DSA 127: Rabenkind - Gerrit Harm - E-Book
Beschreibung

Erst vor wenigen Jahren sind die Einwohner in das kleine Dorf Dunkelbach zurückgekehrt, nachdem es in den Orkkriegen niedergebrannt wurde. Alles scheint sich prächtig zu entwickeln, doch niemand ahnt, welches finstere Geheimnis im Haus des verschwundenen Dorfmagiers schlummert. Was aber, wenn sich zwei Magier zusammentun, um diesen machtvollen Ort für ihre skrupellosen Pläne zu nutzen? Was, wenn ihnen das Leben der ahnungslosen Dorfbewohner gleichgültig ist? Wenn sie sie gar bereitwillig für ihre Pläne opfern? Das Schicksal des Dorfes scheint besiegelt. Doch die beiden Zauberer sind nicht die Einzigen, die der Sommerwind in jenen Tagen im Rahja hierher geweht hat. Kann der Golgarit, der den Posten des hiesigen Geweihten übernehmen soll, das Blatt noch wenden?

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Biografie

Gerrit Harm, Jahrgang ›82, ist gebürtiger Schleswig-Holsteiner. Nach dem Zivildienst studierte er in Braunschweig an der Technischen Universität Carolo-Wilhelmina zunächst Informatik, wechselte dann jedoch zu den Geisteswissenschaftlern und schloss das Studium schließlich mit einem Master of Education ab. Heute lebt und arbeitet er als Grundschullehrer in Berlin.

Seine Leidenschaft für Das Schwarze Auge entstand bereits Mitte der 90er und setzt sich ungebrochen bis heute fort. Mit Rabenkind erscheint sein erster Roman.

Titel

Gerrit Harm

Rabenkind

Ein Roman in der Welt von Das Schwarze Auge©

Originalausgabe

Impressum

Ulisses SpieleBand 11064EPUB

Titelbild: Arndt DrechslerAventurienkarte: Ralph HlawatschLektorat: Florian Don-SchauenBuchgestaltung: Ralf BerszuckE-Book-Gestaltung: Michael Mingers

Copyright ©2012 by Ulisses Spiele GmbH, Waldems. DAS SCHWARZE AUGE, AVENTURIEN, DERE, MYRANOR, RIESLAND, THARUN und UTHURIA sind eingetragene Marken der Significant GbR. Alle Rechte von Ulisses Spiele GmbH vorbehalten.

Titel und Inhalte dieses Werkes sind urheberrechtlich geschützt.

Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Bearbeitung, Verarbeitung, Verbreitung und Vervielfältigung des Werkes in jedweder Form, insbesondere die Vervielfältigung auf photomechanischem, elektronischem oder ähnlichem Weg, sind nur mit schriftlicher Genehmigung der Ulisses Spiele GmbH, Waldems, gestattet.

Print-ISBN 978-3-89064-147-8E-Book-ISBN 978-3-86889-642-8

Dankesworte

Es sei gedankt ...Gedankt sei den Recken vom grauen Berg,denn mit ihnen wurde der erste Stein gelegt.Gedankt sei den Helden der Löwenstadt,denn sie haben das Feuer am Leben gehalten.Gedankt sei Marvin, Tina und Christian,denn ohne sie wäre ich nicht so weit gekommen.Gedankt sei allen fleißigen Helfern,die ihren Teil zu diesem Buch beigetragen haben.Gedankt sei allen Lesern und Spielern,denn ohne sie hätte das Schreiben keinen Sinn.Euch allen sei gedankt.

Prolog

Kaltes Wasser tropfte von der niedrigen Decke. Mit einem stumpfen Geräusch schlugen die Tropfen in einem endlosen Rhythmus auf den schmutzigen Steinboden und zerplatzten in alle Richtungen.

Überall auf den großen, schwarzen Platten, die den Boden der kleinen Kammer bedeckten, lagen schimmliges Stroh und menschlicher Unrat. Es stank erbärmlich. Die Wände waren überzogen von blassen Flechten, die sich rau und schleimig zugleich anfühlten. Die Decke war wie die Wände gemauert und in keinem besseren Zustand als der Rest der Zelle.

Eine kleine Tür aus einfachem, stabilem Holz hing in schweren, eisernen Scharnieren und passte sich beinahe perfekt in den einzigen Zugang zu der Kammer ein, nur an ihrem unteren Rand war ein schmaler, unregelmäßiger Spalt geblieben. Immer, wenn eine Wache mit einer Fackel über den Gang dahinter schritt, fiel hier ein wenig Licht in die kleine Zelle. Sonst war es in dem fensterlosen Raum finster wie in schwärzester Nacht.

Jeden Tag war es finster.

Jeden Monat.

Jedes Jahr.

Immer.

In einer Ecke saß ein hagerer, alter Mann. Er war in einen schmutzigen Umhang gehüllt, der einstmals von roter Farbe gewesen sein musste. Jetzt allerdings war davon nicht mehr viel zu erkennen.

Das bärtige Gesicht verbarg der Mann in den dünnen Armen. In dieser Haltung verbrachte er viel Zeit.

An Händen und Füßen trug er eiserne Ketten. Breite Schellen umschlossen unbarmherzig seine schwachen Gelenke und waren mit dicken Gliedern verbunden. Den alten Mann quälte das Gewicht seiner Fesseln. Dennoch versuchte er, sich so viel wie möglich zu bewegen, um nicht alle Kraft zu verlieren. Oft legte er sich auch flach vor die Tür, um ein wenig frischere Luft und etwas mehr Licht zu erhaschen. Jede Abwechslung war willkommen, und der Wechsel von dunkel zu hell tat seinen Augen gut.

Sehnsüchtig bangte er jenen Momenten entgegen, in denen die Wachen mit ihren schweren Stiefeln näher kamen, um an seiner Zelle vorüberzugehen. Er vernahm ihre rauen Stimmen, das Rasseln ihrer Waffen und Rüstungen, noch bevor das Licht ihrer Fackeln den kleinen Spalt unter seiner Tür erreichte. Doch diese Besuche waren nicht häufig. Und auch Essen brachte man ihm alles andere als regelmäßig. Er litt Hunger. Aber wer auch immer für seine Festsetzung verantwortlich war, hatte offenbar nicht vor, ihn daran sterben zu lassen.

Der alte Mann wusste schon lange nicht mehr, wie viel Zeit seit seiner Verschleppung vergangen war. Am Anfang hatte er noch ständig protestiert und immer wieder verlangt, mit jemandem in verantwortlicher Position zu sprechen. Doch nach einigen Wochen hatte er aufgegeben.

Kurz darauf war er mehrere Male mit verbundenen Augen aus seiner Zelle geholt und irgendwelchen Unbekannten vorgeführt worden. Dabei wurde stets in einer fremden Sprache gesprochen. Er hatte nur ein paar Worte verstehen können, die er aus anderen Zungen ableitete. Aber es hatte gereicht, um zu wissen, dass man sich über ihn unterhielt. Auch der Tonfall schien ihm eindeutig: Die Anwesenden sprachen von ihm wie von einem Ding, einem Tier. Ein paar seiner Peiniger beherrschten allerdings auch seine Sprache und hatten sich einen eigenen Namen für ihn einfallen lassen.

Mittlerweile hatte er sogar diese Beleidigung vergessen. Zu lange war es her, dass man ihn aus seiner Zelle geholt hatte. Über die Zeit hatte er sogar seinen richtigen Namen vergessen, er konnte sich kaum noch an sein früheres Leben erinnern.

Immer wieder spürte der er, wie der Wahn an die Tür seines Geistes klopfte. Er konnte nicht sagen, wie lange der Riegel noch halten würde. Es wirkte jetzt, nach ungezählten Jahren, als habe man kein Interesse mehr an ihm, als kümmere seine Existenz niemanden mehr in dieser Welt. Doch das konnte nicht sein. Warum sollte man ihn dann weiterhin derart lange durchfüttern? Und das noch in so schweren Zeiten.

›Schwere Zeiten‹, dachte der alte Mann. ›Ob der Krieg schon vorüber ist? Und wenn ja, wer hat gesiegt? Haben die Schwarzpelze tatsächlich die kaiserlichen Armeen bezwingen und das Mittelreich überrennen können?‹

Immer wieder stellte er sich diese Fragen und fand natürlich keine Antworten darauf. Dennoch malte er sich aus, was für Konsequenzen unterschiedliche politische Entwicklungen für ihn haben würden. Es gab viele denkbare Möglichkeiten, und so halfen ihm die Gedankenspiele, den Verstand nicht völlig zu verlieren.

Gerade hatte er sich über Stunden einen neuen möglichen Gang der Dinge erdacht, da wurde die Tür zu seiner Zelle plötzlich aufgerissen.

Dieses Mal war er derart in seinen Überlegungen versunken gewesen, dass er die Wachen nicht hatte kommen hören. Er wurde so brutal aus seinen Gedanken gerissen, dass ihm beinahe das Herz stehen blieb. Keuchend hielt er sich die Brust.

Wie blind starrte er auf das leuchtende Rechteck in der schwarzen Wand. Es dauerte eine ganze Weile, bis er die Umrisse einer Person erkennen konnte, die dort stand und auf ihn herabsah. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte er, klarer zu sehen. Noch immer stand sie in der Tür und schien auf etwas zu warten. Sie war sehr groß, ungewöhnlich groß. Die Schultern jedoch waren schmaler als bei den anderen Wachen, und die Silhouette zeigte eine deutliche Taille. Die Umrisse mehrerer Waffen komplettierten das Bild einer Kriegerin.

