Verlag: Ulisses Medien und Spiel Distribution GmbH Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

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E-Book-Beschreibung DSA 90: Goldener Wolf - Linda Budinger

Ein goldfarbener Wolfswelpe ist der größte Schatz der Sippe der Hekkla-Nivesen und des mit ihr verbündeten Wolfsrudels. Doch eines Tages ist er fort - entführt. Obwohl allein der Jäger Rikkinen seiner Spur folgen kann, macht er sich nur recht widerwillig auf die Suche, begleitet von der Schamanin Starna. Ob Rikkinen ahnt, dass er mehr in die Ereignisse verstrickt ist, als es scheint? Die beiden begeben sich auf einen Weg voller Gefahren und Geheimnisse. Wird es ihnen gelingen, den jungen Wolf zu retten?

Meinungen über das E-Book DSA 90: Goldener Wolf - Linda Budinger

E-Book-Leseprobe DSA 90: Goldener Wolf - Linda Budinger

Biografie

Linda Budinger(geb. 1968) schreibt seit mehr als 20 Jahren, angeregt durch Märchen, Mythen und Legenden aus aller Welt. Schon früh lernte sie das Rollenspiel kennen und lieben. Nach dem Abitur studierte sie einige Semester Ur- und Frühgeschichte, Völkerkunde und Germanistik. Inzwischen ist sie als freie Phantastik-Autorin und Übersetzerin für verschiedene Verlage (u.a. Heyne, Bastei Lübbe. Blitz und Bastei) tätig.

Der Geisterwolf, die Geschichte von Starnas großer Reise, war ihr erster Roman in der DSA-Reihe. Mehr dazu unter www.budinger.name

Titel

Linda Budinger

Goldener Wolf

Ein Roman in der Welt von Das Schwarze Auge©

Originalausgabe

Impressum

Ulisses Spiele Band 11010EPUB

Titelbild: Tom Thiel Aventurien-Karte: Ralph Hlawatsch Redaktion und Lektorat: Catherine Beck Satz und Layout: Sarah Nick Umschlaggestaltung: Ralf BerszuckE-Book-Gestaltung: Michael Mingers

Copyright © 2006, 2013 by Ulisses Spiele GmbH, Waldems.DAS SCHWARZE AUGE, AVENTURIEN, DERE,MYRANOR, RIESLAND, THARUN und UTHURIA sind eingetragene Marken der Significant GbR.

Titel und Inhalte dieses Werkes sind urheberrechtlich geschützt.

Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Bearbeitung, Verarbeitung, Verbreitung und Vervielfältigung des Werkes in jedweder Form, insbesondere die Vervielfältigung auf photomechanischem, elektronischem oder ähnlichem Weg, sind nur mit schriftlicher Genehmigung der Ulisses Spiele GmbH, Waldems, gestattet.

Widmung

Meinen Testlesern gewidmet:

Alexander - für die richtigen Worte und Taten zur rechten Zeit

Steffi - für ihre Lesermeinung und nützliche Informationen über Biber

Christel - speziell für eine inspirierendeDSA-Postkarte

Charlie - für turboschnelles Fehlerlesen

Namensliste

Die lyamit:

Amuri

Starna - Schamanin

Jorinen - Starnas Bruder

Kylänjak - Lahti

Ulu - stumme Häuptlingsfrau

Pevyk - verschollener Hirte

Roika

Die Hekkla:

Rikkinen

Kerjuk - Rikkinens Sohn

Sekjera - Rikkinens Ehefrau

Rejko (Hrriko) - Schamane, Rikkinens Adoptiv-Vater

Kirugi - Älteste, Heilerin

Tinjat - Lehrling von Rejko

Lanan - Opfer eines bösen Geistes

Jasu - Jäger

Eki - verstorbener Vater von Lanan

Tamani-Lie:

Völusa - Schamanin der Tamani-Lie

Nekaar - Lehrling von Völusa Gurjinen - Bruder von Nekaar Poukai - Mann

Karenju - Verlobte von Poukai, Wolfskind

Taarjuk-Nuk - dunkler Bärenschamane

Die Rauhwölfe:

Schimmerglanz -Leitwölfin

Goldglanz - ihr Sohn, der Goldene Welpe

Dreikralle - flammenfarbiger Rauhwolf

Die Steppenelfen:

Shanaha Mistelzweig - Anführerin der Späher vom Stamm

der Adlerkrallen

Alarion Habichtskind Rallion

Ellenan - Heiler, Bruder von Alarion

Sturmschnell - Pony von Shanaha Mistelzweig

Schneeflocke - Pony von Alarion Habichtskind

Gletschersprung - Pony von Ellenan

Sonstige:

Surg - ein Goblin

Nimla - eine Goldsucherin

Hedding - ein malträtiertes Paavi-Pony

Danja Notjes - Pelzjägerin aus dem Bornland

Jemed - Vorarbeiterin der Goldsucher

Kisaris - Leiter der Grabungsstelle

Petrem - Goldsucher

Belwer - Goldsucher

Hemuka - Name von Starnas Knochenkeule, nach einer nivesischen Legende um ein Mädchen namens Hemuka Wolfschwester, das bei den Wölfen aufgewachsen war

Prolog

20 Jahre früher

Nekaars Hand glitt über den Boden wie eine Schlange. Bis zum Köcher war es nicht weit, und Nekaars Finger tastetensacht die bemalte Birkenrinde hinauf bis an die Befiederung der Pfeile. Zum dritten Mal an diesem Nachmittaglockerte der Junge die Pfeile und hoffte, dass seinem Vaterdie Bewegung entging.

Nekaar lag auf dem Bauch inmitten von aufragendem Gras und üppigen Rispen. Er spannte die Beinmuskeln kurz an und krümmte mehrmals die Zehen, damit seineGliedmaßen nicht einschliefen. Schließlich wollte er schnellund sicher auf den Füßen sein, wenn endlich der Ruf zum Losschlagen kam.

Nekaars Linke hielt den Bogen, der lederumwickelte Griff war schweißnass. Heute war seine erste Jagd, undobwohl Nekaar einen einfach zu spannenden Kinderbogentrug, war das doch eine richtige Waffe und kein Spielzeug.

Gerade außer Reichweite der Bogen ästen wilde Karene, unter dem Schutz dreier Wächtertiere, die nach allen Richtungen sicherten und die Nase in die Luft hoben. Aber der Nachmittag war windstill und so gelangte keine Witterung in ihre geblähten Nüstern, kein Laut an ihre Lauscher. DieBeute ahnte nichts von den Jägern und fühlte sich sicher.

In der Mitte der gewaltigen Herde befanden sich die Karenkühe mit den Kälbern. Übermütig sprangen die Jungtiere in spielerischen Gefechten aufeinander los.

Schwüle Sommerluft brütete über der Tundra. Durch dasGras, in dem sich die Jäger verbargen, summten Fliegen und andere Insekten.

Nekaar stand der Schweiß auf der Stirn, doch er wagtenicht, ihn abzuwischen. Er sollte sich so wenig wie möglichbewegen, das hatte ihm sein Vater eingeschärft. Doch es war gar nicht so einfach, lange Zeit stillzuhalten, wenn die Kleider am Leib klebten und einem die Karen-Fliegen um den Kopf schwirrten.

Eine Fliege war besonders dreist und ließ sich in Nekaars Augenwinkel nieder. Der Junge blinzelte heftig, um das Tier zu vertreiben. Die Hand konnte er nicht heben, denn das Tundragras war ausgedörrt und trocken; es raschelte bei der kleinsten Bewegung. Außerdem würde es auffallen, wenn die langen Halme zitterten, obwohl kein Wind ging.

Wenn Nekaar die Jagd durch eine unbedachte Bewegung störte, gab es Schelte vom Vater. Oder schlimmer noch, derLahtider Tamani-Lie würde ihn bei der nächsten Jagd zu Hause lassen.

Die Beine der Fliege kitzelten, als das Insekt über seine Wimpern tastete. Nekaar schob die Unterlippe vor und blies kräftig zum Auge hoch. Die Fliege schwirrte fort. Nekaar seufzte und entspannte sich.

Aber schon ließ sich das Mistvieh auf seinem Ohr nieder.

Nekaar versuchte, die Plage mannhaft zu ertragen. Aber er musste doch zusammengezuckt sein, denn einer der niedergedrückten Halme löste sich und schnellte hoch.

Nekaar wollte das Gras festhalten, doch im letzten Moment stockte er. Die Bewegung hätte noch mehr Aufmerksamkeit erregt und seinen Standort preisgegeben. Mit klopfendem Herzen sah Nekaar zu, wie der Grashalm gegen einen anderen stieß, und dieser wiederum einen weiteren Stängel erzittern ließ.

Dann endete die Bewegung an einem abgeknickten Halm, der zwischen Grasbüscheln verkeilt war.

Nekaars Blicke huschten von einem der Wachtiere zum anderen. Alles blieb friedlich.

Glück gehabt.

