DSA 126: Der Schrecken von Arlingen - Thomas Walach-Brinek - E-Book

DSA 126: Der Schrecken von Arlingen E-Book

Thomas Walach-Brinek

0,0

Beschreibung

Winterstürme peitschen das Meer an die steilen Küsten des Windhags, als sich in einem kleinen Ort eine Serie grauenvoller Morde ereignet. Die Bewohner des Fischerdorfes sind überzeugt, dass sich hinter dem Schrecken Übernatürliches verbirgt: Das Böse, so sagen sie, sei nach Arlingen gekommen. Der eilends aus Grangor herbeibeorderte junge Gelehrte Geron di Montacci hingegen vermutet Menschenwerk in den Verbrechen. Allzu schnell muss er jedoch feststellen, dass hinter dem Grauen mehr steckt als bloßer Aberglaube. Bald wird der Jäger zum Gejagten - und nicht nur der Schrecken von Arlingen ist Geron dicht auf der Fährte, sondern auch die Dämonen seiner eigenen Vergangenheit.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 353

Veröffentlichungsjahr: 2013

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Biografie

Thomas Walach-Brinekwurde 1983 in Wien ­ge­­boren. Er studierte Politikwissenschaft und Geschichte, lebt und arbeitet in seiner Geburtsstadt. Außerdem war er noch Fechttrainer, ­Rettungssanitäter und Tanzlehrer und ist mit einer wundervollen Frau verheiratet.

Titel

Thomas Walach-Brinek

Das Schecken von Arlingen

Ein Roman in der Welt von Das Schwarze Auge©

Originalausgabe

Impressum

Ulisses SpieleBand 11063EPUB

Titelbild:Arndt Drechsler Aventurien-Karte: Ralph Hlawatsch Lektorat: Florian Don-SchauenRedaktion & Lektorat: Catherine Beck Buchgestaltung: Ralf BerszuckE-Book-Gestaltung: Michael Mingers

Copyright © 2010, 2013 by Ulisses Spiele GmbH, Waldems.DAS SCHWARZE AUGE, AVENTURIEN, DERE,MYRANOR, RIESLAND, THARUN und UTHURIA sind eingetragene Marken der Significant GbR.

Titel und Inhalte dieses Werkes sind urheberrechtlich geschützt.

Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Bearbeitung, Verarbeitung, Verbreitung und Vervielfältigung des Werkes in jedweder Form, insbesondere die Vervielfältigung auf photomechanischem, elektronischem oder ähnlichem Weg, sind nur mit schriftlicher Genehmigung der Ulisses Spiele GmbH, Waldems, gestattet.

Print-ISBN 3-89064-146-1

Kapitel 1

Arlingen, 1030 nach Bosparans Fall

Der Himmel heulte mit tausend Stimmen aus Eis. Kalter Regen peitschte das schäumende Meer auf, das sich unter sprudelnd weißen Wogenkämmen unnachgiebig gegen das Land warf. Wo die Brandung auf den flachen Strand unterhalb des Dorfs traf, grub sie sich mit dem schrecklichen Geräusch zermahlener Knochen tief in den bleichen Kies. Ein bleischwerer Himmel hing über der rauen Küste, seine Regenwolken hetzten über die Klippen, als wollten sie es dem Ozean gleichtun und sich auf das windumtoste Land werfen.

Was sich ducken konnte, das duckte sich unter diesem Sturmangriff der Elemente. Die Ansammlung ärmlicher, torfgedeckter Hütten oberhalb des Strandes klammerte sich an einen schmalen Streifen zwischen Ertrinken und Gewittersturm. Bei Flut leckten die Wogen des Meers gierig an den Mauern der untersten Wohnstätten. Über die flachen Giebel der obersten Hütten brauste donnernd der Sturm. Die wenigen Bewohner dieses Dorfs am Abgrund nannten ihre Heimat Arlingen.

Noch das kleinste Kind in Arlingen, ja selbst der verwirrteste Greis wusste, dass man in einem solchen Sturm keinen Fuß vor die Tür setzte, denn das hieße, das Schicksal zu versuchen. Und dennoch krochen in jener Nacht zwei Gestalten über den Kies auf die brodelnde Gigantenmühle der Brandung zu. Ja, sie krochen buchstäblich auf allen vieren, krallten Hände und Füße in die losen Steine des Strands, klammerten sich an den Boden wie ein Säugling an die Brust seiner Amme und krochen Spann um Spann zum Wasser.

Der Sturm, zu Recht empört über die Anmaßung dieser Würmer, die meinten, ihm trotzen zu können, strafte sie mit der ganzen Wucht seiner geballten Faust. Er prügelte auf sie ein, versuchte sie mit seinem Regen zu ertränken, wollte ihnen mit eisigem Griff die Haut vom Leib schälen. Allein, die beiden Würmer krochen weiter.

Hätte man durch die Regenwand und unter ihre Mäntel blicken können, so hätte man erkannt, dass es ein Mann und eine Frau waren. Und hätte man in ihre Herzen schauen können, dann hätte man gesehen, dass es ein Ehemann und eine Ehefrau waren, einander in aufrichtiger Liebe zugetan.

Der Mann und die Frau krochen also, und nach schier endlosem Kampf erreichten sie eine Reihe von hohen Pfählen aus dunklem Holz, die gut zwei Schritt tief in den lockeren Boden gerammt worden waren, aber noch doppelt so hoch darüber hinausragten. An diese Säulen aus den Herzen mächtiger Erlen waren ungleich zerbrechlichere Objekte aus Holz gebunden: eine kleine Flottille von Fischerbooten, die auf den Wellen des abfließenden Wassers wild und bockig tanzten, ausschlugen und ungehorsam an den Tauen rissen, welche sie an den reglosen Holzpfählen festhielten.

Mann und Frau klammerten sich an einen der nassen Stämme, zusammen mit einer Kolonie von Muscheln, die, an ihrer senkrechten Welt festgesaugt, dem Sturm trotzten. Die Frau öffnete den Mund und schrie, brüllte mit der beträchtlichen Kraft ihrer Lungen. Doch die Stimme des Wetters machte sie stumm, ihr Rufen unhörbar. Der Mann aber musste sie nicht hören, um zu wissen, was seine Frau rief, dachte er doch denselben, unsäglich erleichterten Gedanken: Der Sturmherr war gnädig – es war noch da!

Mitten unter der Schar von Nussschalen hüpfte und sprang ein fesselloses Boot auf den Schaumkronen der Wellen. Die Flut hatte es zwischen seine Nachbarn getrieben, und als das Wasser mit Einsetzen der Ebbe begonnen hatte, sich widerwillig zurückzuziehen, war es schon zwischen den Planken der übrigen Boote verkeilt gewesen. Und die See würde es, da waren Mann und Frau sich sicher, diesmal noch nicht zu sich holen, denn schon umspülte das Wasser kaum noch seinen Kiel, schon grub sich das Boot mit jedem Sturz von der Spitze eines Wellenkamms tiefer in den Kies.

