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»Wenn ich aus den Neuerscheinungen dieses Frühjahrs nur ein einziges Buch auf die einsame Insel mitnehmen dürfte, es wäre ›Du, hier‹ von Julia Wolf.« Claudia Ingenhoven, MDR Kultur »Julia Wolfs Kurzgeschichten gehören zum Besten, was dieses Genre in den letzten Jahren hervorgebracht hat.« Rainer Moritz, Deutschlandfunk Kultur Stella, Judith, Wanda und die anderen Heldinnen in diesem Buch sind nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt. Hineingewachsen in ihre Rollen als Freundinnen, Geliebte, erwachsene Töchter oder späte Mütter, stellen sie fest: Ihre Lebensentwürfe sind brüchig. Und so werden die Begegnung mit der besten Freundin aus Schultagen, die Prügelei mit einem Catcaller oder der Besuch im Haus der gerade verstorbenen Schwiegermutter zu Momenten, in denen sie vorgeprägte Wege verlassen. Feinsinnig, humorvoll und mit entlarvender Ehrlichkeit erzählt Julia Wolf in ihrem ersten Band mit Stories von elf Frauen, die neue Formen von Lust und Wut entdecken. »Bei jeder Geschichte das Gefühl: Oh, wow, die hier wird meine liebste. Diese Stories sind außergewöhnlich – abgründig und einfallsreich. Grandios!« Maria-Christina Piwowarski »Ich will mit Julia Wolfs Figuren befreundet sein. Will mit ihnen lachen, weinen, die Augen verdrehen und die Fäuste heben!« Ruth-Maria Thomas
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Veröffentlichungsjahr: 2026
»Ich will mit Julia Wolfs Figuren befreundet sein. Will mit ihnen lachen, weinen, die Augen verdrehen und die Fäuste heben!« Ruth-Maria Thomas
Stella, Judith, Wanda und die anderen Heldinnen in diesem Buch sind nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt. Hineingewachsen in ihre Rollen als Freundinnen, Geliebte, erwachsene Töchter oder späte Mütter, stellen sie fest: Ihre Lebensentwürfe sind brüchig. Und so werden die Begegnung mit der besten Freundin aus Schultagen, die Prügelei mit einem Catcaller oder der Besuch im Haus der gerade verstorbenen Schwiegermutter zu Momenten, in denen sie vorgeprägte Wege verlassen. Feinsinnig, humorvoll und mit entlarvender Ehrlichkeit erzählt Julia Wolf in ihrem ersten Band mit Stories von elf Frauen, die neue Formen von Lust und Wut entdecken.
»Bei jeder Geschichte das Gefühl: Oh, wow, die hier wird meine liebste. Diese Stories sind außergewöhnlich – abgründig und einfallsreich. Grandios!« Maria-Christina Piwowarski
Julia Wolf
Stories
Du stehst an der Bar und trinkst ein Glas Sekt.
So fängt es an.
So fängt es natürlich nicht an, alles fängt viel früher an, hat in diesem Moment längst angefangen. Aber das Glas Sekt ist das erste Glas des Abends, die ersten 150 Milliliter Flüssigkeit, die du in deinen Körper kippst. Später wirst du dich daran erinnern, wie du an der Bar standest und von deinem Bett eine magnetische Kraft ausging, mit säuselnder Stimme hat es dich gerufen. Dein Name wabert durch die Stadt, aber nein. Du bleibst. Natürlich bleibst du. Deine Freundin braucht dich heute Abend. Deine Freundin ist deine beste Freundin, die älteste, ihr seid zusammen aufgewachsen, habt schon den fünften Geburtstag zusammen gefeiert, den zehnten, den zwanzigsten dann schon in der Stadt, den dreißigsten. Und nun eben den vierzigsten. Streng genommen ist es der zweiundvierzigste, aber die Party zum vierzigsten musste ja ausfallen. Umso wichtiger, dass der Abend gut wird, ihr habt ein wenig Spaß dringend nötig. Wie die Teenies habt ihr euch auf heute gefreut, habt euch gegenseitig Fotos von möglichen Outfits geschickt. Doch jetzt spürst du, dass es ein langer Tag war, eine lange Woche, viele lange Wochen. Endlose Monate. Die Schminke juckt auf der Haut, unter der Schminke fühlen sich deine Gesichtszüge schwer an. Um nicht zu sagen steinern.
»Ich hab’s gewusst«, seufzt deine Freundin und blickt zur Tür. »Kommt keiner!«
Du legst ihr die Hand auf die Schulter. Das war immer schon deine Aufgabe: ihr Mut zuzusprechen. »Wart’s ab«, sagst du, »es ist gerade mal acht!«
Du drehst dich zur Bar um und blickst in das lächelnde Gesicht der Tresenkraft. Du stutzt. Vorhin beim Reinkommen hast du ihn nicht erkannt, aber jetzt, ja, stimmt. Bevor du deinen Mann kennengelernt hast, warst du mal mit dem im Bett. Unglaublich. Dass es mal eine Zeit gegeben haben soll, in der du mit wildfremden Menschen Körperflüssigkeiten ausgetauscht hast. Kurz musst du überlegen, wie der Barkeeper heißt, dann fällt es dir ein, du versuchst zu lächeln und spürst, wie sich dein Gesicht zur Fratze verzieht. Du streifst deine Maske vom Handgelenk, willst sie anziehen, dann lässt du sie doch in der Tasche verschwinden. Heute keine Maske, keine Müdigkeit. Heute wird gefeiert. Du leckst dir den Lippenstift von den Lippen, spülst den staubigen Geschmack mit Sekt runter.
