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DT1BX9. Eine Geschichte über die Gier und die Sucht am Aktienmarkt, sowie deren gnadenlose Konsequenz. Nie hätte ich einst als junger Banker geglaubt, in welche Richtung und zu welchem irrationalen Handeln der Kapitalmarkt einen Menschen drängen kann. Die Sucht nach mehr, und stets und zu jedem Zeitpunkt am Markt dabei zu sein hatte ich letztendlich zu spät erkannt. In dem Sinne als Sucht zu spät erkannt, bis es schließlich auch für mich persönlich zu spät war. Nach Verrat, Betrug und Verlust wurde ich ohne jegliche weitere Perspektive in ein Umfeld geworfen, in welchem ich am Ende um mein eigenes Leben fürchten musste. Doch jegliche Hoffnungslosigkeit im Untergrund, zwischen Rechtlosigkeit und Illegalität, hatte auch immer wieder einen ungeahnten Ausweg, an welchem ich an neuen Freunden wieder Halt finden konnte und mich selbst neu entdeckte. Es waren Erfahrungen welche ich damals, als junger Banker, nie geglaubt hatte erleben zu müssen.
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Seitenzahl: 325
Veröffentlichungsjahr: 2019
Philipp Scholz
DT1BX9
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Inhaltsverzeichnis
Titel
DT1BX9
2009
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
2010
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
2011
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
2014
Kapitel 26
Anhang
Impressum neobooks
von Philipp Scholz
Die folgenden Ereignisse basieren auf einzelnen wahren Begebenheiten. Raum und Zeit, sowie die Namen der handelnden Personen sind dabei abgeändert. Alle dennoch möglichen Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen oder Handlungen sind rein zufällig.
Für meine lieben Eltern, die immer für uns da waren.
DT1BX9. Eine Geschichte über die Gier und die Sucht am Aktienmarkt, sowie deren gnadenlose Konsequenz.
Nie hätte ich einst als junger Banker geglaubt, in welche Richtung und zu welchem irrationalen Handeln der Kapitalmarkt einen Menschen drängen kann. Die Sucht nach mehr, und stets und zu jedem Zeitpunkt am Markt dabei zu sein, hatte ich letztendlich zu spät erkannt. In dem Sinne zu spät erkannt, bis es auch für mich persönlich zu spät war.
Nach Verrat, Betrug und Verlust wurde ich ohne jegliche weitere Perspektive in ein Umfeld geworfen, in welchem ich am Ende um mein eigenes Leben fürchten musste. Doch jegliche Hoffnungslosigkeit hatte auch immer wieder einen ungeahnten Ausweg, an dem ich wieder neuen Halt finden konnte.
Es waren Erfahrungen welche ich damals, als junger Banker, nie geglaubt hatte erleben zu müssen.
„Wir, deren Kindheit den 1990er Jahren galt, sind die erste Generation, die bewusst nichts anderes als das einige Deutschland kennen und erleben durfte; so wie es heute besteht.
Wir sind gleichzeitig aber auch die letzte Generation, die noch in einem analogen Deutschland aufgewachsen ist und die nun, nach zwanzig Jahren, in einem digitalen und veränderten Land lebt.
Diese Grunderfahrung, nach dem früher viel Übersichtlicheren, als man die Konsequenzen seiner Taten noch genau einschätzen konnte, im Vergleich zu dem heute Digitalen und Virtuellen, aber dennoch nicht immer Nachvollziehbaren, macht uns um vieles reicher.“
Gedanken aus meiner Zeit in Herzogenried
„So; Paul heißen Sie also mit Vornamen“, verkündete mein neuer Vorgesetzter und hielt sich dabei meine Personalakte neben mein Gesicht, damit der das dort abgedruckte Bild von mir mit meinem Original besser vergleichen konnte.
„Haben Sie vorher bei der Bundeswehr gedient? Auf dem Bild haben Sie einen viel kürzeren Haarschnitt“.
Er ließ mir keine Gelegenheit zu antworten sondern sprach gleich weiter.
„Herzlich willkommen bei uns auf der Filiale. Ich hoffe Sie werden sich bei uns wohlfühlen und sich relativ schnell einleben“.
„Das hoffe ich doch auch“, antwortete ich nun schnell in einem freundlichen Ton. „Viele Änderungen wird es in der Zwischenzeit, seit meiner Ausbildung, an der Tätigkeit ja nicht gegeben haben. Und einzelne Kollegen kenne ich sogar bereits aus einigen Hospitationen bei Ihnen im Haus“.
„So lobe ich das mir“, antwortete mein Vorgesetzter mit einer rauen Stimme. Er räusperte sich und rückte sich dabei seine Krawatte zurecht.
„Sehr gut Paul, dann können Sie gleich mit Ihrer Arbeit beginnen. Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihr Büro“.
Mein Vorgesetzter entführte mich daraufhin zu einem Büro. Wir marschierten in zügigen Schritten durch die Bankfiliale. Auf dem Weg dorthin wurde ich jedem Kollegen, der auf der Filiale arbeitete vorgestellt.
„Dann wünsche ich Ihnen mal viel Erfolg.“
Mein Vorgesetzter beugte sich zu mir vor und versuchte mir zuzuflüstern.
„Aber unter uns Sie sind genau der Richtige für den Job. Das habe ich so im Gefühl“.
Ich verdrehte meine Augen ohne dass er es bemerkte.
Wenn ich eines nicht vertragen konnte, dann irgendwelche Floskeln hinter denen am Ende doch nichts stand.
Ich bedankte mich wieder freundlich, wobei er da schon wieder am Gehen war.
Dann richtete ich mir mein Büro ein. Ich setzte mich hinter meinen Schreibtisch, musterte den Raum und die Einrichtung. Nach einer Weile schaltete ich den Computer ein, um mich anzumelden und mit der Arbeit zu beginnen.
Meine Tätigkeit in der Bank lag in der Privatkundenberatung.
Das heißt genauer gesagt Beratung und vor allem der Verkauf von Konsumentenkrediten und Baudarlehen an Privatpersonen, genauso wie Versicherungen und Wertpapieren.
Allfinanzprodukte also. Alles wodurch die Bank einen Provisionsertrag generieren konnte.
