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Hesinjas Mutter starb bereits bei der Geburt - ihr Vater wurde vom ihrem Grafen, einen jähzornigen Bronnjar, in einer eisig kalten Winternacht an den Pranger gestellt und erfror, als sie sechs war. Seitdem wuchs sie im örtlichen Travia-Tempel auf und wurde als Novizin ausgebildet. Als sie 16 Jahre alt ist, fehlt ihr nur noch eine Sache, um Geweihte zu werden - der von ihr gehasste Graf Joost von Salsweiler muss sie als Leibeigene freigeben. Doch anstatt dies zu tun, nimmt er sie kurzerhand als Magd in seine Dienste. Urplötzlich sieht sich Hesinja mit den Intrigen am Hof und ungewohnten neuen Aufgaben konfrontiert. Beim Versuch, sich ihren Platz zu erstreiten, bemerkt sie nicht, wie sie ihre eigene Moral mehr und mehr hinter sich lässt. Doch als in einem strengen Winter Rotaugen das Dorf heimsuchen, erkennt sie, dass ihr gesamtes leidvolles Leben nur Begleiterscheinung eines gigantischen Racheplans ist ...
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Seitenzahl: 367
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Biografie
Obwohl die Autorin seit ihrer Geburt 1978 in Leverkusen lebt, hat sie es erfolgreich vermieden, mit Chemie oder Fußball zu tun zu haben. Stattdessen studierte sie Informatik an der Universität Bonn und arbeitet als freiberufliche Programmiererin. Neben einigen Fan-Romanen im Perry-Rhodan-Umfeld steuerte sie einen Roman zur Science-Fantasy-Reihe SunQuest bei. Salsweiler ist ihr erster Beitrag zum Schwarzen Auge.
Titel
Aki Alexandra Nofftz
Salsweiler
Ein Roman in der Welt von Das Schwarze Auge©
Originalausgabe
Impressum
Ulisses SpieleBand 11071EPUB
Titelbild: Arndt DrechslerAventurienkarte: Ralph HlawatschBuchgestaltung: Ralf BerszuckE-Book-Gestaltung: Michael Mingers
Copyright ©2012 by Ulisses Spiele GmbH, Waldems. DAS SCHWARZE AUGE, AVENTURIEN, DERE, MYRANOR, RIESLAND, THARUN und UTHURIA sind eingetragene Marken der Significant GbR. Alle Rechte von Ulisses Spiele GmbH vorbehalten.
Titel und Inhalte dieses Werkes sind urheberrechtlich geschützt.
Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Bearbeitung, Verarbeitung, Verbreitung und Vervielfältigung des Werkes in jedweder Form, insbesondere die Vervielfältigung auf photomechanischem, elektronischem oder ähnlichem Weg, sind nur mit schriftlicher Genehmigung der Ulisses Spiele GmbH, Waldems, gestattet.
Print-ISBN 978-3-86889-161-4E-Book-ISBN 978-3-86889-640-4
Widmung
Gewidmet den Mitgliedern meiner langjährigen DSA-GruppenMarc FuhrmansPaul HoffmannMarcel KönigManuell RinasChristine StiehlGert WeinandJohannes Wittund ihren Lieblingsheldensowie mit Dank an meine TestleserJochen HesemannTobias Rothmund
Prolog
Mit lautem Krachen flog die Haustür auf und brach fast aus den Angeln. Hesinja stieß vor Schreck einen schrillen Schrei aus.
»Er ist weg!«, donnerte eine tiefe Stimme durch die Öffnung.
Die Sechsjährige flüchtete unter den Küchentisch und kroch dann unter die Bank. Dort angekommen, fühlte sie sich sicher und riskierte einen Blick. Im Eingang der Bauernkate stand eine gedrungene, bullige Gestalt. Das runde Gesicht, das von einer breiten Nase und einem Schnauzbart dominiert wurde, war vor Wut rot angelaufen. Hesinja schauderte. Genauso sah sie Vater auch immer an, wenn sie wieder einmal Dummheiten begangen hatte. Hinzu kamen die Schneeflocken, die die Silhouette umwehten und den unangekündigten Besucher wie einen Dämon erscheinen ließen.
Ihr Blick huschte von der Tür an den Kleiderhaken und der Kochstelle vorbei zur Treppe. Vater war oben in der Guten Stube. Hesinja durfte nur zum Tag der Heimkehr das Zimmer betreten und staunte jedes Mal erneut über die weichen Polster und die Ikone der gütigen Travia, die in einer Zimmerecke über einem kleinen Schrein hing.
»Wenn du einmal groß bist, wirst du hier auch dein tägliches Gebet vorbringen«, sagte Vater immer, nachdem ihr Blick dort angekommen war, und wischte sich danach jedes Mal eine Träne fort. »Deine Mutter hätte es sicherlich so gewollt …«
»PJEROW!«, riss sie ein erneuter Ruf aus ihren Erinnerungen. Die Stimme wurde lauter und fordernder.
Hesinja bekam fürchterliche Angst und presste sich weiter unter die Bank. Früher hatte sie viel besser hier drunter gepasst, nun konnte sie nur noch flach auf dem Bauch liegend hinunterrutschen. Möglicherweise würde sie sich bald gar nicht mehr hier verstecken können. Schon jetzt hatte sie Mühe, mit ihrer Puppe zusammen …
Voller Schreck sah sie, dass sie auf der Flucht ihre Puppe mitten in Zimmer liegen gelassen hatte. Vorsichtig versuchte sie, danach zu greifen, doch hoffnungslos – ihre Karinja war mehrere Schritte entfernt. Es hätten auch Meilen sein können; sie war ganz und gar unerreichbar. Hesinja fühlte sich plötzlich sehr einsam und begann, die Enden ihrer Zöpfe zu kneten, um sich abzulenken. Wo blieb bloß Vater?
Als hätte er diesen Gedanken vernommen, öffnete sich die Tür zur Guten Stube. Mit großen Schritten eilte er die Treppenstufen herab und fiel vor dem großen Mann auf die Knie. Hesinja verzog das Gesicht, als Vater die mit schlammigem Schnee verkrusteten Stiefel küsste.
»Hier bin ich, Herr«, sagte er in einem jammernden Ton, den sie nie zuvor bei ihm vernommen hatte. »Wie immer stets zu Euren Diensten, Euer Hochwohlgeboren.«
Der große Mann verpasste Hesinjas Vater einen Fußtritt genau ins Gesicht, sodass er benommen liegen blieb. Das Mädchen quiekte vor Schreck und presste sich so weit unter die Bank, dass die Schultern schmerzten.
»Er ist verschwunden!«, brüllte der große Mann und trat Vater in den Bauch, sodass dieser aufstöhnte. »Und das alles nur wegen deinem dämlichen Ausflug in den götterverlassenen Überwals vor einer Woche.«
Vater röchelte und wand sich auf dem Boden. Hesinja bemerkte zu ihrem Entsetzen, dass Blut aus seiner Nase lief. Sie steckte sich ein paar Finger in den Mund, um nicht erneut aufzuschreien.
