden Fall zu verhindern. Ich muss mich schützen, damit ich mich nicht all den Dingen öffne, gegen die ich mich bisher erfolgreich verschlossen habe.

»Und ob ich das so meine!«, schreie ich sie an und schleudere das Handtuch durchs Bad. Klirrend fallen ein paar Flaschen um. Stumm sieht sie mich an und hebt trotzig das Kinn. Geh einfach, Rylee. Mach es uns beiden leichter – bitte. Doch sie hält meinen Blick fest. Ich trete drohend einen Schritt auf sie zu.

»Ich hab dich gevögelt, Rylee, und jetzt reicht es mir. Ich habe dir doch gesagt, dass ich nicht anders kann,Süße!«

Die erste Träne rinnt über ihre Wange, und ich muss mich dazu zwingen, gleichmäßig zu atmen, um unbeteiligt zu tun, aber ihr gekränkter Gesichtsausdruck bringt mich um. Sie muss gehen – jetzt sofort! Ich packe ihre Tasche vom Waschtisch und stoße sie ihr fest vor die Brust. Sie taumelt zurück, und ich bin entsetzt von mir. Sie so grob zu behandeln dreht mir erneut den Magen um.

»Raus!«, knurre ich und muss die Hände zu Fäusten ballen, um sie nicht auszustrecken und sie zu berühren. »Du langweilst mich, merkst du das nicht? Du hast deinen Zweck erfüllt. Hast mir ein bisschen die Zeit vertrieben. Ich bin fertig mit dir. Hau ab!«

Mit Tränen in den Augen wirft sie mir einen letzten Blick zu, bevor ein Schluchzen aus ihr hervorbricht. Dann wirbelt sie herum und läuft stolpernd hinaus, während ich mich gegen den Türrahmen sinken lasse. Mit hämmerndem Herzen und pochendem Schädel stehe ich da und klammere mich am Rahmen fest, bis meine Finger wehtun, um ihr nicht hinterherzulaufen und sie zurückzuholen. Als ich die Eingangstür zufallen hören, stoße ich langsam den Atem aus.

Was zum Teufel habe ich da gerade nur getan?

Szenen aus meinem Traum steigen in mir auf, und ich weiß wieder, warum es nötig war. Plötzlich schlägt alles über mir zusammen, und ich taumle in die Dusche und drehe das Wasser heißer auf, als ich es aushalte. Ich nehme die Seife und schrubbe so fest ich kann, um das mir immer noch anhaftende Gefühl seiner Finger auf mir und den Schmerz wegzuwaschen – und es ist nicht nur der Schmerz aus meiner Erinnerung, sondern nun auch der, den ich mir selbst zugefügt habe, indem ich Rylee abgewiesen habe. Als die Seife verschwunden ist, nehme ich eins von den Duschgels, leere die Flasche über mir aus und beginne von Neuem. Bald ist meine Haut wund, aber ich bin noch immer nicht sauber genug.

Als der erste Schluchzer aus mir herausbricht, kann ich es kaum glauben. Ich heule nie, verdammte Scheiße! Brave kleine Jungs weinen nicht, wenn sie ihre Mommy liebhaben. Meine Schultern beben, während ich versuche, es in mir zu halten, doch alles, was in den vergangenen Stunden gewesen ist – die Emotionen, die Erinnerungen an die Vergangenheit und Rylees verwundeter Blick –, stürzt auf mich ein und begräbt mich unter sich.

Die Dämme brechen, und ich kann nichts mehr dagegen tun.

Als das Schluchzen, das meinen Körper schüttelt, langsam abklingt, holen mich meine schmerzenden Kniescheiben wieder in die Realität zurück. Mir wird bewusst, dass ich auf der gepflasterten Einfahrt zu Coltons Haus knie und nichts außer seinem T-Shirt anhabe. Keine Hose, keine Schuhe. Ein Auto habe ich auch nicht. Und mein Handy liegt noch immer auf dem Waschtisch in seinem Bad.

Ich schüttle den Kopf, als die aufsteigende Wut die Demütigung und den Schmerz verdrängt. Der anfängliche Schock über seine verletzenden Worte ist abgeebbt, und in mir erwacht der Trotz. Es istnicht okay, mich so zu behandeln. In einem plötzlichen Adrenalinschub stemme ich mich hoch und stoße die Eingangstür auf. Sie hat so viel Schwung, dass sie gegen die Wand kracht.

Er mag ja mit mir fertig sein, aber ich noch lange nicht mit ihm. Ich habe verdammt viel zu sagen, wozu ich vielleicht keine Chance mehr bekomme, wenn ich es nicht gleich tue, und meiner Liste an Dingen, die ich bereue, noch einen Punkt hinzuzufügen ist das Letzte, worauf ich Lust habe.