Der Gefangene kannte alle Wachen. Er wusste ihre Namen nicht, aber er hatte sich gemerkt, wie sie gingen, wie sie sprachen und vor allem – wie sie rochen. Diese jedoch, da war er sich sicher, war neu. Noch nie war sie hier unten gewesen.

Misstrauisch legte er die Stirn in Falten. »Was wollt Ihr von mir?«, fragte er mit krächzender, kraftloser Stimme. »Wer seid Ihr?«

Höhnisches Lachen kam zur Antwort. Jetzt drängten sich zwei weitere Gestalten an der ersten vorbei in den niedrigen Raum. Sie waren kleiner, schienen aber noch kräftiger zu sein. Eindeutig erkannte der alte Mann den Gestank der Wachen.

Schnell waren sie neben ihm und rissen ihn unsanft hoch. Er hatte nicht die Kraft, sich zu wehren. Als er unsicher auf seinen schwachen Beinen stand, zog eine von ihnen ein großes Schlüsselbund vom Gürtel. Unsanft griff sie nach den Ketten und öffnete die Schellen an Händen und Füßen. Schwer fielen die Eisen zu Boden.

Der alte Mann spürte, wie ihm die Glieder leichter wurden, jetzt, da das Gewicht der Fesseln fort war. Seine Muskeln, die er so lange mühsam am Leben gehalten hatte, zuckten, als wollten sie ihn zur sofortigen Flucht auffordern. Ein angenehmes und gleichzeitig schmerzhaftes Kribbeln wollte sich ausbreiten, als sein Blut aufgewühlt durch seine Adern floss. Doch noch bevor er die neue Freiheit richtig begriff, hatten grobe Hände ihm erneut Fesseln angelegt. Die Wachen banden ihm die Hände mit einer ledernen Schnur auf den Rücken. Die Füße ließen sie frei.

Wenig später stießen sie ihren Gefangenen aus der Zelle. Das erste Mal seit Jahren betraten seine nackten Füße etwas anderes als den kalten, glitschigen Boden seines Gefängnisses. Unzählige Sinneseindrücke überfluteten seinen Geist und machten ihn unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Er begriff kaum, welchen Weg sie nahmen, noch, woran er vorbeischritt. All die Jahre hatte er sich gefragt, wohin man ihn verschleppt hatte und warum. Und jetzt, da er die Möglichkeit hatte, endlich zu sehen, wo er gefangen gehalten wurde, versagte ihm der Verstand den Dienst.

Plötzlich trat er ins Freie. Wie ein Schlag traf ihn die kalte Luft, die unzählige Gerüche und Geräusche verwirrten seinen Geist. Geblendet von der gnadenlosen Helligkeit der vielen Fackeln und Laternen stolperte er weiter. Wäre es nicht tief in der Nacht gewesen, der alte Mann hätte um sein Augenlicht bangen müssen.

Immer wieder stießen ihn die Wachen vorwärts, und mehr als einmal fiel er dabei zu Boden. Beim letzten Sturz landete er mit dem Gesicht mitten in einer übel riechenden Pfütze. Für einen Moment packte ihn panische Angst zu ertrinken. Das Gefühl von Wasser auf der Haut war so erschreckend unbekannt, dass es ihn beinahe wahnsinnig machte. Er zappelte nach Leibeskräften und versuchte sich zu drehen. Dreckiges Wasser drang in Mund und Nase. Schwarze Flecken tanzten ihm vor den Augen, und erst im letzten Moment packte ihn eine kräftige Pranke am Kopf und riss ihn heraus. Während er hustend mit der Bewusstlosigkeit rang, erklang um ihn herum höhnisches Lachen aus einem guten Dutzend Kehlen. Dann wurde er weitergezerrt.

Nur langsam gewöhnten sich seine Augen an die neue Umgebung. Er erblickte hölzerne Hütten, schlammige Wege und überall Bewaffnete. Einige Wachen erkannte er wieder, doch die meisten der Männer und Frauen hatte er noch nie zuvor gesehen. Sie standen am Rand eines Wegs und blickten ihn mit einem Ausdruck an, den er nicht deuten konnte. War es Verachtung? War es Neugier?

Immer weiter durch dieses Dorf oder diese Stadt führten ihn die Wachen, bis sie schließlich an einem hölzernen Stadttor angelangt waren. Es war aus mächtigen Stämmen gefertigt und mit eisernen Beschlägen verstärkt worden. Über und vor diesem Bollwerk standen weitere Bewaffnete.

Der alte Mann ließ seinen Blick nach oben wandern. Über ihm funkelten tausende Sterne am klaren Himmel. Was für ein herrlicher Anblick! Es sah aus, als habe jemand einen tiefblauen Samtumhang mit funkelnden Edelsteinen verziert und ihn über die Welt gelegt.

Der Alte hatte früher einmal gelernt, wie man am Stand der Sterne seine Position erkennen konnte. Doch dafür hätte es mehr Zeit, einen Sextanten und einen klaren Verstand gebraucht. Jetzt war er zu nichts mehr in der Lage, als stumpf nach oben zu starren und sich an der Schönheit der Schöpfung zu erfreuen.

Im nächsten Moment vernahm er ein lautes Knarren, und das Tor schwang nach innen auf. Zusammen mit den beiden Wachen und der Unbekannten schritt er hindurch. Träge fiel das Tor hinter ihnen wieder zu.

Vor ihnen erstreckte sich eine weite Landschaft. Die Stadt lag auf einem sanften Hügel, umgeben von hohem Grasland. Rechts und links neben dem Tor standen Feuerschalen und erhellten die Umgebung. Nicht weit entfernt begann ein dichter Wald, und am Horizont waren die Umrisse eines nicht allzu fernen Gebirges zu erkennen.

Doch auch dieses Mal ließen die Wachen dem Alten kaum Zeit, sich zu orientieren. Während einer der Männer eine Fackel entzündete, packte die Kriegerin ihren Gefangenen und drehte ihn zu sich. Mit der Linken zwang sie ihn, den Mund zu öffnen. Er war noch zu verwirrt und schwach, um sich zu wehren. Im nächsten Augenblick goss sie ihm eine übelschmeckende Flüssigkeit in den Rachen. Er hustete heftig und hatte für einen Moment Angst zu ersticken. Doch dann spürte er, wie die Substanz seine Kehle herabfloss. Sie fühlte sich warm an.

Die Kriegerin betrachtete ihn noch kurz, dann drehte sie sich um. Eine Wache stieß den Alten vorwärts. Sie setzten ihren Weg zielstrebig fort, und bald tauchte die Gruppe in den nahen Wald ein. Schlagartig wurde es wieder dunkler. Es erinnerte ihn an seine Zelle. Ein seltsames Gefühl von Geborgenheit umfing ihn. Die feuchte Luft schmeichelte seiner Haut und nahm ihm einen Teil seiner Verwirrung. Jetzt, wo Ruhe die vier Gestalten umfing und er nur noch die Schritte und das Atmen seiner Begleiter vernahm, erholte sich sein Geist rasch. Langsam keimte in ihm die Frage, was sie eigentlich von ihm wollten. Warum wurde er jetzt aus seiner Zelle geholt und in den Wald geführt? Es sollte nicht lange dauern, bis er eine Antwort auf seine Fragen bekam.

Er spürte, wie seine Muskeln immer mehr ihrer alten Kraft zurückgewannen. Trotz seiner Bemühungen während der Gefangenschaft hatte er erwartet, viel schneller außer Atem zu sein. Das war also der Sinn des Trankes gewesen. Offenbar hatte man kein Interesse daran gehabt, ihn tragen zu müssen.

Nach einer guten halben Stunde bog die Fremde, die die kleine Gruppe anführte, plötzlich vom Weg ab. Die Wachen stießen ihren Gefangenen hinterher und folgten dann selbst. Auf einem schmalen Trampelpfad drangen sie nun tiefer in den Wald vor. Bald schon stieg der Pfad an, und hier und da waren Felsen zu erkennen, die aus dem Erdreich wuchsen. Der Wald wurde lichter.

Nach einigen Stunden des Marschierens wurde es für den alten Mann immer unerträglicher. Hatte er die Belastung seiner schwachen Muskeln durch die Wirkung des Tranks zu Beginn kaum gespürt, war sie nun zu einer Tortur geworden. Immer wieder knickte er weg und musste von den Wachen auf die Beine zurückgeholt werden.

Als er schließlich zum vierten Mal zusammenbrach und sich trotz wütender Beschimpfungen und Schläge nicht wieder aufrichten konnte, beschloss die Fremde, ein Lager für die Nacht zu errichten.

Schnell hatten die Wachen grobe Decken ausgerollt und ein Feuer entfacht. Interessiert beobachtete ihr Gefangener, wie geschickt sie dabei zu Werke gingen und wie viel Nützliches sie bei sich trugen, ohne schwer beladen zu wirken.

Ihn selbst lehnten die Wachen unsanft an einen kahlen Baum. Mit einem langen Seil banden sie ihn an den Stamm. Danach setzten sie sich um das Feuer und beachteten ihn nicht weiter. Sie unterhielten sich lange und laut in der fremden Sprache.