Schließlich gelang es Vater doch, einige Worte auszustoßen: »Ich – ich konnte doch nicht ahnen, dass der Strauch gefährlich war. Der Junge hatte was von einem kleinen Mädchen gefaselt, und ich hatte so ein Gewächs noch nie …«
»Schweig Er!«, donnerte der große Mann und verpasste Vater eine Ohrfeige. Er winkte nach draußen. »An den Pranger mit ihm!«
Einige weitere Erwachsene, die Hesinja bisher nicht gesehen hatte, trampelten in die Kate und zerrten Vater mit sich nach draußen. Nur der große Mann blieb stehen und ließ den Blick durch den Raum gleiten. Hesinja hielt die Luft an. Ob er ihre Schreie gehört hatte? Mit Sicherheit! Hoffentlich fand er sie nicht. Sie wollte nicht ebenfalls von ihm geschlagen werden. Mit Schaudern dachte sie daran, wie ihr Vater sie sonst bestrafte.
Der große Mann setzte sich in Bewegung und blieb vor ihrer Puppe stehen. Als er Karinja aufhob, drohte Hesinjas Herz stehen zu bleiben.
Nein, nicht Karinja!, schrie sie in Gedanken und biss sich abermals auf die Finger, um keinen Mucks von sich zu geben.
Einen endlos langen Moment hatte sie nur die schweren Stiefel in ihrem Blickfeld, die eine große Dreckspur auf den Dielen hinterlassen hatten. Nachher würde sie das alles wieder wegschrubben müssen, da war sie sich sicher. Was dachte sie hier eigentlich? Ihr Vater war verprügelt worden, ihre Puppe schwebte in Lebensgefahr – und sie dachte nur ans Putzen!
Mit einem dumpfen Schlag landete ihre Karinja mit dem hölzernen Kopf auf dem Boden, und die Stiefel entfernten sich. Erst als die Erwachsenen verschwunden waren, wagte Hesinja es, die Finger aus dem Mund zu nehmen und ihren Tränen freien Lauf zu lassen.
* * *
Sie wusste nicht, wie lange sie unter der Küchenbank ausgeharrt und geschluchzt hatte, aber schließlich wagte sich Hesinja doch aus ihrem Versteck. Ihr erstes Ziel war Karinja. Vorsichtig rutschte sie auf Knien heran und hob ihre Puppe behutsam auf. Dass sie dabei ihr Kleid in den Fußspuren verdreckte, störte sie nicht im Geringsten. Vater würde das schon verstehen.
Hesinja zuckte zusammen. Vater! Hätte er nicht längst zurück sein müssen? Was hatte der böse große Mann bloß mit ihm gemacht? Der Pranger, richtig!
Einmal, als Vater mit ihr auf dem Dorfplatz unterwegs gewesen war, hatte eine Frau Hände und Kopf durch die drei Löcher der Holzwand geschoben. Hesinja hatte sich darüber amüsiert, doch ihr Vater hatte gesagt, dass die Frau unartig gewesen war und vom Grafen dafür bestraft wurde. Hieß das etwa, dass Vater … Dann musste der große Mann der Graf sein!
Sofort sprang sie auf und stopfte sich ihre Puppe in das Hüftband ihres Kleids. Sie riss ihren Mantel vom Haken und rannte, so schnell sie konnte, zum Dorfplatz.
Tatsächlich stand Vater völlig allein am Pranger, Hände und Kopf wie damals die Frau durch die Löcher gesteckt. Er sah schlimm aus. Seine Nase wirkte seltsam platt, das Gesicht war von Blut bedeckt, seine Beine zitterten und die Lippen waren blau angelaufen.
»Vater! Vater!«, rief Hesinja und lief zu ihm.
Mühsam hob er den Kopf, soweit es das enge Loch zuließ, und blickte in ihre Augen. Sein Blick hatte etwas in sich, das sie sofort zum Weinen brachte.
»Hesinja, es tut mir leid.« Seine Stimme war nur ein Flüstern. »Meine kleine Hesinja …«
Nun begannen auch Tränen aus seinen Augen zu fließen. Sie nahmen das Blut mit sich und hinterließen rote Punkte im Schnee.
Hesinja fing trotz des Mantels, den Vater zu Beginn des Winters für sie genäht hatte, zu zittern an. Heute Nacht war es wirklich eisig kalt!
»Hör mir zu!«, sagte Vater zu ihr. »Halte dich immer an Travias Gebote, hörst du? Packe zu Hause ein paar Kleidungsstücke zusammen, dann gehst du zum Tempel und bittest Mutter Jella, dich aufzunehmen. Danach …«
»Aber Vater!«, stieß sie zwischen zwei Schluchzern hervor. »Du kommst doch morgen wieder, oder?«
Müde blickte er sie an und schwieg. Lediglich das Klappern seiner Zähne durchbrach die Stille.
Hesinja verstand. »Dir ist zu kalt! Warte, ich hole dir deinen Mantel! U… und das Bild der gütigen Travia. Das wird dich vor dem bösen Mann beschützen!«
Vater schüttelte den Kopf. Weitere Tränen und Blutstropfen hinterließen ihre Spuren im Schnee. Eine Windböe heulte über die Dächer und schien Vater und sie zu verhöhnen.
»Nein, meine Hesinja!«, flüsterte er. »Ich habe unserem Herrn unrecht getan. Wir sind sein Besitz und haben unseren Bronnjaren zu gehorchen. Als er mich bat, seinem Sohn das Spurenlesen beizubringen, hätte ich besser auf ihn Acht geben müssen. Dann wäre das nie passiert. Er …« Vaters Stimme brach. Er spuckte Blut.
Ein dicker Kloß hatte sich in Hesinjas Hals gebildet. Nur mit Mühe gelang es ihr, die nächsten Worte auszustoßen: »Aber wenn du mich bestraft hast, war doch anschließend auch wieder alles gut. Ich hab’s einfach nicht wieder getan. Wird der Sohn des Grafen denn nicht wieder gesund?«
»Komm her, meine Tochter«, sagte Vater statt einer Antwort. »Ich möchte noch einmal durch dein schönes blondes Haar streichen.«
Mit bebender Unterlippe gehorchte sie und beugte ihren Kopf unter die eingezwängte Hand.
Sie genoss die sanfte Berührung, auch wenn Vaters Finger kalt wie Eiszapfen waren.
»Es ist gut«, vernahm sie seine Stimme. Inzwischen war diese so leise geworden, dass Hesinja ihn nur noch mit Mühe verstehen konnte. »Ich werde nun deiner Mutter in Borons Reich folgen und ihr berichten, für welch hübsche Tochter sie ihr Leben gegeben hat.«
Hesinja schluchzte und wischte sich mit der Hand die Nase ab. »Sag so etwas nicht …«
Sie spürte, wie die Finger in ihren Haaren ihr einen Stoß gaben.
»Und nun geh!«, befahl Vater. »Mach, was ich dir gesagt habe, und komm nicht wieder zurück!«
Hesinja wich ein paar Schritte zurück, sodass sie ihm in die Augen sehen konnte, und heulte hemmungslos. »Vater …«
»Geh!«, rief er in einem Tonfall, der keinen Widerspruch zuließ. »Sofort!«
Schweren Herzens wandte sie sich ab und rannte weinend nach Hause. Dort angekommen, schloss sie die Tür und kauerte sich vor dem warmen Herd zusammen.