Also renne ich die Treppe immer zwei Stufen auf einmal hinauf. Mir ist überdeutlich bewusst, dass ich außer dem T-Shirt keinen Fetzen Stoff am Leib habe. Die kühle Luft des frühen Morgens stiehlt sich unter den Hemdsaum und streicht über meine nackte Haut. Colton hat sich vergangene Nacht so gründlich und geschickt mit mir beschäftigt, dass ich wund und geschwollen bin, und das leichte Unbehagen, das ich deshalb empfinde, ist wie eine Prise Traurigkeit in meinem immer weiter anschwellenden Zorn. Baxter klopft mit dem Schwanz schwer auf den Boden, um mich zu begrüßen, als ich das Schlafzimmer betrete und das Geräusch der laufenden Dusche höre. Ich koche inzwischen vor Zorn über die Sprüche, die er mir an den Kopf geworfen hat, und während ich mich eben noch gedemütigt und zutiefst verletzt verstecken wollte, will ich mich jetzt nur noch wehren. Er soll wissen, dass mir vollkommen egal ist, ob er ein Star ist oder Einfluss hat oder andere Frauen ihm zu Füßen liegen – egozentrische Arschlöcher wie er haben Frauen wie mich gar nicht verdient.

Auf meinem Marsch ins Bad werfe ich die Tasche wieder auf den Waschtisch, wo sich auch noch mein Handy befindet. In der Absicht, ihm gehörig den Marsch zu blasen, biege ich um die Ecke, die die Walk-in-Dusche vom restlichen Bad abtrennt. Doch als ich ihn sehe, bleibe ich wie angewurzelt stehen und klappe den Mund erschüttert wieder zu.

Colton steht, die Hände an die Wand gestemmt, mit hängendem Kopf unter dem Wasserstrahl. Seine Schultern wirken wie eingefallen, seine Haltung ist die eines durch und durch besiegten Mannes. Seine Augen sind fest zugekniffen, und seine für ihn typische zuversichtliche, aufrechte Haltung ist verschwunden. Einfach weg. Der starke, selbstbewusste Mann, den ich kennengelernt habe, ist nicht mehr da.

Geschieht dir recht, du Arschloch, ist der erste Gedanke, der mir in den Sinn kommt. Er soll sich gefälligst schämen und bereuen, dass er mich behandelt hat wie der letzte Dreck. Seine Worte haben mich tief getroffen; wiedergutmachen kann er es ohnehin nicht mehr. Aber nun stemme ich unentschlossen die Fäuste in die Hüften. Plötzlich weiß ich nicht mehr, wie ich weiter vorgehen soll. Es dauert eine Weile, bis ich zu dem Schluss komme, dass ich am besten wieder verschwinde, ohne ein Wort zu sagen, und mir ein Taxi rufe. Aber als ich gerade den Rückzug antreten will, löst sich ein ersticktes Schluchzen aus Coltons Kehle, und ein heftiges Beben geht durch seinen Körper. Das kehlige Stöhnen klingt wild und primitiv, als koste es ihn alles an Kraft, nicht unter der Wucht der Verzweiflung zusammenzubrechen.

Der schreckliche Laut lässt mich erstarren. Während ich zusehe, wie dieser wunderbare, starke Mann vor meinen Augen zerbricht, wird mir klar, dass das, was ihn quält, nicht nur in unserem Zank von eben begründet liegt.

Noch immer weiß ich nicht, was ich tun soll. Widerstreitende Gefühle machen mich vorübergehend handlungsunfähig.

Seine Worte von vorhin haben mich so gekränkt, dass mir regelrecht das Herz wehtut. Nach so langer Zeit wage ich es, mich endlich wieder einem Mann zu öffnen, und werde grausam von ihm angegriffen.

Gleichzeitig kreisen meine Gedanken um die Erkenntnis, dass hier Dinge geschehen sind, die ich durch meine Ausbildung unbedingt längst hätte erkennen müssen. Aber ich war so geblendet von Colton, seiner Präsenz, seinen Worten und Taten, dass ich die Anzeichen einfach übersehen habe.

Ich habe den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen.

Es tut mir in der Seele weh, Colton gegen seine Dämonen kämpfen zu sehen, die ihn am Tag unablässig antreiben und des Nachts in seinen Träumen quälen, und ich sehne mich danach, zu ihm zu gehen und ihn zu trösten, ihn in die Arme zu ziehen und die Erinnerungen zu löschen, von denen er sich niemals zu befreien können glaubt.

Und doch befiehlt mir mein Stolz, mich nicht zu rühren, das Kinn zu heben, souverän aufzutreten. Mir selbst treu zu bleiben. Einem Mann, der mich so behandelt, den Laufpass zu geben.

Und so stehe ich unschlüssig da und versuche zu entscheiden, welchem Drängen aus meinem Inneren ich nachgeben soll, als Colton ein weiteres herzzerreißendes Schluchzen ausstößt. Er schaudert heftig, sein Gesicht verzerrt sich. Sein Leid ist deutlich spürbar.

Womit meine innere Debatte beendet ist. Denn ob Colton es anerkennt oder nicht, er brauchtjetzt jemanden. Er braucht mich. All die grausamen Worte, die er mir entgegengeschleudert hat, treten beim Anblick dieses gebrochenen Mannes in den Hintergrund; ich werde sie abspeichern und mich später darum kümmern. Meine Ausbildung und die vielen Jahre Erfahrung haben mir beigebracht, mich in Geduld zu fassen, aber auch, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen, um einen Schritt nach vorne zu machen. Und dieses Mal werde ich die Zeichen richtig deuten.