Schon seit Beginn meiner Ausbildung und bereits zu Schulzeiten davor, habe ich mit Neugierde das Wissen innerhalb und um die Finanzwelt in mich aufgenommen, als könne keiner mein Interesse daran stoppen. Nach der Schule lief dieses Interesse schließlich auf eine kaufmännische Ausbildung als Bankangestellter heraus.
In der Praxis wurde ich nunmehr enttäuscht.
Meine Wissensvermittlung gegenüber den Privatkunden wurde nicht in dem Sinne von mir erwartet, als ich es vor kurzem noch gelernt hatte. Es drehte sich weniger um die Beratung an sich, sondern viel mehr um den Verkauf.
„Wir sind keine Berater sondern Verkäufer“, hieß es immer nur.
Mein Vorgesetzter war zudem von der Sorte Chef, die viel auf sich hielt, wenn er am Ende des Monats als einziger auf der Filiale seine Monatsziele erreicht hatte. Ein aalglatter und unangenehmer Typ. Menschlich eine null.
Er bildete sich so viel darauf ein, als gäbe es nichts anderes auf der Welt. Seine generelle Ausstrahlung verriet schon viel über seinen Charakter.
Er trug seine Haare mit viel Pomade nach hinten gekämmt. Er stellte diverse Goldkettchen und Ringe zur Schau und präsentierte sich stets in teuren Maßanzügen mit Einstecktuch und Manschettenknöpfen. Von menschlichen Problemen seiner Mitarbeiter wollte er nichts hören. Er kannte nur die Statistiken und die Provisionsziele.
Ich persönlich sprang angesichts dieser Tatsachen schnell vom Zug ab. Ich konnte bei bestem Willen einfach nicht nachvollziehen, wie man sich etwas darauf einbilden konnte, dass sich sogar sein ganzes Leben darum drehen konnte, wie viele Kredite oder Versicherungen man doch in einem Monat verkauft hatte. Und das Schlimmste war es dann auch noch damit anzugeben und sich darzustellen als wäre man der Heiland in Person.
Nein, zu dieser Art Arbeits- und Lebenseinstellung fehlte mir entweder das Verständnis, oder einfach der intellektuelle Zugang.
Aber etwas dagegen zu sagen, oder gar seine eigene Meinung darzustellen war auch nicht gern gesehen. Man wurde damit einfach ignoriert. Es wurde sogar unterstellt, etwas einfältig und minderbemittelt zu sein. So als würde man nicht recht verstehen worum es im Bankgeschäft wirklich ging und wer hier wohl die Erträge generiert.
Und so ging der Alltag Woche für Woche weiter.
Chefs und Kollegen bildeten sich etwas auf erreichte Monatsziele ein, die übernächsten Monat wieder um fünf Euro angehoben wurden. Dann war das plötzlich das Maß aller Dinge.
Ich schüttelte dabei nur den Kopf.
Sehr früh bereits wurde ich in meiner Tätigkeit unzufrieden. Da ich zudem auf einer Bankfiliale außerhalb der Stadt Mannheim in einem etwas ländlicheren Teil zum Einsatz kam, verhielt sich das Klientel nochmals ganz anders als in der Stadt selbst.
Kurz gesagt, die Filiale war sehr klein und es war sehr wenig los.
„Die wirklich schlimmen Banker“, so bekam ich es immer wieder gesagt, „die sitzen oben in Frankfurt. Die überheblichen Investmentbanker die unsere Steuergelder verzocken und verspekulieren. Und wenn dann etwas passiert, werden doch wieder alle Banken über einen Kamm geschert. Dabei sind wir doch als kleine mittelständische Bank noch eine von den Guten.“
Ich schaute meinen Kollegen verwirrt an.
Mit solchen Aussagen konnte ich immer sehr wenig anfangen. Ich fand immer, dass uns nichts von einem Investmentbanker unterschied. Wir jonglierten eben nur mit sehr viel kleineren Volumina.
Die Investmentbanker machen immerhin etwas persönlich aus der ihnen gegebenen Chance und wirtschaften viel in die eigene Tasche. Wir hingegen sitzen hier 45 Jahre bis zur Rente im Verkauf und messen uns regelmäßig an idiotischen Monatszahlen und Zielen, die doch trotz allem den einzelnen Mitarbeiter nicht voran bringen, sondern am Ende nur die Bank.
Ein Ziel sollte doch immer so definiert sein, dass man persönlich daran weiter kommt und daran lernt. Man sollte mit einem Ziel wachsen. Ein Monatsziel in der Bank hingegen war für mich genau aus diesem Grund noch nie ein Ziel, dass man erreichen sollte.
Die eingefleischten Vertriebler und Verkäufer verstanden das nicht.
Ich begann mich schnell für andere Dinge innerhalb der Bankenwelt zu interessieren. Ich las mich viel in andere Themengebiete ein.
Vor allem im Bereich des Wertpapiergeschäftes schienen mir persönlich viele Chancen zu liegen und sich viele Möglichkeiten zu eröffnen.
Da las ich beispielsweise über Wertpapierinstrumente außerhalb der Privatkundenberatung, die nicht nur bis zur Risikoklasse Vier, den Aktien definiert waren, sondern darüber hinausgingen. Derivate, Optionsscheine und weitere Konstrukte.
Relativ bald darauf richtete ich mir erste Musterdepots ein und ich begann die Märkte aufmerksam zu verfolgen. Das Tagesgeschäft in der Bank lief nebenbei, es war ohnehin immer sehr wenig los. Und irgendwelche Zielfelder interessierten mich nicht.
Herbert war ein Kollege von mir, den ich bereits während meiner Ausbildung kennen lernen durfte. Er war runde zehn Jahre älter als ich. Trotzdem verstanden wir uns recht gut, zumal wir dieselbe Einstellung gegenüber unserer Tätigkeit hatten.
Herbert träumte immer davon, möglichst früh in den Ruhestand gehen zu können.
Mit meinem Ziel, der finanziellen Unabhängigkeit, lagen hier einige Parallelen zwischen uns.
Als wir eines Tages gerade miteinander im Gespräch waren, kamen wir auch auf mein reges Wertpapierinteresse zu sprechen. Ohne Zweifel, da waren wir beide uns einig, bestand für uns darin die einzige Chance irgendwann die finanzielle Freiheit zu erlangen.
Ich zeigte Herbert bei der Unterhaltung auch meine Musterdepots.
