6,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 9,99 €
Manchmal musst du rückwärts lieben, um nach vorne zu sehen ... In ihrem herzzerreißend schönen Liebesroman "Du und ich ein letztes Mal" entführt Lily Oliver ihre Leserinnen und Leser auf eine atemberaubende Reise voll märchenhafter Orte, schmerzlicher Wahrheiten und bezaubernder Romantik. Vivi und Josh sind das perfekte Paar: Sie begegnen sich auf der Golden Gate Bridge, verlieben sich in New York und verloben sich unter der japanischen Kirschblüte. Doch aus großer Liebe wird nach und nach großer Schmerz, bis ihnen nur noch eines bleibt: einander loszulassen. Wehmütig und hoffnungsvoll zugleich beschließen sie, alles, was sie ein erstes Mal miteinander erlebt haben, ein letztes Mal zu tun. Die erste gemeinsame Nacht wird zur letzten, aus dem ersten Kuss wird ein Abschiedskuss. Beide müssen eine Antwort finden auf die Frage, warum ihre große Liebe nicht das große Glück bedeutet - bevor sie sich ein letztes Mal auf der Golden Gate Bridge treffen … Nach den romantischen Liebesgeschichten "Die Tage, die ich dir verspreche" und "Träume, die ich uns stehle" erscheint mit "Du und ich ein letztes Mal" der neue große Liebesroman von Lily Oliver, der Leserinnen und Leser überraschen, verzaubern und sie nicht mehr loslassen wird. *** Leseprobe *** Die Welt hört auf, sich zu drehen. Der Wind weht nicht mehr. Die Sonne versinkt nicht mehr. Mein Herzschlag schweigt. Er ist hier. Direkt vor mir. So unglaublich nah, nach all der langen Zeit. Nur wenige Meter die Straße runter geht er uns entgegen, und sieht dabei gebannt auf sein Smartphone. Offensichtlich hat er uns noch nicht bemerkt. Für einen Moment glaube ich, dass ich es fertig bringe, mich einfach umzudrehen und zu verschwinden, schnell, bevor er mich auch sieht. Aber natürlich klappt das nicht, und dann ist es zu spät. Er hebt den Kopf. Sein Blick fällt in meinen. Und die Zeit dreht sich zurück. Ich sehe sein Lächeln, das damals nur mir allein galt. Ich höre mein Herz, das drei Jahre lang nur für ihn geschlagen hat. Ich schmecke seinen Kuss, der mein Leben für immer verändert hat. Josh.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 554
Veröffentlichungsjahr: 2021
Lily Oliver
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Manchmal musst du rückwärts lieben, um nach vorne zu sehen …
Vivi und Josh sind das perfekte Paar: Sie begegnen sich auf der Golden Gate Bridge, verlieben sich in New York und verloben sich unter der japanischen Kirschblüte. Doch aus großer Liebe wird nach und nach großer Schmerz, bis ihnen nur noch eines bleibt: einander loszulassen. Wehmütig und hoffnungsvoll zugleich beschließen sie, alles, was sie ein erstes Mal miteinander erlebt haben, ein letztes Mal zu tun. Die erste gemeinsame Nacht wird zur letzten, aus dem ersten Kuss wird ein Abschiedskuss. Beide müssen eine Antwort finden auf die Frage, warum ihre große Liebe nicht das große Glück bedeutet - bevor sie sich ein letztes Mal auf der Golden Gate Bridge treffen …
Eine atemberaubende Liebesgeschichte voll märchenhafter Orte, herzzerreißender Wahrheiten und bezaubernder Romantik
Hinweis auf Triggerwarnung
Widmung
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Epilog
Die Playlist zum Buch
Nachwort und Danksagung
Triggerwarnung (Achtung: Spoiler!)
Liebe Leser*innen,
bei manchen Menschen lösen bestimmte Themen ungewollte Reaktionen aus. Deshalb findet ihr am Ende des Buches eine Triggerwarnung.
Achtung: Diese enthält Spoiler für das gesamte Buch.
Wir wünschen euch allen gute Unterhaltung mit Du und ich ein letztes Mal.
Euer Knaur-Verlag
»Alle, die New York auch vermissen – das ist für euch.«
Vivi
Okay. Es ist offiziell. Ich brauche Hilfe.
Ich hänge zwischen vier Stahlseilen, die vom Gehweg hinauf zu den riesigen rostroten Stahlträgern der Golden Gate Bridge führen. Meine Finger sind klamm in der kalten Aprilnacht, mein Herz rast. Ich sollte irgendwas tun. Zum Beispiel laut schreien. Oder wenigstens versuchen, allein runterzuklettern. Aber ich kann nicht. Ich habe nach unten gesehen. Und unten ist verdammt weit weg.
Wieso musste ich auch so weit raufklettern, nur für dieses verdammte Projekt?
Verkrampft versuche ich, zu ignorieren, wie weit es allein bis zum Gehweg auf der Brücke ist. Stattdessen halte ich mich an dem atemberaubenden Ausblick fest, der sich vor mir auftut. Für einen Moment ist es, als würde die Zeit stillstehen. Hier oben, über der Brücke, über dem Nebel, dehnt sich der Augenblick endlos aus, wie der Pazifik, der in der Dunkelheit weit unter mir mit der Nacht verschmilzt. Ich sehe noch die Lichter von San Francisco in der Ferne glitzern, dann wallt der Nebel über mich hinweg.
Das Dröhnen des Nebelhorns reißt mich zurück in die Zeit. Sie rast jetzt. Ich spüre jede einzelne Sekunde in meinen steifen Fingern, meinen brennenden Armen und meinen schmerzenden Füßen. Verzweifelt stemme ich mich gegen die zwei Seile in meinem Rücken, um die Arme zu entlasten, aber es hilft nicht.
Tu es jetzt.
Eigentlich ist es ganz einfach. Ich muss nur loslassen. Trotzdem zögere ich. Es sind Sekundenbruchteile, aber manchmal bestimmt der Bruchteil einer Sekunde über ein ganzes Leben. Und manchmal fühlt man das schon, bevor man die Entscheidung trifft, die alles verändern wird.
Ich schließe die Augen. Unzählige mögliche Verzweigungen der Zukunft rasen an mir vorbei. Unendlich viele Wege, die ich bereuen oder für die ich später auf Knien dankbar sein könnte. Wenn ich doch nur wüsste, was davon eintreten wird.
Los jetzt. Tu es endlich. Bevor dir die Entscheidung abgenommen wird.
Ich atme tief durch, lockere vorsichtig die Finger der einen Hand. Meine Arme zittern, Panik steigt in mir auf. Sofort schließe ich die Hand wieder um das Seil. Nein. Keine Chance. Vorhin habe ich es noch geschafft, aber jetzt fehlt mir die Kraft. Also aufgeben und riskieren, dass alles umsonst war?
Verzweifelt sehe ich nach unten – und zucke zusammen. Der Nebel ist an einer Stelle aufgerissen, direkt unter mir steht ein Typ. Er scheint mich nicht bemerkt zu haben, starrt nur in die weißen Schwaden. Vielleicht bewundert er durch eine Lücke im Nebel die Stadt, die so lange meine Heimat war.
Ich öffne den Mund, um ihm etwas zuzurufen, schließe ihn aber sofort wieder. Noch eine Entscheidung, die alles verändern könnte. Alles könnte passieren – oder nichts, wenn ich ihn um Hilfe bitte. Er könnte nur ein Passant sein, der zufällig vorbeikommt. Dann hilft er mir vielleicht wirklich. Er könnte aber auch einer der Polizisten sein, die auf der Brücke patrouillieren. Sie sind in Zivil unterwegs, man erkennt sie nicht einfach so. Wenn ich ihn auf mich aufmerksam mache und er einer von ihnen ist, würde das alles ruinieren.
Das Nebelhorn auf der Südseite der Golden Gate Bridge dröhnt erneut, und ich gebe mir Zeit, bis es verstummt ist, um den Mann zu mustern. Vielleicht macht sein Aussehen mir die Entscheidung leichter. Aber woran erkennt man, ob man jemandem vertrauen kann? Ich sehe dunkle Haare, die ihm in die Stirn fallen, sein Gesicht erkenne ich nicht. Aber selbst wenn – könnte ich ihm ansehen, ob er ein Polizist ist? Sind seine breiten Schultern ein Hinweis darauf?
Das Nebelhorn verstummt. Der Mann ist immer noch da. Und ich bin immer noch unentschlossen. Aber wenn ich noch länger warte, verschwindet er vielleicht, und dann ist meine einzige Chance verstrichen.
Er holt etwas aus der Tasche seines Mantels. Ein Smartphone, so ein Glück! Er hebt die Hand. Holt aus.
Moment! Was tut er denn da?
»Hey!«, schreie ich, ohne lange nachzudenken. »Nicht das Handy wegwerfen!«
Er hält inne, lässt wie in Zeitlupe die Hand sinken.
Die Entscheidung ist getroffen. Unmöglich, sie rückgängig zu machen.
Der Mann sieht sich um. Nach rechts und links.