»An Travias Gebote halten …«, murmelte sie, wischte sich die Tränen aus den Augen und starrte in die Glut. Travia ist die Göttin des Herdfeuers, erinnerte sie sich. Aber was war nur die andere Sache, auf die Travia Wert legte?
»Ich weiß es nicht mehr!«, heulte sie und stand wieder auf. Vater würde es ihr sicherlich sagen können. Aber nein, sie sollte ja nicht wiederkommen!
Schluchzend stand sie mitten in der Küche und wusste nicht, was sie tun sollte. Wie magisch blieb ihr Blick an der Tür zur Guten Stube hängen. Sie stand immer noch offen, da Vater sie nicht mehr abschließen konnte. Konnte sie …? Sollte sie …?
Aber nein, Vater hatte es verboten!
Allerdings war da doch die Ikone. Sicherlich würde die Göttin ihr helfen können. Eilig rannte sie die Stufen empor und sank vor dem Schrein auf die Knie.
»Gütige Mutter Travia«, flehte sie, obwohl sie das Bild durch ihre Tränen nur erahnen konnte. »Vater steht draußen in der Kälte am Pranger und hat gesagt, ich soll deine Gebote halten. U… und in deinen Tempel gehen! Aber ich habe vergessen, was deine Gebote sind. Du bist mir doch sicherlich nicht böse, wenn ich ihn noch einmal frage, oder? Ich werde ihm dein Bildnis mitbringen … und seinen Mantel. Dann wird morgen alles wieder gut.«
»Hab keine Angst, mein Kind«, vernahm sie plötzlich eine Stimme hinter sich.
Hesinja vergaß vor Schreck zu atmen. Hatte die Göttin persönlich zu ihr gesprochen?
Vorsichtig drehte sie sich um und war beinahe enttäuscht, als sie Mutter Jella erkannte. Doch die Enttäuschung dauerte nur einen Augenblick, dann fiel sie der Geweihten in die Arme und ließ ihre Tränen in ihr Gewand fließen.
Sanft streichelte ihr die Travia-Priesterin über den Kopf. »Ich komme gerade von deinem Vater. Ich hatte Lärm gehört und bin dann zum Pranger gegangen, so schnell ich konnte. Er hat mir alles erzählt. Ich werde dich gern als Novizin in den Tempel aufnehmen und mich um dich und deine Ausbildung kümmern. Ich habe deine Mutter gut gekannt. Sie hätte es auch so gewollt. Packe ein paar Sachen zusammen, dann gehen wir zum Tempel. Alles wird gut, hörst du?«
Hesinja vergoss nicht eine Träne und sagte kein Wort, während sie ihre Habseligkeiten zusammenpackte, das Herdfeuer löschte und der Geweihten in den Tempel folgte.
Als sie am nächsten Morgen aufwachte, wollte sie direkt zum Pranger laufen. Doch Mutter Jella hielt sie fest und schüttelte nur traurig den Kopf. Da wurde Hesinja bewusst, dass ihr Vater tot war und sie ihn nie wiedersehen würde. Sie riss sich los und rannte heulend in eine Ecke der Tempelhalle, direkt unter einen Tisch. Dort kauerte sie sich zusammen und schwor sich, ihren Vater eines Tages zu rächen.
Ein schwerer Gang
»Solltet Ihr Euch nicht lieber um das Feld kümmern?« Eine tiefe Zornesfalte grub sich in Hesinjas Stirn. Das war jetzt bereits der dritte Meskinnes, den Koj bestellte – und es war nicht einmal Mittag.
Koj Perschoff musterte sie mit ausdrucksloser Miene. Sein von einer großen Knollennase beherrschter Glatzkopf wirkte nicht so, als wäre Hesinjas Botschaft in ihn eingedrungen.
»Lass ihn in Ruhe!«, mischte sich nun sein Saufkumpan Lumin Rodensen ein. Der kräftig gebaute Holzfäller und Schreiner schien ebenfalls nichts Besseres zu tun zu haben. »Koj hat sich die Schnapsrationen hart erarbeitet.«
Hesinja stemmte wütend die Fäuste in die Hüften. Bevor ihr eine passende Antwort einfiel, bemerkte sie, wie Vater Vigo beruhigend seine Hand auf ihre Schulter legte.
»Lass sie, Hesinja. Lauf lieber hinüber zu Mutter und hole mir noch einen Topf Suppe. Ich habe gerade gesehen, dass eine Fähre angelegt hat. Die Schiffer werden sicherlich Hunger haben.«
Sie schluckte ihren Ärger hinunter, drehte sich ohne ein weiteres Wort um und verließ schnellen Schrittes die kleine Gaststätte Salsweilers. Draußen auf dem Dorfplatz riskierte sie einen lauten Seufzer. Tagein, tagaus hingen Lumin und Koj im Schankraum herum und schütteten einen Meskinnes nach dem anderen in sich hinein. Was sollte bloß der Graf von ihnen halten?
Hesinja lachte gehässig auf. Ja, der liebe Graf … Unwillkürlich blieb ihr Blick am Pranger hängen.
Zehn Jahre war es jetzt bereits her, dass Graf Joost von Salsweiler ihren armen Vater hingerichtet hatte. Sie ballte die Fäuste. Nie, aber auch wirklich nie würde sie dem Bronnjaren das vergeben. Irgendwann einmal, ja irgendwann …
Mühsam löste sie ihre Aufmerksamkeit vom Pranger und wandte sich dem Travia-Tempel zu. Das Steingebäude mit quadratischem Grundriss wurde durch den großen Kamin in seiner Mitte dominiert. Außen war das Gotteshaus mit Szenen aus dem Familienleben bemalt. In einem Verschlag direkt daneben schnatterten Wildgänse aufgeregt.
Hesinja raffte ihre hellgelbe Robe. Nein, sie war eine Novizin der gütigen Göttin. Solche Gedanken gehörten sich für eine angehende Geweihte nicht.
Sie bemühte sich, nicht die Schultern hängen zu lassen und ein möglichst fröhliches Lächeln aufzusetzen, als sie den Tempel betrat, doch Mutter Jella konnte sie damit nicht täuschen. Die Geweihte, die Hesinja inzwischen als ihre richtige Mutter betrachtete, sah ihr die miese Stimmung sofort an.
»Ach, mein Gänslein«, sagte sie sanft, legte den Rührstab beiseite und eilte auf die Novizin zu. »Es ist wieder wegen Hochwohlgeboren, habe ich recht?«
Hesinja nickte automatisch. Wenn man jemanden nichts vormachen konnte, dann Mutter. Mechanisch suchte sie Kelle und Topf zusammen, um etwas Suppe abzuschöpfen.
»Hesinja, so kann es nicht weitergehen.« Mutters Stimme nahm eine Bestimmtheit an, die Hesinja aufhorchen ließ. »Du solltest endlich um deine Freigabe bitten.«
Hesinja griff nach einem Löffel und probierte die Suppe. Es war Kohleintopf, und er war Mutter wie immer fantastisch gelungen. Sie ließ den Blick über die Küchenablage gleiten, um sich zu merken, welche Kräuter und Gewürze Mutter verwendet hatte.
