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Die meisten Geschichten erzählen von großen, ungewöhnlichen Freundschaften. Von Freunden, die durch dick und dünn gehen und sich niemals im Stich lassen. Hilary Smith erzählt eine Freundschaftsgeschichte mal ganz anders: Denn kann das Ende einer Freundschaft nicht auch ein Beginn sein? Annabeth und Noe. Noe und Annabeth. So war es schon immer. Gemeinsam schmiedeten sie Pläne für die Studentenzeit in Paris. Sie würden einen Goldfisch besitzen, die Nächte durchquatschen und lauter wilde Partys feiern. Als sich die Schulzeit dem Ende nähert, ist Annabeth daher bereit - bereit für alles. Für eine gemeinsame Zukunft mit ihrer besten Freundin. Doch plötzlich ändert Noe ihre Pläne. Es gibt einen Jungen an ihrer Seite, eine andere Universität ist im Gespräch und die gemeinsamen Nachmittage finden immer seltener statt. Die Freundschaft erscheint wie ein alter Lieblingspulli: ehemals heiß und innig geliebt, jetzt kratzig und viel zu eng. Annabeth muss sich fragen, ob sie bereit ist, Noe aufzugeben, um der Mensch zu werden, der sie wirklich sein will.
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Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2017
Hilary T. Smith
Roman
Annabeth und Noe. Noe und Annabeth. So war es schon immer. Gemeinsam schmiedeten sie Pläne für die Studentenzeit in Paris. Sie würden einen Goldfisch besitzen, die Nächte durchquatschen und lauter wilde Partys feiern. Als sich die Schulzeit dem Ende nähert, ist Annabeth daher bereit - bereit für alles. Für eine gemeinsame Zukunft mit ihrer besten Freundin. Doch plötzlich ändert Noe ihre Pläne. Es gibt einen Jungen an ihrer Seite, eine andere Universität ist im Gespräch und die gemeinsamen Nachmittage finden immer seltener statt. Die Freundschaft erscheint wie ein alter Lieblingspulli: ehemals heiß und innig geliebt, jetzt kratzig und viel zu eng. Annabeth muss sich fragen, ob sie bereit ist, Noe aufzugeben, um der Mensch zu werden, der sie wirklich sein will.
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Hilary T. Smith ist genauso wild, leidenschaftlich und nachdenklich wie ihre Romane, in denen viel gelacht, geliebt und manchmal auch geweint wird. Ihr Debüt ›Hellwach‹ erhielt in den USA zahlreiche Preise und wurde in Deutschland vom Feuilleton gefeiert. Die Autorin reist viel und gern und hat schon an den unterschiedlichsten Orten auf der Welt gewohnt. Das Wichtigste, das sie dabei gelernt hat, ist, sich immer selbst treu zu bleiben. »Ich möchte nicht, dass Fremde etwas aus mir machen, was ich nicht bin.« Derzeit lebt Hilary in Portland, Oregon.
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[Widmung]
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
57. Kapitel
58. Kapitel
59. Kapitel
60. Kapitel
61. Kapitel
62. Kapitel
63. Kapitel
64. Kapitel
65. Kapitel
66. Kapitel
67. Kapitel
68. Kapitel
69. Kapitel
70. Kapitel
71. Kapitel
72. Kapitel
73. Kapitel
74. Kapitel
75. Kapitel
76. Kapitel
77. Kapitel
78. Kapitel
79. Kapitel
80. Kapitel
81. Kapitel
82. Kapitel
83. Kapitel
84. Kapitel
85. Kapitel
86. Kapitel
87. Kapitel
88. Kapitel
89. Kapitel
90. Kapitel
91. Kapitel
92. Kapitel
93. Kapitel
94. Kapitel
95. Kapitel
96. Kapitel
97. Kapitel
98. Kapitel
99. Kapitel
100. Kapitel
101. Kapitel
102. Kapitel
103. Kapitel
104. Kapitel
105. Kapitel
106. Kapitel
107. Kapitel
108. Kapitel
109. Kapitel
110. Kapitel
111. Kapitel
112. Kapitel
113. Kapitel
114. Kapitel
115. Kapitel
116. Kapitel
117. Kapitel
118. Kapitel
119. Kapitel
120. Kapitel
121. Kapitel
122. Kapitel
123. Kapitel
124. Kapitel
125. Kapitel
126. Kapitel
127. Kapitel
128. Kapitel
129. Kapitel
130. Kapitel
131. Kapitel
132. Kapitel
133. Kapitel
134. Kapitel
135. Kapitel
136. Kapitel
137. Kapitel
Für A.
Am ersten Noe-Tag sind immer die Himbeeren reif. Im Garten stottert der Rasensprenger leise vor sich hin und sprüht einen Regenbogen aus Wassertropfen über die Wiese. Als ich Noes Schritte auf dem Kiesweg höre, stehe ich schnell vom Schreibtisch auf und renne die Treppe hinunter. Aus dem Fenster erhasche ich einen ersten Blick auf sie: an den Füßen Flipflops, am Knie ein neonrosafarbenes Pflaster, am Handgelenk mehrere Armbänder, die übereinander hängen wie Opfergaben an einem Schrein. Ich reiße die Tür auf, ihr Name fliegt von meinen Lippen, wir fallen einander in die Arme und sind für einen Moment eins, tanzen euphorisch auf dem Kiesweg umeinander.
»Annabeth!«, jubelt sie.
»Noe!«, rufe ich.