Nach einigen Erklärungen zu ein paar Finanzprodukten; wie bereits erwähnt im Privatkundengeschäft hatte man mit Derivaten eigentlich nichts am Hut und wir mussten uns deshalb auch nicht damit auskennen, zumindest erwartete es niemand von uns; kam Herbert schließlich mit einer Idee zu mir.
„Paul, wenn einer das kann, dann du. Und wenn du noch mehr Geld zur Verfügung hättest, dann könntest du es noch besser. Mach da irgendwas draus!“
Mit Herberts Aussage war ich in meiner Tätigkeit, meiner Idee und meiner Einstellung bestätigt worden.
Irgendwann, so mein Gedanke, würde ich damit nochmal etwas Großes schaffen.
Seither tauschten wir, Herbert und ich, uns täglich über Anlageideen aus und wir begannen weitere Musterdepots anzulegen.
Irgendwann war bei uns der Punkt erreicht, an dem wir nicht mehr nur spielen, sondern endlich investieren wollten.
Es war schließlich soweit. Wir kauften und verkauften von nun an Derivate für private Zwecke.
Für manch anderen Banker mag es stümperhaft klingen, aber Kennzahlen interessierten uns bei diesen Hebelprodukten relativ wenig. Eigentlich überhaupt nicht.
„Delta, Omega, aus dem Geld oder im Geld.“
All das ignorierten wir. Wichtig war für uns nur, ob wir auf fallende oder steigende Kurse setzen sollten. Zudem wie groß der Abstand zur Knock-Out Barriere war und wie groß der Abstand zum Fälligkeitstermin dieser Papiere war.
Wir hatten Erfolg damit und machten unsere ersten Gewinne.
Auch über einen Zeitraum von zwei Monaten konnten wir die Gewinne halten. Jeder von uns konnte so aus etwa tausend Euro Einsatz fünftausend Euro herausholen.
Unsere Arbeit machte uns plötzlich wieder Spaß, auch wenn wir mit derselben inneren Einstellung daran saßen.
Auf der alljährlichen Personalversammlung und diversen anderen Seminaren kam ich regelmäßig mit ehemaligen Mitauszubildenden und Kommilitonen ins Gespräch.
Auf nahezu jeder Bankfiliale und nahezu jeder anderen Abteilung traf ich Kollegen an, die eine ähnliche Einstellung zur Zukunft der Bankenwelt vertraten als ich.
Wir alle waren uns zweifelsfrei einig, dass wir und der Finanzsektor vor gewaltigen Veränderungen standen. Diejenigen die sich an Monatszielkarten festbeißen und nicht über den Tellerrand hinausschauen und Trends des modernen Bankings verfolgen, würden bald die längste Zeit Banker gewesen sein.
Soviel zum aktuellen Zeitgeist, der sich unter den Bankern breitmachte.
Ich kam auch mit Nico und Patrick ins Gespräch. Beide waren Mitauszubildende von mir gewesen und wir waren in der Berufsschule nebeneinander gesessen. Gemeinsam kamen wir so durch die Ausbildungszeit, wurden alle drei übernommen und traten so wieder in Kontakt.
Auch mit ihnen besprach ich meine aktuellen Pläne und Tätigkeiten bezüglich dem Ziel meiner eigenen finanziellen Unabhängigkeit.
Sie waren beide sofort begeistert davon gewesen.
Die Idee mit eigenem Wertpapierhandel seinen Lebensunterhalt verdienen zu können, strahlte auf sie einen gewissen Reiz aus. Auch wenn ich es bis dahin noch nie auf diese Weise gesehen hatte, gefiel auch mir die Idee. Bisher sah ich den Wertpapierhandel, den ich mit Herbert verfolgte, als kleines Zubrot. Meinen kompletten Lebensunterhalt damit zu verdienen war für mich bis zu diesem Zeitpunkt dann doch etwas zu unrealistisch gewesen.
Aber meine Einstellung dazu änderte sich.
Wir kamen zu der Abmachung künftig zusammenzuarbeiten. Quasi ein Team zu bilden und eine Strategie auszuarbeiten, die uns nachhaltig erschien und die wir als künftige Arbeitsvorlage nehmen wollten.
Da ich der einzige von uns Dreien war, der nun nach der Ausbildung zusätzlich die Abenduniversität besuchte und um ein Wirtschaftsdiplom bemüht war, sollte ich derjenige sein, der die genauen Ideen zum Wertpapierhandel ausarbeiten und umsetzen sollte.
Nico und Patrick waren von solchen existenziellen neuen Ideen immer leicht zu begeistern. Sie waren schnell mit dem Thema vertraut und gaben sich Mühe die Sache voran zu bringen.
Der einzige Unterschied zwischen Nico und Patrick war der, dass Nico doch um einiges rationaler und emotionsloser handelte und sich der Sache annahm als Patrick.
Eine Einstellung, die in unserem Geschäft grundsätzlich gar nicht unbedingt verkehrt ist. Je weniger Emotionen, desto besser.
Auch mit den beiden tätigte ich bald die ersten Investitionen in Derivaten. Die ersten Geschäfte liefen gut und brachten uns Ansporn für mehr.
Bald schon gab es für uns keine Zertifikate, Anleihen oder Aktien mehr, sondern nur noch Knock-Out Hebelprodukte.
Die Möglichkeit mit wenig Einsatz viel Gewinn zu erzielen reizte uns umso mehr. Oder auch mit viel Einsatz viel Gewinn zu erzielen. 30 Prozent plus beispielsweise.
Nico und Patrick waren sich einig, dass wir mit dieser Vorgehensweise noch einmal viel erreichen könnten. Es fehlte uns nur an einem Plan, der uns voranbrachte.
Unter der Woche sammelten wir Ideen. Und an den Wochenenden fügten wir diese zusammen. Danach wurde gefeiert. Wir genossen das Leben und die Anfänge unserer Arbeitszeit.
Wir hatten Herbst 2009.
Vor nun mehr drei Jahren hatte ich mit der Ausbildung begonnen. Im Sommer 2006, wenige Wochen nach dem Bestehen der Abiturprüfung, hatte sich mein Jahrgang das letzte Mal zu einer Abschiedsfeier getroffen. Danach würden sich all unsere Wege trennen.