Er verstand nur Fetzen der gesprochenen Worte. Schnell schien es ihm, als ginge es bei ihrer Unterhaltung nicht um ihn. Er hörte schon bald nicht mehr zu. Stattdessen neigte er sich, so weit es seine Fesseln zuließen, und blickte zwischen den Ästen hindurch in den tiefschwarzen Nachthimmel. Wo war er?

Blinzelnd versuchte er, in dem Haufen glitzernder Lichter eine Struktur zu erkennen. Aber ohne die nötigen Hilfsmittel hatte er keine Chance, seine Position zu bestimmen.

Enttäuscht und erschöpft schloss er die Augen. Trotz aller Anstrengung und Qual, die dieser Weg für ihn brachte, war er froh. Es würde sich etwas ändern, egal wie es ausging. Genüsslich sog er die klare, frische Luft ein und fühlte, wie sie seine Brust füllte. Schon im nächsten Moment war er eingeschlafen.

Kapitel 1

Ein warmer Wind blies über den Weg, der durch das fruchtbare Greifenfurter Land zu dem kleinen Dorf Dunkelbach führte. Zu beiden Seiten des Pfades stand alles, wie üblich Anfang Rahja, in vollem Grün.

Das kleine Dorf am Ende des Weges trug seinen Namen nicht ganz zu Unrecht, obwohl er schlimmer klang, als er gemeint war. Nicht, dass dieses Örtchen besonders gefahrvoll oder von unheiligen Kräften durchsetzt war, nein, der Name Dunkelbach rührte einzig und allein von der Farbe des kleinen Rinnsales her, das sich nahe dem Dorf durch die grünen Hügel schlängelte.

Wie die fast schwarze Farbe des Baches zustande kam, wussten wohl nur die Götter. Die Bewohner von Dunkelbach hatten jedenfalls keine Erklärung dafür. Sie wussten nur, dass der Bach durch die Ruinen der Siedlung floss, die früher einmal hier gestanden hatte, und daher war er ihnen so unheimlich, dass sie es vermieden, sein Wasser zu schöpfen. Der alte Brunnen inmitten des Dorfs erlaubte diese vorsichtige Haltung.

Auch Isinde Morgenrot hatte für die Farbe des Baches keine gute Erklärung. Die Heilerin des Dorfs war heute, wie so oft, im nahen Wald unterwegs, um nach heilkräftigen Pflanzen zu suchen. Aus der Entfernung hätte man sie, so wie sie dort durch den Wald wanderte, für eine Elfe halten können. Dieser Eindruck verstärkte sich, wenn der Betrachter ihrer großen dunkelbraunen Augen und der feinen Züge ihres Gesichtes gewahr wurde. Auch ihre langen, nussbraunen Haare und der schlanke Körper mit den kleinen, festen Brüsten und der schmalen Hüfte konnten einen Bewunderer an die sagenhaften Elfen des Waldes erinnern. Doch der Kundige erkannte an der Form ihrer Ohren, dass sie keine Tochter dieses Volkes sein konnte, denn diese waren zwar ebenfalls nahezu perfekt geformt, aber doch zweifellos menschlich rund.

Diese ungewöhnliche Schönheit war einer der Gründe, warum Jolin seine Arbeit für einige Augenblicke unterbrach, um die junge Frau zu beobachten, als sie in einiger Entfernung von ihm durch den Wald kam. Er ging in die Hocke und stellte das Bündel Feuerholz ab, das er bisher gesammelt hatte. Hinter einem Busch verborgen, verharrte er. Diese Frau faszinierte ihn, und das lag nicht nur an ihrer Schönheit. Seitdem sie ihn von einer schweren Verletzung geheilt hatte, hatte er mehrfach versucht, ihr etwas näher zu kommen. Doch mit Männern hatte sie bis zum heutigen Tage erstaunlicherweise wenig anzufangen gewusst, es sei denn, sie hatte sich ihrer Wunden und Gebrechen annehmen müssen. Wenn jemand ihr schöne Augen machte, zog sie sich stets scheu zurück. Wahrscheinlich waren die Annäherungen zu grob und plump.

Isinde beschäftigte sich offenbar lieber mit der Schönheit der Natur, von der es um das Dorf herum reichlich gab. Jolin, der selbst Stunden um Stunden hier draußen verbrachte, konnte das gut nachvollziehen. Aber er bedauerte es sehr, die Aufmerksamkeit der jungen Frau noch nie erhascht zu haben.

Trotz ihrer manchmal seltsamen Art und dieser Distanz war sie ein fester Teil der Dorfgemeinschaft. Ihre Herkunft allerdings blieb für die Bewohner des Dorfs ein Geheimnis. Sie war erst vor gut zwei Jahren in Dunkelbach aufgetaucht. Verängstigt und ohne Erinnerungen an das, was hinter ihr lag, hatte die alte Heilerin Luinde die junge Frau damals im Wald gefunden. Die weise Frau hatte sofort erkannt, dass der jungen Frau Schreckliches widerfahren sein musste, und so nahm sie sich ihrer an. Das arme Ding war offensichtlich nicht nur körperlich, sondern auch im Geist schwer geschunden worden. Sie hatte nicht mehr bei sich gehabt als einen großen Stecken, mit dem sie sich die wilden Tiere vom Leib gehalten hatte, und die zerrissene Kleidung, die sie am dünnen Körper trug.

Es hatte einige Monate gedauert, bis Isinde ihre Ängste ablegte und Vertrauen in die Menschen des Dorfs fand. Sie zeigte dann jedoch erstaunlicherweise schnell eine hohe Zuneigung zu anderen Menschen und eine große Hilfsbereitschaft. Bald stellte sich heraus, dass sie über großes Geschick im Umgang mit Krankheiten und Verletzungen verfügte, und so nahm Luinde die junge Frau kurzerhand in die Lehre.

Isinde lehnte mittlerweile an einem mächtigen Baum und blickte scheinbar gedankenverloren in die Ferne. Jolin war nur etwa hundert Schritt von ihr entfernt, aber er war überzeugt, dass sie ihn nicht entdeckt hatte.

Luinde hatte schon sehr bald beobachtet, dass Isindes Heilerfolge über das hinausgingen, was durch geschickte Finger und klug gewählte Kräuter erklärbar war. Ihren Verdacht, dass in der neuen Gehilfin ein Funken magischer Macht schlummerte, hatte sie allerdings zunächst nur wenigen Dorfbewohnern mitgeteilt. Jolin hatte erst später davon erfahren. Heute wussten es alle im Dorf, und sie waren froh, wieder jemanden mit magischen Fähigkeiten in ihren Reihen zu haben. Früher einmal hatte ein echter Magier in Dunkelbach gelebt. Jolin selbst hatte ihn allerdings nicht mehr kennengelernt, da er erst später zu der Dorfgemeinschaft gestoßen war. Isinde spürte diese Zuneigung der Menschen natürlich, und manchmal erzählte sie mit leuchtenden Augen von den Geschichten, die sie über mächtige Zauberer gehört hatte. Ein paarmal hatte sie mit Luinde und anderen älteren Männern und Frauen im Dorf über die Vorstellung gesprochen, wie es wohl wäre, wenn sie bei einem Zauberer in die Lehre gehen würde. Diese Vorstellung ließ sie jedes Mal ins Schwärmen geraten. Sie hoffte offensichtlich darauf, eines Tages jemanden zu finden, der ihre übernatürlichen Kräfte fördern konnte, und das könnte für das ganze Dorf von Nutzen sein.

Jolin beobachtete die Heilerin noch einen Moment, bis sie sich wieder von dem Baum löste und ihre Suche fortsetzte. Isinde blieb ihm unheimlich. Als vor etwa einem halben Götterlauf die alte Luinde spurlos verschwunden war, hatte er gleich ein ungutes Gefühl gehabt. Bis heute war sie nicht wieder aufgetaucht. Es hatte keine Spuren gegeben, fast so, als wäre sie vom Erdboden verschluckt worden. Wilde Tiere waren die Erklärung gewesen, mit der sich schließlich alle zufrieden gaben. Aber ein merkwürdiges Gefühl blieb zumindest bei ihm bestehen.

Doch auch er selbst hatte heute noch einiges zu tun und keine Zeit, sich mit trüben Gedanken die Zeit zu stehlen. Er nahm das Bündel Holz wieder auf und erhob sich. Sein Blick wanderte über die Felder, die sich vor dem Wald auf niedrigen Hügeln erstreckten. Auf der kleinen Landstraße, die sich zwischen den Feldern dahinzog, näherte sich eine Kutsche dem Dorf. Das große Gefährt wurde von zwei Pferden gezogen, und auf dem Bock saßen zwei Gestalten. In das kleine und verschlafene Dunkelbach hatte sich seit Monden kein Fremder mehr verirrt, denn es gab hier nichts, was Gäste locken könnte. Der Weg führte auf der anderen Seite des Dorfs nicht einmal weiter, sodass ein Wanderer entweder umkehren oder sich durch die Wildnis schlagen musste, wenn Dunkelbach nicht sein Ziel war.

Jolin beschloss abzuwarten, was die Fremden in diese Gegend trieb. Ihr Äußeres war jedenfalls schon allein dazu geeignet, im Dorf für einige Unruhe zu sorgen, denn so etwas sah man nicht alle Tage. Es fing damit an, dass die beiden von völlig entgegengesetzter Statur waren. Der Lenker war bestimmt über zwei Schritt groß und hatte ein Kreuz, so breit wie ein Wagenrad. Die Arme sahen aus, als könne er damit einen Oger erwürgen, und die Beine waren so dick und standhaft wie Baumstämme.

