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Amber Jones ist 25 Jahre alt und gerade mit dem Studium fertig. Während einer Wanderung in den schottischen Highlands betritt sie plötzlich eine andere Welt – Annwn. Verzweifelt versucht sie, wieder nach Hause zu gelangen. Doch als sie den Druiden Dian kennenlernt, ist es um die junge Frau geschehen. Denn der Druide ist äußerst attraktiv, und bald verliebt auch er sich in die schöne Britin. Aber kann Amber in seiner Welt überleben? Oder muss sie nach Schottland zurückkehren? Als Dämonen über Annwn herfallen, muss Amber sich entscheiden: Wählt sie die Sicherheit unserer Welt, oder steht sie Dian bei?
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Veröffentlichungsjahr: 2014
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Für K. H., meinen Helden
ISBN 978-3-492-98181-1© für diese Ausgabe: Fahrenheitbooks, ein Imprint der Piper Verlag GmbH, München 2014© Piper Verlag GmbH, München 2013Covergestaltung: FAVORITBUERO, MünchenCovermotiv: © Arman Zhenikeyev/shutterstock.comDatenkonvertierung: psb, BerlinVollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe1. Auflage 2013
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1
Nichts deutete darauf hin, dass sie hier richtig war. Imogen holte die Karte hervor, faltete sie auf und verglich sie mit der Umgebung. Ein Hügel sah aus wie der andere. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, auf eigene Faust loszuziehen. Aber was sollte schon passieren? Sie befand sich in Schottland, nicht in einer Wüste, im Dschungel oder einer Eislandschaft. Es waren mindestens zweiundzwanzig Grad, die Sonne schien, und in ihrer Handtasche hatte Imogen eine Flasche Wasser sowie eine Rolle Kekse mit Schokoladenfüllung. Der richtige Proviant für eine längere Wanderung, zumal sie vorhatte, länger unterwegs zu sein. Jedenfalls bis zum Abend. Schon während des gestrigen Flugs in dieses schöne Land hatte sie sich vorgestellt, wie sie über die Hügel wandern, sich alles ansehen und vielleicht so einiges dabei entdecken würde.
Lediglich ihre neuen Schuhe drückten ein wenig. Vielleicht war es doch ein Fehler gewesen, sie anzuziehen – aber sie passten so gut zu den dunkelgrünen Shorts und dem Top. So fühlte sich Imogen noch mehr wie eine Abenteuerin auf der Suche nach ganz besonderen Schätzen.
Allerdings musste sie diese Schätze erst mal finden. Aber was hatte sie auch erwartet? Kein außergewöhnliches Relikt wartete einfach so offen ausgebreitet auf eine junge Historikerin. Zudem war die Gegend hier schon vor vielen Jahren von ganzen Heerscharen Archäologen und anderen Fachleuten erforscht worden. Was zu finden war, hatten all diese Experten längst gefunden, katalogisiert und genau beschrieben. Imogen besaß etliche Bücher über diese Ausgrabungen.
Doch auch wenn sie selbst nichts Neues entdecken würde, wäre es herrlich, solche alten Relikte überhaupt einmal aus der Nähe betrachten und anfassen zu können. Und dass es hier welche gab, wusste sie. Vorhin schon war sie an einigen Henges vorbeigekommen. In die Betrachtung der ovalen Steine versunken, hatte sie überlegt, was sich wohl vor einigen Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden mitten zwischen ihnen ereignet hatte. Und allein hier entlangzuspazieren, regte ihre Phantasie an. Heute Abend, wenn sie im Hotelbett lag, würde sie sich immer noch alles Mögliche vorstellen und vielleicht sogar in der Nacht davon träumen. Das war ihr schon öfter passiert, meist, wenn sie vor dem Einschlafen einen entsprechenden Text gelesen hatte oder den Tag an einem geschichtsträchtigen Ort verbracht hatte.
Manchmal war das ein bisschen unheimlich, denn diese Träume erschienen ihr immer viel lebendiger als andere. Als sie letztes Jahr in Stonehenge gewesen war, hatte ihr Schlaf sie Nacht für Nacht in längst vergangene Zeiten geführt. Anfangs nur als Beobachterin von außen, doch dann hatte sie sich eines Nachts plötzlich inmitten einer Schar Frauen befunden, die mysteriöse Gesänge anstimmten, ihre Gesichter mit bunten Farben bemalt hatten und deren lange Haare im Wind ebenso wehten wie ihre Gewänder.
Sie hatte alles ganz genau vor sich gesehen. Die Menschen, die Opfergaben, die Steine und das vom Mondlicht und den Feuern beschienene Gras. Selbst ein Teil dieser Gemeinschaft, hatte Imogen im Traum ganz genau gewusst, was ihre Aufgaben waren und diese ohne zu zögern erledigt. Barfuß war sie über das Gras gelaufen, hatte seine Kühle unter ihren Fußsohlen gespürt. Ihre Hände hatten eine steinerne Schale mit Feldfrüchten gehalten, nur eine kleine Gabe an die Götter. Unentwegt hatte sie Anrufungen gemurmelt, im Einklang mit den anderen Frauen. Immer höher loderten die Flammen. Kräuter wurden hineingeworfen und verbreiteten einen süßlichen und zugleich würzigen Duft.
Imogen hatte gespürt, wie er zu wirken begann, sie einhüllte und entspannte. Tief inhalierte sie den Rauch, fühlte sich den Göttern nun viel näher. Die Gesänge und Gerüche rissen sie mit, versetzten sie in Trance. Sie bewegte sich, ohne darüber nachzudenken.
Eine Frau berührte sie am Arm und bedeutete ihr, ihr Opfer nun ebenfalls darzubringen.
Sie lief auf den steinernen Altar zu, leerte ihre Schale darauf aus, kniete nieder und sandte einen Dank und gleichzeitig ein Bittgebet an die Große Mutter, dass sie sie und ihre Schwestern weiterhin beschützen möge, denn das Land befand sich in Aufruhr. Der alte Glaube wurde durch Priester bedroht. Ganz in Schwarz gekleidet liefen diese Männer der christlichen Kirche durch die Gegend, verbreiteten ihre Lehren und versuchten, möglichst viele Menschen davon zu überzeugen, sich ihnen anzuschließen. Sie fürchteten sich vor den mächtigen Frauen und bezeichneten daher alles, was nicht ihrem eigenen Glauben entsprach, als Teufelswerk. Jeder, der dem alten Glauben folgte und zu den seit ewigen Zeiten bekannten Göttern betete, befand sich in Gefahr. Die Kirchenmänner wollten, dass sie an ihren Gott glaubten, erzählten Geschichten von einer jungfräulichen Empfängnis und sprachen von Sünde – ganz besonders bei den Frauen, denn sie allein seien schuld daran, dass die Sünde über die Menschheit gekommen war.
Doch das hielt die Gemeinschaft, der auch Imogen angehörte, nicht davon ab, ihre Feste zu feiern und sich ihrer Lust hinzugeben. Sie sprangen über die Feuer und baten die Götter, weiterhin ihre schützenden Hände über sie zu halten und ihre Ernte zu segnen.
Doch bei einem dieser Feste erschienen sie. Zuerst war es nur ein Kirchenmann. Heimtückisch tötete er einen halbwüchsigen Jungen. Der Mord wurde bemerkt, Aufruhr entstand unter den Feiernden.
Sie umstellten den christlichen Priester, entrissen ihm das blutige Messer. Doch noch ehe über ihn gerichtet werden konnte, tauchten weitere auf, Kirchenmänner und andere, die für sie kämpften, denn die Priester waren zu feige dafür. Doch sie hatten es geschafft, Bauern und einige Königstreue auf ihre Seite zu ziehen, sie davon zu überzeugen, dass ihr Glaube der richtige war, der einzige, dem sie folgen sollten. Eingelullt durch Drohungen von der Hölle und Versprechungen vom Paradies, hatten sie es geschafft, jene Leichtgläubigen zu willenlosen Marionetten zu machen, bereit, für sie zu töten und im Kampf zu sterben. Und nun waren sie entschlossen, all jene zu ermorden, die ihnen nicht folgen wollten.
