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Taxifahrer Herbert hat einen Traum: Er möchte einmal einen Hollywood-Star in seinem Taxi befördern, um etwas Glanz in sein ansonsten freudloses Leben zu bringen. Statt eines Stars landet jedoch nur Herberts unter Persönlichkeitsstörung leidender Bruder Harry in seinem Wagen, der nicht zuletzt durch seine Krankheit großes Talent zeigt, in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen. Aus einer Notlüge entsteht die Idee, Harry als den berühmten US-Schauspieler Phil Clune auszugeben. Bei Herbert melden sich daraufhin viele Kollegen, die für die Vermittlung des vermeintlichen Stars als Fahrgast erkleckliche Summen bezahlen. Das Geschäft brummt. Doch die Situation verkompliziert sich schlagartig, als der echte Phil Clune in Berlin zu Dreharbeiten eintrifft. Die darauf folgenden, vielfältigen Verwechselungen führen am Ende alle Beteiligten zu einem rasanten Finale auf der „German autobahn“ – jeden auf der Suche nach seinem ganz persönlichen Stück Freiheit.
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Seitenzahl: 238
Veröffentlichungsjahr: 2015
Über die Autorin:
Susanne Fuß, geboren 1968, studierte Anglistik, Amerikanistik und Komparatistik, arbeitete anschließend als Wissenschaftliche Dokumentarin im Rundfunk und beim Deutschen Musikrat. Seit 2012 schreibt sie Drehbücher und ist freiberufliche Lektorin und Übersetzerin. Driving Phil Clune ist ihr Roman-Debüt.
Susanne Fuß
Driving Phil Clune
© 2015 Susanne Fuß
Fotografie und Umschlaggestaltung: Ian Umlauff
www.ianumlauff.com
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7323-3458-2
Hardcover
978-3-7323-3459-9
e-Book
978-3-7323-3460-5
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Angelinas Make-up verlief. Nicht, dass sie weinte. Auch wenn es zu dem trübseligen Wetter gepasst hätte. Ihr strahlendes Lächeln strafte die Vermutung Lügen, auch wenn es sich langsam am rechten Mundwinkel aufzulösen schien. Jedenfalls kam Bewegung in die Gestalt, die eben noch so reglos und weit entfernt war. Herbert Maletzke saß in seinem Taxi und beobachtete fasziniert das Kinoplakat auf dem ein überlebensgroßes Porträt Angelina Jolies prangte. Willig gab er sich der Illusion von Bewegung hin: Sie sieht mich. Die ganze Zeit schon hat sie mich gesehen. Sie kommt auf mich zu…
Ein heftiges Klopfen an der Fahrertür seines Taxis riss ihn aus seinem Traum. Er fuhr herum und sah durch die unablässig an der Fensterscheibe herunterrinnenden Regentropfen das Gesicht einer alten Frau. In gewohnter Routine stieg er aus dem Wagen, um ihr die hintere Tür zu öffnen, als er mit seinem Fuß strauchelte und fast hinfiel. Die mit einer Plastikhaube gegen den Regen bewehrte Alte klammerte sich verärgert an ihren tropfnassen Rollator.
„Passen Sie doch auf!“
Herbert brummelte eine Entschuldigung und half der übergewichtigen Frau auf den Rücksitz. Der Regen prasselte nun in voller Wucht auf das Autodach. Herbert schob den Rollator zum Kofferraum und rüttelte an den Gelenken und Griffen, um das sperrige Gerät zusammenzulegen. Zunehmend packte ihn die Wut. Mehr noch als der Regen, der ihn nun erbarmungslos durchtränkte, ärgerte es ihn, dass die Alte ihn aus seinem glückseligen Gedankengang gerissen hatte. Der Faden war gekappt: Angelina hing wieder an ihrem Kinoplakat, fern und unerreichbar. Aber doch auch ein Stück vertraut. Ihr neuer Film lief bereits seit sechs Wochen. Und so lächelte sie seit sechs Wochen Herbert an seinem Taxistand beim Multiplex-Kino an. Ebenso wie auch Halle Berry, Will Smith, Liam Neeson und all die anderen seiner großen US-amerikanischen Filmfamilie, mit denen er während der langen Wartestunden im Taxi seine stumme Konversation hielt.
Mit der unterdrückten Wut des Nicht-zum-Zuge-Gekommenen hievte Herbert die Gehhilfe in den Kofferraum. Schließlich rettete er sich auf den Fahrersitz, obwohl es nichts mehr zu retten gab. Er würde nach der Fuhre erst einmal nach Hause fahren müssen, um sich umzuziehen. Er konnte es nicht leiden, mit nasser Hose im Auto zu sitzen. Es war eine von vielen Unannehmlichkeiten, die Herbert nicht ertragen konnte.