Seinem Vater war der Vorfall jedoch nicht entgangen. Er tadelte Nekaar mit einem einzigen Blick unter zusammengezogenen Brauen, bei dem dem Jungen trotz der Hitze kalt wurde. Wenn Karene einmal aufschreckten, rannten sie kopflos davon und die Jäger mussten eine neue Herde ausfindig machen.

Nekaar blinzelte zum Zeichen, dass er verstanden hatte.

Während des kurzen, reichen Sommers mussten die Jäger für Fleischvorräte sorgen. Bei ihrer herbstlichen Wanderung Richtung Süden waren die Nivesen zu sehr mit den Herden beschäftigt, und im Winter wurde das Wild knapp. Dann lebte der Stamm von den gehorteten Nahrungsmitteln.

Nur in der Not würde man ein zahmes Karen im Winter schlachten, wo die mageren Tiere selbst hungerten. Gedeih und Verderb des Stammes hingen daher am Jagdglück und dem Geschick der Sammler, die Beeren, Wurzeln und Pilze suchten. Aber Pilze sammeln war langweilig, fand Nekaar. Doch hier, auf stundenlanger Lauer, stellte er fest, dass auch die Jagd nicht so aufregend war, wie er sie sich vorgestellt hatte.

Die Luft war noch drückender geworden. Nekaar verspürte Durst, aber natürlich war nicht daran zu denken, den Wasserbeutel vom Gürtel zu lösen. Der Durst musste warten. Der Junge ertappte sich dabei, wie er für Momente träge die Augen schloss. Die Sonne brannte so heiß!

Im Laufe les Nachmittags kamen die äsenden Karene langsamnäher. Auch die Tiere nutzen den Sommer, um sich eine Speckschicht für den Winter anzufressen.

Jetzt waren sie bloß noch fünfzig Schritt von den versteckten Jägern entfernt. Nekaar wurde munter und spähte zumLahtihinüber. Worauf wartete der Jagdführer?

Plötzlich kam Wind auf. Er strich durch die raschelnden Halme, und sie wisperten. Beinahe wie das Geflüster der Schamanin, wenn sie den Krankheitsgeist aus einem fiebernden Kind vertrieb.

Der Wind schob eine Rispe an Nekaars Nase. Er unterdrückte ein Niesen. Beim nächsten Mal würde er bei derWahl seines Verstecks besser Obacht geben, das schwor er.

Nekaar blinzelte zwei Tränen fort und stutzte. Lag es an den tränenden Augen, oder war es wirklich von einem Augenblick auf den anderen finster geworden?

Am Himmel zog eine dunkle Wolkenwand über die Sonne. Ihr graues Zentrum zerfaserte zum Rande hin gelbgrün, wie in Eiter getaucht. Mit einem Mal zuckte ein Blitz herab und blendete Nekaar.

Dann krachte der Donner, so laut wie ein Trommelschlaginseinem Kopf. Nekaar riss die Hände hoch und bedeckte die Ohren, bis der Knall verebbte.

Das war kein Gewitter, nur ein vereinzelter Blitz.

Doch dann hörte Nekaar ein Donnergrollen, das immer lauter und lauter wurde und alle anderen Geräusche aus seiner Wahrnehmung drängte.

Hufe trommelten über den ausgetrockneten Boden. Ka-rene stürmten in Panik auf ihn zu wie eine Wand aus Fell und Hörnern. Vorneweg raste die Leitkuh, den Schwanz warnend emporgereckt. Hinter ihr rannten die kräftigen Jährlinge, Hälse gesenkt und die Köpfe mit dem Geweih vorgestreckt. Diese Spitzen konnten einen Mann durchbohren wie ein Messer.

Die anderen Jäger hechteten zur Seite. Einigen gelang es noch, Pfeile abzuschießen. Ein paar Karene brachen zusammen. Aber die verängstigten Tiere dahinter kannten kein Halten mehr und setzten einfach über die toten Artgenossen hinweg. Ein Kalb wurde umgerissen und in den Boden gestampft.

Auch Nekaar sprang auf, knickte aber ein und stürzte zu Boden. Ein grausamer Schmerz wütete in seinem Oberschenkel - ein Krampf.

Die Zeit schien stillzustehen. Er musste augenblicklich hier fort oder er würde ebenso zertrampelt wie das Kalb. Ein Karen allein wirkte zierlich, aber die Kraft der voranstürmenden Herde glich einer Naturgewalt.

Nekaar versuchte, wieder auf die Füße zu kommen, doch sein Bein ließ ihn im Stich. Er kroch fort, aber langsam, viel zu langsam, um den wirbelnden Hufen zu entkommen.

Einige Jäger hockten am Boden und streckten den Speer vor, in der Hoffnung, die Tiere damit zu einem Sprung zu zwingen. Doch Nekaar hatte keinen Speer und war nur halb so groß wie die Erwachsenen.

Sein Vater bemerkte Nekaars missliche Lage. Er winkte. Seine Lippen bewegten sich, aber alles ging unter im Donner der Herde auf der trockenen Steppe.

Kaum zehn Schritt trennten die Herde noch von Nekaar. Sein Vater schleuderte die Wurfkeule, und der Bock seitlich der Leitkuh brach in die Knie. Aber sie wich nur aus und stürmte weiter.

Sein Vater kämpfte sich voran. Er hatte Nekaar fast erreicht und streckte die Arme nach ihm aus. Doch dann wurde er von einigen Karenen abgedrängt. Er stürzte.

Liska, nein!

Nekaar duckte sich und wollte am Boden Schutz suchen. Er riss die Arme hoch, um den Kopf vor Tritten zu bewahren.

In diesem Moment zuckte etwas durch sein Inneres wie ein zweiter Blitz. Nekaar spürte, wie sich eine gewaltige Macht Bahn brach. Er musste sich und seinen Vater retten. Die Erkenntnis, wie er das tun sollte, erblühte in seinem Kopf wie eine aufspringende Knospe.

Nekaar blickte auf und fasste das Leittier genau ins Auge. Alle Angst fiel von ihm ab wie ein zu eng gewordenes Gewand aus Birkenbast. Er starrte der Leitkuh in die Augen und erkannte, wie sich ihr Blick veränderte. Die weit aufgerissenen Augen wurden normal, ihr Ausdruck sanft. Der Schwanz sank herab. Aber zu spät.

Unmöglich konnte die Leitkuh ihren rasenden Lauf noch verzögern. Ihre Beine wirbelten über den Boden wie Flammen über einen Scheiterhaufen.

Da riss sie den Kopf herum und schaute zurück.

Wenn ein Leittier zurücksah, war das eine Warnung an alle.Stehen bleiben. Gefahr!

Sie erreichte nur die Tiere unmittelbar hinter ihr, doch die Karene fächerten weiter auseinander und verlangsamten ihr Tempo. Elegant sprang die Leitkuh über Nekaar hinweg, die anderen Karene folgten ihrem Beispiel.

Die rasende Flucht kam zu einem Halt.

So rasch, wie er begonnen hatte, war der kopflose Lauf der Karene auch wieder zu Ende.

Nekaar rannte zu seinem Vater und umarmte ihn, als wollte er ihn nie wieder loslassen.

Völusa, die Wolfssprecherin, tastete den Jungen ab. Sie war auch die erfahrenste Heilerin ihres Volkes. Die Schamanin tat, als würde sie die Worte der Jäger nicht wahrnehmen, doch sie hörte sie nur zu genau. Die Jäger erzählten eine phantastische Geschichte, wie Nekaar inmitten einer wild gewordenen Karenherde unbeschadet geblieben war. Ja, er sollte sogar die Leitkuh beruhigt und die Herde zum Stillstand gebracht haben.

Mit einem hatten die Männer Recht: Nekaar war vollkommen unverletzt. Die Geister mussten mit dem Jungen gewesen sein.

Völusa summte eine leise Melodie, eintönig und einschläfernd. Schnell glitt sie in eine leichte Trance. Auch der Junge hielt jetzt ganz still.

Mit halb geschlossenen Augen musterte dieKaskjuden Helden des Tages. Nekaars rostrotes Haar, die dunklen Augen, das leichte Sommerhemd voller Grasflecke - nichts unterschied ihn von dem Knaben, der heute bei Tagesanbruch auf seine erste Jagd gezogen war. Äußerlich war er immer noch der gleiche Nekaar.

Aber innen, da fühlte die Schamanin der Tamani-Lie etwas, das zuvor noch nicht da gewesen war!

Völusas Hand glitt über die Brust des Jungen, als wolle sie noch einmal die Rippen prüfen. Ja, hier, in Höhe des Herzens, da hatte sich etwas entfaltet, wie ein Schmetterling.

Eine seltene Gabe, eine Kraft.

Nekaar war genau im richtigen Alter dafür, kein Kind mehr, aber auch noch kein Mann.

Völusa hatte Geschichten gehört, dass sich Mädchen oder Jünglinge bei Todesgefahr ganz unerwartet in Wölfe verwandelten und damit ihre Herkunft als Wolfskinder offenbarten. Nur solcherart von den Himmelswölfen Erwählte konnten den Weg der Geister beschreiten.

