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11 Jahre, 5 Monate und 27 Tage ist es her, dass Grace Bradshaw zuletzt die Stimme ihrer Tochter Sophie gehört hat. Und nun bleibt ihr nur noch wenig Zeit, denn der Staat South Carolina hat das Datum festgelegt, an dem die Todesstrafe an Grace vollzogen werden soll. Doch Sophie hat alle Brücken hinter sich abgebrochen, nicht einmal ihr Mann weiß, wer ihre Mutter ist und welche schreckliche Tat Grace zur Last gelegt wird. Als Graces Anwalt Sophie schließlich findet, muss sie sich entscheiden. Soll sie weiter eine Lüge leben – oder riskiert sie alles, um die Frau wiederzusehen, der einmal ihre ganze Liebe gehört hat?
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Seitenzahl: 420
Veröffentlichungsjahr: 2017
Buch
11 Jahre, 5 Monate und 27 Tage ist es her, dass Grace Bradshaw zuletzt die Stimme ihrer Tochter Sophie gehört hat. Und nun bleibt ihr nur noch wenig Zeit, denn der Staat South Carolina hat das Datum festgelegt, an dem die Todesstrafe an Grace vollstreckt werden soll.
Doch Sophie hat alle Brücken hinter sich abgebrochen, nicht einmal ihr Mann weiß, wer ihre Mutter ist und welche schreckliche Tat Grace zur Last gelegt wird. Als Graces Anwalt Sophie schließlich findet, muss diese sich entscheiden. Soll sie weiter eine Lüge leben – oder riskiert sie alles, um die Frau wiederzusehen, der einmal ihre ganze Liebe gehört hat?
Autorin
Durch ihre Tätigkeit als Therapeutin und Coach stand Angela Pisel schon vielen Frauen in schwierigen Lebensphasen als Mentorin zur Seite. Die Erfahrungen, die sie in ihrer Arbeit mit zum Tode verurteilten Frauen gesammelt hat, haben sie tief bewegt und letztendlich zu ihrem ersten Roman »Du in meinem Herzen« inspiriert. Angela Pisel lebt mit ihrer Familie in North Carolina.
Angela Pisel
Du in meinem Herzen
Roman
Deutsch von Karin Diemerling
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Die Originalausgabe »With Love from the Inside« erschien 2016 beiG.P. Putnam’s Sons, New York. Dieses Buch ist auch als E-Book erhältlich.1. AuflageDeutsche Erstveröffentlichung September 2017Copyright © der Originalausgabe 2016 by Angela Pisel.Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.All rights reserved.This edition is published by arrangement with G.P. Putnam’s Sons, an imprint of Penguin Publishing Group, a division of Penguin Random House LLC.Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, MünchenUmschlagmotiv: Trevillion Images/Yolande de KortRedaktion: Ann-Catherine GeuderAn · Herstellung: kwSatz: Fotosatz Amann, MemmingenISBN: 978-3-641-18991-4V001www.goldmann-verlag.deBesuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz
Für Greg und die vier Kinder, die unser Zuhause mit uns teilen.Euretwegen möchte ich da sein.
GRACE
Alle Normalität endete für mich in dem Moment, als die Polizei in Williams Krankenhauszimmer gestürmt kam. Man zerrte mich von seinem Bettchen weg, von meinem hilflosen Baby, das an Schläuchen hing, nach Atem rang, seine Mutter brauchte. Ich war von einem Arzt zum anderen gelaufen, aber keiner hatte auf mich hören wollen, wenn ich ihm klarzumachen versuchte, dass etwas nicht stimmte.
»Bradshaw, Ihr Anwalt will Sie sehen!« Eine unbekannte Stimme blaffte mich durch die Stahltür an und riss mich in die Gegenwart zurück.
Üblicherweise war dienstags mein Anwalttag, nicht donnerstags, also konnte es keine guten Nachrichten geben. Ich schob den Stift in mein Tagebuch mit dem abgegriffenen Ledereinband und warf es auf meine Pritsche. Beim Aufstehen erinnerte mich ein stechender Schmerz im Rücken daran, dass ich nicht im Hilton schlief.
Die nackten, kalten Wände und die ständige Geräuschkulisse aus Flüchen und Toilettenspülungen waren nicht gerade das, was ich mir vom Leben erträumt hatte. Eine stagnierende Existenz, ein Tag wie der andere. So ungerecht das Ganze war, konnte ich doch nichts an meiner Situation oder meinem Ruf ändern. Letzterer war mir immer noch wichtig, selbst nach siebzehn Jahren, so verrückt es klingt. Es wäre mir wahrlich lieber, der Nachwelt nicht als das Ungeheuer in Erinnerung zu bleiben, als das die Lokalpresse mich damals hinstellte, schon gar nicht als Kindsmörderin.
»Los, Beeilung«, knurrte der neue Wärter durch die schmale horizontale Öffnung in der Tür. »Beide Hände durchstecken.« Sein Ton erschreckte mich, und ich biss mir auf die Innenseite der Unterlippe, eine nervöse Angewohnheit, die ich einfach nicht ablegen konnte. Diesmal schmeckte ich Blut.
Alles in allem kam ich mit dem wechselnden Wachpersonal jedoch besser klar als so manche andere im Trakt. Jada saß jetzt vermutlich mit um die Knie verschränkten Händen da und wiegte sich vor und zurück wie eine aus der Psychiatrischen. Sie hat mir einmal erzählt, dass sie als kleines Mädchen nie wusste, wer ihr »Daddy« sein würde, wenn sie morgens aufwachte. Ich stellte mir die vierjährige Jada vor, wie sie in einem Strampler-Schlafanzug um die Ecke lugte, um die Lage zu peilen, und betete, dass der neue Mann am Frühstückstisch nett zu ihr sein würde. So stellte ich mir das gerne vor, aber Jada bekam immer noch Panik, viel mehr als wir anderen, wenn eine unbekannte Stimme ihr Befehle erteilte.
Ich streckte meinen linken Arm durch den Schlitz und hob die rechte Schulter ein Stück an, damit mein anderer Arm mitspielte. Meine Glieder waren etwas eingerostet, was vom tagtäglichen Herumsitzen in der Zelle nicht besser wurde. Der Aufseher legte mir die Handschellen an, fester als nötig, bevor er meine Arme zurück durch den Schlitz schob und die Zellentür öffnete. »Ihr Anwalt erwartet Sie.«
Ich vermied den Blickkontakt mit ihm, während er mich durch den Gang führte, sah zu Boden und zählte die grauen Betonplatten, um ruhig zu bleiben. Meine Zählerei wurde unterbrochen, als Roni zu schreien anfing.
»Ruhe da drin«, fuhr der Wärter sie an, »oder Sie dürfen auch diese Woche nicht duschen.« Seinem scharfen Ton nach zu urteilen, meinte er es ernst.
»Okay, Cowboy«, rief Roni zurück. »Okay.«
»Cowboy« rückwärts gelesen ergab »Yobwoc«, was für »Yankee-Ochsen bescheißen wir oft cool« stand (eins der vielen nutzlosen Dinge, die ich im Gefängnis gelernt habe). Ich rechnete mich nicht zu dem »Wir« in dem Akronym – ich bemühte mich, mit allen auszukommen –, Roni dagegen schon. Sie war diejenige, an der mir hier drinnen am meisten lag und der ich ein bisschen unter die Arme zu greifen versuchte. Vielleicht, weil sie so jung war, dass sie meine Tochter sein könnte. Aus unerfindlichen Gründen machte Roni gern Ärger, sobald sich ihr eine Chance dazu bot oder auch, wenn sie nicht die geringste Chance hatte.
Lediglich vier der sieben Zellen im Todestrakt waren belegt, wobei dieser Gefängnisteil nur von Außenstehenden so genannt wurde. Bei denen, die hier einsaßen, hieß er »Hotel Hölle«. Hoffnung war etwas, das niemand hier drin zu kennen schien, außer mir.