Ich war noch nie in der Lage, mich von einem Menschen in Not abzuwenden; am wenigsten von einem kleinen Jungen. Und im Moment kann ich in dem Colton vor mir tatsächlich nichts anderes sehen: einen hilflosen, verlorenen und niedergeschmetterten kleinen Jungen, der mir das Herz gebrochen hat – der mir noch immer das Herz bricht –, und obwohl ich weiß, dass ich emotionalen Selbstmord begehe, wenn ich nun bei ihm bleibe, kann ich meine Tasche nicht einfach an mich raffen und gehen. Es ist mir unmöglich, ihn im Stich zu lassen.

Wenn eine Freundin von mir eine solche Entscheidung treffen würde, würde ich ihr sagen, dass sie nicht alle Tassen im Schrank hat. Wie dumm muss man sein, zu jemandem zurückzukehren, der einen so behandelt? Aber es ist immer leicht, als Außenstehender zu urteilen, und man kann niemals sagen, wie man handeln würde, bevor man nicht selbst in einer solchen Situation steckt.

Dieses Mal bin eben ichin einer solchen Situation. Und die Entscheidung, die ich treffe, ist so selbstverständlich für mich, dass im Grunde gar keine zu treffen ist.

Vorsichtig betrete ich die Dusche und verdränge jeden Gedanken an das, was später sein mag. Colton steht unter einem von zwei Regenduschköpfen, während zahlreiche in die Wand eingelassene Düsen ihn von oben bis unten mit einem kräftigen Wasserstrahl massieren. Eine gemauerte Bank zieht sich über die ganze Länge der einen Wand, und in einer Ecke stehen Flaschen mit Duschbädern, Shampoos und anderen Produkten. Unter anderen Umständen wäre mir beim Anblick dieser grandiosen Einrichtung die Kinnlade heruntergefallen, und ich hätte es kaum erwarten können, mich selbst hineinzustellen und stundenlang alles auszuprobieren.

Nicht jetzt allerdings.

Diesen wunderschönen und doch emotional so vereinsamten Mann reglos unter dem strömenden Waser stehen zu sehen erfüllt mich mit tiefer Traurigkeit. Die Angst und die Verzweiflung, die von ihm ausgehen, sind deutlich spürbar, als ich mich ihm nähere. Ich lehne mich an die Wand neben seinen Händen. Tropfen von nahezu kochend heißem Wasser, das von ihm abprallt, landen auf meiner Haut. Ich strecke zögernd meine Hand nach ihm aus, halte aber inne und ziehe sie zurück. Ich will ihn berühren, in seinem fragilen Zustand aber nicht erschrecken.

Nach einer Weile hebt Colton den Kopf und schlägt die Augen auf. Hörbar schnappt er nach Luft, als er mich vor ihm stehen sieht. Schock, Scham und Reue blitzen flüchtig in seinen Augen auf, bevor er sie für einen Moment senkt. Als er meinem Blick wieder begegnet, verschlägt es mir angesichts des ungefilterten Leids die Sprache.

Wortlos, reglos stehen wir da und starren einander an. Es ist wie ein stummer Austausch, der nichts löst, aber doch viel erklärt.

»Es tut mir so leid«, flüstert er schließlich mit brechender Stimme, ehe er wieder den Blick senkt und sich von der Wand abdrückt. Er taumelt zurück und sinkt auf der Bank nieder, und nun kann ich mich nicht mehr zurückhalten. Ich durchquere die Dusche und dränge mich zwischen sein Knie, sodass ich vor ihm stehe. Bevor ich ihn aber noch berühren kann, überrascht er mich, indem er meine Hüften packt und mich zu sich zieht. Er tastet sich unter mein inzwischen nasses T-Shirt und schiebt es hoch, so weit er kommt, bis ich meine Arme vor der Brust kreuze und mir das Hemd über den Kopf ziehe. Achtlos werfe ich es hinter mich und höre das Klatschen, als es auf den Kacheln landet. Sobald ich nackt bin, schlingt er seine Arme um mich und presst mich fest an sich. Da er noch immer sitzt, spüre ich seine Wange an meinem Bauch.

Ich lege meine Hände auf seinen Kopf und halte ihn einfach nur fest, während er zu zittern beginnt. Ich fühle mich hilflos, da ich nicht weiß, was man jemandem sagen kann, der sich vor allen Menschen abschottet. Mit einem Kind kann ich umgehen, aber ein erwachsener Mann hat andere Grenzen. Wenn ich Coltons übertrete, ist seine Reaktion nicht vorhersehbar.

Sanft fahre ich ihm durchs nasse Haar und versuche so gut Trost zu spenden, wie ich kann. Ich versuche, mit meinen Fingern auszudrücken, was er von mir nicht hören will, und die gleichmäßige Bewegung beruhigt mich genauso sehr wie ihn. In dieser wortlosen Minute beginnt mein Verstand endlich zu verarbeiten, was geschehen ist, und ich begreife, was hinter seinem schrecklichen Ausbruch von eben, seinen kalten Worten und dem Gift, das er versprüht hat, steckt. Er hat alles getan, um mich zu vertreiben, damit ich nicht miterlebe, wie er zusammenbricht, denn nach wie vor ist er der Meinung, dass er nichts und niemanden braucht, um zu existieren.