»Noch einen!«, sagst du zum Barkeeper. »Bitte!«
Er nickt, zwinkert dir zu, und da siehst du plötzlich einen Pilz vor dir, mit spitzem Hut, aus buntgemusterten Boxershorts sprießt er dir entgegen. Mit einem Ruck wendest du dich ab.
Keine halbe Stunde später ist die Bar voller Leute. Freunde von früher, ein paar aus eurem Dorf sind auch dabei. Kolleginnen deiner Freundin, die du noch vom letzten Geburtstag kennst. Du ertappst dich dabei, dass du die Luft anhältst. Wie Albatrosse klappen die Gäste ihre Schwingen aus, tapsen vor dem Geburtstagskind auf und ab: Umarmen wir uns, umarmen wir uns nicht? Im Dekolleté deiner Freundin nervöse Flecken. Klar umarmen wir uns! Die Menschen stürzen ineinander, auch dich trifft ein Küsschen. Du widerstehst dem Impuls, es dir abzuwischen. Deine Freundin nimmt Blumen und Geschenke entgegen, ihre Wangen gerötet, du stellst fest: Der Abend läuft. Du kannst dich zurücklehnen, im Hintergrund verschwinden. Könntest. Wenn da nicht so viele Menschen wären. So viele Körper, so nah. Und ihre Gerüche. Noten von Parfum und Schweiß und Zwiebel und Zigarette. Ohne den Barkeeper anzusehen, bestellst du noch ein Glas Sekt.
Da stehst du und übst dich im Unsichtbarsein. Schon als Kind war das dein größter Wunsch. Körperlosigkeit. Dabei sein, ohne gesehen zu werden. Du willst einfach nur im getupften Licht der Diskokugel stehen und alles durch dich hindurchziehen lassen. Gesichter, Stimmen, die Musik. Du willst die Musik sein, das Licht, die Diskokugel. Und gerade, als du denkst, dieses Mal könnte es geklappt haben, jetzt bist du eins geworden mit dem Raum, bist nur noch Mobiliar, greift jemand nach deiner Hand. Du erschrickst, ziehst die Hand zurück. Schüttelst den Kopf. Später vielleicht. Später wirst du tanzen, deiner Freundin zuliebe. Weil das doch dazugehört. Zu einer richtigen Party. Ausgelassenes Tanzen. Bisher, na ja. Was sich so wild nennt. Ironisch wackelnde Ärsche, irgendwer stemmt immer das Dach in die Höhe. Warum. Warum kannst du dich nicht freuen. Über die vertrauten Gesichter. Über die alten Bekannten und ihre unbeholfenen Moves. Du hast dieser Party entgegengefiebert und jetzt sagt die Stimme in deinem Kopf: Bei aller Liebe. Bei aller Liebe ist der Musikgeschmack deiner Freundin ziemlich mies. Die Freunde deiner Freundin mittelmäßig. Eure Freunde. Ihr alle so mittelmäßig und blass. Die ewig ratternde Stimme. Du kannst sie nicht abstellen. Dabei willst du so gar nicht sein. Du willst nicht die Frau sein, die am Rand der Tanzfläche steht und ätzt. Wenn auch nur in Gedanken. Steht dir ja doch ins Gesicht geschrieben. Sauertopf. Du willst niemandem die Stimmung verderben. Du ziehst dein Telefon aus der Tasche. Keine Nachricht von deinem Mann. Du lässt das Telefon wieder verschwinden. Dein Blick wandert durch den Raum. Auf dem Buffet steht ein schmutziger Teller. In einem Aschenbecher wurde eine Zitronenscheibe entsorgt. Du spürst, wie deine Hände zucken, und ermahnst dich. Das ist nicht deine Aufgabe. Für Ordnung zu sorgen. Du bist hier Gast. Vielleicht solltest du dich unterhalten, denkst du. Die Stimme in deinem Kopf übertönen. Vielleicht würde ein Gespräch dich ablenken. Du scannst die Gesichter, du hast sie alle lange nicht gesehen. Es ist so viel passiert. Und gleichzeitig nichts. Worüber solltet ihr denn sprechen? Inzidenzen, Kinder. Auf keinen Fall. Du warst monatelang zu Hause eingesperrt, du hast nichts zu erzählen. Und du willst nicht die Frau sein, die nur darüber redet, wie müde sie ist. Die keine anderen Themen hat. Nicht die Frau, die alle zwei Minuten auf ihr Telefon blickt, ob alles in Ordnung ist. Gar nichts ist in Ordnung. Hast du in letzter Zeit mal Nachrichten geschaut? Die Frau, die zu müde für Nachrichten ist. Mal ehrlich, wenn nichts in Ordnung ist, kann auch nichts Schlimmes passieren. Das stimmt zwar nicht, dennoch vergräbst du dein Telefon tiefer in der Tasche. Du weißt, was du nicht willst. Nur was du willst, ist dir entfallen. Du hängst in diesem Gefühl fest, etwas Wichtiges vergessen zu haben. Oder verloren. Bist gefangen in dem Moment, ehe dir einfällt, was es war. Ein leichtes Brennen. Ein loderndes Flämmchen. Du musst aufstoßen. Von zu viel Sekt bekommst du Sodbrennen, das solltest du eigentlich wissen. Da hilft nur Bier. Du drehst dich zur Bar um. Ein Bier. Das wird dir jetzt guttun.