Vor allem vermisste ich das Gewöhnliche, Alltägliche. All diese unkomplizierten, als selbstverständlich erachteten Dinge wie das Klappern der Schlüssel meines Mannes an der Haustür um genau zwei Minuten vor sechs oder den Summer an der mit Klebeband geflickten Tür des Wäschetrockners, der signalisierte, dass eine Ladung frischer, warmer Handtücher zusammengelegt werden konnte. Das kiesige Gefühl der heißen Auffahrt unter meinen bloßen Füßen, wenn ich zum Briefkasten ging, um das rostige rote Fähnchen aufzustellen. In meinem kalten Minivan zu sitzen und darauf zu warten, dass die Fenster sich enteisten, bevor ich meine Tochter zur Schule fuhr. Oder mein Gesicht in die kleine Kuhle zwischen Williams Brust und seinem pummeligen Kinn zu vergraben, um seinen süßen Babypuder-Duft nach dem Baden einzuatmen.
Der Wärter quetschte meinen Oberarm, als er mich durch den leeren Aufenthaltsraum führte und den Summer an zuerst einer und dann noch einer automatisch verriegelten Tür betätigte, wonach wir einen der Besprechungsräume für Rechtsanwälte und ihre Mandanten betraten. »Besprechungsraum« ist dabei etwas hochgegriffen, aber wenigstens war der hier größer als meine Zelle und ermöglichte sogar Körperkontakt, so dass mein Anwalt, wenn er das wünschte, meine gefesselten Hände schütteln oder ein Dokument über den zerkratzten Resopaltisch schieben konnte, ohne an Glas zu stoßen.
Ben Taylor stand auf, als ich hereinkam. Er hatte mich in den letzten fünf Jahren vertreten und war zu einem der wenigen nicht zum Gefängnisbetrieb gehörenden Gesichter geworden, die ich zu sehen bekam. Sein Gesicht machte heute keinen guten Eindruck.
»Hallo, Grace, bitte nehmen Sie Platz.« Immer noch an Händen und Füßen gefesselt, setzte ich mich.
»Ben, wie geht es Ihnen?« Ich schindete Zeit, wollte alles andere hören als das, was ich befürchtete.
»Mir geht es gut.« Sein leichter Südstaatenakzent würde seine Nachricht, so schrecklich sie sein mochte, erträglicher klingen lassen. Die meisten Aufseher und viele der Insassinnen hier kamen von sonst woher, doch Bens weicher Tonfall erinnerte mich an zu Hause.
»Haben Sie sie gefunden?«, fragte ich in der Hoffnung auf etwas, an dem ich mich festhalten konnte.
»Es tut mir leid, Grace. Meinem Büro ist es bislang nicht gelungen, Kontakt zu ihr aufzunehmen.«
Selbst nach all den Jahren wachte ich morgens immer noch mit schweißnassem, am Körper klebendem T-Shirt auf, weil ich wieder davon geträumt hatte, wie meine Tochter bei der Beerdigung ihres Vaters ganz allein dasaß. Allein und verlassen. Ich wusste, ich konnte sie nicht dazu bringen, mir zu verzeihen, mir zu glauben oder mich gar zu besuchen, aber ich würde die Hoffnung nicht aufgeben. Vor vielen Jahren hatte ich aufgehört, sie anzurufen, und mir eingeredet, dass sie die Annahme meiner R-Gespräche verweigerte, weil ihr die Kosten zu hoch waren. Elf Jahre, fünf Monate und siebenundzwanzig Tage waren vergangen, seit ich ihre Stimme zum letzten Mal gehört hatte – seit mich zum letzten Mal jemand »Mom« genannt hatte. Wer hätte gedacht, dass ich mich einmal so sehr danach sehnen würde, dieses Wort zu hören.
»Aber deshalb bin ich nicht hier«, sagte Ben. »Leider haben wir nicht die erhoffte Antwort erhalten. Das Gericht hat unseren letzten Antrag auf Berufung abgelehnt.«
Ich ließ den Kopf sinken und versuchte, mich zusammenzureißen, damit mein Anwalt, der einzige Mensch, der mir glaubte, sich nicht noch schlechter fühlte als ohnehin schon. Alle Zuversicht, die mich in diesen Raum begleitet hatte, war verflogen, als ich wieder aufsah.
Ben rieb sich die Stirn. »Grace, der Richter hat Ihren Hinrichtungstermin festgesetzt.«
SOPHIE
Sophie wusste, dass sie Fehler gemacht hatte. Große Fehler, Fehler von der Art, die ein »Es tut mir leid« nicht ausradieren und ein »Bitte versteh mich« nicht wiedergutmachen konnte. Nicht nach so langer Zeit. Das schicke Auto in der Einfahrt, das große Haus am See und ihr dickes Bankkonto ließen ihr Leben von außen betrachtet perfekt erscheinen. In den Augen anderer hätte sie zufrieden, ja überglücklich sein müssen, aber … Vielleicht lag es daran, dass sie dieses Jahr dreißig wurde. Ihre Täuschungen schienen sie langsam einzuholen, und sie hasste dieses Gefühl.
Sie saß, wo sie jeden Morgen saß, nachdem Thomas zur Arbeit gefahren war – auf der Veranda vor dem Schlafzimmer mit Blick auf den See, ihren Kaffee in der Hand. Dieser Platz half ihr, innerlich zur Ruhe zu kommen, und gab ihr Energie für den Tag, zumindest normalerweise. Doch an diesem Oktobermorgen war irgendwie alles anders.
Sie stellte ihren Kaffeebecher ab und kuschelte sich fest in ihren Morgenmantel aus Chenille. Von der kalten Luft bekam sie eisige Hände, und sie wünschte, sie hätte noch die roten Fausthandschuhe mit der weißen Schneeflocke darauf, die sie als kleines Mädchen getragen hatte. Löcher in beiden Handtellern vom stundenlangen Laubrechen im Garten, damit sie in die Haufen hineinspringen und sich darin vergraben konnte, die Sekunden zählend, bis ihr Dad sie fand. Sophie, Sophie, komm raus, wo du auch steckst. Nachdem er eine Zeitlang so getan hatte, als wüsste er nicht, wo sie war, ließ er sich auf den Haufen und beinahe auf sie drauf fallen. Sie kicherte dann und konnte fast nicht mehr aufhören. »Diesmal hast du mich aber drangekriegt, Mäuschen«, schnaufte er dann immer.
Sophie überlegte, wann sie das letzte Mal etwas einfach nur zum Spaß gemacht oder irgendein überwältigendes Gefühl empfunden hatte statt dieser Abgestumpftheit, an die sie sich gewöhnt hatte. Sie war glücklich, wenn sie abends ihren Kopf auf ihren Mann bettete und zusah, wie seine Brust sich im Schlaf hob und senkte, oder wenn sie mit den Kindern im Krankenhaus Puzzles legte, aber das war immer nur von kurzer Dauer.
Sie schüttelte den Kopf, schalt sich wegen ihres Ausflugs in psychoanalytische Gefilde und jagte diese seltsamen Gefühle, welcher Natur auch immer sie sein sollten, zurück in die verborgenen, unerforschten Winkel, aus denen sie gekommen waren. Sie hatte die Kontrolle über ihr Leben. Das konnte ihr niemand nehmen, jetzt nicht mehr.
Ihre Gedanken wurden vom Vibrieren ihres Handys unterbrochen. Sieben neue E-Mails, zwei neue SMS und ein verpasster Anruf. Mein kleiner Erinnerungstrip hat wohl mein Gehör beeinträchtigt. Eine SMS von Thomas, eine von Mindy und ein Anruf von einer unbekannten Nummer.
Während sie eine Antwort an Thomas tippte, wurde brummend Mindys SMS angezeigt. Komme heute nicht. Rufe dich später an. Helfe trotzdem bei Benefizveranstaltung.
Sie sah auf die Uhr ihres Handys. Die Zeit des Rätselns über ihren eklatanten Mangel an Emotionen war vorbei. Sie musste sich ranhalten.