Eigentlich hätte ich mir das schon eher denken können, und dennoch hab ich alle Anzeichen übersehen, weil meine Gefühle mich nicht mehr haben klar denken lassen. Ich kneife die Augen zu und schimpfe im Geiste mit mir, obwohl ich weiß, dass ich nicht anders hätte handeln können. Er hätte es nicht zugelassen. Er ist es gewohnt, allein zu sein, sich allein seinen Dämonen zu stellen, andere Menschen auszuschließen und immer darauf zu warten, dass die nächste Katastrophe eintrifft.

Dass er verlassen wird.

Die Zeit verstreicht. Nichts ist zu hören außer dem Prasseln des Wassers auf dem steinernen Boden. Schließlich dreht Colton den Kopf, sodass seine Stirn an meinem Bauch liegt. Es ist eine überraschend intime Geste, die mir durch und durch geht. Er bewegt den Kopf auf und ab und beginnt plötzlich kleine Küsse auf meine lange Narbe zu verteilen. »Es tut mir leid, dass ich dich so gekränkt habe«, murmelt er über dem Platschen des Wassers. »Es tut mir alles so leid.«

Und ich weiß, dass er sich für so viel mehr entschuldigt als für seine grausamen Worte, mit denen er mich zu verjagen versucht hat. Er entschuldigt sich für Dinge, die sich meinem Wissen entziehen, und obwohl die Furcht in seiner Stimme mir tief in die Seele dringt, geht mir vor Glück über sein Zugeständnis das Herz auf.

Ich senke den Kopf und lege meine Lippen auf seinen Scheitel, wie es eine Mutter tun würde – und wie ich es bei meinen Jungs tue. »Und mir tut es leid, dass man dich so verwundet hat.«

Colton stößt einen erstickten Laut aus, greift in meinen Nacken und zieht meinen Kopf zu sich herab. Und von einem Moment auf den anderen liegen seine Lippen auf meinen in einem alles verzehrenden Kuss. Unsere Münder prallen aufeinander, unsere Zungen vereinen sich, unsere Lust entflammt. Ich lasse mich herab, bis meine Knie links und rechts von seinen auf der Bank ruhen, und gebe mich seinem brennenden Kuss hin.

Mit zitternden Händen umfasst er mein Gesicht. »Bitte, Rylee, ich brauche dich«, fleht er atemlos. »Ich muss dich fühlen.« Er neigt den Kopf, um den Kuss zu vertiefen, und hält mein Gesicht fest, sodass ich nicht ausweichen kann. »Ich muss in dir sein.«

Ich schmecke seine Verzweiflung und spüre sie in seinen gierigen Bewegungen. Ich packe sein Gesicht und ziehe mich ein Stück zurück, damit er die Aufrichtigkeit in meinen Augen sehen kann. »Dann nimm mich, Colton«, flüstere ich eindringlich.

Unter meiner Hand spüre ich den Muskel in seinem Kiefer zucken, als er mich anstarrt. Sein Zögern macht mich nervös. Mein arroganter, selbstsicherer Colton zögert nie, wenn es um Sex geht. Der Gedanke daran, was ihn zurückhalten mag, erfüllt mich mit Furcht, doch ich dränge ihn aus meinem Kopf. Ich werde mich später damit beschäftigen.

Jetzt braucht Colton mich.

Ich greife mit einer Hand zwischen uns, nehme seinen harten Schwanz und führe ihn zu meiner Spalte. Er schnappt nach Luft, reagiert aber darüber hinaus nicht, sondern kneift nur die Augen zusammen, vielleicht um zu vertreiben, was ihm noch immer in seinem Bewusstsein umherspukt. Also fahre ich mit der Hand über seine Erektion und tue das Einzige, was mir einfällt, damit er vergessen kann: Ich lasse mich behutsam auf ihn herab. Überrascht schreie ich auf, als er plötzlich seine Hüften nach oben stößt und wir eins werden. Seine Lider fliegen auf, und sein Blick verschränkt sich mit meinem, und ich sehe, wie seine Augen dunkel und glasig vor Lust werden, bis er sich nicht mehr gegen die Gefühle wehren kann. Er legt den Kopf zurück und schließt die Augen, und sein Gesicht zeigt mir den Kampf, den er austrägt, um all das Böse in sich zu verdrängen und sich ganz auf mich und das zu konzentrieren, was ich ihm zu geben habe: Trost. Nähe. Körperlichkeit. Rettung.

»Nicht denken, Baby, fühl einfach«, murmle ich an seinem Ohr, als ich mich auf ihm zu bewegen beginne, damit er endlich vergessen kann.

Er atmet bebend aus und beißt sich fest auf die Unterlippe, dann packt er grob meine Hüften und treibt sich wieder in mich, tiefer, als ich es je für möglich gehalten hätte. Ich stoße ein Wimmern aus, als er in mir noch mehr anzuschwellen scheint. »Nimm dir mehr«, keuche ich, weil ich nichts anderes tun kann. »Nimm dir, was du brauchst.«

Er schreit auf, gibt die Zurückhaltung auf und hält mich fest, während seine Hüften in wüstem Rhythmus gegen mich stoßen. Unsere nassen Körper rutschen mühelos aneinander, und die Reibung an meinen Brüsten steigert meine Sehnsucht nach Erlösung. Er leckt über einen Nippel, fährt mir mit der Zunge über meine kühle Haut und nimmt die andere Brustwarze in seinen Mund.

