DSA 156: Der Pfad des Phex - Sebastian Schwinn - E-Book

DSA 156: Der Pfad des Phex E-Book

Sebastian Schwinn

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Beschreibung

Eine einsame Wanderin wird im Wald erschlagen, ein finsterer Baron folgt verbotenen Wegen, die KGIA spannt ihre Netze, und die Geister der Toten finden scheinbar keine Ruhe. Nur knapp kommt der junge Dieb Aljoscha mit dem Leben davon, als sich plötzlich die Ereignisse überschlagen. In der Adligen Sigune findet er eine unerwartete Verbündete, und gemeinsam versuchen sie, das komplizierte Intrigenspiel zu entwirren. Doch die riesige Kaiserstadt Gareth birgt so manches Rätsel, und mehr als ein Gegner webt seine Ränke im Verborgenen. Ein göttlicher Fingerzeig führt Freund wie Feind schließlich auf den geheimnisvollen Pfad des Phex. Noch ahnt keiner von ihnen, dass nicht alle die Prüfung meistern werden, welche der listige Gott ihnen auferlegt.

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Seitenzahl: 481

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Biografie

Sebastian Schwinn, geboren 1984 in Idar-Oberstein, studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Mainz. Nachhaltig beeinflussten ihn mittelhochdeutsche Literatur und mittelalterliche Gedankenwelt. Durch die in Jugendjahren entfachte Begeisterung für Das Schwarze Auge entwickelte sich das Konzept für einen Roman. Der eingeschlagene Weg erwies sich im wahrsten Sinne als einPfad des Phex.

Sebastian Schwinn

Der Pfad des Phex

Ein Roman in der Welt von Das Schwarze Auge©

Originalausgabe

Impressum

Ulisses Spiele Band 11096EPUB

Titelbild: Nadine Schäkel Aventurienkarte: Ralph Hlawatsch Lektorat: Michael Fehrenschild Ebook-Gestaltung: Michael Mingers

Copyright © 2015 by Ulisses Spiele GmbH, Waldems. DAS SCHWARZE AUGE, AVENTURIEN und DERE, MYRANOR, RIESLAND, THARUN und UTHURIA sind eingetragene Marken der Significant GbR. Alle Rechte von Ulisses Spiele GmbH vorbehalten.

Titel und Inhalte dieses Werkes sind urheberrechtlich geschützt. Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Bearbeitung, Verarbeitung, Verbreitung und Vervielfältigung des Werkes in jedweder Form, insbesondere die Vervielfältigung auf photomechanischem, elektronischem oder ähnlichem Weg, sind nur mit schriftlicher Genehmigung der Ulisses Spiele GmbH, Waldems, gestattet.

Print-ISBN 9783957522061

Widmung

Für Michael

Prolog

Friedvoll klang das Lied der Sommernacht, als die Wanderin seufzend ihre Augen schloss. Das kleine Feuer, das knisternd zu ihren Füßen loderte, tauchte ihr Lager in einen warmen, roten Schein. Ein leises Rauschen in den mächtigen Kronen des dunklen Waldes wanderte wie ein Flüstern von Baum zu Baum. Hölzernen Wächtern gleich umringten sie den kleinen Flecken, wie sie es schon seit Jahrhunderten getan hatten – still, stolz, schlafend. Dann geschah etwas. Ein Wind kam auf, und die Bäume fingen an zu zittern. Ihre großen, knorrigen Arme, eben noch reglos ganz bis zum Boden hinabhängend, begannen sich unter Efferds Atem zu wiegen, als ob mit einem Mal Leben durch ihre borkigen Adern flöße. Zaghaft erst, dann immer kraftvoller tanzten Sumus’ Kinder, als habe sie ein plötzlicher Schrecken aus ihrem tiefen Schlummer gerissen.

Die Wanderin verfolgte es mit Gleichmut, sog die frische Brise ein und stieß ein zweites Seufzen aus. Mehr sprach daraus als nur die Erleichterung, von der Mühsal ihres Tagwerks für einige wenige Stunden entbunden zu sein, denn ihre Erschöpfung reichte tief, weit zurück in die Vergangenheit. Ihr Seufzen markierte ein Loslassen von alten Ängsten und bohrenden Sorgen. Heute hatte sie den Frieden gefunden, der ihr vor langer Zeit gestohlen worden war. Jahrelang hatte sie darauf gewartet, dafür gelitten, dafür geopfert. Doch nun sollte es zu Ende sein. Die grässliche Schuld war beglichen worden, die Geister der Vergangenheit besiegt. Sie konnte wieder frei atmen.

Die kühle Luft tat ihrem geschundenen Körper gut und erfrischte gleichermaßen ihren Verstand, der noch dringender der Ruhe bedurfte. Ihre Kleidung starrte vor Staub und Schmutz, der Saum des Mantels bestand nur noch aus Fetzen. Ihre Augen blickten müde und schwer vor Erschöpfung, ihr Gesicht war gezeichnet von Gram und bitteren Enttäuschungen. Selbst der allmächtige Satinav hatte sich gegen dieses Übel als machtlos erwiesen, hatte die Spuren aus dunkler Zeit nicht mit der würdigen Maske des Alters verdecken können.

Die Wanderin legte einige Äste nach. Sofort begann das Feuer, lauter zu knistern. Grauer Rauch bildete sich über den Flammen und stieg zum schwarzen Nachthimmel empor. Anschließend breitete sie den Mantel auf dem Boden aus und legte sich nieder.

Das weiche Gras unter ihrem schmerzenden Körper tat gut, und so wand sie sich unter wohligem Brummen. Dann blieb sie reglos liegen und richtete ihren Blick gen Himmel, hin zu einer Unzahl von leuchtenden Sternen. Mit einem gedankenverlorenen Ausdruck in den Augen verweilte sie so einige Zeit, bis die Müdigkeit sie zu übermannen drohte. Instinktiv kämpfte sie dagegen an. Ihr Geist war noch nicht bereit für den Schlaf.

Sie erinnerte sich nicht mehr daran, wann sie das letzte Mal Frieden in Träumen gefunden hatte. Die ständige Anspannung hatte dafür gesorgt, die Anspannung und die Albträume, die Nacht für Nacht immer wiedergekehrt waren. Im Laufe der Zeit hatte sie sich daran gewöhnt, nichts anderes mehr zu erwarten als Tod und Elend am Tag und dunkle Schatten in der Nacht.

Der Feind hatte ihr alles genommen, was ihr wichtig gewesen war: die geliebten Menschen, die geliebte Heimat, die Liebe selbst. Irgendwann war nur noch die Resignation geblieben, ein letztes kummervolles Luftholen. Sie war zu einer Kreatur der ihr zugefügten Grausamkeit geworden, das spürte sie heute ganz deutlich. Heute, wo es ihr endlich gelungen war, die Ketten abzuschütteln. Die brennende Gier nach Rache, die sie über einen langen Zeitraum hinweg aufrechterhalten hatte, konnte die Unschuld und den Frieden der früheren Tage zwar nicht zurückbringen, aber sie beherrschte sie nicht mehr. Sie blieb gezeichnet, aber die nagende Unruhe zehrte nicht mehr an ihrem Körper.

Langsam bewegte sie ihre Hand zu einer Tasche, die gut verborgen unter dem Oberstoff ihres dicken Wamses eingearbeitet war. Als sie wieder zum Vorschein kam, hielt sie ein kleines Ledersäckchen, dem sie nach kurzem Zögern eine schmale Kette mit einem goldenen Ring entnahm. Gedankenversunken betrachtete sie die sanften Reflexe des sich spiegelnden Feuerscheins auf der langen, fein gearbeiteten Kette und fragte sich nicht zum ersten Mal, was wohl die zarten, kaum erkennbaren Gravuren auf der Außenseite des Rings bedeuteten. Mit geschlossenen Augen hätte sie die filigranen Linien und Kurven nachzeichnen können, ohne jedoch den Sinn der Darstellungen zu verstehen. Einzig das Antlitz eines Fuchses war groß und deutlich herausgearbeitet. Es gab keinen Zweifel, dass dieses Bildnis den Reif beherrschte. Der Ausdruck seines Blickes jedoch war ihr ein Rätsel. Selbst die Erinnerung daran schien sie stets zu trügen, war der Blick doch einmal freundlich, dann wieder grimmig. Ewig gleich blieb nur der listige Zug, der sich merkwürdigerweise an nichts Bestimmtem festmachen ließ. Auch jetzt wirkte der Blick des Fuchses anders als am vorigen Tag.

Besorgt?, dachte sie verblüfft.Kann das sein?Sie hielt den Ring schräg, sodass das Licht des Lagerfeuers besser darauf fiel. Sie musste sich getäuscht haben, nein, ganz sicher hatte sie sich getäuscht! Im Schein der Flammen blieb der Blick des Tieres unergründlich. Sie schüttelte den Kopf und ließ sich zurück auf ihr Lager sinken.

Doch was war das?! Als sie die Augen schloss, sah sie es für einen kurzen Moment erneut. Das Antlitz des Fuchses war von Traurigkeit verzerrt.

Verwirrt fuhr sie wieder auf. Das war unmöglich! Sie hatte bereits viele Male verschiedenste Ausdrücke auf dem Ring zu erkennen geglaubt, aber die spontane Intensität dieser Erscheinung überraschte und verstörte sie zugleich.