Sein mittellanges Haar hing ihm in verfilzten Strähnen über den Nacken und die Schultern, und dessen undefinierbare Farbe, die am ehesten mit der von Schlamm zu vergleichen war, verstärkte das Bild eines Wilden aus den Bergen. Die Axt, die er in einer Lederschlaufe auf dem Rücken trug, ließ nicht gerade auf einen edlen Krieger schließen. Sie war über einen Schritt lang und wirkte eher wie das Werkzeug eines Holzfällers denn wie eine der Kriegsgöttin Rondra gefällige Waffe. Doch seine Kleidung passte nicht zu einem Holzfäller auf der Suche nach Arbeit. Er trug eine schlichte, aber sicher nicht billige Lederhose, schwere Stiefel und eine schwere, mit Nieten verstärkte Weste, die fast schon als Harnisch gelten konnte, so dick und starr wirkte das Leder. Das schmucklose Kurzschwert, das an seinem breiten Gürtel baumelte, und der ungepflegte Kinnbart vervollständigten das Bild eines Söldners.

Sein Begleiter war völlig anders anzuschauen, und doch meinte Jolin eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den beiden Männern zu erkennen. Jolin schätzte ihn auf höchstens acht Spann groß. Er hatte kurze, schwarze Haare und einen langen Bart von gleicher Farbe. Seine Haut war deutlich dunkler als die des Hünen, seine Züge etwas schärfer geschnitten und die Nase ein gutes Stück größer. Sie erinnerte stark an den Schnabel eines Raubvogels.

Auch die Kleidung hätte unterschiedlicher kaum sein können. Ein kundiger Schneider hatte graue und schwarze Stoffe verwendet, um für ihn eine feine Hose und eine Weste zu fertigen. Ein strahlend weißes Seidenhemd lugte unter der Weste hervor und gab dem Mann etwas Erhabenes. Um seinen Stand noch weiter zu unterstreichen, trug er einen feuerroten Umhang, der über und über mit geheimnisvollen Symbolen in schwarzer und silberner Farbe verziert war. Einzige Waffe schien ein langer Stab aus dunklem Holz zu sein, der an beiden Enden in glänzenden Kappen endete. Es blieb abzuwarten, was solche Leute in dem friedlichen Dunkelbach wollten.

Jolin blickte missmutig auf seinen Haufen Feuerholz. Ihm gefiel es nicht, wenn Fremde in das Dorf kamen. Er schulterte sein Bündel und machte sich daran, ins Dorf zurückzukehren. Und er nahm sich vor, die Neuankömmlinge im Auge zu behalten.

***

Um Velin Jaldorns Stimmung war es bestens bestellt. Jetzt hatten sie es endlich geschafft. Heute schon würde er die Nacht in einem richtigen Bett verbringen und nicht wieder im Freien schlafen müssen. Den Magier fröstelte es bei dem Gedanken. Sehr bald würde sich zeigen, ob er die alten Aufzeichnungen richtig interpretiert hatte. Es konnte gar nicht anders sein, davon war er völlig überzeugt. Andernfalls hätte er auch nicht so viel riskiert. Die Reise hierher hatte ihn einen guten Teil seines Vermögens gekostet. Aber wenn er sich nicht völlig irrte, würde es sich wirklich lohnen.

»He da, sag an, Brüderchen, ist das da vorne dieses von den Göttern verlassene Kaff Dinkelbach?« Brogg hatte seinen Bruder unsanft angestoßen und deutete nun mit ausgestrecktem Arm auf die kleine Siedlung, die eben vor ihnen aufgetaucht war.

»Dunkelbach«, gab der Magier zurück. »Ja, das ist unser Ziel, jedenfalls ist das der richtige Weg, und soweit ich weiß, gibt es im Umkreis von mindestens zehn Meilen kein anderes Dorf. Und nenn mich nicht Brüderchen. Vor allem nicht, wenn jemand zuhört, ist das klar? Vergiss nicht, dass ich der Ältere von uns beiden bin.« Die letzten Worte hatte Velin recht leise gesprochen und ihnen einen lauernden Unterton gegeben. Brogg gab zur Antwort nur ein Grunzen von sich.

Die beiden Brüder hatten sich erst vor wenigen Monden wieder zusammengetan. Während sich Velin in Festum in seine Studien versenkt hatte, hatte sich Brogg als Söldner auf den Schlachtfeldern Aventuriens verdingt.

Wenig später hatten sie die Palisade erreicht, die sich schützend um das Dorf zog, und lenkten ihren Wagen durch das offene Tor. Zu ihrer Rechten lag ein großes, lang gezogenes Gebäude mit einem runden Anbau. Rhythmisches Hämmern von Metall auf Metall und der dichte Rauch, der aus dem dicken Schornstein in den blauen Sommerhimmel stieg, verrieten, dass dies die Dorfschmiede war.

Erstaunlicherweise waren die meisten der etwa zwanzig Häuser innerhalb der Palisaden aus festem Stein erbaut. Abgesehen von der Schmiede war keinem der Häuser seine Verwendung anzusehen. Im Zentrum der kleinen Siedlung lag ein Dorfplatz mit einem Brunnen.

Dort stellten die Neuankömmlinge ihre Kutsche ab. Als Velin und Brogg sich umsahen, zeigten sich immer mehr Dörfler und schauten neugierig und vorsichtig zugleich, wer da in ihr Dorf gekommen war. Schnell hatten sich mehr als zwei Dutzend Menschen versammelt. Velin trat ihnen entgegen und lächelte. »Sagt an, ihr braven Leute, wo finde ich den Dorfvorsteher?«

Es dauerte einen Moment, bis jemand antwortete. Die Menschen schienen fasziniert von der Erscheinung der beiden Fremden.

»Dort müsst Ihr fragen, das ist sein Haus!«, rief schließlich ein junges Mädchen und deutete mit ausgestrecktem Arm auf das größte Gebäude am Platz. Velin drehte den Kopf in die angegebene Richtung und nickte. »Danke«, gab er knapp zurück. »Komm, Brogg, wir gehen«

Der Söldner, der bisher unbewegt neben ihm gestanden hatte, folgte seinem Bruder über den Dorfplatz. Die gaffende Menge ließen sie hinter sich.

Die Tür zum Haus des Dorfvorstehers stand offen, und so traten Velin und Brogg ohne Umschweife ein. Sie fanden sich in einem großen Raum wieder, der ein wenig an eine Gaststube erinnerte. Er bot genug Platz und auch die entsprechenden Sitzgelegenheiten für bestimmt drei Dutzend Menschen. In der Mitte war ein langer Tisch aufgebaut, der von hölzernen Bänken flankiert wurde. Mehrere Türen führten tiefer in das Gebäude, und eine Treppe in der Ecke ermöglichte den Zugang zum ersten Stock. Zu sehen war im Moment niemand, doch Geräusche aus den Tiefen des Hauses zeigten an, dass hier gearbeitet wurde. Gerade wollte sich Velin einer der Türen zuwenden, da schwang sie auf. Eine Frau mittleren Alters betrat den großen Raum. Sie hatte ergrautes Haar, und ihr rundliches Gesicht trug deutliche Spuren der Zeit. Dennoch wirkte sie freundlich, als die anfängliche Überraschung aus ihrem Blick gewichen war. »Oh, wir haben Gäste!«, sagte sie und trocknete sich die Hände an ihrer Schürze ab. »Travia zum Gruße! Mein Name ist Alissa.« Sie verbeugte sich. »Seid willkommen in Dunkelbach, Herr ...«

Während Brogg an der Eingangstür stehen blieb, machte Velin einen Schritt auf Alrissa zu. »Angenehm«, antwortet er. »Mich nennt man weithin Velin Jaldorn, Meister magischer Künste und Gelehrter auf vielerlei Gebieten.« Er hob ein wenig das Kinn und stellte seinen Stab auf. »Und das hier ist mein Begleiter, Brogg der Bärenwürger vom Born. Er ist einer der größten lebenden Krieger und einer der tapfersten Recken der Herrin Rondra auf Dere!«

Genüsslich sah Velin zu, wie sich Alrissas Augen weiteten und sie ihn für einen Moment voller Neugier und Ehrfurcht anstarrte.

»Ich werde erwartet. Wo ist euer Dorfvorsteher?«

»Mein Herr? Er wollte heute Morgen nach der Ernte sehen«, antwortete die Frau. »Ich kann ihn sofort holen. Aber darf ich den Herrschaften vielleicht zunächst etwas zu trinken anbieten? Ihr seid sicher durstig.«

»Nein, eigentlich möchte ich ...«, begann Velin, bis Brogg ihn mit einem vernehmlichen Räuspern unterbrach. Der Magier verdrehte die Augen. »Nun gut. Ich hätte gern ein geminztes Wasser und für meinen Begleiter ein kräftiges Bier.«

Alrissa lächelte. »Gerne. Setzt Euch doch. Ich bin gleich zurück.« Während sie wieder hinter der Tür verschwand, durch die sie gekommen war, nahmen die beiden Brüder an der Tafel Platz. Das Holz knarrte, als der Söldner seinen massigen Körper darauf niederließ. »Brogg der Bärenwürger vom Born? Meinst du nicht, dass du etwas zu dick aufgetragen hast, Bruderherz?«, fragte er nach einem Augenblick.

