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Dieser Roman ist "anders". Die Autorin lässt die Hauptfigur ihre Geschichte in Form eines Tagebuches erzählen. Während die junge Studentin außergewöhnliche spirituelle Erfahrungen durchlebt, erhält der Leser durch das Tagebuch Einblicke in ihre tiefsten Gedanken und Gefühle. Ohne jemals ihren Namen zu kennen, geht der Leser gemeinsam mit der jungen Frau auf eine Reise zu sich selbst durch ihre Träume, vergangene Leben, außergewöhnliche Jenseitserfahrungen und die Liebe, an die sie nie geglaubt hat. Diese Reise führt dich zu keinem gewöhnlichen Happyend, sie kann dich aber zu dir selbst führen, dir die Angst vor dem Tod nehmen und dir wichtige Erkenntnisse bringen.
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Seitenzahl: 256
Veröffentlichungsjahr: 2021
Du bist das Licht
Tagebuch einer Seele vom
Diesseits & Jenseits
Tamura Stille
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Für die wundervollen
Lichter
Jenni , Joe und Annie
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig.
Bibliografische Informationen der Deutschen
Nationalbibliothek:
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© Copyright 2021 Tamura Stille
Verlag & Druck: tredition GmbH
Halenreie 40-44,
22359 Hamburg
ISBN Paperback: 978-3-7497-9267-2
ISBN Hardcover: 978-3-7497-9268-9
ISBN e-Book: 978-3-7497-9269-6
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Prolog
Immer habe ich gespürt, dass etwas um mich ist, das mich schützt und leitet, schon bevor mir meine Großeltern das Tagebuch meiner Mutter übergaben, die bei meiner Geburt gestorben ist. Von klein auf, habe ich mich sicher und behütet gefühlt.
16. September
Eigentlich bin ich nicht der Typ, der Tagebuch schreibt. In der Schulzeit haben viele meiner Freundinnen einem Tagebuch ihre ersten Liebesabenteuer und ihren Herzschmerz anvertraut. Für mich war das nichts. Weder hatte ich romantische Illusionen von der Liebe, noch Interesse am sogenannten anderen Geschlecht. Meine Gründe sind andere. Ich beginne dieses Tagebuch, weil ich mich sonst keiner Menschenseele anvertrauen kann. Weil das, was mir gerade widerfährt, zu unglaublich ist. Deshalb muss ich es niederschreiben. Wenn ich das Unfassbare aufschreibe, ist es realer, dann kann ich glauben, dass es wirklich passiert ist und nicht nur Traum oder Einbildung war.
Schon seit einigen Jahren habe ich dieses innere Vibrieren gespürt. Es ergreift mich meist abends im Bett,in den Momenten kurz vor dem Einschlafen oder gleich nach dem Erwachen. Dabei ist es nicht mein Körper der vibriert. Ich fühle die Vibrationen in meinem Inneren. Das hat mich nie sonderlich beunruhigt. Da war nur leichtes Erstaunen und Interesse, wenn es auftauchte. Meist schlief ich darüber ein. In den vergangenen Wochen wurde das Vibrieren immer intensiver. Nun war ich doch beunruhigt und fragte mich, was das wohl zu bedeuten hat und wohin es führen wird.
Letzte Nacht geschah was nicht zu glauben ist. Nachdem die Vibrationen begonnen hatten, nahmen sie immer weiter zu, wurden stärker und stärker, mir war, als würden Lichtringe meinen Körper hinunter und wieder hinauf wandern. Ich spürte eine warme, starke Energie. Angst wollte in mir aufsteigen. Plötzlich hörte alles auf. Ich fühlte mich irgendwie anders, leichter. Ich öffnete meine Augen und bekam den Schock meines Lebens. Verkehrt herum über meinem Bett schwebend blickte ich auf mich selbst hinunter. Mein Körper lag da und schlief. Doch wenn das unter mir im Bett mein Körper war, wie war es dann möglich mich selbst von oben zu sehen? Was war ich dann und womit sah ich? Mit meinen körperlichen Augen offensichtlich nicht. Jetzt erst bemerkte ich, dass mein Schlafzimmer in eine Art lichten Nebel getaucht schien. Alle Gegenstände waren unscharf, die Kommode, der Schrank und das Bett auf dem mein Körper ruhte. Ich überlegte, ob es in diesem Zustand möglich wäre, sich irgendwie fortzubewegen. Ich wollte versuchen, mit Schwimmbewegungen zum Schrank zu gelangen. Kaum hatte ich dies gedacht, war ich auch schon dort. Es war, als