Sie hörte das Rascheln im Gebüsch erst, als bereits ein kalter Blitz in ihre Schulter schlug. Schmerzerfüllt schrie sie auf, der Ring entglitt ihrer Hand. Sie drehte sich zur Seite, sah den Pfeil und das Blut, das ihren Arm hinabströmte. Der Wind in den Baumkronen heulte noch einmal unheilvoll und erstarb dann.

Laut ertönte stattdessen das Klirren von Metall, als mehrere stark gerüstete Gestalten gleichzeitig durch das Unterholz brachen und vor der Wanderin Aufstellung nahmen. Zwei der Angreifer trugen Bögen, die sie auch jetzt noch drohend auf sie gerichtet hielten.

Ich habe keine Chance. Es ist vorbei. Der Gedanke durchzuckte sie mit einer Endgültigkeit, die sie mit einem Mal wieder völlig ruhig werden ließ.Habe ich etwas übersehen? Wie hat man mich nur gefunden? Was habe ich falsch gemacht?

Einer der Männer trat hervor, doch da er sich zwischen der Wanderin und dem Feuer befand, konnte sie sein Gesicht unter der grauen Kapuze nur schemenhaft erkennen.

»Da bist du nun also«, ertönte seine Stimme leise und spöttisch. »Du hast es uns nicht leicht gemacht. Nein, wirklich nicht.«

Die Wanderin erschauerte. Sie hatte doch jeden umgebracht, der an jenem fernen Tag dabei gewesen war! Hatte sie jemanden übersehen, zu deutliche Spuren hinterlassen und damit zu erkennen gegeben, dass die junge Frau von einst überlebt hatte? Unmöglich! Nicht nach so vielen Jahren. Keines ihrer Opfer hatte sie nach all der Zeit erkannt. Selbst jenem bärtigen Kerl, den sie sich bis zuletzt aufgehoben hatte, war zunächst nicht bewusst gewesen, wem er sich gegenüber sah. Erst als sie ihm das Messer zum tödlichen Stoß in den Bauch gerammt hatte, war Erkennen in seine vor Schreck geweiteten Augen getreten.

Nein, dies hier konnte nichts mit ihrer gerechten Rache zu tun haben. Aber worum ging es bei diesem Angriff? Wer war der Vermummte, der zu ihr gesprochen hatte? Konnte es sein, dass ...

Ehe sie die Frage stellen konnte, sprach der Mann erneut: »Du scheinst verwirrt zu sein. Solltest du tatsächlich keine Vorstellung haben, worum es mir geht? Nicht einmal die leiseste Ahnung?«

Diese Stimme! Ein leises Raunen ging durch die Reihe der Umstehenden.Aber derart kalt hat selbst er nie zu mir gesprochen.

»Ich bin Rodriga Eltstedt, Kaufherrin aus Wehrheim«, log sie. »Ich habe nicht viel von Wert bei mir. Lasst mich leben, und es soll das Eure sein.«

Trotz ihrer Bemühungen, ihre Stimme möglichst fest und bestimmt klingen zu lassen, konnte sie den starken Schmerz, der in ihrer Schulter pochte, nicht vollständig daraus verbannen.

»Ich grüße dich, Rodriga Eltstedt, Kaufherrin aus Wehrheim«, sagte der Unbekannte mit kaum verhohlener Verachtung, und sie begriff, dass er wusste, wer sie wirklich war. Es handelte sich also nicht um einen bloßen Raubüberfall! Diese Kerle hatten es allein auf sie abgesehen. Und dann die Stimme des Fremden ... so vertraut. Aber der kalte, unendlich grausame Unterton war fremd.

»Was wollt Ihr von mir?«, brachte sie mit vor Schmerz zusammengebissenen Zähnen hervor. »Wer seid Ihr?«

»Ich will nur dein Bestes, glaub mir, meine kleine Kaufherrin«, entgegnete der Mann mit aufgesetzter Herzlichkeit. Der unterschwellig lauernde Klang seiner Worte jagte ihr kalte Schauer über den Rücken. Er verriet ihr, dass sie diese Nacht nicht überleben würde. Ihre rechte Schulter war bereits klebrig von dem Blut, das noch immer in großen Strömen aus der Wunde floss und langsam ihren Arm hinabrann.

Der Vermummte warf einen Blick zur Seite und bückte sich rasch. Erschrocken fuhr die verletzte Frau herum, doch es erfolgte kein weiterer Angriff. Stattdessen hob er behutsam den Fuchsring auf.

Erneut ging ein leises Raunen durch die Reihe der Bewaffneten, doch der Mann gebot ihm mit einer unwirschen Handbewegung sofort Einhalt. Versonnen betrachtete er den Ring in seiner Rechten.

Dann drehte er sich um und streifte die Kapuze zurück. Der kalte Schreck fuhr der Frau bis ins Gebein, ihre Augen weiteten sich entsetzt. Die Gier, die in den Augen des Mannes brannte, erfüllte sie mit nackter Angst. Wie hatte er sie gefunden? Wie konnte ausgerechneterihr so etwas antun? Sie wusste, dass er sie einmal geliebt hatte.

»Ist es das, was du willst?«, sprach sie ihn an. »Bitte, du kannst ihn haben. Ich brauche ihn nicht mehr. Aber bei der Gnade der Götter, verschone mein Leben, ich flehe dich an!«

Lange Zeit folgte keine Reaktion auf ihre Worte, doch dann stieß der Mann einen langen Seufzer aus.

»Es tut mir leid, meine Liebe, aber diesen Wunsch kann ich dir nicht erfüllen. Du ahnst nicht, wie sehr du mich enttäuscht hast. Hättest du dich nicht eingemischt, wer weiß, wie alles gekommen wäre? Wir hätten glücklich sein können, wir drei. Ich habe so lange hiernach gesucht ...«

Er wandte sich zu ihr um, und erneut lag sein Gesicht im Schatten, als er einen letzten Blick auf sie warf. Mit einer beiläufigen Geste verabschiedete er sich von den Bewaffneten und verließ die Lichtung.

Die Frau fluchte im Stillen, wollte mit aller Kraft ihre Stimme erheben, in einem letzten verzweifelten Versuch Gnade erflehen, doch die Angst und das Wissen um die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens schnürten ihr die Kehle zu. Es gab keine Hoffnung mehr. Nach einem kurzen tränenerstickten Krampf fügte sie sich in ihr Schicksal.

Mit raschen Blicken verständigten sich die Soldaten, woraufhin die beiden Bogenschützen ihre Waffen sinken ließen. Das leise Scharren von Metall verriet, dass blanker Stahl billiger und sicherer war, um ihrem Leben ein Ende zu setzen.

O Phex! Die Wanderin schloss die Augen und sprach zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder ein Gebet. Die vergessen geglaubten Worte gingen ihr so leicht von der Zunge, dass sie sich noch immer darüber wunderte, als mit einem leisen Lufthauch das Schwert auf sie herabfiel und ihr den Kopf abschlug.

Kapitel 1

Aljoscha Timeran eilte gebückt von Haus zu Haus, eng an die steinernen Wände gepresst, von Schatten zu Schatten. Die Nacht war bereits weit fortgeschritten, die Praiosscheibe schon lange vom Firmament verschwunden, die Kaiserstadt Gareth lag in tiefem Schlaf. Der Schein des Madamals beleuchtete das Gesicht des jungen Mannes und brach sich in den hellen Augen, die verstohlen unter dem schützenden Schatten einer breiten Hutkrempe hervorlugten. Blondes, wirres Haar wallte darunter hervor, die restliche Kleidung war zerschlissen und farblich kaum mehr einzuordnen. Allein der blaue Hut mit der langen gelben Feder und der glänzenden Messingschnalle wirkte gepflegt.

Im Schatten eines Hauseingangs blieb Aljoscha stehen und drückte sich gegen die harten Bohlen des schweren Eingangstores. Eine Gruppe von fünf Stadtwachen näherte sich lautstark streitend mit scheppernden Rüstungen und festem Tritt. Der junge Mann hielt den Atem an und presste sich noch tiefer in den Torbogen.

»Wie wär’s mit ’nem Schluck beim ollen Weibel? Lang hat’s eh nicht mehr mit’m Dienst«, ertönte die laute Stimme eines Wachmannes, dem der Schlaf der vornehmen Bürger von Herzen gleichgültig zu sein schien.

»Kannst wohl nie genug kriegen, alte Schnapsdrossel«, gab ein anderer zurück. »Immer kräftig saufen, nur zu! Die Kaiserin kann ja selbst seh’n, dass ihr die Stadt nicht unterm Allerwertesten weggeklaut wird. Und dann noch die Backofenhitze in den letzten Tagen. Könnt doch froh sein, dass ihr die Nachtwache habt, ihr faules Pack!«

»Verstehst auch kein’ Spaß, Alterchen. So’n kleinen Schluck in Ehren ... Hat doch auch die Kaiserin nichts dagegen. Feiert doch selbst immer, was das Zeug hält, mit schicken Prinzlein und dergleichen.«

Lautes Lachen schallte durch die Gasse.

»So, jetzt reißt euch halt noch mal zusammen, is’ ja nicht mehr lang. Auf, auf!«

Die Gruppe zog weiter und erging sich nun in einer harschen Kritik des just vergangenen Kaiserturniers, das noch immer viele Gemüter erhitzte. Aljoscha atmete erleichtert auf. Vorsichtig spähte er den Nachtwächtern hinterher. Als sie hinter der nächsten Ecke verschwunden waren, schlich er schnell davon.