Und dann laufen wir die Straße hinunter, immer noch wie aneinander festgeklebt, als hätten unsere Körper einander genau so viel zu erzählen wie unsere Köpfe. Unterwegs berichtet sie mir von ihrem Ferienjob als Betreuerin im Camp Qualla Hoo Hoo, wo sie pferdeschwänzigen Neunjährigen den Rückwärtssalto und andere Dinge beigebracht hat, von den Streitigkeiten unter den anderen Betreuern und den kleineren Verletzungen, die immer mal wieder passieren. Wir nehmen eine Abkürzung über das Fußballfeld, und ich erzähle ihr im Gegenzug von meinem Ferienjob als Eisverkäuferin im Botanischen Garten, von der Frau im Reisebus, die die Klotür nicht mehr aufbekommen hat, und von dem Jungen, der von einer Biene in die Zunge gestochen wurde und fast daran gestorben wäre. Wir schlängeln uns durch die Massen auf dem Schulparkplatz und sprechen über die aktuell kursierenden Gerüchte: ob Mr Harrison und Miss Bean wirklich heiraten und ob es wirklich bald Frozen Yoghurt in der Cafeteria gibt.
Wir setzen uns auf die Tribüne am Footballfeld, und Noe zeigt mir auf ihrem Handy ein Zirkusvideo, und dann spielt sie mir das Lied vor, zu dem sie ihre nächste Turnübung machen will. Danach gehen unsere Gedanken ein bisschen auf Reisen.
Wir überlegen gemeinsam, was wir alles machen werden, sobald wir achtzehn sind. Sparen und nach Paris fliegen, uns beide das gleiche Löwenzahntattoo stechen lassen, zusammen ein Restaurant eröffnen, in dem die Gerichte pro Gramm berechnet werden und alle mit winzig kleinen Silberlöffeln essen.
Die Freundschaft mit Noe war mein Schatz, den ich wie ein Drache bewachte, ein Juwel, das ich immer fest in der Faust hielt.
Keine Ahnung, wer ich ohne den ständigen Abdruck dieses Juwels in meiner Handfläche gewesen wäre, ohne seinen kühlen Glanz, der meinen Weg beleuchtete.
Heute war der erste Tag meines letzten Schuljahres, und mit Noe neben mir fühlte ich mich einfach zu Hause.
Meine Schule, die E.O. James, lag an einer Kreuzung. Direkt gegenüber war Burger King, ein EasyCuts-Friseur und ein Beerdigungsinstitut, dessen Besitzer die Eltern eines Mädchens aus meiner Stufe waren. Jedes Jahr hielt uns ihr Vater am Berufsinfo-Tag denselben Vortrag darüber, wie toll der Job des Bestatters doch sei, und er machte dabei jedes Jahr dieselben schlechten Witze. Keine Ahnung, wieso er dennoch immer wieder eingeladen wurde. Ehe wir mit der Uni fertig wären und uns überhaupt Gedanken darüber machen könnten, was wir mal arbeiten wollten, würden Tote bestimmt schon zu Nanopellets verarbeitet ins Weltall geschossen werden.
Am ersten Schultag war nie richtig Schule, es war eher ein zweitklassiger Jahrmarkt, der jedes Jahr sinnloser wurde. Morgens standen für alle Schüler Kennenlernspiele auf dem Plan. Die bestanden größtenteils daraus, dass man Leute, die man nicht leiden konnte, mit Basketbällen bewarf. Manchmal gab es auch eine Schnitzeljagd, oder wir mussten uns zu einer menschlichen Pyramide aufstellen. Ich habe nie so ganz das System dahinter verstanden.
Nach den Kennenlernspielen wurde gegrillt, und man bekam von den Lehrern, die einen den Rest des Jahres ignorieren würden, lächelnd einen Hotdog in die Hand gedrückt. Nach dem Grillfest gab es dann eine Rede von einem Motivationscoach. Das war immer irgendein nicht ganz so berühmter Radrennfahrer, dem wegen einer Krebserkrankung das Bein hatte amputiert werden müssen und der dadurch erst wirklich erkannt hatte, wie wichtig ein Ziel im Leben war.
Dieser Motivationsredner sollte uns Lust aufs Leben machen, aber ich verlor mich unweigerlich in Tagträumen darüber, wie es wäre, zu sterben und nicht mehr ich sein zu müssen. Noe war immer ganz heiß auf diese Auftritte und stand jedes Mal in der ersten Reihe, um sich hinterher ein Autogramm zu holen. Ich stand solange ein Stück weiter weg, wartete auf sie und gab mich stattdessen der Phantasie hin, ich hätte Krebs, würde daran sterben und müsste nicht noch siebzig Jahre als Annabeth Schultz und mit meinen Fehlern und Unsicherheiten hinter mich bringen.
Es war komisch, dass dieser erste Schultag unser letzter erster Schultag für immer sein würde. Als Noe und ich ankamen, hatten die Stufensprecher schon Tische aufgestellt, an denen man sein Namensschild abholen und sich einem der Teams zuweisen lassen sollte. Die Stufensprecher trugen knallrote T-Shirts, auf denen E.O. James stand. Eigentlich bestand ihre Aufgabe darin, dafür zu sorgen, dass man sich an der Schule wohler fühlte, aber trotz ihres vermutlich guten Willens halfen sie den anderen Schülern nicht, sondern terrorisierten sie eher ganz schön. Wenn man nicht durchblickte und nicht sofort wusste, wo man hinmusste, schrien sie gleich herum und benutzten ihre Trillerpfeifen so aggressiv, dass man sich für den Rest seines Lebens an einer posttraumatischen Belastungsstörung erfreuen konnte.
Noe sah das natürlich nicht so.
»Na los«, sagte sie.
Sie nahm mich am Arm, und wir schlüpften durch eine Barrikade aus Klapptischen in das kühle, stille Schulgebäude. Unsere Schritte hallten im Flur wider. Wir kamen uns vor wie zwei Diebe, die sich in ein Schloss geschlichen hatten.
»Wo gehen wir eigentlich hin?« Beim Gedanken, dass wir etwas anstellen könnten, schlug mir das Herz bis zum Hals.
»In die Turnhalle. Aber offiziell zur Schulkrankenschwester«, antwortete Noe.