Im Nu hatte sich der Festplatz in ein Schlachtfeld verwandelt. Blut spritzte und Schreie erklangen, wenn Messer und Schwerter tief in eine Brust oder einen Bauch eindrangen. Es gab kein Entkommen und keine Gnade. Selbst Kinder und Frauen wurden nicht verschont. Der Kampf tobte die ganze Nacht hindurch.
Als Imogen aufwachte, hatte sie eine Weile gebraucht, um wirklich zu begreifen, dass sie sich in einem Hotelbett befand. Neben ihr stand keine Fackel, sondern eine normale Nachttischleuchte, es gab weit und breit keine Druiden oder keltischen Priesterinnen, die zu ihren Göttern beteten. Und auch keine Gefahr, die von christlichen Geistlichen ausging. Keine Toten lagen neben ihr. Es roch nach frischer Wäsche, nicht nach Blut. Und auch ihre Brust, in die in ihrem Traum ein Messer bis zu ihrem Herzen vorgedrungen war, war unversehrt.
Sie hatte sich betrachtet, an ihren Händen geschnuppert, doch sie rochen nach Pfirsichseife, nicht nach dem Getreide, das sie im Traum in der Hand gehalten hatte. Das kommt davon, wenn man vor dem Einschlafen noch lernen will, hatte sie gedacht und eine Hand auf das Buch auf dem Nachttisch gelegt. Allerdings wusste sie gar nicht mehr, was sie gelesen hatte. Sie war wohl sehr müde gewesen, kein Wunder, war sie doch den ganzen Tag auf den Beinen gewesen.
Die Erinnerung an den Traum ließ Imogen lächeln. Noch immer stand ihr jede Einzelheit klar vor Augen, obwohl sie ansonsten dazu neigte, Geträumtes schon vor dem Frühstück zu vergessen. Aber in jenem Traum hatte sie wohl tiefe Wünsche verarbeitet, kombiniert mit dem, was sie gelernt, in Filmen gesehen und in Büchern gelesen hatte. Schon seit frühester Teenagerzeit verschlang sie mit größter Begeisterung alles, was sie an Fachbüchern und auch Romanen über die Kelten, ihre Geschichte und Mythologie finden konnte. Das faszinierte sie, davon konnte sie nicht genug bekommen.
Jetzt erklomm sie einen weiteren Hügel und betrachtete den Piktenstein darauf näher. In diesem Teil des westlichen Hochlands gab es viele solcher Relikte aus längst vergangenen Jahrhunderten. Imogen fuhr das Relief auf der Oberfläche mit dem Zeigefinger nach und spürte Ehrfurcht und Aufregung. Erst vor einer Woche hatte sie ihr Geschichtsstudium erfolgreich abgeschlossen. Obwohl sie während dieser Zeit etliche solcher Steine und andere Artefakte berührt hatte, war dieser Moment ganz besonders. Einbildung, natürlich. Aber ein bisschen träumen musste schließlich erlaubt sein. Wenn sie zurück in England war, hätten sich hoffentlich schon einige potenzielle Arbeitgeber gemeldet.
Vor ihrer Abreise hatte Imogen dreiundzwanzig Bewerbungen verschickt und längst weitere Adressen gesammelt, falls unter diesen dreiundzwanzig niemand dabei war, der eine Historikerin einstellen wollte. Sie hoffte, in der Nähe von London eine Arbeit zu finden. Zwar wollte sie aus Tante Mables Haus ausziehen, sobald sie eigenes Geld verdiente, aber es wäre dennoch schön, weiterhin in ihrer Nähe zu sein. Tante Mable hatte zwar nichts dazu gesagt, doch Imogen wusste, dass sie sie nur ungern gehen lassen würde. Schließlich hatten sie doch nur noch einander. Und irgendwann würde ihre Tante nicht mehr so mobil sein und wäre auf Hilfe angewiesen. Aber daran wollte Imogen noch gar nicht denken.
Ihre Kamera hatte sie dummerweise im Hotelzimmer vergessen, doch vor ihr lagen ja noch zwanzig lange Tage in Schottland. Genügend Gelegenheiten also, schöne Fotos zu machen und sie Tante Mable zu zeigen. Außerdem besaß auch ihr Handy eine Kamera. Für ganz außergewöhnliche Motive würde sie schon genügen. Solche allerdings hatte sie bisher nicht gefunden. Piktensteine wie jener vor ihr waren auf unzähligen Postkarten schöner abgebildet, ebenso die im Sonnenlicht liegenden Hügel.
Imogen richtete sich auf, beschattete die Augen mit der Hand und ging weiter. Ein Schäfer mit seiner Herde und mehreren Hütehunden zog vorbei und grüßte freundlich. Er sah aus wie aus dem Bilderbuch, denn er trug einen zurechtgeschnitzten Ast in der Hand, mit dem er sich bei Steigungen behalf, hatte eine Mütze auf dem Kopf und einen von vielen grauen Strähnen durchzogenen rotbraunen Bart, der nur wenig von seinem wettergegerbten Gesicht erkennen ließ.
Imogen erwiderte den Gruß. So allein wie gedacht war sie hier also doch nicht. Das war schon beruhigend, und außerdem war es natürlich schön, einen Einheimischen zu treffen. Schade nur, dass er weitergezogen war. Sie hätte gern ein paar Worte mit ihm gewechselt, ihn gefragt, wie es für ihn war, Tag für Tag mit seinen Schafen durch die Highlands zu ziehen.
Imogen stärkte sich mit einem Schokokeks und nahm einen großen Schluck aus der Wasserflasche. Um nicht immer wieder in Dörfern haltmachen zu müssen, hatte sie sich ein wenig Proviant eingepackt. In den Highlands selbst gab es keine Imbissbuden, und oftmals war nicht einmal die nächste Siedlung zu erkennen. Doch Imogen fühlte sich nicht einsam, im Gegenteil – sie genoss es, ohne den Lärm von Autos, Bussen und Touristen durch die Landschaft zu wandern.
Nun ging es wieder hügelabwärts. Imogen bemerkte eine flirrende Stelle einige Meter vor sich und ging darauf zu. Was war es, worin sich dort das Sonnenlicht fing? Das Gras sah genauso aus wie an anderen Stellen. Reflektierte dort vielleicht etwas? Hoffentlich bekam sie keinen Migräneanfall – die kündigten sich oft mit einem Flimmern vor den Augen an. Sie wandte den Kopf und fixierte einen anderen Punkt. Dort sah sie alles klar vor sich, frisches grünes Gras, von der Sonne angestrahlt.
Langsam wandte sie den Kopf und sah auf das flimmernde Stück zurück. Es lag in einer Senke – vielleicht lag es daran. Luftspiegelungen gab es doch in der Natur immer wieder – zumindest klingelte da in ihrem Kopf eine Erinnerung an den Biologieunterricht. An die genaue Ursache konnte sie sich zwar nicht mehr entsinnen, doch das war nicht schlimm. Die Schule lag für alle Zeiten hinter ihr, genau wie alle Prüfungen. Außerdem war ihr Fachgebiet Geschichte.
Plötzlich schien es Imogen, als würde eine Art Energie von der flirrenden Stelle abstrahlen. Das Flimmern wurde stärker, glich nun einem Wirbel und besaß einen Durchmesser von etwa einem Meter. War das wirklich eine Luftspiegelung, verursacht durch Sonnenlicht, das auf – ja, was? – traf? Imogen war das Ganze ein bisschen unheimlich, gleichzeitig wuchs aber ihre Neugier, und sie trat einen Schritt näher. Konnte es gefährlich sein? Schließlich würde doch niemand etwas mit Starkstrom mitten in die Highlands setzen. Sie blickte sich um, konnte aber weit und breit niemanden entdecken. Also hatte das Flirren wohl eine natürliche Ursache, bloß ließ sich diese absolut nicht erkennen. Das Sonnenlicht reflektierte irgendwo, zumindest nahm Imogen das an.