»Groß oder klein?«, fragt der Barkeeper. Du hebst eine Hand vor die Brust, die andere schwebt auf Höhe deiner Augenbrauen. Der Barkeeper lacht, und du erinnerst dich, auch in eurer gemeinsamen Nacht hast du ihn immer wieder zum Lachen gebracht. Ein Echo, durch Raum und Zeit: Der Barkeeper findet dich lustig.
Du stehst an der Bar und trinkst ein riesiges Bier. Die Blicke des Barkeepers kitzeln dich im Nacken. Am Hinterkopf. Die Blicke des Barkeepers lassen dich nicht in Ruhe. Du weißt nicht, was du mit diesem Kitzel anfangen sollst. Er macht dich nervös. Um dich abzulenken, beobachtest du die Frau, die für die Musik zuständig ist. Sie ist die Babysitterin von irgendjemandem, deine Freundin hat ihr eine Liste mit Liedern gegeben, die sie auf alle Fälle spielen soll, darüber hinaus hat sie freie Hand. Noch keine zwanzig, hat sich die Babysitterin die Haare silbergrau gefärbt. Überhaupt scheint sie sich zwischen all den alten Leuten sehr wohlzufühlen. Hinter dem Stehtisch mit ihrem Laptop hüpft sie zur Musik auf und ab, dabei wedelt ihr Zeigefinger rhythmisch in der Luft, als wolle er nein, nein, nein! sagen, bevor er das nächste Lied anklickt. Und dann kommt doch der nächste Gassenhauer. Nein, nein, nein. Ei, ei, ei, solche Gedanken hast du dir für heute Abend verboten, heute gilt nur: Ja, ja, ja. Du trinkst einen großen Schluck Bier und siehst, wie deine Freundin die Tanzfläche betritt. Die Tanzenden bilden einen Kreis um sie, jemand legt ihr eine Girlande um die Schultern. Deine Freundin strahlt übers ganze Gesicht, und da geht auch in dir etwas an, etwas geht auf, wohlig, in Bauch und Brust. Irgendwie rührt sie dich, deine Freundin. Seit sie so viel rennt, wirkt sie noch kleiner, hutzelig fast, aber das Grinsen, das hatte sie schon bei eurer Einschulung. Ihr Schultütengrinsen, das ändert sich nie. Der nächste runde Geburtstag ist der fünfzigste, dann kommt eigentlich auch gleich schon der sechzigste, und wie du da an der Bar stehst und sie beobachtest, schwörst du dir, dass du, solange du lebst, bei allen runden Geburtstagen deiner Freundin dabei sein wirst, du wirst mit ihr feiern. Wie aufs Stichwort sieht deine Freundin zu dir herüber, sie winkt dir, du sollst kommen, zu ihr, da verstummt endlich die Stimme in deinem Kopf, du stößt dich von der Bar ab und schwimmst zwischen all den Körpern hindurch auf sie zu.
Einen Moment lang ist alles wie früher: Ihr tanzt, unter den Blicken von irgendwelchen Typen tanzt ihr, aber eigentlich sind die Typen nicht wichtig. Nur ihr beiden zählt. Ihr seid schön, ihr seid noch so jung. Ein Karussell aus lächelnden Gesichtern. Du nimmst die Hand deiner Freundin, du streichst ihr übers Haar. Der ein oder andere Schritt landet nicht richtig, steht quer zum Beat. Egal. Du wippst, wackelst auch etwas, ein Wanken ist das noch nicht, du hast einfach lang keinen Alkohol mehr getrunken. Du hast schon lange nicht mehr getanzt. In deinem Glas ist noch ein Schluck Bier. Den trinkst du, stellst das Glas ab, und im gleichen Moment geht ein Lied zu Ende, eine kurze Stille kehrt ein, wie ein Einatmen, kleiner noch, wie ein Blinzeln. Der Zeigefinger der DJ. Und dann ertönt der Gitarrenakkord, und deine Freundin reißt die Augen auf, ihr hutzeliger Körper wie elektrisiert: Das ist euer Lied. Und auch du musst grinsen, du spürst das Zupfen des Basses in der Magengrube, du und deine Freundin, ihr zuckt, ihr zappelt, ihr bringt euch in Position, als das Riff erklingt, geht ihr auf die Zehenspitzen, um dann, killing in the name of, loszuspringen. Nach all den Jahren explodiert da immer noch etwas in dir, auf einen Schlag bist du wieder das Mädchen in gebatikten Jeans, in Springerstiefeln, mit Nasenring und rotgefärbten Haaren. Und da ist auch wieder deine Wut, heiß, gewaltig, auf alles und jeden, du springst und fuck you I won’t do what you tell me das fühlt sich so gut an wie lange nichts mehr. Du reißt dir das Haargummi aus den Haaren, brüllst den Text mit, das erstaunte Gesicht des Barkeepers fliegt an dir vorbei, das Gesicht deiner Freundin, auch sie brüllt und sieht dabei ein bisschen aus wie Medusa, mit Locken wie Schlangen um ihren Kopf. Furien seid ihr, wild gewordene Flummis auf der Tanzfläche, du musst lachen, du holst erneut Schwung und springst in die Höhe, kurz fliegst du, kurz ist alles gut. Dann kommt die Landung. Ein Stoß in die Füße, die Knie. Hitze schießt dir zwischen die Beine. Nässe. Du erstarrst. Um dich herum wütet die Musik weiter, doch du stehst plötzlich ganz still. Du siehst, wie deine Freundin den Kopf in den Nacken wirft, der Barkeeper dir zuzwinkert, und ahnst: Für dich ist die Party vorbei.