»Jetzt sag nicht, du willst schon wieder einen auf Hitzschlag machen. Das glaubt dir keiner.«
Noe hasste es, draußen zu sein. Wie sie es jedes Jahr schaffte, einen ganzen Sommer in Camp Qualla Hoo Hoo zu verbringen und dabei kein bisschen braun zu werden, faszinierte mich immer wieder aufs Neue. Ich verbrachte hingegen so viel Zeit im Wald, wie ich nur konnte. Sie war eher der Rapunzel-Typ und ich Robin Hood, sie wurde in ihrem Turm von Prinzen umschwärmt, und ich war mit Pfeil und Bogen im Wald unterwegs.
»Nein, nicht wegen mir«, sagte Noe. »Du brauchst doch noch eine Bescheinigung fürs Turnen, ich begleite dich nur.«
»Aber falls uns jemand fragt, wirkt es doch ein bisschen seltsam, dass wir nicht mal in Richtung Krankenzimmer unterwegs sind«, wandte ich ein.
»Ach, Nebensächlichkeiten. Los, komm, ich will dir was auf dem Balken zeigen.«
Wir standen vor der Turnhalle, wo Noe von Anfang an hingewollt hatte. Sie stieß die schwere Tür kraftvoll mit ihren starken, etwas behaarten Armen auf. Als wir den großen Raum betraten, musste ich daran denken, wie Noe mich eines Nachmittags im letzten Frühjahr zur Turntrainerin Miss Bomtrauer geschleppt hatte, und ein angenehmer Schauder überlief mich.
»Annabeth würde gern ins Team aufgenommen werden«, hatte sie gesagt und mich stolz ein Stück nach vorn geschubst wie ein Paar Hundert-Dollar-Schuhe, das sie für zehn Cent auf dem Grabbeltisch gefunden hatte. »Sie ist stark wie ein Pferd, total fit und wird das super machen.«
Ich bin nicht so der Typ, der gerne Bodys trägt. Ich bin auch kein Badeanzugtyp oder überhaupt jemand, der gern wenig anhat. Ich laufe am liebsten in vielen Lagen Klamotten herum, nur für den Fall, dass es mitten im Sommer einen Schneesturm geben sollte, ich in einem Kühlhaus eingesperrt werde oder dass ich plötzlich mit der Schneekönigin persönlich kämpfen muss. Aber in jenem Moment, mit Noes Arm um meine Schulter, hatte ich nur lächelnd genickt und wäre vor Aufregung fast auf und ab gehüpft. Eine Schildkröte, die gebannt den Schwärmereien eines Vogels über das Fliegen lauscht und darüber vergisst, dass sie selbst gar keine Flügel hat.
Noe zog den Schwebebalken ein Stück von der Wand weg.
»Rauf mit dir!«, befahl sie.
»Das ist viel zu hoch, da brauch ich ja einen Helm.«
»Hopp, hopp!«
Ich kletterte unsicher auf den Balken. »Und jetzt?«
Noe stellte sich vor mich auf den Balken und führte mir ein paar leichte Übungen vor. Ich machte sie ihr, so gut es ging, nach, hielt die Arme hoch und versuchte, nicht zu sehr zu wackeln. Mehrere Male verlor ich das Gleichgewicht und musste runterspringen, aber ich merkte schnell: Solange ich Noe in die Augen und nicht nach unten sah, stand ich ziemlich sicher. Noe fing an zu erzählen.
»Leigh hat eine Pyjamaparty mit allen Mädchen aus ihrer Fußballmannschaft gemacht, und ihre Eltern haben dafür ganz viel Pizza und chinesisches Essen bestellt. Es war viel zu viel Essen, und mindestens zwei Pizzen, zwölf Glückskekse, dreimal Chow mein und eine Portion gebratener Reis sind übrig geblieben – aber am nächsten Morgen war alles weg.«
»Wie: weg?« Ich war stellvertretend für Leigh empört. Ich liebe Glückskekse, und dass die jemand geklaut haben sollte, fand ich schlimmer als alles andere.
»Megan Bronner hat alles aufgegessen.«
»In die passt doch kaum was rein.«
»Sie hat ja danach alles wieder ausgekotzt.«
»Nein …!«
»O doch. Bis auf den letzten Krümel. Leigh hat behauptet, im Klo schwamm noch so ein Glückskekszettel.«
»Was stand denn drauf?«
»Sie hat ihn doch nicht rausgefischt und gelesen!«
»Ich hätte es gemacht. Jetzt werden wir nie erfahren, was da stand.«
»Wahrscheinlich: Auf Kotze folgt Sonnenschein.«
»Zum Glück arbeitet Megan nicht in der Eisdiele, sonst müsste man immer die Waffeln wegschließen.«
Noe sah mich prüfend an. »Versuch mal, das Bein anzuheben.«
»So?«
»Ja, genau. Noch ein Stück. Super. Jetzt halten.«
»Kann ich nicht!«
»Doch, kannst du!«
Von mir aus hätte es bis in alle Ewigkeit so weitergehen können: Noe und ich hoch oben auf dem Balken, unser Lachen, das von den Wänden der leeren Turnhalle abprallte, und währenddessen quälte sich der Rest der Schule draußen durch irgendwelche schrecklichen Spiele.
So waren unsere schönsten Momente immer: Wir waren unter uns, im Geheimen und fühlten uns ein kleines bisschen besser als die anderen. Ich ließ das Bein langsam wieder sinken und versuchte eine halbe Drehung. Unser letztes Schuljahr lag ausgestreckt vor mir, ein glänzendes Band geheimer Momente und geteilter Zweisamkeit hier auf dem Schwebebalken.
»Hast du von dem Typen gehört, der Phinnea gestalkt haben soll?«, fing ich gerade an, da öffnete sich quietschend die Tür.
»Was machen denn die beiden Damen bitte schön hier drinnen?«, fragte Miss Bomtrauer böse.