Sophie hasste die Donnerstage. Nachdem sie vor einigen Jahren dieses Haus in West Lake gekauft hatten, hatte Thomas auf sie eingeredet, dass es ihr guttun würde, ein paar von den anderen Frauen in der Nachbarschaft kennenzulernen. Anfangs hatte sie sich widersetzt und Wochenend-Migränen und sogar einen verstauchten Knöchel vorgeschützt, bis Thomas merkte, dass System dahintersteckte, und sie ins Gebet nahm. »Du musst doch mal rauskommen und Freundschaften schließen.«
Nach ein paar Monaten hatte sie endlich nachgegeben und angefangen, an den monatlichen Treffen teilzunehmen, die die Nachbarinnen »Lesezirkel« nannten. Insgeheim bezeichnete sie die Frauen als »die Synthetischen«. Ein Raum voller Plastik-Damen in Designerklamotten, die herumsaßen, Margaritas tranken und die neuesten, in ihrer bewachten Wohnanlage lauernden Skandale durchhechelten. Die Bücher, die sie eigentlich gelesen haben sollten, kamen nie zur Sprache.
Sophie nahm sich selbst von diesem wenig schmeichelhaften Klischee nicht aus. Schließlich hatte sie sich schon bei mehr als einer Gelegenheit für etwas ausgegeben, das sie nicht war. Außerdem war es ja nicht so, dass die Damen nicht nett zu ihr gewesen wären, seit Thomas und sie in diese Gegend gezogen waren. Die meisten hatten sie freundlich willkommen geheißen, gleich vom ersten Tag an, und ein paar hatten sogar einen großen Präsentkorb mit Wein und Käse vor der Haustür abgestellt. Ein Zettel war daran befestigt gewesen: Schade, dass wir Sie nicht angetroffen haben! Dinner bei den Parkers am Freitagabend?
Vor diesem ersten Essen bei den Parkers hatte sie sich dreimal umgezogen und war zweimal ins Bad gerannt, um sich zu übergeben, bis sie sich schließlich für einen Tweedblazer und dunkelblaue Jeans entschieden hatte.
Mindy Parker (die zufällig im selben Krankenhaus arbeitete wie Thomas) hatte ihr jedoch sofort die Befangenheit genommen, und von dem Abend an hatte sich eine Art Freundschaft zwischen ihnen entwickelt. Vielleicht lag es daran, wie es bei Mindy zu Hause aussah. Sauber, aber nicht auf penible Weise blitzeblank; aufgeräumt, aber nicht zwanghaft ordentlich. Schokoladenkekskrümel und Milchtropfen auf dem Küchentresen hatten davon gezeugt, dass Mindy niemanden beeindrucken wollte. Sophie beneidete sie um diese Haltung. Mindy ließ ihre zweijährigen Zwillingsmädchen immer allen hallo und gute Nacht sagen, bevor sie sich kurz entschuldigte, um sie ins Bett zu bringen.
Mindys Freundin Eva dagegen war weniger authentisch. Man konnte sie sich gut in der achten Klasse vorstellen, wie sie tuschelnd mit dem Finger auf eine unglückliche Außenseiterin zeigte, die das Pech hatte, die Kleider einer älteren Schwester auftragen zu müssen. Sophie spürte jedes Mal Evas modekritischen Blick auf sich, wenn sie irgendwo hereinkam, und sie wirkte stets ein bisschen zu interessiert, wenn Thomas eine Geschichte erzählte. Eigentlich war Sophie nicht der eifersüchtige Typ, aber bei dem Lächeln, mit dem Eva ihn ansah, wurde ihr mehr als ein bisschen unbehaglich zumute.
Während Thomas mit sämtlichen Ehemännern, die sie in der Nachbarschaft kennengelernt hatten, in Form einer gelegentlichen Partie Tennis oder einer Runde Golf Kontakt pflegte, war Mindy die Einzige, mit der Sophie außerhalb des Lesezirkels oder anderer gesellschaftlicher Zusammenkünfte näheren Umgang hatte. Und selbst diese Freundschaft ging nicht sehr tief. Je weniger die Leute über sie wussten, desto besser.
Alle üblichen Lesezirkel-Autos waren schon vor Ort, als Sophie ihren Land Rover hinter Evas nagelneuem roten BMW parkte. Eva und drei andere Frauen (deren Namen ihr entfallen waren) gingen gerade hinein, aufgeregt gestikulierend und miteinander tuschelnd. Sie war nicht sicher, ob sie hören wollte, worüber. Da keine je ein Interesse daran gezeigt hatte, über das vereinbarte Buch zu sprechen, hatte Sophie die monatlichen Treffen in Planungssitzungen für Benefizveranstaltungen umgewandelt, die ihrem neuesten Projekt zugutekommen sollten – einem Hilfsfonds für bedürftige Kinder im St. John’s Hospital.
Sie hatte die Idee gehabt, ein kulinarisches Event in Form einer Auktion zu organisieren, das sie in etwa so anpreisen wollte: Eine zukünftig jährlich stattfindende Verkostung der vorzüglichsten Weine und Speisen, die je in den Südstaaten serviert wurden. Spitzenköche und ihre Teams treten an, um die Höchstbietenden mit sensationellen Kreationen zu überraschen, die selbst die verwöhntesten Gaumen zufriedenstellen werden. Sophie feilte in Gedanken weiter an dem Text, während sie ihren Laptop von der Rückbank ihres SUV nahm.
»Habt ihr schon das von Stephen gehört?«, fragte Eva, bevor sie auch nur dazu gekommen war, ihre Handtasche abzustellen oder ihre Jacke auszuziehen. Da sie nicht wusste, ob auch sie gemeint war, antwortete sie zuerst nicht.
»Sophie? Hast du gehört, was da mit Stephen los ist?«
Sophie wollte weder uneingeweiht erscheinen noch Eva die Befriedigung eines Wissensvorsprungs gönnen, also sagte sie rasch: »Ja, gestern Abend schon. Thomas hat es mir erzählt. Ich kann es kaum fassen.« Eine wohlabgewogene Antwort, zumal sie keine Ahnung hatte, was mit Stephen los war. Aber eins wusste sie sicher, nämlich dass Eva nur zu gern als Erste über intime Einzelheiten informierte.
»Also, für diejenigen von euch, die es noch nicht wissen …« Ohne Atem zu holen stürzte Eva sich in den Klatsch. »Stephen ist ausgezogen. Mindy ist am Boden zerstört, sie hatten doch gerade erst einen Pool einbauen lassen und alles.« Ihre juwelengeschmückte Hand warf glänzendes Haar über die Schulter. »Aber ganz verübeln kann ich es ihm nicht. Habt ihr Mindy in letzter Zeit mal gesehen? Lässt sich ein bisschen gehen. Kann keiner Eistüte einen Korb geben.«
Alle Damen lachten, außer Sophie. Sie verteidigte Mindy nicht, aber sie lachte auch nicht mit. Zählte halbherzige Loyalität trotzdem? Sie hatte Mindy seit ungefähr zwei Wochen nicht gesehen und auch nicht mit ihr telefoniert. Zugegeben, ihre Unterhaltungen gingen nie besonders ins Persönliche, aber Probleme mit Stephen? Davon hatte sie nichts gewusst.
»So, sind wir so weit?«, fragte Kate, die Gastgeberin an diesem Tag, und blickte schmaläugig in Evas Richtung. Sie reichte Sophie einen Sekt mit Orangensaft und machte ihr diskret ein Zeichen, das Gespräch von Mindys Privatleben wegzulenken.
Sophie holte ihren Laptop heraus und sprach den ersten Punkt auf der Tagesordnung an.
»Warte, warte«, unterbrach Eva sie sogleich. »Wie ich höre, verheimlichst du uns etwas.«
Sophie tat, als suchte sie nach der nächstgelegenen Steckdose an der Wand, und hoffte, dass Evas falsche Wimpern jemand anderen anklimperten, wenn sie wieder aufsah.
»Sophie, ich rede mit dir.« Eva zog das Personalpronomen schrill in die Länge, als Sophie sich nicht umdrehte. »Wir lesen nämlich Zeitung, weißt du?«
Sophie bückte sich, um das Netzkabel in ihren bereits zu hundert Prozent geladenen Computer zu stecken. Ihr Gesicht brannte, als würde es gleich schmelzen.
Wissen sie es?
Sie hatte sich diesen Moment, ihre größte Furcht, schon tausend Mal ausgemalt. Immer mit unterschiedlichen Varianten, wer wann was herausfinden würde. Wie soll ich ihnen das je erklären?