Das besorgte Paar richtete ein stummes Dankgebet an Efferd, den launenhaften Gott des Meeres. Der Sturmbringer hatte sie noch einmal verschont. Wenn der Frühling kam, dann würden sie mit ihrem kleinen Boot aufs Meer hinaussegeln können, um ihre Netze auszuwerfen. Sie würden, Efferds Gnade und Segen vorausgesetzt, zu essen haben, und auch ihre einzige Tochter würde nicht hungern müssen.

Mit jedem Anbranden der Wogen zog sich das Meer weiter zurück, gab den Blick auf einen umgepflügten Strand frei. Ein Schemen wurde im gurgelnden Schaum des abfließenden Wassers sichtbar, dann von der nächsten Welle bedeckt, um alsbald wieder aufzutauchen. Es war ein weißer Schatten von seltsam vertrauter Form. Als die Frau schließlich erkannte, was da im aufgewühlten Wasser zwischen den Booten trieb, war es, als fasste der Sturm mit eiskalter Hand nach ihrer Brust. Ein saures Brennen stieg in ihr hoch, bahnte sich seinen Weg in ihre Kehle und ergoss sich als bitterer Schwall aus ihrem stumm aufgerissenen Mund. Schwindel übermannte sie, ihre Hände glitten vom glitschigen Pfahl, Haut und Fleisch wurden von den scharfen Rändern der Muscheln durchtrennt, dunkelrot und salzig quoll das Blut hervor. Dann spürte sie, wie ihr Mann sie in seinen Armen auffing und sie gemeinsam in das tosende Nass stürzten.

Zwischen den Tauen der Boote hatte sich verfangen, was früher einmal ein menschlicher Körper gewesen sein musste. Teile davon waren noch gut zu erkennen. Irgendetwas hatte den Bauch der Leiche mit einem langen Schnitt geöffnet, sodass die Gedärme hervorgequollen waren und sich im Wasser treibend um die zerschlagenen Glieder gewickelt hatten. Die Wucht der Wogen musste den Leichnam einem Spielball gleich wieder und wieder gegen die Pfähle geworfen, ihn unter den Kielen der Boote zermalmt haben. Arme und Beine standen in unmöglichen, ekelerregenden Winkeln vom Körper ab, beinahe überall war die Haut über dem nackten Fleisch aufgeplatzt und zerschunden. Das Schlimmste aber war das Gesicht des Toten. Wie durch ein Wunder war es vollkommen unversehrt und starrte mit einer Maske unaussprechlichen, blanken Entsetzens in den bleiernen Himmel.

So haben die beiden Augenzeugen es uns berichtet, und so habe ich es getreulich zu Pergament gebracht. Wir schrieben den siebten Tag des Hesindemonds im Jahr 1030 nach Bosparans Fall, und jener tote Fischer war das neunte Opfer des ›Schreckens von Arlingen‹.

Doch ich will von vorne beginnen, um nicht etwa ein Detail zu vergessen. Mein Name ist Geron di Montacci, und ich war in jenem denkwürdigen Winter gerade neunundzwanzig Götterläufe alt. Begleitet nur von meinem getreuen Diener, war ich vom strahlenden Grangor in die Abgeschiedenheit und karge Einsamkeit der Markgrafschaft Windhag gereist, um Licht in eine finstere Angelegenheit zu bringen.

Wir erreichten den winzigen Flecken Arlingen just in jener Stunde, da jenes jüngste Opfer einer Reihe von grausamen Morden in dem besagten Fischerdorf zu Grabe getragen wurde. Von der Höhe der Klippen aus konnte man sehen, wie sich der Leichenzug den einzigen Pfad hinaufwand, der während der Winterstürme Arlingen mit der großen, weiten Welt verband. Und welch schmales Nadelöhr dieser Pfad war! Nur unter kaltblütiger Missachtung der Gefahr eines tiefen und gewiss tödlichen Falls auf die Felsen hätten wir unsere Pferde nebeneinander darauf gehen lassen können.

So blieb uns nichts anderes übrig, als an einer Weggabelung zu warten, um die Prozession vorbeizulassen. Zum ersten Mal seit Stunden harten Ritts durch die karge Wildnis der Berge richtete mein Diener und väterlicher Freund das Wort an mich: »Erwartet keine herzliche Begrüßung, Geron! Die Menschen in diesem Land lieben keine Fremden. Und unseren Herrn, den erlauchten Herzog in Grangor, lieben sie noch weniger.«

»Aber ist nicht«, so wandte ich ein, »Seine Hoheit auch der Fürst und Lehnsherr der Leute hier?«

»Oh, ja – wenn Ihr meint, dass sie ihre Steuern an Grangor entrichten. Obwohl ich bezweifle, dass die ganze Ortschaft mehr als ein paar kümmerliche Dukaten im Jahr einbringt. Aber lieben müssen sie den Fürsten deshalb nicht. Die Menschen hier leben fernab der weiten Welt, und die steinige Erdkrume, die sie ihre Scholle nennen, ringt ihnen seit vielen Generationen Blut und Schweiß ab. Hier haben sich viele Bräuche erhalten, die uns seltsam erscheinen mögen. Wen wundert es, dass sie da nur auf sich selbst vertrauen? Nein, Herr – man wird uns gewiss nicht freundlich empfangen. Schon gar nicht jetzt, da die Menschen in Furcht vor diesem Bösen leben.«

»Einem eingebildeten Bösen!«, gab ich zu bedenken. »Nun, zumindest diesen Aberglauben werden wir ihnen mit Hesindes Segen nehmen können, Grimaldo! Ein unheiliger Schrecken – pah! Als ob es das bräuchte, um in einem Dorf wie diesem Furcht zu säen! Nein, mein alter Freund, die Menschen sind manchmal selbst Schrecknis genug, nicht wahr?«

Grimaldo schwieg nachdenklich. Inzwischen hatte der sich nähernde Trauerzug meine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen. Das ganze Dorf schien zusammengekommen zu sein. An der Spitze des Zugs schritt mit sorgenvoller Miene eine Frau mit langem Haar, das so weiß war wie frisch gefallener Schnee an einem klaren Morgen. Ihre wettergegerbte Haut bildete einen seltsamen Kontrast zur Zerbrechlichkeit ihres zarten Leibs. Ich hielt sie zunächst für eine Greisin, doch als sie sich näherte, erkannte ich, dass sie kaum mehr als vierzig oder fünfzig der allzu kurzen Sommer dieses rauen Landes erlebt haben konnte.

»Welches Schicksal«, so fragte Grimaldo leise, »konnte wohl eine Frau so sehr vor der Zeit altern lassen?«

An ihrer Tracht war sie leicht als Geweihte des Efferd zu erkennen: Ein Kleid aus blaugrün gefärbtem Flachs, das über und über mit Muschelschalen bestickt war, schlotterte um ihren schmalen Leib. In den schlanken Händen trug sie einen Krug. Sie setzte ihre Schritte mit Bedacht, um nicht etwas daraus zu verschütten. Als sie vorüberging, schenkte sie uns keine Beachtung.