Dank Noes unfehlbarem Talent, was das Bezirzen des Lehrpersonals anging, kamen wir mit der strengen Verwarnung davon, nie wieder unbeaufsichtigt die Sportgeräte auch nur anzusehen. Noe nutzte sogar noch schnell die Gelegenheit, von meinen unglaublichen Gymnastikfähigkeiten zu schwärmen (»Das hätten Sie sehen müssen, Miss Bomtrauer, sie hat die Arabesque schon beim ersten Versuch perfekt hinbekommen!«). Auf dem Weg zum Krankenzimmer stellte ich mir vor, zukünftig das Mädchen zu sein, welches Noe anscheinend in mir sah: eine elegante Annabeth, ehrgeizig und diszipliniert, ein Schwan mit Pferdeschwanz unter hellen Scheinwerfern. Ein nettes Mädchen ohne Fehltritte oder dunkle Geheimnisse, eins, das jeder mochte. Für einen Moment gab ich mich dem Traum hin und sah mich in Gedanken tatsächlich am Stufenbarren turnen, von allen geliebt und verehrt.
»Freust du dich schon?«, fragte Noe.
Ich schwieg, aber gegen meinen Willen stahl sich ein Lächeln auf meine Lippen.
»Wusste ich’s doch!« Noe schlug sich begeistert auf die Schenkel. »Du wirst das total toll machen.«
Noe war eine Freundin, die einen kurz daran glauben lassen konnte, etwas total toll zu machen. Ich griff nach ihrem Arm und sog tief ihren Duft ein. Und war zum tausendsten Mal dankbar, dass sie mir gehörte.
Die Schulkrankenschwester trug ihre typische Uniform aus einem unförmigen T-Shirt und einer geblümten Hose. In den Ohren hatte sie große goldene Creolen. Es war ein bisschen zu warm im Zimmer. An den Wänden hingen verblichene Poster. Ich saß auf der hohen Krankenliege mit dem festen Polster und las mir die Sprüche auf den Postern durch: SAG NEIN ZU DROGEN. 5 PORTIONEN OBST UND GEMÜSE PRO TAG.
Die Schwester zwinkerte mir zu. »Ich beeil mich, damit du nichts vom Grillfest verpasst.«
»Schon okay«, sagte ich. »Ich esse eh kein Fleisch.«
Die Schwester sah mich prüfend hat. »Meine jüngere Tochter ist auch Vegetarierin.« Sie schnallte mir das Blutdruckmessgerät um den Arm und pumpte ein paarmal. »Wir nennen sie zu Hause das Kaninchen. Mein Mann mag lieber ein ordentliches Steak«, fügte sie lachend hinzu. »Dein Blutdruck ist in Ordnung. Jetzt muss ich dich noch kurz wiegen.«
Die Waage quietschte unter mir. Ich stand still, während die Schwester die Metallteile hin und her schob. Draußen fand gerade eine Wasserschlacht statt. Direktor Beek hatte jedes Jahr seine neonorange Super Soaker dabei und tat ganze fünf Minuten lang so, als könnte man mit ihm richtig Spaß haben.
»Ein paar Fragen habe ich noch, dann sind wir fertig«, sagte die Schwester.
»Okay.«
»Irgendwelche Allergien?«
»Nein.«
»Asthma?«
»Nein.«
»Nimmst du Medikamente?«
»Ich hab vor kurzem mit der Pille angefangen, wegen meinen Pickeln.«
Sie sah mich gespielt ungläubig an. »Deine Haut ist doch super!«
»Sie hätten mich mal vor einem Monat sehen sollen! Kein schöner Anblick.«
Sie lachte. »Andere Medikamente?«
»Nö.«
»Na dann.«
Sie notierte sich kurz etwas in meiner Akte, unterschrieb meine Bescheinigung, dass ich an allen Sportveranstaltungen teilnehmen durfte, und fügte unten auf dem Blatt noch etwas hinzu.
»War’s das?«, fragte ich.
»Fast. Wann hast du mal eine Freistunde?« Sie holte einen kleinen Kalender aus der Brusttasche und blätterte darin.
»Immer donnerstags die zweite Stunde. Wieso?«
»Der Schule wurden Mittel zugeteilt, um einmal die Woche einen Ernährungsberater kommen zu lassen. Der heißt Bob und ist wirklich super. Ich schicke alle Vegetarier für ein kurzes Gespräch zu ihm. Ich hab dich für nächsten Donnerstag eingetragen.« Sie sagte das mit der Freude eines Kindes, das einen neuen Zaubertrick gelernt hat und nun jedem vorführt.
»Vegetarisch zu leben ist nicht dasselbe wie Magersucht«, erwiderte ich. »Das sind sogar zwei verschiedene Einträge im Wörterbuch.«
Eins von Noes Lieblingsthemen. Informiert euch doch einfach mal, Leute! Vegetarismus: Wenn ein Mensch gegen das systematische Foltern von Tieren ist. Magersucht: Wenn ein Mensch gegen die systematische Aufnahme von Nahrung ist.
Die Krankenschwester zwinkerte mir wieder zu. »Bob ist wirklich nett. Er wird nur sicherstellen, dass du genug Protein und Eisen bekommst. Wir wollen ja nicht, dass du uns auf dem Schwebebalken ohnmächtig wirst!«
»Ich nehme mehr Eisen zu mir als der durchschnittliche Fleischesser«, gab ich zurück. Auch ein Zitat von Noe. »Wussten Sie, dass Spinat mehr Eisen enthält als Steak?«
Sie klopfte mir auf die Schulter. »Das kannst du ja dann in Ruhe mit Bob besprechen. Schönes Wetter heute, hm? Viel Spaß noch!«
Beim Grillfest befüllte ich mir den Teller mit Burgerbrötchen, Käse, Chips und Wassermelone, fischte mir eine Dose Cola aus dem mit Eiswürfeln gefüllten Eimer und ging zu Noe und Steven hinüber, die es sich unter einem Baum gemütlich gemacht hatten.
»Na, Süße? Wie war’s?«, fragte Noe.