»Nein. Ganz und gar nicht. Erstens kann man das bei deiner Statur durchaus glauben, und zweitens kann es sicher nicht schaden, wenn die Leute hier einen gesunden Respekt vor uns entwickeln. Ich will nicht wie irgendein dahergelaufener Scharlatan aufgenommen werden, vor dessen faulem Zauber sich niemand fürchtet. Nein, nein. Ich möchte mit dem nötigen Respekt behandelt werden. Und einen solchen Begleiter zu haben, macht aus mir eine noch respektablere Person.«

Wieder schwang eine der hinteren Türen auf, und Alrissa betrat den Raum. Geschickt trug sie zwei volle Becher heran und stellte sie auf der hölzernen Tafel ab. »Ich hoffe, es wird Euch munden«, sagte sie und verbeugte sich.

»Ja, ja, es wird schon«, gab Velin zurück. »Aber nun schaff mir deinen Herrn heran. Ich habe Wichtiges mit ihm zu besprechen.«

»Ich mache mich sofort auf den Weg!«, versprach Alrissa und war schon im nächsten Moment durch die Eingangstür verschwunden.

Velin nahm einen tiefen Schluck kaltes Wasser und seufzte erleichtert. »So weit, so gut«, sagte er halblaut und lehnte sich zurück. Er blickte an seinem Bruder vorbei nach draußen. »Um der Frage vorauszugreifen, die du mir sicher sonst gleich gestellt hättest: Ich will unser Verwandtschaftsverhältnis nicht verleugnen, aber es muss auch keinem auf die Nase gebunden werden.«

»Wie du meinst, Bruderherz.« Der Söldner nahm seine große Axt mit dem sehr breiten und schartigen Blatt aus der Lederschlaufe und legte sie vor sich auf den Tisch. Der Stiel der Waffe war ungewöhnlich dick und mit Leder verschiedener Tiere umwickelt, was ihr ein noch bedrohlicheres Aussehen verlieh.

Brogg drehte sich um und betrachtete den Raum genauer. Das Gebäude sah sehr solide gebaut aus. Wer das getan hatte, der verstand sein Handwerk. Gute Steineiche war hier verwendet worden. Brogg hatte Ahnung von Holz, zumindest von den nordischen Sorten. Der Eindruck, den seine Holzfälleraxt vermittelte, war nicht völlig falsch. Viele Jahre lang hatte er in den Wäldern des Bornlands Holz geschlagen, und er war nicht eben ungeschickt darin gewesen. Erst sein Bruder hatte ihn auf die Idee gebracht, einen einträglicheren Weg des Geldverdienens einzuschlagen, der wiederum dem Fällen von Bäumen nicht unähnlich war. Nur dass er seine Axt seitdem nicht mehr in Holz trieb, sondern in Fleisch und Knochen. Und auch darin hatte er sich recht schnell als durchaus begabt erwiesen.

Der Söldner griff ohne hinzusehen nach seinem Bierkrug und nahm einen kräftigen Schluck. Der Gerstensaft war nicht so schlecht, wie er zunächst befürchtet hatte. Schon zu lange hatte er nichts Gutes mehr seine Kehle herunterfließen lassen, und so genoss er jeden Tropfen des malzigen Getränks. Die letzten Monde waren voller Entbehrungen gewesen, womit er nicht die Zeit meinte, seit er seinen Bruder wiedergetroffen hatte. Schnell verscheuchte er die aufkommenden Gedanken mit einem weiteren tiefen Schluck. Es lagen unangenehme Taten vor ihm, da wollte er sich nicht mit der Vergangenheit belasten.

Hier ließ es sich sicher erst einmal einige Zeit aushalten. Ein Dorf mit gutem Bier konnte ja so schlecht nicht sein, und freundlich waren die Menschen hier anscheinend auch.

Ein lauter Knall schreckte ihn aus seinen Gedanken. Die Tür war aufgestoßen worden, und ein unbekannter Mann, gefolgt von Alrissa, betrat den Raum. Er war knapp unter zwei Schritt groß und kräftig gebaut. Die besten Jahre hatte er allerdings schon länger hinter sich gelassen, was man an dem deutlichen Bauchansatz und den ergrauten kurzen Haaren erkennen konnte.

Er wirkte, als packe er immer noch überall dort an, wo es nötig und möglich war. Die natürliche Autorität, die er ausstrahlte, machte ihn zu einem geborenen Anführer, und der Söldner fühlte sich unweigerlich an den Offizier erinnert, der seinem Haufen im Orkkrieg vorgesetzt gewesen war. Adalwin hatte der geheißen, Freiherr von irgendwas. Nun ja, die Orkpfeile waren damals weder von seiner Autorität noch von seinem Adelsrang davon abgehalten worden, ihn über das Nirgendmeer zu schicken. Auch nach dem Krieg hatte Brogg viel mit Offizieren zu tun gehabt. Allerdings waren diese Erfahrungen bei Weitem nicht immer die besten gewesen.

Der Mann straffte sich, als er die beiden Brüder erreicht hatte, und deutete eine knappe Verbeugung an. »Die Zwölfe zum Gruß, meine Herren. Ich bin Igbert Solf. Mir obliegt die Verantwortung für dieses Dorf und seine Bewohner. Ihr seid Magister Jaldorn?«, er blickte den Magier an, dieser nickte knapp. »Ausgezeichnet, ich bin natürlich von meinem Herren, dem edlen Baron Baldur von Plaue, über Euch und Euer Anliegen informiert worden. Leider wusste ich nicht, wann genau Ihr unser Dorf mit Eurer Anwesenheit beglücken würdet. Verzeiht mir diese Nachlässigkeit.«

»Gut, gut. Sei’s drum! Wenn Ihr informiert worden seid, dann wisst Ihr, worum es mir geht. Kommen wir also gleich zum Geschäftlichen.« Velin deutete mit der linken Hand auf einen der freien Plätze neben Brogg. »Setzt Euch doch.«

Igbert zögerte kurz, sein Blick verharrte für einen Augenblick auf der mächtigen Axt, die immer noch in der Mitte der Tischplatte thronte, setzte sich dann jedoch, ohne etwas zu dieser Unhöflichkeit zu sagen.

»Alrissa, bring mir doch bitte auch ein Bier.« Der Dorfvorsteher wandte sich an den Zauberer. »Gut. Das Haus, das Ihr sucht, steht in der Tat noch. Es liegt sogar in dem Teil, der nach dem Orkkrieg wieder mit einer Palisade umschlossen worden ist …«

»… die bei weitem noch nicht fertig ist und keinen räudigen Goblin aufhalten könnte!«, warf Brogg von der Seite ein.

»Wir hatten hier seit dem großen Krieg keine Probleme mehr mit Orks oder Goblins. Und wir haben Wichtigeres zu tun, als uns mit den Palisaden zu beschäftigen«, gab Igbert mit einem mürrischen Seitenblick zurück.

Brogg gab ein verächtliches Grunzen von sich. »Wie Ihr meint.«

»Das Haus steht also noch und ist auch sonst so weit in Ordnung?« Velin wollte keine Diskussionen über den Krieg und die Gefährdung durch Orks und anderes Geschmeiß aufkommen lassen. Der Dorfvorsteher war kurz davor gewesen, sich mit Brogg auf ein Streitgespräch einzulassen, und Velin wusste, wie lange es dauern konnte, wenn sein Bruder erst mit alten Geschichten anfing.

Igbert widmete nun dem Magier wieder seine volle Aufmerksamkeit. »Ja, es scheint, als habe der gute Meister Winkelfried das Haus vor seiner Flucht auf irgendeine Art vor Verfall geschützt. Sicher liegt ein Zauber auf dem Gemäuer.« Der Dorfvorsteher hatte seine Stimme bei den letzten Worten gesenkt. »Aber das ist für Euch sicher keine Überraschung, nicht war?«

»Nein, in der Tat hatte ich mit so etwas gerechnet«, behauptete Velin. »Nun, wie Ihr ja sicher wisst, habe ich bereits mit dem Baron über das Haus verhandelt. Ihr kennt den Preis für das Haus und alles was darin ist?« Velin biss sich auf die Lippen, den Inhalt hätte er nicht noch einmal erwähnen müssen.

Igbert Solf dachte kurz nach, dann antwortete er. »Fünfzig Goldstücke waren ausgemacht, soweit ich mich erinnere. Wir wären sehr dankbar, wenn wieder ein Meister der hohen Künste in unserer Mitte leben würde. Und ein so vortrefflicher Krieger zudem.« In dem letzten Satz klang deutlicher Hohn mit.

Brogg sprang auf. »Was erlaubst du dir eigentlich, du Würstchen?! Ich zeig dir gleich mal einen vortrefflichen Krieger!«

»Setz dich wieder!«, fuhr sein Bruder ihn an, bevor er ruhiger weitersprach. »Wir sind neu hier und wollen uns doch gut betragen. Ich bin sicher, der Dorfvorsteher hat es ernst gemeint und wollte dir nur seinen Respekt zollen. Fünfzig Goldstücke waren ausgemacht und sind ein annehmbarer Preis.« Velin ärgerte sich sehr über seinen Bruder und machte das mit einem eisigen Blick klar. Er wollte hier schließlich einige Zeit wohnen, und das sollte nicht mit einer Schlägerei beginnen, schon gar nicht mit dem Dorfvorsteher.