hätte schon allein der Gedanke an den Schrank genügt, mich zu ihm zu befördern. Vorsichtig streckte ich meine Hand aus, um die Oberfläche des Schrankes zu berühren. Erstaunt beobachtete ich, wie das was mein Arm und meine Hand sein mussten, sich mir aber nur in leicht silbrig glänzenden Umrissen zeigte, an den Schrank fasste. Seine Oberfläche war nicht so fest wie gewohnt. Er fühlte sich irgendwie nachgiebig und weich an. Ich verstärkte den Druck und war plötzlich bis zum Ellenbogen im Schrank verschwunden. Erschrocken wollte ich die Hand zurückziehen, als ich verwundert feststellte, dass sich auch mein Sehvermögen geändert hatte. Aus mir unerklärlichen Gründen war ich in der Lage, durch die geschlossene Schranktür all meine Sachen zu sehen. Vorsichtig zog ich meinen Arm wieder zurück. Ich war fasziniert und verwirrt. Was passierte mit mir? Ich schaute an mir hinunter, ein leichter silbriger Lichtschimmer, zeigte mir die Konturen meines Körpers. Während ich mich in meinem Schlafzimmer umsah, nahm ich alles gleichzeitig wahr, die Möbel mitsamt ihrem Inhalt. Sogar durch die Wände unseres Hauses konnte ich sehen. Wie durch trübes Glas erblickte ich das Nachbarhaus hinter der einen und unseren Garten hinter der anderen Wand. Meine Gedanken wanderten zu dem alten Kirschbaum in unserem Garten. Kaum hatte ich an ihn gedacht, spürte ich eine leichte Bewegung und fand mich im Garten, neben dem Kirschbaum wieder. Erstaunlich, Bewegung durch Gedankenkraft! Wie funktionierte das? Mir wurde klar, dass ich besser auf meine Gedanken acht geben sollte, wenn ich nicht sonstwo landen wollte. Trotzdem das Mondlicht die Nacht nur leicht erhellte, nahm ich die Farben der bunten Herbstblumen ganz deutlich und intensiv wahr. Über allem lag ein silbriger Schein. Irgenwo erklang leise Musik und nahm meine Aufmerksamkeit gefangen. Es klang wie mittelalterliches Flötenspiel. Nach der Quelle dieser wunderschönen Melodie suchend, sah ich mich um. Jemand stand am Rosenbogen. Er spielte ein seltsam aussehendes, mir unbekanntes Instrument. Die Gestalt machte, während sie weiter spielte, eine leichte Verbeugung in meine Richtung. Durch den Umhang mit Kapuze, konnte ich nicht erkennen, ob es ein Mann oder eine Frau war. Ich fühlte Angst und vorsichtige Neugier. Wer war das und was machte er oder sie in unserem Garten? Die Gestalt hatte nun aufgehört zu spielen, blieb aber an ihrem Platz stehen. Obwohl ich unter der Kapuze kein Gesicht erkennen konnte, hatte ich den Eindruck, dass sie mich ansah. Ich weiß nicht wieso, doch sie kam mir sehr vertraut vor und ein Gefühl von Freude erfüllte mich. Freude von der Art, die man spürt, wenn man einen lange nicht gesehenen Freund wieder trifft. Dann hörte ich eine Stimme. Das verwunderliche war, dass die Stimme nicht von Außen kam. Ich vernahm sie nicht mit meinen Ohren, sie erklang in meinem Inneren. Sie sagte: „Hab keine Angst, alles ist wie es sein soll.“ Was meinte sie damit? Was war wie es sein soll? Ich fing an mich zu sorgen und fragte mich, ob ich vielleicht gestorben war. Aber es gab mich ja noch, also konnte ich nicht gestorben sein. Doch vielleicht war mein Körper gestorben. Wie er vorhin so regungslos unter mir im Bett gelegen hatte, konnte es durchaus möglich sein, dass ich mausetod war. Ich spürte den starken Wunsch meinen Körper zu sehen, um herauszufinden, was geschehen war, ob ich wirklich tot war. Ein starkes, unangenehmes Ziehen an meinem Rücken, wie von einem gespannten Gummiband, lenkte mich ab. Plötzlich lag ich auf meinem Bett, mit und in meinem Körper. Vorsichtig bewegte ich Arme, Hände, Beine und Füße. Eine Welle der Erleichterung durchflutete mich. Alles in Ordnung, ich war nicht tot. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Mein Herz klopfte, wie wild in meiner Brust. Nach ein paar Minuten der Besinnung, entschloss ich mich aufzustehen. Ich betastete meinen Körper und sah in den Spiegel. Ich fühlte mich an wie immer und wie immer, blickte mir aus dem Spiegel eine junge Frau Ende Zwanzig, mit langen blonden Haaren und blauen Augen entgegen.