Die Haut an ihren Armen kribbelte. Unwillkürlich schaute sie hin, aber da war nichts, keine rote Stelle und nicht einmal eine glänzende, denn die Sonnenschutzcreme war längst eingezogen und ihre Haut hell wie immer. Doch das Gefühl blieb. Es war, als läge eine ganz leichte Stromspannung um sie herum in der Luft. Die feinen blonden Härchen an ihren Armen stellten sich auf. Auch die Luft schien sich zu verändern, nicht so, wie sie es von Gewittern kannte, wenn man die Elektrizität spüren konnte. Das hier war ganz anders. Als würde die Luft von einem anderen, kühleren Ort herangeweht. Die flirrende Stelle schien Imogen seltsam intensiv anzuziehen, ihre Füße bewegten sich wie von selbst. Ein Schritt, ein weiterer und noch einer. Sie wollte dorthin, in diesen Wirbel hinein. Eine so starke Anziehungskraft hatte sie noch nie gespürt. Kein Vergleich zum Schaufenster eines neu eröffneten Schuhgeschäfts oder dem Schnäppchenverkauf in einem Buchladen.
Das Kribbeln auf ihren Armen wurde immer intensiver und breitete sich über ihren ganzen Körper aus, als Imogen schließlich in dem flimmernden Feld stand. Nun umgab es sie vollständig und ließ alles um sie herum verschwommen erscheinen. Die grünen Hügel wirkten wie ein Wackelbild.
Imogen blinzelte. Es war nicht angenehm, durch dieses – was auch immer es war – zu schauen. Eine mögliche Ursache für das Phänomen fand sie nicht, dafür bekam sie nun leichte Kopfschmerzen und empfand so starken Schwindel, als hätte sie sich gerade mehrfach um die eigene Achse gedreht. Am besten verschwand sie schnell von hier.
Doch beim ersten Schritt wurde der Schwindel so heftig, dass sie die Arme ausstrecken musste, um das Gleichgewicht zu halten. Es fühlte sich an, als würde der Boden unter ihr schwanken.
Ein Erdbeben!, schoss es ihr durch den Kopf, und Angst erfasste sie. Erst vor einigen Wochen hatte es in den Nachrichten schreckliche Bilder der Zerstörung von einem großen Beben im asiatischen Raum gegeben. Tausende Menschen hatten ihre Existenz und viele auch ihr Leben verloren. Aber gab es denn in Schottland Erdbeben? Davon hatte sie noch nie gehört.
Ganz ruhig, befahl sie sich. Es würde gleich besser werden, sie hatte gut gefrühstückt, vorhin einen Keks gegessen und, wie empfohlen an heißen Tagen, auch ausreichend getrunken. Und wirklich anstrengend war ihre Wanderung durch die Highlands bisher auch nicht gewesen, zudem fühlte sie sich nicht erschöpft.
Das Licht wurde heller und so grell, dass sie nur noch blinzeln konnte und schließlich die Augen ganz schließen musste. Aber mit geschlossenen Augen sah sie nicht, wo sie hinlief, und zudem half es auch nicht – das schwankende Gefühl blieb.
Doch der nächste Versuch, die Augen zu öffnen, verstärkte das Schwindelgefühl noch um ein Vielfaches. Um sie herum tobte so etwas wie ein Wirbel aus diesem grellen Licht. Verdammt, was war das bloß? Dafür konnte es keine natürliche Ursache geben. Ob hier jemand einen physikalischen Versuch durchführte? Der Gedanke gefiel ihr nicht, denn was so stark spürbar war, konnte kaum ungefährlich sein.
»Hallo?«, rief Imogen.
Wenn hier irgendeine Anlage aufgestellt und aktiviert worden war, musste doch jemand in der Nähe sein, der sie steuerte.
Keine Antwort. Und kein Zeichen dafür, dass sich überhaupt eine andere Person in der Nähe befand.
Erneut spürte Imogen, wie Panik sie zu erfassen drohte. Dieses Flirren und Schwanken machte ihr unglaubliche Angst, zumal es immer noch anhielt. Sie wollte nur noch weg.
Im nächsten Augenblick fühlte sie sich hochgehoben, herumgewirbelt, gezogen und getragen zugleich. Sie versuchte nach etwas zu greifen, sich irgendwo festzuhalten, doch da war nichts. Ihre Finger fassten ins Leere, ihre Beine strampelten hilflos in der Luft. In was war sie bloß hineingeraten? Sehen konnte sie nun gar nichts mehr, um sie herum flimmerte es so stark, dass keine Details zu erkennen waren. Fest kniff sie die Augen zusammen und hoffte, es heil zu überstehen – was auch immer das war.
Dann, ebenso plötzlich, wie es begonnen hatte, verschwanden all diese Empfindungen. Ich lebe noch, dachte sie und stieß die angehaltene Luft aus. Das war ja schlimmer gewesen als die Fahrt auf einer dieser neuen Super-Achterbahnen mit mehrfachen Loopings. Aber wenigstens war ihr nicht schlecht, und sie stand sicher auf den Beinen. Keine Gleichgewichtsstörungen und auch kein Schwindelgefühl mehr.
Sie blinzelte und bemerkte, dass sie in einer Art Höhle stand. Jedenfalls befanden sich um sie herum Wände, und es war deutlich kühler als im Sonnenschein. Wo war sie?
Zögerlich machte sie einen Schritt nach vorn und blickte an den Wänden empor. Die Decke befand sich mindestens drei Meter über ihr und bestand aus irgendeinem dunklen Material. Stein? Vermutlich, es sei denn, man hatte hier so eine Art Schacht ausgehoben, einen Raum geschaffen und ihn entsprechend ausgekleidet. Nirgends waren Lampen oder Schalter zu sehen, auch keine Tür von einem Aufzug oder zu einem Nebenraum. Aber von irgendwoher musste das Licht ja kommen – es war nicht viel, doch genug, um Einzelheiten erkennen zu können.
War sie irgendwo hinuntergestürzt? Durch eine Falltür oder eine ungesicherte Öffnung? Sofort spannte sie sämtliche Muskeln an, bewegte Hände, Finger, Füße und Beine. Alles wirkte wie immer, zudem hatte sie keine Schmerzen und stand sicher auf den Beinen. Und wie ein Sturz hatte es sich auch nicht angefühlt, eher wie ein Sog. War das vielleicht eines dieser seltsamen Geräte, die als Attraktionen auf Volksfesten eingesetzt wurden? Man ging dabei in so eine Art Röhre und wurde herumgewirbelt. Nach ihrer Achterbahnerfahrung mied Imogen allerdings sämtliche dieser Fahrgeschäfte und alles, was den Eindruck machte, einem den Magen abwechselnd von den Kniekehlen bis zum Hals und wieder zurück zu schicken.
Doch irgendwie musste sie hierhergekommen sein. Unruhig blickte sie sich um. Der Raum war etwas größer als ihr Hotelzimmer in Glasgow, nur im Gegensatz dazu völlig kahl. Es gab keinen Tisch, kein Bett, keine Fenster – absolut nichts. Der Boden bestand aus festgetrampelter Erde, zumindest vermutete sie das, denn um es genau erkennen zu können, fehlte ihr Licht. Am Ende des Raums gab es einen Gang, oder zumindest sah es so aus, als ginge es dort weiter. Musste es ja, schließlich hatte irgendwer diesen Raum ausgeschachtet. Und vielleicht auch weitere?
Tausend Fragen schossen ihr durch den Kopf, und ihre Phantasie entwarf eine Fülle von Möglichkeiten, was es mit diesem unterirdischen Gang auf sich haben könnte.
Doch sie wollte nicht spekulieren, sondern herausfinden, wo sie war und wie es sie hierher verschlagen hatte. Schließlich musste es eine Erklärung geben. Und dann musste sie natürlich einen Weg zurück finden.
Imogen tastete über eine der Wände. Hart. Geradezu steinhart. Weil es Stein ist. Hierbei handelte es sich nicht um eine Pappmaché-Wand, keine Jahrmarktsattraktion. Also stand sie in einem echten unterirdischen Raum. Nun, auch in Schottland hatte es schon zahlreiche archäologische Ausgrabungen gegeben. Die Aussicht, vielleicht an genau solch einer Stelle gelandet zu sein, ließ ihr Herz schneller klopfen. Möglicherweise traf sie ja gleich auf eine Gruppe Archäologen und konnte ihnen zusehen, wenn sie seltene Artefakte entdeckten. Und selbst wenn sie nichts fanden, wäre es bestimmt spannend, sich mit ihnen zu unterhalten.
»Hallo?«, rief sie und traute sich einige Schritte weiter vor.
Irgendwo musste es doch eine Tür oder eine Leiter nach oben geben. Bestimmt ließ niemand ein solch freigelegtes Loch ungesichert zurück. Schließlich liefen ja auch die Schäfer mit ihren Herden durch diese Gegend, so wie Touristen, die sich nicht auskannten und von solchen Fallen, oder was auch immer das hier war, nichts wussten.