Manch einen sah man ab und zu wieder. Andere dafür nie wieder. Manche würden hier in Mannheim bleiben, eine Ausbildung beginnen oder studieren. Viele wollten aber auch in anderen Städten die Universität besuchen. Wieder andere gingen ins Ausland oder zur Bundeswehr, wohingegen wiederum einige es nicht erwarten konnten eine eigene Familie zu gründen.
Jener Abend entwickelte sich feucht fröhlich.
Wir tauschten uns über unsere Pläne und Ziele für unser Leben nach der Schulzeit aus.
Ich kann mich noch genauestens daran erinnern, wie ich regelrecht belächelt worden war, als ich das Thema finanzielle Unabhängigkeit ansprach. Viele hielten es für einen Traum. Bis heute kann ich nicht verstehen warum überhaupt. Der Mensch sollte doch immer eigene Ziele vor Augen haben und nicht schon von vornherein daran zweifeln.
Am bereits anbrechenden neuen Tag hatte ich mittlerweile dermaßen getrunken gehabt, dass ich mich übergeben musste.
Mitten in der schwindenden Nacht lag ich auf dem Gehweg in meinem Erbrochenen und zitterte vor Kälte.
Ich dachte, soweit es mir noch möglich war, über die Worte und Reaktionen der anderen nach. Die Stimmen jener hallten in meinem Kopf hin und her.
Von diesem Zeitpunkt an schwor ich mir tief und fest, dass ich all meine Ziele und wenn sie auch noch so herausfordernd sein mögen, erreichen würde.
Egal was die anderen sagen würden, ich würde daran festhalten. Heute noch liege ich auf dem Gehweg und breche mir die Seele aus dem Leib, aber morgen werde ich einmal wo anders stehen. Von nun an sollte es aufwärts gehen. Nie wieder lasse ich mir von anderen einreden, dass etwas unmöglich sei. Das schwor ich mir tief und fest.
Der Plan und die Idee mit Nico und Patrick waren der Anfang. Ich setzte mich daran und begann zu Arbeiten und zu überlegen.
Ich arbeitete im Gedanken an jene beschriebene Nacht, dass es von nun an nur besser werden würde. Nie wieder würde ich am Boden liegen und mir von anderen meine Pläne zerreden lassen. So viel stand fest.
Dann machten wir uns an die Arbeit. Nico und Patrick beauftragte ich damit, sich mit den Chartmustern vertraut zu machen. Auf welche Kursmuster folgen positive, auf welche negative Trends. Welche Muster sind Warnsignale, welche sind Kaufsignale. Nach und nach konnten beide, beziehungsweise wir drei, die Chartmuster gut am Kursverlauf des Dax ablesen. Mit einem Musterdepot welches wir für zwei Wochen laufen ließen lagen wir fast jeden Tag goldrichtig; diesen Probelauf hatten wir dummerweise lediglich am Dax getestet.
Die schwankungsintensiveren Devisen oder Rohstoffe ließen wir zunächst außen vor. Trotzdem sollten wir aus purer Gier bald in ihnen investieren.
Währenddessen überlegte ich mir eine genaue Vorgehensweise, ein Muster nach welchem wir handeln sollten. Ein Tradingplan, den die anderen gut verstehen und ihn mir ohne viele Gegenargumente abnehmen würden. Und das Beste: Ein Plan der uns möglichst schnell möglichst viel Geld einbringen sollte.
Ziel war es von Anfang an gewesen, nicht auf unser Nettogehalt angewiesen zu sein. Wir wollten eines Tages allein vom Trading leben können. Es war einstimmiges Ziel das Nettogehalt zu sparen und nur von den Gewinnen aus unseren Spekulationen zu planen. Zwar brauchte man dazu ein gewisses Anfangskapital, aber wir waren uns allesamt einig und so erbrachte jeder von uns seinen Anteil am Anfangskapital.
Wir wollten nicht zu gierig sein, wir investierten keine Einmalsummen auf ein einziges Pferd um dann einen Gewinn zu kassieren und danach nie mehr arbeiten zu müssen. Nein, wir wollten nachhaltige Erträge. Zweitausend Euro jeden Monat. Und das Gehalt des Arbeitgebers sparten wir weiter. Mit dieser Einstellung, und dem uns bewussten Risiko konnte überhaupt nichts schief gehen.
Mein Plan sah folgendermaßen aus:
Gehandelt werden sollten ab sofort nur noch mit Knock-Out Derivate nach einem bestimmten Muster. Mit jenen Derivaten spekulieren wir auf fallende oder steigende Kurse beim Dax, EUR/USD, Gold, Silber und der Nordseerohölmarke Brent. Einzelaktien oder ausländische Indizes ließen wir außen vor, da deren tägliche Analyse zu aufwendig war. Der Dax gab für uns einen guten Schnitt, und war besser einzuschätzen als irgendwelche Einzelaktien. Gold, Silber, EUR/USD und Brent waren für uns aufgrund ihrer Volatilität interessant.
Jedenfalls betrachteten wir nun täglich den Dax Chart. Meist am Abend um für den Folgetag gewappnet zu sein. Ziel war es nun, unsere Einsätze auf die Derivate, oder auch einfach nur Scheine, als Abkürzung für Optionsscheine wie wir sie nannten, mit einem Gewinn von 25 Prozent je Trade zu verkaufen. Das mag zunächst zwar viel klingen, aber wenn man sich die täglich gehandelten Scheine auf einer Handelsplattform anschaut, so muss ein Derivat, das wir bei fünf Euro kauften nur um Einen auf sechs Euro steigen. Somit hatten wir bereits die zwanzig Prozent Gewinn. Bei einem Schein, der vier bis fünf Prozent von der KO-Schwelle entfernt war, war zudem der Hebel so groß, sodass der angepeilte Effekt schon erzielt werden konnte, wenn sich der Dax nur ein Prozent in die gewünschte Richtung entwickelt hatte. Zwar war das Risiko der anderen Richtung auch entsprechend hoch, aber nicht so groß, dass wir nicht rechtzeitig vorher die Reißleine hätten ziehen können. Entwickelte sich ein Schein doch in die falsche Richtung sind Nachkäufe ausdrücklich untersagt gewesen. Der Verlust wurde dann in Kauf genommen. Zudem verkaufen wir einen Schein bei einem ausgewiesenen Verlust von 30 bis 40 Prozent. Stop-Loss haben wir ganz bewusst gesetzt. Somit blieb stets noch ausreichendes Restkapital übrig. Dass wir bei einem Verlust von 40 Prozent einen Gewinn von 66 Prozent hätten erzielen müssen, um wieder auf null zu stehen, war uns bewusst. Zudem investierten wir nie das ganze Eigenkapital, sondern immer nur kleine Teile davon. Zusätzlich, so der Plan, dürfe ein Trade nie das Volumen von 8.000 Euro übersteigen. Hier war selbst jedem einzelnen das Risiko dann doch zu hoch und außerdem ergaben 25 Prozent von 8.000 Euro unsere gewünschten 2.000 Euro im Monat. Mehr wollten wir gar nicht. Und hätten wir Anfang des Monats die 2.000 Euro bereits erwirtschaftet gehabt, waren für den restlichen Monat weitere Trades tabu. Wir haben uns bescheiden gegeben. Soweit der Plan.