Ich stöhne vor Wonne und lasse mich in seine kraftvollen Stöße sinken, damit er sich nehmen kann, was immer er braucht, um zu vergessen. Das Tempo wird schneller, der Rhythmus frenetisch, als er sich selbst immer höher – dem Orgasmus, dem Vergessen entgegen – treibt. Sein Stöhnen und das Klatschen unserer nassen Körper sind die einzigen Geräusche außer dem Rauschen des Wassers.

»Komm für mich«, presse ich hervor, als ich mich auf ihn ramme. »Lass los.«

Seine Miene ist verzerrt, sein ganzer Körper hart vor Anspannung, als er erneut das Tempo steigert. »Oh, fuck!«, brüllt er, reißt mich in seine Arme und vergräbt sein Gesicht an meinem Hals, als er seine Erlösung findet. Seine Hüften wiegen mich sanft, während er sich in mir entleert. Die Verzweiflung in seiner erdrückenden Umarmung verrät mir, dass ich ihm nur einen Bruchteil von dem habe geben können, was er wirklich brauchte.

Er seufzt meinen Namen, küsst mich, immer wieder, verbirgt seine Gefühle nicht. Seine an Verehrung grenzende Aufmerksamkeit nach dem verbalen Angriff von vorhin raubt mir den Atem und macht mich förmlich bewegungsunfähig.

Einige Minuten sitzen wir einfach nur da. Ich will ihm Zeit lassen, sich wieder etwas zu sammeln. Für einen beherrschten Mann wie ihn kann es nicht leicht sein zu ertragen, dass jemand ihn in einem derart emotionalen Moment erlebt hat. Er streicht mir zart mit den Fingerspitzen über meinen kalten Rücken, und ich denke unwillkürlich an das heiße Wasser, das noch immer aus dem Duschkopf hinter mir strömt.

Als er endlich das Wort ergreift, spricht er nicht an, was eben gewesen ist. Sein Gesicht liegt immer noch an meinem Hals, und es kommt mir vor, als ob er meinen Blick zu meiden versucht. »Du frierst.«

»Schon okay.«

Colton bewegt sich unter mir und schafft es irgendwie, mit mir aufzustehen. Er stellt mich unter die warme Dusche und wendet sich zum Gehen. »Du bleibst da«, sagt er und lässt mich verwirrt zurück. Unwillkürlich frage ich mich, ob die Episode von eben zu viel für ihn gewesen ist und er jetzt unbedingt Abstand braucht.

Doch er ist schnell zurück, hebt mich auf seine Arme, stellt das Wasser mit dem Ellenbogen ab und trägt mich hinaus. Ich quieke in der kalten Luft des Badezimmers. »Halt dich fest«, murmelt er an meinem Haar, als ich auch schon erkenne, was er vorhat.

Er steigt in die Wanne, in die Wasser läuft, und stellt mich ab. Dann setzt er sich in den Schaum und zupft an meiner Hand. Also tue ich es ihm nach, setze mich zwischen seine Beine und seufze, als die wunderbare Wärme mich einhüllt.

»Oh, himmlisch«, murmle ich.

Ich lehne mich an seine Brust zurück und schweige zufrieden. Ich weiß, dass er an den Traum und das, was danach kam, denkt. Geistesabwesend streicht er mir mit den Fingern über meine Arme und weckt immer wieder die Gänsehaut, die sich in der herrlichen Wärme legen will.

»Willst du darüber reden?«, frage ich, und sofort verspannt sein Körper sich hinter mir.

»Es war nur ein Albtraum«, sagt er.

»Hm-hm.« Glaubt er wirklich, ich würde ihm abnehmen, dass es sich um einen Traum vom Typ »Monster jagt dich durch dunkle Gassen« handelt?

Ich kann spüren, dass er neben mir den Mund aufmacht und wieder zuklappt, bevor er sich schließlich doch zum Sprechen entscheidet. »Hat mich an ein paar unangenehme Dinge erinnert.« Ich schiebe meine Finger in seine und lege mir unsere vereinten Hände auf den Brustkorb. Das Schweigen dehnt sich ein paar Sekunden aus.

»Shit«, stößt er schließlich hervor. »So was ist mir seit Jahren nicht passiert.«

Einen Moment lang glaube ich, dass er mehr sagen will, aber er tut es nicht. Sorgfältig wähle ich meine nächsten Worte. Wenn ich mich falsch ausdrücke, landen wir möglicherweise da, wo wir vor der Dusche gewesen sind. »Es ist in Ordnung, mich zu brauchen. Jeder hat gewisse Momente. Albträume können grausig real sein, und das weiß ich besser als viele andere. Niemand macht dir einen Vorwurf daraus, dass du einen Moment Zeit brauchst, um dich zu sammeln. Dessen muss man sich nicht schämen. Ich meine … ich renne jetzt nicht gleich zur erstbesten Zeitung, um deine Geheimnisse zu verscherbeln – Geheimnisse, die ich nicht einmal kenne.«

Sein Daumen reibt über meine Handrücken. »Wenn ich das denken würde, wärst du nicht hier.«