»Könntest du vielleicht …«, rufe ich, aber das Nebelhorn auf der anderen Seite der Brücke übertönt mich mit seinem lang gezogenen, dumpfen Geräusch. Der Mann schaut sein Smartphone an.
»Wirf das Handy nur ja nicht weg!«, schreie ich.
Noch mal sieht er sich um, diesmal auch nach oben. Seine Gesichtszüge entgleiten ihm. Junge Gesichtszüge, er ist sicher nur ein paar Jahre älter als ich.
»Wie bitte?« Seine Stimme klettert zu mir herauf. Sie klingt dunkel, angenehm und … leicht irritiert. Mir wird klar, wie unverschämt ich auf ihn wirken muss.
»Tut mir leid, ich bin sicher, du hast einen wichtigen Grund, es wegwerfen zu wollen. Aber … könntest du damit vielleicht noch kurz warten?«
»Was …«, beginnt er, und dann erst scheint er mich richtig wahrzunehmen, denn es kommt Leben in seine Mimik. Von Entsetzen bis Überraschung ist alles dabei. Aber hauptsächlich ist es Verwirrung.
Wäre lustig anzuschauen, wenn ich die Ruhe dafür hätte. Vor allem weil sein Gesicht ganz interessant ist, nicht zu weich, aber auch nicht zu kantig, irgendwie … genau richtig. Soweit ich das von hier oben erkennen kann. Genau richtig? Was denke ich denn da? Ich klammere mich hier notdürftig fest, mein Leben hängt an den glitschigen Drahtseilen der Brücke, und ich überlege, ob mir der Typ da unten gefällt? Ernsthaft, Violet? Ich schüttle den Kopf – und verliere den Halt.
Kreischend rutsche ich an den Stahlseilen nach unten. Nur ein Stück, bevor ich mich wieder halten kann.
»Hey! Alles in Ordnung?« Er klingt atemlos. Besorgt fast.
Ich kann trotzdem nicht antworten. Mit geschlossenen Augen hänge ich da, mein Herzschlag tönt laut in meinen Ohren. Dann erst, vorsichtig, schaue ich nach unten. Es ist viel zu weit, als dass ich einen Sturz überleben würde. Der Typ steht jetzt genau unter mir, als wolle er mich auffangen. Lächerlich. Wenn ich aus dieser Höhe auf ihn falle, sind wir beide hinüber.
»Kannst du runterklettern?«, fragt er. »Ich helfe dir«, schiebt er hinterher, wobei er selbst nicht ganz davon überzeugt wirkt, dass er das überhaupt kann.
»Nein, ich komme nicht runter«, gebe ich, immer noch zittrig, zurück.
»Wieso nicht?«, fragt er plötzlich misstrauisch. »Willst du etwa … springen?«
»O Gott, nein!« Unwillkürlich starre ich wieder nach unten. Das Wasser ist entsetzlich weit weg. Darauf aufzuschlagen wäre so, wie auf Beton zu prallen. Wie es sich wohl anfühlt, wenn man dort zerschellt? Ich schlucke schwer und wende das Gesicht ab.
»Dann komm runter!«
»Nein!«, brülle ich und schiebe mich die paar Zentimeter, die ich runtergerutscht bin, vorsichtig wieder hinauf. »Erst musst du mir mit deinem Handy helfen. Du musst für mich was nachsehen.«
»Etwas nachsehen?« Er klingt, als hätte ich eine Vollmeise. Wundert mich nicht. Vielleicht habe ich ja auch eine.
»Ja, bitte.«
»Warum kommst du nicht erst runter, und wir sehen dann nach?«, fragt er, in einem Ton, als würde er zu einem scheuen Tier sprechen, das er anlocken will.
»Nein. Ich schaffe es heute sicher nicht mehr, hier noch mal raufzuklettern, falls es nicht geklappt hat.«
»Muss es denn heute sein?«
»Ja!« Denn morgen bin ich nicht mehr hier.
»Ich nehme an, ich kriege dich schneller da runter, wenn ich mache, was du willst?«
Ein Lachen steigt in mir auf, aber es kommt als nervöses Schnauben heraus. »Ja.«
»Was müsste ich tun?«
»Es gibt eine Website, auf die du bitte gehen musst. Mit deinem Smartphone.« Denn meins steckt in der hinteren Hosentasche meiner Jeans, und mein Plan, es zu benutzen, um selbst nachzusehen, scheitert an meiner nachlassenden Kraft und meiner Angst, noch mal eine Hand vom Stahlseil zu lösen. Oder nein, wahrscheinlich ist es Vernunft, die mich daran hindert, so etwas unglaublich Dummes noch einmal zu tun. Immerhin hat sich der Nebel jetzt wieder so dicht um mich zusammengezogen, dass ich nicht mehr sehe, wie tief ich fallen könnte.
Ist der Typ noch da?
»Bitte!«, rufe ich. »Geh nicht weg. Ich brauche dich.«
Schweigen steigt zu mir herauf, so lang gezogen, dass ich schon glaube, er hat mich einfach hängen lassen.
»Was hast du gesagt?«, fragt er schließlich leise. Ich kann ihn kaum verstehen.
Was meint er? »Ich brauche dich. Meintest du das?«
Wieder schweigt er. »Warum?«, fragt er dann.
Verwirrt runzle ich die Stirn und frage mich langsam, ob ich die Einzige bin, die eine Meise hat. »Weil … weil du ein Handy hast. Und dass du es danach wegwerfen willst, schadet auch nicht. Dann …« – ich versuche mich an einem Witz – »gibt es keine Beweise.«
Er lacht nicht. Aber er lässt mich auch nicht einfach hier zurück, was unter diesen Umständen schon mal ein Anfang ist.
»Ich verstehe.« Diesmal klingt er etwas sanfter. Fast so, als hätte er gern lachen wollen und es aus irgendeinem Grund nicht getan.
»Okay, dann …«, beginne ich.
»Erst will ich noch wissen, was du da eigentlich machst«, unterbricht er mich. Als hätte er Angst, dass ich ihn zum Komplizen bei etwas Illegalem mache. Stimmt ja auch irgendwie.
»Es ist ein … Projekt. Ich verspreche dir, dass es nichts ist, was irgendwem schadet. Reicht das? Ich halte es wirklich nicht mehr lange hier oben aus.«
Er zögert kurz. Vielleicht sieht auch er gerade die unendlichen Verzweigungen der Zukunft vor sich. »Was muss ich tun?«, fragt er dann.
Erleichterung lässt meine Knie weich werden, was ziemlich dumm ist, denn dadurch verliere ich fast wieder den Halt. Ich klammere mich fester an die Seile. »Du musst auf meine Website gehen. Violet minus James dot com.« Das Passwort ist …« Ich verstumme, dann seufze ich. Hat ja keinen Sinn, jetzt noch einen Rückzieher zu machen. »Bigbrother«, fahre ich fort und wünsche mir, ich hätte das damals nicht so lustig gefunden, sondern mir was anderes ausgedacht.
Schweigen hängt zwischen dem Nebel. Tut der Typ es? Tut er es nicht? Verflixt, ich hasse es, dass ich ihn nicht sehen kann! Ich lausche angestrengt, ob er irgendetwas sagt.
»Und jetzt?«, ruft er zu mir rauf.
»Kannst du nichts erkennen?« Als er nicht antwortet, hebe ich den Kopf.
»Woah!«, kommt es von unten.
Ich erstarre, als mir klar wird, was sein Ausruf bedeutet. Er sieht mich. Auf seinem Display. Ich bin wie aus dem Nichts aufgetaucht. Wahrscheinlich ist mein Gesicht schrecklich verzerrt, die Nase riesig, die Augen kugelrund. Nass wie ein getauchter Hund von dem ganzen Nebel, ein Hund, dem schwarzbraune Haare feucht im Gesicht kleben, jedenfalls die, die der Wind nicht wegzerrt.
»Dem entnehme ich, dass es funktioniert?«, rufe ich, fast schon in der Hoffnung, dass es nicht so ist und er mich nicht sehen kann.
»Jedenfalls sehe ich … dich«, antwortet er. Höre ich da ein Lachen in seiner Stimme? Ich verziehe unwillkürlich das Gesicht – was er jetzt wohl übergroß auf seinem Handy sieht. Mist. Ich räuspere mich und rücke ein bisschen zur Seite, damit die Kamera an mir vorbeifilmt.
»Geh mal ein Stück zurück, in die Richtung, aus der du gekommen bist!«, weise ich ihn an. »Kannst du dich dabei sehen?«
Im wabernden Nebel halte ich anstrengt Ausschau – und tatsächlich: Da ist er. Während er ein paar Meter zurückläuft, erkenne ich seine hochgewachsene Statur, seine langen Beine, die breiten Schultern, die den Nebel teilen.
Das Nebelhorn tönt laut zu uns herüber. Genau in dem Moment ruft er etwas. Ich schüttle heftig den Kopf. »Was?«, schreie ich.