Die Jungs waren begeistert.
Patrick meinte immer, wir seien die erste Generation, die eine solche Möglichkeit in die Hände gelegt bekommen hätte.
„Vor zehn Jahren war die Technik noch zu veraltet um selbst an der Börse handeln zu können.“
Von daheim aus und jede Sekunde im Büro, wie wir es taten.
„Und in zehn Jahren wird der Handel vielleicht so reguliert sein, dass es ohne strikte Vorgaben auch nicht mehr möglich sein wird. Zudem wird die Abgeltungssteuer vielleicht mal auf 50 Prozent gesetzt. Vorstellen könnte ich es mir. Uns stehen alle Möglichkeiten offen Jungs. Macht euch das mal bewusst.“
Wir waren alle der Meinung eine großartige Idee zu verfolgen, zu einer besonderen Zeit in den Markt zu gehen. Gerade damals in den Jahren nach der Finanzkrise.
Wir gingen wieder an die Arbeit.
Die ersten Trades liefen gut. Auch wenn wir zu Beginn noch zurückhaltend agierten. Wir telefonierten regelmäßig während der Arbeit und tauschten uns aus. Jeden Morgen warfen wir uns gegenseitig Wertpapierkennnummern neuer Scheine an den Kopf. Welcher den Besten hatte oder noch einen Besseren fand. Es herrschte Goldgräberstimmung.
Im Büro kam Herbert auf mich zu.
„Paul, du hast doch ein gutes Händchen beim Handel. Gib mir auch mal einen Tipp. Dein Depot spricht doch Bände.“
Herbert sah mich erwartungsvoll an.
Ich konnte nicht anders. Ich nahm Herbert zu mir ins Büro und erzählte ihm unseren, beziehungsweise meinen Plan. Nico und Patrick erwähnte ich dabei nicht. Ich behandelte die Angelegenheit so, als eine Sache nur zwischen mir und Herbert.
Er hörte mir aufmerksam zu, rollte zwischendurch mit den Augen, gab mir aber auch Zustimmung. Herbert schien meiner Idee nicht abgeneigt. Er bezeichnete das ganze Spekulieren und Interpretieren von Charts immer als Kaffeesatzleserei.
„Alles ohne Fundament. Aber genau deshalb, weil so viele Menschen sich damit beschäftigen und daran glauben, genau deshalb entwickelt sich der Chart anhand der bekannten Muster“ sagte er mit großen Augen.
„Es liegt alles nur an Angebot und Nachfrage. Und dem Glauben daran, dass es funktioniert“, fügte er hinzu.
Herbert war dazu bereit, mit 2.000 Euro einzusteigen. Im Laufe der Wochen liefen die Geschäfte gut. Wir machten zwar nicht den erhofften nachhaltigen Ertrag, den wir uns wünschten, aber allein die Tatsache dass der Plan aufging bestätigte uns in unserer Tätigkeit. Kaum hatte ich mit Herbert diskutiert gehabt und einen neuen Schein gefunden, rannte ich ans Telefon um Nico und Patrick davon zu erzählen. Ich tat immer so, als wäre es allein meine Idee und dass ich den Schein gefunden hätte. Von Herbert erwähnte ich nichts. Umgekehrt machte ich es aber auch genauso mit Herbert.
Wir rechneten uns aus, wo wir nach einem oder zwei Jahren in Summe stehen würden. Wir waren überwältigt.
Am Wochenende trafen wir uns wie so oft zum Feiern. Wir feierten bis zum Umfallen. Es schien als gehöre die Stadt und die Nacht uns. Wir luden Freunde ein und gaben Runde für Runde aus. In einer Bar 50 Euro zu vertrinken und danach in die nächste zu gehen, um dort ebenfalls 75 Euro los zu werden, war für uns überhaupt nichts mehr. Warum auch, wenn wir am Montag mit einem Schlag aus 5.000 Euro wieder 6.000 Euro machen können? Es war eine tolle Zeit. Aber auch eine Zeit wie im Rausch, in der man die Leute mit denen man an einem Wochenende verkehrte, am nächsten schon nicht mehr sah. Es war ein oberflächliches Feiern. Und am Montag ging immer alles wieder von vorne los.
Auf einer betriebsinternen Schulung der Landesbausparkasse in Heidelberg traf ich zufällig einen alten Schulkollegen wieder.
„Hi Paul“, begrüßte Erik mich.
Erik war mit mir auf der Berufsschule gewesen. Wir waren in verschiedenen Klassen. Ich drehte mich zu ihm um, um die Konversation zu beginnen.
„Ich habe gehört, du machst dich ganz gut im Wertpapierhandel? Ich habe wirklich schon einiges gehört, was bei dir alles so läuft.“
Erik grinste mich herausfordernd an.
„Kann schon sein“, gab ich grinsend zurück.
Eriks Grinsen wich nun einem etwas ernsteren Gesichtsausdruck:
„Hör zu, ich mache dir einen Vorschlag Paul. Ich gebe dir 2.000 Euro und du schaust was du damit machen kannst. Und zehn Prozent kannst du behalten. Was hältst du davon? Einverstanden?“
„Ach Erik, ich weiß nicht. Woher weißt du das überhaupt mit den Wertpapieren?“
„Halt mich nicht für doof Paul. Ich habe mit Herbert und den anderen gesprochen. Die sind alle ganz begeistert.“
Ich grinste wieder.