Ohne aufgehalten zu werden, erreichte er schließlich das große Anwesen in der Kaiser-Raul-Straße. Mit einem Sprung und einem kraftvollen Klimmzug gelangte er über die knapp kopfhohe Mauer und landete im Garten. Das Haus war dunkel. Lange hatte er auf diese Gelegenheit gewartet, nun endlich war es soweit! Er wusste, dass sich außer einigen alten Bediensteten und der jungen Tochter des Hauses niemand in dem Gebäude aufhielt. Der finster dreinblickende Baron, dem das Anwesen gehörte, hatte die Stadt bereits vor Wochen mit dem Großteil seiner Dienerschaft verlassen und war nicht wiedergekehrt. Ein Kinderspiel!

Vorsichtig näherte sich Aljoscha im Schutz der dunklen, weitläufigen Parkanlage dem finsteren Gemäuer und drückte sich an die kalte Wand. Alles blieb ruhig, kein Hinweis auf eine Menschenseele, die den nächtlichen Eindringling entdeckt haben mochte. Aljoscha verharrte einen Moment und lauschte angestrengt. Im Haus war kein Laut zu hören.

Nur nicht übermütig werden!, ermahnte er sich und schlich zu dem Fenster, das ihm am nächsten lag. Hinter den bunten Butzenscheiben blieb alles dunkel. Er zückte seinen Dolch und setzte ihn an die Kante des hölzernen Rahmens. Es kostete den geschickten Dieb nur wenig Mühe, den Verschluss zu öffnen. Ohne ein Geräusch zu verursachen, schwang das Fenster auf. Den guten Geistern sei Dank, welche die Scharniere diensteifrig geölt hatten!

Aljoscha hob den Kopf über das Fenstersims und spähte hinein. Eine Gruppe mächtiger Lehnstühle schälte sich deutlich aus dem schwachen Schein des Madamals, ein von einem Gemälde geschmückter Kamin beherrschte den Raum auf der linken Seite, die restlichen Wände wurden von hohen, gut gefüllten Bücherregalen gesäumt. Alles wirkte still und verlassen.

Aljoscha suchte sich einen guten Halt am Rahmen des Fensters und zog sich hinauf. Vorsichtig stieg er durch die Öffnung und landete mit einem Satz auf dem leise knarrenden Dielenboden. Noch immer blieb alles ruhig. Er atmete einen Moment tief durch und genoss das erregende Gefühl, das ihn jedes Mal befiel, wenn er fremden Boden betrat.

Der Einstieg in dieses Anwesen war bereits seit Wochen sein ehrgeizigstes Ziel, auf das er ruhig und stetig hingearbeitet hatte. Jetzt endlich war die Stunde gekommen, sich vor dem Gott der Diebe als würdig zu erweisen. Diese Nacht war Phex geweiht.

Auf Zehenspitzen bewegte sich Aljoscha entlang der Wand zur Tür am anderen Ende des Raumes. Er griff zur Klinke und frohlockte, als auch die Tür geräuschlos aufschwang und den Blick auf einen langen Korridor freigab. Zur Linken befanden sich ähnliche Fenster wie in der Bibliothek, jedoch hatte man hier auf buntes Glas verzichtet und mit kleinen, gewöhnlichen Scheiben vorliebgenommen. Der Fußboden war mit einem schmalen, aber ungemein dicken Läufer bedeckt, dessen aufwendige Verzierungen und Muster noch im Halbdunkeln deutlich zu erkennen waren. Aljoscha konnte sein Glück kaum fassen. Phex musste in dieser Nacht wahrhaft mit ihm sein! Einen besseren Lärmschutz konnte er sich nicht wünschen!

Entschlossen ging er voran und erreichte nach wenigen Schritten eine Abbiegung zu seiner Rechten. Am Ende des Flurs konnte er eine breite Treppenflucht erkennen, die sowohl nach unten als auch in die oberen Stockwerke führte.

Wo fange ich an?, überlegte er. Die alten Bediensteten, die sich noch im Haus befanden, bewohnten höchstwahrscheinlich die Räume im Kellergeschoss nahe der Küche und der Vorratsräume, wie es in den hohen Häusern üblich war. Möglicherweise auch das Dachgeschoss, doch ganz sicher nicht die Zwischenetagen. Diese Stockwerke würden dem Hausherrn und seiner Familie vorbehalten sein. Dort war zwar das junge Mädchen zu vermuten, das er bereits bei seinen Erkundungszügen gesehen hatte, aber eine große Gefahr würde sie gewiss nicht darstellen. Aljoscha schlich weiter.

Auch in diesem Korridor verlief ein ähnlich dicker Teppich, der wie ein bunter Bach von der Treppe herabzufließen schien. Das Gefühl, diesem dargebotenen Weg folgen zu müssen, wurde immer stärker und besiegte die letzten Zweifel. Im Vertrauen auf die Gunst seines Gottes betrat Aljoscha die erste Stufe und stieg hinauf.

Aljoschas Zuversicht wich Beklommenheit, als sein Blick der Finsternis begegnete, die im oberen Teil des Treppenhauses herrschte. Er gestand es sich ungern ein, doch aus einem unerfindlichen Grund fürchtete er sich vor dieser Dunkelheit.

Ich stelle mich an wie ein Kind, schalt er sich sogleich. Phex, steh mir bei und vergib meinem Hasenherz!

In aller Ruhe tastete er sich bis zum Ende der Treppe und suchte sich dann mit ausgestreckten Händen und bangem Herzen seinen Weg. Nach wenigen Schritten stieß er auf einen rauen Wandteppich. Er spürte die Schwere des steifen Stoffes, der leicht zu schwanken begann.

Bedächtig umging er das Hindernis. Schließlich stießen seine Finger auf einen Vorsprung und strichen kurz darauf über etwas Metallisches. Eine Türklinke! Aljoschas Herz klopfte vor Aufregung, als sich das kalte Metall in seiner Hand langsam senkte und die Tür mit einem kaum hörbaren Knarren aufschwang. Etwas überrascht fand sich der junge Dieb in einem vom Madamal hell erleuchteten Raum, dessen Mitte von einem riesigen Himmelbett ausgefüllt wurde. Beeindruckt trat Aljoscha näher.

Sehr gut! Das Bett war leer.

Zufrieden blickte er sich um. Sämtliche Wände waren kunstvoll mit dunklem Holz verkleidet, dessen dicke Lackschicht sanft schimmerte. Unterbrochen wurde die kostbare Vertäfelung lediglich durch einen mannshohen Kamin an der Seitenwand rechts des Bettes, über dem wie im unteren Stockwerk ein großes Gemälde hing. Verteilt über Kommoden und Tischchen standen mehrere metallene Kerzenleuchter im Raum. Aljoscha trat näher heran, musste jedoch zu seiner Enttäuschung feststellen, dass sie aus Eisen gefertigt waren.

Vollkommen wertloser Plunder, erkannte er enttäuscht.Also weiter!

Neben einem schweren, wuchtigen Kleiderschrank links der Eingangstür befand sich ein mit bemaltem Leder gepolsterter Lehnstuhl, auf dem sorgfältig diverse Kleidungsstücke abgelegt worden waren. Offenbar handelte es sich um das Zimmer eines Mannes, wahrscheinlich das Schlafzimmer des Hausherrn. Ein metallisch glänzender, schwerer Jagdspieß, griffbereit aufgehängt an der linken Seite des Bettes, erhärtete diesen Verdacht. Aljoscha konnte seine Erregung kaum bändigen. Hier war er genau richtig!

Sein Blick fiel erneut auf das Gemälde über dem Kamin. Neugierig schritt er auf das Kunstwerk zu, das einen stattlichen Ritter zeigte, der hoch zu Pferd dahin galoppierte. Links und rechts wurde die Szenerie von majestätisch aufragenden Bergen, Bäumen und dichtem Buschwerk eingerahmt, was der Darstellung einen Anstrich von urwüchsiger Wildheit verlieh.

Aljoscha wollte sich bereits abwenden, als sein Blick auf einen kaum wahrnehmbaren roten Fleck am rechten unteren Bildrand fiel. Er trat einen Schritt näher heran und stutzte. War das denn möglich? Ein Lächeln spielte um seine Lippen. Tatsächlich, er hatte sich nicht getäuscht! Zwischen zwei Büschen lugte der Kopf eines Fuchses hervor.

Aljoscha spürte seine Zuversicht wachsen. Wenn das kein Zeichen des Gottes war! Zaghaft hob er seine rechte Hand und strich zärtlich über den Kopf des Tieres. Doch was wollte Phex ihm mit diesem Wink verraten? War er auf dem richtigen Weg? Gab es etwas, worauf er achten sollte? Vielleicht hinter dem Gemälde? Er war sich sicher, ein geheimes Fach zu finden, und hob es ein Stückchen an, doch dort war nichts.

Vielleicht irgendetwas auf der Rückseite? Aber auch dort strich seine Hand lediglich über raues Holz. Hatte er sich geirrt? War der Fuchs auf dem Bild nichts weiter als ein Zufall? Enttäuscht wandte sich Aljoscha ab und ließ seinen Blick über den Rest des Zimmers schweifen.