Schon lange suchte Völusa nach einer Nachfolgerin. Aber das Geschenk der Wölfe war in ihrer Sippe stumm geblieben. Bis heute.

Solche Kraft wie Nekaar konnte nur ein Wolfskind innehaben.

Der Junge war gewitzt und wissbegierig. Sie würde ihn zu ihrem Lehrling machen und in die Geheimnisse der Geister einweihen.

1. Kapitel

»... manche erzählen aber, dass die göttliche Wölfin Liska drei, nicht zwei Welpen in Vaes Jurte zur Welt brachte. Zwei davon waren schwach und zart, das älteste Wölflein aber strotzte schon vor Kraft und Unternehmungslust. Und so geschah es, dass sich der erstgeborene Welpe gleich nach der Geburt davonmachte, als Liska noch ermattet und mit bebenden Flanken dalag. Er stahl sich in einen dunklen Winkel der Behausung, kroch unter ein Bündel Felle und schlich von da aus durch die Klappe der Jurte davon, ohne jemals die Milch seiner Mutter gekostet zu haben.

Damit entkam er dem Schicksal von Bruder und Schwester. Denn Mada, der eifersüchtige Sohn der Vae, erschlug die beiden Welpen ob ihres goldglänzenden Fells. Und so kam es, dass Menschen und Wölfe fortan im Unfrieden lebten. Unter Gorfangs Leitung zerstörte das göttliche Rudel die Welt der Vorfahren und ließ uns nur die harten Krumen des ehmals weichen Fladenbrotes. Und sie hätten auch das noch vernichtet, wenn nicht Liska trotz allem für die Menschen gesprochen hätte.«

Auf und ab wogte die brüchige Stimme des Schamanen, der den Kindern die Geschichte vom Anfang der Zeit erzählte, als Wölfe und Menschen noch Geschwister gewesen waren.

Die Kleinen hoben gespannt die Köpfe zu dem alten Rejko Himmelsschweif, der auf einem Stuhl über ihnen thronte, während sie es sich auf einer Fellrolle zu seinen Füßen bequem gemacht hatten. Rejkos einzigartiger Sitz bestand aus Holzstäben, die mit Fell umkleidet waren und von Sehnen zusammengehalten wurden. Bei der unsteten Lebensweise der Nivesen mussten die wenigen Möbel ebenso wie die Jurten leicht ab- und aufzubauen sein. Denn die Nivesen zogen mit den Karenherden, so war es seit alter Zeit gewesen und so würde es auch in Zukunft sein.

Rikkinen hockte am offenen Eingang der Jurte und starrte reglos auf seine Füße, während sich in der runden, fellbehängten Behausung die Geschichte von Madas Schandtat entfaltete.

Seine Augen wurden feucht. Vor einigen Mondenwäre Kerjuk noch unter den Zuhörern gewesen. Kerjuk, sein kleiner Sohn. Es tat immer noch weh, an den Verlust zu denken. Rikkinen krallte die Finger in seinen bestickten Gürtel. Unbemerkt riss eine angenähte Holzperle ab und rollte zu Boden.

»Was tust dudenn hier, Rik?« Die Hände auf die Hüften gestützt, baute sich Sekjera vor ihm auf, als sei er eines der Kinder, die sie hütete, und nicht ihr Ehemann. »Ich dachte, du wärest mit den anderen bei der Herde?«

»Bei der Herde? Nein. Ich sitze hier und höre zu,wie der lahme Rejko den Kindern Geschichten erzählt.« Er lachte freudlos. »Angeblich hatte Liska drei Welpen ... Pah! Ich frage mich, ob es diese andere Version der Sage von Mada wirklich gibt. Oder ob unser verehrter Schamane Neues zur alten Geschichte hinzugedichtet hat. Schließlich reden ja alle hier nur noch vom Welpen mit dem goldenen Fell.«

»Sprich nicht so respektlos über unseren Schamanen«, sagte Sekjera.

Rikkinen seufzte und stand auf. Immerhin warf sie ihm keinen Undank vor. Der alte Rejko hatte ihn immer wie einen Sohn behandelt und bei sich aufgenommen, obwohl Rikkinen nur ein Findelkind war.

Sekjera redete schon weiter: »Und ich kann nicht verstehen, was du gegen den goldenen Welpen hast. Seine Geburt ist gewiss ein Zeichen Liskas, die unsere Sippe damit vor allen anderen Stämmen der Nivesen ehrt.«

Rikkinen verzog das Gesicht, als habe er saure Beeren im Mund. Das Wolfsrudel war stolz auf das neue Mitglied, und die Sippe der Hekkla freute sich mit ihnen über das Wunder.

Doch er teilte diese Freude nicht. Rikkinen lebte in Trauer erstarrt, seit Kerjuk im letzten Jahr einem Fieber zum Opfer gefallen war, das die schwüle Sommerluft gebracht hatte. Kerjuks schmaler Körper war lange schon zu Asche geworden, in einem Totenfeuer, das heißer als jedes Fieber gebrannt hatte.

Begleitet von einem dumpfen Gefühl der Leere erinnerte sich Rikkinen an die Tage, da er vergeblich um Kerjuks Leben gebangt hatte. Er bot den Himmelswölfen an, das Fieber und die Pein für seinen Sohn zu tragen, versprach ihnen sogar sein eigenes Leben im Austausch. Nächte hindurch hatte er gebetet, an der Seite der heilkundigen Kirugi und des schmerzgeschüttelten Kindes. Jede Handreichung der Heilkundigen hatte er verfolgt, sie abwechselnd bedroht und angefleht. Rikkinen presste die Zähne zusammen.Jedem sonst konnte sie helfen, aber bei Kerjuk hat sie versagt!

Nach drei Tagen war der Lebenswille seines kleinen Wildfangs erloschen. Und damit auch sein eigener. Er wäre am liebsten mit Kerjuk gestorben. Nur Sekjeras Liebe hielt Rikkinen von der Verzweiflungstat ab. Gemeinsam standen sie Wochen voller Leid durch.

Aber Sekjeras Trauer glich im Gegensatz zu seiner bitteren Verzweiflung einem langsam ausglühenden Feuer. Sie fand Trost in der Betreuung der anderen Kinder. Rikkinen dagegen suchte unter den Jüngsten der Sippe weiterhin nur nach dem weißblonden Schopf seines Sohnes. Vergeblich.

Nie wieder wird Kerjuk durch das Lager laufen und neugierigin alle Jurten schauen. Nie mehr wird er mich anlächeln und mirLöcher in den Bauch fragen.

Kerjuks lebensdurstiger Kinderblick war erloschen.

Rikkinen ballte die Faust und wischte wütend die Tränen fort. Das göttliche Rudel hatte ihn verraten! Er fühlte sich geradezu verhöhnt durch die Ankunft des Welpen mit dem golden glänzenden Fell - einem Fell wie aus den alten Geschichten.

Bei der Feier zur Geburt des goldenen Welpens hatte sich Rikkinen abgewendet und die Einsamkeit gesucht. Sekjera hatte vergeblich versucht, ihn zurückzuhalten. Mit Worten - die seinen Zorn nicht milderten und seinen Schmerz nicht lindern konnten. Sekjera war ihm fremd geworden in den vergangenen Wochen. Rikkinen hätte zehn goldene Welpen gegen Kerjuk getauscht. Aber Kerjuks Mutter schien das Kind bereits vergessen zu haben.

Als hätte Sekjera Rikkinens Gedanken erraten, sagte sie mit sanfter Stimme: »Unser kleiner Kerjuk ist sicher glücklich in der Ewiggrünen Ebene. Lass ihn ziehen.« Doch Rikkinen schwieg nur, und so drehte sie wortlos um und verschwand.

Mit einem Mal tat Rikkinen die harsche Abfuhr Leid. Er liebte Sekjera, sie war doch das Einzige, was ihm geblieben war. Und auch sie musste unter dem Tod des Kleinen leiden, zumal sie keine weiteren Kinder bekommen konnte.

Er sollte seinen Sohn endlich vergessen, das predigte der Schamane und forderte derLahti.Doch Rejko hatte nie leibliche Kinder heranwachsen sehen, und die Macht des Häuptlings endete, wo es um Gefühle ging.

Rikkinen erledigte die notwendigen Arbeiten und wechselte unverbindliche Worte mit seinen Stammesgenossen. Doch tief innen wuchs ein Wall aus Eis und erstreckte sich neben der nicht greifbaren Kluft, die Rikkinen ohnehin von den anderen trennte.

Und nun missbilligte sogar Sekjera seine Gefühle. Dabei sollte sie seine Trauer doch wirklich am besten verstehen.

»...und so kommt es, dass uns Liska, die den Menschen stetswohl gesonnen war, ein neues Geschenk gesandt hat, auf das wirachten wollen. Den goldenen Wolf!«

»Pah!«, stieß Rikkinen laut hervor. Der Schamane ließ nicht erkennen, ob er die verächtliche Äußerung gehörthatte:»Und Liska beschwor die Zeiten der geschwisterlichenEinheit von Menschen und Graupelzen, um ihren Vater, den großen Gorfang, und ihre wilden Brüder auf Dauer versöhnlich zustimmen.«

Rikkinens Mund war trocken vor Ärger und sein Magen zog sich zusammen, wie immer, wenn das göttliche Rudel erwähnt wurde. Ja, die Wölfe hatten nach Madas Schandtat die Welt verwüstet und unbewohnbar machen wollen. Allein Liskas Eingreifen bewahrte den Menschen ihren Lebensraum. Er sollte dankbar sein.