Ein Knurren erklang. Imogen erschrak. Hatte sich hier jemand einen versteckten Unterschlupf geschaffen und ließ ihn von einem Hund bewachen? Ein Verbrecher vielleicht? Sie schauderte und schritt auf das Ende des Raums zu. Wohin der Gang führte, ließ sich nicht erkennen, aber sie würde sicher nicht stehen bleiben und tatenlos abwarten, bis jemand kam.
Krallen wetzten über den harten Boden. Hecheln erklang. In Imogen stieg Angst auf. Normalerweise fürchtete sie sich zwar nicht vor Hunden, aber wenn sie wirklich irgendwie in ein geheimes Versteck geraten war, wollte sie keine nähere Bekanntschaft mit dem dazugehörenden Wachhund machen. Panisch sah sie sich nach etwas um, auf das sie klettern konnte. Doch vor und neben ihr waren lediglich nackte Wände, und es gab nichts, womit sie sich schützen konnte.
Im nächsten Moment fuhr ein scharfer Schmerz durch ihr Bein, dann wurde sie durch ein massives Gewicht zu Boden geworfen. Instinktiv riss sie den rechten Arm hoch und verhinderte so gerade noch, in den Hals gebissen zu werden. Riesige Reißzähne bohrten sich tief in ihren Unterarm. Geifer tropfte auf ihre Brust. Der Hund stemmte seine Vorderpfoten auf sie und ließ ihren Arm nicht los. Ein zweiter verbiss sich weiter in ihr Bein. Er war etwa so groß wie ein Schäferhund, besaß aber kurzes, dunkles Fell und Schlappohren.
»Hilfe!«, schrie Imogen. Todesangst durchflutete sie. Diese Tiere waren nicht bloß einfache Wachhunde, die einen unerwünschten Eindringling vertrieben. Das waren ja die reinsten Killermaschinen! Sie versuchte die Hunde abzuwehren. Der obere ließ zwar ihren Arm los, zielte aber mit dem nächsten Schnappen auf ihre Kehle. Verzweifelt riss Imogen den Arm vor ihren Hals. Wieder bohrten sich messerscharfe Zähne tief in ihr Fleisch.
Stimmen erklangen.
»Hilfe! Hierher!«, brüllte Imogen.
Blut strömte aus ihrem Arm. In ihr linkes Bein verbiss sich immer noch der andere Hund.
Ein Mann rief etwas. Sofort ließen beide Hunde von ihr ab.
Imogen verdrängte den Schmerz und setzte sich auf. Gut, weiter so, befahl sie sich, biss erneut die Zähne zusammen und stand auf. Warmes Blut lief ihren Arm entlang und tropfte auf ihre Hose. Um ihren rechten Unterschenkel bildete sich eine dunkle Pfütze.
Die Hunde knurrten böse. Einer von ihnen sprang auf sie zu und warf sie erneut zu Boden. Geifer tropfte von seinen Lefzen auf ihre Brust. Seine Zähne befanden sich nur wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt, und er sah aus, als würde er jeden Moment zubeißen. Der andere stand nur eine Schrittlänge entfernt, die Zähne gefletscht.
»Bitte«, keuchte Imogen, »rufen Sie Ihre Hunde zurück.«
Zwei Männer traten in ihr Blickfeld. Der eine war kaum größer als ein zwölfjähriges Mädchen und so hellhäutig, dass er beinahe durchscheinend wirkte. Der andere hielt ein Messer in der Hand und trug dunkle Kleidung. Leder vermutlich. Ein Motorradfahrer? Oder jemand, der auf solche Outfits stand und scharfe Hunde mochte? Auch das Messer passte perfekt in dieses Klischeebild. Wahrscheinlich verbargen sich unter der Kleidung zahlreiche Tattoos mit entsprechenden Motiven. Aber zumindest pfiff er nun, und sofort ließ der Hund von ihr ab.
Erneut setzte sich Imogen auf. Die gesunde Hand hielt sie auf den Boden gestützt, den verletzten Arm eng am Körper.
»Lebt sie noch?«, fragte der Durchscheinende. Er sprach Gälisch. Das war nicht ungewöhnlich in dieser Gegend. Viele Schotten beherrschten diese alte Sprache, besonders im westlichen Hochland und auf den Hebriden wurde sie noch viel gesprochen. Imogen hatte sie im Zuge ihres Studiums gelernt und sich darauf gefreut, das Gelernte im Urlaub anwenden zu können. So allerdings hatte sie sich das nicht vorgestellt.
»Helfen Sie mir«, bat sie in der gleichen Sprache. »Ihre Hunde haben mich verletzt.«
Keiner der beiden Männer rührte sich. Die beiden Hunde hatten sich neben dem größeren postiert, an der Schnauze des einen klebte Blut. Ihr Blut. Imogen schauderte.
»Die sieht so seltsam aus«, sagte der Größere und hielt sein Messer auf Imogen gerichtet, jedoch ohne sich ihr zu nähern. Fürchtete er, sie würde ihn angreifen? Gut! Sollte er sich fürchten, dann würde er ihr hoffentlich nichts tun. Es reichte, dass sie von seinen Hunden gebissen worden war und er sich nicht einmal entschuldigte oder fragte, ob er ihr helfen könne.
»Ja. Sehr seltsam«, pflichtete der andere ihm bei.
Für einen Moment schien es, als verschwimme sein Gesicht. Es wurde zu einem Flackern wie bei der verfremdeten Wiedergabe eines Bilds. Beim nächsten Blinzeln aber war wieder alles normal, die Augen hell, die Nase schmal, der Mund klein. Sicher hatte sie es sich nur eingebildet.
»Bitte«, versuchte Imogen es noch einmal, »sehen Sie denn nicht, dass ich verletzt bin?«
Keiner der beiden reagierte.
Vor Zorn hätte Imogen am liebsten gebrüllt. Immer noch saß sie am Boden, die Bisswunden schmerzten höllisch, und der Blutverlust machte ihr ebenso Sorgen wie die Vorstellung, dass die Tiere Tollwut oder eine andere Krankheit haben könnten. Ihr Blick fiel auf ihre Handtasche. Sie lag ein Stück neben dem Blassen, mehrere Meter von Imogen entfernt. Zu weit, um nach ihr zu greifen.
Diese Männer würden ihr nicht helfen. Vermutlich scheuten sie die Öffentlichkeit. Besonders der größere sah aus, als würde er ohne mit der Wimper zu zucken jedem die Kehle durchschneiden.
Das bedeutete wohl, dass sie allein einen Weg an die Oberfläche finden musste. Und das möglichst, bevor der Blutverlust sie zu sehr schwächen konnte. Soweit sie das beurteilen konnte, hatten die Hunde kein großes Blutgefäß verletzt, aber die Bisse gingen dennoch tief. Sie sollte sich so schnell wie möglich in eine Notaufnahme begeben. Und danach zur Polizei, um zu melden, was sich hier abspielte. Nicht, dass nach ihr noch jemand in dieses unterirdische Loch geriet.
Aber erst einmal musste sie von diesen beiden Typen und ihren Hunden weg. Imogen atmete tief durch, biss die Zähne zusammen, stand auf und rannte los. Schmerz schoss von ihrem Bein bis in den Rücken hoch. Verdammt, hieß es nicht immer, dass in solchen Notsituationen sämtliches Schmerzempfinden ausgeschaltet war und der Körper einfach nur funktionierte, um eine Flucht oder einen Kampf zu ermöglichen? Wer auch immer das behauptet hatte, war sicher nie in einer vergleichbaren Situation gewesen.
Imogen taumelte, fing sich mühsam und rannte weiter.
Dann traf etwas sie von hinten und riss sie zu Boden. Geistesgegenwärtig fing sie sich ab, aber der Aufprall war dennoch so hart, dass es ihr die Luft aus den Lungen trieb.
Japsend blieb sie liegen, das Kinn in den Boden gedrückt. Im nächsten Augenblick wurde sie an ihrem verletzten Arm gepackt und hochgerissen. Der Schmerz raubte ihr für Sekundenbruchteile das Bewusstsein.