„Wo soll‘s denn hingehen?“
„Augustastraße 24“
Die Scheibenwischer wischten mit dem Regen auch den letzten Rest seiner Illusionen beiseite. Das Taxi fräste sich seinen Weg durch den Berliner Feierabendverkehr. Gott sei Dank verwickelte die Frau ihn nicht in ein Gespräch. Soweit es der Verkehr zuließ, wollte er wenigstens einen Teil seiner Gedanken einer anderen Welt vorbehalten, einer besseren, vor allem einer trockeneren. Regnete es jemals in Hollywood? An den palmengesäumten Boulevards von Beverly Hills? Er versuchte sich an Filmszenen zu erinnern. Doch so sehr er sich auch konzentrierte sah er nur jene bonbonfarbenen Chevys vor seinem inneren Auge, die im gleißenden Sonnenlicht bei zurückgeklapptem Verdeck durch die Landschaft paradierten.
„Wo fahren sie mich hin, junger Mann? Sie müssen links ab.“
Herbert grummelte eine Entschuldigung und drängelte sich, begleitet von einem Hupkonzert, noch schnell auf die linke Abbiegespur. Der Hinweis auf sein Alter ärgerte ihn. Aus der Sicht der Alten mochte er jung sein, dennoch verstand er die Anspielung als pure Ironie. Vielleicht würde es ihm nicht so nahegehen, wenn er mit seinen fünfundfünfzig Jahren da angekommen wäre, wo man in diesem Alter gemeinhin sein sollte: Bei Familie, Ehefrau, Verantwortung für Kind und Hund, vielleicht einem eigenem Unternehmen. Doch nichts davon. Er wohnte in seiner Junggesellenbude und lebte zu einem nicht unerheblichen Teil vom Geld seiner Mutter, die er im Gegenzug pflegte. Sein einziger Bruder Harry, der wegen psychischer Erkrankungen mehr Zeit in der stationären Psychiatrie verbrachte als zu Hause, war ein Totalausfall. Herbert war allein und er war da stehengeblieben, wo er schon als Zwanzigjähriger gestanden hatte. Dabei gab er sich alle Mühe. Er hatte viel zum Thema Demenz gelesen und versuchte alles zu tun, um seiner Mutter ein halbwegs eigenständiges Leben zu ermöglichen. Aber irgendwie war dieses Engagement rückwärtsgewandt. Es fehlte der Blick nach vorne in seine eigene Zukunft. Zukunft? Welche Zukunft erwartete einen noch mit fünfundfünfzig? Der Horizont verengte sich seit langem wieder, dabei hatte er sich für ihn nie wirklich geöffnet.
Herbert bog in die Augustastraße ein. Die Alte werkelte an ihrer Handtasche und fischte nach ihrem Portemonnaie. Herbert erwartete nicht viel Trinkgeld. Seine Gedanken drifteten wieder ab zu der anderen, zu seiner imaginierten Familie. Eine Hoffnung blieb ihm: Einmal einen der überlebensgroßen Plakathelden in seinem Taxi wiederzufinden. Einmal! War das so unwahrscheinlich? Berlin war ein gutes Pflaster: Die Studios in Babelsberg, die Berlinale! Warum sollte sich nicht der ein oder andere Star in die Metropole verirren und ein wenig Glanz in sein Leben oder wenigstens in sein Taxi bringen - Glanz, an dem es seiner kleinen Welt so schmerzlich mangelte? Aber aus den USA oder wenigstens aus Großbritannien sollte er (oder sie) schon sein, nicht diese Möchtegern-Größen aus Deutschland. Ein Kollege hatte vor einigen Jahren einen Berliner Entertainer gefahren. Am Ende hatte der prominente Fahrgast ihm zwanzig Pfennig Trinkgeld in die Hand gedrückt mit den Worten: „Aber gebense nicht alles auf einmal aus.“ Genau das war Deutschland: klein, billig, knausrig, lustfeindlich und sich darauf noch etwas einbildend. Das war Deutschland, das waren deutsche Filme und das war deutsches Wetter. Herbert stieg aus dem Wagen und öffnete den Kofferraum. Als er den Rollator heraushob, erinnerte er sich unwillkürlich: Vor zwei Jahren hatte er ein älteres Pärchen nach Tegel gefahren. Beim Ausladen des umfangreichen Gepäcks hatte er aus den Augenwinkeln Daniel Craig auf den Taxistand zugehen sehen. Er war jedoch noch zu beschäftigt gewesen, um seine Dienste anbieten zu können und so ging die einmalige Gelegenheit an ihm vorbei. Vielleicht war es ja nicht Craig, so genau hatte er den Mann nicht sehen können. Eigentlich hatte er sich mit diesem Gedanken trösten wollen, doch ihm war der Glaube letztlich lieber, knapp an der großen Chance vorbeigegangen zu sein, als sie nie gehabt zu haben.