„Ich denke mal drüber nach Erik. Aber wenn, gib mir das Geld in bar. Ich möchte per Überweisung keine Verbindung zwischen unseren Konten entstehen lassen ja?“
Erik grinste nun auch und klopfte mir auf die Schulter.
„Guter Junge!“
Am ersten Advent lud mich Herbert zum Essen ein. Allein der Rotwein war so teuer, dass ich damit hätte einmal volltanken können.
„Paul“, sagte er und erhob das Rotweinglas. „Wir stoßen heute auf unsere neue Geschäftsidee und auf das kommende Jahr an.“
Der Rotwein schmeckte unglaublich. Und ebenso fühlte ich mich.
„Das Geld kann ich gut gebrauchen“, fuhr er fort. „Als Sondertilgung für mein Baukredit und sonstiges an meiner Wohnung.“
Ich nickte zustimmend und trank einen weiteren Schluck. Herbert erzählte weiter.
„Das mit einer Wohnung kannst du dir übrigens auch mal überlegen Paul. Betongold ist immer gefragt. Und wenn du die Wohnung nicht selbst nutzen möchtest, kannst du sie ja auch als Kapitalanlage vermieten. In jedem Fall hast du dir damit eine gute Altersvorsorge geschaffen. Und etwas dafür zu machen, also für das Alter, müssen wir ja wohl oder übel alle. Aber das muss ich dir ja nicht sagen du alter Banker.“
Über Herberts Worte dachte ich lange nach und hielt sie für eine gute Idee. Eine eigene Wohnung. Wie es damals aussah sogar schon unter 30. Jahren abbezahlt wäre einfach der Hammer gewesen. Der Abend ging schnell zu Ende.
Die Woche darauf telefonierte ich, wie so oft mit Herbert.
„Was hältst du davon?“
Ich diktierte ihm eine Wertpapierkennnummer.
„Mh, geht so. Schau mal weiter, das ist mir alles zu heiß“, gab er zurück.
Ich scrollte die Vorschläge am Bildschirm durch. Das permanent abwechselnde Rot und Grün der Dax Anzeige blinkte unerlässlich. „Der hier! Der ist gut. Gib mal ein.“
Ich gab Herbert die Buchstaben und Ziffern durch den Hörer. Er tippe es gleich ins Suchfeld auf seinem Bildschirm ein.
Ich diktierte:
„D T 1…“
Gleichzeitig vernahm ich dabei sein Tippen auf der Tastatur.
„D T 1… B X 9…“
„E X 9…“, widerholte er mir.
„Nein, verdammt“, unterbrach ich ihn.
„B nicht E! B wie Bahnhof. Ok also nochmal D T 1 B X 9.“
„Okay ich hab ihn. DT1BX9“ Herbert bestätigte die Angaben und sah sich den Schein an.
„Auf den Dax also. Fälligkeit nächstes Jahr im Mai. Ko-Schwelle ist auch in Ordnung. Sieht gut aus! Den können wir mal probieren.“
Ich stimmte Herbert zu. Zufrieden legte ich das Gespräch auf. Nico und Patrick erzählte ich zunächst nichts davon. Da sie mir seit einiger Zeit zu langweilige Scheine präsentierten und auch nicht immer ganz auf der Höhe waren, lies ich beide außen vor. Zudem machte sich eine latente gegenseitige Rivalität breit, mit der ich ganz und gar nicht einverstanden war. Ich wurde skeptisch, ließ die ganze Sache aber ihren Lauf nehmen.
Eine Woche später hatten Herbert und ich 2.000 Euro dazu verdient und noch eine Woche später waren es 5.000 Euro.
„Das wird ein tolles Weihnachten 2009. Und ein noch tolleres Silvester 2009! Auf das kommende 2010.“
„Der Mensch lässt sich allzu oft zu Taten verleiten, die er eigentlich überhaupt nicht möchte. Der eigentlich schwerwiegende Fehler ist dann aber, sich die Fehlentscheidung nicht einzugestehen und etwas daraus zu lernen.
Der Mensch wird, wenn er noch so sehr versucht diesen Fehler zu vertuschen, am Ende daran zu Grunde gehen.“
Gedanken aus meiner Zeit in Herzogenried
Nico und Patrick erzählte ich auch weiterhin nichts von den Trades mit Herbert. Ich ließ bei meinen eigenen Investitionen sogar unseren Tradingplan und die Regeln außer Acht, während ich den beiden weiterhin eintrichterte wie wichtig diese doch waren und dass sie sich unbedingt daran halten zu hatten.
Ich Investierte mehrmals Summen jenseits der 10.000 Euro in einen Schein. Nicht einmal Herbert folgte mir mit solchen Volumen.
„Du bist doch krank“, lachte er und hielt sich die Augen zu wie ein kleines Kind.
Doch mir war es ernst. Von den kleinen Rivalitäten zwischen uns, wollte ich unbedingt derjenige sein, der ganz oben steht. Immerhin war all das auch meine Idee gewesen. Bei den Trades mit Nico uns Patrick gab es deshalb weiterhin offiziell nur den Plan.
Selbst dann, als ich merkte, dass es beiden plötzlich zu langweilig wurde. Nico investierte auch bald größere Summen und suchte sich Scheine, die er vorher nicht mit uns besprochen hatte. Vorn herum gab ich immer den Warnenden aber hintenherum tat ich genau dasselbe.
Patrick hingegen entwickelte sich langsam zu einem ernsten Gegenspieler zu uns. Ich und Nico wussten nicht warum. Er versetzte uns ein paar Mal ohne Grund und gab uns dann keine Infos mehr über seine Investitionen. Er tat es erst dann, als er die Papiere schon längst im Depot hatte und wir sie nur zu einem schlechteren Kurs hätten kaufen können, oder als er bereits Gewinn abgeräumt hatte. Er entwickelte sich zudem zu einem echten Besserwisser. Verluste behielt er für sich, da erzählte er nie etwas davon. Dafür hielt er jeden unserer Vorschläge für schlecht oder zu langweilig. Bestätigten sich seine Zweifel, gab er uns immer rechthaberisch zu verstehen wie Recht er doch hatte.