Ein Handschlag besiegelte das Geschäft, das anschließend noch mit einem Krug Bier begossen wurde. Zu guter Letzt wechselten noch ein Sack Münzen und ein zusammengerolltes Schriftstück den Besitzer.

»Mit einem Schlüssel kann ich leider nicht dienen. Ich hoffe, das macht keine Umstände. Wenn Ihr wollt, kann ich den Schmied beauftragen, die Tür für Euch zu öffnen und ein neues Schloss anzufertigen.«

»Nein danke, das wird nicht nötig sein. Es gibt andere Mittel und Wege.« Velin stand auf und bedeutete seinem Bruder, ihm zu folgen. »Ich wünsche Euch noch einen schönen Tag. Wir werden uns nun zurückziehen und unser neues Heim begutachten. Die Zwölfe mit Euch.«

»Wartet!« Igbert stand auf. »Ich begleite Euch natürlich!«

Der Zauberer nickte und ging zügigen Schrittes aus dem Schankraum. Der Dorfvorsteher folgte ihm. Brogg trank sein Bier in einem Zug aus, nahm seine Axt vom Tisch und ging langsam hinterher.

Er war gespannt zu erfahren, was seinen Bruder hierhergetrieben hatte, und vor allem, welche Rolle dieses Haus in seinen Plänen spielte. Sollten die Vermutungen zutreffen, die er hegte? Bisher hatte sich Velin sehr zurückgehalten, ihm etwas von seinem Geheimnis zu offenbaren.

Kapitel 2

Den ganzen nächsten Tag ging es weiter bergauf. Über Teile der Strecke trugen die Wachen ihren Gefangenen, weil er auch an diesem Tag schnell am Ende seiner Kraft war. Als die Sonne hinter den nahen Bergen versank, waren sie bereits in baumloser Steppe angelangt. Vor ihnen erhob sich jetzt ein steiler Aufgang. Dieser Weg war bei Dunkelheit nicht zu begehen. Hoch oben sah man im letzten Licht des Tages einen Kultplatz. Große Steine standen dort in einem Kreis, und in ihrer Mitte brannte ein Feuer.

Auch in dieser Nacht wurde das provisorische Lager unter freiem Himmel aufgeschlagen. Den alten Mann warfen die Wachen achtlos zu Boden. Kurz darauf sahen sie sich fragend um und richteten dann einige Worte an die Führerin der kleinen Gruppe.

»Lasst es gut sein«, antwortet diese in der Sprache des Alten. Die Wachen schienen sie dennoch zu verstehen. »Wo soll er hinlaufen? Seht ihn euch an.« Sie deutete auf den zusammengesunkenen Greis. »Der kann sich kaum noch auf seinen dünnen Beinen halten. Es reicht, wenn ihr ihm die Beine bindet und ihn nicht aus den Augen lasst.« Etwas leiser fügte sie hinzu: »Morgen sind wir das Problem sowieso los.« Ein bösartiges Grinsen entblößte eine Reihe gelblicher Zähne. Dann lachte sie finster auf, und die beiden Wachen fielen mit ihren kehligen Stimmen ein. »Dieses Opfer wird den Schwarzpelzen zeigen, dass wir auf ihrer Seite stehen.«

Beinahe mitleidige Blicke fielen auf ihren Gefangenen, der regungslos auf dem steinigen Boden kauerte.

»Ich habe gehört, dass sie ihren Opfern bei lebendigem Leibe den Wanst aufreißen und die Gedärme an ihre Hunde verfüttern«, sagte die Kriegerin zum Boden gewandt. Doch als sie bemerkte, dass der alte Mann keine Notiz von ihren Worten nahm und nur glasig vor sich hinstarrte, schüttelte sie den Kopf. »Was soll’s! Sein Geist scheint bereits auf dem Weg in die Niederhöllen zu sein.« Sie drehte sich um und vollführte eine wegwerfende Geste mit der Rechten. »Kümmern wir uns ums Lager.«

Bereits zum dritten Mal klopfte Velin mit seinem Stab vorsichtig gegen die schwere Eichentür, die ihm und seinem Bruder den Zugang zu ihrem neuen Haus verwehrte. Das steinerne Gebäude lag am Dorfplatz und damit inmitten der anderen Häuser. Fenster hatte es keine, nur einige Schießscharten, und so wirkte es eher wie eine kleine Festung denn wie ein gewöhnliches Haus.

Velin trat einen Schritt zurück und betrachtete die Tür im Ganzen. Sie war von normaler Form und wohl auch nicht viel dicker als üblich, lediglich die metallenen Bänder, die sie in den Angeln hielten, waren auffällig. Das helle Metall, vermutlich Mondsilber, zeigte keinerlei Spuren von Abnutzung, keine Kratzer oder Sprünge, und das, obwohl es schon weit über zehn Jahre dort seinen Dienst tat. Auch waren die Bänder nicht geformt wie üblich, sondern endeten in vielerlei spitzen Verästelungen, an denen ein begabter Schmied wohl einige Wochen gearbeitet hatte.

Der Magier kratzte sich am Kinn. Ja, es sah ganz so aus, als seien seine Befürchtungen nicht unbegründet gewesen. Die Tür musste auf magische Art versiegelt und vor dem Zahn der Zeit geschützt worden sein. Wenn dem so war, hatte das natürlich auch seine Vorteile. Der Inhalt des Hauses musste in diesem Fall ebenfalls nahezu unbeschädigt und vollständig sein, die Tür war schließlich aller Wahrscheinlichkeit nach der einzige Weg ins Innere.

Gewissheit konnte nur die Magie selber liefern. Velin suchte nach der rechten Formel. Er wollte, wenn er schon einmal dabei war, gleich das ganze Haus oder zumindest auch die Schießscharten und die Front einer magischen Untersuchung unterziehen. Man konnte ja nie wissen, ob es nicht noch etwas zu entdecken gab.

Er suchte sich eine Stelle, von der aus er das Haus im Ganzen sehen konnte, und sammelte seine Kraft. Mit der magischen Formel entließ er die astrale Kraft: »Odem Arcanum Senserei!«

Für einen kurzen Augenblick erschien ihm die Welt aller Farben beraubt. Nur die Tür leuchtete in einem kräftigen Rot und signalisierte so, dass hier ein nicht eben schwacher Zauber in Holz und Metall eingebunden worden war. Um welchen Zauber es sich aber handelte und wie man diesem begegnen konnte, vermochte ihm diese Formel nicht zu verraten. Dafür musste er andere Künste verwenden. Er wollte sich gerade dem nächsten Zauber zuwenden, und die Wirkung des alten verblasste zusehends, da meinte er noch eine Quelle astraler Energie zu erkennen. Irgendwo am Rand seines Sichtfelds hatte er ein schwaches Leuchten gesehen. Er drehte sich neugierig um, doch nun war auch der letzte Rest des Zaubers verflogen, sodass er nichts weiter sah als eine Handvoll Dörfler, die neugierig zu ihm hinübersahen. Die kleine Menschengruppe wirkte unsicher, als die Aufmerksamkeit des fremden Zauberers plötzlich ihr galt. Die meisten Dörfler sahen schnell beschämt zu Boden oder taten so, als hätten sie auf einmal etwas völlig anderes zu tun, und machten sich davon. Nur eine sehr hübsche junge Frau mit langem, braunem Haar und einem grünen Gewand hielt dem Blick des Magiers stand und lächelte freundlich.

Velin wand sich wieder der Tür und dem Gebäude zu. Beobachter waren ihm in diesem Moment leidlich gleichgültig. Es galt jetzt, Genaueres über die Art der Magie zu erfahren, die hier am Werke war.

»Analys Arcanstruktur!«, sprach er, nachdem er an die Tür herangetreten war. Vor seinem geistigen Auge erschien ein wirres Geflecht aus glühenden Linien und wabernden Fäden, wo eben noch eine Tür gewesen war. Besonders um das Schloss war das Netz sehr dicht. Feine Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Sekunde um Sekunde verging, während er versuchte, das Muster zu verstehen und den Zauber zu enttarnen. Dann brach er den Spruch ab und drehte sich zu seinem Bruder um, der bisher wie unbeteiligt daneben gestanden hatte. »Ha! So etwas Einfaches! Simple Magica Transformatorica! Und ich hatte mit einer echten Herausforderung gerechnet!« Er beruhigte sich ein wenig. »Trotzdem wäre ein Schlüssel besser gewesen.«

»Warum das? Hast du nicht eben gesagt, es sei einfach für dich, die Tür zu öffnen?« Brogg sah mit einem verächtlichen Ausdruck im Gesicht auf seinen älteren Bruder hinab. Von Magie verstand er nichts, und er hätte auch gut auf sie verzichten können.