„Wollen sie kein Geld?“
„Äh…doch.“
„Wenn’s darum geht, werden alle wieder wach.“
Die Alte drückte ihm schnell fünfzehn Euro in die Hand, wackelte in den Hauseingang und ließ Herbert im Regen stehen.
***
„Ich weiß nicht so recht, Lutz. Du kennst Harry Maletzke besser. Trotzdem hab’ ich in dem Fall ein komisches Gefühl.“
Durch das Fenster des Besprechungszimmers in der psychiatrischen Klinik drangen die ersten Strahlen der Hamburger Morgensonne. Abteilungsleiter Hartmut Langner blinzelte irritiert und versuchte, instinktiv in den Schatten auszuweichen. Sein Kollege Oberarzt Lutz Schroth insistierte:
„Ich kann ihm den Freigang nicht abschlagen. Er hat dafür gearbeitet. Ich kann nichts anderes sagen, als dass er sich an alle Verabredungen gehalten hat. Ich muss zu meinem Wort stehen.“
Langner fuhr sich mit der Hand durch das spärlicher werdende Haar. Immer wenn er verunsichert war, strich er über sein Haar, vielleicht um sich zu vergewissern, dass wenigstens davon noch etwas übrig geblieben war, etwas zum Festhalten in einer Situation, in der man Sicherheiten brauchte. Es wäre ihm lieber gewesen, den Patienten Maletzke weiterhin stationär dazubehalten.
„Na gut Lutz. Aber du hältst den Kontakt.“
„Natürlich. Soll ich ihn reinholen?“
Langner nickte schicksalsergeben. Lutz Schroth steckte seinen Kopf aus der Tür des Besprechungszimmers:
„Herr Maletzke!“
Federnden Schrittes betrat Harry Maletzke das Besprechungszimmer. Er hatte sich in Schale geschmissen und das neue Jackett angezogen, das er sich erst vor kurzem anlässlich seines fünfzigsten Geburtstags gekauft hatte. Das weiße Hemd, der perfekt frisierte Seitenscheitel und nicht zuletzt sein Aktenkoffer rundeten die Erscheinung ab. Langner fühlte sich ungut an einen Pharmavertreter erinnert. Schnurstracks durchmaß Harry den Raum, griff über den Schreibtisch nach Langners zögernder Hand und schüttelte sie jovial.
„Schönen guten Morgen, Herr Langner“
Langner versuchte vergeblich sich Harrys Griff zu entziehen.“
„Wie geht es ihnen? Alles im grünen Bereich?“
„Äh, gut – gut, Herr Maletzke.“
„Das freut mich zu hören!“
Harry ließ Langners Hand los und tätschelte ihm kameradschaftlich den Arm, bevor er sich zu Schroth umwandte. Schroth hatte den Auftritt mit sichtbarer Anspannung beobachtet. Harry registrierte Schroths Nervosität und lächelte ihm augenzwinkernd zu. Schroth sollte sich mal keine Sorgen machen- Harry hatte die Situation voll im Griff.
Langner fühlte sich, noch bevor das Gespräch begonnen hatte, in die Defensive gedrängt. Er musste versuchen, seine Position als Gesprächsführer zurückzugewinnen.
„Bitte setzen sie sich doch, Herr Maletzke“
„Gerne.“
Mit breitem Grinsen ließ sich Harry Maletzke auf dem Besucherstuhl nieder. Noch bevor Langner ansetzen konnte, eröffnete Harry die Runde:
„Was kann ich für sie tun?“
Langner fühlte sich zunehmend von Harrys Auftreten aus dem Konzept gebracht. Er unterdrückte den Impuls, sich durch das Haar zu fahren. Wie konnte es sein, dass ein Mann, der immer wieder wegen gravierender Persönlichkeitsstörungen stationär behandelt werden musste, eine solche Selbstsicherheit und Gelassenheit an den Tag legen konnte? Langner misstraute dem Anschein. Es durfte einfach nicht sein, dass ein Patient mehr Selbstwertgefühl ausstrahlte als er selber. Es sollte schließlich kein Zweifel darüber bestehen, wer von ihnen beiden behandlungsbedürftig war. Langner blickte misstrauisch zu Schroth, um sich zu vergewissern, dass ihm nicht vielleicht ähnliche Gedanken durch den Kopf gingen.
„Es geht um die Frage, ob sie sich imstande fühlen, die nächste Woche außerhalb der Klinik zu verbringen.“
„Selbstverständlich. Ich sehe darin kein Problem.“
Langner begriff zu spät, dass er die Frage unglücklich formuliert hatte. Welche andere Antwort hätte er von diesem Mann darauf erwarten können? Er blickte zu Schroth. Es war seine Initiative. Er würde ihn letztlich für alles zur Verantwortung ziehen.