»Kind, hörst du mir überhaupt zu?«
Hesinja zuckte zusammen. »Nie werde ich ein Wort mit ihm wechseln«, fauchte sie.
Auf einen Schlag war der Hass wieder da. Entsetzt erkannte sie, dass sie den Löffel wie eine Waffe erhoben hatte, und ließ ihn erschrocken sinken.
Mutter Jella legte beide Hände auf Hesinjas Schultern. Obwohl die Geweihte kleiner war als sie, strahlte sie auch durch diese vertrauliche Geste große Autorität aus.
»Deine Zeit als Gänslein neigt sich dem Ende entgegen«, sagte Mutter eindringlich. »Das Einzige, was dir noch zu tun bleibt, ist eine Pilgerreise nach Rommilys, um das Hohe Paar und den Friedenskaiser-Yulag-Tempel kennenzulernen. Danach kannst du die Weihe Travias empfangen.«
Hesinja nickte. All das hatte sie schon oft genug gehört, und so wusste sie auch, was jetzt kommen würde. Sie krampfte sich innerlich zusammen.
»Nur kannst du nicht einfach so deine Pilgerreise antreten, denn du bist eine Leibeigene. Du würdest als Schollenflüchtige verfolgt werden.« Mutter seufzte. »Es hat keinen Sinn, es immer und immer zu wiederholen. Wir müssen es endlich tun. Komm, lass uns zum Grafen gehen.«
Hesinja erstarrte und blickte Mutter schockiert an. »Das … das kannst du nicht tun.«
Mutter nickte. »Und ob ich das kann. Hesinja, ich weiß, dass du den Grafen nicht magst …«
»Ich hasse ihn!«
»Hüte deine Zunge! Travia liebt alle Menschen, und das solltest du auch.«
Hesinja schluckte. Was konnte sie bloß tun? Nie, niemals wollte sie wieder in die Nähe des Grafen gelangen. Seit dieser furchtbaren Nacht war sie ihm immer aus dem Weg gegangen, was in dem kleinen Ort Salsweiler nicht einfach, aber machbar war. Sie war sich sicher, dass es dem Bronnjaren sogar bisher entgangen war, dass der Travia-Tempel eine Novizin ausbildete.
»Hesinja, es ist nur dieser kleine Moment«, durchbrach Mutter die Stille. »Danach bist du frei und hast nie wieder mit ihm zu tun.« Sie blickte Hesinja in die Augen.
Diese merkte, wie sich ihre mit Tränen füllten. »Ich … kann es nicht«, brachte sie mühsam hervor.
»Du brauchst es auch nicht, denn ich werde mit dem Grafen reden. Das Einzige, was ich von dir verlange, ist, dass du mitkommst und dich zusammenreißt. Für Travia!«
»Für Travia«, wiederholte Hesinja matt und ließ es geschehen, dass Mutter sie an die Hand nahm und langsam, aber bestimmt aus dem Tempel zog.
Draußen auf dem Dorfplatz erkannte sie einige bullige Gestalten unweit der blühenden Apfelbäume, die auf einem Hain direkt am Walsach wuchsen. Die Schiffer waren bereits angekommen! Und so zügig, wie sie auf das Gasthaus zuschritten, würde es unmöglich werden, vor ihnen mit dem gefüllten Topf anzukommen.
Energisch riss sie sich wieder los. »Mutter, Vater braucht noch etwas von dem Eintopf für die Schiffer.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie in den Tempel zurück. So schnell es ging, füllte sie den Topf mit der dampfenden Suppe, dann huschte sie wieder nach draußen. Mutter stand immer noch auf derselben Stelle, weit genug entfernt, und machte keinerlei Anstalten, sie aufzuhalten. Zum Glück noch einmal davongekommen!
Als sie die Dorfschänke betrat, ruckten sofort unzählige Augenpaare in ihre Richtung. Oh, wie sie das hasste, vor allem von den Männern angestarrt zu werden. Sie hielt den Topf wie einen Schild vor sich gestreckt und tat so, als würde sie nichts bemerken. Nur gut, dass sie die Novizenrobe davor bewahrte, angegrabscht zu werden.
Hesinja machte sich nicht sonderlich viel aus Männern. Sie seufzte. Vermutlich lag es einfach daran, dass die Auswahl in Salsweiler sehr begrenzt war. Da war zum einen Stanjuscha, der älteste Sohn des Säufers Koj Perschoff, was ihn eigentlich schon deshalb disqualifizierte, denn Erziehung war etwas, das er nie genossen hätte. Sicherlich sah Stanjuscha ganz nett aus, allerdings er war auch zwei Jahre jünger als sie. Nein, absolut niemand, den man mit seinen Kindereien in der Nähe haben wollte.
Zum andern gab es noch Jarle. Der Stallbursche des Grafen war ein Jahr älter als sie – und die Hässlichkeit in Person. Gut, dass er nur selten aus der Grafenburg herauskam, denn immer, wenn er ihr über den Weg lief, gab er ihr zu verstehen, dass er sie schon als seine künftige Frau ansah.
So ein Widerling! Angeekelt verzog sie das Gesicht. Der Rest war entweder schon in festen Händen oder aber weit jenseits von Hesinjas Alter.
»Schmeckt der Eintopf so schlecht?«, riss sie Vater Vigo aus ihren Gedanken. »Du siehst aus, als hättest du rohen Rhabarber essen müssen.«
Jetzt galt es, schnell das Thema zu wechseln. Gerade Vater war der Meinung, dass eine angehende Travia-Geweihte nicht ohne Ehemann bleiben durfte.
»Mutter möchte, dass wir noch heute zum Grafen gehen und um meine Freilassung bitten.«
Vater stellte den Bierkrug ab, den er gerade füllte, und umarmte sie. »Das ist doch wunderbar. Ich dachte schon, dein Noviziat findet nie ein Ende.«
Hesinja versteifte sich. Verstand denn niemand, wie sehr sie sich vor dem Augenblick fürchtete, ihrem Vatermörder vor die Augen treten und um ihre Freiheit betteln zu müssen?
»Du zitterst ja.« Vater begann, ihr beruhigend über den Rücken zu streicheln. Genauso hatte er es immer getan, als sie in den Monden nach dem Verlust ihres leiblichen Vaters unter furchtbaren Albträumen gelitten hatte.
Hesinja wollte sich dagegen auflehnen, war sie doch kein Kind mehr! Aber mehr und mehr spürte sie, wie sie sich beruhigte.
»Wirt, wo bleibt mein Bier?«, durchbrach eine tiefe Stimme den aufmunternden Moment.
Vater seufzte ergeben und griff wieder nach dem Krug. »Die vier Männer am mittleren Tisch haben nach einer deftigen Mahlzeit gefragt. Kannst du ihnen den Eintopf anbieten? Gib ruhig noch ein paar Stückchen Speck mit hinein, wir wollen ja niemanden hungern lassen, oder?« Er zwinkerte ihr aufmunternd zu und verschwand mit den Händen voller Bierhumpen durch die Küchentür.