»Du lieber Himmel, Sophie, was ist denn los mit dir? Du machst ein Gesicht, als hättest du Zahnschmerzen oder so. Du solltest stolz auf Thomas sein«, fuhr Eva fort und fing wieder mit ihrem Haarewerfen an. »Es stand heute Morgen in allen Zeitungen. Michael hat mich extra aus dem Auto angerufen, um zu hören, ob ich es gelesen habe.«
»Thomas, in der Zeitung?« Sophie lehnte sich an die Wand, erleichtert, dass der Treibsand unter ihren Füßen sie auch diesmal nicht verschlingen würde.
Eva stieß einen übertriebenen Seufzer aus. »Dein Mann operiert heute dieses kleine Mädchen. Graaatis! Du weißt schon, die Kleine, die sich das Gesicht verbrannt hat?«
Sophie erinnerte sich vage, davon in den Fernsehnachrichten gehört zu haben. Eine Sechsjährige, die über das Kabel eines Tischgrills gestolpert war.
»Das ist mir neu.« Sie wich Evas Klimperblick aus und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie es hasste, wenn Eva mehr über ihren Mann wusste als sie selbst.
»Seine Hände sind einfach dafür geschaffen, Wunder zu vollbringen«, schnurrte Eva. »Findest du nicht auch?«
Diese Andeutung von Vertrautheit verunsicherte Sophie und ärgerte sie. Was weiß die denn schon? War sie schon mal Patientin bei ihm? Sie musterte Evas volle rote Lippen auf Anzeichen von Collagen hin.
»Schön zu wissen, dass du Thomas’ Hände attraktiv findest«, mischte Kate sich mit einem dünnen Lächeln ein, »aber jetzt mal wieder zum Thema.«
Eva machte Anstalten zurückzurudern, doch Sophie schnitt ihr das Wort ab. Ihr Sektglas als Mikrofon benutzend, sagte sie: »Genau, meine Damen, das Benefizdinner.« Sie tippte gegen den Rand. »Ist dieses Ding an?«
»An vielleicht nicht, aber auf jeden Fall leer.« Kate griff nach einem Krug mit Mimosa und füllte ihr Glas bis oben hin nach.
Sophie trank einen langen Zug und beschwor das Bild von sich herauf, das alle sehen sollten. Als die Drinks langsam ihre Wirkung taten, zog sie ihren Ordner voller Erledigungslisten und Termine aus der Tasche und begann, die Aufgaben zu verteilen.
GRACE
Grace Bradshaw, Staatsgefängnis Lakeland, Todestrakt. So lautete seit siebzehn Jahren die Anschrift auf meiner Post – größtenteils juristische Korrespondenz von meinen wechselnden Pflichtverteidigern. In Anbetracht meines Urteils und meines Aufenthalts in ebenjenem Trakt, in dem Gefangene auf ihre Hinrichtung warten, wusste ich natürlich, dass mich diese Nachricht früher oder später ereilen würde. Andererseits war in all der Zeit, die ich hier einsaß, noch nie jemand hingerichtet worden.
Die Gerüchte über den neuen Gouverneur stimmten also. Der Staat räumte auf, und man fing bei mir an. Ein klirrendes Geräusch unterbrach meine Gedanken. Meine Handschellen. Ben hörte es ebenfalls und griff über den zerkratzten Tisch, um das Zittern meiner Hände zu beruhigen. Doch ehe er mich berühren konnte, erinnerte der Wärter ihn knurrend an die Vorschrift, die Körperkontakt untersagte.
Ben senkte die Stimme: »Grace, ich werde Sie nicht aufgeben.« Er schielte kurz zu dem Officer hin, bevor er mir aufmunternd unters Kinn fasste. Ich bemerkte neue Falten auf seiner Stirn, sie mussten sich seit seinem letzten Besuch eingegraben haben.
»Ich verspreche Ihnen, dass ich einen neuen Weg finden werde. Ich habe Ihren Fall übernommen, weil ich Ihnen glaube. Und jetzt, da ich Sie besser kenne, bin ich davon überzeugt, dass Sie es nicht verdienen, hier zu sein. Sie sind nicht die, als die man Sie hinstellt.«
Die, als die man mich hinstellt. Damit rang ich seit dem Moment, als Anklage gegen mich erhoben wurde. Münchhausen-Stellvertretersyndrom – mit diesem Etikett hatte der Staatsanwalt mein angebliches Verbrechen versehen. Als wäre ich eine von diesen durchgedrehten Müttern in Horrorfilmen, die ihre Kinder absichtlich krank machen, um Aufmerksamkeit und Mitgefühl zu erheischen. Ein genauso einprägsamer wie vernichtender Begriff, der für reichlich fette Schlagzeilen gesorgt hatte.
Die zwölf Geschworenen hatten mit versteinerten Mienen dagesessen, jedem seiner verheerenden Worte gebannt lauschend, während ich ebenfalls reglos blieb und mir dieses Ungeheuer vorzustellen versuchte, das er da beschrieb. Eine depressive Mutter, die kein zweites Kind wollte, eine einsame Pastorenfrau, die sich so verzweifelt nach Aufmerksamkeit sehnte, dass sie ihr Baby krank machte. In seinem Schlussplädoyer – gemessen und wohlüberlegt, kalkulierend, aber aufrichtig überzeugt – stellte er Williams Tod als Folge einer Reihe von Untaten hin, die ich aus irgendwelchen abartigen Motiven geplant haben sollte.
Der Mann, der vom Gericht dazu bestimmt worden war, das Volk zu vertreten, hatte nie einen Fuß auf meine Veranda mit Gittergeländer gesetzt noch sich die Mühe gemacht, mich nach dem Horror zu fragen, den es bedeutet, ein Kind zu verlieren.
Er hatte nicht miterlebt, wie ich den weinenden William tröstete, ihm den Trost gab, den ihm nur meine Brust spenden konnte. Hatte mich nie im Wohnzimmer herumgehen und mein Baby in den Armen wiegen sehen, während ich inständig betete, dass es sich nicht wieder erbrach. Mich nie ein Handtuch befeuchten und das Blut abwischen sehen, das über das aufgeschürfte Knie meiner Tochter rann, oder erlebt, wie ich sie mit »Eine kleine Spinne« wieder zum Lachen brachte. Ich mag keine Preise als Supermutter gewonnen haben, aber ich habe meine Kinder genauso geliebt wie jede andere Mutter.
Die Geschworenen kauften dem Staatsanwalt die Geschichte ab, dass es William jedes Mal besser gegangen sei, wenn andere sich um ihn kümmerten, er aber wieder krank geworden sei, sobald nur ich ihn pflegte. Der Mann, der an jedem Tag des zweiwöchigen Prozesses eine Paisley-Krawatte in einer anderen Farbkombination trug, überzeugte zwölf Menschen von der Schuld eines einzigen.
Als die man mich hinstellt. Ich hatte darauf gehofft, dass die Geschworenen mich so sehen konnten, wie ich war, dass sie die Erfindungen, die falsch dargestellten Vorfälle durchschauten. Doch stattdessen … kam es schlimmer als in meinen schlimmsten Befürchtungen. Wie konnten zwölf von zwölf Personen dafür stimmen, dass ich auf staatliche Anordnung hin getötet werden sollte? Der Gedanke verursachte mir immer noch Panik.
»Fünf Minuten.« Der Wärter hob die gespreizte Hand.
»Grace«, sagte Ben leise, »ich versuche weiter, sie zu finden.«
»Ich weiß, aber es ist schwer, jemanden zu finden, der nicht gefunden werden will. Ich glaube, für sie bin ich längst gestorben.«
»Ich lasse meine Assistentin gerade Studentenverzeichnisse, frühere Adressen und solche Sachen durchgehen. Kann es sein, dass sie ihren Namen geändert hat?«
Daran hatte ich schon zigmal gedacht und konnte ihm trotzdem keine Antwort geben. Ich zuckte die Achseln.
»Versprechen Sie mir eins.« Ich bemühte mich, meine zitternde Stimme unter Kontrolle zu bringen. »Geben Sie ihr mein Tagebuch, wenn ich tot bin.«
»Ich führe Bradshaw zurück«, flüsterte eine vertraute, angenehme Stimme dem Wärter hinter mir zu. Ich saß auf einem Metallstuhl, meine Hände mit Handschellen an einen um meine Taille geschnallten Ledergürtel gefesselt. Die Fesseln schränkten meine körperliche Bewegungsfreiheit ein, aber meine Gedanken rasten, während ich die Nachricht meines Anwalts zu verarbeiten versuchte.