„Na gut Herr Maletzke, aber wir bleiben regelmäßig in Kontakt. Sie melden sich bei Dr. Schroth.“
„Immer gerne!“
Plötzlich drangen aus dem Flur aufgeregte Stimmen. Ein heftiges Fußgetrappel kündigte ein unvorhergesehenes Ereignis an. Die beiden Ärzte blickten alarmiert zur Tür. Schroth stand auf, als sich die Tür vor seiner Nase öffnete und zwei aufgeregte Pfleger die dringende Anwesenheit beider Ärzte bei einem Notfall einforderten. Langner blieb nichts anders übrig, als seine Bedenken im Fall Maletzke zurückzustellen und sich seinem aktuellen Problem zu widmen. Hastig eilte er mit Schroth zur Tür bevor er sich im letzten Moment zu Harry umwandte.
„Entschuldigen sie uns einen Augenblick.“
„Gehen Sie nur. Von meiner Seite ist ja alles geklärt. Ich möchte sie auch gar nicht länger aufhalten.“
Harry stand auf und folgte den beiden Männern, die im Laufschritt den Pflegern durch die Gänge hinterher eilten. Im Türrahmen besann sich Harry und kehrte noch einmal in das Besprechungszimmer zurück. Eine einmalige Chance: Seine Akte lag auf dem Schreibtisch. Interessiert blätterte er sie durch und stieß auf Begriffe wie Megalomanie und Wahnvorstellung. Dann fand er endlich den Bewilligungsschein für seinen Ausgang. Aus sieben Tagen Freiheit machte er mit einem geschickt platzierten Strich siebzehn. Neben seiner Akte lag ein Klemmbrett, an dem sein Anamnesebogen angeheftet war. Harry unterbrach seine Lektüre jedoch, als er Schritte im Flur hörte. Er stopfte das Klemmbrett schnell in seinen Aktenkoffer und schaffte es, unbemerkt aus dem Büro zu verschwinden und die Klinik Richtung Freiheit zu verlassen.
***
Herbert schreckte auf, als er seinen Namen rufen hörte. Er hatte auf seinem Fahrersitz die Mittagspause weggedöst. Sein Kollege Paul lehnte sich durch das geöffnete Fenster der Fahrertür. Paul meinte es gut mit Herbert, ja, ja! Aber irgendwie nervte Herbert seine bevormundende Art. Er hatte keine Lust auf eine Unterhaltung.
„Tach Herbert. Hast du Lust mit zu Tonys zu gehen? Ich treffe mich mit den Kollegen. Rita ist auch da…“
Rita! Herbert wünschte nur, dass Paul seinen Mund halten würde. Wie oft schon hatte er verflucht, dass er in einer schwachen Minute Paul von seiner Kollegin Rita erzählt hatte oder vielmehr über seine Gefühle ihr gegenüber. Nicht über Rita, natürlich nicht. Was hätte er da auch berichten können, was die Kollegen nicht alle selber wussten. Er hatte keine weiteren Kontakte zu Rita. Sie beachtete ihn nicht weiter und darüber war Herbert letztlich froh. Was hätte sie in ihm auch sehen sollen, das ihn für sie interessant gemacht hätte? Da gab es nichts und Herbert wollte sie auch gar nicht in die Verlegenheit bringen, von seiner ärmlichen Existenz und – Gott behüte – von seiner heimlichen Liebe Notiz nehmen zu müssen. Letztlich war sie für ihn genauso unerreichbar wie Angelina Jolie auf ihrem Plakat. Eigentlich war ihm Angelina als Traumgestalt sogar lieber, da er ihr wohl nie begegnen würde und somit die Gefahr, dass sich der fiktive Traum in einen sehr realen Alptraum verwandeln könnte, sehr viel geringer war.
„Na komm schon.“
„Es ist sinnlos. Es ist ihr doch egal, ob ich da bin oder nicht.“
„Du kriegst ja das Maul nicht auf. Sprich sie an, lad‘ sie zu einem Kaffee ein, was weiß ich. Was ist daran so schwer?“
Herbert fühlte sich zu kraftlos, um Pauls Drängen nachhaltigen Widerstand entgegenzusetzen. Paul hatte ihn unversehens ins Schlepptau genommen und so fand er sich wenige Minuten später inmitten der Runde seiner Kollegen wieder, die sich zu Fritten und Currywurst um die speckige Theke von Tonys Imbiss geschart hatten, darunter auch Rita, eine gut erhaltene, blondierte Mittvierzigerin, die einzige Frau in der Männergesellschaft. Rita hatte ihre Berührungsängste, wenn sie solche jemals gehabt hatte, schnell abgelegt und stand in der Runde ihren Mann. Hebert bewunderte ihre Tat-und Entschlusskraft, ihren Pragmatismus, die Gradlinigkeit mit der sie durchs Leben ging. Der Unterhaltung folgte er nur sporadisch. Die Geschwindigkeitsbegrenzungen auf den Highways in den USA interessierten ihn nicht. Er beobachtete heimlich Rita.