Drei Gläser Sekt, ein großes Bier. Das war kein Tropfen, das war ein richtiger Schuss. Deine Unterhose ist nass. Und auch die Jeans. Du hast einen großen dunklen Fleck am Hosenboden. Du sitzt auf dem Klo und überlegst, die Jeans auszuziehen, sie unter dem Händetrockner zu trocknen. Bliebe immer noch der Geruch. Du lässt den Kopf hängen. Betrachtest deine Unterhose, die bessere Zeiten gesehen hat, das Gummi des Bündchens löst sich auf. Betrachtest dein Schamhaar, an dem ein Tropfen hängt, und bist erstaunlich ruhig. Nebenan in der Bar spielt die silbergraue DJ Hit me baby one more time. Dir fällt ein, dass du dich vorhin, kurz vor Verlassen des Hauses, noch gegen die Jeansjacke entschieden hast und für den Trenchcoat. Der Garderobenständer befindet sich neben den Toiletten, auf dem Weg zum Ausgang. Wenn du es richtig anstellst, kannst du dich einfach davonschleichen. Du ziehst die Hose hoch. Give me a siiiiign. Du wirst deiner Freundin morgen alles erklären.
Du trittst auf die Straße und denkst an Brit. Siehst sie vor dir, in dem Videoclip, den du dir immer und immer wieder angeschaut hast, damals: Brit mit rasiertem Kopf, die mit einem Regenschirm auf einen Reporter losgeht. Dann wird das Bild schwarz und aus dem Off sagt jemand: Rehab! Rehab!
Draußen ist die Luft überraschend mild, du bleibst auf dem Gehweg vor der Bar stehen und atmest tief ein. Eine Gruppe junger Leute kommt auf dich zu, auf einmal stehst du zwischen ihnen, in einer Wolke aus Blicken und Stimmen, im nächsten Moment sind sie schon weitergezogen. Etwas Aufgekratztes bleibt zurück, und du siehst die Britney von heute vor dir, die Videos auf ihrem Instagram-Account: Leicht bekleidet tanzt sie für die Kamera, die immer gleichen Schritte auf Zehenspitzen, kurze Drehung. Ihr weicher nackter Bauch, die blonde Mähne. Die Schminke um die Augen immer verschmiert, als hätte sie geweint oder sich seit Tagen nicht abgeschminkt. Die Captions zu den Videos voller dreifacher Ausrufezeichen und Herzen. So zeigt sich Britney Spears heute der Welt. Du reckst das Kinn. Gräbst die Hände tiefer in die Taschen deines Mantels. Du bist nicht mehr müde. Du denkst an deinen Mann, den leuchtenden Bildschirm seines Laptops in der Dunkelheit eures Schlafzimmers, und hast keine Lust, nach Hause zu gehen. Deine Hose ist noch feucht, aber du musst ja den Mantel nicht ausziehen. Auf der anderen Straßenseite ist ein Kiosk. Du überquerst die Straße und kaufst dir erstmal ein Bier.