Ich sah zu Officer Jones mit den freundlichen grünen Augen auf. »Es tut mir leid«, sagte sie und zog die Stirn in Falten. »Ich weiß, das ist nicht die Nachricht, auf die Sie gehofft hatten.«
Unter anderen, normaleren Umständen, wenn ich zum Beispiel erfahren hätte, dass ich noch zwölf bis vierzehn Monate zu leben hatte, falls die Chemo anschlug, oder dass mein Mann, mit dem ich seit dreiunddreißig Jahren verheiratet war, bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, hätte ich mich an ihre Schulter sinken lassen und geweint, bis keine Tränen mehr kamen. So aber sagte ich nichts und nickte nur knapp.
Ich hatte das Gefühl, dass Officer Jones mich mochte oder zumindest glaubte, dass etwas Gutes in mir steckte. Wir hatten nie über meine Verurteilung gesprochen, weil sie natürlich wusste, was man mir anlastete. Alle wussten es. Demzufolge, was ich vom Wachpersonal mitbekommen hatte, war eine Zeitlang auf allen Fernseh- und Radiosendern in den USA und Kanada die Rede von mir gewesen – bis die Berichterstattung irgendwann spärlicher wurde und sich auf einen Serienmörder verlegte, der Prostituierte in Nevada umbrachte.
Officer Jones war eine von den wenigen weiblichen Aufsehern, die schon vor meinem Eintreffen länger im Todestrakt gearbeitet hatten. Ich schätzte sie auf Ende fünfzig, vor allem wegen ihrer sieben Enkelkinder, hatte mich aber nie getraut, ihr persönliche Fragen zu stellen. Wir hielten uns an die üblichen Fahrgemeinschafts-Themen wie zum Beispiel ihre Pläne für den Ruhestand. »Nur noch dreiundzwanzig Monate und fünfzehn Tage, bis diese Lady« – sie zeigte mit beiden Daumen auf sich – »hier raus ist.«
Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal vor ihr gehen würde.
»Das ist noch nicht das Ende. Der Gouverneur kann es immer noch aufhalten.« Sie half mir aufzustehen und ins Gleichgewicht zu kommen, was schwerer war als erwartet. Ich hatte weiche Knie.
Der neu gewählte Gouverneur hatte im Wahlkampf eine schnellere Rechtsprechung in Aussicht gestellt. Ich bezweifelte, dass es klug wäre, auf seine Hilfe zu hoffen.
Aber vielleicht sollte ich es positiv sehen. Lag nicht auch ein gewisser Trost darin, das Ende meiner Geschichte zu kennen? Ein Stück Selbstbestimmung, indem ich meinen eigenen Nachruf verfassen, das Datum nach dem Bindestrich selbst einsetzen konnte? Ich würde meinen Todeszeitpunkt ziemlich genau vorhersagen und schon mal zu meinem staatlich organisierten Begräbnis einladen können. Das Problem war nur, dass ich nicht wusste, wen.
»Kommen Sie«, sagte Officer Jones, »Kopf hoch. Sie waren doch nie eine, die leicht aufgibt. Kämpfen Sie für Ihre Tochter, von der Sie mir erzählt haben. Sophie, stimmt’s? Kämpfen Sie für Sophie.«
Den Namen meiner Tochter so freundlich ausgesprochen zu hören, von jemand anderem als meinem Anwalt, war mehr, als ich verkraften konnte. Ich ließ den Kopf hängen und begann zu weinen.
Wir sagten nichts weiter, als Officer Jones mich zurückbrachte. Stattdessen tat ich das Einzige, das mich beruhigte, wenn ich es hier nicht mehr aushielt. Ich stellte mir die sechsjährige Sophie mit Rattenschwänzen, Zahnlücke und einem Lächeln wie am Weihnachtsmorgen vor, wie sie mir ein Fläschchen mit violettem Glitzernagellack reichte. Bitte, Mommy, können wir den glitzerigen nehmen?
Auf dem ganzen Weg zu meiner Zelle lackierte ich Sophie die Fingernägel, sorgfältig einen nach dem anderen, und pustete zwischen den Schichten darauf, bis sie trocken waren und ihre kleinen Hände perfekt aussahen.
SOPHIE
Sie hatte gerade die letzte Kerze angezündet, als Thomas durch die Tür zur Garage hereinkam. Das Handy ans Ohr geklemmt, erteilte er dem Pflegepersonal immer noch Anweisungen. »Erhöhen Sie die Schmerzmitteldosis bis zur besprochenen Menge. Rufen Sie mich an, falls ihre Temperatur über 38 Grad steigt.« Er warf ihr eine Kusshand zu, sobald er sie sah.
Dass er erst gegen neun nach Hause kam, schien zurzeit eher die Regel als die Ausnahme zu sein. Doch Sophie beklagte sich nicht. Wenn Thomas da war, gab er ihr stets das Gefühl, der Mensch zu sein, der in seinem geschäftigen Alltag am meisten zählte.
Pad Thai, Frühlingsrollen und gedünstetes Gemüse waren auf einem Set schwarzgrundiger Platten mit roten und gelben Blumenmustern arrangiert, während die Lieferboxen in dem Mülleimer neben der Garage steckten. Auch wenn er sowieso nicht glaubte, dass sie das alles selbst gekocht hatte, vermittelte sie ihm doch gern den Eindruck.
»Hallo Schatz.« Er küsste sie auf die Wange und warf seine Schlüssel und das Handy auf die elfenbeinfarbene Granitarbeitsplatte der offenen Küche. »Ich bin am Verhungern.«
»Hallo, Hübscher. Irgendwelche Leben gerettet heute?«
»Ich rette keine Leben, ich verschönere sie nur.« Er grinste. Das war ein eingespieltes Geplänkel zwischen ihnen, schon seit ihrem ersten Kennenlernen, ein paar Monate nachdem Thomas sein praktisches Jahr in der plastischen Chirurgie begonnen hatte.
Thomas liebte seinen Beruf, das wusste sie. Und sie liebte es, wie er über seine Arbeit sprach, sich im Scherz manchmal gar mit Frank Lloyd Wright verglich. Wenn seine Kundinnen etwas hinzugefügt haben wollten, machte er das. Wenn sie etwas weggenommen haben wollten, machte er das auch. Niemand war zu jung oder zu alt, um nicht ein Anrecht auf eine kleine Renovierung zu haben, fand er. In letzter Zeit wünschten die meisten seiner Kundinnen – es waren vorwiegend Frauen – Erweiterungen in der oberen Etage.
Sophie hatte nichts dagegen. Mit den Brustvergrößerungen wurden die Rechnungen bezahlt und der eine oder andere ziemlich aufwendige Urlaub finanziert, und sie ermöglichten es ihr, in einem Haus zu wohnen, das bereits auf mehreren Titelseiten regionaler Wohnzeitschriften abgebildet gewesen war. Dafür konnte sie darüber hinwegsehen, dass Thomas schon mehr Brüste angefasst hatte als Hugh Hefner.
»Wie war dein Treffen?«, erkundigte er sich, während er ein Tütchen Sojasoße aufriss. »Konntest du ein paar dazu bewegen, bei dem Fundraising-Event zu helfen?«
»Ja. Die wichtigsten Komiteeposten habe ich jetzt besetzt. Aber ich möchte auch Mindy etwas zu tun geben.« Sie nahm ihre Frühlingsrolle vom Teller und löste die zu stark gebratene oberste Schicht ab. »Hast du gewusst, dass es zwischen ihr und Stephen Probleme gibt?«
Thomas lehnte sich zurück und warf die leere Sojasoßenpackung in den Mülleimer. »Ich glaube, Eva hat neulich so was angedeutet, als sie Medikamentenmuster in der Klinik vorbeibrachte.«
»Eva arbeitet wieder?« Sie wusste nicht, was sie mehr schockierte – die Sache mit Stephen und Mindy oder dass Eva jetzt beruflich mit Thomas zu tun hatte.