„Mein Ex und ich, wir haben ’ne Tour durch die Staaten gemacht und wir haben mit den Cops voll Stress gekriegt, weil wir zu schnell gefahren sind.“
In Ritas Leben hatte es schon einige Männer gegeben. So konnte man nie genau sagen, welcher Ex gerade gemeint war. Herbert versuchte, sich mit dem Gedanken zu trösten, dass Rita wohl niemals Geschichten über ihn als „Ex“ zum Besten geben würde.
„Bist du gefahren oder dein Freund?“
„Ich! Günter doch nicht! Der Langweiler. Der wär auch mit Dreißig durch die Landschaft geschlichen, wenn’s dafür ’nen Paragraphen gegeben hätte! Der Mann war eine Katastrophe, ängstlich wie ein Karnickel. Hat sich immer schön an meinen Rockzipfel geklammert.“
Wie gut, dass sie den Namen Günter erwähnte. Trotzdem ließ Herbert der Verdacht nicht los, Rita rede über ihn. Herbert war froh, als Kollege Max Ritas Redefluss unterbrach und eine Geschichte erzählte, die ihn unwillkürlich aufhorchen ließ.
„Ich hab neulich im Fernsehen ein Interview mit Phil Clune gesehen. Der war in Deutschland und hat sich nicht getraut Hundertzwanzig zu fahren.“
„Da fährt meine Oma ja schneller.“
„Die Amis sind halt nix gewöhnt.“
„Wann war denn der Clune in Deutschland?“
Es gab viele Fragen in Herberts Leben, aber nur wenige, auf die er eine Antwort wusste. Diese war so eine und Herbert konnte es sich nicht nehmen lassen, wenigstens einmal einen Beitrag zur Unterhaltung beizusteuern. Natürlich wusste er zu welcher Gelegenheit Clune in Deutschland war. Phil Clune! Ein Gigant und doch so menschlich. Herbert liebte seine Filme, Filme in denen Clune den kleinen, unscheinbaren und durchschnittlichen Mann zu ungeahnter Größe auflaufen ließ. Auch wenn er die Terminators, Robocops und Captain Kirks bewunderte, die Figuren, die Clune verkörperte, waren ihm näher und weckten für wenige Minuten im verdunkelten Kinosaal die Illusion, dass auch in ihm ein verborgenes Potenzial schlummern könnte.
„Letztes Jahr. Da hat er den Mount Borungo Film gedreht. Toller Film übrigens.“
Rita sah sich zu ihm um.
„Nie was von gehört.“
Paul klopfte Herbert auf die Schulter:
„Herbert ist eben unser Kinospezialist.“
Rita blickte unbeeindruckt in die Runde:
„Ich komm selten ins Kino. Meine Leute haben immer keine Lust. Und allein will ich auch nicht.“
Herbert bereute es im gleichen Moment, sich aus dem Fenster gelehnt zu haben. Die allgemeine Aufmerksamkeit richtete sich nun auf ihn und dann noch Paul, der es sich nicht nehmen ließ, ihn verschwörerisch auf die Schulter zu klopfen.
„Hey Herbert, du wolltest doch heute Abend ins Kino. Nimm doch mal die Rita mit. Da lernt die noch was.“
Paul lehnte sich zu Rita hinüber.
„Herbert nimmt dich gern ins Kino mit. Stimmt doch?“
Paul blickte Herbert augenzwinkernd an. Die Frage hätte Herbert mit einem leidenschaftlichen „Ja“ wie mit einem ebenso leidenschaftlichen „Nein“ beantworten können. Angesichts seiner inneren Zerrissenheit vermochte er nur noch stumm zu nicken. Paul wandte sich wieder Rita zu.
„Na, wie wär‘s? Haste heute Abend Zeit?“
„Klar!“
***
Harry schlenderte über den Hamburger Rathausmarkt und wusste so recht noch nichts mit seiner neuen Freiheit anzufangen. Irgendeine Idee würde ihm schon kommen, irgendeine Gelegenheit bot sich immer. Er hatte jedenfalls nicht die Absicht, seine Tage eingepfercht in den eigenen vier Wänden zu verbringen. In seiner Hand trug er weiterhin seinen Aktenkoffer. Nicht dass er die darin enthaltenen Dinge wirklich brauchte. Der Aktenkoffer schien den Leuten besonderen Respekt abzunötigen. Seitdem Harry um diesen Zusammenhang wusste, ging er nie mehr ohne ihn auf die Straße. Er gefiel sich in der Aura von Bedeutung, die ihm sein Koffer verlieh.