Entschlossen, den Raum nicht mit leeren Händen zu verlassen, trat er vor den hohen Schrank und öffnete die Türen. Verteilt über mehrere Fächer stapelte sich eine Unmenge von Kleidungsstücken. Abgesehen von edlen Gewändern fand er lediglich mehrere Hemden, lederne Gürtel, zwei Paar fellgefütterte Handschuhe und auf dem Boden ein paar blank polierte Reitstiefel, doch kein Geld, keinen Schmuck, nichts von Wert. Er tastete unter die Kleiderstapel und in die Spalten dazwischen, aber auch dort gab es keine Spur von einer Geldbörse oder einer Schatulle.

Wo bewahrte dieser Mann sein Vermögen auf? Der Reichtum des Hausherrn stand außer Frage. Die Kleidungsstücke waren kostbar, sogar die Bettbezüge und die turmhoch gestapelten Seidenkissen zeugten von Wohlstand, aber wo befanden sich Schmuck und Geld? Es musste irgendwo ein Versteck dafür geben! In aller Gründlichkeit untersuchte er die Wandvertäfelung, doch falls sie ein Geheimnis barg, gab sie es nicht preis. Nach einem letzten prüfenden Blick unter das Bett verließ Aljoscha den Raum.

Vorsichtig schlich er den Gang weiter entlang, sorgsam darauf bedacht, mit seinen an der Wand entlang tastenden Händen nichts umzustoßen.

Nach wenigen Schritten stieß er wieder auf eine Tür. Mit ruhiger Hand tastete er nach der Klinke, zögerte jedoch einen Moment, ehe er sie hinunterdrückte. Womöglich handelte es sich bei diesem Raum um das Schlafzimmer der Tochter? Anzunehmen, dass die Schlafräume im Haus beieinanderlagen. In diesem Fall musste er natürlich besondere Vorsicht walten lassen, um das junge Fräulein nicht aus dem Schlaf zu reißen. Behutsam öffnete er die Tür und fand sich nach einem kurzen Blick in seinen Überlegungen bestätigt. Auch dieses Zimmer wurde durch ein gewaltiges Bett beherrscht, in dem unschwer eine Gestalt unter der zerwühlten Decke zu erkennen war.

Neugierig trat Aljoscha vor, um nachzusehen, ob es sich tatsächlich um das junge Mädchen handelte, das er bereits aus der Ferne erspäht hatte. Und tatsächlich, sie war es! Aus der Nähe betrachtet sah sie sogar um einiges hübscher aus, wie er erstaunt feststellte. Lange blonde Locken umrahmten ihr schneeweißes Gesicht und fielen breit ausgefächert über das Kopfkissen. Ihr Mund, dessen im schwachen Lichtschein blass schimmernde Lippen förmlich zum Küssen einluden, stand einen kleinen Spaltbreit offen und entblößte eine Reihe kleiner weißer Zähne. Ihr Schlaf schien tief und friedlich, kein Laut und keine Regung verrieten eine Störung der nächtlichen Ruhe.

Leise bewegte sich Aljoscha zurück zur Tür. Im Zimmer der Tochter würden sich die vermuteten Kostbarkeiten sicherlich nicht finden lassen, und wenn sie doch etwas von Wert besäße, so brächte er es nicht übers Herz, sie zu bestehlen. Der grimmige Herr Vater aber, der war etwas anderes!

Ein paar Schritte weiter stieß er schließlich auf das letzte Zimmer auf dieser Seite des Korridors. Er zögerte nicht, trat ein und befand sich in einem Raum mit beachtlichen Ausmaßen. Die zugezogenen Vorhänge vor den Fenstern bewegten sich leise in dem entstandenen Lufthauch. Lediglich ein schmaler Streifen Licht drang zwischen ihnen hindurch und tauchte das Mobiliar in einen silbrigen Schein. Der massive Schreibtisch und die zahlreichen Regale und Schränke, welche die Wände säumten, ließen auf ein Arbeitszimmer schließen.

Hier muss ich aber fündig werden, dachte Aljoscha. Wenn nicht hier, wo dann?

Vorsorglich schloss er die Tür und machte sich an die Inspektion des Schreibtisches, den er glücklicherweise unverschlossen fand. Er öffnete die oberste Schublade, konnte jedoch in dem schwachen Licht wenig mehr als die groben Umrisse mehrerer Dokumente und Schreibutensilien erkennen. Behutsam schob er eine Hälfte des Vorhangs zur Seite, gerade genug, um einen etwas breiteren Streifen Mondlicht hereinzulassen. Er hatte sich gerade erneut über die geöffnete Schublade gebeugt, als er einen leichten Lufthauch im Nacken spürte. Noch ehe er sich umwenden konnte, riss ihn ein heftiger Schlag in die Halsbeuge von den Beinen. Um Atem ringend krümmte er sich auf dem Boden. Über ihm erhob sich drohend eine finstere Gestalt und holte zu einem weiteren Hieb mit einem knapp unterarmlangen Knüppel aus.

Noch bevor der Schlag ihn treffen konnte, rollte er sich zur Seite und landete einen Tritt gegen das rechte Bein des Angreifers, der mit einem unterdrückten Stöhnen einknickte, einen Sturz jedoch zu verhindern wusste. Immerhin, Aljoschas Kopf saß noch auf seinen Schultern, anstatt sich in einer unappetitlichen Masse über den Boden zu verteilen. Damit war zumindest Zeit gewonnen.

Zeit genug, um aufzuspringen und den Arm des Unbekannten zu packen, der sich jedoch kraftvoll zur Wehr setzte. Mit einem weithin vernehmbaren Poltern schlug ein Stuhl zu Boden, unmittelbar gefolgt vom lauten Scheppern eines Kerzenleuchters. Aljoscha fluchte. Beinahe gelang es ihm, dem Griff des Fremden den Knüppel zu entwinden, als dieser ihn erst mit dem Knie in die Magengrube traf und ihn dann unerbittlich niederrang.

Zu allem Überfluss waren nun auch Stimmen zu vernehmen, die aus dem unteren Stockwerk heraufdrangen.

Verdammt!, durchfuhr es Aljoscha.Einer ist doch wirklich mehr als genug!

Verblüfft schaute er auf, als der Unbekannte von ihm abließ und sich plötzlich beeilte, die Tür zu erreichen. Was war das? Bislang war er davon ausgegangen, dass es sich um einen Dienstboten handelte, der ihn ertappt hatte. Offensichtlich war die Anwesenheit dieses Kerls jedoch ebenso wenig rechtmäßig wie seine eigene.

Na warte, Freundchen, durchfuhr es ihn,wir sind noch nicht fertig!

Behände sprang er auf die Beine und erreichte den Unbekannten noch vor der Tür, wo er ihn nun seinerseits mit einem Tritt in die Kniekehlen erfolgreich zu Fall brachte. Sofort sprang Aljoscha hinterher, warf sich auf die am Boden liegende Gestalt ... und hielt verdutzt inne. Unter sich spürte er die weichen Wölbungen zweier Brüste!

Vor Überraschung lockerte sich sein Griff. Bevor er den Fehler korrigieren konnte, hatte sich seine Gegnerin bereits befreit und erwischte ihn mit einer kraftvollen Rechten am Kinn. Ein weiterer schmerzhafter Schlag, diesmal zielsicher und mit mehr Schwung geführt, traf ihn seitlich an der Stirn. Stöhnend klappte er zusammen, während die Unbekannte rasch aus dem Zimmer stürzte.

Beweg dich!, brüllte eine Stimme tief in seinem Innern über all dem Schmerz, der sich durch seinen Schädel fraß.Steh auf, sonst bist du erledigt!

Unter Aufbietung aller Willenskraft kroch er zur nächsten Wand und zog sich mühsam an dem vor ihm aufragenden Tischbein aufwärts. Währenddessen ertönten schwere Schritte auf der Treppe zum Obergeschoss, gefolgt von wüsten Beschimpfungen. Kaum fiel der erste Lichtschein durch die geöffnete Tür, als auch schon ein älterer, silberhaariger Mann im Nachthemd in den Raum stürmte. In der einen Hand hielt er einen Leuchter, in der anderen einen Schürhaken. Als er Aljoscha erblickte, stieß er einen zornigen Schrei aus.

»Da hol mich doch einer ... du Lump! Was hast du hier zu suchen?«

Aljoscha zuckte zurück und hob beschwichtigend seine Hand, um dem Wüten des Mannes Einhalt zu gebieten, doch ehe er etwas erwidern konnte, sprang der Alte tobend auf ihn zu.

»Ein Dieb! Ein Einbrecher hier im Haus des Barons! Na, du sollst was erleben!«

»Guter Mann, so wartet doch«, entgegnete Aljoscha mit vor Verzweiflung bebender Stimme und wich zurück. »Ich bitte Euch, hört mich an! Ich werde Euch gewiss nichts antun. Ich bin ...«

Aljoschas Gedanken überschlugen sich, doch seine Stimme brach, als der Mann wiederum zornerfüllt aufbrüllte. Noch ehe er sich ducken konnte, traf ihn der Schürhaken am Kopf und schickte ihn ein letztes Mal für diese Nacht zu Boden. Die spitzen Schreie der korpulenten Frau, die nun ebenfalls im Türrahmen erschien, vernahm er nur noch wie aus weiter Ferne. Dann umfing ihn Dunkelheit.