Ich ließ mich neben sie ins Gras sinken. »Ganz toll, ich hab jetzt einen Termin bei Bob, dem Ernährungsberater. Die Krankenschwester schickt alle Vegetarier zu einem Beratungsgespräch mit ihm.«
»Nicht dein Ernst.«
»Leider doch. Also pass lieber auf, dass niemand deinen sündigen Lebensstil mitkriegt, sonst musst du auch noch hin.«
Noe schnaufte wütend. »Die sollten mal lieber die ganzen Fleischfresser zum Therapeuten schicken.«
Steven biss gerade in einen Hamburger und machte ein unzufriedenes Geräusch. Noe bewarf ihn mit einer Brötchenhälfte. »Ja, das gilt auch für dich, du Mörder!«
»Meine Mami sagt, die Hamburger kommen von glücklichen Kühen«, sagte Steven mit Kinderstimme.
Noe warf ihm einen genervten Blick zu. »Dann hat Mami wohl gelogen.«
Die beiden waren seit Juni zusammen. Er war genau Noes Fall: intelligent, gut erzogen, talentiert (Schauspieler!), seine Eltern gingen einem anständigen Beruf nach (beides Anwälte!), und er besaß keine der Charakterschwächen (Drogen! Mannschaftssport! Keine Ahnung von Rechtschreibung!), auf die Noe bei anderen Menschen so herabsah. Ich hatte Steven irgendwann mal als Willy Loman in Tod eines Handlungsreisenden gesehen, mich aber nie mit ihm unterhalten, bis Noe eines Tages kurz vor den Prüfungen verkündete, dass sie nun mit ihm zusammen war.
Steven hatte jetzt Noes Lieblingskapuzenpullover im Schoß und nähte gerade die Kängurutasche wieder fest. Ich konnte kaum hinsehen, wie da ein Junge an Noes Pullover herumoperierte, den ich immer noch mehr oder weniger als Fremden ansah. Ich wusste, dass Noe und er den Sommer über jeden Tag miteinander telefoniert hatten, und einmal war er sogar zum Camp Qualla Hoo Hoo hochgefahren, um sie dort zu besuchen. Weil das alles aber nicht vor meinen Augen stattgefunden hatte, war Steven in meinem Gehirn immer noch in der Kategorie »Abstraktes«. Was machst du denn da?, hätte ich ihn beim Anblick von Noes Pullover in seinem Schoß am liebsten gefragt. Der gehört dir nicht. Steven legte Noe gegenüber dieselbe Hingabe an den Tag wie alle anderen ihrer Freunde zuvor, und das mit einer Absolutheit, die mich auch nach drei Jahren Freundschaft mit Noe nach wie vor faszinierte. Ich hatte noch nicht herausfinden können, ob sie sich die Jungs danach aussuchte oder ob sie ihnen diese Hingabe anerzog.
Ich öffnete die Coladose und nahm einen Schluck.
»Ich wusste nicht mal, dass wir überhaupt einen Ernährungsberater haben«, sagte Noe.
»Dafür gibt’s auch erst sei neuestem die Mittel. Yay!«
»Geld für einen Ernährungsberater haben sie, aber neue Gymnastikanzüge sind nicht drin, hm?«
»Vielleicht wollen sie uns alle mästen, damit wir in die alten ausgeleierten passen.«
Noe verzog das Gesicht. »Keine schöne Vorstellung.« Sie zerpflückte den Rest ihres Hamburgerbrötchens und warf die Stücke einer Krähe hin, die uns aus einiger Entfernung beobachtete.
»Krah, krah!«, machte Steven.
Es war ein komisches Gefühl, die neuen Neuntklässler zwischen den Tischen beim Grillfest hin und her laufen zu sehen, sie reden und lachen zu hören, als würde ihnen der Schulhof bereits gehören.
Als ich damals in die Neunte gekommen war, hatte ich mich gar nicht gut gefühlt.
Nach langem Beratschlagen hinter verschlossenen Türen waren meine Mutter und meine Großmutter nämlich zu dem Schluss gekommen, der Sommer vor der Neunten sei der richtige Zeitpunkt, um mir mitzuteilen, dass ich ein Monster sei. Meine merkwürdige Cousine Ava hatte die beiden jedoch belauscht und war ihnen zuvorgekommen.
Es war an Avas Geburtstag gewesen. Mir war die Aufgabe zugefallen, dafür zu sorgen, dass sie in ihrem Zimmer blieb, bis die Erwachsenen mit der Tischdeko und dem Kuchen fertig waren. Wir saßen auf ihrem Bett. Die kreischende Musik, die sie vierundzwanzig Stunden am Tag hörte, war auf volle Lautstärke gedreht. Angeblich fand sie diesen Lärm entspannend.
»Was hat dir deine Mom eigentlich über deinen Dad erzählt?«, fragte sie mich plötzlich.
Ich wurde rot und zuckte nur mit den Schultern. Als Kinder hatten Ava und ich oft miteinander gespielt, aber nachdem sie an die Highschool gekommen war, hatte sie sich sehr verändert. Jetzt hatte ich ständig den Eindruck, dass es ihr nur darum ging, mich zu schockieren oder mir Angst zu machen. »Weißt du, was das ist?«, hatte sie mich zum Beispiel einmal gefragt und mir einen Schnitt an ihrem Arm gezeigt. Oder sie erzählte mir im Detail, was sie mit dem gruseligsten Jungen von ihrer Schule alles angestellt hatte. Oder schlimmer noch, behauptete, er sei in mich verliebt. In diesen Momenten wünschte ich mir nichts sehnlicher, als bei Mom und Nan in der hellen Küche zu sein. Jetzt hörte ich die beiden lachen und nach Onkel Dylan rufen, er solle ihnen mal schnell Schleifenband für Avas Geschenk bringen.