Nun sitze ich hier, schreibe all das eben erlebte in der Hoffnung nieder, vielleicht etwas Klarheit zu bekommen. War das nur ein Traum oder bin ich gerade tatsächlich außerhalb meines Körpers gewesen? Habe ich das alles wirklich erlebt? Es hat sich so real angefühlt, aber wie war das möglich? Wie konnte ich mich von meinem Körper lösen? Wenn ich nicht mein Körper bin, was bin ich dann? Ja, was oder wer bin ich? Diese Frage beschäftigt mich schon mein halbes Leben. Seit meinem zwölften Lebensjahr habe ich mich oft gefragt, wozu ich überhaupt am Leben bin und was das Leben für einen Sinn haben soll. Würde es einen Unterschied machen, wenn es mich nicht gäbe? Menschen, die einer Religion angehören, haben es da wohl etwas leichter. Ihre Religion gibt Ihnen Regeln und Sinn vor. Da ich aber,wie meine Eltern ohne Religion und Glauben aufgewachsen bin, musste ich mich selbst auf die Sinnsuche begeben. Ich beobachtete die Menschen meiner Umgebung, in der Hoffnung, wenn ich sie verstehen würde, könnte ich auch mich verstehen und erkennen. Ich merkte schnell, dass ich mir das zu leicht vorgestellt hatte. So einfach ist es nicht, hinter die Masken zu schauen, unter denen sich die Menschen versteckten um zu vermeiden, dass man in ihre Seele blickt. Deshalb habe ich mich entschlossen, Psychologie zu studieren. Ich hoffte, das Studium würde mir helfen, durch die Masken hindurch, tiefer in die Seelen meiner Mitmenschen und natürlich auch meine eigene schauen zu können. Zu meiner Enttäuschung, war mir relativ schnell nach Studienbeginn klar geworden, dass ich an der Universität vielleicht einiges über die menschliche Natur lernen würde, aber nichts oder nur wenig über die Seele. Nach der gängigen wissenschaftlichen Meinung, gibt es keine vom Körper unabhängige Seele, die den menschlichen Körper belebt, auch wenn unsere Vorfahren sich dessen sicher waren. Ich saß in den Vorlesungen und wusste nicht, was ich glauben sollte. Was ich hörte schien mir logisch, aber etwas in mir lies mich immer zweifeln. Sollten wir tatsächlich seelenlos sein? Die einzig interessanten Vorlesungen sind die bei Professor Herbst, er scheint die Existenz der menschlichen Seele nicht abzulehnen. In seinen Vorlesungen versucht er seinen Studenten die Beziehungen und Ansichten der alten Kulturen, aber auch die der heute noch lebenden Naturvölker zur menschlichen Seele nahezubringen. Früher glaubten die Menschen, nach dem Tod würde die Seele den Körper verlassen. Die Ansichten wohin die Seele nach dem Tod gelangt, gehen bei den einzelnen Völkern und Religionen jedoch weit auseinander. Meine Zweifel aber auch die spannenden Vorlesungen von Professor Herbst, liesen mich nach Büchern suchen, die mir Antwort auf meine vielen Fragen geben sollten. Vor kurzem bin ich dabei auf ein Buch über Nahtoderfahrungen gestossen. Es handelte von Menschen, die fast gestorben wären. Diese berichteten davon, dass sie ihren Körper verlassen hatten und sich sehr schnell durch einen Tunnel auf ein Licht zu bewegten.
Könnte es sein, dass ich gerade so ein Nahtoderlebnis hatte? War ich eben kurz tot und bin ins Leben zurückgekehrt? Doch ich habe weder Tunnel noch Licht gesehen. Was also ist da gerade mit mir passiert und wer war diese geheimnisvolle Gestalt? Fragen über Fragen und niemand, der sie mir beantworten könnte. Was soll ich nur tun? Was wenn es wieder passiert? Mir wird schmerzlich bewusst, dass ich mit niemanden über das eben Geschehene reden kann und darf. Hätte ich es nicht selbst erlebt, ich würde es auch nicht glauben. Wenn das wirklich real war, dann sind wir nicht nur unser Körper. Wir sind viel mehr. Aber was sind wir wirktlich?