Wieder ringe ich mit mir, weil ich nicht weiß, ob ich es aussprechen soll. Er leidet, das weiß ich, doch er hat auch mich zutiefst verletzt. Ich muss etwas davon loswerden. »Hör zu, wenn du mich ausschließen willst, okay – das musst du selbst wissen. Aber dann sag mir doch demnächst, dass du eine Minute für dich brauchst, dass du« – ich suche nach einem passenden Vergleich –, »dass du einen Boxenstopp brauchst. Du musst mich nicht beleidigen und mit Gewalt vertreiben, wenn du Zeit für dich benötigst.«

Er flucht murmelnd in mein Haar, und ich spüre seinen Atem an meiner Kopfhaut. »Du wolltest einfach nicht gehen.« Er seufzt, und ich will gerade etwas erwidern, als er weiterspricht. »Ich musste dich aber loswerden. Ich hatte Angst, dass du mehr siehst, als du solltest, dass du in mich blicken würdest, wie nur du es kannst, Rylee. Und dann würdest du sehen, was ich getan habe, und nie wiederkommen.« Der letzte Satz ist kaum mehr als ein Flüstern, und ich muss mich anstrengen, um ihn zu verstehen. Mit diesen Worten streift er sein verhärtetes Äußeres ab und zeigt mir das verwundbare Innere. Seine Angst. Die Scham. Schuld, auch wenn sie vermutlich unbegründet ist.

Also hast du versucht, mich zu deinen Bedingungen loszuwerden. Du wolltest die Kontrolle behalten. Musstest mir wehtun, damit ich nicht dir wehtue.

Ich weiß, dass ihm sein Geständnis schwerfällt. Der Mann, der niemanden braucht – der jeden von sich stößt, der ihm zu nahe zu kommen droht –, hat Angst gehabt, mich zu verlieren. Unzählige Gedanken gehen mir durch den Kopf. Mein Herz schwillt an und zieht sich gleichzeitig zusammen. Mein Verstand müht sich, die richtigen Worte zu finden. »Colton …«

»Aber du bist zurückgekommen.« Der Schock in seiner Stimme macht mich fertig. Die Bedeutung seiner Worte hängt in der Luft. Er hat mich auf die Probe gestellt, hat versucht, mich wegzujagen, und ich bin immer noch hier.

»Hey, ich habe mich einmal gegen einen Teenie mit einem Messer zur Wehr setzen müssen – dagegen bist du harmlos«, versuche ich die Atmosphäre ein wenig aufzulockern. Ich hätte mindestens ein leises Lachen erwartet, doch Colton zieht mich nur zurück an seine Brust und hält mich fest.

Er setzt an, um etwas zu sagen, hält aber inne und räuspert sich, dann verbirgt er wieder sein Gesicht an meinem Hals. »Du bist die Erste, die von diesen Träumen weiß.«

Sein Geständnis ist wie eine Bombe, die in meinem Verstand explodiert. Bei allem, was er als Kind erleben musste, bei all den Therapien, die er deswegen schon hinter sich hat, hat er noch nie über das hier gesprochen? Ist er so verwundet, traumatisiert, so voller Scham, dass er diese schwelende Wunde fast dreißig Jahre in sich verschlossen hat, ohne sich Hilfe zu holen? Mein Gott! Mir tut das Herz weh, wenn ich an den kleinen Jungen denke, der damit heranwachsen musste – an den Mann hinter mir, der damit lebt.

»Und deine Eltern? Die Therapeuten?«

Colton schweigt und regt sich nicht, und ich will ihn nicht drängen. Ich lege meinen Kopf zurück an seine Schulter und drehe mein Gesicht an seinen Hals, um ihm einen sanften Kuss auf die Wange zu geben. Mit den Lippen an seiner Haut schließe ich die Augen.

»Ich dachte …« Er räuspert sich wieder, schluckt, und ich spüre die Kiefernmuskeln arbeiten. »Ich dachte, wenn sie wüssten, warum ich diese Träume habe – welche Gründe wirklich dahinterstecken, dann würden sie mich nicht mehr …« Er bricht ab, und sein Körper verspannt sich vor Unbehagen, als fiele es ihm tatsächlich körperlich schwer, die Worte auszusprechen. Ich küsse ihn aufmunternd. »Dann würden sie mich nicht mehr wollen.« Er stößt kontrolliert den Atem aus, und mir wird klar, dass das Eingeständnis ihn viel gekostet hat.

»Oh, Colton.« Die Worte sind heraus, bevor ich sie aufhalten kann, und ich verfluche mich innerlich dafür.