»Er heißt Scott«, sagte ich. »Er hat mit Mom an der Northern University studiert. Sie haben nur einmal miteinander geschlafen. Er war gemein zu ihr, deshalb ist sie nicht mit ihm zusammengeblieben.«
Mom hatte mit neunzehn ihr Studium abgebrochen, um mich zu bekommen. Ich hatte meinen Vater nie kennengelernt, stellte ihn mir aber immer wie den beliebten Quarterback aus einer Teenie-Komödie vor, der sich in ein Mädchen verliebt, das gar nicht sein Typ zu sein scheint, sich dann leider dem öffentlichen Druck beugt und sie für einen heißen Cheerleader verlässt. Ich kannte viele andere Kinder, deren Eltern nicht mehr zusammen waren, deshalb hatte ich mich nie als Außenseiterin empfunden. Die Abwesenheit meines Vaters hatte mich daher nicht übermäßig mitgenommen.
»Sie hat nicht mit ihm geschlafen«, sagte Ava. »Er hat sie vergewaltigt. Das wollen sie dir demnächst erzählen, hab ich gestern gehört.«
Ich krallte die Finger in die Tagesdecke auf Avas Bett. Aus der Küche hörte man Gelächter, Schranktüren klappten, Kerzen wurden herausgesucht und Teller gestapelt. Ava liebte dunkle Geheimnisse und Leichen im Keller anderer Menschen. Im Laufe meines Lebens hatte sie mir gegen meinen Willen schon einige schlimme Geschichten erzählt, aber das hier war schrecklicher als alles andere.
»Keiner aus der Familie konnte fassen, dass deine Mom dich trotzdem behalten hat«, fuhr Ava fort. »Sie wollte dich eigentlich zur Adoption freigeben. Mein Dad sagt, sie hat während der ganzen Schwangerschaft kaum geredet. Sie hat niemandem etwas erzählt, bis sie fast im achten Monat war. Muss sich für sie wie in Alien angefühlt haben, dass da was in ihr heranwächst, was sie gar nicht haben wollte.« Ava musterte mich prüfend, wartete auf eine Reaktion.
Ich ließ mir nichts anmerken, eine Fähigkeit, die ich dank Avas Geschichten mittlerweile meisterhaft beherrschte. Monster, ging es mir durch den Kopf. Das Wort breitete sich nach und nach in mir aus, besetzte jede Zelle, wie wenn man aus Versehen auf »diese Seite übersetzen« klickt und sich der Text auf dem Bildschirm schlagartig in japanische Schriftzeichen verwandelt.
»Du glaubst mir nicht, stimmt’s?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Oder du glaubst mir und willst es bloß nicht zeigen.«
Ich gab keinen Mucks von mir. Wenn einen Ava einmal in den Klauen hatte, gab es kein Entkommen mehr. Sie ahnte jeden Fluchtversuch im Voraus und schnitt einem jeden möglichen Weg ab. Sie war unglaublich gut darin, ihrem Gegenüber dessen Gefühle anzusehen. Deshalb machte sie mir auch solche Angst: Sie wusste immer genau, was man gerade dachte.
»Vielleicht solltest du mal nach ihm suchen«, sagte sie. »Würde ich an deiner Stelle zumindest machen. Ich würde ihn einfach mit meinen Freunden zusammenschlagen.«
Ich musste schlucken. Ich hatte noch nie jemanden gehauen und schon gar niemanden zusammengeschlagen.
»Und du solltest dich auch lieber mal untersuchen lassen. Wer weiß, was der alles für Krankheiten hatte, die er dir vererbt hat.«
Monster, ging mir wieder durch den Kopf. Monster.
»Weinst du etwa?«, fragte Ava.
Ich konzentrierte mich auf Avas Satanposter an der Wand. Satan hatte einen schwarzen Bart und stechende gelbe Augen. Und er war ganz schön durchtrainiert. Arnold Schwarzenegger im Hades. »Nein«, sagte ich.
Ava griff nach meinem Kinn und sah mir in die Augen. Ihre waren dank der Kontaktlinsen lila. Es war, als würde man einer Schlange in die Augen sehen. »Du hast Glück«, sagte sie. »Manche Leute brauchen ihr ganzes Leben, um rauszufinden, wie scheiße die Welt wirklich ist. Du erfährst das schon mit dreizehn.«
Meine Mutter rief uns aus der Küche. »Ava, Annabeth, es gibt Kuchen!«
Ava ließ mein Kinn los. Die Stelle, an der sich mich angepackt hatte, tat noch weh. »Du darfst keinem erzählen, dass ich dir das gesagt habe. Versprochen?«
»Versprochen«, sagte ich.
In dem Moment öffnete Nan die Tür. Sie hatte Puderzucker auf der Hose. Kuchenduft und die Geräusche der Erwachsenen drangen aus dem Wohnzimmer zu uns herein.
»Ava, Annabeth, ihr könnt jetzt kommen.«
»Okay!« Ava lächelte wie ein Engel und hüpfte fröhlich vom Bett.
Ich ging ins Bad und betrachtete mich im Spiegel. Wie hatte ich das nur dreizehn Jahre lang nicht sehen können?
Mom und Nan erzählten es mir erst eine Woche später.
Die 7 Tage dazwischen waren furchtbar.
Meine Freundin Hailey veranstaltete eine Poolparty. Ich saß in Pullover und Jeans am Rand und traute mich nicht ins Wasser. Ich hatte Angst, jeder, der meinen monströsen Körper sah, wüsste sofort Bescheid.
Beim Mittag bekam ich nichts hinunter. Wenn ich etwas aß, würde ich ja damit auch das Monster in mir füttern und stärker machen. Wenn es noch größer würde, wäre am Ende gar nichts Gutes mehr in mir übrig.
Beim Einkaufen mit Mom hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, meine Scham und meine Panik wären für alle sichtbar, würden wie ein hässlicher Heiligenschein über mir schweben. Bis dahin hatte ich mich gegeben, wie ich war. Jetzt wurde ich zum ersten Mal misstrauisch und achtete genau darauf, wie ich auf andere wirkte. Ich zog mir die Ärmel über die Hände und lauschte gebannt auf Zweideutigkeiten in allem, was Mom zu mir sagte.