17. September
Heute war ich beim Arzt und habe mich durchchecken lassen. Die Ereignisse der letzten Nacht haben mir einfach keine Ruhe gelassen. Mein Arzt konnte nichts finden und meinte, körperlich und psychisch sei ich vollkommen gesund. Die Vibrationen von denen ich ihm berichtet habe, konnte er sich auch nicht erklären, hielt sie aber nicht für besorgniserregend. Dass ich letzte Nacht meinen Körper verlassen habe, verschwieg ich vorsichtshalber. Man weiß ja nie, vielleicht hätte er mich dann doch für verrückt gehalten und einweisen lassen. Nach ärztlichem Ermessen bin ich also gesund. Trotzdem ist es wieder passiert. Ich hatte mich gerade hingelegt, als die Vibrationen auch schon begannen und immer stärker wurden. Die Lichtringe erschienen. Unwillkürlich kamen mir die Erinnerungen und Bilder der letzten Nacht in den Sinn. Gleich darauf, fand ich mich unter der Decke schwebend wieder. Neugier packte mich. Wenn mein Körper da unter mir im Bett lag, wie sah dann wohl das aus, was ich momentan als Ich empfand? Gestern hatte ich das vor lauter Aufregung nur oberflächlich wahrnehmen können. Ich sah an mir herunter, dahin wo mein Oberkörper, meine Beine und Arme sein mussten, hielt mir die Hände direkt vors Gesicht, um sie genauer betrachten zu können. Alles hatte seine gewohnten Formen und Proportionen und sah doch überraschend anders aus, irgendwie silbrig, durchscheinend, wie glitzerndes Wasser im Sonnenschein, das eine menschliche Form angenommen hat. Das was ich sah, schien sich irgendwie wellenförmig zu bewegen, zu verändern, im Fluss zu sein. Ich begriff, dass meine nichtphysische Gestalt eine Art Energie sein musste. Sie bildete meinen Körper wieder, so wie ich ihn kannte. Ich vermutete, dass auch mein restlicher Körper so aussah. Um dies zu überprüfen, nutzte ich meine gestrige Erfahrung und dachte konzentriert an den großen Spiegel neben meiner Kommode. Wie erwartet, befand ich mich fast im gleichen Augenblick direkt davor. Es ist also tatsächlich möglich, man muss in diesem Zustand nur an einen Ort denken und schon wird man auf geheimnisvolle Weise dorthin transportiert. Anfangs war kein Spiegelbild zu sehen. Als ich mich ganz dicht davor schob, hatte ich den Eindruck zwei Spiegel vor mir zu haben. Der eine schien ein klein wenig dichter zu sein als der andere. In ihm konnte ich undeutlich eine schemenhafte Gestalt wahrnehmen, die wohl ich war. Auch mein Zimmer wurde von dem Spiegel doppelt gezeigt. Ich wandte mich um. Tatsächlich, von den Möbeln in meinem Zimmer schien es jeweils zwei Exemplare zu geben. Es machte auf mich den Eindruck, als wären sie ganz leicht phasenverschoben. Während das eine Zimmer deutlicher zu sehen war, erschien das andere irgendwie blasser, unwirklicher. Eigenartigerweise waren die beiden Zimmer nicht ganz identisch. Es gab bei etlichen Stücken leichte Abweichungen, z.B. war der Rahmen um das Bild mit dem untergehenden Mond über dem Meer, in der blassen Variante grün und in der anderen naturfarben, auch die Griffe an der Kommode waren unterschiedlich und die Marienfigur, welche auf der Kommode stand war aus Holz, im Gegensatz zu der, die ich als Porzellanfigur besitze. Merkwürdig, was hatte das wohl zu bedeuten? Sah ich da zwei vollkommen verschiedene Welten oder sollte ich besser Realitäten sagen? In welcher dieser Welten befand ich mich gerade? Ich vermutete, dass die blassere Version die normale materielle Welt war, da in dieser mein Körper auf dem Bett lag. Demzufolge musste die deutliche Version die Ebene sein, in der sich mein außerkörperliches Ich momentan aufhielt. Ich beschloss, die anderen Räume des Hauses zu erkunden und wollte mit meinem Wohnzimmer beginnen. Kaum hatte ich daran gedacht, war ich auch schon dort. Diese Art von A nach B zu kommen verblüfft mich jedes Mal wieder, sehr beeindruckend. Es wäre außerordentlich praktisch, dies auch im körperlichen Zustand zu können. Im Wohnzimmer war die Doppelnatur der Dinge ebenfalls vorhanden, alles zweifach, wenn auch in manchen Details verändert. Ich dachte bewusst an die Küche und schon fand ich mich vor dem Kühlschrank wieder. Akita meine Hündin und mein Kater Merlo schliefen friedlich aneinander gekuschelt in Akitas Hundekorb. Als ich näher kam, hoben sie ihre Köpfe und sprangen erfreut auf mich zu. Ich war erstaunt, dass sie mich sehen konnten. Noch verwunderter war ich jedoch, als ich feststellte, dass auch sie zweimal existierten. Das eine Pärchen lag immer noch friedlich schlafend im Korb. Das andere sprang quicklebendig um meine Beine herum und bettelte um Streicheleinheiten. Ich beugte mich zu ihnen und streichelte sie abwechselnd, dabei stellte ich fest, dass sie sich ganz fest und real anfühlten. Das Alles wurde immer spannender. Bisher hatte ich nicht die geringste Ahnung, dass Tiere und Menschen zu so etwas fähig sind. Wir waren wohl in der gleichen Dimension oder Energieebene oder wie immer die richtige Bezeichnung dafür lautet. Irgendwie fand ich es tröstlich, nicht allein als „Geist“ durch meine kleine, gemütlich eingerichtete Dachgeschosswohnung zu wandern. Wehmütig dachte ich daran, dass ich mein kleines Refugium, im Haus meiner Eltern wahrscheinlich bald verlassen muss. In einem Jahr hoffe ich Doktor der Psychologie zu sein und werde wohl dorthin ziehen müssen, wo ich Arbeit finde.