Er kommt zu mir zurück. »Ich habe mich gesehen und den ganzen Gehweg, denke ich. Schwer zu sagen. Es ist auch von sehr weit oben, man erkennt nicht viel. Jedenfalls keine Gesichter.« Er klingt, als würde er das begrüßen.
Erleichtert atme ich aus. Offensichtlich ist die Kamera perfekt positioniert. »Ja, das ist Absicht.« Ich will ja niemanden stalken. »Du hast mir sehr geholfen, danke.« Und mir bleibt jetzt nur noch der Abstieg. Gleich. In ein paar Minuten. Sobald ich mich dazu durchringen kann. In der Zwischenzeit prüfe ich ein letztes Mal die winzige Kamera. Sie ist ganz dicht unter dem Metallträger der Brücke an einem der Stahlseile befestigt. So wird niemand sie bemerken. Hoffe ich jedenfalls. Die Befestigung sieht gut aus, vorhin war sie bombenfest. Und das muss reichen. Auf keinen Fall lasse ich das Seil los, um es noch mal zu testen.
»Was ist, kommst du nicht runter?«, fragt er.
»Doch, doch. Klar. Gleich.« Vielleicht schneller, als dir lieb ist.
Jetzt, da ich das Wichtigste geschafft habe, verfluche ich mich dafür, dass ich es mir überhaupt in den Kopf gesetzt habe. Wie verrückt.
»Was ist?«, ruft der Fremde von unten.
»Alles gut«, gebe ich gedehnt zurück, obwohl es das natürlich nicht ist. Aber irgendwie wird das schon. Ich beiße mich immer durch. Und er kann mir sowieso nicht mehr helfen. »Danke. Du kannst gehen. Oder dein Handy wegwerfen, oder was auch immer.«
Ein seltsames Geräusch dringt zu mir herauf, eine Mischung aus Lachen und Schnauben. »Bist du irre?«
»Hey, das Handy wegzuwerfen war deine Idee!«, gebe ich bebend zurück, froh, von der Tiefe unter mir abgelenkt zu sein. Wenn ich nur einen besseren Halt finden würde, dann könnte ich vorsichtig den Abstieg wagen. Aber ich traue mich nicht mal, mich langsam nach unten gleiten zu lassen, aus Angst, von dem feuchten Metall abzurutschen.
»Das sollte heißen: Ich gehe jetzt ganz sicher nicht«, erwidert er.
Eine Woge der Dankbarkeit brandet in mir auf. Ich weiß zwar immer noch nicht, wie er mir helfen könnte, aber allein dass er bei mir bleiben will, bis ich unten bin, bringt mein Herz dazu, ein wenig langsamer zu schlagen, und auch meine Gedanken kreisen weniger schnell.
»Ich weiß nicht, wie ich runterkommen soll«, gebe ich zu. »Rauf ging es relativ einfach, aber da waren die Drahtseile noch nicht so feucht.«
»Vielleicht sollte ich Hilfe holen.«
»Nein! So lange halte ich es nicht mehr aus!«
Er überlegt kurz. »Kannst du nach oben klettern?«
»Nach oben?« Ist der bescheuert?
»Auf dem Stahlträger über dir sind Stufen, über die könntest du dann nach unten gehen.«
»Das weiß ich, aber ich schaffe es niemals, mich über die Kante des Stahlträgers auf die Treppe zu ziehen.«
»Vielleicht nicht allein«, gibt er mit einem Lächeln in der Stimme zurück. »Halt durch, okay?«
Er verschwindet im Nebel. Ich starre ihm hinterher und würde ihm am liebsten nachrufen, dass er nicht weggehen soll. Wie ein kleines Kind!, schimpfe ich innerlich und tue stattdessen, was er gesagt hat. Ich halte durch, mit wild klopfendem Herzen, weichen Knien und zitternden Armen. Und heule fast erleichtert auf, als ich viel zu lange Zeit später über mir ein dumpfes Klopfen höre. Seine Schritte auf Stahl.
»Gib mir deine Hand«, kommt es dumpf von oben.
Ich kann ihn nicht sehen, nur eine große Hand, die mir Sicherheit verspricht. Wenn ich sie doch nur nehmen könnte! »Ich kann … nicht … loslassen«, stoße ich hervor. Panik schlägt so plötzlich über mir zusammen, dass ich aufkeuche.
»Keine Angst. Du schaffst das.«
Mein Atem geht jetzt so schnell, dass er sich wie das Schnaufen einer Lokomotive anhört, und irgendwo am Rand wird mein Gesichtsfeld schwarz.
»Violet«, dringt es zu mir durch. »Hey, Violet. So heißt du doch, oder?«
Ich versuche, mich auf seine Worte zu konzentrieren. »Vivi«, kommt es kläglich über meine Lippen.
»Vivi«, wiederholt er behutsam. »Du kannst mir vertrauen, okay, Vivi? Sobald du loslässt, greife ich nach dir und halte dich. Ich ziehe dich hoch, sodass du dein Bein über die Kante schwingen kannst.« Dunkel und ruhig dringt seine Stimme durch den feuchten Dunst, durch die Angst, durch das laute Pochen in meinen Ohren.
Du kannst mir vertrauen.
Es klingt wahr und echt und bringt etwas in mir zum Klingen, das ganz langsam meine Panik übertönt.
»Okay«, flüstere ich so leise, dass er es wahrscheinlich nicht hört. Komm schon, reiß dich zusammen. »Ich tue es!«, rufe ich dann etwas lauter. »Bist du bereit?«
»Ja!«
Ich atme tief durch. Dann lasse ich los. Für einen Moment fühlt es sich an, als würde ich abrutschen. Fallen. Mir wird schwarz vor Augen, ich schreie auf. Aber nein. Er hat mich gepackt. Er hält meine Hand! Wirklich und wahrhaftig. Ich falle nicht. Ich klammere mich fest.
»Sehr gut. Und jetzt das Bein.« Er zupft auffordernd an meinem Arm.
Das Bein. Nach oben schwingen. Oje. So was kann ich wirklich überhaupt nicht. »Ich war beim Geräteturnen immer eine totale Niete«, keuche ich.
»Komm schon, du schaffst das«, wiederholt er.
Verdammt, wie kann er nur so ruhig bleiben? »Hast du denn gar keine Angst, dass es schiefgeht?«, schreie ich. Ich sehe schon vor mir, wie ich ihn mit mir in den Abgrund reiße.
»Nein.« Nur ein Wort von ihm. Und es bringt alles in mir zur Ruhe.
»Okay.« Noch mal hole ich tief Luft, dann schwinge ich das Bein so hoch ich kann. Er greift danach, zieht, ich schiebe.
Dann liege ich in seinen Armen.
Liege. Mit ihm zusammen auf dem Stahlträger.
Er hat mich ganz fest an sich gedrückt, die Treppenstufen graben sich unangenehm in meine Seite. Aber ich will mich nicht bewegen, will vor allem nicht darüber nachdenken, wie schmal der Stahlträger ist. Unwillkürlich lasse ich mich tiefer in seine Umarmung sinken. Höre, wie mein Herz in meinen Ohren immer noch ganz laut pocht.
Nein, es ist seins. Und es rast.
Lügner!, will ich sagen, du hattest also doch Angst. Aber in diesem Moment schiebt er mich etwas von sich und hilft mir, mich hinzusetzen. Noch einmal schießt die Angst in mir hoch. Hier ist wirklich wenig Platz, und es geht immer noch tief runter. Aber er fällt nicht. Wir fallen nicht. Wir sitzen nebeneinander auf der Treppe. Langsam sickert es zu mir durch: Ich bin in Sicherheit.
In diesem Moment schlägt die Angst in mir um, mein Kopf wird leicht, alles an mir kribbelt. Ich sehe auf. Nun lächelt er doch.
»Ich heiße übrigens Josh«, sagt er.
»Josh«, flüstere ich und sehe ihn zum ersten Mal richtig an.
Das Lächeln ist immer noch da. Es erhellt sein ganzes Gesicht, nur nicht seine Augen. Seine Augen sind voller Dunkelheit. Und ich sehe darin, was ich selbst fühle: einen aufregenden, alles verzehrenden Rausch.
Vivi
Ich hatte erwartet, dass es verdammt schwer werden würde, nach New York zurückzukommen. Aber als ich in Manhattan vor dem Rockefeller Center aus dem Uber steige, ist es das Einfachste auf der Welt, wieder hier zu sein, in der Häuserschlucht zwischen den schillernden Wolkenkratzern, in denen sich der unglaublich blaue Sommerhimmel spiegelt. Ich hebe mein Gesicht der Sonne entgegen. Nach dem langen Flug bin ich ausgehungert nach dem Licht und der Augusthitze, die die Fassaden der Stadt auf mich zurückwerfen.
Ich schließe die Augen. Bin einfach nur hier. Alles fällt von mir ab.
Es ist absurd, kaum irgendwo auf dem Erdball ist die Luft so verschmutzt wie in Manhattan, aber dennoch fühlt es sich an, als könnte ich erst jetzt, hier, nach all der Zeit, nach zwei langen Jahren, endlich wieder richtig atmen.
»Violet?«
Ich öffne die Augen und fahre herum.