Aber was war das Leben wert ohne ein Kind von eigenem Fleisch und Blut?

Stumm starrte Rikkinen auf dasOmvoin der Lagermitte, wo die Hekkla den Geistern kleine Opfergaben darbrachten. Zwischen den Jurten war der Schnee größtenteils getaut, sodass das Lager der Felldecke eines Damhirsches glich. Braune Zelte, zwischen weiße Schneeflecken und rötliche Erde getupft.

Unvermittelt fühlte sich Rikkinen beobachtet. Er bemerkte den ernsten Blick, mit dem der Schamane ihn bedachte.

Leises Schuldgefühl streifte Rikkinen, als er den Ausdruck seines Ziehvaters las. War er während der letzten Monate solch eine Plage geworden?

In diesem Augenblick ertönte ein Wolfsruf in der klaren Morgenluft und jagte dem jungen Nivesen eine Gänsehaut über den Rücken. Andere Wölfe fielen in den Gesang ein, es klang nach einem ganzen Rudel. Auch wenn Rikkinen die Wolfssprache nicht beherrschte, so hörte er doch die Verzweiflung, die aus den Klagelauten sprach. Das Geheul drang ihm durch Mark und Bein. Wie musste es da erst Rejko ergehen, der auf besondere Weise mit den Wölfen verbunden war?

Der alte Schamane war bei den ersten Rufen aufgesprungen. Nun stand er an einen Träger der Jurte gelehnt, als sei jede Lebenskraft aus ihm gewichen. Sein Gesicht war grau und angespannt.

Rikkinen war mit einem Satz an Rejkos Seite. »Vater, was ist geschehen?«

Er drängte Rejko mit sanfter Gewalt auf den Sitz, doch der alte Mann stieß ihn mit unerwarteter Kraft von sich. »Nein«, sagte er.

Rikkinen riss die Hand zurück, als habe er sich verbrannt. Er wollte doch nur ...

»Die Wölfe kommen gleich ins Lager. Ich muss sie gebührend empfangen«, erklärte der Schamane. »Wo ist meine Kappe?«

Fahrig suchte Rejko nach seiner Schmuckhaube und blieb dann mitten im Zelt einfach stehen, als er sie nicht fand. Er fasste sich an die Stirn. »O ihr Himmelswölfe, welch ein Unglück!«

Rikkinen beobachtete ihn mit feuchten Augen, halb gekränkt und halb besorgt. Es war wieder eine Wolfsangelegenheit. Das bedeutete wohl, er sollte sich möglichst wenig sehen lassen.

Verärgert wollte Rikkinen das Zelt verlassen, doch dann betrachtete er wieder den Ziehvater, der seine letzten Kräfte zusammennahm und mit zitternden Fingern das Zere-monialgewand überstreifte.

Es schien, als habe der Schamane mit diesem Gewand die Würde zurückgewonnen.

Rikkinen schluckte seinen Ärger herunter. Er beobachtete, wie Rejko ruhiger wurde, sich aufrichtete, die Knochenkeule in die Linke nahm und das Zelt verlassen wollte.

Da sah er aus dem Augenwinkel die bunt bestickte Schmuckhaube mit den Wolfsornamenten.

»Halt, Vater, deine Kappe!« Er zog den Kopfschmuck unter einer Felldecke hervor und drückte dem Schamanen die Mütze in die Hand.

Rejko dankte ihm mit einem Nicken und wappnete sich mit einem kurzen Einatmen für das Kommende. Er schlug die Zeltklappe zurück,über die Schulter seines Ziehvaters hinweg musterte Rikkinen die Menschenmenge. Vor der Jurte des Schamanen versammelten sich bereits alle,die im Lager der Hekkla geblieben waren und keine Aufgaben bei der Herde hatten. Frauen liefen heran, in den Händen oftmals noch kleine Werkzeuge oder Nähzeug. Kinder drückten sich durch die Reihen der Erwachsenen, großäugig und eingeschüchtert von den ernsten Gesichtern.

Kirugi, die älteste Frau der Hekkla, und derLahtiversuchten, die aufgeregte Menge zu beruhigen. »Rejko wird uns gleich sagen, was geschehen soll«, erklärte der Häuptling, als der Schamane auch schon aus dem Zelt trat.

Rikkinen schlüpfte hinter ihm her und drückte sich dann zur Seite in den Schatten der Jurte. Die Wölfe waren noch nie ins Lager der Menschen gekommen. Wenn sie diese Regel brachen, musste es dafür einen guten Grund geben.

Die allgemeine Aufregung erfasste auch ihn. Sein Herz pochte schneller. Obwohl er der Ziehsohn des Schamanen war, hatte er die Wölfe gemieden.

Einmal hatte er als Junge zufällig die Fährte des Wolfsrudels gekreuzt, mit dem seine Sippe verbündet war. Rikkinen sah ihre kalten, gelben Augen noch heute in seinen Albträumen. Die Wölfe hatten ihn angestarrt und nach einer Ewigkeit, wie es Rikkinen schien, hatte der Leitwolf ihm einen kurzen Gruß zugebellt, während hinter ihm die Mitglieder des Rudels ungeduldig im Schnee kratzten.

Solcherart entlassen machte Rikkinen, dass er seiner Wege kam. Doch während er weiterlief, fühlte er immer noch die Wolfsaugen in seinem Rücken brennen und vernahm das leise Knurren des Rudels, das er mehr im Magen spürte als hörte.

Rejko ermunterte ihn nicht zu weiteren Kontakten, als wüsste er, wie unwohl sich Rikkinen in der Gesellschaft der Rauhwölfe fühlte.

Rikkinens Aufmerksamkeit kehrte in die Gegenwart zurück. Jetzt hatte er die Ansprache des Schamanen verpasst.

»... kann euch auch nicht mehr sagen. Wir müssen nun geduldig sein und für einen würdigen Empfang des Rudels sorgen.« Rejko stockte, dann wies er auf zwei Jäger. »Ihr schafft schnell etwas Fleisch herbei.«

Die beiden Männer liefen los, wie ein Pfeil von der Sehne schnellt, und die übrigen Hekkla steckten die Köpfe zusammen und tuschelten.

Rikkinen sah jetzt auch Sekjera herankommen. Sie schloss sich einer Gruppe Frauen an, die eilig ihre Alltagskleidung für den festlichen Anlass richteten. Sekjera teilte ihr Haar und flocht es mit einem gelben Band zu einem lockeren Zopf.

Rikkinen erinnerte sich daran, wie der kleine Kerjuk als Säugling immer nach dem bunten Haarband der Mutter gegriffen hatte. Die Tränen schossen ihm wieder in die Augen, und er wischte sie entschlossen fort.

Was wollten die Wölfe hier? Wider Willen wurde Rikkinen neugierig.

Sekjera war keine Sekunde zu früh mit der Frisur fertig. Schon hörte Rikkinen auf der Anhöhe vor dem Dorf ein Kläffen. Die Hunde kündigten den seltenen Besuch an.

Rejko gab das Zeichen und die Hekkla bewegten sich ungeduldig zum Rand des Lagerplatzes. Dort bildeten sie einen Halbkreis. Rikkinen ging als Letzter, stellte sich in die hinterste Reihe und hoffte, dass die Wölfe ihn dort nicht bemerkten.

Die beiden Jäger schleppten auf Rejkos Geheiß gerade zwei Holztabletts mit Fleischbrocken in die Mitte der freien Fläche. Jetzt, gegen Ende des Winters, wurde die Nahrung knapp. Das hier war nicht der übliche Fleischtribut, sondern nur ein Begrüßungsgeschenk. Eine sehr bescheidene Gabe.

Der Blick des Schamanen glitt über die kleinen und faserigen Fleischstücke und wieder davon fort, als besäßen sie keine Bedeutung. Er schien sich keine Sorgen zu machen, dass die kümmerlichen Reste die Wölfe beleidigten.

Seine Lippen bewegten sich, und sein Ausdruck wurde wieder kummervoll.

Vater weiß mehr, als er uns verraten will!Rikkinen überlegte,was den alten Rejko so aus der Fassung gebracht haben konnte. Doch für Grübeleien blieb keine Zeit.

Von einem Lidschlag zum anderen waren sie da. Wie ein Fluss aus Sonnenlicht fluteten die Wölfe über die schneebedeckte Hügelkuppe. Die prachtvollen, dichten Pelze schimmerten gelblich, manche fast weiß, mit goldenen Spitzen, andere silberblond. Ein paar hatten einen Stich ins Rötliche.

Die Wölfe streckten die geschmeidigen Leiber, und das Rudel blieb dicht beieinander, sodass die Fellfarben auf dem weißen Untergrund aufblitzten wie helle Flammen.