Hesinja breitete die Teller auf der kalten Kochstelle aus und begann, den Speck zu schneiden. Da Vater Vigo, selbst Travia-Akoluth, mit der Geweihten verheiratet war und diese das Herdfeuer im Tempel niemals ausgehen ließ, ergab es keinen Sinn, in der Gaststätte zusätzlich noch zu kochen. Das brachte es mit sich, öfter Nachschub aus dem Tempel zu holen, was Durchreisende immer wieder mal irritierte. Aber in Salsweiler waren die Wege kurz, und im kalten Winter verließ ohnehin niemand sein warmes Haus, sodass auch keine Gäste zu bewirten waren.
Als ein Schmerz durch ihren Daumen drang, zuckte sie zusammen. Jetzt hatte sie sich doch tatsächlich mit dem Küchenmesser geschnitten. Was war das nur für ein Tag? Sie ließ die Speckwürfel in die Schüsseln gleiten und steckte sich den schmerzenden Daumen in den Mund. Dann musste diese Fleischeinlage halt reichen. So wie die Männer sie angestarrt hatten, sollten sie ohnehin froh sein, überhaupt etwas extra zu bekommen.
Sie schaute sich um. Vater musste inzwischen mit einer zweiten Runde in den Schankraum geeilt sein. Also blieb ihr doch nichts anderes übrig, als selbst das Essen zu den Schiffern zu bringen.
Sie griff nach einem Tablett und platzierte die Schüsseln darauf. Wie sie befürchtet hatte, war es ihr fast schon zu schwer. Stöhnend wuchtete sie das Gewicht empor und bugsierte es in den Schankraum. Die wenigen Schritte zum Tisch kamen ihr wie Meilen vor. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit konnte sie das Tablett erleichtert auf den Tisch sinken lassen. Beim nächsten Mal würde sie die Schüsseln lieber einzeln bringen. Aber hatte sie sich das nicht schon letztens vorgenommen?
Während sie das Essen austeilte, versuchte Hesinja die stechenden Blicke zu ignorieren. Dennoch blieb ihr nicht verborgen, dass gerade der hässlichste der vier – ein unförmiger Kerl mit verunstalteten Gesicht und schiefen Zähnen – offenbar Gefallen an ihrer Oberweite gefunden hatte. Sie zwang sich, nicht wütend zurückzustarren.
»Viermal Gemüseeintopf mit Speck für die Herren Schiffer. Lasst es Euch schmecken.«
Hesinja wirbelte herum und wollte schnell wieder in der Küche verschwinden. Moment, hatte sie da nicht etwas Orangefarbenes am Nachbartisch gesehen? Sie warf einen kurzen Blick zurück. Tatsächlich, Mutter saß dort und lächelte ihr freundlich zu.
Zurück in der Küche ließ sich Hesinja stöhnend auf den Hocker sinken. Mutter war es tatsächlich ernst. Heute noch würden sie den Grafen aufsuchen, und es gab nichts, womit Hesinja das verhindern konnte. Ihr Blick blieb an dem Meskinnes-Fass hängen, aus dem sie vorhin Lumin und Koj bedient hatte. Verhindern nicht, aber vielleicht etwas erträglicher machen. Sie wartete, bis Vater mit einer weiteren Ladung Getränke verschwunden war, dann füllte sie schnell ein Glas mit der bernsteinfarbenen Flüssigkeit. Sie kippte den Inhalt in einem Zug hinunter. Was bei Lumin und Koj gut war, konnte ihr nicht schaden.
Nur einen Augenblick später hatte sie das Gefühl, etwas würde von innen Speiseröhre und Rachen zerfetzen, auch die Zunge stand in Flammen. Mit Tränen in den Augen suchte sie nach dem Wassereimer, konnte jedoch kaum etwas sehen. Dann eben die Suppe, Hauptsache irgendetwas im Mund.
Sie tastete nach der Suppenkelle. Zum Glück lag sie immer noch am selben Ort. Hesinja machte sich nicht die Mühe, nach einem Teller zu suchen, sondern trank direkt aus der Kelle. Erleichtert bemerkte sie, dass das Brennen nachließ. Wie konnten die beiden sich nur tagtäglich so ein Gift in die Kehle kippen?
Sie hörte Schritte hinter sich. Schnell wollte sie das Schnapsglas verschwinden lassen, doch Vater musste es bereits gesehen haben.
»Ach, Gänslein«, sagte er, dann nahm er ihr Glas und Kelle aus der Hand. »Als wenn du neuerdings Meskinnes vertragen würdest. Wenn du deine Angst wegtrinken willst, dann nimm lieber ein Bier.« Auffordernd hielt er ihr einen Humpen unter die Nase.
Hesinja blickte ihn irritiert an. Offensichtlich meinte er es ernst. Schwankte der Raum, oder bildete sie sich das nur ein?
Sie schüttelte den Kopf. »Lass nur, ich schaffe es auch so.«
Mit hängenden Schultern stand sie auf und versuchte, den Einfluss des Alkohols zu ignorieren. Sie hatte das Gefühl, spontan an Dumpfschädel erkrankt zu sein. Nur gut, dass sie das Glas nicht ganz voll gemacht hatte. Nach ein paar Mal Augenzwinkern fühlte sie sich wieder einigermaßen normal.
Mit demonstrativ festen Schritten ging sie zu Mutter und nickte ihr zu. So sehr sie Entschlossenheit vortäuschte, sie konnte nicht verhindern, dass ihr eine einzelne Träne die Wange hinablief.
Mutter erhob sich und nahm ihre Hand.
Hesinja klammerte sich unwillkürlich an diese und spürte, dass Mutter durch ihren festen Händedruck stärkende Nähe vermittelte. Als sie die Gaststätte verließen, waren Hesinja die Blicke der Männer zum ersten Mal völlig gleichgültig.
Nachdem sie draußen den Dorfplatz überquert und gerade den Pranger passiert hatten, war es um Hesinjas Zuversicht bereits geschehen. Ihre Knie verwandelten sich mit jedem Schritt mehr in Butter. Während Mutter den großen Türklopfer am Eingangsportal der Burg betätigte, presste sie die Beine zusammen, um sich nichts anmerken zu lassen.
Ausgerechnet Jarle war es, der das Guckloch öffnete. Kaum hatte er Hesinja bemerkt, stahl sich ein breites Grinsen in sein pickeliges Gesicht mit der viel zu breiten Nase. »Oh, Euer Gnaden mit Anhang.« Die Art, wie er das letzte Wort betonte, verriet, dass er die Anrede am liebsten genau anders herum ausgesprochen hätte. »Ich nehme an, ich darf Euch dem Majordomus melden?«
Sein Blick ruhte die ganze Zeit über auf Hesinja. Diese versuchte, an ihm vorbei zu schauen, spürte aber, dass ihr der Zorn das Blut ins Gesicht trieb. Hoffentlich wurde das Ekel dadurch abgeschreckt.
Mutter nickte. »Meldet dem Majordomus, dass ich um eine Audienz bei Hochwohlgeboren bitte.«
Mit sichtlichem Bedauern schloss Jarle das Guckloch.
Hesinja atmete auf. Fürs Erste hatte sie wieder Ruhe.