Eine junge Frau in perfektem New Yorker Businessoutfit, High Heels inklusive, steht hinter mir. Ich habe sie noch nie im Real Life gesehen, trotzdem erkenne ich sie sofort. Ihre roten Haare, die hohen Wangenknochen und ihr immer leicht geheimnisvoller Blick sind unverkennbar.
»Rachel!« Ein Lächeln breitet sich auf meinen Lippen aus. Es passt zu der Leichtigkeit in meiner Brust. »Schön, dich zu sehen. Endlich. Du siehst genau aus wie auf Skype.«
Sie grinst. »Und du wie jemand, der aus dem Exil nach Hause kommt.«
Ich muss lachen. »Sieht man mir das so sehr an?«
Sie nickt.
»Was ist das nur? Das ist doch total verrückt.« Immerhin bin ich in San Francisco aufgewachsen, nicht hier. Trotzdem hat sich New York immer viel mehr wie meine Heimat angefühlt. Von dem Moment an, als ich mit 17 zum allerersten Mal zwischen den Wolkenkratzern im Financial District stand, habe ich mein Herz an diese Stadt verloren. Ich seufze schwer.
Rachel lacht. »Wenn du New York so sehr liebst, warum bist du dann weggegangen?«
Langsam lasse ich meinen schweren Rucksack auf den Gehsteig sinken. Rachel und ich kennen uns gefühlt schon ewig, aber eigentlich ist es erst ein halbes Jahr her, dass sie mir als Projektmanagerin zugeteilt wurde. Wir hatten bisher ausschließlich online Kontakt, viel davon – langen, gemeinsam durchgearbeiteten Nächten sei Dank –, und ich mag Rachel, aber diese Frage kann ich ihr nicht beantworten. Obwohl es einfach wäre und gar nichts verrät, ich kann es nicht aussprechen.
Ich bin weggegangen, weil ich hier die drei schönsten Jahre meines Lebens verbracht habe.
»Ich bin wegen des Jobs weggegangen.« Ich kann sogar lächeln, als ich es sage. »Sie haben mir ein Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen konnte.« Ich garniere diese nette Halbwahrheit mit einem lässigen Schulterzucken.
»Das kenne ich.« Rachel zwinkert mir zu, dann deutet sie auf das Gebäude hinter sich, in dem sich das Büro vonIQ City, unserem gemeinsamen Arbeitgeber befindet. »Sollen wir raufgehen? Dann kann ich dir alles zeigen, und wir können die Präsentation vorbereiten.«
Noch vor ein paar Minuten hätte ich sofort Ja gesagt. Da dachte ich noch, dass ich es kaum würde ertragen können, wieder hier zu sein, und hatte vor, mich im Büro unter meiner Arbeit zu vergraben, bis ich wieder abreisen kann. Aber jetzt … Ich sehe mich um. Jetzt denke ich, dass ich vielleicht doch endlich an dem Punkt angekommen bin, von dem ich nie dachte, dass ich ihn erreichen würde: New York besuchen, es genießen, und dann nach Tokio zurückkehren, ohne das Gefühl zu haben, dass etwas fehlt.
Vielleicht waren die letzten zwei Jahre doch nicht umsonst.
Freude steigt in mir auf, und plötzlich will ich nur noch eines – die Stadt, die ich mir so lange vorenthalten habe, mit allen Sinnen in mich aufsaugen. Am liebsten möchte ich jeden einzelnen der unzähligen Wolkenkratzer umarmen.
Ich wende mich wieder Rachel zu, die mich hoffnungsfroh ansieht. Natürlich will sie sofort mit der Arbeit loslegen. City Connect ist für uns beide ein verdammt wichtiges Projekt. Unsere ganze Zukunft hängt davon ab. Wenn es ein Erfolg wird, könnten Rachel und ich große Sprünge auf der Karriereleiter nach oben machen. Solch eine Chance bekommt man nicht einfach so und vor allem nicht oft. Kein Wunder, dass es ihr in den Fingern kribbelt.
»Also … was machen wir mit dem angefangenen Abend?«, fragt sie.
Ich hebe eine Augenbraue. »Ich dachte, du willst gleich arbeiten.«
Rachel lacht. »Hab es mir anders überlegt. Wir müssen nicht schon am ersten Abend eine Nachtschicht schieben, das werden wir diese Woche sicher noch oft genug tun. Und ich bin so froh, dich endlich richtig kennenzulernen, das müssen wir ausnutzen. Wir haben ja nur eine Woche.«
Rachels Worte ballen sich in meinem Magen zu einem Klumpen zusammen. Nur eine Woche werde ich hier sein. Vorhin kam mir das noch endlos lang vor. Jetzt fühlt es sich plötzlich nach viel zu wenig Zeit an.
»Aber du willst bestimmt zuerst ins Hotel?«
Ich schüttle den Kopf. »Ich habe gerade überlegt, mich erst mal ein bisschen in der Stadt … zu akklimatisieren.«
»Oh, ich verstehe.« Sie grinst vielsagend. »Ich kenne ein paar tolle Orte, an denen man sich hier akklimatisieren kann.« Sie wackelt mit den Augenbrauen und malt Anführungszeichen in die Luft. »Ich hab da eine Lieblings-Rooftop-Bar, die wollte ich dir sowieso zeigen.« Sie schwärmt mir glücklich davon vor, und mir wird ganz warm ums Herz, weil sie sich wirklich so freut, mich zu sehen.
Was sie aber wohl noch nicht bemerkt hat, ist mein Outfit, das wohl kaum zu den After-Work-Partys passt, von denen sie redet – meine Jeans, die am Knie zerrissen ist, und mein weites Shirt, dessen Ausschnitt halb über meiner einen Schulter hängt.
Ihr Redefluss stoppt, als hätte sie meine Gedanken gehört, und sie sieht an mir auf und ab. »Da müsstest du dich allerdings erst umziehen.«
Ich grinse verlegen und sehe auf meinen Rucksack runter. Das kleine Schwarze, das Rachel vielleicht für das Abhängen in einer schicken New Yorker Bar vorschwebt, ist da nicht drin. Tatsächlich habe ich gar keins. Ich habe aus reiner Rebellion nicht mal eine Stoffhose eingepackt. Nur eine schicke Jeans, die für meine New Yorker Kollegen reichen muss. Dabei hätte ich mir doch denken können, dass Rachel mal ausgehen möchte. Aber als ich gesagt bekam, dass ich für eine ganze Woche nach New York soll, um den Oberbossen von IQ City das neue Projekt vorzustellen, da habe ich nur an eins gedacht: eine Woche keine Hosenanzüge. Eine Woche Jeans und Shirts. Ich liebe Tokio und ich habe einen großartigen Job, aber ich hasse es, dass ich in meiner Firma dort nur Klamotten tragen kann, in denen ich mich nicht wie ich selbst fühle.
»Sorry, aber ich hab gar nicht dran gedacht, dass wir auch mal weggehen könnten …«
Rachel starrt mich an, dann grinst sie. »Hätte ich wissen müssen, du kleines Arbeitstier. Aber macht nichts.« Sie mustert mich. »Das Outfit ist definitiv eine Challenge, aber das kriegen wir hin, irgendwie schleuse ich dich schon rein. Der Türsteher vom Roofgarden ist mit meinem Bruder zusammen, er kann da sicher …«
»Ähm, na ja«, unterbreche ich sie verlegen. »Eigentlich würde ich gern einfach nur … herumlaufen.«
Rachel hört auf zu reden und starrt mich mit offenem Mund an. »Herumlaufen?«
Ich lächle. »Ich liebe es, bei Sonnenuntergang zwischen den Häusern umherzuschlendern.« Das ist meine Strategie für alles. Ich mache es, wenn ich mich schlecht fühle, und auch, wenn ich mich verdammt gut fühle, so wie jetzt. Ich mache es, um nachzudenken. Wenn ich mich an etwas erinnern will oder wenn ich etwas vergessen muss. Zum Glück ist zwischen hohen Häusern herumzustreifen etwas, das man auch in Tokio ganz hervorragend tun kann.
Mit Rachel in einer löchrigen Jeans eine edle Bar zu crashen klingt witzig, selbst für mich. Aber gerade jetzt will ich einfach nur genießen, wieder hier zu sein, und zusehen, wie New York im Orange und Rot des Sonnenuntergangs erstrahlt. »Du musst nicht mitkommen«, sage ich zu Rachel. »Wir können gern später was trinken gehen, wenn du wirklich was drehen kannst, damit sie mich so in eine Bar reinlassen.« Ich deute grinsend auf meine löchrige Jeans.
»Bist du irre? Nach drei Monaten Skype sehen wir uns zum ersten Mal. Natürlich komme ich mit! Herumlaufen hat noch niemandem geschadet. Komm, gib mir deinen Rucksack, ich bringe ihn rauf, dann brauchst du ihn nicht mitzuschleppen. Du wartest am besten hier. Sonst musst du im Büro die große Begrüßungsrunde machen, und dann ist die Sonne längst unten.«
Ich nicke dankbar, krame ein paar Sachen aus dem Rucksack und stopfe sie in meine kleine Stofftasche, die ich mir über die Schulter hänge. Dann gebe ich Rachel den Rucksack, und sie verschwindet damit.