»Nicht«, sagt er leise, »ich will nicht bemitleidet werden!«

»Das tue ich auch nicht«, sage ich hastig, obwohl mein ganzes Wesen genau das tut. »Ich habe nur gedacht, wie hart es für einen kleinen Jungen sein muss, niemals über so etwas sprechen zu können. Wie einsam er sich gefühlt haben muss. Das ist alles.« Ich verstumme. Ich weiß, dass er über das Thema nicht reden will, und ich habe schon genug darauf gepocht. Dennoch kann ich nicht verhindern, dass sich der nächste Satz von meinen Lippen löst. »Du weißt, dass du mit mir reden kannst.« Seine Hand greift meine fester, und ich rede hastig weiter. »Ich verurteile dich nicht, und ich versuche auch nicht, dich zu therapieren, aber manchmal tut es einfach gut, etwas loszuwerden, Hass, Scham oder was immer in dir steckt, rauszulassen, um es ein bisschen erträglicher zu machen.« Ich möchte noch so viel mehr sagen, zwinge mich aber, den Mund zu halten und es mir für einen Moment aufzusparen, wenn er nicht mehr so aufgewühlt und verwundbar ist. »Verzeih mir«, flüstere ich. »Ich hätte nicht …«

»Nein, verzeih du mir«, sagt er seufzend und küsst die Schulter, gegen die er mir den Ellenbogen gerammt hat. »Du musst mir so vieles verzeihen. Dass ich dich angebrüllt habe. Was ich getan habe. Dass ich mich nicht mit meinem Mist auseinandersetze.« Die Reue in seiner Stimme hallt nach. »Erst schlage ich dich, und dann fasse ich dich in der Dusche derart hart an.«

Ich kann nicht anders, ich muss grinsen. »Hat mich nicht gestört.«

Er lacht leise, und es tut gut, es nach all der Angst und der Verzweiflung der vergangenen Stunde zu hören. »Was – das mit der Schulter oder das mit der Dusche?«

»Ähm, die Dusche«, sage ich und ergreife die Gelegenheit, das Thema in andere Bahnen zu lenken. Der Morgen war bisher finster und intensiv genug, ein wenig Leichtigkeit kann bestimmt nicht schaden.

»Du überraschst mich mal wieder.«

»Wieso?«

»Ist Max je so mit dir umgegangen?«

Was? Worauf will er denn jetzt hinaus? Seine Frage erwischt mich eiskalt. Aber als ich mich zu ihm umdrehe, um ihn anzusehen, zieht er die Arme nur fester um mich. »Was hat denn das damit zu tun?«

»Ist er, oder ist er nicht?«, fragt er nach.

»Nein«, gebe ich nachdenklich zurück. Als er spürt, dass ich mich wieder etwas entspanne, lässt er meine Hand los und streicht mir erneut mit den Fingern über die Arme. Ich blicke auf meine Hände und zersteche Seifenblasen. »Du hattest recht.«

»Womit?«

»Als wir uns das erste Mal begegnet sind. Du hast gesagt, dass mein Freund mich wahrscheinlich wie ein Porzellanpüppchen behandelt«, flüstere ich. Ich fühle mich, als würde ich Max’ Andenken verraten. »Du hattest recht. Er war in jeder Hinsicht ein Gentleman. Sogar beim Sex.«

»Daran ist ja nichts falsch«, sagt Colton und beginnt mir den Nacken zu massieren. Ich sage nichts, schockiert über meine eigenen Gefühle. »Was ist los? Du hast dich gerade furchtbar verspannt.«

Ich atme bebend aus. Meine Gedanken sind mir selbst peinlich. »Ich dachte, es müsste so sein und dass ich das so wollte. Er ist meine einzige Erfahrung gewesen. Und jetzt …«

»Und jetzt was?«, hakt er nach, und ich kann sein Lächeln spüren.

»Nichts.« Meine Wangen beginnen zu glühen.

»Rylee, jetzt rede doch endlich mit mir, Herrgott. Ich habe mich gerade in der Dusche wie ein Tier über dich hergemacht. Ich hab dich sozusagen zu meiner Erleichterung benutzt, und du kannst mir nicht sagen, was du denkst?«

»Aber das ist es ja gerade.« Ich ziehe träge Kreise auf seinen Oberschenkeln, die links und rechts von mir aus dem Wasser ragen. Mein Eingeständnis stellt meinem anerzogenen Anstand ein Bein und schubst ihn in den Staub. »Es hat mir gefallen. Ich habe nicht gewusst, dass es so sein kann. So wild und …« Oh mein Gott, ich gehe unter. Ich glaube nicht, dass ich mit Max je so über Sex geredet habe, und wir waren über sechs Jahre zusammen. Colton kenne ich keinen Monat, und doch besprechen wir hier in aller Ruhe, wie sehr es mich anmacht, grob behandelt zu werden! Herr im Himmel, wie Colton sagen würde.

»Animalisch«, beendet er den Satz für mich, und ich glaube einen Hauch Stolz aus seiner Stimme herauszuhören. Er küsst meine Schläfe, und ich zucke verlegen die Achseln. Colton drückt mich. »Das muss dir nicht peinlich sein. Menschen sind unterschiedlich und mögen Sex auf unterschiedliche Art, Süße«, flüstert er mir ins Ohr. »Und außer der Missionarsstellung gibt es noch so viele schöne Dinge auszuprobieren …« Es ist mir fast unheimlich, dass er mich mit wenigen, nahezu harmlosen Worten schon wieder anmacht.

Meine Gedanken huschen zurück zu dem ersten Mal, das Colton mir befahl, ihm zu sagen, dass er mich vögeln sollte. Zu dem ersten Mal, als er mich zum Höhepunkt brachte, indem er mich hart und schnell nahm. Seine geflüsterten Versprechen, was er alles mit mir anstellen wollte, als er mich hochhob, gegen die Wand rammte und uns beide zum Höhepunkt trieb.