Wenige Schritte hinter ihr folgte eine Gruppe von Dorfbewohnern, die eine Bahre auf ihren Schultern trugen. Der Wind zerrte an ihren Kleidern, wie er auch an den weißen Stoffbahnen zerrte, die den Leichnam auf der Bahre verhüllten. Plötzlich wehte eine Böe eines der Tücher davon und trug es hoch über das Heideland auf den Klippen. Mein Blick folgte dem weißen Stück Stoff, das sich in der Ferne verlor, ehe er sich unwillkürlich auf das bleiche Antlitz des Toten richtete. Bis zu jenem Tag hatte ich geglaubt, der Herr Boron würde den Sterbenden in ihren letzten Atemzügen Ruhe bringen, aber der Anblick des Toten über den Klippen belehrte mich eines Besseren.

Seine Züge waren verzerrt und im Tod zu einer Grimasse ungläubiger Furcht erstarrt. Nicht Schmerz schien aus ihnen zu sprechen, sondern vielmehr nackte Angst. Ein kalter Schauer lief über meinen Rücken. Fröstelnd zog ich den Mantel enger um mich. Die Männer und Frauen, die den Leichnam auf ihren Schultern trugen, weinten nicht. Stattdessen sprachen ihre Mienen von Verbitterung und Besorgnis. Sie hielten ihre Blicke fest auf den steinigen Pfad gerichtet, während sie sich Schritt für Schritt dem Boronanger auf der Spitze der Klippe näherten.

Der kalte Wind trieb graue Wolken über die Küste. Einige Regentropfen fielen, während die Prozession schweigend an uns vorüberzog. An ihrem Ende ging ein junges Mädchen. Es fiel mir nicht wegen der Mähne aus rotblonden Locken auf, die sein ernstes Gesicht umrahmte, sondern wegen der beschwingten Schritte, mit denen es weniger bergan ging, sondern gleichsam hüpfte. Als es an unseren Pferden vorübersprang, wandte es sich zu mir um und schenkte mir ein Lächeln, das dem tief hängenden Himmel zu spotten schien. Es hatte meergrüne Augen und entblößte lachend eine reizende Lücke zwischen den Schneidezähnen.

Mit einer galanten Verbeugung lüpfte ich meinen Federhut und schenkte ihm ein Lächeln, das, wie ich wohl sagen darf, noch bei keinem Mädchen seine Wirkung verfehlt hatte. Grimaldo neigte sich zu mir. »Meint Ihr, junger Herr, dass ein Begräbnis der rechte Rahmen ist, um einem Mädchen schöne Augen zu machen?«

Das Lächeln der rothaarigen Dorfschönheit hatte meine trüben Gedanken vertrieben. »Gewiss!«, antwortete ich also schelmisch. »Es gibt kaum Gelegenheiten, zu denen mehr junge Menschen zusammenkommen, die wild entschlossen sind, fröhlich zu sein, als Hochzeitsmahle und Begräbnisse.«

»Warum das?«, fragte mein Diener.

»Weil in beiden Fällen die Hinterbliebenen glücklich sind, dass ihnen das traurige Schicksal erspart blieb, das einen Anderen getroffen hat!«

»O schämt Euch, Geron, in Borons und Traviens Namen!«, rief Grimaldo aus, doch als er sein Pferd langsam hinter dem Begräbniszug hertrotten ließ, konnte ich sehen, dass der alte Haudegen milde lächelte.

Langsam wand sich die Prozession der hohen Klippe entgegen, an deren Spitze der Boronanger des Dorfs lag. Dies war, so erzählten mir die Fischer später, der einzige Ort in vielen Meilen Umkreis, an dem die Erdschicht dick genug war, um die Toten in ihren flachen Gräbern zu verscharren.

Einige Schritte abseits des Wegs befand sich ein ärmlicher Schrein. Auf den verwitterten Steinen, die zu niedrigen Mauern aufeinandergeschichtet waren, wuchsen dunkles Moos und ein wirres Muster von Flechten und Gräsern. Das Dach aus Torf war eingesunken und löchrig.

Steinerne Boronsräder säumten beide Seiten des Pfads. Die Prozession folgte ihm bis zu einer flachen Grube, die zwei Fischer mit Harken und Schaufeln bereits ausgehoben hatten. Die Dorfgemeinschaft versammelte sich um das Grab. Vorsichtig setzten die Träger ihre schwere Last ab und ließen den Leichnam in die Grube gleiten.

Während die Totengräber den Verstorbenen mit Erde bedeckten, nahm der Wind an Stärke und Kälte zu. Schließlich erhob die Efferd-Geweihte ihre dünne Stimme über das Rauschen des hohen Grases im Wind.

»Keiner von euch möchte glauben, dass sich in unserer Mitte ein Mörder befindet«, rief sie den Dorfbewohnern zu. »Niemand von euch verdächtigt seine Nachbarn, seine Kinder oder Eltern!«

Viele in der Versammlung schüttelten stumm die Köpfe.

»Ich lebe nun schon lange in Arlingen, und ich weiß, dass dieser Flecken Land zwischen Bergen und Meer von ehrlichen, aufrechten Menschen bewohnt wird. Nein, niemand von uns wäre zu solchen Gräueltaten fähig – kein Mensch, ja nicht einmal der gottloseste Ketzer würde die Hand zu solch grausamen Morden erheben! Und dennoch ist es geschehen. Dennoch tragen wir heute den neunten Menschen aus unserem Dorf zu Grabe, der auf schreckenerregende Art und Weise sein Leben verloren hat. Und wenn diese Verbrechen also kein Menschenwerk sind, dann kann uns auch kein Mensch, und käme er auch von weit her, davor bewahren!«

Die Geweihte warf einen hasserfüllten Blick in unsere Richtung. Mit aller Gelassenheit, die ich aufbringen konnte, erwiderte ich ihr Starren. Schließlich fuhr sie fort.

»In die Götter allein müssen wir unser Vertrauen setzen, meine Brüder und Schwestern! Denn wer außer den Erhabenen in Alveran kann uns vor dem Schrecken bewahren, der über uns gekommen ist?« Ein zustimmendes Raunen ging durch die Gemeinde. »Lasst uns also beten für die Seele des Verstorbenen, auf dass sie den Weg über das Nirgendmeer in Efferds Paradies finden möge.«

Die Geweihte erhob beschwörend die Arme und wendete sich in Richtung der bleigrauen See. »Herr des Meeres, einen Menschen wollen wir dir anempfehlen. Bitte für ihn bei deinem Bruder Boron, dem Herrn der Toten, und lass deine Gerechtigkeit den Urteilsspruch finden für diesen Deresohn. Möge Boron Raben ausschicken, seine rastlose Seele zu fangen. Möge Golgari sie führen vor Rethon, die Allwissende. Möge diese Seele nach deinem Urteil finden, wofür sie bestimmt ist.«

Dann zog sie ein Messer aus ihrem Gewand hervor und schnitt sich damit in die Hand. Sie ballte sie zur Faust und ließ einige Tropfen roten Blutes daraus hervorquellen und in den Krug tropfen, den sie vom Dorf zum Gräberfeld getragen hatte.