Während ich warte, bewundere ich das Schillern der Fenster um mich herum. Die riesigen modernen Wolkenkratzer, in denen sich die verschnörkelten Fassaden der ehrwürdigen alten Riesen aus dem 19. Jahrhundert spiegeln. Warme Steine und kaltes Glas, verspielte Gargoyles und harte Stahlträger.
Es ist, als würden Alt und Neu ineinanderschmelzen.
Ich schüttle die Erinnerung ab und mustere stattdessen sehnsüchtig die Sonne, die langsam hinter der Skyline verschwindet.
Zum Glück dauert es nicht lange, bis Rachel zurückkommt. Sie hat ihre High Heels gegen sicherlich bequemere, aber nicht weniger schicke Sneakers getauscht. »Aktion ›Einfach nur herumlaufen‹ kann starten«, sagt sie fröhlich.
»Dann los.«
Wir bahnen uns unseren Weg durch die vielen Menschen in Feierabendlaune. Ich habe keinen Plan, wohin ich will, folge einfach meinen Füßen. Wir queren die 42nd Street, und ich erhasche einen Blick auf die silbern glänzende Art-déco-Spitze des Chrysler Building. Ich liebe dieses Gebäude. Nicht zu fassen, dass ich geglaubt habe, ich könnte nach New York kommen, ohne es wenigstens einmal zu begrüßen. Oder das Empire State Building, an dem wir kurz danach vorbeikommen.
Die ganze Zeit herrscht eine etwas seltsame Funkstille zwischen Rachel und mir, doch sie gibt sich redlich Mühe, das zu ändern. Als wir das unglaublich schmale Flat Iron Building passieren, erzählt Rachel mir die neuesten Anekdoten aus der New Yorker Filiale von IQ City und fragt mich nach spannenden Fakten über mein Arbeitsleben in Tokio, und langsam fühlt sich das hier ein wenig an wie die langen Nächte auf Skype.
Als wären wir beste Freundinnen und wären es schon immer gewesen.
Erst als die Fenster das Sonnenlicht in allen Orangetönen auf uns zurückwerfen, merke ich, dass ich nur halb bei der Sache bin. Aber es ist nicht die Stadt, die mich ablenkt. Es sind nicht die wunderbaren Wolkenkratzer, nicht die protzigen Brücken, nicht die warmherzigen Backsteinhäuser des East Village, das wir inzwischen erreicht haben, die mich mit Beschlag belegen und mein Herz zum Rasen bringen.
Nein. Ich halte Ausschau.
So wie damals auf der Brücke.
Ich bleibe stehen.
In diesem Moment wird mir klar, dass ich vielleicht mein ganzes Leben lang Ausschau halten werde. Deswegen musste ich von hier fort.
Als wäre das in Tokio anders, sagt eine kleine, gemeine Stimme in mir. Als könntest du ihn dort vergessen.
Ich schlucke schwer. Ja. Ich bin vielleicht aus New York weggegangen, um ihm nicht mehr zu begegnen. Aber um ihn zu vergessen, war Tokio die denkbar schlechteste Wahl.
»Schon genug vom Rumlaufen?«, fragt Rachel. Sie hat neben mir innegehalten.
»Nein«, sage ich sofort. »Oder … ja. Ich … weiß nicht.« Offensichtlich habe ich doch nicht alles vergessen. Aber vielleicht macht das auch nichts. Vielleicht muss ich das gar nicht, um mich hier wieder wohlzufühlen.
Rachel schnaubt, aber bevor sie etwas sagen kann, sehe ich mich um. Die Dämmerung hat eingesetzt, und die Menschenmassen um uns herum haben sich ein wenig verlaufen.
Dann vibriert mein Handy, und mein Herz setzt für einen Schlag aus.
Denn ich weiß, was es mir sagen will. Natürlich.
Ich starre in die kleine Straße, die zwischen die Häuser neben uns führt. Dann mache ich langsam einen Schritt darauf zu. Bäume rauschen leise im Abendwind, die roten Backsteinfassaden der Gebäude strahlen immer noch eine Wärme ab, die ich begierig mit jeder Faser meines Körpers aufsauge.
»Wir sind hier«, flüstere ich.
»Was ist denn hier?«, fragt Rachel, während sie mir folgt.
»Nichts, nur … ich … ich habe hier mal gewohnt.«
Wir haben hier gewohnt.
Nicht in dieser Straße, aber in der Nähe, und in einer gemeinsamen, ruhelosen Nacht habe ich ihm diese Straße gezeigt. In unendlichen ruhelosen, wunderschönen Nächten habe ich jeden Zentimeter dieser wunderbaren Stadt zu Fuß kennengelernt, und diese Straße war eine der ersten, die wir gemeinsam erkundet haben.
Niemand kommt Rachel und mir entgegen, es ist still, während wir tiefer in die kleine Straße hineingehen. Ich senke den Blick auf den Boden. Suche.
Und dann sehe ich es. Das, weswegen mein Handy gerade vibriert hat.
Ich kann mir einen kleinen Aufschrei nicht verkneifen, stürze darauf zu und gehe in die Knie. Ein winziger QR-Code klebt auf den Pflastersteinen. Er ist abgenutzt von vielen Füßen, die in den letzten fünf Jahren darüber gegangen sind, aber er ist noch da. Ich streiche mit dem Finger darüber.
»Was ist das?« Rachel beugt sich über mich.
Einen Moment lang kann ich nicht antworten. Dann sage ich leise: »Nur eine Spielerei, die ich mir vor ein paar Jahren ausgedacht habe.«
Rachel sieht mich neugierig an, und ich will antworten, aber mein Blick fällt unwillkürlich auf die Hauswand neben dem QR-Code. Es ist nicht leicht zu sehen, selbst wenn man es weiß. Hinter ein paar Baumkronen versteckt sich ein wunderschönes Mosaik aus kleinen, in allen Farben schillernden Steinen. Es sieht aus wie ein Buntglasfenster einer Kirche, aber es führt nirgendwohin.
Rachel keucht leise auf, als sie es sieht. »Das ist ja unglaublich, das ist ja schon fast eine Art Schatz, und man sieht es auf den ersten Blick gar nicht!«
»New York hat so viel mehr zu bieten als die protzigen Wolkenkratzer und Brücken«, sage ich langsam.
»Und was hat es mit dem QR-Code auf sich?«, fragt sie.
»Es gab eine App«, antworte ich, als wäre das Erklärung genug.
»Ja, und? Was kann die?« Rachel holt ihr Handy heraus. »Wie heißt sie? Kann ich sie ausprobieren?«
Rachels Begeisterung bringt mich zum Lächeln. »Ich habe sie längst aus den App-Stores genommen.« Genauer gesagt vor zwei Jahren. Nach dem Abschied. Nur auf meinem Handy ist sie noch. Ich hatte sie dort vollkommen vergessen. »Sie ist sowieso nie über das Betastadium hinausgekommen.«
»Warum nicht?«
Noch so eine Frage, die ich nicht einfach beantworten kann.
Oder doch. Ich wollte immer, dass er sie für mich testet. Er sollte der Erste sein, der erfährt, dass die App fertig ist und viel mehr kann, als wir es uns je erträumt haben. Ich habe sie für ihn immer weiter und weiter entwickelt. Ich wollte seine Augen damit zum Leuchten bringen. Wollte, dass er mich so ansieht, wie nur er es kann. Als wäre ich der Mittelpunkt seiner Welt. Aber ich bin nie dazu gekommen, ihm diese letzte Version, die perfekte Version, zu zeigen.
Es wäre wohl eine gute Idee, die App endlich von meinem Handy zu löschen. Später, nehme ich mir vor.
»Wie gesagt, es war nur eine Spielerei«, erwidere ich und stecke mein Smartphone weg. »Damals, als für so was noch Zeit war.«
Rachel nickt wissend. »Ich hatte früher auch mal Hobbys.«
Ich grinse. »Ich glaube, das Wort muss ich erst im Lexikon nachschlagen, hab vergessen, was es bedeutet.«
Rachel lacht laut auf, und ich denke, wie schön es ist, eine Freundin zu haben. Eine wie Rachel, deren Lachen sich anfühlt, als wären wir ein Herz und eine Seele.
»Hey, Rachel, ich glaube, ich habe genug gesehen, und die Sonne ist auch schon weg, also wenn du willst, können wir jetzt die Bars unsicher machen.«
Während ich gesprochen habe, habe ich mich umgedreht. Fort von Rachel, fort von dem Mosaik, in die Richtung, in die wir weitergehen würden.
Stattdessen stehe ich da wie gelähmt. Selbst wenn ich wollte, könnte ich keinen einzigen Schritt machen.
Die Welt hört auf, sich zu drehen. Der Wind weht nicht mehr. Die Sonne versinkt nicht mehr.
Mein Herzschlag schweigt.
Er ist hier.
Direkt vor mir.