»Was ist denn mit dir los, Annalein?«, fragte sie mich irgendwann. »Du bist so still.«
»Ich denke bloß nach«, antwortete ich und verzog den Mund unter Anstrengung zu einem Lächeln.
Endlich war es Abend. Nan kam vorbei, und sie und Mom kochten gemeinsam mein Lieblingsessen. Anstatt der üblichen Scrabble-Runde danach setzten wir uns alle zusammen auf die Couch, weil »es etwas zu besprechen gab«. Ich fühle mich wie eine Krebspatientin, die eine schwierige Operation vor sich hat.
»Grandma und ich wollen mit dir über etwas reden, dass dich vielleicht erst einmal ziemlich mitnimmt«, sagte Mom.
Ich rührte mich nicht. Wenn ich zu früh etwas sagte, wüssten sie sofort, dass ich Bescheid wusste. Also drehte ich dem verzweifelten Heulen, das in mir aufstieg, den Hals um wie einer Gans und schob es wieder so tief wie möglich hinunter.
»Was denn?«, fragte ich.
Meine Mutter kannte meinen Vater aus der Uni, sie hatten mehrere Seminare zusammen. Er war nett und flirtete gern, was die Sache nach dem Kanuausflug umso schwieriger für meine Mutter machte. Wenn es ein Fremder mit einem Messer ist, sind sofort alle auf deiner Seite. Wenn es ein gutaussehender Junge ist, der am Lagerfeuer Blister in the sun gesungen hat, ist man skeptischer.
Mom sagte, sie habe immer ein Kind gewollt und sei auch sofort sicher gewesen, dass sie mich trotz der schrecklichen Umstände dieser Schwangerschaft genauso lieben würde wie jedes andere Kind. So wie sie es erzählte, klang die Geschichte nachvollziehbar und hatte eigentlich ein Happy End. Dass sie acht Monate lang kein Wort gesprochen und mich fast zur Adoption freigegeben hätte, erwähnte sie nicht. Vielleicht hob sie sich diesen Teil auf, bis ich älter war.
»Musste er ins Gefängnis?«, fragte ich.
Ava hatte mir schon erzählt, dass das nicht der Fall war, aber irgendwas musste ich ja fragen, sonst hätten sie sofort gemerkt, dass ich die Geschichte nicht zum ersten Mal hörte.
»Das Gesetz ist leider in solchen Sachen nicht immer hilfreich«, sagte Nan. »Damals hatte es gerade mehrere Fälle gegeben, in denen Frauen in einer ähnlichen Situation wie deine Mom hinterher Probleme mit dem Sorgerecht hatten. Wir wollten auf keinen Fall, dass dieser Mann eines Tages auftaucht und irgendwelche Ansprüche stellt.«
Ich nickte. Vor meinem geistigen Auge sah ich einen gruseligen, stark behaarten Fremden, der bei uns einbrach und mich wegzerrte. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Mom mich zur Adoption freigegeben hätte. Dann hätte sie wenigstens zu Ende studieren und ein neues Leben anfangen können, anstatt für immer in einem Supermarkt in ihrer Heimatstadt gefangen zu sein, wo sie jeder kannte.
Mom und Nan sagten, wie lieb sie mich hätten und wie stolz sie auf mich seien.
»Morgen gehen wir wandern«, sagte Mom, »und dann können wir in Ruhe weiter darüber reden, so viel du willst.«
Ob sie unseren staubigen kleinen Wald um die Ecke leid war, genau wie das staubige kleine Leben, zu dem meine Existenz sie verdammt hatte? Auf unserem Ausflug am nächsten Tag war ich die ganze Zeit damit beschäftigt, mich für meine Arme, Beine, Augen, Hände und Haare zu schämen.
»Bist du böse, Annabeth? Ich wollte es dir nicht erzählen, solange du noch zu klein warst und es nicht verstanden hättest. Aber ich wollte jetzt auch nicht mehr warten, weil du immer älter wirst. Und ich hoffe natürlich, dass dir so etwas nie, nie, nie passiert, aber falls doch, dann sollst du es besser haben als ich.«
Ich hatte Mom noch nie so unsicher erlebt. Ich hatte sie immer für unverwundbar gehalten. Sie konnte am weitesten laufen und den schwersten Rucksack tragen. Folgerichtig hatte ich meinen Vater immer für einen jungen Mann gehalten, der lediglich Mist gebaut hatte. Nun hatte er sich als Ungeheuer herausgestellt, und das war schlimm. Fast genauso schlimm war jedoch, dass auch Moms Unverwundbarkeit einen Riss bekommen hatte.
»Wieso sollte ich denn böse auf dich sein? Du hast doch nichts gemacht«, gab ich zurück.
Die Luft im Wald war erdig und schwer. Ich stellte mir vor, wie Mom am Morgen danach in das Kanu geklettert war und sich auf den Rückweg gemacht hatte. Wieso hatte sie niemandem davon erzählt? Wieso hatte sie ihm nicht das Gesicht zerkratzt?
Monster, Monster, Monster, sang es zum Takt meines Herzschlags in mir.
Monster, Monster, Monster, bis ich mich daran gewöhnt hatte wie an das Geräusch meines eigenen Atems.
An meinem ersten Tag an der E.O. James hatte ich mich in dem Gewirr aus Fluren verlaufen und hatte fast eine Panikattacke, als ein Zwölftklässler namens Louis Vallero plötzlich die Tür zu dem abgelegenen Treppenhaus aufriss, in dem ich mich mit einem Buch verkrochen hatte.
Beim Grillfest damals drückte mir jemand einen Hotdog in die Hand. Ich wusste nicht, was ich damit machen sollte. Ich fand keinen Mülleimer und wollte ihn gerade in eine Serviette wickeln und irgendwo verstecken, als ein Mädchen, das ich nicht kannte, auf mich zukam und angewidert die Nase rümpfte.