Kapitel 2

Kälte. Aljoscha fühlte Kälte, die seinen Körper wie eine eisige Hand umschlang. Eine andere schien zur Faust geballt mit schweren Schlägen seinen Schädel Stück für Stück zu zerschmettern, hart und kraftvoll wie Ingerimms Hammer. Unablässig donnerte sie, schickte Welle auf Welle von Schmerz tiefer in sein Innerstes, bis ein einziges Rauschen Aljoschas Denken beendete. Um ihn her war alles einer weißen Leere gewichen. Eis? Eine unendlich weite, tödliche Eiswüste? Er verstand nichts. Weder wer er war, noch wo er sich befand, geschweige denn, warum dies alles geschehen war. Das blendende Weiß des Eises bohrte sich in seine Augen wie Pfeilspitzen, durchschlug Gewebe und Knochen. Das Rauschen steigerte sich erneut, bis sein Kopf zu zerplatzen drohte. Dann begann ein Wirbel um ihn, alles zu verändern. Die Welt drehte sich, drehte sich um ihn! Doch nein, das konnte nicht sein, es war unmöglich! Und sofort erkannte er seinen Irrtum. Er selbst drehte sich, drehte sich immer schneller, während ringsum das dämonische Rauschen greifbar zu werden schien und winzige Flocken von Schnee aufwirbelte, die wild vor seinen Augen tanzten.

Schnee?, fragte er sich.Unmöglich, wir haben Praios! Schnee im Praios, mitten in Gareth, das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. Satinav spielte ihm einen Streich! Doch woher kam dieser Gedanke?

Je schneller er herumgewirbelt wurde, desto dichter wurde der Schneesturm. Plötzlich verblasste das Rauschen, Düsternis senkte sich über das Weiß, und Aljoscha sah sich dem gähnenden schwarzen Schlund gegenüber, der ihn seit seiner Kindheit Nacht für Nacht verfolgte. Ein entsetzter Schrei entrang sich seiner Kehle, doch als er davonlaufen wollte, trugen ihn seine Füße nicht mehr. Unablässig zog es ihn zu dem gähnenden Schlund, ganz gleich wie sehr er sich widersetzte. Doch als die Finsternis ihn endgültig zu verschlingen drohte, erwachte er schlagartig, und die Fesseln des Albtraums fielen endlich von ihm ab. Das Schwindelgefühl kam zur Ruhe, und er erkannte, dass er auf dem Rücken lag. Unter sich spürte er harten, kalten Stein. Seine Fingernägel kratzten über raue, feuchte Bodenplatten, als er langsam die rechte Hand hob, um zu überprüfen, ob sein Kopf noch auf den Schultern saß. Er stöhnte auf, als die Berührung einen neuen Schmerz mit sich brachte. Immerhin, er lebte also! Die Frage war nur, wie lange noch?

Mühsam drehte er den Kopf zur Seite und versuchte zu erkennen, wo er sich befand. Doch entweder versagten seine Augen den Dienst oder er befand sich tatsächlich in einem stockdunklen Raum.Wahrscheinlich Letzteres, dachte er beklommen, als er den beißenden Gestank bemerkte. Ja, es waren eindeutig die übelkeitserregenden Ausdünstungen eines nasskalten Kellergewölbes, die sich in seiner Nase festsetzten.

Verdammt, ein Kerker!, durchfuhr es ihn, als die Erinnerung an den missglückten Einbruch mit einem Mal über ihn hereinbrach.

Die Dienstboten hatten offenbar die Gardisten gerufen, nachdem er niedergestreckt worden war. Nun befand er sich anscheinend auf dem besten Wege, gewaltigen Ärger zu bekommen. Wenn ihm nicht schnell etwas einfiel, dann würden sie mit ihm kurzen Prozess machen. Schließlich war er bereits mehr oder minder bekannt mit den Herrschaften von der Justiz, und ein weiteres Mal würde man den allzu uneinsichtigen Streuner sicher nicht davonkommen lassen.

Aber wie lange lag er bereits in diesem dreckigen Loch? Er betastete seinen Hinterkopf und spürte geronnenes Blut, das die Wunde bedeckte und in mehreren Strähnen seines Haares feste Klumpen gebildet hatte. Die Wunde schmerzte, doch sie heilte bereits. Langsam versuchte er, sich in eine aufrechte Position zu bringen und stieß ein leises Stöhnen aus, als seine Gelenke laut knackten. Als er es geschafft hatte, atmete er tief durch und richtete sich schließlich mit zusammengebissenen Zähnen vollends auf. Ein starkes Schwindelgefühl befiel ihn, ließ jedoch schnell wieder nach. Mit schmerzverzerrter Miene bückte er sich nach seinem Hut, der zu einem formlosen Bündel zerknautscht war, und setzte ihn sich behutsam auf den Kopf.

Vorsichtig streckte er die Arme aus, spürte aber augenblicklich zu seiner Linken eine Wand aus blankem Felsgestein. Langsam tastete er sich daran entlang, bis er nach nur wenigen Schritten feststellte, dass er sich in einem kleinen Raum von rechteckigem Grundriss befand. Außer einigen Ketten an den Wänden, die offenbar dazu gedacht waren, widerspenstigere Gefangene in Schach zu halten, war der Raum leer. Keine Schlafstatt, kein Fenster und vor allem kein Licht! Die einzige Tür war sehr niedrig und mit schwerem Eisen beschlagen. Ein Schloss konnte er nicht entdecken. Wahrscheinlich wurde sie von einem Riegel auf der anderen Seite versperrt. Probeweise legte er sein Ohr daran, doch es war nichts zu vernehmen.

Aljoscha sank resigniert zu Boden. Offensichtlich konnte er nichts weiter tun als abwarten, was seine Kerkermeister mit ihm vorhatten. Ein lautes Grummeln verkündete den zweifelhaften Wunsch seines Magens, dass es möglichst bald geschehen mochte.

Instinktiv dachte er zurück an die vergangenen Male, als er sich in ähnlichen Situationen befunden hatte, denn der Aufenthalt in Kerkerräumen war ihm hinreichend vertraut. Angefangen hatte es damit, dass er mit acht Jahren seine Eltern verloren hatte. Er erinnerte sich kaum noch an sie, doch an den Tag, als ein Dutzend Wegelagerer seine Mutter und seinen Vater vor seinen Augen ermordet hatten, um sich an dem wenigen zu vergreifen, was das bornländische Händlerpaar sein Eigen nannte, konnte er sich trotz aller Versuche, es zu vergessen, gut entsinnen. Allein gelassen in der Finsternis des feuchten Kerkers fand sein Geist nicht die nötige Beschäftigung, mit der er sich sonst über die Erinnerung hinwegzuhelfen vermochte. Seine Gedanken nahmen selbstständig ihre Reise auf und wanderten zurück in die Vergangenheit, zurück zu jenem schicksalhaften Tag, der alles verändert hatte.

Sie waren mit nur einem Knecht und einer Magd auf dem Rückweg nach Festum, als plötzlich mit lautem Gebrüll mehrere Gestalten aus dem Unterholz brachen. Gorm, der den kleinen Reisewagen lenkte, versuchte in letzter Minute die beiden Pferde anzutreiben, um den Wegelagerern zu entkommen, doch schon hatte der erste von ihnen seine Hände auf das Zaumzeug gelegt. Noch bevor der Knecht zu seiner Peitsche greifen konnte, wurde er bereits von der Wucht eines Armbrustbolzens zurückgeworfen. Er war tot, noch bevor der Aufschrei der beiden Frauen von den groben Händen der Räuber zum Verstummen gebracht wurde. Sie wurden unsanft gepackt und vom Wagen gezogen, während Mireschko Timeran mit seinem Degen zumindest einen der Angreifer erfolgreich abwehren konnte. Doch schon nach wenigen Augenblicken war der Kampf entschieden, und unter dem Grölen der Straßenräuber rammte eine groß gewachsene blonde Frau dem tapferen Händler lächelnd einen Dolch in die Kehle. Aljoscha beobachtete, wie sein Vater röchelnd zu Boden ging, sich langsam eine Lache aus Blut um seinen gefallenen Körper ausbreitete und in den staubigen Boden der Landstraße sickerte.

Der Junge hatte fest geschlafen, als der Überfall begann, doch nun war er hellwach. Er warf die Decke von sich, die ihn bisher vor den Blicken der Angreifer verborgen hatte, und sprang den Nächstbesten an. Silvana Timeran stieß einen entsetzten Schrei aus und versuchte sich zwischen ihr Kind und den Mann zu drängen, der verdutzt das kratzende und wild um sich schlagende Bündel betrachtete, das sich an ihn geklammert hatte. Mit nur einem einzigen wuchtigen Schlag streckte er den Störenfried zu Boden und lachte schallend. Die anderen stimmten schnell ein, während Aljoscha rot vor Verzweiflung und Scham am Boden lag und hilflos zu seiner Mutter und der Magd Lina aufschaute, die von zwei grobschlächtigen Männern noch immer fest umschlungen wurden.

»Da sieh doch mal einer an, wen wir da haben!« Der Mann beugte sich zu dem Jungen hinab. Der faulige Atem, der zwischen den gelblichen Zähnen des Wegelagerers entwich, brachte Aljoscha schier um den Verstand. Ein wild wuchernder tiefschwarzer Bart umrahmte das hässliche Gesicht, das von mehreren Narben entstellt war.