»Dich haben der Krieg und meine Abwesenheit auch nicht gerade klüger gemacht. Ich habe nichts Derartiges gesagt. Ich habe nur festgestellt, dass die Struktur der hier verwendeten Magie simpel ist. Das heißt noch lange nicht, dass sie auch leicht überwunden werden kann.«

Als der verächtliche Gesichtsausdruck noch immer nicht aus Broggs Antlitz weichen wollte, fuhr Velin verärgert fort: »Stell dich nicht dümmer, als Tsa dich gemacht hat! Das ist wie überall im Leben! Nur weil etwas einfach ist, muss es nicht schlecht sein.« Er stemmte die Arme in die Hüfte. »Nimm zum Beispiel deine Axt. Sie ist unheimlich simpel konstruiert, wenn man sie mit anderen Waffen vergleicht, und dennoch kannst du mit ihr sehr gut kämpfen. Oder nimm einen schweren Riegel, der eine Tür blockiert, um mal etwas dichter an unserem Problem zu bleiben. Ein Riegel ist wohl eine der einfachsten Arten, eine Tür zu versperren, und doch kann er nicht leicht überwunden werden, wenn er gut gearbeitet ist.«

»Wie du meinst.« Der Söldner verschränkte die Arme vor der Brust. »Kannst du die Tür jetzt öffnen, oder soll ich sie mit meiner simplen Waffe einschlagen? Sie sieht nicht gerade wie das Tor eine Festung aus.«

»Ich sollte dich ...« Velin trat einen Schritt auf seinen Bruder zu, blieb dann aber stehen und ließ den zuvor erhobene Stab wieder sinken. Hörbar atmete er durch.

»Alles, was ich sagen wollte, war: Wenn wir einen Schlüssel hätten, dann könnten wir die Tür öffnen, ohne sie und den Schutzzauber darin zu beschädigen. Daher ist es nicht egal, wie wir sie öffnen. Denn dann hätte dieser Zauber uns noch gedient und uns nicht nur Ärger gemacht. Ach! Was erzähl ich dir das eigentlich alles? Dich interessiert doch sowieso nichts, was übers Saufen, Huren und Fressen hinausgeht!«

Brogg grinste breit. Ihm war es sehr recht, dass sein Bruder so über ihn dachte. »Du hast das Töten und meine Liebe zum Gold vergessen, Bruderherz«, setzte er nach.

Jeglicher Ausdruck war aus Velins Gesicht gewichen. Starr blickte er seinen Bruder an. Er hob leicht die Arme und ging weiter auf seinen Bruder zu, die freie Linke zur Faust geballt. Seinem Gesicht war immer noch keine Regung anzusehen.

Nun wurde es Brogg doch mulmig. Er trat einen Schritt zurück und hob ebenfalls die Arme, hatte die Hände jedoch geöffnet und setzte sie zu einer beschwichtigenden Geste ein.

»Brüderchen, mach keinen Unsinn. Ich ...«

»Du hast genug gesagt!«, zischte Velin ihn an. »Lass mich meine Arbeit machen und kümmere dich lieber um unsere Sachen. Die Kutsche lädt sich nicht von alleine ab!«

»Schon gut, reg dich nicht so auf«, antwortet der Söldner. »Magier!«, sagte er mehr zu sich selbst und ging in Richtung Kutsche davon.

Velin wandte sich erneut der Tür zu. Dabei bemerkte er, dass die junge Frau noch immer in der Nähe des Brunnens stand und ihn ungeniert beobachtet.

Er stockte kurz. Langsam gewann die Neugier in ihm, und er wollte sich ein Bild von der unbekannten Schönen machen. Die Tür war schließlich seit über zehn Jahren versperrt, da konnte sie auch noch ein paar Minuten länger warten. Und Brogg würde ihn für einige Zeit in Ruhe lassen.

Mit eleganten Schritten bewegte er sich auf die Frau zu. »Gutes Fräulein, auf ein Wort! Mir konnte nicht entgehen, dass Ihr ein gewisses Interesse an meinem Tun zeigt, steht Ihr doch schon eine geraume Weile an jener Stelle und betrachtet mich mit Euren wunderschönen Augen. Darf ich so dreist sein und nach Eurem Namen fragen?«

Er war bis auf wenige Schritt an die Unbekannte herangetreten und konnte sie nun sehr genau betrachten. ›Unbegreiflich‹‹, dachte er, ›wie kann in einem so kleinen und unwichtigen Dorf eine so perfekte Schönheit existieren?‹

Die Heilerin verbeugte sich tief. »Mein Name ist Isinde Morgenrot. Ihr beschämt mich mit Euren Worten. Ich bin nur eine einfache Heilerin und sicher nichts Besonderes.«

Sie war leicht errötet, als sie sich wieder aufrichtete, was sie nur noch attraktiver machte.

Beide sahen sich einige Augenblicke wortlos an, dem Magier hatte ihre Schönheit die Sprache verschlagen, jetzt, da er so dicht vor ihr stand.

So war es dann auch die Heilerin, die zuerst weitersprach: »Zu Eurer anderen Frage, hoher Herr, habe ich wohl keine befriedigende Antwort. Die reine Neugier trieb mich hierher. Ich habe Euch und Euren Begleiter ins Dorf kommen sehen und wollte mir ein Bild von den hohen Fremden machen, die unser kleines Dorf mit ihrem Besuch beehren. Doch wollte ich Euch weder bei Eurer Unterredung mit Dorfvorsteher Solf noch bei Euren anschließenden Beschäftigungen unterbrechen. Ihr wirktet dabei sehr konzentriert.«

Velin straffte sich. »Ja, gewiss. Die Magie benötigt ein hohes Maß an Konzentration, müsst Ihr wissen. Es freut mich, dass Ihr so viel Respekt vor der Konzentration habt. Mein Begleiter ist da ganz anders, er ist wahrlich ein Rüpel und Grobklotz.« Er verzog für einen kurzen Augenblick das Gesicht. »Wie überaus freundlich war es von den Göttern, Euch nicht nur mit einem traumhaften Äußeren, sondern auch mit einem wachen Verstand zu beschenken.«

Die Frau senkte erneut den Blick. »Ihr beschämt mich schon wieder, werter Herr.«

»Das wollte ich doch nicht! Aber Ihr seid nun einmal eine Wonne für die Augen eines jeden Mannes. Ach, was sag ich da, für die Augen jedes Menschen und der Götter auch!« Er machte eine kleine Pause. Isinde sah noch immer auf den Boden des staubigen Dorfplatzes.

»Wisst Ihr, mein Kind, ich habe eine vorzügliche Idee. Ihr wollt Euch ein Bild von mir – und meinem Bruder – machen, also will ich Euch dazu Gelegenheit geben. Wie könnte ich einem Geschöpf wie Euch einen Wunsch verwehren, wo es doch auch noch so ein artiges Verlangen ist? Hiermit lade ich Euch in mein neues Haus ein!« Er lächelte so charmant, wie er nur konnte.

»Sagen wir gleich heute zum Abendmahl? Ich denke, bis dahin werde ich das Haus so weit in Ordnung gebracht haben, dass ich mich nicht der Unordnung und des Staubes wegen schämen müsste. Mein Bruder wird sich dann auch wieder beruhigt haben, und wir können uns bei einem schönen Glas Wein und einem warmen Kaminfeuer in aller Ruhe kennenlernen.«

Die Heilerin sah auf, und auch in ihrem Gesicht lag ein Lächeln, obwohl es geheimnisvoller und tiefgründiger wirkte als das des Magiers. »Ja, gewiss, Herr, wenn Ihr es so schnell schafft, ein ganzes Haus in Ordnung zu versetzen, dann will ich gerne Euer Gast sein. Oh! Ihr habt mir Euren Namen noch gar nicht genannt.«

»Verzeiht diese grobe Unhöflichkeit! Eure Schönheit muss mich geblendet haben. Aber auch das ist natürlich keine Entschuldigung! Mein Name ist Velin Jaldorn, Meister magischer Künste und Gelehrter auf vielerlei Gebieten.« Noch einmal verbeugte er sich.

»Gut, Meister Velin Jaldorn! Da ich jetzt Euren Namen kenne, will ich Eure Einladung gerne annehmen!« Nun vollführte die junge Frau einen höfischen Knicks und wirkte plötzlich wie ausgewechselt. »Also dann bis heute Abend! Möge Peraine über Euch wachen und niemand Eure Konzentration stören!« Sie drehte sich auf der Stelle um und ging mit federnden Schritten davon.

Velin sah ihr noch nach, bis sie hinter dem nächsten Haus verschwunden war. ›Was für ein Körper, bei Rahja!‹, schoss es ihm durch den Kopf. ›Was für eine Frau!‹

Er genoss noch für einige Augenblicke die Bilder der Begegnung und die warme Sonne auf seinem Gesicht. Sie würde nun nicht mehr lange am Himmel zu sehen sein und bald hinter dem nahen Gebirge verschwinden. Daher war es Zeit, sich wieder der Tür und dem Haus zuzuwenden. Schließlich musste er auch noch das Innere in Ordnung versetzen und ein Essen vorbereiten. Diese Frau war es wert.

Er drehte sich um und ging zurück. An der Tür angekommen, ließ er langsam die Hand über das Holz gleiten. Es fühlte sich kühl und glatt an. Ungewöhnlich glatt für Holz. In der Tat war die Magie simpel, die hinter dem Schutz steckte, wie er es auch seinem ignoranten Bruder gesagt hatte. Aber er war sich sicher, dass er bis an die Grenzen seines Könnens gehen musste, um diesen Zauber zu brechen. Das Material war derart mit astraler Kraft durchdrungen und aufgeladen, dass man es fühlen konnte.