Mir kam der Gedanke, nach meinen Eltern zu sehen. Fast im selben Moment befand ich mich in ihrem Schlafzimmer, am Fußende ihres Bettes. Akita und Merlo saßen neben mir. Ihre „Geister“ mussten mir gefolgt sein. Meine Eltern schliefen friedlich. Da hörte ich leise Mamas Stimme: „Was tust du hier Liebes?“. Merkwürdig, Mama sah immer noch aus als schliefe sie fest. Ich hatte sie auch nicht sprechen sehen. Ich fragte leise: „Mama bist du wach? Kannst du mich sehen?“ Wieder hörte ich ihre Stimme in mir: „Ich weiß dass du da bist, was gibt es denn?“ Dabei lag sie weiter friedlich schlafend im Bett. Das war sehr eigenartig, fast schon unheimlich. Wer redete da? Meine Gedanken gingen zu meinem eigenen Körper, der ebenfalls gerade schlief. Ob ich mit ihm auch so reden könnte? Wohl eher nicht. Ich war ja nicht mehr in ihm. Aber wieso blieb er weiter am Leben, auch wenn ich draußen war, was hielt ihn am Leben? Gleich darauf lag ich in meinem Bett. Ich begriff, dass mich der Gedanke an meinen Körper in diesen zurück befördert haben musste. Wollte ich also draußen bleiben, durfte ich nicht an meinen Körper denken. Meine Gedanken, egal ob bewusste oder unbewusste, wurden sofort umgesetzt. Wie oder durch wen das geschah, blieb ein Rätsel. Zum zweiten Mal durchzuckte mich die Erkenntnis, wie wichtig es ist, im außerkörperlichen Zustand meine Gedanken besser unter Kontrolle zu halten. Das das recht schwierig werden könnte, wusste ich vom Studium. Normalerweise hat der Mensch ständig irgendwelche Gedanken im Kopf ohne sich dieser richtig bewusst zu sein. Fragt man einen Menschen, was er vor fünf Minuten gedacht hat, kann er sich meist nicht mehr daran erinnern. Also werde ich im normalen Alltag üben müssen, bewusst und kontrolliert zu denken, um im außerkörperlichen Zustand konzentriert genug zu sein und nicht in Schwierigkeiten zu geraten.
Heute Morgen beim gemeinsamen Frühstück versuchte ich herauszubekommen, ob meine Eltern sich an meine Anwesenheit in ihrem Schlafzimmer erinnerten. Daher fragte ich vorsichtig nach, ob sie gut geschlafen hätten oder vielleicht irgendetwas Merkwürdiges in der Nacht geschehen wäre. Meine Mutter sah mich erstaunt an und fragte, was ich damit meinen würde. Ich wollte die Beiden nicht beunruhigen und erzählte nichts. Es reichte schon, dass ich an meinem Verstand zweifelte. Wenigstens schienen Akita und Merlo sich noch gut an unsere außerkörperliche Begegnung der letzten Nacht zu erinnern. Den Tag über waren die Beiden ganz besonders anhänglich und wichen mir nicht von der Seite.
Ich weiß immer noch nicht, was ich von dem Ganzen halten soll. Ist es real oder werde ich verrückt? Warum passiert das ausgerechnet mir und was hat es zu bedeuten? Wenn jemand zu mir kommen würde und würde mir das als sein Erlebnis schildern, würde ich ihm nicht glauben und ihm raten, zu einem Arzt zu gehen. Aber ich war ja beim Arzt und der meinte ich sei gesund. Auch die psychologischen Tests, für die ich mich im Rahmen eines Studienprojektes an der Uni freiwillig gemeldet habe, haben nichts Beunruhigendes ergeben. Laut den Testergebnissen bin ich vollkommen normal.