»Ein paar Tage die Woche. Die Pharmafirma hat ihr ein Honorar angeboten, das sie nicht ausschlagen konnte. Sie verteilt Muster an ein paar Praxen und Kliniken in der Region.«
Na toll, dachte Sophie. Nicht nur, dass wir im selben Viertel wie Malibu-Barbie wohnen müssen, jetzt sieht Thomas sie auch noch in der Praxis.
»Gibst du mir mal eine Serviette?«, unterbrach er ihre eifersüchtigen Gedanken. »Ich habe dich heute vermisst.« Sein breites Lächeln unterstrich seine Worte.
Eigentlich glaubte sie ihm. Wäre da nicht dieser andere, gebrochene Teil von ihr, der sich immer noch minderwertig und verloren vorkam und verzweifelt versuchte, dorthin zurückzugelangen, wo er sich beschützt und dazugehörig fühlte. An diesen einstmals heilen Ort ihrer Kindheit, bevor ihre Mutter William getötet und alles zerstört hatte.
Thomas’ Pager piepte, ehe sie mit dem Essen fertig waren.
»Ist die Klinik.« Er schob seinen Teller weg und blickte auf den Pager. »Wir haben ein Kind, dem es nicht so gut geht.«
»Das kleine Mädchen mit den Brandnarben?«
»Hast du’s in der Zeitung gesehen?« Thomas, der gerade Nudeln um seine Gabel wickelte, hielt inne.
»Ich habe Eva gesehen.« Sophie beugte sich über den Tisch und wischte ihm etwas Soße vom Mundwinkel. »Wusste ich’s doch, dass mein Mann ein Herz für Kinder hat.«
Thomas behandelte Kinder nämlich nicht gern. Nicht, dass er sie nicht mochte, sie stellten ihn nur vor größere Herausforderungen, und es tat ihm immer leid, wenn er sie zum Weinen brachte. Die meisten ihrer Entstellungen waren auf Geburtsfehler, Unfälle oder einen unfähigen Arzt in der Notaufnahme zurückzuführen, der nicht nähen konnte. Die Eltern waren häufig überbehütend und wichen ihren Kindern nicht von der Seite, was ihm seine Aufgabe noch erschwerte. Die Kleinen krümmten und wanden sich unweigerlich auf der Untersuchungsliege und fingen irgendwann an zu weinen, bis er die assistierende Schwester bitten musste, sie festzuhalten.
»Ich rufe vom Auto aus zurück. Komm mit, dann kannst du Mindy sehen. Ich glaube, sie hat heute Nachtdienst.«
»Ja, gern«, sagte Sophie, während sie sich den Rest ihrer Frühlingsrolle hineinstopfte. »Ist vielleicht die einzige Möglichkeit, ein bisschen Zeit mit meinem vielbegehrten Mann zu verbringen.«
Thomas rannte ihr in dem langen, leeren Krankenhausflur voraus. Der Telefonanruf im Auto hatte nichts Gutes verheißen. Sie hatte über die Freisprechanlage mitgehört, wie Anna, die Stationsschwester, sagte: »Ihre sechsjährige postoperative Transplantationspatientin – ihr geht es nicht gut. Ihr Puls ist hoch und unregelmäßig, Körpertemperatur 40,5. Ihre Mutter hat im Schwesternzimmer angerufen, weil sie wirres Zeug redet.«
»Okay«, hatte Thomas geantwortet und dann geschwiegen. Sophie sah ihm an, dass er zu ergründen versuchte, warum der Zustand des Mädchens sich nach einer Routineoperation so verschlechtert hatte. Doch ehe er mit einer plausiblen Erklärung aufwarten konnte, hatte die Schwester ins Telefon geschrien: »Dr. Logan, kommen Sie schnell, das Sauerstoffniveau sinkt. Es sieht nicht gut aus.«
Sophie folgte ihm, während er auf das Zimmer der Kleinen zueilte und dabei der Schwester übers Handy Anordnungen erteilte. Allein schon durch seine Größe von fast eins neunzig strahlte er Selbstvertrauen und Autorität aus, aber auch, weil er selbst in einer Krise stets gelassen und bestimmt blieb.
Sie hatte schon oft beobachtet, wie andere Frauen ihn ansahen. Wie sie seine Anweisungen ohne Zögern oder Zweifel befolgten. Und sie wusste, wie seine graphitgrauen Augen sich verengten, wenn er sich konzentrierte, aber beinahe rund wurden, wenn er etwas Wichtiges zu sagen hatte. Seine ruhigen Hände hatten ihn schon während der Ausbildung ganz nach vorn gebracht und anschließend auf eine Position in einem der besten Krankenhäuser im Südosten. Er war genauso talentiert wie gut aussehend.
Sophie dagegen kannte sich mit Dingen aus, von denen Thomas nie eine Ahnung haben würde. Mit widerwärtigen, unaussprechlichen Dingen, zum Beispiel wie Kot roch und welche Form er annahm, wenn er an eine kahle Gefängniswand geschmiert wurde. Eindrücke, vor denen Kinder beschützt werden sollten und die doch den Hintergrund ihrer letzten Erinnerungen an ihre Mutter bildeten.
Thomas’ Studium an einer Eliteuniversität hatte ihn gewiss auf vieles vorbereitet, doch Sophies früheres Leben hatte sie Lektionen gelehrt, die für kein Geld der Welt zu haben waren. Seine Kindheit hatte aus Spieltreffen und Lacrosse-Turnieren bestanden, während sie ihre Samstage in der Highschool-Zeit damit zugebracht hatte, einen Überlandbus zu besteigen und ihre Mutter zu besuchen. Sie war sich nie ganz darüber im Klaren gewesen, ob sie aus Pflichtgefühl oder Einsamkeit hinfuhr, aber Samstag für Samstag, während andere junge Mädchen Abschlussballkleider anprobierten oder sich im Einkaufszentrum in Bikinis quetschten, hatte sie den Bus bestiegen, roboterhaft den Fahrpreis bezahlt und war bei ihrer Mutter geblieben, solange die Besuchszeit im Gefängnis es erlaubte – bis sie eines Samstags nicht mehr hingefahren war.
Die Heirat mit Thomas war ein Neuanfang für sie gewesen, ein neues Kapitel, und sie konnte das Leben hineinschreiben, das ihr zustand, das sie verdiente. Niemand, hatte sie sich geschworen, würde je von ihrer Schande oder dem Skandal erfahren, der die Märchenträume eines kleinen Mädchens zunichtegemacht hatte.
Sie hatte es nicht geplant, sich in eine privilegiertere Welt hineinzuschwindeln. Es war einfach passiert, Schicksal, in Gang gesetzt an dem Tag, als Thomas das Starbucks betreten hatte, in dem sie jobbte, um sich ihr Masterstudium zu finanzieren. Die Lebensversicherung ihres Vaters hatte knapp fürs College und ein paar ihrer Masterkurse gereicht, nicht jedoch für eine Wohnung und genug zu essen. Sie hatte ihre grüne Angestelltenschürze getragen, voller Flecken von Gott weiß was, als sie ihrem zukünftigen Ehemann begegnet war. Ein paar Monate später gestand er ihr, dass er sich auf den ersten Blick wie verrückt in sie verliebt hatte. Für Sophie wurde ein Traum wahr. Seine gut geschnittenen, lockigen dunklen Haare und sein blauweißgestreiftes Ralph-Lauren-Hemd, das in einer tadellos gebügelten Khakihose steckte, signalisierten, dass er in einer anderen Liga spielte. Sie hatte zwar noch nicht viele feste Freunde gehabt, aber diese wenigen waren weder mit seiner Klasse von Aussehen in ihrem Leben aufgetaucht noch mit seiner Klasse von Auto wieder daraus verschwunden. Sie traute ihren Ohren nicht, als er sie zwei Wochen und sieben Caffè Latte später um eine Verabredung bat.
Jetzt gehörten grüne Schürzen, Bestellungen aufnehmen und sich die Beschwerden der Kunden über ihren Kaffee anhören der Vergangenheit an. Sie war die Frau von Dr. Thomas Logan und die Tochter von niemandem.