Doch diese hielt nicht lange an, als ihr wieder bewusst wurde, wo sie sich aufhielt. Sie hatte noch nie die Grafenburg betreten. Wozu auch? Hesinja ließ ihren Blick an der hohen Mauer vorbei gleiten. Reisende hatten erzählt, dass die Burgen anderer Grafen gewaltige Bauwerke waren, so wie die Feste Grauzahn in Notmark oder das riesige Schloss Ilmenstein. Irgendwie konnte sie sich das nicht so recht vorstellen, war doch Joosts Burg das mit Abstand größte Gebäude Salsweilers. Nicht einmal der Tempel überragte die Mauer, obwohl er das einzige andere Steingebäude in ihrem Heimatort war.
Was sie wohl auf ihrer Pilgerreise alles zu sehen bekommen würde? Irgendwie machte ihr die Vorstellung Angst, in der großen weiten Welt verloren zu gehen.
Mit einem Quietschen wurde die Schlupftür des Eingangsportals geöffnet. Hesinja erschrak fast zu Tode.
In der Öffnung stand der Majordomus Mew Wulfski. Früher hatte Hesinja immer Angst bekommen, wenn sie ihn im Dorf gesehen hatte. Der Herr über den gräflichen Haushalt war weit kleiner als sie, sogar noch kleiner als Mutter. Hesinja schätzte ihn auf knapp über sieben Spann. Hinzu kam, dass er unglaublich dürr war. Seine Haut schien sich wie Pergament über das knöcherne Gesicht zu spannen, das von schütterem, weißem Haar eingerahmt war. Sie würde sich nicht wundern, falls der Majordomus nächtens durch die Gegend schlich, um das Blut von … Sie riss sich zusammen und verbannte diesen Gedanken aus dem Kopf.
»Seid gegrüßt, Euer Gnaden.« Mew Wulfski sprach mit einer heiseren Reibeisenstimme, die Hesinjas Blut zu Eis erstarren ließ. Hatte sie eben noch die Vermutung weit von sich geschoben, eine unheilige Kreatur vor sich zu haben, war sie bei dieser Stimme geneigt, noch einmal darüber nachzudenken.
Der Majordomus schien kein Mann langer Reden zu sein, denn ohne ein weiteres Wort wandte er sich um und schlurfte mit langsamen Schritten in den Hof.
Es kostete Hesinja unendliche Überwindung, die Schwelle zur Grafenburg zu überschreiten. Erst als Mutter sie sanft, aber bestimmend mit sich zog, wagte sie es, den ersten Fuß auf den gräflichen Grund zu setzen. Streng genommen hatte sie ja bereits ihr gesamtes Leben auf seinem Besitz verbracht – was machte es da noch für einen Unterschied, nun das Allerheiligste seines Eigentums zu betreten?
Hesinja wagte nun, den Blick zu heben, und wäre beinahe erstaunt zurückgewichen. Auf der anderen Seite der abweisenden Mauer befand sich ein wunderschöner Garten, dessen Bäume und Sträucher in voller Blütenpracht standen. Mew Wulfski lief direkt auf ein mehrstöckiges Gebäude zu, das außen mit kunstvollen Schnitzereien und bunten Malereien bedeckt war. Allein auf der Treppe, die zum Eingang führte, hätte der Heilige Herd des Tempels problemlos Platz gefunden. Die Innenseite der Mauer war ebenfalls von bunten Malereien oder blühenden Wein- und Rosenranken bedeckt. Ihr Blick wanderte zum Gebäude an der rechten Mauer. Zunächst erschien ihr der Holzbau etwas schlicht, und sie konnte seinen Zweck nicht erkennen. Doch dann vernahm sie ein Wiehern aus seinem Inneren. Hier waren also die Pferde des Bronnjaren untergebracht. Ihr Blick trübte sich, als sie den immer noch grinsenden Jarle auf einer kleinen Bank davor entdeckte, der ihr übertrieben zuwinkte. Schnell schaute sie auf die linke Seite des Hofs. Auch hier drängte sich ein schmuckloses Gebäude in eine Mauerecke. Da es keine Fenster besaß, nahm sie an, dass dort die Feldfrüchte gelagert wurden, die die Bauern im letzten Herbst der Erde abgerungen hatten.
Hesinja spürte einen sanften Stoß in ihre Seite. »Mach den Mund zu, Gänslein. Wie willst du denn erst die Pracht von Festum, Perricum und Rommilys genießen können, wenn du bereits hier aus der Fassung gerätst?«
Schnell schloss sie den Mund und setzte ein verlegenes Lächeln auf. In der Tat war ihr nicht bewusst geworden, wie sehr diese Burg ihre Aufmerksamkeit gefesselt hatte. Es war immer noch seine Burg. Sie ermahnte sich, das nie zu vergessen.
Inzwischen hatte Mew Wulfski trotz seines langsamen Tempos die Eingangstür erreicht. Hesinja wunderte sich, warum er stehen blieb und keinerlei Anstalten machte, nach dem Öffner zu greifen. Doch da wurde das Portal bereits von innen geöffnet. Eine stämmige Frau mittleren Alters hielt dem Majordomus den Türflügel auf. Hesinja war sich sicher, diese Bedienstete bereits beim Markt gesehen zu haben, nur wollte ihr der Name nicht einfallen.
Als sie mit Mutter vorbeikam, nickte die Magd der Geweihten freundlich zu, sagte jedoch kein Wort.
Hesinja wäre beinahe wieder die Kinnlade heruntergefallen, als sie sich im Eingangssaal umschaute. War ihr bereits die Treppe vor der Tür groß vorgekommen, konnte man hier die gesamte Schar der Gläubigen am Tag der Heimkehr problemlos unterbringen. Ein halbes Dutzend Türen zweigte von der Halle ab, doch Blickfang war ganz eindeutig die große Treppe, die in den ersten Stock führte. Unter einigen Gemälden und Wandteppichen luden Sitzpolster zum Verweilen ein.
Erst Jahre, nachdem sie in den Tempel gezogen war, hatte Hesinja herausgefunden, dass eine Gute Stube keineswegs selbstverständlich war. Sie wusste nicht, wie ihr Vater es angestellt hatte, sich so ein Zimmer einrichten zu können, doch erst als es zu spät gewesen war, war ihr bewusst geworden, warum er es mit Leib und Seele gepflegt hatte.
Es war sein Schatz gewesen. Und ich war der andere …
Dieser Gedanke holte sie endgültig in die Realität zurück. Wahrscheinlich hatte der Graf den Vorfall nach einer Woche wieder vergessen gehabt. Eine lächerliche Lappalie, nicht weiter von Belang, gab es in dieser Burg doch genug andere Dinge, um sich abzulenken.
Bis auf die Tatsache, dass jener Abend Hesinjas Leben zerstört hatte.
Sie ballte die Hand zur Faust und öffnete sie sofort wieder. Nein, so wie es jetzt war, ging es ihr gut. Auch wenn Mutter und Vater die einzigen Vertreter der Travia-Kirche waren, die sie kannte, fühlte sie sich doch geborgen wie im Schoß einer riesigen Familie, gewärmt vom Feuer des Heiligen Herds und umsorgt von der Heimstadt ihres Tempels.
Beinahe wäre sie über die erste Treppenstufe gestolpert. Tief in Gedanken versunken, hatte sie nicht bemerkt, dass Mutter sie bereits weitergezogen hatte.
Einige wenige Stufen noch, dann würde sie Graf Joost von Salsweiler gegenübertreten.