18. September
Ich war nicht sehr verwundert, mich nach dem Vibrieren wieder außerhalb meines Körpers zu finden. Nun passierte es schon zum dritten Mal hintereinander. Anfangs sah ich mein Schlafzimmer wie gestern in doppelter Ausführung, dann verschwand die blassere Version mehr und mehr. Kurz nach dem Austritt aus meinem Körper hatte ich noch relativ deutlich beide Dimensionen wahrnehmen können. Dass nach einiger Zeit die Gegenstände der physischen Dimension verblassten, lag vermutlich daran, dass sich meine Energieschwingung weiter erhöht hatte. Während ich so über meinem Bett schwebte, überlegte ich, ob es nicht an der Zeit war, auch einmal die Gegend außerhalb unseres Hauses zu erkunden. Doch wie sollte ich in meinem nicht materiellen Zustand das Fenster öffnen? Bei meinen Versuchen Gegenstände zu bewegen, hatte ich meist einfach hindurch gegriffen. Während ich noch darüber nachdachte, wurde ich einfach durch das geschlossene Fenster hinausgezogen und schwebte in beträchtlicher Höhe über unserem Garten. Ein unbändiges Gefühl von Freude und Freiheit ergriff mich. Ich fühlte mich wunderbar leicht. Während meiner Spaziergänge mit Akita, hatte ich oft die über uns kreisenden Bussarde am Himmel bewundert. Ich wünschte mir, wie sie durch die Lüfte zu gleiten und die Welt von oben aus großer Entfernung zu betrachten. Nun konnte ich es. Ich breitete die Arme aus und flog langsam über unsere Stadt. Wie klein von oben alles aussah, der hohe Kirchturm und das Rathaus, die Straßen und kleinen Gassen mit ihren Häusern. Schon hatte ich den Badesee am Stadtrand erreicht. Es war dunkler hier, da es keine Straßenbeleuchtung gab. Trotzdem konnte ich sehen, was unter mir war, da alles durch einen diffusen Schein erhellt wurde. Während ich langsam über das nachtschwarze Wasser des Sees glitt, warf dieser mir das silberleuchtende Spiegelbild des Mondes und abertausender funkelnder Sterne zurück. Ich flog schneller und immer schneller über Felder und Wälder hinweg. In mir jubelte es, das war Freiheit, wirkliche Freiheit. Ein Gedanke blitzte auf, wäre es nicht schön, sich wie eine Möwe vom Wind über das Meer tragen zu lassen. Ich liebe das Meer. Ich hatte kaum zu Ende gedacht, da sah ich die wogenden Wellen unter mir. Einfach fantastisch wie schnell die Gedanken umgesetzt wurden. Wer machte das? War ich das selbst? Welches Meer war das, die Ostsee, die Nordsee, der Atlantik? Eine Weile genoss ich es, so leicht und frei über dem Wasser zu schweben, dann nahm ein noch übermütigerer Gedanke von mir Besitz. Könnte ich wohl auch so schnell in Australien sein und meiner Freundin Jenny einen kurzen Besuch abstatten? Ich spürte so etwas wie einen starken Luftzug, die Umgebung verschwamm, wurde wieder klarer und ich befand mich in Sydney in der kleinen Wohnung meiner Freundin. Unglaublich, ich hatte an Jenny gedacht, sie mir vorgestellt und mich zu ihr gewünscht. Jetzt saß sie mir gegenüber auf einem hölzernen Küchenstuhl, die Beine wie üblich im Schneidersitz, eine Schale Müsli mit Obst in der Hand, frühstückte sie gemütlich. Dabei blätterte Jenny in einem Buch, das auf dem kleinen runden Tisch vor ihr lag. Da war sie, meine Freundin. Ich freute mich unglaublich, sie nach drei Monaten wieder zu sehen. Wie es schien, hatte sie es gut getroffen. Die Wohnung war zwar klein, doch sehr gemütlich, das hatte ich schnell mit einem Blick durch die Wände erfasst. Außerdem war da noch dieser grandiose Ausblick über die Skyline von Sydney. Während es zu Hause noch tiefste Nacht war, ging in Sydney schon die Sonne auf, dort war der Morgen angebrochen. Ich versuchte Jenny auf mich aufmerksam zu machen, rief laut ihren Namen, wedelte mit meinen Händen vor ihrem Gesicht herum. Keine Reaktion, sie sah mich nicht. Ich rief ihren Namen immer lauter. Einmal sah sie sich suchend um, so als hätte sie etwas gehört. Ich fasste sie an der Schulter und rief „Jenny hier bin ich!“. Wieder sah ich ihren lauschenden, fragenden Blick. Sie berührte ihre Schulter, genau da wo meine Hand lag und griff durch diese hindurch. Plötzlich vernahm ich ihre Stimme, obwohl sich ihre Lippen eindeutig nicht bewegten: „Was machst du denn hier? Das ist ja wundervoll dich hier zu sehen.