Thomas beriet sich mit den diensthabenden Schwestern, während Sophie den Flur nach Mindy absuchte. »Hallo«, sagte sie, als diese schließlich hinter einem Stapel Patientenkarten auf dem Tisch der Abteilungssekretärin auftauchte. »Hast du kurz Zeit zum Reden?«
»Gleich, sobald ich die Medikamente hier fertig eingetragen habe.« Mindy sah vollkommen zerrupft aus, und ihr plattgebügeltes Haar wirkte noch strapazierter als sonst. Ein paar stumpfe Strähnen wellten sich in die falsche Richtung um ihr rundliches Gesicht herum. »Aber ich kenne jemanden, der Zeit für dich hat«, fuhr sie fort, während sie ein Gummiband von ihrem Handgelenk zog, um das rote Gestrüpp zu bändigen(paprikarot, wie sie selbst es beschrieb: »Meine blöden Haare sehen aus wie die Garnierung auf einem bescheuerten gefüllten Ei.«). Sie band es zu einem französischen Knoten zusammen und zeigte auf das Zimmer direkt gegenüber der Schwesternstation. »Er hat schon mehrfach nach dir gefragt.«
Max’ Gesicht leuchtete auf, als Sophie hereintrat. Die Sesamstraße ging gerade zu Ende. Sie griff nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus, bevor das öffentliche Fernsehen ihm einen französischen Chefkoch zumutete, der Schokoladensoufflé mit einem Schuss Rum zubereitete.
Max, der gerade drei geworden war, brauchte noch die Gitter an seinem Bettchen, wenn niemand auf ihn aufpasste. Sophie ließ das vordere herunter und setzte sich auf die Matratze zu ihrem Lieblingspatienten. »Hallo, kleiner Mann. Wie geht es dir heute?«
Max legte den Zeigefinger auf seinen Hals, um das bei seinem Luftröhrenschnitt entstandene Loch zu bedecken, und krächzte: »Plussel.«
»Plussel«, neckte Sophie ihn. »Was ist das denn?«
Max, der sich jetzt aufgesetzt hatte, deutete quer durchs Zimmer auf das Zirkuspuzzle, an dem er und Sophie in den vergangenen Wochen gearbeitet hatten.
»Plussel«, wiederholte er kichernd. »Da drüben.«
»Ah, du meinst Puzzle«, sagte sie, ihn sanft in den Bauch piksend. »Ich hole es dir.«
Sie schob Max zurück in die Mitte des Betts und holte das Puzzlespiel von dem Tisch unter dem Fenster. »Meinst du, wir kriegen das jemals fertig?«
Max streckte die Arme aus und wackelte mit sämtlichen Fingern, so dass sie gar nicht anders konnte, als ihn hochzuheben und auf ihren Schoß zu setzen, während sie nach dem noch fehlenden Teil für das weiße Einhorn auf dem Karussell suchten.
Sie fand das Eckstück zuerst und schob es unauffällig an den Rand der Unterlage, wo die anderen Teile nicht davon ablenkten. Ihr Plan ging auf. Max quietschte entzückt, als er es schnappte und einfügte. »Pferdchen fertig.«
Mindy, die an diesem Tag für ihn zuständig war, kam gerade rechtzeitig herein, um seinen Triumph mitzuerleben. »Gut gemacht, Max. Du bist wirklich ein Schlaufuchs. Wer ist denn deine Helferin?« Sie zwinkerte Sophie zu. Max beachtete sie nicht, vollauf damit beschäftigt, das Teil zu finden, mit dem das Ohr des Elefanten vervollständigt würde.
»Gibt’s was Neues wegen einer Pflegefamilie für ihn?«, flüsterte Sophie, während Mindy seine Medikamente zusammenstellte. Max war zu früh auf die Welt gekommen und hatte eine unterentwickelte Lunge, was die Tracheotomie erforderlich gemacht hatte. Seine Mutter, hatte Sophie gehört, kam mit der Verantwortung, sich um ein Kleinkind mit derart anspruchsvollen medizinischen Bedürfnissen zu kümmern, nicht zurecht.
»Noch nicht, nicht bei seinem Pflege- und Behandlungsbedarf. Ist schon eine besondere Familie nötig für den Schatz hier«, sagte Mindy und ließ die erste Medikamentendosis als Hüpfhäschen auf Max’ unwilligen Mund zuhoppeln. Er war bereits in mehrere Familien vermittelt worden, soweit Sophie wusste, aber nie auf Dauer. Das ständige Freisaugen der Luftröhre und die anderen Behandlungen des Atmungsapparats, die er brauchte, hatte die letzte Pflegefamilie zermürbt. Zumal es mit seiner Gesundheit nicht bergauf zu gehen schien. In letzter Zeit war er öfter im Krankenhaus als draußen.
Sophie hatte Max rein zufällig kennengelernt. Seine Ergotherapeutin hatte ihn in einem grünen Plastik-Bollerwagen durch den Geschenkeladen des Krankenhauses gezogen, und Sophie, die ehrenamtlich auf der Kinderstation arbeitete, hatte einen Blick auf sein breites, zahnlückiges Lächeln erhascht, als er vorbeirollte. Seine zerzausten blonden Krankenbetthaare und die großen braunen Augen hatten es ihr sofort angetan. Die Freundschaft zu dem Jungen hatte sie schließlich auf die Idee gebracht, einen Fonds für die bedürftigen Kinder der Station einzurichten.
Sie hatte Thomas dazu überredet, das Aushängeschild für die Spendenaktion abzugeben, wobei er sie jedoch gewarnt hatte, sich nicht allzu sehr für Max zu engagieren. »Er hat Sozialarbeiterinnen, die sich um ihn kümmern«, sagte er. »Außerdem will ich nicht, dass du dein Herz an ihn hängst, es könnte dir am Ende gebrochen werden.«
Doch ihr Herz war bereits gebrochen, und vielleicht konnte Max irgendwie dazu beitragen, es zu heilen. Sie beide verband etwas, und wenn sie William schon nicht hatte helfen können, dann vielleicht wenigstens diesem kleinen Jungen.
»So, und hier kommt Peter Puschelschwanz«, sagte Mindy mit weichster Flauschstimme. Während Sophie ihr zusah, fiel ihr auf, dass sie ihren Ehering nicht trug. Sie wollte sie gerade nach Stephen fragen, als plötzliche hektische Aktivität draußen im Gang sie ablenkte. »Alarmstufe rot in Zimmer zwei sechzehn, Alarmstufe rot in Zimmer zwei sechzehn«, dröhnte eine Stimme aus der Lautsprecheranlage. Mindy sprang auf. »Ich glaube, das ist die kleine Patientin von Thomas. Bin zurück, so schnell ich kann.«
Sophie deckte Max zu und schloss dann die Tür zu seinem Zimmer, damit er keine Angst bekam. Zu ihrer Überraschung jedoch störte er sich gar nicht an dem Krankenhausbetrieb, sondern beschäftigte sich damit, aus einem Speiseplan ein Raketenboot zu falten.
Sie dimmte das Licht, da es schon nach zehn war, und zog sein Lieblingsbuch Der Samthase aus der obersten Schublade seines Nachttischs. »Ich mag Hasen, keine ’ninchen«, hatte er das letzte Mal gesagt, als sie es ihm vorgelesen hatte.
Ihr war bewusst, dass sie Max im Moment mehr brauchte als er sie, aber immerhin nickte er, als er das Buch sah, und warf das halbfertige Boot auf den Boden.
Er suchte sein Bett nach seiner Toy-Story-Schmusedecke ab. Sophie half ihm und zog dabei die festgesteckte Bettdecke an drei von vier Ecken wieder heraus. Das Bett sah aus, als wäre ein Tornado darüber hinweggefegt, und sie mussten beide lachen, als sie entdeckten, dass Captain Buzz Lightyear und seine Bande sich die ganze Zeit unter dem Bett versteckt hatten.
»Komm her, du Schlaukopf.« Sie hob Max hoch und trug ihn zu dem lila Sessel in der Zimmerecke. »Buzz Lightyear kann sich verstecken, soviel er will, dir ist er ja doch nicht gewachsen.«
Sie gab ihm das Buch zum Anschauen, während sie sein Bettzeug wieder in Ordnung brachte. Als sie kurz zu ihm hinsah, sackte sein müder Kopf herab.
Der Tumult im Flur schien sich gelegt zu haben, also trug sie den schlafenden Max zum Bett und deckte ihn zu. Seine Lieblingsdecke steckte sie ihm unter den schlaffen Arm.