»Wir wollen nun«, so rief sie feierlich, »das Salz des Meeres mit dem Salz unseres Blutes vermischen, auf dass die Seele des Toten immer zum Meer finden möge. So ist es seit jeher Brauch in diesen Landen, und so soll es bleiben!«

Der Krug ging reihum, und jeder der Anwesenden gab einige Tropfen seines Blutes hinein. Einer der Fischer stimmte einen Gesang an, und kurz darauf fielen die anderen ein. Ihre rauen Stimmen klangen nach dem Wind im Heidekraut und nach der Brandung an den Felsen. Es war ein langes Lied, und ich konnte bloß einen kleinen Teil davon behalten. Die urtümlichen Worte entsprangen dem Dialekt jenes einsamen Landstrichs, und ich hatte Mühe, sie zu verstehen. Dennoch habe ich sie festgehalten, so gut es ging:

»Füllt mit mir den Krug zum Abschied voll.

Weiß ich auch nicht, wohin ich gehen soll.

Ich nehme mit mir Freud und Weh,

bis ich euch einst wiederseh’.«

Schließlich kehrte der Krug, angefüllt mit dem Blut der Dorfgemeinschaft, zurück in die Arme der Geweihten, die ihn über dem frischen Grab ausgoss. Der Gesang endete, und endlich begannen die Menschen zu weinen. Mit bitteren Tränen wiesen sie der Seele des Verstorbenen den Weg zum Meer.

Ungewollt flogen meine Gedanken fort. Sie ließen die raue Küste hinter sich, erhoben sich über das Meer und kehrten zurück in meine Heimat. Zurück an jenen Tag, als mein Vater mich, seinen einzigen Sohn, an sein Bett holen ließ, um mir zu eröffnen, dass er sterben würde.

Kapitel 2

Montacci an den Ufern des Phecadi,

1014 nach Bosparans Fall

Ich war damals alt genug, um über den Tod Bescheid zu wissen, aber zu jung, um ihn zu verstehen. Ich wusste nur, dass Vater fortgehen und ich ihn niemals wiedersehen würde. Meine kleinen Hände krallten sich in das Laken, das von Vaters kaltem Schweiß durchtränkt war. Ich weinte bitterlich. Der Schmerz in meiner schmalen Brust war umso tiefer, da ich wusste, dass nichts und niemand das Schicksal abwenden konnte.

Ich blickte mich in dem Dämmerlicht des Schlafgemachs um. Am Fußende des breiten Betts saß in einem hohen Sessel der Arzt, der meinen Vater längst aufgegeben hatte. Verborgen in den Schatten wartete ungerührt schweigend ein Diener Golgaris darauf, dass Vater seine Schuld beim Herrn der Toten beglich.

Mein Blick fiel auf den wuchtigen Schreibtisch, auf dem sich Pergamente und seltsame Gerätschaften stapelten. Eine Eidechse mit zwei Köpfen trieb in einem Glas, das mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt war. Ich wusste, dass die Kästen in Vaters Arbeitszimmer voll von obskuren Objekten wie diesem waren. Die Leute in der Umgebung erzählten sich flüsternd, dass der Herr von Montacci mit Dämonen im Bunde sei und unheilige Dinge in den Mauern unseres Hauses vor sich gingen. Vater hatte immer bloß über den Aberglauben der Bauern gelacht. An seiner Wissenschaft, so hatte er mir einmal erklärt, sei nicht das Geringste unheilig. Und dann hatte er mir eine Dose aus duftendem Holz und grüner Jade geschenkt, in deren Inneren eine Nadel aus Metall auf wunderbare Weise in Richtung der Mittagssonne wies, wohin man die Dose auch drehte und wendete.

»Das ist keine Magie«, hatte Vater zu mir gesagt, als meine Augen sich staunend geweitet hatten. »Nur das Wunder der Wirklichkeit!«

***

Während wir unsere Pferde auf dem gewundenen Pfad steil bergab nach Arlingen lenkten, tastete meine Hand unwillkürlich nach dem Kompass in meiner Tasche. Seit jenem Tag trug ich ihn ständig bei mir, wie einen Talisman, der mich an die Worte meines Vaters erinnern sollte. Auch als wir uns nass vom Regen dem Strand näherten, verweilten meine Gedanken immer noch in jenem Zimmer, an jenem Bett.

***

Die Dienerschaft lauschte aufgeregt wispernd an der Tür. Einzig Grimaldo, Vaters Kampfgefährte von einst, stand hinter mir. Er legte die Hand auf meine Schulter. Erstaunt blickte ich auf, als ich spürte, wie sein sonst so ruhiger Schwertarm zitterte. Tränen liefen über das narbige Gesicht des alternden Recken. Ich denke heute noch, dass es wohl keinen größeren Beweis für die Tugend und Gerechtigkeit eines Mannes gibt, als wenn seine Diener am Totenbett um ihn weinen.

Mühsam richtete Vater sich auf und legte eine verdorrte, kraftlose Hand unter mein Kinn. Ich konnte die Angst in seinen Augen sehen. Seine Stimme war ein Röcheln, als er sich an Grimaldo wandte. »Wenn ich zu Boron gegangen bin, wird mein Sohn ganz allein sein!«

Der Druck von Grimaldos Pranke auf meiner Schulter verstärkte sich. »Nein Herr, das wird er nicht!«

Ein erleichtertes Seufzen entrang sich Vaters Brust. »Ich danke dir, mein alter Freund.« Die Angst in den geliebten Augen wich jener gelassenen Ruhe, mit der Vater stets dem Unbekannten entgegengesehen hatte. Ein Aufatmen ging durch den todgeweihten Leib. Vater ließ sich auf das Laken zurücksinken.

»Nun geht!«, sagte er mit fester Stimme. »Lasst mich alleine – es wird Zeit, endlich zu schlafen.« Sein Blick fiel auf den schwarz bekutteten Boron-Geweihten, der bedrohlich schweigend an sein Bett trat. Mit sanfter Gewalt drängte Grimaldo mich aus dem Zimmer. Ich blickte nicht zurück.

Wir begruben Vater in der Gruft unserer Ahnen auf dem Boronanger des Dorfes, wo auch die Gebeine meine Mutter schon zur ewigen Ruhe gebettet worden waren, als ich noch nicht einmal laufen konnte.

Noch am selben Tag liefen die meisten Diener fort. Schaurige Gerüchte gingen um. Vater sei an der Keuche gestorben, an der Dämonenfäule oder noch Schlimmerem. Unser Haus sei verflucht, und wer es wagte, auch nur einen Fuß hineinzusetzen, der sei verdammt in den Augen der Götter.