Auf dem Platz präsentierten sich diverse gemeinnützige Vereine mit Informationsständen, die in einem großen Rund angeordnet waren. Harry warf einen flüchtigen Blick auf den Stand vom Deutschen Roten Kreuz und ging daran vorbei aus dem Rund. Hinter den Ständen, von der Sicht der Besucher und Standmitarbeiter abgeschirmt, türmten sich leere Pakete und allerlei Krimskrams. Eine DRK-Uniformjacke war achtlos über einige Getränkekisten geworfen worden. Entschlossen und ohne den Versuch zu machen, seine Handlung zu verbergen, ging Harry auf die Kisten zu, nahm die Jacke und schulterte sie lässig. Er trottete weiter unschlüssig auf die U-Bahn Station zu, als er sich plötzlich in einer Horde HSV Fans wiederfand, die auf dem Weg ins Stadion waren. Das war die Idee, er war schon ewig nicht mehr im Stadion gewesen! Auch wenn er zunächst keine Ahnung hatte, wie er an ein Ticket herankommen sollte, es würde sich schon ein Weg finden. Es gab immer einen Weg! Er klemmte sich die Jacke unter den Arm und ließ sich willig mit den Schlachtenbummlern mittreiben, die es in den nächsten U-Bahn Schacht hinunterspülte.
Getragen von einer Woge der Begeisterung fand er sich vor der Einlasskontrolle wieder. Das Spiel war ein Knaller, der Gegner Dortmund und selbstverständlich waren keine Karten mehr zu haben. Doch Harry hatte einen Plan. In der Ferne hatte er ein paar Sanitäter beobachtet, die ihren Dienst im Stadion antraten. Harry zog die DRK Jacke über und drängelte sich, seinen Aktenkoffer entschlossen an sich drückend, an der Reihe der Wartenden vorbei. Das Entscheidende dabei war, nur keinen Zweifel an seiner Rolle aufkommen zu lassen.
„Ein Notfall. Bitte entschuldigen sie, es ist dringend. Verdacht auf Herzinfarkt. Bitte lassen sie mich durch. Mitteilung über die Leitstelle.“
Die Wartenden und auch die Kontrolle winkten Harry schnell durch. Er suchte sich einen Gang und setzte sich erwartungsvoll auf die Treppe.
Er musste nicht lange auf den Anpfiff warten. Ein erster Angriff des HSVs brachte die Zuschauer von den Bänken und in Stimmung. Harry ließ sich nur zu bereitwillig von der allgemeinen Euphorie mitreißen. Ein roter Klecks in einem weiß-blauen Fahnenmeer. Ein paar Reihen entfernt nutzte Mert P., ein Drogendealer mit schwarzer Lederjacke und Migrationshintergrund, die Ablenkung und wickelte mit einem Kunden ein Geschäft ab. Seine weibliche Begleitung, die sich aus seiner Produktpalette offenbar bereits bedient hatte, kämpfte mit den Nachwirkungen und krümmte sich vor Übelkeit. Die Versuche, ihren Freund für ihr Schicksal zu interessieren, zeitigten nur mäßigen Erfolg.
„Ey, Alte quatsch mich nicht an. Hier gibt’s doch Ärzte. Lass dir ’ne Pille geben.“
Die so angesprochene orientalische Schönheit erhob sich schwerfällig und sah sich um. Nicht weit von ihrem Sitzplatz entfernt entdeckte sie Harry. Sie schleppte sich mühsam auf ihn zu.
„Mir geht’s beschissen.“
Harry brauchte eine Weile, bis er begriff, dass die junge Frau, die plötzlich vor ihm aufgetaucht war und ihr Leid klagte, offensichtlich eine Reaktion von ihm erwartete. Er hatte vergessen, die DRK-Jacke auszuziehen. Was aber auch nicht so schlimm war. Er würde die Rolle eben noch eine Weile weiterspielen müssen. Er blickte die Frau prüfend an. Die erste Diagnose, die er zweifelsfrei stellen konnte, war, dass die dunkelhaarige Frau verdammt gut aussah.
„Dann legen sie sich erst einmal hin.“
Auf ihren fragenden Blick hin, breitete Harry seine Jacke über ein paar Treppenstufen im Gang aus. Seine Patientin legte sich begleitet von den „Olé, olé“ Gesängen der Fans umständlich auf die Treppenstufen. Harry wusste, dass er nur mit genügend Autorität auftreten musste. Dann würde er nicht nur diese Klippe umfahren, sondern auch einen gewissen Lustgewinn aus der Situation ziehen können. Dafür hatte er ein Händchen. Er nahm das Handgelenk der Frau und fühlte mit kritischem Stirnrunzeln den Puls.
„Klarer Fall von Sauerstoffmangel.“
Er kniete sich zu ihr auf den Boden und fing etwas an, was von Ferne betrachtet wie eine Mund-zu-Mund Beatmung aussah. Der anfängliche Unglaube der Patientin wandelte sich in immer heftigeren Widerstand. Aber Harry wusste, er durfte keinen Zweifel an seiner Kompetenz aufkommen lassen und drückte die Frau mit sanfter Gewalt nach unten. Plötzlich hörte er aus nicht allzu großer Entfernung eine Stimme, deren Charakter sich von den übrigen Fanrufen deutlich absetzte.