Vielleicht ist es der Alkohol, oder die Ahnung von Frühling in der Luft, oder eine Mischung aus beidem, jedenfalls erscheinen dir die Menschen plötzlich sehr schön. Die Jungs mit kleinen Mützen, die ihre Rennräder über den Gehweg schieben. Eine Frau in Tutu und Lederjacke. Als kämen sie alle aus ihren Löchern gekrochen. Du läufst los, Bier in der Hand, ohne Ziel, du willst einfach nur laufen und schauen. Du freust dich über die Gesichter, über buschige Augenbrauen, eine Zahnlücke, über spitze Münder, breite Münder, Münder. Zwei Freundinnen gehen Arm in Arm an dir vorbei, ihre Schritte ausladend, als wollten sie so viel Platz einnehmen wie möglich. Du folgst ihnen über einige Kreuzungen hinweg, um Straßenecken herum, erst, als eine der beiden dir über die Schulter einen unfreundlichen Blick zuwirft, lässt du dich zurückfallen. Bleibst vor einem Schaufenster stehen. Betrachtest Sommerkleider, Stöckelschuhe. Schön, schön, aber wann bitte solltest du das tragen? Im nächsten Fenster skandinavische Möbel. Daneben eine Bar, aus der Musik auf die Straße dringt. Die ganze Stadt scheint zu feiern. Vor der Bar sitzt ein Hund und wartet. Du streichelst ihn. Auch daran wirst du dich später erinnern. Wie massiv sich sein Kopf unter deiner Hand angefühlt hat. Du streichelst den Hund, dann betrittst du den nächsten Kiosk. Oder umgekehrt? Du verlierst dich, wirst eins mit der Nacht, die Reihenfolge ist nicht mehr wichtig. Der nächste Kiosk, du steuerst einfach immer die Leuchtschilder an. Du gehst nicht mehr ganz gerade, du läufst ein paarmal im Kreis. Kreiselst. Tauschst die leere Flasche gegen eine volle. »Wie geht’s?«, fragt dich jedes Mal der Mann an der Kasse. »Bestens«, sagst du, »famos. Hervorragend!« Du rülpst hinter vorgehaltener Hand. Deine Hose ist mittlerweile getrocknet. Den Kopf im Nacken, stehst du unter einem Baum. Über dir singt die Nachtigall. Du stehst unterm Sternenhimmel. Irgendwo da oben muss die Milchstraße sein. Da oben das All, wir hier unten so klein. So unbedeutend. Dir wird schwindelig. Du sitzt auf einer Brücke. Jemand spielt Gitarre, du summst mit, unter deinen baumelnden Füßen das schwarze Wasser. Du greifst in deine Manteltasche und findest eine kleine Flasche Wodka. Stimmt. Die hast du auch gekauft. Und gleich wieder vergessen. Du bietest der Frau neben dir einen Schluck an. Die Flasche macht die Runde. Das Lied kennst du doch auch. Du singst, du summst, aber da ist noch ein anderes Vibrieren. An dir brummt etwas. Du greifst in deine Manteltasche und findest dein Handy. 17 Anrufe in Abwesenheit. Allesamt vom Geburtstagskind. Und eine Nachricht: EY DIGGER WO BIST DU. In einer Hofeinfahrt. Dort hockst du mit nacktem Hintern, den Mantel gerafft, und kicherst. In der Dunkelheit läuft ein Rinnsal auf die Straße. Du trinkst noch ein Bier. Die Stimme deiner Freundin im Ohr. EY DIGGER. Du stehst unter einer Laterne. Da stehst du und wankst. In dir wankt etwas, droht zu kippen. Tränen steigen dir in die Augen. Du wünschst, deine Freundin wäre jetzt hier. Schau mich nur an!, würdest du rufen, zwischen Lachen und Weinen, was für eine Witzfigur ich bin! Dein zitterndes Kinn. Dein flennendes, zittriges Kinn. Und sie, Komm her, Pissnelke!, würde dich in ihre Arme schließen. Denkt man gar nicht, bei solch einer kleinen Person, aber die Umarmungen deiner Freundin fühlen sich immer ein bisschen wie Schwitzkasten an. Deine Freundin hat ziemliche Muckis. Die lässt dich so schnell nicht los. Morgen. Du schluckst die Tränen herunter. Du bist sehr tapfer, im Schein der Laterne. Morgen wirst du deiner Freundin alles erklären. Fürs Erste schickst du ihr nur drei Emojis: Pfirsich, Tropfen, Jeans.
Und dann wird es kühl, wird es spät. Vergeht dir die Lust. Auch das Bier schmeckt nicht mehr. Du lässt deine halbvolle Flasche stehen und machst dich auf den Heimweg. Durch die dunkle Stadt nach Hause, wie früher. Du trottest vor dich hin und bist ganz zufrieden. Hast das Beste gemacht aus diesem Abend. Du hattest deinen Spaß. Wenn auch anders als geplant. Aber immerhin warst du unter Leuten, hast gefeiert. Den zweiundvierzigsten Geburtstag deiner Freundin wirst du so schnell nicht vergessen. Du biegst auf eine große Straße ab, vor den Bars und Cafés sitzen überall Menschen. Bald bist du zu Hause. Du läufst durch Schwaden ihrer Stimmen und ihres Gelächters. Deine Schritte werden immer breiter, du willst Platz einnehmen, möglichst viel Platz auf dem Gehweg. Du wirst immer größer, trottest nicht mehr, jetzt stampfst du. Die Hände in den Hosentaschen. Fühlst dich wie im Western. Durch die Nacht mit wehendem Mantel. Durch die Nacht mit klirrenden Sporen. Schon bist du zu groß für diese Stadt, bist du Riesin. Und gerade, als du dir vorstellst, wie du die Stadt unter deinem Stiefelabsatz zermalmst, diese kleine, lächerliche Stadt mit all ihren Sorgen, zischt es hinter dir.
Eindeutig, ein Zischen. Gefolgt von einem Schnalzen, einem Schmatzen. Hinter dir pfeift es.
Du bleibst stehen. Du drehst dich um.