»Schlaf gut, mein Süßer, schlaf gut«, flüsterte sie ihm ins Ohr und drückte ihm noch einen Kuss auf die Wange.
Dann ging sie hinaus und machte sich auf die Suche nach Thomas. Gedämpfte Stimmen führten sie zu einem kleinen Wartebereich am Eingang der Kinderstation, direkt gegenüber den Aufzügen. Durch die halb geöffnete Trenntür sah sie Thomas mit einem jungen Paar von Anfang dreißig sprechen und lauschte, während sie sich einen Kaffee von einem Getränkewagen eingoss.
»Sie haben gesagt, die Operation wäre eine Kleinigkeit, Dr. Logan. Sie haben gesagt, unsere Tochter würde sie leicht überstehen«, sagte der Mann, der verwaschene Jeans und ein Blue-Devils-Shirt trug. Er sprach langsam, als müsste er das Gesagte selbst noch verarbeiten.
»Was ist denn nur schiefgegangen?«, fragte die Mutter unter Tränen. Sie drückte einen grauen Plüschelefanten an ihre Brust.
Thomas war blass, sein weißes Hemd zerknittert. Seine Anzugjacke und die Krawatte hingen neben ihm über einer Stuhllehne. Sophie sah, wie er nach Worten rang. Ihr selbstbewusster, kompetenter Mann schien keine Worte zu finden, die die Situation weniger schmerzlich machten oder auch nur ansatzweise erklärten.
Das Mienenspiel der Eltern würde sich ihr unauslöschlich einprägen, das wusste sie. Schock und Trauer im Wechsel mit Wut und Fassungslosigkeit. Eine emotionale Achterbahn, die sich vor vielen Jahren auch auf den Gesichtern ihrer eigenen trauernden Eltern widergespiegelt hatte. Dazu dieser eindringliche, schmerzerfüllte Blick, wie er nur Menschen eigen war, die ein Kind verloren hatten.
»Ich bin nicht sicher, was schiefgegangen ist mit … mit …«, stotterte Thomas. »Die Autopsie wird uns mehr sagen. Ich habe diesen Eingriff schon viele Male durchgeführt und noch nie ein negatives Ergebnis gehabt.« Sein Pager piepte, er nahm ihn aus der Jackentasche und blickte kurz darauf.
»Dr. Logan«, sagte der Vater und wurde lauter. Er stand auf, so dass er Thomas überragte, während seine weinende Frau ihren Kopf an sein zitterndes Bein legte. »Dieses negative Ergebnis hieß Isabel. Ihr negatives Ergebnis, wie Sie es nennen, war unsere Tochter.«
GRACE
(Dieses Tagebuch gehört Grace Margaret Bradshaw, Nr. 44607. Bitte sorgen Sie dafür, dass meine Tochter, Sophie Pearl Bradshaw, es nach meinem Tod erhält.)
Liebe Sophie,
ich schreibe dieses Tagebuch, damit du eine Erinnerung an mich hast, wenn ich tot bin. Worte, geschrieben in meiner Handschrift, die von der Liebe erzählen, die uns verbunden hat. Den Anfängen vor meinem Ende.
Ich bete darum, dass die Zeilen auf diesem angegilbten Papier irgendwann zu dir gelangen, und vielleicht, ganz vielleicht öffnest du mir dann wieder dein Herz.
Meine juristischen Kämpfe scheinen nun vorüber zu sein. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, aber ich mache mich auf das Unvermeidliche gefasst – meine Hinrichtung, die irgendwann im Februar stattfinden soll.
Ich bin dir nicht böse. Ich verstehe, warum du mich nicht mehr besucht hast. Die Schande, die Peinlichkeit, vermute ich, waren einfach zu viel für dich. Dein Vater hat ständig Entschuldigungen für deine seltener werdenden Besuche erfunden. »Sie schreibt eine wichtige Geografiearbeit«, sagte er oder »Ihre beste Freundin Jillian gibt eine Pool-Party«, aber ich wusste genau, was los war. Du brauchtest mich, und ich war nicht da, nicht bei uns zu Hause, in der normalen Welt, in der es keine Plexiglasscheiben mit Telefonhörern daran und Stahltrennwände voller Graffiti gab.
Ich schreibe dir dies auf einer dünnen Matratze, die auf einem rostigen, schmutzig-weißen Bettgestell in meiner zwei mal drei Meter großen Zelle liegt. Die übrige Einrichtung meines »Zimmers«, wie ich es gern nenne, besteht aus einem kleinen Waschbecken und einer Toilette ohne Deckel. Ich habe die Wand über meinem Bett mit Fotos von unserem Familienleben tapeziert – ein schönes Leben, das ich als unvollendet betrachte.
Mein Leben beziehungsweise das bisschen, das mir davon bleibt, bedeutet mir immer noch etwas. Ich weiß nicht, ob es auch jemand anderem etwas bedeutet. Es ist schwer, irgendwem dort draußen eine gute Freundin zu sein, wenn man im Todestrakt sitzt.
Direkt neben mir auf Augenhöhe sind drei lächelnde Gesichter. Du zwischen mir, hochschwanger, und deinem Daddy. Ihr beide haltet unseren drei Monate alten, zappelnden Pudel in den Armen und versucht, ihn festzuhalten. Erinnerst du dich noch? Wir stehen unter dem rot-weiß gestreiften Vorzelt eines geliehenen Campers. Wir hatten das Wochenende auf Hilton Head Island verbracht, und ich hatte vergessen, dir Sonnenschutz auf die Nase zu schmieren. Ich konnte William in mir treten und strampeln fühlen, als ein netter Fremder diesen Schnappschuss machte.
Der Welpe war, wie du vielleicht noch weißt, anfangs ein Streitpunkt zwischen uns gewesen. Du hattest schon länger einen kleinen Hund haben wollen und die üblichen Versprechungen aufgezählt, die alle Kinder in diesem Fall machen. Mindestens dreimal am Tag sagtest du zu mir: »Ich kümmere mich ganz allein um ihn, ehrlich. Ich mache ihn stubenrein. Ich gehe jeden Tag nach der Schule mit ihm raus. Ihr braucht überhaupt nichts zu tun, Daddy und du. Ich habe auch schon einen Namen ausgesucht. Er soll ›Teddy‹ heißen.« Ich bin sicher, du warst längst dahintergekommen, dass die ausgeprägten Grübchen, die unter deinen Mundwinkeln erschienen, wenn du um etwas betteltest, sich meistens zu deinen Gunsten auswirkten.
Es war nicht so, dass ich keinen Hund wollte, aber ich sah vor allem die zusätzliche Arbeit, die ich mir damit aufhalste. Ich fühlte mich zu dem Zeitpunkt schon seit Wochen nicht richtig wohl, war ständig müde und hatte mit Übelkeit zu kämpfen. Dein Dad machte sich Sorgen, dass meine Depressionen zurückgekehrt sein könnten. Daran lag es zwar nicht, aber ich konnte es kaum bestreiten, wenn ich schon bei einer blöden, sentimentalen Kaffeewerbung im Fernsehen ein Taschentuch brauchte.
Nachdem ich mich wochenlang übergeben hatte, sobald nur irgendwas in der Pfanne brutzelte, vereinbarte ich einen Termin bei unserem Hausarzt. Dabei stellte sich heraus, dass ich in der zehnten Woche schwanger war.
Ich hatte es längst aufgegeben, noch ein Kind zu bekommen. Paul hatte recht, die Nachwirkungen meiner ersten Schwangerschaft hatten mich und unsere Ehe stark belastet. Der Babyblues nach deiner Geburt hatte zu lange angehalten, um noch als normal zu gelten. Ich erklärte mich schließlich bereit, zu einem Psychiater zu gehen, nachdem dein Vater dich (ich glaube, du warst etwa neun Monate alt) weinend und mit urinnassem Strampelanzug in deinem Bettchen vorgefunden hatte, während ich vor dem Fernseher saß, völlig versunken in die neueste Folge der Springfield Story. Ich hatte dich den ganzen Tag nicht auf den Arm genommen.
»Schwanger?«, sagte ich zu dem Arzt, als er mir die Neuigkeit verkündete. »Das war eigentlich nicht geplant.«