Wir versuchten, die Ernte einzubringen, so gut es ging. Aber es war zu viel Arbeit für zu wenige Hände, und das Korn verfaulte auf den Feldern. Im Winter waren wir gezwungen, das Saatgut des nächsten Jahrs zu essen. Grimaldo verkaufte alles Wertvolle, das meine Familie besessen hatte, um Korn zu kaufen, aber die Händler in Grangor erkannten einen verzweifelten Mann, wenn sie einen sahen. Sie gaben uns nur wenig Gold für den Schmuck meiner Mutter und verlangten viel für die wenigen Säcke minderwertigen Saatguts, das wir im Frühjahr in karge Ackerfurchen streuten. Wenn ich am Abend von der Feldarbeit in mein verlassenes Elternhaus zurückkehrte, waren meine Glieder schwer wie Blei. Doch Grimaldo bestand auf einer täglichen Fechtlektion.

»Ich werde langsam alt«, brummte er. »Und ich will Euch beibringen, Euch zu wehren, solange mein Arm noch kräftig genug dafür ist.«

Ich lachte damals über solche Worte, denn Grimaldo erschien mir als der stärkste Mann der ganzen Welt. Ich bemerkte nicht, wie er jeden Morgen ächzend aus dem Bett kroch, wie sein Rücken jeden Tag etwas krummer wurde und wie er häufig beim Wasserlassen schmerzhaft das Gesicht verzerrte.

Er war mir ein gestrenger Lehrmeister und schonte mich nicht. Wenn ich dann müde von der Arbeit und mit blauen Flecken übersät die schwere Übungswaffe sinken ließ, kroch ich in Vaters Arbeitszimmer und las, bis ich beim Schein einer rauchigen Kerze endlich einschlief. Ich lernte die Welt aus Büchern kennen. Die Geheimnisse der Alchimie, die Geschichte des Bosparanischen Reichs, alles, selbst so verrufene Dinge wie theoretische Nekromantie oder die verbotene Magierphilosophie saugte ich auf wie ein Schwamm. Meine Neugier und mein Lerneifer kannten keine Grenzen.

Praiostags kamen Nachbarn aus der ganzen Grafschaft, adlige Damen und Herren allesamt, um scheinheilig nach meinem Befinden zu fragen und sich an unserem Elend zu weiden. Manche brachten blasse Töchter im heiratsfähigen Alter mit. Es war klar, dass sie es auf das Land meiner Familie abgesehen hatte. Grimaldo sagte ihnen, dass ich zu jung sei, um ans Heiraten zu denken.

Die Nachbarn kamen wieder und brachten anstelle ihrer Töchter Beutel voller Gold mit. Stets war es weniger, als das Land wert war.

»Bettler können es sich nicht leisten, wählerisch zu sein, junger Herr Geron!«, sagte einer von oben herab. Grimaldo setzte ihn vor die Tür.

Jeden Tag tränkten wir die Ackerfurchen und Weinberge mit unserem Schweiß. Jeden Tag wurden wir selbst mehr und mehr ein Teil des Landes, das wir unter so großen Mühen bestellten. Als ich mir bei der Arbeit im Obsthain in die Hand schnitt, troff das Rot meines Bluts in die Schwärze der Erde. Ich dachte nicht daran, die tiefe Wunde zu verbinden. Stattdessen starrte ich fasziniert auf das Blut, das von den Wurzeln des knorrigen Baumes aufgesogen wurde. Ein Teil von mir, so überlegte ich, würde in den reifen Perainäpfeln stecken, die wir bald von den Zweigen pflücken würden.

Eines Nachts wurde ich von Wiehern und Hufgetrappel geweckt. Ich schreckte hoch, ein aufgeschlagenes Buch fiel polternd von meinem Schoß zu Boden. Mit hämmerndem Herzen griff ich nach dem Schwert meines Vaters und wollte in den Hof stürzen. Kurz vor der Tür wurde ich von kräftigen Armen gepackt. Ich versuchte zu schreien, doch eine Hand legte sich über meinen Mund und erstickte jeden Laut.

»Ruhig, Herr!« Grimaldos Stimme war ein beschwörendes Flüstern. »Sie brennen bloß die Felder nieder. Wenn wir kämpfen, dann wird auch Eures Vaters Haus ein Raub der Flammen.«

Mein Blick fiel aus dem Fenster. Über die sanften Hügel unten am Fluss tanzten die Flammen. Vermummte Schemen bewegten sich in der Dunkelheit und schleuderten Feuer auf Felder und Weinberge. Die uralten Obstbäume zu beiden Seiten des Wegs Richtung Dorf brannten lichterloh. In stummer Pein reckten sie ihre verkohlten Äste in den schwarzen Nachthimmel.

Irgendwie gelang es mir, mich Grimaldos eisernem Griff zu entwinden. Ich stürmte in den verwilderten Garten, lief bloßfüßig zur Hofmauer und starrte auf das Inferno. Einer der vermummten Reiter zügelte sein Pferd. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, aber seine Augen schienen zu spotten. »Ihr hättet besser verkaufen sollen!«, lachte er hämisch und gab seinem Reittier die Sporen. Wiehernd stieg es hoch, dann verschwanden Ross und Reiter in der Dunkelheit.

Danach schufteten wir noch härter als je zuvor, aber die Früchte unserer Arbeit reichten kaum zum Überleben. Wir litten Hunger, weil ich nicht bereit war, Vaters Bücher zu verkaufen. Grimaldo nahm es schweigend hin, obwohl klar war, dass wir den Winter nicht überstehen konnten.

Abends las ich nicht mehr, sondern weinte mich in den Schlaf. Ich wurde krank. Dünn und ausgemergelt, wie ich war, konnte ich den Fieberkrämpfen kaum Widerstand leisten. Meine Träume waren wirr. Ich begann zu halluzinieren. Voll Entsetzen sah ich mich selbst, leichenblass und in weiße Leinentücher gehüllt, in die Gruft unserer Familie hinabsteigen, eine schwarze Totenkerze in den Händen.

»Geh nicht! Steig nicht hinab!«, wollte ich meinem Bild zurufen, aber kein Laut drang aus meiner zugeschnürten Kehle. Schweigend legte ich mich zwischen die bleichen Gebeine meiner Eltern und blies die Kerze aus.

In den wenigen Stunden, während ich bei klarem Verstand war, sah ich stets Grimaldo an meinem Bett wachen, der mir die schweißnasse Stirn mit einem Schwamm trocknete.

Eines Tages kam er in mein Zimmer und hob mich aus dem Bett. Er weinte, als er spürte, wie leicht ich geworden war. Unendlich vorsichtig trug er mich in den Hof, wo eine Kutsche wartete. Grimaldo bettete mich auf eine gepolsterte Bank und meinen Kopf in seinen Schoß. Holpernd fuhr die Kutsche an.

»Was geht hier vor?«, fragte ich mit heiserem Krächzen.