Im Hauseingang lehnt ein Typ in Trainingsjacke und raucht. Ist nicht groß, nicht klein, nicht dick, nicht dünn. Nicht schön, nicht hässlich. Ein völlig durchschnittlicher Wicht. Du musterst ihn. Er mustert dich.
»Hey Süße«, sagt er.
Und du? Spürst ein Lachen in dir aufsteigen. Süße! Wenn der wüsste. Riesin, die du bist, reißt du den Mund auf und lachst. Da hat er die Falsche erwischt. Süß ist das Letzte, was du bist. Du fällst fast vornüber vor Lachen. Er verzieht das Gesicht, schmeißt die Kippe weg und ist in einem Schritt bei dir. Steht so nah, dass du ihn riechst. Duschgel, Kippe, ein Hauch Fritteuse.
»Was lachst du?«, zischt er.
Du wendest dich ab, willst weitergehen, doch er hält dich am Ärmel fest. Und da fuckyouiwon’tdowhatyoutellme explodiert etwas in dir, nein, es implodiert. Dein Lachen implodiert, die Nacht, die vergangenen Wochen und Monate, deine Müdigkeit, all die Male, die dir hinterhergezischt wurde, geschnalzt und gepfiffen. Die Riesin fällt in sich zusammen, und aus den Trümmern steigt ganz leise und ruhig deine Stimme auf.
»Zieh Leine, Mann!«, sagst du und windest dich aus seinem Griff. Du gehst weiter. Bist nur für einen Augenblick ruhig, dann hörst du seine Schritte, hinter dir her. Dein Herz. Du gehst schneller. Traust dich nicht, dich umzudrehen. Gleich packt er dich, denkst du. Gleich spürst du seine Hand am Kragen. Reißt er dich am Pferdeschwanz zu Boden. Drei, vier, fünf Herzschläge, bis du kapierst, der packt dich nicht, der schreit dich nur an. Der läuft nur brüllend hinter dir her. Seine Stimme rau, als würde er schon tagelang brüllen. Ein Wort, nur das eine Wort, immer wieder:
»Fotze!«
Du siehst den Leuten, die dir entgegenkommen, in die Gesichter. Eine gerunzelte Stirn, ein wackelnder Kopf, aber niemand greift ein. Niemand stoppt den Typen, der dich beschimpft. Du hast dieses Wort immer gehasst. Klingt wie ein Riss. Wie etwas, das aufgerissen wird. Das da ist, um aufgerissen zu werden. Dir wird heiß. Du schließt im Gehen die Augen.
Fotze!, immer wieder.
Dir wird kalt.
Wenn ihn meine Fotze interessiert, denkst du.
Die kann er haben.
Wenn ihn meine vollgepisste, aufgerissene Fotze interessiert –
dann denkst du nichts mehr. In einer einzigen raschen Bewegung holst du aus und fährst herum.
»Schatz?«
Dein Mann wird wach, als die Wohnungstür ins Schloss fällt.
»Ja«, sagst du und es klingt viel zu laut. »Schlaf weiter!«
Aus dem Schlafzimmer ertönt ein Grunzen. Du tastest dich an der Wand entlang ins Badezimmer. Schaltest das Licht an. Als du dich im Spiegel erblickst, musst du grinsen. Deine Unterlippe ist aufgeplatzt. Du tupfst das Blut mit dem Zipfel eines Handtuchs ab. Tut zwar weh, aber du hörst trotzdem nicht auf, dein Spiegelbild anzugrinsen. Dass du das kannst. Zuschlagen, einfach so. Nicht einfach so, mit der Faust, Hanswurst mit voller Wucht in sein Hanswurstgesicht, dass er rückwärts stolpert. Gut, einen Schlag hast du auch kassiert. Der hat dir ganz schön eine geballert. Aber da haben die Leute dann doch reagiert, zwei Typen haben sich auf ihn gestürzt, ihn zurückgehalten. Schnell bist du in eine Seitenstraße abgebogen, nach Hause gelaufen. Du fährst dir mit der Zunge über die Innenseite der Lippen, schmeckst Blut. Das Zähneputzen lässt du lieber ausfallen. Aber die Haare kämmst du dir. Schminkst dich ab, trägst deine Augencreme auf. Weil du es dir wert bist.
Etwas wacklig steigst du aus deiner Jeans. Streifst auch die Unterhose ab. Lässt beides vorm Waschbecken liegen. Du stolperst fast, als du im Gehen deine Schlafanzughose anziehst.
Beim ersten Versuch, ins Gitterbett zu klettern, stürzt du beinahe kopfüber hinein. Du hängst über dem Gitter und atmest tief durch. Setzt dann vorsichtig die eine Hand auf die Matratze, die andere, ziehst langsam die Beine hinterher und bist drinnen. Deine Tochter seufzt, als du sie vorsichtig beiseiteschiebst, um etwas Platz zu machen. Gerade genug Platz, dass du dich an sie schmiegen kannst. Du rollst dich um deine Tochter herum, legst die Nase an ihre Schläfe. Riechst den getrockneten Speichel an ihrem Schnuller, das Kamillenshampoo, mit dem ihr dein Mann die Haare gewaschen hat.
Und einen Hauch Urin.
Dein Kiefer schmerzt, deine Faust auch.