Hesinja bemerkte, wie ihr Herz schneller schlug. Ein eisiger Schauer lief ihren Rücken hinab, und ihre Handflächen wurden feucht. Wie gut, dass ein Lamm nicht wusste, dass es zur Schlachtbank geführt wurde, denn sonst würde es sich auch ganz genauso fühlen.
Unwillkürlich zählte sie die Stufen mit. Bei der achtzehnten waren sie im ersten Obergeschoss angekommen. Mew Wulfski, der sie immer noch unendlich langsam anführte, bog nach rechts ab. Normalerweise hätte sie sein Gehtempo aufgeregt, doch momentan war ihr alles recht, was die Begegnung mit dem Grafen hinauszögerte.
Unvermittelt blieb der Majordomus stehen und hob den Arm. Hesinjas Blick fiel auf eine dürre Hand mit viel zu langen Fingern. Er krümmte diese, sodass die langen Nägel, die sie an Krallen erinnerten, die Haut aufzuschlitzen drohten, und schlug dann mit dem Knöchel des Zeigefingers gegen eine mächtige Tür. Kaum hatte er das getan, trat er zur Seite und ging ohne ein weiteres Wort davon. Hesinja zwang sich, ihm nicht hinterherzustarren, jedoch drang jeder seiner leisen Schritte in ihre Ohren.
»Herein!« Die Stimme des Grafen!
Hesinjas Gewicht verdoppelte sich schlagartig. Sie hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, und das Herz, das ohnehin schon viel zu schnell schlug, wollte ihre Rippen von innen durchschlagen.
Mutter ließ die Hand einmal beruhigend durch Hesinjas hüftlangen Blondschopf gleiten, dann öffnete sie die Tür.
Der Saal, in dem Hochwohlgeboren seine Audienzen abzuhalten pflegte, wurde von einem Holzthron genau gegenüber dem Eingang dominiert. An den Wänden erkannte Hesinja die Jagdtrophäen von Hirschen, Wildschweinen, Rotaugen, Bären und ihr völlig unbekannten Tierarten, deren Schädel fein säuberlich sortiert in den Raum ragten. Links und rechts neben dem Thron standen sogar zwei ausgestopfte Braunbären, die Pranken drohend erhoben.
Und zwischen ihnen räkelte sich wie die Made im Speck Graf Joost von Salsweiler, einen weiteren Bärenschädel in den Händen. In den letzten zehn Jahren war der Graf fett geworden. Ein mächtiger Bauch wölbte sich den Knien entgegen, und auch sein Kinn ging ohne deutlich sichtbaren Übergang in den Hals über. In dem schütter gewordenen Haar zeichneten sich schon graue Strähnen ab. Unwillig blickte der Graf auf die Neuankömmlinge. Als sich sein und Hesinjas Blick trafen, schaute sie schnell weg.
Mutter machte einen Knicks. Schnell vollzog Hesinja die höfliche Geste nach. Sie wollte Mutters Hand fester ergreifen, doch diese entzog sich ihr. Nun war ihr also auch noch der letzte Halt genommen worden. Ob man trotz der Novizenrobe erkennen konnte, wie sehr ihr die Knie schlotterten? Sicherheitshalber verbarg sie die Hände hinter dem Rücken, da diese ebenfalls zu zittern begannen.
»Sprecht, Euer Hochwürden«, durchbrach der Graf die Stille. »Was ist Euer Begehr?«
»Hochwohlgeboren, ich suche Euch heute mit meiner Novizin auf. Hesinja Nagraski hat in den letzten Jahren fleißig gelernt und ist bereit, die Weihe Travias zu empfangen. Dazu erbitte ich von Euch, Ihr die Freiheit zu schenken.«
Joosts Blick strich von oben bis unten über Hesinjas Körper. Es war eine Sache, von Männern angestarrt zu werden, doch dieser Blick durchdrang sie völlig, fraß sich in ihr Innerstes, ließ sie völlig schutzlos und allein dastehen.
Nach einer endlos langen Zeit der Musterung hefteten sich die Augen an ihren Busen. »Nagraski … Nagraski … Ist sie Pjerows Tochter?«
Hesinjas Knie verloren nun endgültig den Halt. Sie taumelte und blieb nur mit Mühe aufrecht stehen. Er erinnerte sich! An ihrem gesamten Körper stellten sich die Haare auf. Plötzlich war sie wieder da, die Kälte dieser einen unvergessenen Nacht. Sie sah das blutverschmierte Gesicht ihres Vaters direkt vor sich. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Fang jetzt nicht an zu weinen!, ermahnte sie sich. Du wusstest, dass es schlimm werden würde. Mutter, sag doch etwas!
Doch es war Hochwohlgeboren, der weitersprach: »Ich möchte allein mit Euch sprechen, Mutter Jella.«
Hesinja schaute zu Mutter, und diese gab ihr durch ein kurzes Kopfnicken zu verstehen, den Raum zu verlassen.
Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Alle Etikette ignorierend, wirbelte sie herum und schloss die Tür im Korridor hinter sich. Dann atmete sie erleichtert auf, und ein Großteil der Anspannung löste sich.
Der Gang war leer. Sie ließ sich mit dem Rücken an der Tür zu Boden gleiten. Jetzt hielt nichts mehr ihre Gefühle zurück. Ihre Unterlippe bebte, Tränen rannen die Wangen hinab. Sie schluchzte und presste das Gesicht auf die Knie, um die sie die Arme legte. Hoffentlich drang so kein Geräusch nach außen. Am liebsten wäre sie wie als kleines Mädchen unter einen Tisch gekrochen, doch sie wagte es nicht, sich von der Tür zu entfernen.
»Das wagt Ihr nicht!« Hesinja konnte nicht sagen, wie lange sie in dieser Position verharrt hatte, als diese Worte Mutters durch die geschlossene Tür zu ihr drangen.
Irritiert hob sie den Kopf. Was meinte Mutter damit? Ob sie es riskieren konnte, an der Tür zu lauschen? Ihr innerer Widerstand währte nur Bruchteile eines Herzschlags, dann siegte die Neugier. Sie presste ihr Ohr auf das raue Holz.
»Vigo Laikis ist genauso mein Eigentum, wie es die Kleine ist«, hörte sie den Grafen sagen. »Überlegt Euch also gut, was Ihr zu tun gedenkt.«
»Damit werdet ihr niemals durchkommen«, widersprach Mutter. »Ich werde noch heute eine Depesche nach Rommilys senden.«
Joost von Salsweiler lachte auf. »Nur zu. Ich bin mir allerdings ebenfalls sicher, dass sich auch der Wahrer der Ordnung für Euer aufwiegelndes Verhalten interessieren wird. Es ist nicht sehr praiosgefällig, den göttergegebenen Herrn zu übergehen, wenn es um dessen Besitz geht.«
Stille!
Hesinja presste ihr Ohr stärker gegen die Tür, aber offenbar war tatsächlich Schweigen eingetreten. Was meinte der Graf nur damit? Praios hatte verfügt, dass die Bauern dem Adel leibeigen sind, das war ihr klar. Aber was, bei Travia, hatte Vater damit zu tun?
Plötzlich hörte sie Schritte und wich erschrocken zurück. Schnell sprang sie auf die Füße und strich ihre Robe glatt, da öffnete sich bereits die Tür.