»Was hast du vor?«, fragte einer der beiden Männer. Es musste der Blasse sein, Imogen erinnerte sich daran, dass seine Stimme höher geklungen hatte als die des anderen. Sie versuchte, sich auf die Worte zu konzentrieren.
»Sie lebt noch. Besser, wir nehmen sie mit und warten, dass sie stirbt.«
»Hm, guter Vorschlag. Wer weiß, was sie sonst noch anstellt, wenn wir sie hierlassen. Und wir sollten den Eingang kontrollieren. Nicht, dass dort irgendwer Zauber gewirkt hat und ihr andere nachkommen.«
»Dann mach das. Sofort!«
Der Blasse bewegte sich so leise, dass seine Schritte nicht zu hören waren. Der andere hielt immer noch Imogens Arm am Handgelenk. Warm lief das Blut daran herab. Unter ihren nackten Knien spürte sie den harten Boden.
Der Blasse kehrte zurück. »Alles in Ordnung«, verkündete er. »Da kann niemand durch. Weiß nicht, wie die da das geschafft hat. Das Tor ist versiegelt. Sie muss starke Magie eingesetzt haben, um es zu durchdringen.«
»Aber rauskommen wird sie nicht!«, versprach der andere. »Wir sperren sie ein und bewachen sie.«
»Vielleicht sollten wir sie lieber sofort töten und die Leiche verstecken oder verbrennen. Dann erfährt niemand, dass sie hier war. Außerdem kann sie uns dann mit ihrer Magie nicht schaden.«
»Nein! Wer weiß, mit was für einem Zauber sie belegt worden ist. Dämonen sind gefährlich. Die lassen sich nicht einfach so umbringen. Oftmals nicht einmal bannen.«
»Zunge rausschneiden«, schlug der Kleinere nun vor. »Dann kann sie nicht mehr sprechen und damit auch keine Bannflüche auf uns schicken.«
»Hm«, machte der andere und rieb sich das Kinn, während sein Blick auf Imogen ruhte.
Sie versuchte, einen abwesenden Gesichtsausdruck zur Schau zu stellen, ganz so, als bekäme sie nicht mit, dass die beiden gerade über ihr Schicksal berieten.
»Aber dann hätte sie immer noch ihre Hände. Wer weiß, vielleicht muss sie für ihre Zauber nicht einmal sprechen, sondern nur die Finger bewegen.«
»Ja«, stimmte der andere zu. »Vielleicht sollten wir sie fesseln. Oder bewusstlos schlagen.«
»Ich glaube nicht, dass das nötig ist. Schau sie dir doch an.« Er riss Imogen ein Stück in die Höhe. Nur mit Mühe gelang es ihr, unbeteiligt zu wirken, obwohl der Schmerz nun geradezu höllisch war.
»Mit der ist nicht mehr viel los. Ich glaube nicht, dass sie überhaupt noch etwas mitbekommt.«
»Und du bist sicher, dass sie nicht zu einem Dämon wird, wenn sie von allein stirbt?« Der Blasse klang skeptisch und blieb auf Abstand.
»Glaube ich nicht. Nun komm schon, hilf mir. Nimm ihren anderen Arm.«
»Willst du sie nicht lieber tragen? Viel ist doch nicht an ihr dran. Das schaffst du bestimmt allein.« Er zierte sich immer noch, sie zu berühren.
Wenn sie doch nur frei und in der Lage wäre, ihre Arme zu bewegen. Da die beiden so dermaßen abergläubisch waren, würde die Androhung eines Fluchs vielleicht schon genügen, damit sie sie aus ihrer Gewalt entließen.
»Nein. Nun stell dich nicht so an.«
Der andere seufzte, dann packte er ihr linkes Handgelenk und schleifte sie neben dem größeren Mann gehend über den Boden. Vergeblich versuchte sie auf die Beine zu kommen. Sie war schwach wie eine Puppe, ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr.
Imogens Hoffnungen, hier lebend herauszukommen, sanken. In ihren Augen brannten Tränen, und vor Schmerz war ihr speiübel. Sie schluckte krampfhaft und wünschte sich ganz weit fort. Sie hatte doch nur im schottischen Hochland nach Spuren der Vergangenheit forschen wollen. Das Hotelzimmer in Glasgow war für drei Wochen gebucht, und sie wollte die Highlands erkunden, sich erholen und mit diesem Urlaub für die bestandenen Prüfungen belohnen. Und nun sah es so aus, als ende nach fünfundzwanzig Lebensjahren alles durch die Hände zweier Irrer – denn dass diese beiden vollkommen verrückt waren, stand außer Frage.
Schwarze Punkte begannen vor ihren Augen zu tanzen. Erst waren es nur wenige, doch dann wurden sie immer zahlreicher, bis sie nichts mehr sah und sich in diese Schwärze hineinfallen ließ, viel zu erschöpft, um dagegen anzukämpfen.
Der Schmerz war immer noch da. Wie ein rasendes Raubtier wütete er in ihrem Arm und dem verletzten Unterschenkel. Imogen blinzelte. Ihre Zunge klebte am Gaumen, und der Kopf war so schwer, als hätte sie eine ganze Nacht mit billigen Mixgetränken durchgefeiert. Kälte umgab sie – so intensiv, dass sie ihre Zehen und Fingerspitzen kaum noch spürte. War es hier so kalt, oder kam die Kälte aus ihr selbst? Ein bisschen fühlte sie sich, als hätte sie Schüttelfrost. Doch wenn sie sich bewegte, schoss so grässlicher Schmerz durch ihren ganzen Körper, dass sie erst gar nicht weiter versuchte, die Beine enger an den Körper zu ziehen.
Aber offensichtlich lebte sie noch.
Langsam hob sie den Kopf und versuchte zu erkennen, wo sie sich befand. Nicht in einem Krankenzimmer, das war sicher. Die Decke und die Wände waren dunkel, ebenso der harte Boden, auf dem sie lag. Davor stand ein Gitter aus Holz, etwa einen Meter achtzig hoch. Wie ein Käfig. Natürlich, die beiden Verrückten! Wer sonst sollte sie hier eingesperrt haben? Aber wer hatte einen Käfig in einem Zimmer? Das war doch vollkommen krank!
Vorsichtig drehte sie den Kopf und erkannte den kleinen Blassen. Im Schneidersitz saß er neben einem Feuer auf dem Boden und spielte mit dem Henkel ihrer Handtasche. Sein Gesichtsausdruck hatte etwas Verschlagenes, aber sie erkannte auch Neugier in den nur schwach ausgeprägten Zügen. Immer wieder ließ er den Tragegurt durch seine dünnen Finger gleiten, bestaunte ihn und zog an dem Verschluss, mit dem man die Länge des Gurts regulieren konnte.
Imogens Herz tat einen Satz. Das konnte die Rettung sein! In der Tasche befand sich ihr nagelneues Handy. Eigentlich hatte sie sich das teure Gerät gar nicht leisten können, es sich aber schon so lange gewünscht. Und dann war sie schließlich doch schwach geworden, als sie wieder einmal am Schaufenster des Telefonshops vorbeigekommen war. Tante Mable hatte ein bisschen Geld dazugegeben und ihr dabei das Versprechen abgenommen, sich regelmäßig aus Schottland zu melden. Natürlich gab es auf dem Hotelzimmer ein Telefon, aber mit dem Handy war sie unabhängiger. Zudem, so hatte Tante Mable gesagt, wäre sie viel ruhiger, wenn sie wüsste, dass Imogen bei ihren geplanten Streifzügen durch die Highlands jederzeit die Polizei oder einen Krankenwagen rufen könne. Imogen hatte entgegnet, dass auch die Highlands nicht vollkommen einsam waren und es Dörfer und Gehöfte gab. Aber natürlich hatte Tante Mable dennoch darauf bestanden, dass Imogen das Telefon immer bei sich trug.