Eine frische Windel, denkst du, und bist auch schon eingeschlafen.
Die Wohnungstür fällt ins Schloss, die Stimmen der Kinder verebben im Hausflur. Wanda steht im Wohnzimmer, in der Hand eine Unterhose, die sie gerade aufgehoben hat. Die Hündin tippelt herein, nimmt neben ihr Platz. »Just the two of us, Trulla«, sagt Wanda. Wenn die Hündin hechelt, sieht es aus, als würde sie grinsen.
So früh am Tag ist es schon sehr warm in der Wohnung. Wanda geht von Zimmer zu Zimmer, lässt die Jalousien herunter, zieht die Vorhänge zu, sammelt weitere Kleidungsstücke vom Boden auf. Die Hündin folgt ihr, bleibt in den Türrahmen stehen, sieht ihr zu.
Wanda gießt Espresso in ein Glas mit Eiswürfeln, Mineralwasser aus dem Kühlschrank in ein anderes. Trägt die Getränke zu ihrem Schreibtisch. Klappt den Laptop auf. Nippt am Kaffee. Gleitet mit dem Cursor durch ihr Dokument.Trinkt noch einen Schluck Kaffee.
Sie hängt Wäsche ab, legt sie zusammen. Verteilt sie auf verschiedene Schränke in der Wohnung.
Sie geht ins Freibad. Nach den ersten Kraulzügen erinnert sich ihr Körper, an früher, an das Gefühl von Stärke. Nach drei Bahnen ist Wanda außer Puste und hängt sich an den Beckenrand. Sie taucht unter, sie hat die Akustik unter Wasser immer geliebt, hier unten dringt nichts zu ihr durch, dazu das strahlende Türkis, die Blasen, die geisterhaften Körper.
Auf dem Heimweg kauft Wanda einen Arm voll Schlangengurken und Makrele in der Dose. Sie trägt alles in die Wohnung, räumt die Gurken in den Kühlschrank. Setzt sich wieder an ihren Schreibtisch. Ihr Telefon vibriert, Nachricht von BÄR. Ein Foto von ihrem kleinen Sohn auf einer Raststätte, bräunliche Flecken auf Hose und Shirt. Oh no, schreibt Wanda zurück. Kotz-Attacke? Dann aktiviert sie den Flugmodus. Öffnet das Dokument auf ihrem Desktop, will anfangen zu tippen. Da kommt die Hündin herein, bleibt neben ihrem Stuhl stehen, starrt sie an.
Frau und Hündin treten vor die Haustür, ins gleißende Sonnenlicht. Die Hündin rennt hektisch auf dem Gehweg hin und her, sucht Zuflucht unter einem Baum. Wanda geht in die Hocke, legt die Hand auf den Gehweg, zuckt zurück. Sie nimmt die Hündin auf den Arm und trägt sie zum Pinkeln in den schattigen Hinterhof.
Wanda sitzt an ihrem Schreibtisch, die nackten Beine auf der Tischplatte. Starrt das geöffnete Dokument an, löscht ein Wort, schreibt stattdessen ein anderes hin. Sie scrollt auf Social Media. Löscht alle Social-Media-Apps von ihrem Handy. Nimmt ein Buch zur Hand, schlägt es mittendrin auf, fängt an zu lesen.
Das ist der erste Tag. Er erscheint ihr unvorstellbar lang, als habe er doppelt so viele Stunden wie ein Tag mit Kindern. In der Wohnung steht die Luft, ihre Haut riecht nach Chlor. Sie trinkt Wasser, isst Gurke. Liest. Schaut sich YouTube-Videos an. Am Abend geht sie mit der Hündin raus. Sie trotten durch die Straßen, bis es dunkel wird. Später liegen sie zusammen auf dem Bett, lauschen den Geräuschen aus dem Hinterhof. Stimmen, Geschirrgeklapper. Das war der erste Tag und sie hat nicht an ihrem Drehbuch gearbeitet. Macht nichts. Es liegen noch so viele Tage vor ihr, so viele Stunden zu ihrer freien Verfügung.
Am nächsten Morgen erhält Wanda eine Nachricht, auf die sie schon lange gewartet hat, die aber anders lautet als erhofft. Wirklich tolles Projekt, schreibt die Redakteurin. Leider habe ich aber momentan kein Geld für Co-Produktionen, und da ich Ende des Jahres auch in Rente gehe, kann ich dir nicht weiterhelfen. Für solch einen Arthouse-Film brauchst du unbedingt einen Cast, der Publikum zieht, sonst wird das nichts mit der Finanzierung. Sie empfiehlt ihr eine Produktionsfirma, die Wanda natürlich kennt und deren Chef ein stadtbekanntes Arschloch ist. Dann wünscht sie ihr alles Gute.
Kein großes Ding. Das ist nicht die erste Absage ihrer Karriere. Wanda geht schwimmen. Sie schwimmt fünfzehn Bahnen, als sie nach Hause kommt, fällt sie in einen komatösen Schlaf und wacht Stunden später schweißgebadet wieder auf. Es ist unerträglich heiß in der Wohnung. Die Hündin liegt auf den Badezimmerfliesen und atmet flach. Wanda trinkt eine Flasche Mineralwasser auf ex. Auf ihrem Handy eine Nachricht vom Vormittag: Angekommen! Dazu eine Aufnahme der Jungs, wie sie ins Meer rennen. Wanda schickt ein Herz zurück. Dann geht sie kalt duschen.