»Das kleine Gör will sich wohl aufspielen. Hältst dich wohl für ’nen ganz Schlauen, was? Na, dann nur zu. Los, schlag mich! Woll’n doch mal sehen, ob ich dir kleinen Rotznase nich’ auch noch das Fell gerb’ wie dem Alten und seinem ungezogenen Kutscher da!«

Zustimmendes Johlen aus den Reihen der Umstehenden begleitete seine Worte, doch Aljoschas Mutter schüttelte den Kopf. Der Junge würde diesen Blick, in dem sich Entsetzen, Furcht und trotziger Stolz gleichermaßen spiegelten, niemals vergessen.

»Ach, hast wohl schon genug!«, höhnte der Mann.

Aljoscha wandte den Blick von seiner Mutter ab und schaute ihm fest in die Augen. Er würde sich nicht vor den Augen aller zum Gespött machen, indem er sich auf das Spiel seines Widersachers einließ. Nein, seine Mutter hatte recht. Jede Gegenwehr war aussichtslos. Es war bereits zu viel Blut geflossen.

»Nein«, presste er mit tränenerstickter Stimme hervor. »Ich kämpfe nicht mir dir.«

Der Bärtige schien einen Moment verdutzt, doch seine Enttäuschung währte nicht lange. »Na schön, dann kommst du halt zu den Weibern!« Er packte Aljoscha unsanft am Arm und stieß ihn zu den beiden Frauen, die noch immer leise schluchzten. Silvana Timeran schlang schnell die Arme um ihren Sohn, entschlossen, das einzig Wichtige, das ihr noch geblieben war, notfalls mit ihrem Leben zu beschützen.

Eng an seine Mutter gepresst verfolgte Aljoscha wutentbrannt, wie sich die Strauchdiebe über den Wagen hermachten. Sämtliche Kisten wurden aufgebrochen und untersucht. Was keinen Wert besaß, wurde kurzerhand auf die Straße geworfen und von klobigen Stiefeln in den Staub getreten.

Als sich nach kurzer Zeit abzeichnete, dass es nur wenig zu stehlen gab, wurde die Meute sichtlich ungehalten. Wiederholt fragte man abwechselnd Aljoschas Mutter sowie die Magd Lina, wo Gold und Silber versteckt wären. Beide beteuerten, es gäbe kein Gold und außer den wenigen Münzen, die bereits beim Leichnam des Vaters gefunden worden waren, auch kein Geld.

Die Situation eskalierte vollends, als ein weiterer Gesetzloser aufgeregt rufend und gestikulierend um die Straßenbiegung gelaufen kam. »Schneller, ihr faulen Fischhirne da, packt gefälligst eure Ärsche! Reiter im Anmarsch!«

Panik machte sich breit. In aller Eile wurde die karge Beute zusammengerafft, und als Aljoscha bereits meinte, aufatmen zu können, rief die Blonde, die seinen Vater ermordet hatte: »Und was machen wir mit denen da? Wir können sie ja schlecht laufen lassen, jetzt wo sie deine hübsche Visage gesehen haben, Godrik!«

Der Bärtige, an den die Frage offenbar gerichtet gewesen war, drehte sich um und blickte die Geiseln abwechselnd an. Kurz entschlossen nickte er der Blonden zu. »Stich sie ab!«

Aljoscha hörte seine Mutter entsetzt um Atem ringen und spürte, wie sie ihren Griff um ihn verstärkte. Lina begann zu keuchen, als die blonde Straßenräuberin ihren Dolch zückte und hämisch grinsend auf sie zu schritt. Dann ging alles sehr schnell. Aljoscha schwindelte, als seine Mutter ihn plötzlich herumwirbelte und von sich stieß. »Lauf weg! Los Junge, lauf!«

Aljoscha strauchelte, wollte seine Mutter nicht im Stich lassen, doch sie wurde bereits von starken Armen gepackt. Lina schrie entsetzt auf, als die Blonde sie grob am Haar packte und ihren Kopf nach hinten riss. Einen Augenblick später klaffte ein tiefer roter Schnitt durch Linas Hals, und Blut strömte erbarmungslos in schnellen Stößen über ihr Mieder, ihren Rock, ihre Füße.

Aljoscha spürte sein Herz einen Moment aussetzen. Nackte Angst raubte ihm die Luft zum Atmen. Erschrocken taumelte er ein paar Schritte zurück. Sein letzter Blick galt der Mutter, die sich verzweifelt aus dem Griff ihres Peinigers zu winden versuchte.

»Joscha, lauf endlich!«

Aljoscha kannte seine Mutter und wusste, dass ihr Blick keinen Widerspruch duldete. Noch bevor die Blonde ihr das Messer an die Kehle setzte, lief er los. Er lief, ohne sich umzuschauen, so schnell ihn seine kurzen Kinderbeine trugen.

»Verflucht! Alrik, schnapp dir den Bengel!«, hörte er die Stimme des Bärtigen. Dann folgte ein lauter Aufschrei. Ein rascher tränengetrübter Blick über die Schulter zeigte ihm den Leib der Mutter, der leblos zu Boden sank. Der Junge bemühte sich nicht, die heißen Tränen zurückzuhalten, die in Bächen seine Wangen hinabströmten. Seine Sicht war verschwommen, doch er lief und lief.

Hinter sich hörte er die Schritte eines Verfolgers, die sich stetig näherten. Das Herz schlug dem Jungen bis zum Hals, doch er wurde nicht langsamer. Seine Mutter war tot! Tot und vergangen! Der Gedanke bohrte sich tief in seine Eingeweide, ließ erst kalte Schauer durch seine Glieder jagen und sie schließlich in feurigem Zorn entbrennen. Es war so falsch! Es konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. So war die Welt doch nicht! Die Mörder hatten die göttergewollte Ordnung durcheinandergebracht. Das Geschehene konnte nicht ihr Wille sein. Aber was war es dann? Wie ließ sich das Unerhörte in Begriffe fassen? Sein Verstand arbeitete fieberhaft, aber er fand keine Erklärung. Er wusste nur, dass es unbedingt nötig war, den Mördern zu entkommen. Es war seine Pflicht, weilsiees so gewollt hatte. Ihr zuliebe würde er laufen, wie er noch nie gelaufen war!

Wie durch einen Nebelschleier bemerkte ein Teil von ihm, dass die Schritte des Verfolgers ein jähes Ende genommen hatten. Ein Pferd wieherte laut auf, doch Aljoschas Geist war auf einer Stufe der Verwirrung angelangt, auf der er die Informationen, die ihm seine Sinne lieferten, nur noch hinnahm, nicht mehr hinterfragte oder gar verstand.

Ohne langsamer zu werden, trugen ihn seine Füße über den Rand der Straße hinweg, vorbei an dichten Ginsterbüschen, kleinen Tannen, immer weiter durch kniehohes Gras hinein in die Ausläufer eines Waldes, dessen schattige Winkel Sicherheit versprachen. Doch auch dort hielt er nicht an, konnte es einfach nicht. Seine Füße hatten sich selbstständig gemacht und trugen ihn immer weiter fort über den weichen Waldboden. Weiter, weiter, weiter …

Irgendwann zwang ihn die Erschöpfung zu Boden. Der Junge blieb liegen, mehr tot als lebendig, und merkte nicht, wie die Praiosscheibe schließlich versank und das Madamal hell am Himmel aufleuchtete. Erst als der nächste Morgen heraufdämmerte, erwachte Aljoscha und fand sich als Waise in der Welt wieder.

Nachdem er einen weiteren Tag mutterseelenallein durch den dunklen Forst geirrt war, gelangte er schließlich bei Einbruch der Dämmerung zu einer Hütte, die von einem alten Holzfäller und dessen Weib bewohnt wurde. Die rüstige und grundgütige Frau brachte es nicht über sich, den verstörten Jungen abzuweisen, und so nahmen sie ihn bei sich auf. Aljoscha sprach während des ganzen Abends kein einziges Wort und schlief ein, kaum dass er einige wenige Bissen des Brotes heruntergewürgt hatte, das ihm mit gütiger Geste angeboten worden war.

»Bei den Göttern, was ist nur mit diesem Kind geschehen?«, sprach die Frau, als sie den schlafenden Knaben betrachtete, der sich vor der Feuerstelle zusammengekauert hatte.

Der Holzfäller, der nachdenklich an seiner Pfeife zog, dachte lange nach und kam doch zu keinem Ergebnis. »Vielleicht ist’s ein Feenkind«, stieß er dann schließlich aus.

»Da seien die Götter vor!«, flüsterte die Frau und machte ein Zeichen zur Abwehr des Unheils. Als die beiden am nächsten Morgen erwachten, war Aljoscha verschwunden. Die Tür stand weit offen, von dem Kind keine Spur.

»Na, vielleicht ist’s auch besser so«, brummte der Alte und schloss die Tür.

Währenddessen war Aljoscha bereits einige Meilen weit entfernt auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft. Den nagenden Hunger in seinem Magen bemerkte er kaum, während die kleinen Kinderfüße ihn über staubige Landstraßen und verborgene Feldwege immer weiter weg trugen – weg von der Heimat und allem, was er kannte. Nur weg, um das Grauen zu vergessen, das hinter ihm lag.