Für jedes einzelne Tier war das farbig durchsetzte, gelbweiße Fell im verschneiten Winter eine gute Tarnung. Doch gemeinsam verschmolzen die Wolfskörper zu einer lebenden Feuerlohe.

Die Sippe der Hekkla straffte sich wie ein Mann, und ein Raunen der Bewunderung lief durch die Reihen. Selbst Rikkinen konnte nur schwer ein Gefühl der Ehrfurcht abschütteln, das von ihm Besitz ergriff.

Die Wölfe stürmten über den festgetretenen Schnee des Vorplatzes, ihre buschigen Schweife wehten wie Fahnen im Wind. Krallen knirschten auf den verharschten Brocken, dann kam das Rudel vor Rejko zum Stehen.

Der alte Schamane beugte sich so tief herab, wie es seine Jahre zuließen. Seine Amulette folgten der Bewegung und klapperten vor der Brust gegeneinander. Rejko knurrte eine Begrüßung in der Wolfssprache und wies auf die Fleischplatten. Doch die Wölfe ließen ihn nicht weiter zu Wort kommen.

Aufgeregt belferten sie ihn an, strichen Trost suchend umeinander, als seien sie Waisen, die den Weg verloren hatten. Aus der Mitte des Rudels löste sich die Leitwölfin Schimmerglanz wie ein weißer Schatten über dem Schnee.

Während sie vortrat, verstummten die Laute der Wölfe. Auch die Menschen, die noch zu flüstern gewagt hatten, schwiegen.

Die Wölfin neigte den Kopf in Rejkos Richtung und erzählte mit kurzem Heulen und Winseln, was vorgefallen war. Schimmerglanz trat dabei auf der Stelle, kratzte unruhig im Schnee, als würde sie von einem unsichtbaren Seil gefesselt.

Grollend und knurrend antwortete Rejko der Wölfin.

Die Leitwölfin hob eine Pfote und blaffte. Sogar Rikkinen erkannte, dass sie zitterte. Während sie einmal kurz mit der buschigen Rute schlug, ließ das Rudel die Köpfe sinken. Die Wölfe wirkten beschämt und wichen ihrem Blick aus.

Rejko wandte sich seinen Leuten zu. Er hatte die Mundwinkel eigenartig hochgezogen, als lauerten darunter ein paar scharfe Zähne.

»Ein Unglück hat das Rudel getroffen«, begann er mit heiserer Stimme. Dann stieß er ein kurzes Knurren aus. Seine Augen leuchteten in gelblichem Feuer, das runzelige Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, als wollte Rejko die Menschengestalt abstreifen.

Der Schamane kämpfte sichtlich gegen den Drang an, sich in einen Wolf zu verwandeln. Er rang um Worte.

»Schimmerglanz berichtet mir, dass ihr Welpe ... verschwunden ist!« Immer noch dröhnte ein Grollen in seiner Stimme mit. »Der kleineNikamit dem goldenen Fell ist nicht mehr bei seiner Mutter«

Die Wölfe jaulten, und die Nivesen redeten ungläubig durcheinander.

»Wie konnte das geschehen?«

»Ist der kleine Wolf tot?«

»Liska hilf!«

Schimmerglanz hob den Kopf und stieß ein erbärmliches Heulen aus. Eine Mutter trauerte um ihr Kind.

Das Klagelied berührte Rikkinen eigenartig. Er fand den eigenen Schmerz um Kerjuk darin widergespiegelt. Dochdann schüttelte er das Mitleid ab. Er hatte nicht das Geringste mit den Wölfen zu tun. Er war ein Mensch, und Kerjuk stand viel höher als ein Welpe, ob dieser nun ein goldenes Fell besaß oder nicht.

Die Hekkla schlugen die Hände vor das Gesicht. Sie weinten, einige Frauen rauften sich die Haare.

»Seid still!«, befahl Rejko mit seiner gewohnten Stimme und hob die Arme. »Ich bin noch nicht fertig.«

Schimmerglanz bellte hell.

Rejko wandte sich wieder ihr zu und übersetzte der Sippe Satz für Satz. »Das Rudel war wohl. Wir hatten mit den Welpen den Schutz des Baus verlassen und lehrten sie im Schein der Mittagsonne jagen. Da brachte der Wind seltsame Kunde. Etwas kam in unsere Nähe. Es verwirrte uns. Das Tier roch wie ein Reh, es bewegte sich wie ein Reh.

Ein paar von uns leckten sich die Mäuler bei dem Gedanken an frisches Fleisch. Ich wollte die Jäger ausschicken, um die Beute zu schlagen. Doch dann ergriff die Raserei vom Rudel Besitz.

Wir alle stürmten auf das Reh zu. Keiner weiß, was in uns gefahren ist. Vor unseren Augen stand nur noch das Blut, das warme Fleisch der Beute. Der Geruch überwältigte auch mich, und ich rannte mit dem Rudel auf die Jagd. Die Welpen ließen wir am Bau zurück.«

Schimmerglanz jaulte herzzerreißend.

Rejko stand wie versteinert, dann nahm er den Faden der Übersetzung wieder auf.

»O welche Schande für das Rudel. Die Mütter ließen die Jungen ungeschützt zurück, um einer Beute nachzujagen. Das Reh lief mal hierhin und mal dorthin. Es lockte uns vom Bau fort, aber das haben wir erst später begriffen. Irgendwann verschwand der quälend verlockende Duft des Tieres. Wir kamen wieder zur Besinnung.

Nach der erfolglosen Jagd kehrten wir erschöpft zurück. Die Welpen warteten auf uns. Hungrig und verängstigt waren sie und klagten.

Aber nicht alle Welpen warteten. Goldglanz, meinen kleinen Liebling, roch ich nirgendwo. Ich dachte, er hätte sich im Bau versteckt, ich suchte ihn im Unterholz. Doch er blieb verschwunden und keines meiner Kinder konnte sagen, wohin.«

Schimmerglanz steckte den Kopf zwischen die Pfoten und verbarg ihr Gesicht.

Auch Rejko schwieg eine Weile.

Die Wölfin lief zwei Schritte vorwärts und drehte sich, sodass sie die ganze Sippe der Hekkla betrachten konnte.

Rejko stellte sich daneben und beobachtete jede Regung von Schimmerglanz. Die Wolfssprache bestand nicht allein aus Lauten, auch Mimik und Körperhaltung spielten eine große Rolle.

»Das Rudel hat nach Goldglanz gesucht. Doch wie es keine Fährte des Rehs gab, das uns davongelockt hat, so gab es keinen Geruch auf dem nassen Schnee. Nur eines entdeckten wir: eine kleine Flocke goldenen Fells, die der Wind in einen Strauch gedrückt hatte.

Eingedenk unseres langen Bundes, bitten wir das Rudel der Hekkla um Hilfe bei der Suche nach dem Welpen.«

Die Wölfin lief zu Rejko und drückte die Nase an seine Schamanenkeule. Sie gab eine Reihe kurzer Laute von sich, und das Rudel fiel ein. Der Chor der Wolfsstimmen hallte über den freien Platz, das Lied wurde von den Jurten zurückgeworfen und hüllte die Menschen ein.

Rejkos Worte gingen darin fast unter. »Sie will, dass der Wolfssprecher den kleinen Goldglanz suchen geht.«

»Warum suchen die Wölfe nicht selbst nach ihrem verlorenen Welpen? Du weißt, Vater, dass sie flinker laufen und besser wittern können als wir Menschen.«

Rikkinen lief in der Jurte auf und ab. Wann immer er an den gebogenen Rand des Zeltes gelangte, zog er Kopf und Schultern ein. Er war größer als die meisten Nivesen und daran gewöhnt, nirgendwo richtig hineinzupassen.

»Rikkinen,wir müssen den Wölfen beistehen. Wir haben einen heiligen Bund mit ihnen. Ihr Verlust ist auch unserer.«

Rikkinen fuhr zornig herum, sein weißblondes Haar flog.Die Rauhwölfe konnten Kerjuk in seinem Leid nicht beistehen,dachte er und ballte die Fäuste.Und die Himmelswölfe wollten ihm nicht helfen!

Doch sein Vater beachtete ihn nicht und sprach weiter: »Die Welpen sind noch an den Bau gefesselt. Sie können nicht weit laufen und brauchen ihre Mütter. Den Himmelswölfen sei Dank, dass Goldglanz weiter entwickelt war als seine Brüder. Er hat früh gelernt, Fleisch zu fressen, und braucht keine Milch mehr.«

»Und die Wölfe? Was ist mit Schimmerglanz?«, fragte Rikkinen beharrlich.

»Die Leitwölfin hat noch andere Welpen! Sie kann ihre Kinder und das Rudel nicht im Stich lassen.« Rejko klangärgerlich. »Selbstverständlich werden die Wölfe Goldglanz weiterhin nach Kräften suchen. Aber Schimmerglanz wünscht, dass auch ein Schamane teilnimmt, damitdie Geister geehrt werden.«

Rikkinens Mundwinkel zuckten.Pah, Geister. Sie möchtendoch bloß auf die Zauberkräfte der Schamanen zurückgreifen!