Nun war sie froh darum. Wenn sie an ihre Tasche herankam, würde sie Hilfe rufen können. Und selbst wenn es ihr nicht gelang, würde das Handy ihre Retter zu ihr führen, denn man konnte das Gerät orten. Wenn Tante Mable sie also vermisste und die Polizei einschaltete, würde man sie finden können. Sicher würde sich ihre Tante bald Sorgen um sie machen und dann feststellen, dass sie nicht ins Hotel zurückgekehrt war. Bestimmt würde Tante Mable alles tun, um sogleich eine Suchaktion auszulösen. Imogen musste nur noch eine Weile durchhalten. Sie hatte ihrer Tante versprochen, sich nach ihrer Ankunft zu melden und regelmäßig von sich hören zu lassen. Gestern hatte sie, kaum dass sie das Hotelzimmer betreten und der Page ihre Koffer abgestellt hatte, kurz bei Tante Mable angerufen. Aus Gewohnheit hatte sich Imogen mit »Bis morgen!« verabschiedet, wie sie es auch immer getan hatte, wenn sie auf einer Klassen- oder Studienfahrt gewesen war und allabendlich zu Hause anrief. Also ging Tante Mable sicher davon aus, dass sie sich heute melden würde.
Wie spät war es? Imogen sah auf ihren linken Arm und stellte fest, dass sie ihre Uhr nicht mehr trug. Hatte sie sie schon verloren, als sie in dieses unterirdische Verlies geraten war, oder hatte einer der beiden Verrückten sie ihr abgenommen? Zuzutrauen wäre es ihnen, auch wenn die Uhr alles andere als wertvoll war. Zumindest die Kleidung hatten sie ihr gelassen. Kein Wunder, so wie das Top und die Hose aussahen. Sie konnte froh sein, so beschmiert mit Blut, Schmutz und Hundespeichel abstoßend genug auszusehen, dass sich niemand an ihr vergriff.
Das Gespräch der beiden Männer fiel ihr ein. Der kleinere hatte sich ja zuerst sogar geweigert, sie überhaupt anzufassen, um sie mit sich zu ziehen. Es schien ihr, als habe er Angst vor ihr. Auch bei dem etwas größeren hatte sie kein Begehren bemerkt.
Ihr Blick fiel auf ihren rechten Arm und das verletzte Bein. Ihre Knie waren aufgeschürft, aber das war nur oberflächlich. Weit schlimmer waren die Bisse. Die Wunden bluteten kaum mehr, die Schmerzen jedoch wüteten weiter, so stark, dass ihr übel war. Zudem war die Gefahr einer Infektion allein schon dadurch riesig, dass die Wunden von Hunden stammten. Dazu noch diese alles andere als steril wirkende Umgebung. Sie konnte nur hoffen, dass man sie fand, bevor sich eine Entzündung bildete.
Ein Geräusch erklang und wiederholte sich in schnellem Rhythmus.
Imogen brauchte einen Moment, um zu registrieren, dass es sich um den Klingelton ihres Handys handelte.
Der Blasse sprang auf und warf die Tasche von sich. Dann hockte er sich wieder auf den Boden, die Schultern eingezogen, den Blick gehetzt. Der ganze Raum war vielleicht dreißig Quadratmeter groß. Nicht viel, wenn man Angst hatte. Und der Blasse hatte welche, warum auch immer. Er versuchte noch größeren Abstand zwischen sich und die Tasche zu bringen und krabbelte sogar auf allen vieren bis an die gegenüberliegende Wand.
Ja, gut so!, dachte Imogen. Die Tasche lag nur noch ein Stück von ihrem Käfig entfernt. Zu weit, um sie mit der Hand erreichen zu können, aber wenn sie einen Stock oder etwas Ähnliches hätte …
Imogen rüttelte an einem der Holzstäbe. Besonders stabil sahen sie nicht aus. Vielleicht ließ sich einer abbrechen. Der Blasse achtete nicht auf sie. Er murmelte etwas. Beschwörungsformeln? Flüche? Schimpfwörter? Egal. So, wie er aussah, versteckte er sich schon eine ganze Weile in diesem Loch. Vielleicht hatte er also gar nicht mitbekommen, dass inzwischen längst auch Privatleute Handys besaßen und man verschiedene Klingeltöne aufspielen konnte. Bei Imogens Handy handelte es sich um »Scotland the Brave«. Sie hatte das für ihren Urlaub passender gefunden als den aktuellen Nummer-1-Hit.
Der Blasse fuchtelte mit den Händen in der Luft herum, murmelte wieder etwas und sah auf die Tasche. Das Handy spielte unentwegt weiter und schien ihn noch hektischer werden zu lassen. Ob er die Melodie kannte? Allerdings schien er verwirrt von der Musik. Immer wieder schaute er sich wie gehetzt um, vermied es dabei aber, in Imogens Richtung zu blicken.
Die Holzstäbe mussten irgendwie im Boden verankert sein. Zwar wackelte der, an dem Imogen es versuchte, hin und her, löste sich aber ebenso wenig wie der daneben. Verdammt! So stabil wirkte diese Konstruktion gar nicht. Aber wenn jemand schon vorsorglich so einen Käfig hatte, dann sperrte er wohl öfter Leute ein.
Imogen schauderte. Unwillkürlich blickte sie in die Ecke ihres kleinen Gefängnisses. Dort lagen zwar keine Knochen oder sonstige Überreste, aber das musste nichts bedeuten. Vielleicht war das ja eine Masche dieser beiden Verrückten: Sie entführten ahnungslose Touristen und erpressten dann Lösegeld.
Der blasse Mann sprang erneut auf, ergriff ihre Handtasche und schleuderte sie ins Feuer. Sofort umhüllten die Flammen sie, leckten über den Tragegurt und verschlangen ihn innerhalb von Sekunden.
»Nein!«, schrie Imogen und rüttelte an den Holzstäben. Hilflos musste sie zusehen, wie die Flammen ihre Handtasche fraßen. Der Klingelton ging in dem Knacken und Knistern unter und verstummte dann ganz. Es stank nach verbranntem Kunststoff, dunkler Rauch stieg auf. Die schwarze Masse wurde kleiner und kleiner, bis sie schließlich komplett verschwand.
Der Blasse wedelte wieder mit der Hand. Imogen hustete und ließ sich zurück auf den Boden sinken. Alle ihre Hoffnungen, hier lebend herauszukommen, waren soeben in Flammen aufgegangen.
2
Dian sprach einen Zauber, ehe er durch den Eingang nach Annwn trat. Die negativen Energien der Fomore hafteten noch an seinem Körper, aber durch die Magie wurden sie unschädlich und würden nicht auf andere Personen übergehen und auch nicht die Atmosphäre um ihn herum vergiften. Doch sie waren nicht das Einzige, was an ihm haftete. Er sehnte sich nach einem ausgiebigen Bad und frischer Kleidung, um den Gestank der Dämonen loszuwerden. Widerlich! Anders konnte man das wirklich nicht bezeichnen – Fomore stanken schlimmer als eine zehn Tage alte Wasserleiche oder eine Schweinesuhle. Es gehörte mit zu ihren Waffen, harmloser als das Gift in ihrem Speichel oder ihre oft ebenso mit Gift getränkten Klauen. Aber dennoch behinderte der Gestank ihre Gegner, da er ihnen den Atem raubte, die Sinne buchstäblich benebelte und starke Übelkeit verursachte.
Dian hatte gelernt, seine Empfindungen zu unterdrücken, sodass ihm der Gestank im Kampf kaum etwas ausmachte. Doch nun, da das Gefecht vorüber war und er nicht mehr voll konzentriert sein musste, sehnte er sich danach, so schnell wie möglich ins Wasser zu kommen und seine Kleidung zu wechseln. Auf dem Weg in diesen Teil der Anderswelt hatte er sich notdürftig in morastigem Wasser gewaschen. Es war nur ein kleiner Tümpel gewesen, so weit ausgetrocknet, dass das Wasser kaum mehr als eine Handbreit hoch stand. Genützt hatte es kaum etwas, und umso mehr freute sich Dian nun auf ein richtiges Bad.
Außerdem brauchte er Ruhe, um seine Kräfte wieder aufzubauen. Ein Kampf zehrte immer an den eigenen Energien, ganz besonders, wenn nicht nur normale Waffen, sondern auch Magie und Dämonengift im Spiel waren. Allzu schnell konnte jeder falsche Schritt der letzte sein.
Dian schüttelte sich. Diese widerlichen Fomore! Er hoffte, dem nächsten nicht so bald begegnen zu müssen.
Ein weiterer Zauber, dann befand sich Dian in seinem Gemach. Tief atmete er die klare Luft ein. Ja, das war schon viel besser.