»Ekelhaft, nicht?«, sagte sie. »Willkommen an der Highschool. ›Bitte schön, ein Stück totes Schwein zur Feier des Tages.‹«
»Ja, echt mal«, stimmte ich zu, obwohl ich damals noch gar nicht Vegetarierin war, sondern mich nur sehr unsicher und sehr unglücklich fühlte.
»Ich bin Noe. Und du?«
Ich zögerte kurz. »Annabeth.«
Seit dem Sommer brachte ich meinen Namen kaum noch über die Lippen. Es tat mir weh. Ich hätte am liebsten im Wald gelebt wie eine Aussätzige im Mittelalter, mit Zweigen in den Haaren und so. Das wäre dann wenigstens ein ehrliches Leben gewesen, in dem ich nicht so tat, als sei ich fröhlich und wie die anderen. Von einer mittelalterlichen Aussätzigen erwartete niemand, dass sie Freunde fand.
Noe schien mein Anderssein an diesem Tag gar nicht zu bemerken. »Kommst du kurz mit aufs Klo?«, fragte sie. »Ist ein Notfall.«
Wir gingen los. »Was ist denn passiert?«
»Ein paar von den Stufensprechern haben mich gezwungen, Skittles zu essen. Du weißt, dass die aus gekochten Pferdehufen gemacht werden, nicht? Ich hab denen gesagt, dass ich Vegetarierin bin, aber das hat sie nicht interessiert.«
Ich konnte ihr Unwohlsein geradezu fühlen. Wir rannten ins Schulgebäude, und dann hielt ich ihr die Haare aus dem Gesicht, während sie sich übergab, um die verhasste Substanz wieder loszuwerden.
»Du verstehst mich wenigstens«, sagte sie hinterher. »Meine beste Freundin an meiner alten Schule hat immer gleich Terror gemacht, dass ich Bulimie hätte. Ich hab ihr gesagt: ›Wenn man Bulimie hat, isst man einen ganzen Schokoladenkuchen am Stück und kotzt ihn dann wieder aus. Ich will einfach nur kein ermordetes Tier in mir drinhaben, das wird ja wohl noch erlaubt sein.‹«
Beschützerinstinkt überrollte mich wie eine Welle. Dieses verletzliche Mädchen mit den glänzend schwarzen Haaren war tatsächlich von Stufensprechern gezwungen worden, gekochte Pferdehufe zu essen! In das Gefühl mischte sich jedoch auch Stolz: Ich war nicht wie die kindische Meckerfreundin aus der Achten. Ich verstand diese Noe, die so plötzlich in mein Leben geschneit war.
Das könnte doch meine neue Identität sein, dachte ich: Die Freundin, die Noe verstand. Besser als ein Monster. Ich kannte dieses Mädchen erst seit zehn Minuten, spürte aber jetzt schon deutlich, dass ich eine neue Aufgabe darin gefunden hatte, sie zu beschützen. Vielleicht konnte ich so endlich meine gequälte, angestaute Energie loswerden.
Ich hatte den ganzen Tag noch fast kein Wort geredet, gefühlt sogar fast den ganzen Sommer lang nicht. Aber wie ich dort neben Noe lief, sprudelten die Worte nur so aus mir heraus. Als hätte ich in der kalten Wand, die mich vom Rest der Menschheit abschnitt, ein kleines Luftloch gefunden, ein Luftloch in Form von Noe. Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass ich wieder atmen und sogar lachen konnte. Das Loch wurde etwas kleiner, als wir beide stehen blieben und Noe sich mit ein paar Lehrerinnen unterhielt, und vergrößerte sich dann wieder, als wir alleine weitergingen. Ich war fasziniert von diesem Luftloch in meiner ansonsten hermetisch von jeglichem Sauerstoff abgeriegelten Welt. Mit Noe an meiner Seite konnte ich ein normaler Mensch sein.
Sie wollte wissen, wo ich wohne, auf welche Schule ich früher gegangen war, ob ich schon gehört hatte, dass Miss Kravenko die strengste Mathelehrerin von allen war, und ob ich mich zusammen mit ihr für das Turnteam anmelden wollte, ich würde nämlich so aussehen, als sei ich gut darin. Sie erzählte mir von ihrem letzten Freund, Sean, und von einem Ferienlager mit einem komischen Namen, in dem sie nächsten Sommer als Betreuerin arbeiten würde.
Als wir uns in der Aula nach einem Platz umsahen, um die Ansprache des Motivationscoaches zu hören, war ich ihr bereits komplett verfallen.
Mit Noe an meiner Seite verlief ich mich nie mehr in den Schulfluren, und Louis Vallero machte mir keine Angst mehr. Ich passte auf, mich nie zu weit von ihr zu entfernen. Sie war mein Leitstern.
»Toll, dass du schon eine Freundin gefunden hast!«, sagte Mom beim Abendbrot. Ich sammelte schweigend die Peperoni von der Pizza und legte die Stücke ordentlich auf meinen Tellerrand.
Eine der lustigen Ideen der Stufensprecher für den ersten Schultag war, jeden mit Süßigkeiten zu bewerfen.
Nun lagen diese Süßigkeiten überall herum – auf dem Fußboden, in den Waschbecken, in den Ritzen zwischen den Aulasitzen. Irgendjemand bewarf den Motivationsredner mit einem Kaubonbon, sodass Direktor Beek den ersten Verweis des Schuljahres aussprechen musste.
Gegen vierzehn Uhr war die Schule voller Bonbonpapiere, die die Flure entlangschwebten wie kleine Geister. Erdnussriegel knirschten unter unseren Füßen.
»Unglaublich«, schimpfte Noe.
Steven bückte sich nach einem. Noe wollte ihm den Riegel aus der Hand schlagen, aber er war schneller.
»Ja, unglaublich lecker!«, sagte er mit vollem Mund.