»Wir gehen!« Hesinja hatte Mutter selten so aufgebracht erlebt, dennoch wandte sich diese noch einmal um. »Travia zum Gruße, Hochwohlgeboren.«
»Praios zum Gruße«, kam es amüsiert zurück, als Mutter die Tür schloss. Dann zog sie Hesinja energisch mit sich.
»Mutter, was …?«
»Still! Wir gehen in den Tempel.«
Mutters Abgang aus der Grafenburg glich einer Flucht. Hesinja konnte nicht sagen, dass ihr das nicht behagte, dennoch blieb das dumpfe Gefühl, dass etwas ganz furchtbar schiefgelaufen war.
Als sie den Tempel erreicht hatten, ließ Mutter Hesinjas Hand los und sank vor dem Heiligen Herd auf die Knie. An ihren Lippen konnte Hesinja sehen, dass sie in stummer Zwiesprache mit Travia vertieft war.
Worum mochte es bloß in dem Vier-Augen-Gespräch zwischen Mutter und dem Grafen gegangen sein? Hesinja verwünschte sich dafür, ihrer Neugier zu spät nachgegeben zu haben. Offenbar hatte sie den interessanten Teil verpasst. Sie konnte sich absolut nicht erklären, warum der Graf Mutter darauf hinweisen musste, dass ihr Mann ebenfalls Leibeigener war, genau wie die »Kleine«.
Hesinja stutzte, manchmal nannten Gäste sie hinter ihrem Rücken so. Ob der Graf damit sie gemeint hatte? Also gefiel ihm nicht, dass Mutter über sein Eigentum verfügte – nämlich sie selbst. Das bedeutete, dass ihre Pilgerfahrt nach Rommilys …
Als Hesinjas Gedanken bei diesem Punkt angelangt waren, erhob sich Mutter und blickte sie an. Hesinja sah, dass ihre Augen mit Tränen gefüllt waren.
»Kind, zieh deine Novizenrobe aus!«, befahl sie mit matter Stimme.
Warum schlug Mutter nur plötzlich diesen harschen Ton an? Und warum nannte sie sie nicht Gänslein, so wie immer?
Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals. »Mutter …«
»Tu, was ich dir sage. Sofort!« Mutter war lauter geworden, sodass Hesinja zusammenzuckte.
Mit zitternden Händen zog sie sich das gelbe Gewand über den Kopf. Den Schmerz, als sich ihre langen Haare darin verhakten, ignorierte sie. Sie wagte es nicht einmal, die zerzauste Mähne zurückzustreichen, als sie das Gewand in die auffordernd ausgestreckten Hände legte.
Mutter drehte sich ohne ein weiteres Wort um und verschwand in den Nebenräumen des Tempels.
Obwohl sie unmittelbar neben dem warmen Herd stand, begann Hesinja zu frösteln. Unter der Novizenrobe pflegte sie lediglich ein oberschenkellanges Leinenhemd zu tragen, sodass sie sich hilflos und nackt vorkam. Hoffentlich betrat jetzt kein Gläubiger den Tempel … Ob sie lieber in ihrer Kammer verschwinden sollte?
Hesinja entschloss sich dafür, auf einem der Küchenhocker Platz zu nehmen und das Leinenhemd so weit wie möglich nach unten zu ziehen. So musste es gehen, und Mutter kam sicherlich gleich wieder.
Vielleicht war es ja doch nicht so schlimm, wie sie annahm, und Mutter würde ihr gleich ein Pilgergewand überreichen. Mochte ja sein, dass Mutter und Vater dem Grafen Zugeständnisse machen mussten, damit sie ziehen konnte, aber in der Pilgerrobe der Traviakirche würde sie endlich richtig erwachsen sein. Die Leute würden ihr mit Respekt begegnen und ihr unentgeltlich Unterkunft und Speise gewähren, wie es Travias Gebote verlangten.
Hesinjas Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. Wie es wohl draußen in der weiten Welt sein mochte? Die Wals-Schiffer fuhren immer zwischen Notmark im hohen Norden und Neersand im tiefen Süden, wie sie aus ihren Gesprächen herausgehört hatte. Beides mussten sehr große Städte sein, mit weit über tausend Einwohnern. Neersand lag darüber hinaus noch am Ozean, wo es bis zum Horizont nichts anderes als Wasser gab. Von da aus konnte man mit einem Schiff nach Festum fahren, der größten Stadt im Bornland, deren Villen legendär waren. Von dort aus ging es dann mittels eines großen Seglers zum unfassbar weit entfernten Perricum …
Hesinja schreckte aus ihren Träumereien auf, als Mutter zurückkehrte. Sie sprang auf, um einen Blick auf das Pilgergewand werfen zu können, und stutzte, als sie die schlichte Kleidung einer Magd erkannte. Hesinja hatte noch nie eine Robe der Travia-Pilger gesehen, aber irgendwie hatte sie sich diese prächtiger vorgestellt.
Schweigend ergriff sie Kleid und Schürze, dann schlüpfte sie hinein. Es war etwas weit um die Hüften und schnürte ihre Brust ein, aber irgendwie würde es schon gehen. Erst als sie den letzten Knopf geschlossen und in das letzte Band eine Schleife gebunden hatte, sprach Mutter sie an.
»Du wirst sich jetzt beim Majordomus melden, damit er dich in deine neue Aufgabe einweisen kann.«
Was für eine neue Aufgabe? Gab es noch irgendetwas zu erledigen, bevor sie aufbrechen durfte? Verständnislos blickte sie Mutter an.
Bevor sie eine entsprechende Frage formulieren konnte, kam Mutter auf sie zu und nahm sie in den Arm. Hesinja spürte, dass Mutter zitterte und nur mit Mühe die Tränen zurückhalten konnte.
»Ich kann derzeit nichts für dich tun, Hesinja«, flüsterte sie mit bebender Stimme. »Aber ich verspreche dir, dass ich dich so schnell da heraushole, wie es mir möglich ist.«
Wo herausholen? Schlagartig traf sie die Erkenntnis. Mutter hatte ihr die Novizenrobe abgenommen und sie in die Kleidung einer Magd gesteckt. Nun sollte sie sich beim Herrn über den gräflichen Haushalt melden. Das hieß … das hieß …
Hesinjas Beine versagten den Dienst. Hätte Mutter sie nicht weiterhin fest umarmt gehalten, sie wäre wie ein Mehlsack umgefallen. Es gab keine Pilgerreise, stattdessen würde sie dem Bronnjaren als Hausmädchen dienen müssen. Ausgerechnet dem verhassten Grafen!
Sie gab sich keine Mühe, die Tränen zurückzuhalten. Hemmungslos weinte sie los. Mutter ließ sie weiterhin nicht los und strich ihr beruhigend über den Rücken. Unendlich langsam sanken sie nach unten, bis sie unmittelbar vor dem Heiligen Herd auf dem Boden hockten.
»Warum nur?«, brachte Hesinja schließlich hervor. »Warum?«
Mutter drückte sie fest an sich. »Ich nehme an, dass er immer noch nicht überwunden hat, dass er sein einziges Kind durch die Schuld deines Vaters verloren hat.«