Sein Blick fiel auf die Carnyx und die Leier. Beide standen in der Ecke des Eingangsbereichs, als warteten sie nur darauf, dass er sie in die Hand nahm. Vielleicht würde er nachher ein wenig auf einem der Instrumente spielen. Doch zuerst brauchte er schnellstmöglichst ein Bad, bevor sich der an ihm haftende Gestank auch hier ausbreiten konnte.
»Gwyd!« Für jeden anderen wäre der Ruf nicht hörbar gewesen, doch sein Diener würde ihn vernehmen. Er war in der Nähe, das spürte Dian, und auf eine gewisse Entfernung vermochte er ihn telepathisch zu rufen.
Nur wenige Wimpernschläge später stand der zierliche kleine Mann vor ihm. »Was kann ich für dich tun, Herr?«
»Lass mir ein Bad ein.« Dian kümmerte sich nicht weiter um Gwyd und durchschritt seine Räume. Er wurde das Gefühl nicht los, dass irgendetwas nicht stimmte. Aber das konnte nicht sein. Niemand außer ihm selbst war in der Lage, seine Zauber zu durchbrechen. Auch Gwyd konnte sich in diesem Bereich nur aufhalten, weil Dian es ihm gestattete, und das Gleiche galt für alle anderen Wesen in Annwn. Der Feenmann besaß lediglich einen winzigen Hauch von Magie, wodurch er kleinere Zaubereien beherrschte – etwa, ein Feuer zu entfachen und Wasser zum Fließen zu bringen.
Dian löste das Lederband, das sein Haar zusammenhielt. Als er feststellte, dass auch die langen dunklen Strähnen mit Dämonengeifer besudelt waren, verzog er angewidert das Gesicht. Aber er hatte ja ohnehin vor, sich komplett zu waschen.
Er streifte seine Kleidung ab, besah sich das Leinenhemd und entschied, dass es nicht einmal mehr als Lumpen für Bettler taugte. Überall prangten Flecken von unterschiedlichsten Flüssigkeiten, dazu hatte es einige Risse. Mit der Hose verhielt es sich nicht besser. Er seufzte leise. Schade um das gute Leder. Doch Dämonengeifer ließ sich aus solchen Stoffen nicht entfernen, und selbst Magie würde den Gestank daraus nicht vollständig vertreiben. Gwyd sollte die Sachen nachher verbrennen. So würden sie auch keinen Schaden anrichten, falls doch noch etwas nachwirkte.
»Dein Bad ist bereit für dich, Herr.« Gwyd verbeugte sich leicht vor ihm. Langes feines Haar fiel dabei über schmale Schultern und schimmerte im Schein der Talglichte rötlich.
Geistesabwesend nickte Dian ihm zu und stieg in den hölzernen Zuber. Das Wasser duftete dezent nach verschiedenen Kräutern, umspülte seinen Körper mit wohltuender Wärme und reinigte die Wunde an seiner Schulter. Das würde es ihm leichter machen, sie zu heilen. Für ihn stellte sie keine akute Gefahr dar, war jedoch unangenehm und konnte unbehandelt noch unangenehmer werden. Er durfte nicht riskieren, dass sie ihn in seiner Beweglichkeit einschränkte. Dian versenkte sich in seinen Körper, glitt in Gedanken zu der Verletzung und befahl seinem Fleisch, sich zusammenzuziehen und neu zu bilden.
Die Wunde ging tiefer als gedacht – im Kampf hatte er sie kaum gespürt, aber nun pochte sie, und der Dämonenspeichel drang in das Gewebe ein und fraß sich weiter voran. Wahrscheinlich war die Dosis zu gering, um mehr als Schmerzen und vielleicht eine vorübergehende Einschränkung der Beweglichkeit auszulösen, doch es war besser, alles zu beseitigen. Dian konzentrierte sich darauf, das Gift aufzulösen, und befahl den Hautzellen zu wachsen. Er spürte, wie sich die Stelle veränderte, heilte, das Gift eliminiert wurde. Die Stelle prickelte.
Wieder konzentrierte er sich, stellte sich vor, wie die Haut über der Wunde komplett zusammenwuchs, ohne eine Narbe zurückzulassen.
Dann entspannte er sich, genoss die wohltuende Wärme und ihn umgebende Ruhe. Sein Reich lag in einem abgeschiedenen Teil Annwns, außerdem hielten die Zauber Stimmen und weitere Geräusche fern. Doch im Moment war ihm das gar nicht so recht wie sonst. Es schien ihm, als habe sich etwas verändert, er wusste nur nicht, woher dieser Gedanke plötzlich kam. Wenn in Annwn etwas geschah, war er normalerweise der Erste, den man benachrichtigte und um Hilfe bat. Doch Gwyd hatte bei seiner Rückkehr kein Wort über ungewöhnliche Vorkommnisse verloren, demzufolge schien es wohl keine zu geben.
Vielleicht eine Nachwirkung des Kampfs, überlegte er. Es wäre nicht das erste Mal, dass ihn Erlebnisse mit den Dämonen noch Tage später begleiteten und meist sogar einen Weg in seine Träume fanden. Dagegen half kein Zauber, und nicht einmal das Gebräu aus vergorenen Früchten hielt die Albträume von ihm fern. Im Gegenteil – manchmal verstärkten sie sich dadurch noch. Wenn es zu schlimm wurde, weckte Gwyd ihn meist auf. Sein Diener hatte nur wenige Schritte entfernt von ihm sein Lager und besaß einen sehr leichten Schlaf. Sprach Dian im Schlaf oder schrie gar auf, eilte Gwyd sofort zu ihm. Ebenso konnte der kleine Mann starke Gefühle empfangen und spürte es, wenn Dian etwas quälte. So kam es hin und wieder vor, dass er ihn aus Albträumen befreite, und es gab Dian ein beruhigendes Gefühl, ihn in seiner Nähe zu wissen. Durch seine Sensibilität wäre Gwyd auch ein guter Kämpfer gewesen, doch er stellte sich im Umgang mit Waffen dermaßen ungeschickt an, dass er sich dabei eher selbst in Gefahr brachte. Zudem war er noch ängstlicher als Beathan – und das sollte wirklich etwas heißen. Unter Dians Schutz fühlte sich Gwyd sicher. Und sollte es zu einem Kampf kommen, so hoffte Dian, auf ihn zählen zu können. Gwyds Fähigkeit, die Gefühle der Gegner aufzufangen, wäre dabei immens wertvoll.
Als Dian aus dem Wasser auftauchte und nach der Wunde tastete, fand er nur noch glatte Haut. Gut. Seine Zauberkraft funktionierte also noch. Der Kampf hatte nicht lange gedauert, aber doch seine gesamte Geschicklichkeit und Magie gefordert. Und nicht einmal die hatte vollständig ausgereicht, denn sonst wäre es dem Dämon gar nicht gelungen, ihn zu verletzen. Allerdings hätte es auch weit schlimmer ausgehen können. Das war ihm vor jedem Kampf bewusst, aber er hatte keine Wahl. Die Fomore mussten in Schach gehalten werden.
Zufrieden erhob sich Dian aus dem Wasser, trocknete sich ab und legte frische Kleidung an. So fühlte er sich schon viel wohler und gestärkt für den nächsten Kampf – oder was auch immer ihn an unangenehmen Überraschungen erwartete.
Er spürte, dass in den Reihen der Dämonen etwas schwelte. Das waren keine normalen Überfälle mehr, sie planten irgendetwas. Und dieses Irgendetwas schien weitaus größer zu sein als alles, was sie bisher getan hatten. Um was es sich handelte, darüber konnte er nur spekulieren. Dass sie die Herrschaft über die gesamte Anderswelt wollten, war nichts Neues. Jeder Bewohner von Annwn wusste das – ebenso aber wussten auch alle Wesen, dass es genügend gab, die dagegen standen und wussten, was zu tun war, um die Fomore aufzuhalten und in ihre Schranken zu verweisen. Sie richteten Schaden an, ja, aber damit ließ sich umgehen. Nun jedoch schien es Dian, als hätte sich etwas verändert. Sie mussten etwas Großes vorhaben – und möglicherweise betraf es nicht nur Annwn.