Nach seinem Weg befragt, konnte er auch Jahre später kaum einen Hinweis geben, so verschwommen waren die Bilder in seinem Geist. Nur das Gefühl des Fliehens war geblieben und das Wissen um den Hunger. Irgendwie gelang es ihm, die Aufmerksamkeit eines fahrenden Händlers auf dem Weg ins Mittelreich zu erlangen. Dieser stellte nicht viele Fragen und konnte den abgerissenen Knaben gut gebrauchen. Kurzerhand packte er ihn als Gehilfen auf seinen Planwagen und nahm ihn mit.

Einige Wochen später bestaunte Aljoscha schweigend die Tore des riesigen Gareth. Eine Stadt wie diese hatte er noch nie gesehen. Zwar kannte er Festum, immerhin die größte Stadt des Bornlandes, doch erschien es ihm nun wie ein größeres Dorf im Vergleich zu den gewaltigen Ausmaßen der Kaiserstadt. Nach und nach lösten die neuen Eindrücke den Jungen aus seiner Lethargie. Staunend betrachtete er die mehrstöckigen Häuser, die sich links und rechts von breiten Prachtstraßen erhoben. Anfangs von schlichtem Fachwerk geprägt, doch zunehmend in massive steinerne Fassaden übergehend, säumten sie den Weg eines nicht enden wollenden Händlerzuges, der sich unablässig dem Zentrum der Stadt näherte. Hohe Dächer, majestätische Kuppeln, schlanke Türme und meisterhaft gefügtes Mauerwerk – der Wunder gab es viele. Aljoscha spürte sofort den Wind des Abenteuers, der durch die schmalen Gassen strich und wusste, dass er an einem Ort angekommen war, an dem er überleben konnte. Weit entfernt von den Schicksalsschlägen der Vergangenheit bot sich ihm eine neue Welt, deren Ruf er nicht widerstehen konnte. An einer dicht bevölkerten Ecke sprang er kurz entschlossen vom Wagen und verdrückte sich unbemerkt in der Menschenmenge.

Stundenlang irrte der Knabe durch die verwinkelten Straßen und bewunderte das bunte Treiben, das die Stadt belebte. Armselige und zerrissene Gestalten bildeten den weitaus größeren Teil, doch vereinzelt erblickte er auch Samt und Seide. Der Junge kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Adligen des Mittelreichs waren so ganz anders als die bornländischen Notabeln, die er in Festum hatte bewundern können. Dort herrschten in gehobenen Kreisen eine gewisse Zurückhaltung und Reserviertheit, was das Zurschaustellen von Reichtum und Macht anbelangte. Dies schien für die vornehmen Herrschaften in Gareth nicht zu gelten. Hier betonten die wenigen Herren und Damen von Stand Bedeutung und Einfluss durch die verschiedensten Kostüme. Dem Einfallsreichtum der Garether Schneider waren dabei offenbar keine Grenzen gesetzt. Mehr oder minder schlicht gehaltene Mäntel und Hüte geradlinigen Schnitts erschienen neben pompösen Prunkgewändern. Die einen trugen eng geschnürte Kniebundhosen, andere wiederum ausgesprochen weite Beinkleider. Vereinzelt begegnete ihm ein in Felle gehüllter Thorwaler, dann wieder ein in hartes Eisen gezwängter Krieger mit wilder Mähne, ein Magus in wehendem, prachtvollen Gewand, die hohe Kappe mit allerlei Sternen und arkanen Zeichen bestickt oder ein Flötenspieler mit einer Gruppe abgerissener Straßentänzer, darunter zwei Mädchen in skandalös knappen Röcken. Wolle, Eisen, Samt und Seide fügten sich in den farbenprächtigsten Spielarten zu einem bunten Mosaik städtischen Lebens. All dies betrachtete Aljoscha und konnte sich nicht sattsehen.

Am auffallendsten bewegten sich jedoch die verschiedenen Priester der Zwölf Götter durch die Menge: In ein Kostüm aus blaugrünen Schuppen und einen dunkelblauen Seiden-umhang gekleidet bahnte sich ein Priester des Meeresgottes Efferd, gefolgt von zwei grün gekleideten Novizen, den Weg über den Markt. Praiospriester in eindrucksvollem Gold und Weiß drängten sich im Zentrum der Stadt durch die Straßen und hinterließen eine Wolke betäubenden Dufts nach Weihrauch, finster gekleidete Boroni kreuzten seinen Weg und ließen ihn bei ihrem düsteren Anblick erschrocken innehalten. Doch beeindruckender als alle anderen erschien Aljoscha schließlich der Mann, dem er buchstäblich in die Arme lief, als er wieder einmal unaufmerksam dahinstolperte. Erschrocken fuhr der Junge zusammen, als der riesenhafte Hüne ihn an der Schulter packte und grob zurückstieß.

»Du scheinst es aber eilig zu haben. Hast du denn keine Augen im Kopf?«, sprach er mit tiefer Bassstimme.

Aljoscha blickte ängstlich zu dem Riesen empor, der zornig die dunklen Augenbrauen zusammenzog und die Stirn in Falten legte. Er brachte kein Wort heraus.

Der Fremde gab sich schnell versöhnlich: »Aber so zerlumpt und mager, wie du aussiehst ... Da will ich mal darüber hinwegsehen. Sag mal, was hast du denn?«

Aljoscha merkte erst jetzt, dass er zu zittern begonnen hatte. Die Stimme des Mannes ... Sie erinnerte ihn ein wenig an...

»Stich sie ab!«

Das Echo der Worte hallte in seinem Kopf und ließ ihn erbleichen.

»Verflucht! Alrik, schnapp dir den Bengel!«

Aljoschas Knie begannen zu zittern, und er spürte bereits undeutlich den Staub der Straße zwischen seinen Fingern, als ihn der harte Griff des Mannes wieder auf die Füße riss. Er war nicht der Bärtige, der den Überfall auf die Timerans angeführt hatte – dieser Mann trug keinen Bart –, doch die Stimme ähnelte ihm allzu sehr.

»Jetzt mal langsam, mein Lieber«, versuchte der Hüne den strauchelnden Jungen zu beruhigen. »Du brauchst doch keine Angst zu haben. So hab ich’s nun wirklich nicht gemeint. Jetzt bleib doch bitte stehen, ich tue dir schon nichts.«

Langsam gewann Aljoscha seine Fassung zurück und brachte seine weichen Knie dazu, ihn wieder zu tragen.

»Na also, es geht doch«, brummte der Garether zufrieden. »Und jetzt sag mir doch bitte einmal, wer du bist und wo du so eilig hin willst.«

»Aljoscha Timeran, so heiße ich«, murmelte Aljoscha verlegen und schaute ängstlich in die dunklen Augen, die ihn streng von oben bis unten musterten. »Ich will nirgendwohin, ich kam doch gerade erst an.«

»Soso, du kamst gerade erst an. Und woher stammst du? Wo sind deine Eltern, mein allzu Wankelmütiger?«

Aljoscha schwieg.

»Eltern wirst du doch wohl haben, oder? Wo sind sie?«, hakte der Riese nach. Als der Junge noch immer schwieg und ein Schatten ein weiteres Mal seinen Blick zu verschleiern schien, begriff er jedoch. »Ah, ich verstehe. Das ist heutzutage wohl nichts Ungewöhnliches mehr.« Er seufzte tief und wirkte plötzlich mit seiner Aufmerksamkeit ganz woanders. Doch er fasste sich schnell und blickte dem Jungen erneut ins Gesicht. »Und woher stammst du nun also?«

»Aus Festum, mein Herr«, stotterte Aljoscha unbeholfen, da ihm sein Gegenüber noch immer nicht ganz geheuer war.

»Aus Festum? Eine schöne Stadt, wie es heißt. Aber dahin zurück ist’s ein ziemliches Stück Weg. Ich schätze mal, du wirst dich hier erst einmal ein wenig umsehen wollen, bevor du zurück in die Heimat ziehst?«

Aljoscha zuckte nur mit den Schultern. Was bedeutete ihm schon diese Heimat, in der es für ihn keinen Platz mehr gab?

»Ich heiße übrigens Caylen Tondar«, fuhr der Garether fort, »und diene nicht weit von hier dem hohen Herrn Phex in dessen Tempel. Wenn du möchtest, dann begleite mich doch kurz zum Markt. Ich könnte ein wenig Hilfe gebrauchen. Zur Belohnung sollst du eine anständige Mahlzeit und vorerst einmal ein Dach über dem Kopf erhalten. Ich schätze, an beidem dürfte dir sehr gelegen sein.«

Aljoscha verspürte zwar wenig Neigung zu einem Tempelbesuch, doch er dachte an seinen knurrenden Magen und nickte daher eifrig.

»Nun denn«, brummte Caylen Tondar zufrieden. »Den Wagenden hilft das Glück, wie es so schön heißt. Der Handel gilt.«

Aljoscha mochte diesen Priester, und dass sein Weg ihn ausgerechnet in die Arme eines Phexgeweihten geführt hatte, war sicherlich kein Zufall. Der Gott der Händler war stets geehrt worden im Hause Timeran, und nicht selten hatte Aljoschas Vater ganz ähnlich gesprochen wie Caylen Tondar. Doch Phex war auch der Gott der Diebe und Glücksritter. Und ein Glücksritter war aus dem elternlosen Knaben nun geworden. Aljoscha spürte den Ruf des Ungewissen, als er dem Geweihten folgte, und erinnerte sich noch Jahre später an das Gefühl, etwas Entscheidendes begonnen zu haben.