So unglaublich nah, nach all der langen Zeit.
Nur wenige Meter die Straße runter geht er uns entgegen und sieht dabei gebannt auf sein Smartphone. Offensichtlich hat er uns noch nicht bemerkt.
Für einen Moment glaube ich, dass ich es fertigbringe, mich einfach umzudrehen und zu verschwinden, schnell, bevor er mich auch sieht. Aber natürlich klappt das nicht, und dann ist es zu spät. Er hebt den Kopf. Sein Blick fällt in meinen.
Und die Zeit dreht sich zurück.
Ich sehe sein Lächeln, das damals nur mir allein galt. Ich höre mein Herz, das drei Jahre lang nur für ihn geschlagen hat. Ich schmecke seinen Kuss, der mein Leben für immer verändert hat.
Josh.
Vivi
Stunden, so kommt es mir vor, stehen wir einfach nur da und sehen uns an.
Beide schockiert und unsicher. Beide vollkommen kalt erwischt.
Warum ist er hier? Gerade jetzt, gerade heute?
Ich weiß, dass er New York verlassen hat, damals vor zwei Jahren, als auch ich gegangen bin.
Er sagt nichts, gar nichts, und auch ich bleibe stumm.
Es ist genau wie an jenem Tag, als wir uns zum ersten Mal wiedergesehen haben, Monate nach jener allerersten Nacht auf der Golden Gate Bridge. Damals dachte ich, wir würden uns nie wieder begegnen, und dann war er plötzlich da.
Der sanfte Wind zerrt an seinen dunklen Haaren, und irgendwo zwischen dem Schock auf seinem Gesicht, ganz tief in seinen Augenwinkeln, sitzt ein Lächeln.
»Vivi, was ist … oh.« Rachel ist die Erste, die spricht, weil Josh und ich es immer noch nicht können. Sie sieht zu ihm hin, dann zwischen uns hin und her.
»Wer ist das?«, flüstert sie.
Ich suche nach einer Antwort.
Mein Verstand findet keine. Nur mein Herz kennt viel zu viele.
Der Mann, mit dem ich mein Leben verbringen wollte.
Der einzige Mensch auf der Welt, der alles über mich weiß.
Der einzige Mensch, den ich je wirklich geliebt habe.
All das könnte ich sagen, aber ich bringe kein Wort heraus. Denn mit den Dingen, die mein Herz mir eingibt, kommen weitere Erinnerungen, die ich tief in mir hüte. Seine raue Stimme im Wind auf der Golden Gate Bridge in jener allerersten Nacht. Sein Lachen, das durch meinen ganzen Körper schwingt, unseren ganzen wunderbaren ersten Sommer lang. Seine leuchtenden Augen kurz vor unserem ersten Kuss.
So viele perfekte erste Male.
Und über allem eine Ahnung von Kirschblüten.
»Josh«, flüstere ich.
Sein Name … So lange habe ich ihn nicht gesagt. Zwei Jahre nicht. Aber erst jetzt wird mir klar, dass ich ihn an jedem einzelnen Tag gedacht habe.
Rachels Blick zuckt zu ihm. »Ihr kennt euch?«
Bevor ich antworten kann, macht er einen Schritt auf uns zu. Mein Atem verfängt sich in meiner Brust. Ich möchte wegrennen und mich gleichzeitig in seine Arme werfen. Ich möchte vergessen, dass wir uns begegnet sind, und doch mein Ohr an seine Brust pressen, um seinen Herzschlag zu hören. Ob er auch so rast wie meiner?
Stattdessen atme ich tief durch und bleibe stehen. Ich sage mir, dass es vermutlich nur eine Frage der Zeit war, bis wir uns wieder begegnen. Selbst in einer riesigen Stadt wie New York werden sich die Pfade von zwei Menschen wie uns unweigerlich kreuzen. Zwei Menschen, die sich so nah waren wie wir, werden für immer miteinander verbunden sein.
Josh hat keinen Blick für Rachel übrig, er starrt nur mich an.
»Dein Ex?«, fragt Rachel.
Ich nicke.
Kurz wirkt sie verwundert, weil ich ihr in all den langen Nächten auf Skype, als sie mir von ihren Verflossenen erzählt hat, Josh nicht ein einziges Mal erwähnt habe. Aber sie fängt sich schnell. »Ist das okay?«
In meiner Erinnerung höre ich ihre Stimme leicht verzerrt durch den Videoanruf über das Internet: Es ist nicht immer angenehm, den Ex wiederzusehen.
»Willst du … gehen?«, fragt sie, so leise, dass Josh es wahrscheinlich nicht hört.
Ja. Nein. Ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts mehr. Doch, etwas schon. Ich sollte gehen. Definitiv sollte ich gehen. Ich habe so lange gebraucht, um zu verstehen, dass es vorbei ist. Nicht vergessen. Niemals vergessen. Aber verstehen. Auf keinen Fall will ich das aufs Spiel setzen.
»Vivi.« Joshs Stimme.
Sie ist heiser und dunkel, und wenn ich sie höre, dann wünschte ich, ich könnte die letzten zwei Jahre ungeschehen machen. Ich wünschte, es hätte all die Zeit zwischen damals und jetzt nicht gegeben und wir hätten niemals Lebewohl gesagt.
Josh ist zu uns herübergekommen, nur wenige Schritte trennen uns noch. Wenig genug, um ihm anzusehen, dass es ihm genauso geht. Er möchte vergessen und kann es doch nicht. Er möchte gehen und bringt es nicht über sich.
»Kaffee«, stößt er schließlich hervor.
Ich blinzle ihn an. »Wie?«
»Sorry.« Vorsichtig lächelt er. Es ist dieses jungenhafte Lächeln, das meinen Magen nach all der Zeit immer noch zum Flattern bringt. »Ich wollte sagen: Wie wäre es mit einem Kaffee? Aber alle Wörter sind … irgendwie in mir hängen geblieben, Kaffee war das einzige, das es über meine Lippen geschafft hat.«
Ich erwidere sein Lächeln. »Kaffee ist ja auch das Einzige, was zählt.«
In seinen Augen leuchtet etwas auf. Eine Ahnung der alten Zuneigung?
»Also … willst du?«, fragt er leise.
Unsere Leben sind getrennt, so getrennt, wie es nur geht. Also warum nicht?
Ich spüre Rachels Blick auf mir und höre ihre Stimme in meinem Kopf: Desaströs ist das richtige Wort, Violet. Ja, es ist desaströs, dem Ex wieder zu begegnen. Du kannst froh sein, dass dir das bisher nicht passiert ist.
Josh sieht mich abwartend an.
Ich öffne den Mund. »Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.«
»Ich auch nicht.« Er lächelt schief. »Aber der Schaden ist ohnehin angerichtet, oder?«
Er hat recht.
Vor zwei Jahren haben wir uns versprochen, einander nie wieder zu begegnen. Uns nie wieder zu sehen, nie wieder zu sprechen, nie wieder zu schreiben. Aber jetzt ist es eben doch passiert, zufällig.
»Ja«, flüstere ich.
Der Schaden ist angerichtet.
Oder vielleicht auch nicht.
Ich hatte gedacht, dass es mehr wehtun würde. Ich hatte geglaubt, dass es vielleicht sogar unerträglich wäre. Aber jetzt … jetzt ist es einfach nur seltsam schön, ihn wirklich und wahrhaftig vor mir zu sehen.
»Ja«, wiederhole ich.
»Ja, Kaffee?«, fragt Josh.
Noch einmal höre ich Rachel, sehe, wie sie sich nach vorn gebeugt hat, ganz nah an ihre Webcam heran, sodass ihre Augen riesengroß waren auf meinem Display.
Desaströs, Violet! Und alles, was du tun kannst, ist, die Beine in die Hand zu nehmen und zu rennen.
Ich klappe im Geiste den Laptop zu. Die Vergangenheits-Rachel verschwindet.
Ich nicke. »Ja, Kaffee.«
Neben mir höre ich die Gegenwarts-Rachel leise die Luft einsaugen.
Aber ich habe nur Augen für Josh.
Freude zuckt kurz und heftig über sein Gesicht. Dann Nervosität, vielleicht sogar etwas wie Angst. Gefühle, die auch zwischen den Scherben meines eigenen Herzens knirschen. Aber da ist zugleich Hoffnung. Vielleicht ist es mit ihm jetzt ähnlich wie mit New York. Vielleicht haben wir endlich diesen Punkt erreicht, an dem wir uns begegnen können, einen Kaffee trinken und uns danach trennen, ohne dass etwas fehlt.
In meinem Kopf höre ich Rachel schnauben.
»Schön.« Er formt das Wort vorsichtig, als wäre er sich bewusst, wie zerbrechlich wir beide sind und wie unendlich behutsam wir miteinander werden umgehen müssen.
Rachel legt eine Hand auf meinen Arm. Ich zucke zusammen.