„Ey, du Wichser! Finger weg!“
Harrys Behandlungsmethode hatte nicht nur ungeahntes Leben in die Patientin, sondern auch in ihre Begleitung gebracht. Harry ließ von der Frau ab, um sich umzusehen und sah sich kein Dutzend Stufen von Mert entfernt, der vorsorglich schon einmal einen Schlagring überstreifte. Harry spürte sofort, dass sich hier argumentativ nichts mehr ausrichten ließ. Er schnappte schnell seinen Aktenkoffer und drängelte sich durch die protestierenden Fans in Richtung Ausgang. Unter großer Kraftanstrengung gelang es ihm, den Verfolger abzuhängen und durch den Einlass zu flüchten. Die Zeit auf der Station hatte seine Kondition deutlich geschwächt. Er lehnte sich an einen Pfeiler, um wieder zu Atem zu kommen. Nicht weit entfernt sah er zwei Polizisten vor dem Gebäude patrouillieren. Noch nie hatte er sich so über den Anblick eines Polizisten gefreut. Als Mert atemlos im Eingang erschien, hatte Harry die Beamten bereits in ein Gespräch über Einbruchsicherungen verwickelt. Harry blickte sich kurz um - genügend Zeit für den gekränkten Lederjackenträger, ihm in ohnmächtiger Wut mit der schlagringbewehrten Faust zu drohen.
***
„Unser Korrespondent in Los Angeles hatte nach der Filmpremiere die Möglichkeit, Clune für ein kurzes Interview zu gewinnen.“
Herbert starrte gebannt auf seinen Laptopbildschirm. Er hatte den Fernsehbeitrag, über den die Kollegen gesprochen hatten, in der Mediathek des Senders gefunden. Der Reporter gratulierte Clune zu seinem neuen Film. Dann kam er auf die Figur zu sprechen, die Clune darin verkörperte.
„Wie haben sie sich auf ihre Rolle als Rennfahrer vorbereitet?“
„Ich war als Kind schon fasziniert vom Motorsport und habe mit meinem Vater Rennen besucht.“
„Fahren sie selber gerne schnell?“
„Hier in den Staaten werden sie dazu keine Gelegenheit haben.“
„Dann kommen sie doch mal zu uns nach Deutschland! “
Clune lachte. „Ja, ja, ich weiß - die Autobahn. Die unbegrenzte Freiheit! Ich war übrigens erst letztes Jahr in Deutschland. Aber - sie werden lachen. Erst wollte ich unbedingt selber Auto fahren, doch dann bin ich auf der Autobahn bei hundertzwanzig Stundenkilometern nervös geworden. Das war mir zu stressig.“
„Das kann man sich kaum vorstellen, wenn man sie eben im Film erlebt hat.“
„Jedenfalls habe ich mich später nur noch von einem deutschen Fahrer fahren lassen.“
Herberts Augen weiteten sich unwillkürlich.
„Die Produktionsfirma hat einen Fahrer engagiert, der sich offensichtlich auf meine Landsleute spezialisiert hat. Letztes Jahr hat er den Kollegen Hanks gefahren. Wenn sie wissen wollen, wie wir uns auf eurer Autobahn fühlen, hören sie sich das Interview mit Tom in der Late Show an.“
***
Mit der Freiheit der Straße war es im Hamburger Feierabendverkehr nicht weit her. Harry trottete lustlos seinen Weg entlang der verstopften Verkehrsadern, vorbei an tristen Dönerbuden, Ein-Euro Shops und asiatischen Lebensmittelläden. Er wollte noch nicht nach Hause. Irgendwie hatte er nach der Schlappe im Stadion das Gefühl, dass der Tag ihm noch eine Vergnügung schuldig geblieben war. Inmitten des Stillstands auf der Fahrbahn kam plötzlich Leben. Ein schwarzes Motorrad schlängelte sich mehr oder minder verkehrsregelkonform durch die Blechwüste und schloss zu Harry auf. Mert hob sein Visier, funkelte Harry giftig an und schüttelte ihm die Faust ins Gesicht. Harry wich schnell hinter eine Bushaltestelle aus.