»Gwyd!«, rief er, da er ganz plötzlich etwas spürte. Diesmal war er sich ganz sicher, dass es nicht am letzten Kampf lag. Er konnte nur nicht genau sagen, um was es sich handelte, da es sich nicht fokussieren ließ. Irgendetwas war in Annwn und löste diese Empfindungen in ihm aus. Etwas – oder wahrscheinlicher – jemand.
Dian konzentrierte sich und schuf einen magischen Schild um sich. Dieser hielt zwar nicht jeden Zauber ab, würde es einem angreifenden Gegner aber schwerer machen, ihn zu schwächen oder zu verletzen. Obwohl er sich bereits etwas erholt hatte, merkte Dian doch, dass seine Magie noch nicht die volle Stärke besaß. Er konnte nur hoffen, dass sie dennoch ausreichte.
Seine Räume lagen in einem gut geschützten Teil der Anderswelt. Unabhängig von den Zaubern wären sie für jemanden, der sich in Annwn nicht auskannte, höchstens durch Zufall zu finden. Aber an solche Zufälle glaubte Dian schon lange nicht mehr.
Er rieb sich über die Schläfe. Nein, was auch immer hier geschah, es war kein Zufall. Und auch nichts, was sich leicht erklären ließ. Er musste herausfinden, was los war. Und außerdem den Bann verstärken.
»Ja, Herr?« Sein Diener erschien so schnell vor ihm, als sei er geflogen. Das allerdings war eine Illusion. Gwyd konnte nicht fliegen, und er vermochte es auch nicht, sich in Luft aufzulösen und an einem anderen Ort wieder zu erscheinen, wie es manchen Wesen möglich war.
»Schick mir Beathan her.«
»Sehr wohl, Herr.« Gwyd verbeugte sich und glitt lautlos fort.
Dian fuhr sich durch das noch feuchte Haar. Die Aussicht, gleich mit Beathan zu sprechen, behagte ihm nicht sonderlich. Doch wenn jemand mitbekommen hatte, was in Annwn vorging, dann der Halbgeist, und Dian würde ihn schon dazu bringen, die Wahrheit zu sagen.
Es dauerte nicht lange, da kehrte Gwyd zusammen mit Beathan zurück.
»Du wolltest mich sprechen, Druide?« Beathan bewegte sich leicht von einem Fuß auf den anderen, was den Eindruck erweckte, er würde schweben. Das konnte er nicht, aber er versuchte gern, diesen Eindruck zu erwecken, obwohl jeder in Annwn wusste, dass der Halbgeist weder schweben noch fliegen konnte. Ihm zu sagen, wie lächerlich er dabei wirkte, hatte noch nie etwas genützt.
Gwyd zog sich zurück. Er würde in der Nähe bleiben, aber erst wieder zu Dian kommen, wenn dieser ihn rief.
»Informiere mich über alles, was während meiner Abwesenheit passiert ist«, befahl Dian und blieb vor Beathan stehen, ohne ihm einen Sitzplatz anzubieten.
Beathan lächelte zu ihm hoch – ein Versuch, ihm zu gefallen. In seinen nahezu farblosen Augen stand ein verschlagener Ausdruck. »Was soll passiert sein, Herr?«
Dian nahm einen feinen Schweißgeruch wahr. Beathan wirkte nervös und schien sich zu fürchten. Zwar fürchtete er sich vor so ziemlich allem, aber diesmal schien es anders zu sein. Sein Verhalten deutete darauf hin, dass er etwas verbarg. Was? Und warum?
In Annwn Geheimnisse zu bewahren, war unmöglich, wenn man keine sehr starken magischen Kräfte besaß. Dazu gab es in diesem Reich zu viele Wesen, die mit entsprechenden Zaubern umzugehen vermochten oder wussten, wie sie sich lautlos und unsichtbar durch die Anderswelt bewegten und somit sehen konnten, was verborgen bleiben sollte. »Ich möchte wissen, was in den vergangenen Tagen geschehen ist.«
»Nichts.« Die Antwort kam zu schnell. Beathans Gesichtszüge verschwammen, und der von ihm ausgehende Schweißgeruch verstärkte sich.
»Lüg mich nicht an«, sagte Dian leise und trat einen Schritt näher. Er überragte den Halbgeist um etwa zwei Köpfe. Nun flimmerte er so stark, dass Dian blinzeln musste. »Was ist geschehen?« Manchmal genügte es schon, einen besonders eindringlichen Ton anzuschlagen.
»Ich sagte doch, dass nichts passiert ist.« Auch Beathans Stimme wurde heller. Was hatte er angestellt? Eigentlich waren seine Fähigkeiten zu gering, um echten Schaden anzurichten, zudem war er feige und fürchtete sich vor Racheakten.
»Und warum bist du dann so nervös?« Dian neigte leicht den Kopf und zwang sich, ihm in die flackernden Augen zu schauen. Vielleicht war es eine Art Selbstschutz, möglicherweise aber auch Absicht – das Flackern wurde so hell und flirrend, dass der Anblick schmerzte. Doch Dian konzentrierte sich und hielt den Blick fest auf Beathan gerichtet.
Der Halbgeist wand sich, sah nach links, dann nach rechts und wieder Dian an. Es war offensichtlich, dass sich Beathan weit fort wünschte und überlegte, wie er möglichst schnell entkommen konnte. »Wie war es bei den Fomoren? Du siehst gut aus, also hast du wohl alle besiegt, und sie konnten dir nichts anhaben.«
»Beathan.« Dian ließ seine Stimme eine Spur strenger klingen. »Ich will jetzt eine Antwort von dir, und zwar eine ehrliche. Du weißt genau, dass ich es spüre, wenn jemand lügt.«
»Aber ich weiß doch nichts!« Er lächelte. »Wieso fragst du nicht Gwyd? Er ist doch dein Diener.«
»Ich frage aber dich.« Wenn Gwyd etwas mitbekommen hätte, so hätte Dian ihn nicht zum Reden auffordern müssen. Und Gwyd spionieren zu schicken, würde zu viel Zeit kosten. Besonders, da es etwas zu sein schien, dass außer Beathan bislang nur wenige wussten – wenn überhaupt. Das war schon erstaunlich genug. Lange konnte es noch nicht her sein.
»Ich wünschte so sehr, ich könnte dir helfen.«
»Natürlich.«
Beathan nickte eifrig. »Doch, so ist es, ich schwöre es, bei … bei allem! Ich bewundere dich, du besitzt so starke Magie und bist schön, die Frauen lieben dich, deine Feinde fürchten dich …«
»Hör auf mit der Schleimerei. Das ist ja widerlich.« Wo hatte sich Beathan nur angewöhnt, so zu reden? Vielleicht sogar bei mir, dachte Dian.
Die Ausflüge in andere Welten – besonders in jene der Menschen, aber auch in die der Fomore – hinterließen ihre Spuren. Am liebsten wäre Dian vor ihm zurückgewichen und hätte ihn davongejagt, doch das konnte er nicht. Zumindest nicht, bevor er nicht erfahren hatte, welches Geheimnis Beathan hütete. Sein Ablenkungsmanöver war ein weiteres Indiz dafür.
»Es ist die reine Wahrheit, Herr«, bekräftigte Beathan. »Da kannst du jeden anderen in Annwn fragen, und ein jeder würde dir genau das Gleiche sagen wie ich.«
»Du weißt etwas«, sagte Dian voller Überzeugung. Es war einfacher, Beathan zum Reden zu bringen, als nach möglichen Mitwissern zu suchen. »Und das wirst du mir nun sagen. Alles.«
»Eine Frau ist in dem Vorraum aufgetaucht!«, platzte Beathan heraus. Er versuchte zurückzuweichen, doch die Wand in seinem Rücken bremste ihn. Und obwohl Beathan ein Halbgeist war, konnte er feste Stoffe nicht durchdringen. Schon gar nicht welche, über die Dian einen Bann gelegt hatte.
»Du meinst, eine Seele hat den Weg nach Annwn gefunden?« Das war zwar nichts Ungewöhnliches, doch normalerweise kamen die Neuen, wie man sie hier nannte, nicht in diesem Teil der Anderswelt an. Außerdem wurden sie gemeinhin begleitet von Wesen, die ihnen beim Übergang zur Seite standen und ihnen den Platz zuwiesen, der für den Anfang am besten geeignet war. Erst später bewegten sie sich dann selbstständig durch Annwn, suchten andere Orte auf und erkundeten die vielleicht unendliche Welt.