»Ich habe das Gut verkauft, Herr!«

Grimaldos Verrat erschien mir unerträglich. All die Wut, der ganze Hass und die Angst, die sich seit Vaters Tod in mir angestaut hatten, entluden sich. Mit der ganzen Kraft meiner ausgemergelten Arme schlug ich auf Grimaldo ein.

»Dazu hattest du kein Recht!«, schrie ich.

Er wehrte sich nicht. Wahrscheinlich spürte er meine Fäuste nicht einmal, schwach wie ich war.

Als meine Kräfte mich verließen, nahm er meinen halbtoten Leib schützend in seine Arme. »Ich habe Eurem Vater versprochen, auf Euch Acht zu geben, nicht auf Euer Land, junger Herr.«

Es beschämt mich, aber ich habe ihm nie dafür gedankt.

Kapitel 3

Methumis, 1014 nach Bosparans Fall

Keine drei Wochen waren vergangen, seit Grimaldo das Land meiner Familie verkauft und mich selbst mehr tot als lebendig in die Kutsche gelegt hatte, die uns polternd nach Grangor brachte. Ich dachte damals, ich könne mit der Schande nicht weiterleben, mein Erbe verloren, das Andenken meines Vaters beschmutzt zu haben. Aber ich war jung und ein Narr obendrein.

Mein Lebenswille kehrte zurück, als ich an Grimaldos Arm staunend über die Kanäle der Stadt am Meer wandelte. Ich ergötzte mich an dem bunten Treiben im Hafen, maß aufgeregt die Höhe der schwankenden Masten über den unzähligen Schiffen. Ich bewunderte ehrfurchtsvoll die Kontore der großen Handelshäuser, deren nüchterne Fassaden trotz aller zur Schau getragenen Bescheidenheit eine Aura von Macht und Reichtum ausströmten – mehr noch als die prunkvollen Palazzos der Patrizier.

Und als sich mein junger, unersättlicher Geist von Neuem zu regen begann, fand auch mein Körper langsam zu alter Stärke zurück. Gewiss war ich ausgemergelt und blass, als wir schließlich die Planken der KaravelleSankt Gullaranbetraten, die uns nach Süden tragen sollte. Doch Aufregung und Vorfreude erfüllten mich mit einem inneren Feuer, das mich nicht stillsitzen ließ.

»Ihr werdet studieren, Herr!«, hatte Grimaldo verkündet, nachdem ich mich einigermaßen erholt hatte. »An der neuen Universität von Methumis. Ihr werdet ein Gelehrter werden, wie Euer Vater!«

Ein Gelehrter wie mein Vater!Ich konnte es kaum erwarten, Grangor endlich zu verlassen. Das Gewirr der Kanäle, die tausend Gerüche und Geräusche erschienen mir mit einem Mal lästig, meine frühere Faszination dafür kindisch. Allzu gern hätte ich das Treiben auf der Stelle gegen den eifrigen Ernst einer Studierstube getauscht.

Als dieGullaranendlich ablegte, begann eine schwierige Zeit für Kapitän und Mannschaft, denn nichts konnte mich davon abhalten, sie unaufhörlich mit Fragen zu löchern.

»Welche Länder habt Ihr bereist? Seid Ihr jemals einem Zyklopen begegnet? Wie nennt man dieses Tau? Und wozu dient das hier? Aber wie ist es möglich, die Höhe der Sonne messen?«

»Gnade!«, riefen die Seeleute so manches Mal aus. »Ich will Euch doch alles erklären, junger Herr, aber wenn wir nicht bald dieses Segel setzen, werden wir an der Leeküste dort zerschellen!«

»Was ist denn eine Leeküste?«

Mein Wissensdurst kannte keine Grenzen. Es waren herrliche Tage unbeschwerter Reise für mich.

Wir erreichten Methumis bei Tagesanbruch. DieSankt Gullaranwar des Nächtens gesegelt – ungewöhnlich für ein einfaches Handelsschiff, das keine dringendere Ladung hatte als Wolltuche aus dem Norden, aber wir befanden uns in den Heimatgewässern der Karavelle. Kapitän und Mannschaft kannten diese Küste wie ihre Westentasche, sodass sie Gezeiten und Untiefen nicht zu fürchten brauchten.

Mit dem letzten Schub der nachlassenden Flut glitten wir in den Hafen hinein. Grimaldo und ich standen an der Reling und spähten angestrengt in den Morgennebel. Schließlich schälte sich die Stadt zwischen Onjet und dem Meer der Sieben Winde aus dem weißen Wabern.

Ein seltsamer, würziger Duft lag über dem Wasser. Neugierig sog ich die Luft ein, ohne den betäubenden Duft einordnen zu können. Erst später sollte ich herausfinden, dass dies der Geruch der Tabakfelder war, die die Stadt umgaben und sich meilenweit in alle Himmelsrichtungen erstreckten.

»Seht, Herr!«, rief Grimaldo aus, als sich der Nebel unter dem Einfluss der aufgehenden Sonne schnell lichtete. »Das sind die berühmten Bunten Mauern von Methumis.«

Über hunderte Schritt erstreckten sich Gemälde von außergewöhnlicher Farbenpracht entlang der Stadtmauern. Da waren Kaiser und Könige hoch zu Ross, berühmte Heroen mit blitzenden Schwertern neben Darstellungen einfacher Handwerker oder Fischer bei der Arbeit. Das Leuchten der Farben und die gewaltigen Ausmaße des Kunstwerks verschlugen mir den Atem.

Staunend wandte ich mich an Grimaldo: »Aber warum sollte jemand all die Mühe darauf verwenden, ein solches Wunderwerk an die Außenseite der Stadtmauern zu malen? Sollte die Stadt jemals belagert werden, dann würde all das doch gewiss zerstört!«

Grimaldo zuckte mit den Schultern. »Herzog Eolan von Methumis steht treu zum Kaiserhaus. Und die Kaiserin selbst hält ihre Hand schützend über die Stadt. Außerdem ist der Herzog zwar berühmt als großzügiger Förderer der Schönen Künste und der Wissenschaft, aber er ist deutlich weniger machtbewusst als unser Fürst in Grangor. Er hat auch deutlicher weniger Feinde. Methumis ist ein friedlicher Ort, und die Menschen lieben ihren Fürsten. Es heißt, dass er häufig unbewaffnet und ohne Leibgarde durch die Straßen spaziert, stellt Euch das vor, Geron!«

Ja, ich stellte es mir vor. Ich malte mir aus, wie mein Leben in einer Stadt wie dieser aussehen würde, und ich wollte nichts mehr, als hier zu lernen und zu studieren.

Es war mein Glück, dass dieSankt Gullaraneinen Liegeplatz direkt an der Hafenmole ansteuerte, denn sobald ihre Planken die Kaimauer berührten, sprang ich von Bord und stürzte mich ins Gedränge, sodass Grimaldo die größte Mühe hatte, mir auf den Fersen zu bleiben.