Allein die Erinnerung weckt in mir ein intensives Bedürfnis, und ich werde rot. Ich bin nur froh, dass er mein Gesicht nicht sehen kann, denn ganz sicher weiß er, wohin meine Gedanken abgedriftet sind. Ich seufze zittrig und versuche, meine tödliche Verlegenheit zu überwinden; ich bin es einfach nicht gewohnt, über solche Dinge zu sprechen.

»Das ist eine der Eigenschaften, die ich so an dir mag. Du bist so hemmungslos.«

Was soll das denn heißen? Fast hätte ich mich umgesehen, ob sich noch jemand im Raum befindet, den er gemeint haben könnte. »Ich?«, krächze ich.

»Hm-hm«, murmelt er. Seine Stimme haucht über meine Wange, seine Lippen kitzeln mein Ohr. »Du bist ein erstaunliches Wesen.«

Seine Worte lassen mich innehalten. Sie spiegeln genau das, was ich von ihm denke, trotz des Eklats von vorhin. Vielleicht besteht diese explosive Energie zwischen uns, weil ich ihm tatsächlich mehr bedeute als die Frauen vor mir. Die Signale, die er aussendet, weisen eindeutig darauf hin, aber es würde mir viel bedeuten, es ausgesprochen zu hören.

Er schäumt seine Hände mit einem Seifenstück ein und lässt sie dann über meine Arme und meine Brust gleiten. Ich ziehe scharf die Luft ein, als seine Handfläche träge über meine Nippel reibt und seine Zunge gleichzeitig über meine Schulter den Hals aufwärts leckt. »Ich kann einfach nicht genug von dir kriegen«, wispert er und bestätigt meine Annahme. Worte, die es sagen, ohne es wirklich zu sagen. »Du bist immer so reserviert, aber wenn ich in dir bin« – kopfschüttelnd stößt er einen anerkennenden Summton aus –, »vergisst du alles, wirst mein und ergibst dich mir vollkommen.«

Seine Worte sind Verführung pur und erregen mich ganz ungeachtet der Tatsache, dass seine sich erhärtende Erektion gegen meinen Hintern drückt. »Und inwiefern macht mich das hemmungslos?«, murmle ich und reibe meine Wange am rauen Bartschatten seines Kiefers.

Colton leises Lachen vibriert an meinem Rücken. »Na ja, drücken wir es mit Baseballmetaphern aus, da du ja für den Sport etwas übrighast: beinahe dritte Base in einem öffentlichen Korridor hinter einer Theaterbühne – zweimal übrigens. Zweite Base auf einer Decke am Strand.« Mit jedem seiner Worte werden meine Wangen heißer. »Homerun im Stehen an einer Fensterscheibe« – er macht eine Kunstpause –, »die auf einen öffentlichen Strand hinausgeht.«

Ich schnappe nach Luft. »Was?« Oh, verfluchter Mist. Wie stellt er es bloß an, dass ich immer wieder den Kopf verliere? Mein Hintern gegen die Glasscheibe in seinem Schlafzimmer gepresst, und jeder, der draußen vorbeigegangen ist, hätte die Show genießen können? Das ist an Peinlichkeit kaum zu überbieten, und ich möchte im Boden versinken. Was bleibt mir übrig, außer die Verantwortung abzuladen? »Das ist nur deine Schuld«, sage ich, drücke ihn weg, drehe mich um, sodass ich ihm gegenübersitze, und bespritze ihn mit Wasser.

Ein verschmitztes Grinsen erhellt seine Züge, und nach all der Düsternis von eben bin ich heilfroh, es zu sehen. Der Bad Boy ist zurück, und während ich ihn betrachte, wie er entspannt vor mir sitzt und Knie und Oberkörper aus den Schaumbergen ragen, kann ich nur daran denken, dass ich mich in diesen Mann, der in Worten und Taten ein einziger Widerspruch ist, hoffnungslos verliebt habe.

Fuck. Ich bin in ernsthaften Schwierigkeiten.

»Ach – meine Schuld? Wieso?« Er spritzt zurück und packt blitzschnell mein Handgelenk, als ich mich rächen will. Spielerisch zieht er mich zu sich, aber ich leiste Widerstand, bis er mich loslässt, ich zurückplumpse und Wasser über den Rand schwappt. Wir brechen beide in Gelächter aus, als Schaumfetzen durch die Luft fliegen. »Ich war schon mit einer Menge Frauen zusammen, Süße, und die meisten waren sexuell nicht so offen, also gibt nicht mir die Schuld.«

Es ist gut, dass wir lachen, denn ich merke, dass er sich bei seiner vermeintlich beiläufigen Bemerkung verspannt, auch wenn das Lächeln auf seinen Lippen bleibt. Und ich beschließe, den lockeren Tonfall beizubehalten, obwohl seine Bemerkung mich trifft. Ich möchte wahrhaftig nicht über die »Menge Frauen« nachdenken, mit denen er zusammen gewesen ist, aber vermutlich kann ich auch nicht darüber hinwegsehen. Vielleicht sollte ich seinen verbalen Ausrutscher ja dazu nutzen, mehr über mein zukünftiges Schicksal zu erfahren und ihm gleichzeitig etwas klarzumachen.