Auch Josh schreckt auf, als würde er Rachel jetzt erst richtig bemerken. »Oh, tut mir leid. Ich wollte euch nicht unterbrechen.« Er schenkt Rachel dieses leicht verpeilte Lächeln, das er immer hat, wenn man ihn beim Zeichnen anspricht. Es wirkt, als wäre er irgendwie zwischen der Welt auf seinem Papier und der echten Welt hängen geblieben.
Nur bin ich diesmal das Papier, das ihn gefangen hält.
Irgendwie erwarte ich, dass Rachel ihn wütend anstarrt, vielleicht versucht, den Abend mit mir einzufordern. Immerhin hat sie sich lange darauf gefreut. Oder dass sie versucht, mir ins Gewissen zu reden, dass ich ja nicht mit meinem Ex Kaffee trinken soll.
Man denkt immer, es ist nur »Kaffee«, aber das ist es nie, glaub mir.
Stattdessen lächelt sie. »Schon gut. Ich habe Violet noch lange genug in meinen Fängen. Und ich muss sowieso zurück ins Büro.« Aber zum Abschied hebt sie vielsagend ihr Handy, und kaum ist sie um die Ecke verschwunden, erhalte ich eine Nachricht von ihr.
Übrigens: Der Türsteher, mit dem mein Bruder zusammen ist … Er ist sicher auch gut darin, sich um unerwünschte Exe zu kümmern. Sag einfach Bescheid, wenn ich euch bekannt machen soll.
Ich grinse und stecke das Handy weg.
Josh und ich sind allein.
Zum ersten Mal, seit er hier aufgetaucht ist, mustere ich ihn von Kopf bis Fuß. Er sieht verdammt gut aus. Noch besser als damals auf der Brücke. Größer irgendwie. Sofort schimpfe ich mich eine dumme Kuh. Wie soll das denn gehen?
Aber es ist so. Es wirkt, als müsste ich den Kopf noch etwas mehr in den Nacken legen, um ihn anzusehen. Als wären seine Beine noch etwas länger als vor zwei Jahren, und auf seinem Gesicht liegt dieses neugierige Schimmern, das ich immer an ihm sehe, wenn wir etwas Verrücktes tun.
Als wäre es so verrückt, einen Kaffee trinken zu gehen.
Nein. Kaffee trinken, nichts könnte normaler sein als das. Und doch schlägt mein Herz wie damals auf der Brücke.
Denn normal – das konnten wir noch nie.
Josh
Schweigend gehen wir durch das East Village, bis das kleine Café an einer Straßenecke auftaucht. »Coffee Well« steht auf einem Holzschild über der Tür. Wie selbstverständlich haben unsere Füße uns hierhergetragen, aber jetzt bleibt Vivi zögerlich stehen. Ich auch. Wir werfen uns einen schnellen Blick zu, aber dann tritt sie beherzt zur Tür des Cafés und zieht sie auf. Während ich hinter ihr eintrete, frage ich mich, ob es ein Fehler war, gerade hierherzukommen. In das Café, das in der Nähe unserer alten Wohnung liegt und in das wir früher immer gegangen sind, wenn uns der Kaffee ausgegangen war oder wir keine Geduld hatten, uns selbst einen zu machen. Manchmal auch nur, weil er hier einfach verdammt gut schmeckt.
Aber in dem Moment, in dem mir die warme, nach Kaffee und Schokoladenkuchen duftende Luft entgegenschlägt, spüre ich nur noch das alte, wunderbare Gefühl, hier zu Hause zu sein.
Wir bestellen am Tresen und sehen uns dann nach einem Platz um. Vivis Augen leuchten auf, als sie sieht, dass unser alter Tisch in dem kleinen Erker gerade frei wird. Sie stürzt darauf zu und setzt sich an ihren üblichen Platz. Langsam folge ich ihr und überlege, wie wir das seltsame Schweigen überbrücken können, bis der Kaffee kommt, an dem wir uns festhalten können. Aber in dem Moment wird er schon gebracht. Genauso schnell, genauso brühend heiß und frisch wie früher.
Vivi macht sich sofort darüber her, nimmt die große Tasse in beide Hände, pustet hinein, schließt die Augen und seufzt genießerisch, als ihr der Duft in die Nase steigt.
Ich mustere sie, ihre wilden dunkelbrauen Haare, die ihr, seit sie sie geglättet trägt, in sanften Wellen über den Rücken fallen und doch überall kleine widerspenstige Locken bilden. Ihre lange, gerade Nase mit der verräterisch vorwitzigen Spitze und diese Grübchen um ihren Mund, die harmlos wirken und dann so schnell in ihrem waghalsigen Lachen aufgehen, wenn die Abenteuerlust in ihr erwacht.
Für einen Moment ist es, als wäre überhaupt keine Zeit vergangen und das hier wäre ein ganz normaler Tag, an dem wir gemeinsam schnell einen Kaffee trinken, bevor ich wieder ins Atelier gehe und sie zurück auf den Campus.
Es fühlt sich gut an.
Vivi schlägt die Augen auf, und ihr Blick trifft meinen. Behutsam stellt sie die Tasse ab, als wäre es das Wichtigste auf der Welt. Dann sieht sie mich wieder an.
»Was machst du hier?«, fragt sie langsam. Beinahe als würde sie die Frage nicht nur mir stellen, sondern auch sich selbst.
Ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung, was ich antworten soll. Was ich hier eigentlich mache, frage ich mich schon, seit ich so unglaublich eloquent das Wort Kaffee hervorgestoßen habe.
»Ich bin nicht sicher«, antworte ich wahrheitsgemäß.
Zu jedem anderen hätte ich vielleicht etwas anderes gesagt, eine Ausflucht erfunden. Aber Vivi ist der einzige Mensch, bei dem ich das noch nie nötig hatte.
»Kaffee trinken?«
Sie lächelt schwach. »Das meinte ich nicht. Ich meinte, was du hier in New York machst.«
Unwillkürlich muss ich grinsen. »Ach so.«
»Du wohnst doch nicht mehr hier, oder?«
Ich schüttle den Kopf. »Nein. Seit damals nicht.«
»Ich auch nicht.«
Ich setze mich ein wenig gerader hin. Ich wusste gar nicht, dass sie auch aus New York weggegangen ist. Wie auch? Damals haben wir jeden Kontakt abgebrochen, von einem Tag auf den anderen. »Wohin bist du gegangen?«
Sie hält meinen Blick fest. »Nach Tokio.«
Tokio.
Ohne es zu wollen, wirbeln unzählige Erinnerungen durch meinen Kopf, wie Kirschblüten, die der Wind von den Bäumen reißt.
Das Gefühl ihrer zitternden Hand in meiner. Die aufgeregte Erwartung in ihrem Gesicht und dann dieses strahlende Lächeln, das ich nie vergessen werde. Weil es das erste und einzige Mal in meinem Leben war, dass ich geglaubt habe, endlich ganz zu sein.
Vivis Augen sind geweitet, und ich glaube zu erahnen, dass sie an dasselbe denkt wie ich. Ein winziges Lächeln huscht über ihr Gesicht. Eines, das mich mehr anrührt, als es sollte. Eines, das die Erinnerungen in mir noch hartnäckiger macht.
Noch schöner. Noch strahlender.
Hastig nippe ich an meinem Kaffee. Und verbrenne mir fast die Lippe daran.
Es hilft ein wenig.
Gegen ihr Lächeln, gegen den schnelleren Herzschlag in meiner Brust, gegen die alte Sehnsucht, die in ihren Augen aufleuchtet und sich sicherlich in meinen widerspiegelt.
Aber wir haben beide zu lange gebraucht, um zu verstehen, dass der Mensch, mit dem man die schönste Zeit seines Lebens verbracht hat, trotzdem manchmal nicht der Mensch ist, der einen glücklich machen kann.
Langsam stelle ich die Tasse ab. »Ich bin nach New York gekommen, um endlich alle Verbindungen hier aufzulösen.«
»Ah.« Dieses zarte Lächeln verschwindet von ihrem Gesicht. Dann runzelt sie die Stirn. »Warte. Jetzt erst?«
Wie typisch für sie, gerade das aus meinen Worten herauszulesen, was ich vordergründig gar nicht sagen wollte. »Ja. Jetzt erst. Aber dafür mache ich es gründlich. Ich werde alles aufgeben. Alles hier. Auch das Atelier.«
Ihr Blick zuckt zu mir, verwundert, als hätte sie nicht damit gerechnet, dass ich sogar das Atelier noch habe. Natürlich, es ist ja auch dumm, ich war seit jenem allerletzten Tag nicht mehr dort, habe meine wichtigen Sachen von einem Umzugsunternehmen holen lassen und das Atelier seitdem nicht mehr betreten.
Ohne es zu wollen, sehe ich vor mir, wie Vivi dort mit ihrem Laptop vor dem großen Panoramafenster auf ein paar Kissen auf dem Boden sitzt. Die warme Nachmittagssonne scheint auf ihre nackten Füße. Sie arbeitet konzentriert, hat mich völlig vergessen. Ich sollte auch arbeiten, aber ich lasse die Whiteboards, an denen ich meine Skizzen mache und Gleichungen aufschreibe, genauso links liegen wie meinen Computer. Die ersten paar Male, an denen sie zum Arbeiten in mein Atelier gekommen ist, konnte ich nichts anderes tun, als sie anzusehen.