Mit klopfendem Herzen eilte, nein, rannte ich die nächstbeste Gasse entlang, ohne auf Grimaldos Rufe zu hören. Aus einer offenen Ladentür drang eine betörende Duftwolke auf die schmale Gasse hinaus. Neugierig blieb ich stehen. Im Dämmerlicht des Innenraums standen auf hohen Regalen aufgereiht unzählige Fläschchen aus glitzerndem Kristallglas. Die Frau hinter dem Verkaufstresen lächelte freundlich.

»Möchtet Ihr etwas kaufen? Etwas Rosenöl vielleicht? Ein Mittel gegen die Gicht? Man kann nicht früh genug beginnen, sich dagegen zu wappnen! Oder ein Lavendelwasser nach geheimer Rezeptur? Die jungen Mädchen werden den Duft lieben, das verspreche ich Euch!«

Ich schüttelte den Kopf. »Heute nicht, danke! Aber sagt: Wo finde ich die Universität?«

»Welchen Teil der Universität meint Ihr?«

Ich blickte ratlos drein. »Gibt es denn mehrere?«

»Aber gewiss!«, lachte die Alchimistin. »Die Hesindeschule, die Nandus- und die Praiosschule und viele, viele mehr. Aber da Ihr ein neuer Studiosus zu sein scheint, begebt Ihr Euch wohl am besten zuerst zur Horasschule am Campus. Dort könnt Ihr Euch einschreiben lassen.«

»Und wo ist das?«

»Geht nach links und dann immer weiter geradeaus, am Alten Castello, dem Herzogenschloss vorbei, dann kommt Ihr zum Malurer Tor. Der Campus liegt vor der Stadt, das Gebäude zu Eurer Rechten ist die Horasschule.«

»Habt tausend Dank!«, sagte ich und stürzte hinaus in die Gasse, wo eben Grimaldo unter dem Gewicht unseres Gepäcks stöhnend angekommen war.

»Nun beeil dich doch!«, rief ich. »Wir müssen schnellstens zur Horasschule vor der Stadt, ehe …«

»Ehe was, Herr Geron? Die Studienplätze alle belegt sind?«

Eine plötzliche Panik stieg in mir hoch. »Ist das denn möglich?«

»Ich glaube kaum. Ihr seid ja plötzlich leichenblass, Herr – keine Sorge, ich habe bloß gescherzt. Aber lasst mich Euch einen Vorschlag machen: Warum lauft Ihr nicht vor und gönnt einem alten Mann eine kleine Pause?« Grimaldos sehnsüchtiger Blick wanderte zu einer Schenke, die einige Schritt entfernt mit einem bunten Wirtshausschild lockte.

»Abgemacht!«, rief ich und war schon um die nächste Ecke. Das Herzogenschloss war ein wuchtiges Gebäude, über dem ein ehrfurchtgebietender Turm aufragte. Ich beschloss, eine genauere Besichtigung auf einen anderen Tag zu verschieben, und wollte eben weiterlaufen, als plötzlich eine silberhelle Melodie erklang. Staunend hielt ich inne und reckte den Hals, um die Quelle dieser Musik zu erspähen. Schließlich fragte ich einen gewichtigen Händler danach. Er wischte sich mit dicken, juwelenbesetzten Fingern den Schweiß von der Stirn, der sich dort trotz der morgendlichen Kühle angesammelt hatte.

»Das?«, antwortete er gelangweilt. »Das ist bloß das Glockenspiel im Großen Thion, dem Klotz da.« Sein ausgestreckter Arm deutete auf den Turm. »Das Gebimmel kann einem ganz gewaltig auf die Nerven gehen, wenn man es tagein, tagaus zu jeder Stunde hören muss, das kann ich Euch sagen! Mein Laden ist nämlich gleich um die Ecke, müsst Ihr wissen. Ich nehme nicht an, dass ich Euch für einen goldenen Spiegel oder einen brokatenen Wandvorhang begeistern kann? Nein? Na, macht nichts!«

In dieser Stadt schienen sich die Menschen über Wunder nicht allzu viele Gedanken zu machen! Erstaunt eilte ich weiter, schoss durch das Stadttor nach draußen und erblickte keine hundert Schritt entfernt einen prachtvollen Gebäudekomplex. Dem Rat der Alchimistin folgend, wandte ich mich nach rechts, durchquerte ein offenes Tor und fand mich in einer anderen Welt wieder.

Durch schattige Höfe wandelten ohne Hast Grüppchen von jungen Leuten mit tintenschwarzen Fingern und Pergamenten unter dem Arm. Hie und da erblickte ich einen würdigen Herrn oder eine ergraute Dame im Talar, die mit den Studiosi zu plaudern schienen. Einer hielt gar ein Schläfchen unter den Zweigen einer jungen Bosparanie und schnarchte vernehmlich. Eine Gruppe von drei geckenhaft gekleideten Studenten machte sich einen Spaß daraus, Kirschkerne nach dem schlafenden Magister zu spucken.

Mit offenem Mund betrachtete ich die Szenerie. Schließlich wurden die drei Gecken auf mich aufmerksam.

»Seht mal!«, rief einer. »Schon wieder so ein armer Schlucker vom Lande!«

»Heda!«, prustete ein anderer. »Wo hast du dein Vieh gelassen?«

Die drei schüttelten sich vor Lachen. Beschämt blickte ich an mir hinunter. Ich trug doch meinen besten Rock! Gewiss, an den Ellenbogen war der Stoff schon ziemlich durchgescheuert und von den versilberten Knöpfen waren auch nicht mehr alle da, aberarmer Schlucker vom Lande? Das ging zu weit! Meine Hand tastete nach dem Schwertgriff, als mir Grimaldos erste Fechtlektion einfiel: »Ein Ehrenmann zieht sein Schwert nur, wenn er es auch benutzen möchte. Und benutzen sollte er es nur, wenn er einen klaren Kopf hat, niemals aber im Zorn. Denn nur ein besonnener Mann kann seinen Gegner richtig einschätzen und seinen Vorteil erkennen.«

Ich ließ also die Waffe stecken und schritt erhobenen Hauptes an den Gecken vorbei, während in meinem Innersten die Beleidigung brannte wie glühendes Eisen.Wartet nur, euer Tag kommt auch noch!

Wahllos öffnete ich eine Tür, um außer Sicht zu gelangen. Eine Schreiberin blickte mich aus misstrauisch zusammengekniffenen Augen an. »Was wollt Ihr? Einschreiben könnt Ihr Euch am Ende des Gangs!«

Ich lächelte ob dieses unerwarteten Glücksfalls und machte mich davon. In einer ganz ähnlichen Schreibstube saß hinter einem ähnlichen Tisch ein dürres Männlein mit spitzer Nase, die der Schreiber pikiert rümpfte, als ich eintrat.