»Ich werde nicht gehen«, sagte Rejko.

Rikkinen riss die Augen auf. Er hatte sich wohl verhört! Aber dann wurde es noch unglaublicher: »Du wirst gehen, Sohn«, kam es vom Schamanen.

Ungläubig schüttelte Rikkinen den Kopf. »Aber ich bin kein Schamane.«Im Gegenteil,dachte er,die Wölfe verachten mich.

Rejko legte die Hände in einer flehenden Geste zusammen. »Ich würde alles tun, um unserem Stamm das Glück des goldenen Wolfes zurückzubringen. Aber versteh doch, Junge: Meine Knochen sind alt, und ich friere leicht über dem Schnee. Ich wäre ein ebenso lahmer Wolf, wie ich ein lahmer Rejko bin. Die Suche muss schnell gehen. Diese Aufgabe kann nur ein junger und kräftiger Mann übernehmen. - Es ist bereits abgemacht. Ich werde derweil die Ahnen und Geister nach dem Verbleib von Goldglanz befragen.«

»Aber wieso soll ausgerechnet ich die Suche übernehmen? Was ist mit den anderen Jägern? Oder Tinjat? Er würde seine Karene dafür eintauschen.«

Es galt als ausgemacht, dass der Schamane den eifrigen Tinjat als Nachfolger ausbilden würde, sobald sich der Junge als Wolfskind bewiesen hatte.

»Tinjat läuft doch schon mehr auf allen vieren als auf seinen zwei Beinen herum, weil er andauernd die Wolfsverwandlung übt.« Rikkinen verzog abschätzig den Mund. »Und er ist jung und kräftig, Vater. Außerdem wärst du ihn für eine Weile los.«

Rejko seufzte aus tiefster Seele. »Tinjat ist noch ein Kind! Du bist ein Mann und einer unserer besten Jäger dazu. Schließlich hast du vor drei Jahren die verirrtenJänakgefunden, ehe der Schneesturm über sie und ihre Tiere herfallen konnte. Du hast sie eine Weile begleitet und kennst dich mit fremden Gebräuchen besser aus als jeder andere Hekkla.«

Diesen Vorfall hatte Rikkinen nicht vergessen. Und auch nicht den Respekt, den ihm die Fremden nach ihrer Rettung gezollt hatten. Respekt, den er bei den eigenen Leuten schmerzlich vermisste.

Er schwieg. Was hattenJänakmit Wölfen zu tun?

Der Schamane hustete leise. »Rik, du machst es mir schwer. Es war keine einfache Entscheidung. Aber ich glaube, du bist der Richtige für diese Aufgabe.« Rejkos Züge entspannten sich.

»Mein Sohn, ich liebe dich wie ein eigenes Kind. Ich spüre, dass du unter den Hekkla nicht mehr glücklich bist, seit der kleine Kerjuk in die Ewiggrüne Ebene gegangen ist. Die Reise wird dir gut tun.«

Rejko legte den Kopf in den Nacken und blickte Rikkinen in die Augen. »Die lyamit haben ganz in der Nähe ihreJurten aufgestellt«, fuhr er fort. »Du sollst ihre Schamanin an meiner statt um Mithilfe bitten.«

Wie ein Feuerbrand stieg der Zorn in Rikkinen auf. »Um Mithilfe bitten? Wieso sollten die Hekkla eine lyamit um Beistand fragen? Weißt du nicht mehr, wer uns vor zehn Jahren die trächtigen Karene gestohlen hat?«

»Natürlich weiß ich das. DerLahtider lyamit hat die Tiere nach ein paar Tagen zurückgebracht und sich für die Taten der jungen Heißsporne entschuldigt.«

»Ja«, spie Rikkinen, »aber eine der Kühe kam mit leerem Bauch zurück. Die lyamit haben das Kalb behalten!«

Rejko legte beschwichtigend die Hand auf Rikkinens Schulter. »DerLahtihat erklärt, dass die Kuh das Kalb bei der wilden Hetzjagd verloren hat und es gestorben ist.«

»Es gestorben ist! Na, wer´s glaubt«, murmelte Rikkinen.

»Ich glaube den Worten desLahti«,sagte Rejko in einem Tonfall, der jeden Zweifel verbat. »Und die Schamanin der lyamit ist trotz ihrer Jugend eine Heldin ihres Volkes. Ich bin ihr kurz begegnet, als sie zu der großen Reise aufbrach, um ganz allein ihre Sippe aus den Händen von Sklavenhändlern zu retten.«

»Na, wenn sie eine Heldin ist, warum sucht sie den Welpen dann nicht alleine?«

Rejko richtete sich auf. Er war nun beinahe so groß wie Rikkinen. »Der goldene Wolf ist ein Geschenk an die Hekkla. Einer vonunsererSippe sollte bei der Suche dabei sein.« Seine Stimme klang gefährlich leise, und Rikkinen wusste, dass er den Bogen überspannt hatte.

Für einen Augenblick schloss er die Augen und überlegte. Mit dieser Suche konnte er ein paar Tage den schmerzlichen Erinnerungen entfliehen, die hier hinter jeder Jurte lauerten. Er wäre frei von den Erwartungen Sekjeras und den Arbeiten bei der Herde. Diese Pflichten war Rikkinen schon lange leid. Er würde die klare Luft atmen, nur den Rauch des eigenen Feuers in der Nase ... bestimmt konnte er auch die Anwesenheit einer einzelnen lyamit ertragen.

Aber vielleicht würde die fremde Schamanin Rejkos Bitte abschlagen. Dann konnte er die Suche sogar alleine antreten, und es wäre nicht seine Schuld.

»Einverstanden. Ich suche das Wolfsjunge ...«, begann Rikkinen, als Rejko ihn bereits Richtung Ausgang schob.

»Nimm von den Vorräten, was du brauchst, aber beeil dich. Die Sonne steigt bereits den Himmel empor. Ihr müsst so schnell wie möglich los. Dreikralle wartet schon.«

Argwöhnisch hob Rikkinen den Kopf. »Ich dachte, ich gehe allein!«

Rejko zuckte die Achseln. »Dreikralle wird euch die Stelle zeigen, wo die Fellflocke des Welpen gefunden wurde.«

Ausgerechnet ein Wolf! Die Worte stachen wie Nadeln in Rikkinens Bauch. Jetzt, nachdem Rikkinen sein Wort gegeben hatte, rückte Rejko also mit der ganzen Wahrheit heraus. Sein trickreicher Vater hatte ihn überlistet.

Rikkinen kniff die Augen zusammen. Die Sonne stand hoch und gleißte über dem schneebedeckten Land. Der Wind aber blies kalt und fuhr sogar unter seinen Anaurak.

Während des Marsches durch den Wald hatte Rikkinen den ledernen Pelzüberwurf gelockert, denn ihm war in der Winterkleidung heiß geworden. Aber jetzt, auf der Ebene, schnitt der Wind wie mit Messern in jede unbedeckte Hautstelle und fand die kleinste Ritze in der Kleidung.

Doch der Zorn hielt Rikkinen warm genug. Es war lächerlich, wie einfach er sich hatte übertölpeln lassen. Zuerst der Welpe, dann die lyamit und jetzt auch noch der Wolfsbegleiter. Warum hatte Rejko nicht gleich den Rauhwolf auf diesen Botengang geschickt? Dann hätte Rikkinen in Ruhe die Fährten lesen können.

Pah! Er hatte sich auf eine einsame Reise gefreut und auf etwas Ruhe abseits der ewig fordernden Karene. Nun hatte der alte Rejko ihm einen wölfischen Aufpasser zugeteilt, als wäre ein Mensch nicht in der Lage, eine Spur zu verfolgen.

Er dachte an Rejkos Lobesworte zurück, mit denen der Schamane ihn in die Falle gelockt hatte.Du bist einer unserer besten Jäger!Was sollten die Schmeicheleien, wenn Rejko ihn doch nur loswerden wollte?

Sei ehrlich, Rik,ermahnte er sich.Vor dem Aufbruch zur großen Wanderung Richtung Tundra sind vor allem die Hirten gefragt.

Er verzog den Mund. Bei der Herde arbeiteten in erster Linie erfahrene Leute, die mit den schreckhaften Jungtieren Geduld hatten und entscheiden konnten, welches Tier zu schwach war, um die Reise zu überstehen, damit es rechtzeitig abgesondert und geschlachtet werden konnte.

Diejenigen also, denen es nichts ausmachte, dann und wann einen dungverkrusteten Schwanz um die Ohren geschlagen zu bekommen, wenn sie die Karenkühe molken. Rikkinen grinste bei diesem Bild in sich hinein, und seine Stimmung hob sich.

»Ich bringe diese Schamanin schon dazu, das Hilfsgesuch abzuschlagen.« Das fehlte noch, dass ein Hekkla die Unterstützung einer lyamit brauchte.