„Dich krieg ich noch und dann mach ich dich alle, du Flachwichser. Wenn du überleben willst, dann hau bloß ab!“
Der Lederjackenmann ließ den Motor gemein aufheulen und preschte auf dem Fahrradweg an den Autos vorbei. Harry begann die Angelegenheit nachhaltig zu ärgern. In der Ferne sah er den Hauptbahnhof. Er könnte vielleicht tatsächlich verreisen und sich damit aus der Schusslinie bringen, allerdings hatte er nur wenig Geld und nicht die geringste Ahnung, wohin die Reise gehen sollte. Er stürzte sich erst einmal in das Treiben im Bahnhofsgebäude. Die vielen Menschen, das geschäftige Wuseln vor den Geschäften und auf den Bahnsteigen beruhigten ihn zunächst. Bis er die schwarze Lederjacke wiedersah. Schnell wechselte er die Richtung und wollte den Bahnhof auf der anderen Seite verlassen. Da sah er erneut einen Mann in schwarzer Lederjacke vor sich. Wer der echte Lederjackenmann war, ließ sich so schnell nicht ermitteln. Harry wollte kein Risiko eingehen und rettete sich auf die nächste Rolltreppe zu den Bahnsteigen. Neben ihm fuhr ein Zug ein. Er kämpfte sich durch die ein- und aussteigenden Fahrgäste am Bahngleis entlang und wollte mit der Rolltreppe auf der anderen Seite wieder hochfahren, als er auch dort einen Mann in schwarzer Lederjacke erblickte, der die Rolltreppe betrat und auf ihn zukam. Harry bereute bitter, seine Brille aus Eitelkeit zu Hause gelassen zu haben. Er blieb stehen, blickte hinter sich und sah einen der Lederjackenmänner auf der Galerie die Bahnsteige überblicken. Harry bekam zum ersten Mal seit langem wieder Panik. Die Reisenden stiegen neben ihm in den Zug. Für Harry schien es der einzige Ausweg: Er mischte sich unter die letzten zusteigenden Fahrgäste und stieg in den ICE.
Nachdem Harry an der Zuganzeige festgestellt hatte, dass die unfreiwillige Reise nach Berlin ging, suchte er sich einen freien Platz. Er hatte es sich gerade auf einem Fensterplatz bequem gemacht, als ihm weiteres Ungemach in Form eines Schaffners auf der gegenüberliegenden Abteilseite drohte. Harry hatte nur wenig Geld eingesteckt. Er hatte nicht vor, die knappen Bargeldreserven direkt aufzubrauchen: Kurzentschlossen kramte er das gestohlene Klemmbrett mit seinem Anamnesebogen aus seinem Aktenkoffer und ging damit ins nächste Abteil. Er blieb an der ersten Sitzreihe stehen und zückte mit professioneller Routine einen Stift aus seiner Jacke.
„Im Namen der Deutschen Bahn führen wir eine Befragung zum Thema Kundenzufriedenheit durch. Würden Sie uns hierzu bitte einige Fragen beantworten?“
***
Herbert beeilte sich, aus dem Auto zu steigen. Der Umweg über seine Wohnung, das Umziehen und Aufhängen der nassen Klamotten, dann noch die Ablenkung durch das Interview hatten ihn aus seinem üblichen Trott gebracht. Mutti erwartete ihn um siebzehn Uhr dreißig. Nun war es kurz nach sechs! Er eilte vom Parkplatz der Seniorenwohnanlage zu der kleinen Wohnung seiner Mutter. Der Wohnanlage war ein Altersheim mit Psychiatrieabteilung speziell für demente Personen angegliedert. Bei fortschreitender Krankheit, so wusste Herbert, musste er Mutti verlegen lassen. Noch kam sie, dank seiner täglichen Besuche, in ihrer eigenen Wohnung zurecht. Herbert strich einen nicht unerheblichen Teil ihrer Rente ein, die bei einer Heimunterbringung komplett verloren wäre. Aber das war nicht der einzige Grund, sich für ihre Pflege zu engagieren. Käthe Maletzke war kein einfacher Fall. Herbert fürchtete den Ärger, den ihr provozierendes Verhalten innerhalb der Heimgemeinschaft hervorrufen würde. Nein, Mutti brauchte die Einzelhaltung, so viel stand fest. Er schloss die Haustür auf.
„Mutti, ich hab eingekauft. Mutti, wo bist du?“
Er blickte sich fragend in Küche und Flur um, als er einen kalten Windzug aus dem Wohnzimmer spürte. Die Balkontür stand schon wieder sperrangelweit auf. Käthe Maletzke saß, unzureichend bekleidet, mit einer Packung Kekse auf dem winzigen Balkon, kaute selbstvergessen und starrte geistesabwesend auf das Heim. Von Zeit zu Zeit hörte man Rufe der dementen Insassen. Käthe schien sie nicht zu hören oder sie hatte sich so daran gewöhnt, dass sie nichts mehr wahrnahm, doch Herbert fuhr bei jedem Schrei zusammen. Dass es Krankheiten gab, die den Menschen so der eigenen Kontrolle beraubten, verstörte ihn. Herbert nahm Käthe am Arm, schob sie gewaltsam zurück ins Wohnzimmer und schloss schnell die Balkontür.
„Komm sofort rein. Du erkältest dich doch Mutti.“