Nach Einbruch der Dunkelheit dreht sie ihre Runden mit der Hündin und sortiert ihre Optionen. Was sie tun sollte: Der Redakteurin antworten, ihr alles Gute für den Ruhestand wünschen, für die jahrelange Unterstützung danken. Ihr Drehbuch endlich zu Ende schreiben. Dem Arschloch-Produzenten eine Mail schicken, sich keinen Zacken aus der Krone brechen, um ein Treffen bitten. Überhaupt Leute treffen, ihre Professorin von früher, Kolleginnen, Schauspielerinnen, allen von ihrem Projekt erzählen. Wie sie das Wort hasst. Von ihrem Film, ihrer Vision, ihrem Baby. In der Hoffnung, dass bei der richtigen Person der Funke überspringt, sich irgendwo eine Option auftut, ein Koffer voller Geld. Bisher hat sich noch immer irgendetwas ergeben. Oder. Oder Wanda ruft niemanden an, schreibt keine E-Mails und kein Drehbuch, lässt einfach alles stehen und liegen, mietet ein Auto, packt die Hündin ein und fährt den Jungs hinterher, in den Urlaub. Das wäre das Beste. Raus aus der heißen Stadt. Urlaub machen, Zeit mit den Kindern verbringen. Theoretisch. Praktisch sieht es aber so aus, dass Wanda Zelten hasst, Strand hasst, ja, vielleicht sogar Urlaub an sich hasst. Familienurlaub. Das behauptet jedenfalls Bär. Er fährt lieber ohne sie mit den Jungs zum Zelten. Nein, Wanda weiß, was sie wirklich tun sollte, was sie tun muss. Sie hat die Kontostände gecheckt. Sie muss zurück zur Soap. »Unsere Tür steht dir immer offen«, hat Patrick gesagt. Wanda muss nur hindurchgehen. Muss den Writers’ Room betreten und am Tisch Platz nehmen. In all die motivierten und weniger motivierten Gesichter blicken und gemeinsam mit ihnen einen Bogen entwickeln, Szenen. Der Writers’ Room wäre immerhin klimatisiert. Aber bei der Vorstellung, noch eine einzige Geschichte von Liebe und Eifersucht zu schreiben, werden ihre Schritte schwerfälliger. Sie biegt um die Straßenecke, und da steht ein Krankenwagen vor ihr auf dem Gehweg, mit stumm kreisendem Blaulicht. Sanitäter tragen einen alten Mann auf einer Trage aus dem Haus. Wanda lässt das Blaulicht über ihr Gesicht gleiten, spürt Tränen aufsteigen. Dann sieht sie aus dem Augenwinkel, wie die Hündin sich hinhockt, den Rücken krümmt, und der Moment ist vorbei. Wanda zieht eine Plastiktüte aus ihrer Hosentasche. Sie weiß ja, dass sie dankbar sein kann für den Job.
Sie muss Anlauf nehmen für die Mail an Patrick. Eigentlich hatte sie sich für ein halbes Jahr von der Soap verabschiedet, sie ist sich sicher gewesen, irgendwoher Geld für die Entwicklung ihres Films auftreiben zu können. Vielleicht war das naiv von ihr, auf alle Fälle optimistisch. Die Mail an Patrick fällt Wanda schwer, und es ist kein Kaffee mehr da, also geht Wanda erst einmal einkaufen. Die Hündin bindet sie vor dem Supermarkt im Schatten eines Baums an. Der Gang durch die Tiefkühlabteilung bietet Wanda eine unverhoffte Abkühlung, sie schlendert eine Weile hin und her, obwohl sie hier gar nichts braucht, dann geht sie weiter und lädt sich den Korb voller Gurken und Obst. An der Kasse fällt ihr ein, dass sie den Espresso vergessen hat, sie sucht das Kaffee-Regal, findet es, verliert sich dann vor den Zeitschriften.
Als sie schließlich aus dem Supermarkt kommt, sitzt die Hündin in der prallen Sonne. Eine Passantin schüttelt den Kopf, murmelt etwas von Tierquälerei. Die Hündin hechelt stark, Wanda trägt sie nach Hause.
Den Rest des Tages verbringt Wanda mit der Hündin im Badezimmer. Das Tier übergibt sich, ist schwach. Wanda bedeckt den kleinen Körper mit feuchten Tüchern, liegt mit ihr auf den Fliesen, flößt ihr Wasser ein. Wanda googelt Hitzschlag Hund, googelt Unterschied Hitzschlag und Sonnenstich. Übergänge fließend. Sie fährt mit dem Finger die Gesichtszüge der Hündin nach, die seufzt und die Augen schließt. Just the two of us, Wanda summt dem Tier ins Ohr. Sie ruft beim Tierarzt an, der Anrufbeantworter geht an, wegen Urlaub ist die Praxis den gesamten August über geschlossen. Abends erhebt sich die Hündin und schüttelt die feuchten Tücher ab.