Immerhin war von seinem pelzigen Begleiter unterwegs wenig zu sehen. Dreikralle hatte Rikkinen am Dorfeingang der Hekkla mit einem kurzen Blaffen begrüßt. Ansonsten lief er die meiste Zeit weit voraus, um den besten Weg zu den lyamit auszukundschaften.

Rikkinen ballte die Faust. Der Wolf suchte den besten Weg für seinesgleichen, die leichtfüßig über den Schnee eilten, wo ein Mensch in die verharschte Kruste einbrach.

Doch Rikkinen war ein Jäger und kannte selbst die Landmarken. Also lief er auf eigenen Pfaden und verschmähte die Führung des Wolfes.

Auf der flachen Ebene kam Rikkinen gut voran. Hier war der Schnee teilweise getaut und das Land flach. Man konnte Wasserläufe weithin erkennen, Einschnitte rechtzeitig ausmachen. Rikkinen trottete in leichtem Lauf voran, kaum langsamer als der Wolf. Aber flaches Land und Birkenwälder oder Tannichte wechselten einander ab, wie Flecken auf dem Fell eines Schneedachses.

Der Weg durch die Wälder war Zeit raubend. Zwischen den Fichten gab es kaum ein Durchkommen und obwohl auch hier der Boden weitestgehend frei war, trugen Dickichte und Büsche eine weiße Decke. Wann immer er sich durch die verschlungenen Gewächse schlug, streifte Rikkinen Schnee von den Zweigen.

Er schnürte die Mütze dichter zu, denn der Schnee stäubte ihm ins Gesicht. Stirn und Wangen waren bereits feucht vom geschmolzenen Firn. Was ihn in der Hitze des Laufes jetzt angenehm erfrischte, würde zur Gefahr werden, sobald Rikkinen wieder offenes Land erreichte, wo der Wind eisig über die Ebene strich. Schon so mancher unerfahrene Jäger hatte sich im Frühling auf diese Weise Erfrierungen geholt.

Rikkinen hätte die Waldstücke lieber umgangen, aber das hätte noch mehr Zeit gekostet. Jetzt, in der Übergangszeit, war der Waldboden teils aufgeweicht, teils gefroren. Das Gelände war tückisch.

Unter den vereinzelten Schneeinseln lauerten hochgebogene Äste als Fußangeln - und einmal machte Rikkinen eine Falle aus, vergessen und vom Eis zerstört.

Ob das schon das Werk der lyamit war? Langsam musste er ihr Gebiet erreicht haben. Dennoch mochte er noch Stunden unterwegs sein - die Jäger streiften im Winter lang und weit durch die Wildnis, um Beute zu finden.

Endlich kam Rikkinen wieder aus dem Wald heraus, in eine gewellte weiß-grün gefleckte Hügellandschaft.

»Hrruff!«

Rikkinen schrak auf. Lautlos wie ein Geist hatte sich Dreikralle angeschlichen.

Der Wolf hob die Nase und witterte, dann schoss er davon. Hinter der nächsten Hügelkuppe roch auch Rikkinen den Rauch. Das Lager der lyamit konnte nicht mehr fern sein.

2. Kapitel

15 Jahre früher

Durch den lichten Birkenwald am Rande des Sommerlagers der Tamani-Lie schallten der dumpfe Klang einerBunga-Trommel und das helle Lachen junger Stimmen. Jubilierend wie Vögel zwitscherten zwei Knochenflöten den Kontrapunkt zu der Melodie.

Völusa schlich hinter die kleine Lichtung am Bach, wo die Geräusche herkamen, und beobachtete im Schutze einer Strauchbirke das fröhliche Treiben.

Einige Heranwachsende hatten sich an diesem schönen Frühlingstag von ihren Pflichten davongestohlen und sich zum Müßiggang versammelt. Weil es aber langweilig war, beim Nichtstun überhaupt nichts zu tun, musizierten sie zum Zeitvertreib. Die einen spielten Flöte, die anderen zogen Maultrommeln hervor, die ihnen sonst die endlosen Stunden der Wache bei der Herde verkürzten. Einer schlug dieBunga.

Zwei Mädchen tanzten zu den Klängen und verbeugten sich kichernd immer wieder voreinander wie ein schüchternes Hochzeitspaar Die Schamanin lächelte in sich hinein. Sollten die jungen Leute ruhig ein wenig schäkern. Es war nicht ihre Aufgabe, sie zur Arbeit zu rufen.

Völusa wollte schon wieder gehen, als die Musik plötzlich aussetzte. »Nekaar«, sagte eines der Mädchen. »Möchtest du nicht für uns tanzen? Zeig uns doch Arngrimms Verkündigung des Frühlings.« Sie lachte und schüttelte sich etwas Birkensamen aus dem Haar.

Geschmeidig sprang der schlaksige Junge auf. »Du weißt, dass ich die Wolfslegenden nicht eher tanzen darf, als bis ich selbst Schamane bin.« Er zuckte bedauernd mit den Schultern.

»Oh,das muss ich vergessen haben«, sagte das Mädchen gekünstelt und die anderen lachten über ihre Tändelei.

Völusa schüttelte den Kopf. Stieg den Kindern heute schon die Frühlingsluft zu Kopf? Dann hörte sie wieder Nekaars Stimme: »Aber ich werde trotzdem für euch tanzen.«

Der alten Schamanin stockte der Atem bei dieser Ankündigung.

»Meine lieben Freunde und Freundinnen«, fuhr Nekaar fort und schenkte dem Mädchen einen überzogen schmelzenden Blick, »die Geschichte vom Wolf und dem Hasen.«

Jetzt stieß Völusa erleichtert die Luft aus. Wolf und Hase war ein Festtanz, keine heilige Wolfslegende, die einem Lehrling in der Öffentlichkeit verboten war.

Schon setzten die Schläge derBunga-Trommelein, und Nekaar ließ sich zu Boden fallen und hoppelte auf Armen und Beinen wie ein vorwitziger Frühlingshase. Er hüpfte hin, er hüpfte her. Hier wartete köstliches Gras und dort auch. Hier lag süßer Tau auf der Tundra, aber dort badete das Grün verlockend im Sonnenlicht.

Unentschlossen hoppelte derNäljaüber den Boden und konnte sich nicht entscheiden. Bei seinen albernen Bewegungen lachten die Zuschauer. Der dumme Hase würde in all dem Überfluss noch verhungern, wenn er sich weiterhin verausgabte, ohne zu fressen.

Doch schon nahte ihm der Jäger - ein prächtiger Rauhwolf!

Nekaar übernahm jetzt die Rolle des Wolfes. Er schlich und witterte, er sprang und tänzelte. Die Schamanin hatte Nekaar alle heiligen Tanzfiguren gelehrt und kannte seine Bewegungen. Trotzdem hatte sie ihren Lehrling noch nie so tanzen sehen wie heute. Völusa konnte sich nicht von dem Schauspiel lösen.

Nun, wo sich Nekaars Körper langsam veränderte, gewann sein Tanz noch mehr Anmut. Der Junge war immer noch geschmeidig wie ein Kind, doch jetzt spielten Muskeln unter seiner Haut, und er setzte langsam Masse an. Nicht mehr lange, und er hatte auch den Stimmbruch überwunden.

Zwischen den einzelnen Szenen erzählte Nekaar die jeweiligen Episoden der Geschichte und schmückte die lustigen Einzelheiten gekonnt aus.

Völusa entging nicht, wie gebannt die anderen an seinen Lippen hingen. Nekaar verstand sich auf das Erzählen. Und er tanzte jetzt bereits besser, als sie es jemals gekonnt hatte.

Wenn er wollte, fiel er innerhalb von Momenten in Trance, auch ohne die Hilfe der Pflanzengeister. Viel fehlte ihm nicht mehr. In einigen Jahren würde er einen guten Schamanen abgeben!

3. Kapitel

Starna saß in ihrem geschmückten Schamanenzelt und zerrieb getrocknete Kräuter zwischen zwei flachen Steinen. Es war noch zu früh im Jahr, um frische Pflanzen zu sammeln, und sie musste mit den schwächeren Geistern der Trockenkräuter vorlieb nehmen.

Sie trug über eng anliegenden Hosen einen einfachen Überwurf aus gewebter Karenwolle und darüber eine lange Weste aus Leder, die ihre Kleidung beim Salbekochen vor Fettflecken schützte.

Wie so oft schweiften ihre Gedanken während der eintönigen Arbeit des Kräutermahlens ab.

»Weißt du, Yassi, ich habe heute Morgen ein paar graue Haare um Schattenfängers Nase entdeckt. Aber manchmal benimmt er sich immer noch wie ein Welpe, wenn es darum geht, die Traglast abzuschütteln.«

Starna hielt mit den kreisenden Bewegungen des Reibsteines inne. Sie schüttete die pulverisierten Kräuter sehr vorsichtig auf ein Stück glatt geschabtes Leder, nahm das Leder zusammen und füllte das Pulver dann in ein Leder-säckchen.

»Puh, erst halb voll«, seufzte sie, streute eine Hand voll neuer Pflanzenteile auf den Stein und machte weiter.