„Hättet ihr doch bloß einmal auf mich gehört, aber ihr wolltet ja nicht. Jetzt ist das schöne Geld weg. Aber es ist ja zum Glück nicht mein Geld gewesen.“
Auf so etwas konnte ich gut verzichten. Aber ich gab mich diplomatisch. Wozu hätte ich Patrick und seine Ratschläge überhaupt gebraucht? Geld machen konnte ich auch ohne ihn. So ich ließ ihn machen. Er würde schon noch auf die Schnauze fallen.
Es war Ende Januar. Der Monat lief verdammt gut. Ich hatte auf Dax, Silber und Gold spekuliert und allesamt waren die Investments reine Gelddruckmaschinen. Seit Dezember hatte ich 20.000 Euro dazugewonnen.
An weiteren feuchtfröhlichen Wochenenden kamen wir immer wieder auf das Thema Finanzen und Geldanlagen zu sprechen. Irgendwann im Gespräch erwähnte ich auch meine Gewinne. Sofort hatte ich haufenweise Interessenten und Kritiker um mich stehen. Einige schüttelten nur ungläubig den Kopf, andere hörten mir aufmerksam zu. So kam eines zum anderen. Heute würde ich dazu nur sagen, wie leichtgläubig und gierig manche Menschen nur sein konnten.
Ich hatte eine Woche später von drei verschiedenen Bekannten je 5.000 Euro erhalten. Überwiesen oder zugeschickt bekommen.
„Mach etwas für mich daraus“, sagten sie alle.
Ich nahm das Geld dankend an.
Und Erik von der Bausparkasse? Der war ebenfalls begeistert. Klar es gab immer mal kleinere Rückschläge. Aber die Börse ist keine Einbahnstraße erklärte ich allen immer wieder. Das komplette Kapital zu verlieren zu können, daran dachte sogar ich nicht.
Einmal hatten wir einen Trade mit 5.000 Euro Volumen geöffnet. Während des Handelstages brach der Dax plötzlich im eineinhalb Prozent und mehr ein. Der Schein war mit 55 Prozent im Minus.
„Mist verdammter“, rief ich durch das Büro.
Ich redete mit Herbert und telefonierte mit Nico.
„Die Reißleine liegt bei minus 40 Prozent. Was wollen wir machen?“
„Alles verkaufen“, entschieden wir unabhängig voneinander und schlossen die Position am Nachmittag.
Bis zum Abend war der Dax wieder ins Plus gedreht und lachte uns mit seinen plus 0,70 Prozent ins Gesicht.
Ich war fuchsteufelswild.
„Nie wieder passiert mir so etwas, verdammt nochmal!“ brüllte ich wie von Sinnen.
„Warum sind wir nur so ängstlich und solche Weicheier. Hätten wir einfach nichts getan, wären wir jetzt sogar noch gut im Plus. Einfach unglaublich. Nie wieder passiert mir so etwas!“ Jeder von uns Dreien hätte an jenem Tag ausflippen können vor Wut.
Herbert hatte trotzdem Mitte Februar seine Sondertilgung auf das Baudarlehen geleistet. Er freute sich wie ein Honigkuchenpferd.
„Immer wieder gerne; schön mit dir Geschäfte zu machen Paul.“
Bereits eine Woche später war ich endlich am Zug. Ich hatte eine gemütliche drei Zimmer Wohnung in Mannheim gefunden. Eigenkapital dafür hatte ich 35.000 Euro, zuzüglich stammten bereits 75.000 Euro aus Kursgewinnen. Die restlichen 60.000 Euro erhielt ich durch ein Darlehen der Bank.
Den Zinssatz ließ ich variabel laufen, sodass ich jederzeit unbegrenzt Sonderzahlungen leisten konnte. Wenn es so weiter gehen sollte hätte ich die Wohnung abbezahlt bevor ich 25 war.
Patrick hatten wir zu dem Zeitpunkt lange verloren. Er machte sein eigenes Ding. Er wettete auf alles was ging. Rohstoffe, Devisen, Einzeltitel und Indizes. Er begann sogar den CFD Handel.
Obwohl Patrick im Vergleich zu mir verhältnismäßig nur kleine Beträge einsetze, fiel er nach und nach auf die Schnauze. Man konnte es daran erraten, dass er zwar ständig erzählte wie viele Trades er die Woche doch machte, aber um deren Ergebnis dann immer drum herumredete.
Für mich hingegen konnte es kaum besser laufen. Ich war in der Tat stolz auf mich.
Anfang März rief mich Herbert in sein Büro. Er hat einen neuen Schein auf den Dax.
„Damit wäre sein Sommerurlaub gerettet.“
Ich schaute mir das Derivat an und stimmte zu. Zur Mittagszeit war ich bereits im Begriff die Order zu erfassen.
Ich stockte. Es war eine der Kurzschlussreaktionen, die ich mir bis heute nicht erklären kann.
„Der Markt kann doch zurzeit nur in eine Richtung. Warum nehme ich nicht einen Schein mit größerem Hebel? Wie geil wäre es, doppelt so viel Gewinn als Herbert einzufahren.“
Ich brach den Auftrag ab und begab mich auf die Suche nach etwas anderem.
Als ich das Suchfeld mit der Maus selektiert hatte, fiel mir aus Gedanken mein Kugelschreiber aus der anderen Hand auf die Tastatur des Computers.
Er tippte das D an. Auf der Vorschlagsliste der Suchergebnisse der vergangenen Scheine tauchte einer auf, der mir sofort ins Auge viel.
DT1BX9.
Eine altbekannte Wette auf den Dax. Ein sehr heißes Eisen da die Fälligkeit bereits im Mai lag. Also in etwas mehr als zwei Monaten.
„Das reicht mir“, dachte ich.
„Der Markt geht sowieso nur in eine Richtung. Die Leute können sich nur noch in Aktien kaufen bei diesen Kursständen.“
Ich war entschlossen und erfasste die Order mit 10.000 Euro.
Nach Feierabend kam ich mit Herbert ins Gespräch.
„Und wie laufen die Geschäfte heute“, rief er.