“ Ich war irritiert. Ich hatte sie nicht sprechen sehen. Trotzdem, ich hatte sie doch gehört. Es war genauso wie bei meiner Mutter gestern Nacht. Was war das nur für eine merkwürdige Sache? Ich fragte Jenni, wie es ihr in Sydney gefällt und was sie da für ein Buch lesen würde. Wieder erhielt ich Antwort, ohne dass sich ihr Mund bewegte. Sie berichtete mir, dass es ihr gut gehe, dass das Auslandssemester in Australien eine super Idee gewesen sei und sie gerade ein sehr interessantes Buch über die sozialen Beziehungen der Aborigines lese. Während des Gesprächs, hatte sie sich eine neue Schale Müsli geholt, einen Milchkaffe gemacht und weiter in dem Buch geblättert, so als ob ich gar nicht da wäre. Das Ganze war sehr skurril. Es war als würde ein Teil von ihr wissen, dass ich anwesend bin und dieser Teil unterhielt sich mit mir, sendete mir Gedanken, Worte. Ihr Körper aber und ihr Wachbewusstsein bekamen scheinbar davon nichts mit. Ich spürte plötzlich wieder dieses merkwürdige Ziehen in meinem Nacken und Rücken. Ich wollte es ignorieren, da ich fürchtete von Jenny weg, zurück in meinen Körper gezogen zu werden. Es war zwecklos, im selben Moment fand ich mich in meinem Bett und Körper wieder. Meine Blase meldete sich und ich ging auf Toilette. Danach schaute ich auf die Uhr. Es war gerade mal eine halbe Stunde vergangen. Mir erschien es, als seien es wenigstens vier Stunden gewesen.
Ich nahm meinen Laptop und schrieb Jenny eine E-Mail, in der ich sie fragte wie ihr das Müsli schmecke und ob das Buch über die Aborigines interessant wäre. Nur ein paar Minuten später erhielt ich Antwort. Jenny fragte, woher ich wüsste was sie gerade macht und welches Buch sie liest. Dies zeigte mir, dass sie offensichtlich nichts von meinem Besuch mitbekommen hatte und sie sich auch nicht an unsere Unterhaltung erinnerte. Halb ärgerlich, halb amüsiert erkannte ich, dass ich mir selbst ein Bein gestellt hatte. Was sollte ich Jenny antworten? Das hätte ich vorher bedenken sollen. Ich bereute, meine Frage nicht vorsichtiger formuliert zu haben. Ihr per E-Mail von meinen außerkörperlichen Ausflügen zu berichten, war keine Option. Vielleicht wenn sie mir jetzt hier gegenüber säße, vielleicht könnte ich es ihr irgendwie glaubhaft machen, aber bestimmt nicht in einer E-Mail. Ich wünschte wirklich ich könnte mit jemanden darüber reden, der mich nicht für verrückt halten wird. Schweren Herzens entschloss ich mich zu einer Notlüge und schrieb zurück, dass Müsli schon immer ihr Lieblingsfrühstück gewesen wäre und sie mir bei unserem letzten Telefonat von dem Buch erzählt hätte. Sie antwortete, dass sie sich später noch einmal melden würde, da sie nun leider zur Vorlesung müsse. Sie könne sich aber nicht erinnern, mir von dem Buch erzählt zu haben. Ich war erleichtert und hoffte sie würde es vergessen und nicht weiter nachfragen.
21. September (Vormittag)
Die letzten Tage und Nächte ist nichts Außergewöhnliches passiert. Ich habe ganz normal geschlafen. Ich weiß nicht, ob ich traurig oder froh darüber sein soll. Mich beschäftigt die Frage, ob es wieder passieren wird oder ob das eines dieser Wunder war, die einem nur einmal im Leben geschehen. Wenn ich nur wüsste, was den Zustand der Außerkörperlichkeit ausgelöst hat, dann könnte ich ihn eventuell bewusst herbeiführen. Nun wo ich das vielleicht nie wieder erlebe, fühlt es sich wie ein großer Verlust an. Eins ist klar, die Vibrationen haben auf jeden Fall damit zu tun, aber die habe ich die vergangenen Tage nicht gespürt. Was war anders? Normalerweise gehe ich zeitig schlafen, wenn ich am nächsten Tag zur Uni muss. Die letzte Zeit bin ich immer erst sehr spät ins Bett gekommen, da ich mit meinen Kommilitonen unterwegs war. Einer von ihnen hatte mich etwas provozierend gefragt, ob ich mich das ganze Studium in den Büchern verstecken wolle. Mit einem lustigen Augenzwinkern meinte er, ich müsse unbedingt auch einmal von den schönen Seiten des Studentenlebens kosten. Er würde ein Nein zu seiner Einladung, mit ihm und ein paar anderen Studenten in den Club zu gehen, nicht