Er nahm die Hand zurück. Vielleicht bildete er sich dieses Gefühl auch nur ein, weil er den Zauber mit eigenen Augen gesehen hatte. Sonst hätte er möglicherweise nur gedacht, dass ein geübter Schreiner die Tür besonders gut geschliffen, geölt und ihr so diese Makellosigkeit verliehen habe. Wie auch immer, jetzt würde sich zeigen, ob er sie öffnen konnte. Er berührte das Schloss dreimal kurz hintereinander und sprach die Formel zum Öffnen garstiger Türen und widerspenstiger Tore: »Foramen Foraminor!«

Die astrale Energie floss pulsierend aus seiner Hand in das kalte Metall des Schlosses und traf auf harten Widerstand. Mit aller Kraft seines Geistes drängte Velin auf das Muster ein, um es zu zerstören. Wie mit einer mächtigen Klaue griff etwas nach seinem Verstand. Die Umklammerung war beißend kalt und von schier unglaublicher Kraft. Er sank ein Stück in sich zusammen und keuchte.

Erneut sammelte er sich und widerstand dem Drang aufzugeben, obwohl ihn eine innere Stimme warnte, die Kraftprobe könne ihm den Kopf auseinanderreißen. Er schrie schmerzerfüllt auf, als die eisige Klaue ihren Griff verstärkte.

Tränen rannen ihm aus den Augen und tropften in den Staub. Er schmeckte Blut. Doch schon kurz darauf schöpfte er neuen Mut. Langsam, sehr langsam, gaben die Linien nach, und das Netz der astralen Fäden löste sich.

Es klickte. Das Schloss sprang auf. Velin ging in die Knie. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, und die Muskeln versagten ihm den Dienst. Nur wenige Sekunden hatte das Duell zwischen seinem Geist und dem Schutzzauber gedauert, aber der Sieg hatte ihn nahezu seine gesamte Kraft gekostet.

Lange noch hockte er vor der offenen Tür, bis er sich wieder aufrichten konnte. Dann stützte er sich auf seinen Stab und wankte in den dunklen Hauseingang. Jetzt würde ihn nichts mehr aufhalten, jetzt, wo er seinem Ziel so nah war! Bei all der Konzentration war ihm völlig entgangen, dass er bei seinem Zauber beobachtet worden war. Der heimliche Beobachter, der jeden seiner Schritte genau verfolgt hatte, zog sich erst jetzt, da der Zauberer im Haus verschwand, zurück.

Als Velin die Tür hinter sich zugezogen hatte, umfing ihn Finsternis. Dass es so dunkel war, damit hatte er nicht gerechnet. Die Schießscharten mussten auf irgendeine Weise versiegelt worden sein, sodass jetzt, wo die Tür wieder geschlossen war, kein einziger von Praios’ Strahlen in das Innere des Gebäudes vordringen konnte.

Er hob seinen Stab und schloss die Augen. Helle Flammen entsprangen der Spitze des Zauberstabs und vertrieben die Schatten. Langsam öffnete er die Augen, um nicht von der eigenen Fackel geblendet zu werden.

Wie nützlich doch die Magie des Stabs war! Jedem Schüler der hohen Künste wurden die Grundlagen beigebracht, wie man aus einem Stück Holz einen Zauberstab herstellen konnte. Und dennoch gab es drastische Unterschiede, wie viel der eine oder andere Magus mit diesem Stab anfangen konnte. Velin selbst war auf diesem Gebiet bei weitem nicht so bewandert, wie er es sich gewünscht hätte, aber es genügte. Die Fähigkeit, die magischen Flammen aus dem Stab schlagen zu lassen, hatte er sehr früh erworben. Das Wundervolle an dieser Kunst war, dass sie den Zaubernden annähernd keine Kraft kostete – fast so, als würde dieses magische Feuer immer im Inneren des Stabes brennen und begierig auf seine Entfesselung warten.

Im Schein des magischen Feuers sah er sich um. Er stand in einem kleinen Vorraum, der vielleicht gerade einmal vier Rechtschritt maß. Zwei Türen führten weiter ins Innere des Gebäudes. Velin entschied sich zunächst für die rechte. Sie war nur angelehnt und ließ sich gespenstisch geräuschlos öffnen. Der Raum dahinter war wesentlich größer als der erste. Alles hier war mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Spätestens jetzt konnte er sich sicher sein, dass hier schon lange niemand mehr gewesen war. Die magische Fackel flackerte und ließ die Schatten an den Wänden tanzen. Mehrere Regale, ein großer Tisch und eine Feuerstelle waren zu erkennen, und es gab noch eine weitere Tür am Ende des Raumes, der wohl mal die Küche des Hauses gewesen war und es wohl auch bald wieder sein würde. Velin durchschritt den Raum zügig und öffnete die nächste Tür. Hier waren im schwachen Licht einige Kisten und Fässer zu sehen. Es roch ein wenig süßlich und nach verrotteten Nahrungsmitteln: die Speisekammer.

Gerade wollte er wieder gehen und sich dem Rest des Hauses zuwenden, da fiel sein Blick zufällig auf den Boden der kleinen Kammer. Für einen kurzen Augenblick erstarrte er, und ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. In einer Ecke war eine Luke in den steinernen Boden eingelassen. Dies war ganz sicher der Eingang zum Keller des Hauses, Velins eigentlichem Ziel. Er überlegte einen Moment und entschloss sich dann, zunächst den Rest des Hauses zumindest flüchtig zu untersuchen. Er wollte keine unliebsamen Überraschungen im Rücken haben, wenn er dort hinunterstieg.

Die weiteren Räume des Hauses waren in einem ähnlichen Zustand wie die Küche. Nichts war beschädigt, und es sah auch nicht so aus, als sei der ehemalige Bewohner überstürzt abgereist. Es wirkte sogar so, als habe der Vorbesitzer fast gar nichts mitgenommen. Er musste also sehr überraschend geflohen sein, oder er hatte die Absicht gehabt, bald zurückzukehren.

Neben der Küche und der Vorratskammer gab es im Erdgeschoss noch ein Esszimmer und ein geräumiges Kaminzimmer, in dem sich auch die Treppe zum ersten Stock verbarg. Dieser Raum ging bis zum Dach, das Obergeschoss lag somit nur über den anderen Räumen des Hauses. Auf einer kleinen Galerie stehend, konnte man das Kaminzimmer mit den beiden schweren Ledersesseln von oben betrachten.

An die Galerie schlossen sich zwei fast identische Räume an. Einer war mit Bett, Tisch und Schrank wohl das Schlaf- und Arbeitszimmer des Hausherrn, der andere mit fast gleicher Ausstattung vielleicht ein luxuriöses Gästezimmer gewesen.

Nach einer knappen halben Stunde war Velin mit seinem Rundgang fertig und wieder in der Küche angelangt. Nun war es Zeit, die Gerüchte zu überprüfen und herauszufinden, ob seine Informationen über diesen Ort stimmten. Er ging zu der Fußbodenklappe, griff nach dem eisernen Ring, der daran befestigt war, und zog daran. Ohne nennenswerten Widerstand schwang die Falltür auf, und das Licht der Fackel fiel auf eine schmale Wendeltreppe.

Velins Herzschlag beschleunigte sich, als er die kleinen Stufen hinabstieg. Hastig nahm er die letzten Stufen und stand in einem Vorratsraum. Seine anfängliche Enttäuschung wich, als er eine weitere Tür entdeckte. Eilig ging er weiter und achtete kaum noch auf seine Umgebung. Hinter dieser Tür lag ein länglicher Flur, von dem nur eine andere Tür abging. Er grinste wie ein kleines Kind, das gerade einen Haufen Süßigkeiten stibitzt hatte. Ja, das war es.

Er erinnerte sich an die Pläne des Kellers, die er unter alten Notizen in der Bibliothek der Festumer Akademie gefunden hatte. Nun sah er sich etwas genauer in dem Flur um und untersuchte die Wände. Sie waren grob behauen und nicht so gut gearbeitet wie der obere Teil des Hauses. Der Keller schien viel älter als der Rest zu sein, und auch das passte zu seiner Erinnerung.

Er ging auf die schmale Seite des Raumes zu, an der keine Tür war, und stellte sich mit dem Rücken an die kalte Wand. Von dort aus maß er drei Schritte ab, bis er stehen blieb. Hier musste es sein. Langsam und sorgfältig tastete er die Wand zu seiner Rechten ab, bis er einige lockere Steine fand. Er schob sein Gesicht dichter an diese Stelle, dann war er sich sicher. Das musste der Mechanismus sein! Mit höchster Konzentration formte er die magischen Worte, die er in dem alten Dokument gefunden hatte.

Einen bangen Moment lang geschah nichts, doch dann versanken die Steine mit einem leisen, knirschenden Geräusch in dunklen Höhlen. Velin trat erwartungsvoll einen Schritt zurück.

Nach wenigen Augenblicken, in denen er nur seinen eigenen Atem vernahm, begann sich im Inneren der Mauer etwas zu rühren. Ein tiefes Grollen ertönte und verriet, dass sich eine alte und schwerfällige Mechanik in Bewegung gesetzt hatte. Staub rieselte von der Wand, und ein feiner Riss in Form eines mannshohen, umgedrehten L bildete sich im groben Gestein. Wenig später schwang an der gleichen Stelle unter gehörigem Ächzen eine Steinplatte nach hinten in die Finsternis.