„Hervorragend“, antwortete ich und lachte. „Als ich ging stand der Schein bei 5,70.“
„Hä?“, antwortete er verdutzt. „Wo hast du denn gekauft? Er war doch bei über 6 Euro als wir ein sind?“
Mir schoss sofort das Blut in den Kopf und mir viel ein, dass ich ja einen ganz anderen Schein gekauft hatte wovon er nichts wusste. Ich hatte mir zudem vergessen den Kurs seines Scheines zu notieren, um in einer Situation wie der jetzigen gut reagieren zu können.
Ich stottere und wich ihm aus.
„Äh oder 6,70 Euro anstatt 5,70 meinte ich; keine Ahnung, vielleicht hab ich mich auch verlesen. Hab ihn auf jeden Fall bei 6,10 gekauft, oder so.“ Ich lächelte nervös.
Herbert äußerte sich nur mit einem ungläubigen okay.
„Dann wünsch ich dir mal einen schönen Feierabend. Bis morgen.“
Das Geschäft der kommenden Tage lief für mich unerfreulich. Aufgrund der anhaltenden Eurokrise und der politischen Börsen schlugen die Märkte mehrmals unverhofft aus.
Unser bisheriges Muster der Chartanalyse, wenn man es überhaupt als Muster bezeichnen konnte, wies erhebliche Lücken auf und war nicht mehr anwendbar.
Patrick freute sich offenkundig über die Volatilität, auch wenn er damit nur überspielte erneut etwas verloren zu haben.
Ich hingegen war einfach nur schlecht gelaunt. Während Herbert mit seinem Schein zehn Prozent minus machte, lief ich bereits 35 Prozent in die roten Zahlen.
„Keine Panik“, meinte ich beruhigend zu Herbert. Der dreht wieder.
Herbert hatte Zweifel.
„Mal sehen Paul. Ich glaube da ist nicht mehr viel drin. Die Eurokrise ist schon was Größeres. Aber wir warten mal noch ab.“
Ich ging in mein Büro und wurde nervös.
„Seit wann ist Herbert eigentlich so pessimistisch geworden?“
Ich ging an den Rechner und rief den Schein auf. Schon minus 39 Prozent. Mir wurde heiß. Ich begann zu überlegen.
„Okay, ich mach’s. Ich kaufe für 10.000 Euro nach. Wenn der Schein dreht, habe ich den Verlust schneller wieder draußen.“
Nach der Ordererfassung lehnte ich mich zufrieden in meinem Bürostuhl zurück. Gesamt hatte ich 20.000 Euro in das Derivat gesteckt. Der Markt stieg etwas an. Das Minus lag bei 20 Prozent.
Trotzdem wollte ich nicht allein investiert bleiben und suchte nach emotionaler Unterstützung. Überzeugt vom Investment rief ich Nico an.
„Gib ein“, diktierte ich. „DT1BX9.“
„Zwei Monate Restlaufzeit? Du bist verrückt Paul.“
„Ach was! Nico, ich hab mein gesamtes Erspartes drin 20.000 Euro! Das wird das Ding für uns. Ich sag dir, in einem Monat haben wir das Geld verdoppelt.“
Ich machte Nico Appetit bis er schließlich aufsprang.
Die Woche ging zu Ende.
„Und?“, fragte Herbert. „Haste den Schein noch? Irgendwie nicht so toll diesmal“
Ich bestätigte. „Du auch noch, oder?“
Herbert nickte.
Ich fuhr fort.
„Ich bin mit, halt dich fest, 20.000 Euro drin.“
Dann herrschte Stille im Bürozimmer. Herbert schloss wortlos und unauffällig die Tür.
„20.000 Euro? Bist du denn verrückt?“
Mir wurde wieder heiß und ich schluckte.
„Warum? Wir waren uns doch einig“, antwortete ich. „Was kann schon passieren?“
Herbert sah mich ernst an.
„Das musst du wissen Paul, es ist dein Geld. Aber übertreib es nicht.“
Er öffnete wieder die Tür.
„Haste für heute Mittag schon was zum Essen bestellt?
Hey Paul?“
Ich antwortete abwesend.
„Ich, ja, ich hab was da.“
Herbert schüttelte den Kopf und ging.
Ich bekam plötzlich ein schlechtes Gefühl, welches den ganzen Tag andauerte. Hunger hatte ich auch keinen mehr.
Die Nacht und die Kommenden schlief ich extrem schlecht.
„20.000 Euro“, du bist verrückt, dachte ich immer wieder zu mir selbst.
Der Markt blieb die nächsten Wochen auf gleichem Niveau. Nico war dennoch begeistert von meinem Tipp.
Es war Anfang April. Der Markt fiel. Herbert kam zu mir ins Büro. Er merkte dass ich schlecht gelaunt war.
„Sowas passiert halt Paul“, stieß er mich an. „Der nächste Trade wird besser.“
Ich sah ihn ungläubig und gelangweilt an.
Herbert ergänzte seinen Satz.
„Ich hab vorhin verkauft mit minus 25 Prozent.“
Ich Schluckte.
„Ja? Dann verkaufe ich jetzt auch“, sagte ich mit heiserer Stimme.
„25% von 20.000 Euro sind 5.000. Wir haben ja fast zum selben Kurs gekauft.“
Mit Mühe bekam ich ein Grinsen über die Lippen, denn ich wusste es besser, welchen Schein ich für 20.000 Euro gekauft hatte.
„Ich werds überleben“, brummte ich zu Herbert. „Ich werds überleben.“
„Weiter geht’s Paul.“
Ich war bereits 77 Prozent im Minus. Mittags rief mich Nico an.
„Verdammte Scheiße man. Da sind wir aber ganz schön auf die Nase gefallen. Was machen wir denn jetzt?“
„Wir kaufen nach“, sagte ich entschlossen. „Der Markt ist mittlerweile so stark gefallen, dass er morgen wieder steigen muss. Eine klassische Gegenkorrektur. Damit holen wir alles auf einmal wieder zurück und sind fein raus.“
Nico bestätigte.
Nachdem ich mein Liquides Vermögen für die Wohnung verwendet hatte, war der Betrag auf dem Konto fast aufgebraucht. 20.000 Euro lagen in einem Depot welches nur noch 4.600 Euro wert war.
Ich ging zum Rauchen ins Freie. Theoretisch hatte ich ja noch das Bargeld von Erik und den anderen. 15.000 Euro waren es locker noch, nachdem eine Person bereits abgesprungen war. Ich dachte nach.