»Weißt du noch, wie wir damals mit dem Hund durch den Regen gelaufen sind und er sich immer unter deiner Decke versteckt hat?« Starna kicherte. »Entschuldige, Yassi, ich meinte natürlich deinenMantel,dieses ärmellose Ding aus Elfenwolle. - Sag mal, glaubst du immer noch, dass Elfen Wolle verarbeiten? Da haben die Norbarden dich wie einen jungen Karenbullen an der Nase herumgeführt.«

Starna lachte kurz auf und suchte Yassis Blick.

Doch sie sah nur die bunten Wände ihrer Jurte. Yassi war tot.

Für einen Moment war sie so sehr in der Vergangenheit gefangen gewesen, dass sie tatsächlich geglaubt hatte, er wäre bei ihr.

Starna ließ die Hand mit dem Stein sinken und berührte die bemalte Zeltwand. Figuren in Schwarz und Rot hoben sich von dem fahlbraunen Untergrund ab. Der Reigen rings um die Jurte begann und endete am Eingang.

Die lyamit hatten Starna das Zelt gebaut, aus Dankbarkeit und zum Anlass ihrer Initiation als Schamanin. Die Bilder darin erzählten die jüngste Geschichte der Sippe -und von Starnas und Yassis Reise.

Tränen stiegen Starna in die Augen, die Figuren verschwammen und ihr Blick kehrte sich nach innen. Aber sie kannte die Szenen auswendig.Männer mit Waffen trieben gefesselte Nivesen aus dem Lager. Ein rothaariges Mädchen tanzte um ein Feuer.Vor vier Jahren war Starnas Sippe überfallen worden, während sie eine Nacht im Wald zubrachte, um auf Geistreise den Himmelswölfen zu begegnen.Ein zerstörtes Lager, wenige Überlebende. Das Mädchen wanderte mit einem Hund zu einer Wagenburg.Starna hatte die überlebenden Hirten bei der Herde zurückgelassen und war allein mit Schattenfänger losgezogen, um ihr Volk aus der Gewalt der Sklavenjäger zu befreien. Bei den Norbarden hatte sie Hilfe gefunden - und Yassi.Zwei Menschen und ein Hund in der Tundra. Ein Mann, der sich in einen aufrecht gehenden Wolf verwandelt.

Der Südländer war mit ihr fast bis in das wilde Land der Orks gezogen und sie hatten ihre Liebe entdeckt. Doch dann erkaltete die Spur ihrer Leute, und Yassi wurde des Fluches gewahr, der auf ihm lastete. Starna war ihm in eine Stadt gefolgt, wo er Heilung erhoffte.

Ein Wolf kämpfte gegen bewaffnete Fremde.

Das Mädchen befreite die Sippe aus dem Lager der Feinde.

In der Stadt waren sie auf die Fremden gestoßen und gerieten in Streit mit ihnen. Als Yassi versuchte, Starna zu retten, hatte er mit seinem Leben Starnas Flucht erkauft.

Starna hatte daraufhin ihre Geister gerufen, das Lager der Feinde ausgekundschaftet und ihre Sippe gerettet.

Sie wischte die Tränen fort. Die Bilder erzählten nur einen Teil der Geschichte. Sie verschwiegen Starnas Ängste und Zweifel während der langen Reise. Aber vielleicht war es gut so.

Starna erinnerte sich an die Worte des alten Orkschamanen, den sie unterwegs getroffen hatten. »Schaman müssen groß sein für Stamm.«

Damit hatte er Recht. Die lyamit wollten nichts hören über die Fährnisse der Reise. Starna hatte ihnen erzählt, dass sie erst kurz vor der Befreiung eine vollwertige Schamanin geworden war. Aber ihre Leute hatten das nur mit einem beiläufigen Nicken zur Kenntnis genommen.

Die Sippe ehrte Yassi als heldenhaftes Wolfskind, doch sie ahnte nichts davon, wie sehr er unter der gewaltsamen Verwandlung in eine Bestie gelitten hatte. Seine Fähigkeit, ein Wolf zu werden, war ein Fluch gewesen, keine Gabe.

Erst sein Tod und die Hilfe von Liska hatten seine Seele geläutert. Als Hilfsgeist hatte Yassi Starna den Weg zu den Himmelswölfen gewiesen. Damit erst war sie zur Schamanin geworden. Aber die lyamit sahen in ihr heute nur die großeKaskjuund vergaßen darüber manchmal Starna.

Es bedrückte die junge Schamanin manchmal, niemanden mehr um Rat fragen zu können, wenn es um die Aufgaben des Wolfssprechers ging. Schließlich war ihre Lehrmeisterin beim Überfall zu Tode gekommen und hatte Starna nicht alles beibringen können.

»Ach Yassi, wann sehe ich dich wieder?«

Starna schloss die Augen. Manchmal, in der Trance, zeigte sich der Geist von Yassi und sie konnten reden. Doch das geschah selten, denn während dieser Traumzeit schickten die Himmelswölfe den Schamanen Nachrichten und Weisungen, und das Wohl der lyamit besaß Vorrang.

»Ich weißschon, ich soll den Kopf nicht hängen lassen«, sagte Starna. »Du hast Recht, schwarzer Wolf.« Yassi war glücklich bei den Himmelswölfen, und sie hatte ihr Ziel erreicht und war Schamanin geworden. Sie sollte zufrieden sein. »Wolfssprecherin? Redest du mit mir?« Starna riss die Augen auf. Im Zelteingang stand eine junge Frau, atemlos und ein wenig eingeschüchtert. Die Jägerin zeigte stets Scheu vor der Schamanin und hatte ihr Zelt noch nie betreten, seit sie in die Sippe eingeheiratet hatte. Peinlich berührt wollte Starna abwiegeln, doch dann hob sie den Kopf. »Nein, mit den Geistern.« Das stimmte, schließlich war Yassi ein Geist.

Ehrfürchtig legte die Jägerin eine Hand auf die Brust. »Dann weißt du es also schon?«

Starna stand auf. Kräuterpulver rieselte von ihrem Gewand auf den Boden aus gegerbten Fellen. Ihr Gegenüber war mit ihren zwanzig Sommern nicht jünger als Starna, aber unter dem fragenden Blick der Schamanin stotterte sie. »Ich, es - da kommen Fremde. Ein Mann und ein ...« Sie sprang zur Seite, als sich ein pelziger Kopf an ihr vorbeischob. »... ein Wolf«, beendete Starna den Satz. Der Rauhwolf war riesig, sein Fell leuchtete wie die Morgenröte. Über den Augen und den Fang entlang war der Pelz dunkler, so als trüge der Wolf eine Maske. »Es ist gut, danke.« Starna nickte. Die Jägerin wich zurück, als der Wolf zu jaulen und knurren begann. »Ich bin sofort da!«, antwortete Starna in der Wolfssprache.

»Wir haben zwei Gäste«, erklärte sie dann in Menschenworten für die Jägerin. »Bitte gib Bescheid, dass ein Gastmahl gerichtet wird.«

Nachdem der Wolf kurz blaffte, schob sie noch hinterher: »Nur eine Kleinigkeit, die beiden sind in großer Eile.«

Starna wunderte sich, welche Not den Rauhwolf und seinen Begleiter veranlasst hatte, sie aufzusuchen. Aber es wäre mehr als unhöflich gewesen, das Thema anzusprechen, ehe derLahtidie beiden Gäste willkommen geheißen hatte.

Rikkinen war atemlos, doch er unterdrückte das Keuchen so gut wie möglich, als er ins Lager stolperte. Der Weg war schwierig und lang gewesen, doch vor den lyamit wollte er sich keine Blöße geben. Sein Herz pochte ihm wie eine Trommel in der Brust. Das war keine Aufregung, gewiss nicht! Doch er war schon weiter gelaufen, ohne Anzeichen von Erschöpfung.

Angesichts der neugierig herbeieilenden Sippenmitglieder hob Rikkinen die Hand zum Friedensgruß. Er las in den Mienen des fremden Stammes das gleiche Erstaunen wie in den Augen Sekjeras, als die Wölfe heute zu den Hekkla gekommen waren.

Rikkinen schluckte hastig und suchte nach Worten.

Seine Brust hob und senkte sich heftig. Dann presste er die Lippen zusammen. Es blieb keine Zeit für höfliche Reden, fürNu,dahinplätschernde Unterhaltung. Schließlich hatte er einen Auftrag zu erfüllen. »Rejko Himmelsschweif schickt mich in einer wichtigen Angelegenheit der Wölfe zu eurer Schamanin«, verkündete er mit gleichmütiger Stimme.

Es war demütigend, hier nur als Bote aufzutreten. Doch die Erwähnung seines Vaters und der Rauhwölfe verschaffte ihm sicher Gehör.

Die lyamit traten beiseite und bildeten eine Gasse in die Mitte des Lagers, wo das Zelt der Schamanin gleich neben der Jurte desLahtizu finden war Aus dieser Richtung kam ihm der Anführer bereits entgegen.

»Sei willkommen im Lager der lyamit«, sagte der Mann.