Er hob abwehrend die Hand, als ich sprechen wollte. »Nein, sagt nichts! Ihr seid der Herr Soundso von und zu Ichweißnichtwas, und Ihr seid von weit her gekommen, um diese Institution mit eurem messerscharfen Verstand zu erhellen und endlich als Gelehrter den Ruhm zu erlangen, der Euch zusteht. Habe ich recht?«

Ich räusperte mich verlegen. »Nun ja, ich möchte mich einschreiben.«

»Eben, wie ich sagte!« Er tunkte eine Feder ins Tintenfass auf dem Tisch und entrollte ein dicht beschriebenes Pergament. »Name?«, fragte er.

»Ich bin Cavalliere Geron di Montacci«, antwortete ich mit stolzgeschwellter Brust. Die Beleidigung durch die drei Gecken bohrte immer noch in mir, als meinen Namen und Titel nannte.

»Schön!«, antwortete der Schreiber. »Ihr könnt Euch offiziell Studiosus nennen, sobald Ihr die Studiengebühren entrichtet habt.«

Das war unangenehm, aber nicht überraschend. Ich machte mir jedoch keine Sorgen, denn wenn Grimaldo auch gezwungen gewesen war, mein Land weit unter Wert zu verkaufen, so befand sich doch ein kleines Vermögen in unserer Reiseschatulle.

»Wie hoch sind denn die Gebühren?«, fragte ich vorsichtshalber.

»Zweihundertfünfzig Dukaten.«

Ich merkte, wie ich erblasste. Das war beinahe die Hälfte meines Vermögens. Da würde Grimaldo und mir in den nächsten Jahren nicht viel zum Leben bleiben. Aber wir waren es gewohnt, den Gürtel eng zu schnallen.

»Pro Jahr!«, fuhr der Schreiber fort. »Zuzüglich dreißig Dukaten jedes Trimester für ein Zimmer auf dem Campus.«

Ich stand wie vom Donner gerührt. Auf diese Art und Weise würden meine Ersparnisse binnen eines Jahres aufgebraucht sein, selbst wenn wir nur von Brot und Dünnbier lebten.

»D-d-das ist aber viel zu teuer! Ich kann mir das unmöglich leisten!«

»Dann werdet Ihr Euch ein Zimmer irgendwo im Hafenviertel nehmen müssen. Und Ihr könnt ja für Euren Lebensunterhalt arbeiten. Ich weiß, für Euch adelige Herrchen ist das schwer zu verstehen.« Der Schreiber schnaubte verächtlich.

Nun aber platzte mir beinahe der Kragen. Ich wusste wohl besser als dieser elende Mickerling, was schwere Arbeit bedeutete.

»Hütet besser Eure Zunge!«, fauchte ich. »Ihr scheint mich mit irgendeinem verwöhnten Bengel zu verwechseln. Euer Glück, dass Ihr nicht von Stand seid, sonst würde ich Euch zum Zweikampf fordern und auf der Stelle fünfzehn Finger Stahl in Euren Bauch bohren! Gehabt Euch wohl, und sucht Eure Manieren, während ich das Gold hole. Irgendwo hier müsst Ihr sie verloren haben!«

Krachend fiel die Tür hinter mir ins Schloss. Schnellen Schrittes durchquerte ich den Innenhof. Die drei Gecken, erfreut, das zuvor entflohene Ziel ihres Spottes wieder auftauchen zu sehen, begannen vergnügt zu johlen. Ich aber warf einen derart drohenden Blick in ihre Richtung, dass einer von ihnen sich an einem Kirschkern verschluckte und vor Schreck rücklings von der niedrigen Mauer fiel, auf der sie herumlungerten. Daraufhin brachen seine Kumpane in schallendes Gelächter aus, das endlich sogar den dösenden Magister weckte.

Der unglückliche Gefallene sprang mit hochrotem Gesicht auf und schüttelte drohend die Faust gegen mich. Mir war es gleich. Ich hatte Schlimmeres durchgemacht und es überstanden. Weder Spott noch Geldsorgen würden mich davon abhalten zu studieren!

Kapitel 4

Arlingen, 1030 nach Bosparans Fall

Grimaldo sollte recht behalten, was die Abneigung der Dorfbewohner Fremden gegenüber betraf. Während wir unsere Pferde zwischen den ärmlichen Hütten hindurchführten, spürte ich die Blicke der Fischer in meinem Nacken. Ein bohrender Hass, der mehr war als bloßes Misstrauen, lag in dem fischäugigen Starren, mit dem sie jeden unserer Schritte verfolgten.

Die sinkende Sonne warf lange Schatten über Arlingen. Ihr fahles Licht beleuchtete einen knochenweißen Kiesstrand, auf dem, gestützt von morschen Pfählen, die Behausungen der Fischer balancierten. Am Rand des Dorfes ragten senkrechte Klippen auf wie die Wälle einer riesenhaften Festung oder eher noch die Mauern eines feuchten Kerkers. Denn trocken blieben in Arlingen kein Stein, kein Haus und auch kein Mensch. Selbst bei klarem Himmel trug der stetige Wind einen salzigen Sprühnebel vom Meer über den Strand, der das Dorf und seine Bewohner in einen immer feuchten Schleier hüllte.

Grimaldo und ich lenkten unsere Schritte auf das einzige Haus zu, aus dessen Schornstein – eigentlich war es eher ein kreisrundes Loch im modrigen Dach – öliger, schwarzer Qualm aufstieg. Dort, so dachten wir, musste es ein Herdfeuer geben, und wo ein Feuer war, da wurde vielleicht gekocht. Der Kies knirschte unter den Hufen unserer Pferde, als wir uns der Hütte näherten. Über dem Eingang hing ein verblichenes Schild, das einen überschäumenden Bierkrug zeigte. Eine glückliche Fügung hatte uns den Weg zum Wirtshaus des Dorfes gewiesen.

Beim Eintreten mussten wir die Köpfe einziehen. Nachdem wir uns durch den schmalen Türrahmen aus dunklem Holz gezwängt hatten, standen Grimaldo und ich in der Enge der Wirtsstube. Unsere Augen brauchten eine Weile, um sich an die rauchige Düsternis im Inneren zu gewöhnen. Es gab nicht viel zu sehen: ein langer Tisch mit niedrigen Bänken, ein Tresen, auf dem sich Becher und Schüsseln aus Holz stapelten, in der Ecke ein Kochfeuer, das den Raum mit Qualm füllte.

Das Wirtshaus war gut besucht. Auf den Bänken hockten, dicht zusammengedrängt, Schulter an Schulter die Dorfbewohner über ihren Bechern. Ein Mann mit fleckiger Schürze – offenbar der Wirt – verteilte Fischsuppe mit einer Schöpfkelle. Hinter dem Tresen stand eine Frau und zapfte Bier aus einem großen Fass in einen Krug.

Als wir eintraten, verstummten mit einem Schlag die Gespräche. Eine feindselige, lauernde Stille kehrte ein, in der das Knacken des Feuerholzes plötzlich unnatürlich laut erschien. Ich schritt zum Tresen.