Wie sich herausstellte, konnte Phexens Tempel von Handel und Wandel einen jungen Diener wie Aljoscha gut gebrauchen, und so verwunderte es niemanden, dass der geistesgewandte Junge schon nach wenigen Tagen die Erlaubnis erhielt, sich dauerhaft in den Novizenunterkünften des Tempels einzurichten. Caylen Tondar besuchte er häufig, wenn die Zeit es ihm erlaubte, und als der Mann nur fünf Jahre später an der Blauen Keuche erkrankte und verstarb, fühlte Aljoscha den Schmerz über den Verlust tief in seinem Herzen. Er behielt den Geweihten und seine Lehren über die Weisheiten des schattenhaften Gottes in andächtiger Erinnerung, doch das Leben im Tempel war nicht mehr dasselbe. Es zog Aljoscha hinaus, und so schnürte er sein Bündel und ging.

Gareth war ihm nun keine fremde Stadt mehr, und er wusste genau, wo er Unterschlupf finden konnte. Er beschloss, sich an Roderick Degenwind zu wenden, in jenen Tagen ein Meisterdieb der Alten Gilde und ein gern gesehener Gast im Tempel. Der inzwischen fünfzehnjährige Knabe kannte auch diese Seite des phexgefälligen Lebens zur Genüge. Er hatte es längst erkannt: List und Klugheit waren die besonderen Kennzeichen, die sein Gott wertschätzte. Ob dies nun durch die klugen Geschäfte eines ehrlichen Kaufmannes oder die Schurkerei eines ausgemachten Schlitzohrs bewiesen wurde, Phexens Schützlinge waren sie allesamt.

Aljoscha fand Roderick im WirtshausZum Frechen Füchslein, wo dieser inmitten einer grölenden Bande im übervollen Schankraum saß und geschäftig aus seinem breiten Repertoire tollkühner Jugendstreiche berichtete.

»Und was glaubt ihr, was der Alte am nächsten Morgen für ein Gesicht machte, als er feststellte, dass ihm seine guten Gäule über Nacht abhandengekommen waren?! Mitsamt Knecht und Fuhrwerk versteht sich!« Lautes Gelächter war Antwort genug auf die Frage. »Sein Gesicht hätte ich gerne gesehen, als er mutterseelenallein und zu Fuß nach Hause zurückkehren musste. Seine Alte wird ihm kräftig den Kopf gewaschen haben. Ein starkes Weib, so eine findet man heute nicht mehr. Konnte einem glatt den Kiefer zerschlagen. Ja, so eine war die.«

Aljoscha bewunderte den Meisterdieb, dessen Präsenz den ganzen Raum erfüllte und die anderen Gespräche verstummen ließ. Wie gebannt hingen die Zuhörer an den Worten des Mannes und selbst Elsa, die runde Wirtin hinter dem Tresen, gab nur vor, einen bereits sauberen Zinnbecher auf Hochglanz zu polieren. Roderick hatte seine besten Jahre allerdings schon hinter sich. Davon kündete nicht zuletzt das Grau, das sich in dicken Strähnen durch ehemals dunkles Haar zog. Von etwas dunklerem Grau war auch der Bart, der sorgsam gestutzt das kräftige Gesicht des Mannes einrahmte und ihm in den Augen des Jungen etwas Wildes und Verwegenes verlieh.

Aljoscha setzte sich in eine freie Ecke des Schankraums und lauschte den Erzählungen des alternden Mannes. Seine Aufmerksamkeit wurde jedoch abgelenkt, als sich Rishka auf die Bank neben ihn setzte. Die hübsche Dienstmagd des Wirtshauses hatte es ihm schon seit Langem angetan und betrachtete ihn nun mit einem schelmischen Lächeln und glänzenden graugrünen Augen. Lange blonde Haarsträhnen hatten sich vereinzelt aus ihrer ansonsten sorgsam zusammengefassten Frisur gelöst und hingen wirr in ihr Gesicht.

Phex, ist sie schön!, dachte Aljoscha wohl nun bereits zum hundertsten Mal und erwiderte zaghaft ihr Lächeln.

Selbstverständlich wusste er, dass Rishka, wie so viele andere der Anwesenden, keineswegs das war, was sie zu sein vorgab. In den Nächten begleitete auch sie Roderick und seine Gehilfen bei ihren Ausflügen, was selbst von der Wirtin desFrechen Füchsleinstatkräftig unterstützt wurde. Tatsächlich traf sich hier regelmäßig eine ganze Reihe von Glücksrittern unter der Leitung von Roderick und plante die wagemutigsten Streifzüge. Rishka war stets dabei.

»Ich habe dich lange nicht gesehen, Joscha. Wo hast du dich denn herumgetrieben?«

Aljoscha zögerte einen Moment. »Meister Tondar ist tot. Er starb letzte Woche.«

Rishka schaute bedrückt zu Boden, hob den Blick jedoch nach wenigen Augenblicken zu Roderick, der lauthals lachte. »Ja, ich habe davon gehört«, flüsterte sie. »Ach, Joscha, es tut mir so leid für dich. Ich weiß, was er dir bedeutet hat.« Behutsam nahm sie seine Hand, und er fühlte ihre weiche Haut auf seiner. Sie war so schön!

Nach einem Blick auf Aljoschas Bündel, das dieser beim Eintreten unachtsam neben sich hatte fallen lassen, fuhr sie fort: »Du gehst wohl nicht wieder zurück zum Tempel.« Es war eine Feststellung, keine Frage. »Was hast du jetzt vor? Wo wirst du bleiben?«

Aljoscha hob den Kopf und schaute ihr in die Augen. »Ich will bei euch mitmachen. Wenn ich darf...«

Rishka betrachtete ihn einen Moment nachdenklich, dann spielte ein verschmitztes Lächeln um ihre Lippen. »Nun, wenn das so ist. Ich glaube, da ließe sich etwas machen. Natürlich muss Roderick das entscheiden. Er wird wissen, was mit dir zu tun ist. Aber wenn es nach mir geht ...« Sie errötete leicht, als hätte sie bereits zu viel gesagt. »Nun, ich finde, du könntest dich gut machen. Flink bist du ja.«

Eine Bewegung am Tresen warnte Aljoscha, dass die achtsame Wirtin die beiden entdeckt hatte und sich bereits näherte. Rishka hauchte ihm schnell einen Kuss auf die Wange und eilte dienstbeflissen zurück in die Küche, wobei sie dem scharfen Blick Elsas geschickt auswich. Aljoscha fühlte die Röte in seine Wangen steigen, als er vorsichtig die Stelle berührte, wo Rishkas Lippen ihn berührt hatten.

Knapp zwei Stunden später hatte sich der Schankraum merklich geleert und als die letzten Gäste gegangen waren, führte Rishka ihn vor Roderick, der sichtlich angetrunken bei Elsa am Tresen lehnte und sich mit einem feuchten Lappen die Stirn rieb.

»Roderick? Du kennst doch Aljoscha?«

Roderick schaute murrend auf und bemerkte den schlaksigen Jungen, der neben Rishka stand.

»Schon möglich«, entgegnete er mit einem Gähnen. »Ja natürlich, du bist doch der Bengel aus dem Tempel!«

»Euer Gedächtnis trügt Euch nicht«, antwortete Aljoscha. »Ich war dort Novize. Aber ich bin weggelaufen.« Roderick nickte verstehend. »Bitte, wenn es Euch nichts ausmacht ... Ich möchte gerne dabei sein.«

Roderick betrachtete ihn erneut von oben bis unten. Ein wohlwollendes Lächeln zuckte unter seinem grauen Bart. »Naja, wenn du etwas im Kopf hast, dann kann ich dich wohl gebrauchen. Aber merk dir, wenn du schwache Nerven hast, dann lass es besser gleich bleiben und geh zurück in deinen Tempel. Das ist sicherer.« Ein Stöhnen beendete seine Worte, als sich der übermäßige Alkoholkonsum bemerkbar machte.

Aljoschas Herz hüpfte vor Freude, und Rishka strahlte ihn mit ihren großen Augen freudig an. »Siehst du, das war nicht schwer. Jetzt brauchen wir nur noch eine Unterkunft für dich. Elsa, könnten wir nicht noch einen Knecht gebrauchen? Kasper ist schließlich nicht mehr der Jüngste.«

Elsa schaute grimmig zu Aljoscha hinüber. »Besonders kräftig sieht er mir ja nicht gerade aus. Aber naja ... Wenn er will, kann er erst einmal die alte Kammer neben dem Vorratsraum haben. Aber bezahlen werde ich ihm nichts! Das muss er sich schon bei Roderick verdienen.«

Aljoscha erwiderte dankbar, das sei kein Problem, und auf ein erneutes Nicken von Elsa hin packte Rishka sein Bündel und schleifte ihn hinter sich her aus der Schankstube. Die sogenannte Kammer war kaum mehr als ein Abstellraum für Besen und sonstiges Haushaltsgerät, doch Aljoscha erschien sie wunderbar. Als Rishka ihn zur Nacht erneut küsste – diesmal berührten ihre Lippen ganz flüchtig seine Mundwinkel – war sein Glück vollkommen. So begann Aljoschas Leben bei Roderick und dessen verschworenem Bund.