akzeptieren. Das hätte auch von meinen Eltern sein können. Ich weiß, sie meinen es nur gut, wenn sie mir sagen, ich solle nicht immer nur lernen, sondern auch mal Spass haben. Zu ihrem Leidwesen haben mich die Studentenpartys nie interessiert. Wäre es nicht der gut aussehende, geheimnisvolle Mike gewesen, ich hätte sicher trotzdem mit einer Ausrede abgelehnt. Aber seine provokante und freche Art lies mich ohne nachzudenken seine Einladung annehmen. Irgendetwas an ihm fesselt mich. Ich kann nicht sagen, was genau es ist, dass mich so fasziniert. Sicher, mit seinen blonden, verwuschelten Haaren, die aussehen als wäre er gerade erst dem Bett entstiegen, seinen strahlendblauen, meist lustig funkelnden Augen und seiner sportlichen Figur sieht er ganz attraktiv aus. Fast immer ist er zu irgendwelchen Späßen aufgelegt. Ich mag seine Art von Humor. Was ihn aber wirklich interessant für mich macht ist, dass es auch eine ganz andere, geheimnisvolle Seite von ihm zu geben scheint. Manchmal habe ich ihn still und versunken unter der großen Kastanie vor der Uni sitzen sehen. Was da wohl in ihm vorging? Die letzten Tage sind wir uns ein wenig näher gekommen. Wir waren mit den Anderen feiern und tanzen, daher bin ich immer erst nach Mitternacht zu Hause gewesen. Es war schön, unterhaltsam und lustig aber auch irgendwie anstrengend. Ich bin es einfach nicht gewohnt ,unter so vielen Menschen zu sein und so lange aufzubleiben. Ich vermute, das könnte der Grund sein, weshalb die Vibrationen ausblieben. Muss mein Körper, muss ich entspannt und ausgeruht sein, damit mein nicht physisches Ich sich von meinem physischen Körper lösen kann? Ich habe ein wenig in der Unibibliothek und im Internet über außerkörperliche Erfahrungen nachgeforscht. So ganz einzigartig scheinen meine Erlebnisse doch nicht zu sein. Außer den Nahtoderfahrungen von denen ich schon gelesen hatte, gibt es bei den Naturvölkern Schamanen und Heiler, die sich in Trance versetzen und dabei ihren Körper verlassen. Im alten Ägypten muss bei den Einweihungszeremonien etwas Ähnliches geschehen sein. Bei meinen Recherchen habe ich auch Berichte von ganz normalen Menschen gefunden, die sich plötzlich ohne Vorankündigung außerhalb ihres Körpers befanden. Das waren allerdings meist nur einmalige Erlebnisse, nicht wiederholbar. In diesen Berichten stand leider nichts davon, dass die Personen, wie ich, vorher ein Vibrieren gespürt hätten. In einem der Bücher habe ich folgende Definition von Außerkörperlichkeit gefunden: "Zustand außerhalb des eigenen Körpers, bei dem man trotzdem bei vollem Bewusstsein ist und weiterhin wahrnehmen und handeln kann. Man ist dabei zu außergewöhnlichen Dingen fähig, wie sich mühelos durch Materie und schneller als das Licht zu bewegen." Dem kann ich nur zustimmen, so habe ich es erlebt.Vielleicht sollte ich einfach etwas herumexperimentieren. Da heute Sonntag ist und ich ausgiebig geschlafen habe, fühle ich mich entspannt und wohl. Wenn dies, wie ich vermute, eine Voraussetzung ist, habe ich vielleicht eine Chance den außerkörperlichen Zustand herbeizuführen.
21. September (Nachmittag)
Es hat funktioniert. Irgendwie habe ich es geschafft. Wenn auch nur kurz, aber ich war außerhalb meines Körpers. Wie hab ich das angestellt? Mal überlegen. Ich lag entspannt auf meinem Bett, die Gedanken kamen und gingen. Ich versuchte ruhig und tief zu atmen und konzentrierte mich auf mein Inneres, lauschte in mich hinein. Dann spürte ich wie die Vibrationen kamen, erst ganz leicht, dann immer stärker. Sie füllten meinen ganzen Körper aus. Ich dachte daran, wie ich beim letzten Mal über die Stadt geflogen bin. Meine Gedanken wanderten weiter zu der geheimnisvollen Gestalt, die ich beim ersten Mal in unserem Garten gesehen hatte. Während der ganzen Zeit versuchte ich mich immer weiter zu entspannen, ohne dabei einzuschlafen. Plötzlich befand ich mich direkt vor unserem Gartenteich. Freude durchflutete mich. Ich hatte es geschafft. Ich überlegte was ich nun weiter tun könnte. Sollte ich Jenny noch einmal in Australien besuchen? Vielleicht würde sie mich dieses Mal sehen oder spüren und sich daran erinnern.