Wie die Sonne durch die große Scheibe auf ihr Haar fällt …
»Ich werde alles hier aufgeben, ganz besonders das Atelier«, wiederhole ich. »Aber auch meinen Anwalt, meine Publizistin, einfach alles.« Zwei Jahre lang habe ich gedacht, es würde keinen Unterschied machen, wo die Leute, mit denen ich arbeite, sich befinden. Aber es macht eben doch einen Unterschied. Jedes Mal wenn ein Brief aus New York auf meinem Schreibtisch liegt, macht es einen Unterschied. »Ich habe beschlossen, mein Leben komplett nach Seattle zu verlegen.«
Sie horcht auf. »Seattle?« Überraschung schwingt in ihrer Stimme mit.
Natürlich, denn ich habe keinerlei Verbindung nach Seattle. Das macht es so perfekt. »Seattle.« Ich nicke bekräftigend.
Ihre Finger halten die Kaffeetasse fest umschlossen, und sie linst darüber hinweg. »Da war ich noch nie. Ist es schön da?«
Ich zucke mit den Schultern. »Fair-Trade-Kaffee und Dauerregen – was gibt es daran nicht zu mögen.«
Sie lacht nicht. »Hast du …« Sie zögert. »Hast du dort … jemanden? In Seattle?«
»Nein.« Nur ein einziges kleines Wort. Viel zu wenige Buchstaben, um alles darin zu verbergen, was ich nicht sagen will.
»Und du?«, frage ich.
»Ich?« Sie lächelt schwach. »Ich habe einen Bonsai. In meinem Büro. In Tokio.«
»Wow, ein Bonsai«, erwidere ich, als hätte ich nicht gemerkt, dass sie meine eigentliche Frage gar nicht beantwortet hat. Das klingt …«
»Nach Klischee?«
»Nach viel Verantwortung.«
Jetzt lacht sie richtig. Und ich kann nicht anders, als ihr dabei zuzusehen. Es ist so ein seltsames Gefühl. So merkwürdig, das alles hier. Merkwürdig schön.
Erst als Vivis Lachen verblasst und sie mich mit geweiteten Augen ansieht, wird mir klar, wie mein Blick auf sie wirken muss.
Schnell nippe ich noch mal an meinem Kaffee. Eine Weile trinken wir schweigend, aber es ist keine unangenehme Stille. Es fühlt sich eher … sicher an. Wie ein ruhiger Moment in einem Sturm auf dem Meer.
»Josh? Das hier – findest du auch … es ist ein bisschen, wie auf Felsen über Lava zu springen?«
Ich halte mitten im Schluck inne. »Du meinst wie ein lebensgefährliches Abenteuer mit kleinen Ruhepausen?«
Sie grinst. »Und … irgendwie aufregend?«
»Ja«, sage ich und halte ihren Blick fest.
»Ja«, sagt sie langsam.
Ich frage mich, ob sie es auch spürt. Das zwischen uns. Das Lachen. Das Glück.
All das, was wir hatten.
»Seattle fühlt sich … machbar an«, sage ich zittrig, in die Erinnerungen hinein.
»Nach einem Schlussstrich?«
»Nach einem Neuanfang«, flüstere ich.
Vivi presst die Lippen zusammen. Sie hält die Kaffeetasse auf diese Art, wie sie es früher immer getan hat, wenn sie nur noch schnell austrinken wollte, bevor sie aufspringt und geht.
Aber ich will es festhalten, dieses Gefühl von Lachen und Glück.
»Bitte«, sage ich hastig, bevor sie eine Entscheidung trifft. »Bleib noch. Nur ein paar Minuten.« Ich strecke die Hand nach ihr aus. Ich denke nicht darüber nach, es ist, als hätte der alte Josh von damals mich übernommen, der, der mit Vivi zusammen ist und mit dem sie glücklich war. Der, mit dem sie bedenkenlos über glühende Lava springen würde. Und der, der einfach seine Hand auf ihre legt, mit einem zärtlichen Lächeln, als wäre so eine Berührung absolut nichts Besonderes.
Früher war es das auch nicht.
Aber jetzt, als meine Haut ihre zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder berührt, hört die Welt für einen winzigen Moment auf sich zu drehen.
Und wir fallen. Weit zurück in die Vergangenheit.
Vivi
Feuchter Nebel umgibt mich und verbirgt die Sterne, die über uns in der Schwärze leuchten. Er hat mich auf den Stahlträger gezogen, ich klammere mich an ihn, als würde mein Leben davon abhängen. Tut es ja auch. Sein Herz schlägt heftig an meinem Ohr und beruhigt sich nur langsam, genau wie mein Atem.
»Danke«, flüstere ich. Das Wort stört das einvernehmliche Schweigen zwischen uns. Wir beide sind froh, als es verhallt ist und die Stille uns wieder vollkommen verschluckt. Es ist nicht nötig, irgendetwas zu sagen, wir fühlen auch so genau das Gleiche. Die Freude, am Leben zu sein, und den Rausch dieses kurzen Moments, in dem ich geglaubt habe, zu fallen. Den Rausch, der nur deswegen ein Rausch sein kann, weil ich die ganze Zeit gespürt habe, dass er mich sicher hält.
Wir sehen uns an, im Bewusstsein all dessen. Spüren beide den Kuss, der zwischen uns in der Luft hängt wie ein geheimnisvolles Versprechen.
Aber keiner von uns greift danach.
»Ich habe das mit den Beziehungen hinter mir, fürchte ich«, sagt er entschuldigend.
»Ich auch«, antworte ich, ohne darüber nachzudenken.
Sein trauriges Lächeln trifft mich tief ins Herz. »Bist du dafür nicht noch etwas jung?«
»Ich bin zweiundzwanzig«, sage ich.
»Ich achtundzwanzig«, gibt er zurück.
Da. Er ist nur wenige Jahre älter als ich. Aber wenn er so redet wie gerade eben, fühlen sich die paar Jahre wie eine Ewigkeit an. Als würde er glauben, dass sechs Jahre Vorsprung viel mehr Lebenserfahrung bedeuten. Oder viel mehr Enttäuschungen.
»Man muss nicht gleich uralt sein, um viel erlebt zu haben«, necke ich ihn.
Er antwortet nicht.
Lange sitzen wir so da, im Nebel, der immer wieder aufreißt und uns den gigantischen Ausblick auf San Francisco zeigt. Wir tun nichts außer atmen. Leben. Existieren. Aber dann lässt der Rausch langsam nach, und ich spüre, dass ganz langsam etwas Neues in mir wächst. Neugier.
»Warum wolltest du dein Handy wegwerfen?«, frage ich.
Er starrt noch eine Weile auf die Lücke im Nebel, und erst als sie sich wieder geschlossen hat, wendet er sich mir zu. Ich befürchte, dass er meiner Frage ausweichen wird. Dass er vielleicht sogar verärgert ist. Aber er wirkt eher … überrascht. Als würde er sich wundern, dass mich das interessiert.
»Warum wolltest du dein Leben wegwerfen?« Es klingt nicht wie ein Vorwurf, sondern ebenfalls ehrlich interessiert. »Ist dieses Projekt es wirklich wert?«
Ich muss lachen. »Wahrscheinlich nicht. Nein, ganz sicher nicht. Ich hab in Wahrheit nicht drüber nachgedacht.«
»Was ist das für ein Projekt, für das du sogar dein Leben riskierst?«
»Eigentlich ist mein Prof schuld.«
Er hebt ungläubig eine Augenbraue. »Dein Prof stiftet dich dazu an, illegal eine Kamera auf der Golden Gate Bridge zu installieren?« Bevor ich sagen kann, dass es so nicht war, lacht er und schüttelt den Kopf. »Ein ziemlich cooler Prof.«
»Ja, das ist er. Mein Lieblingsprof, deswegen konnte ich es ihm auch nicht abschlagen. Er liebt Brücken, ganz besonders die Golden Gate Bridge. Er sagt immer, dass das nicht besonders originell ist, aber dass man sie eben einfach lieben muss, wenn man sich für Brücken interessiert.«
»Und was genau bringt es, die Menschenströme auf der Golden Gate Bridge zu filmen?«, fragt er.
Ich starre ihn kurz mit geöffnetem Mund an. Dann zucke ich mit den Schultern. »Das weiß ich ehrlich gesagt auch nicht so genau.«
»Das ist …«
»Total bescheuert?«, beende ich seinen Satz.
»Ja«, antwortet er langsam und sieht mich dabei fast bewundernd an. »Wie kommt man auf so was?«
Ich klammere die Finger um die Stufe, auf der ich sitze. »Als ich klein war, ist mein Dad oft mit mir auf die Brücke gegangen, wenn es mir schlecht ging. Die Leute zu beobachten und zu sehen, wie der Menschenstrom sich über die Brücke wälzt, hat mich immer wieder aufgeheitert. Damals hatte ich den Eindruck, dass die Menschenströme sich jeden Tag anders verhalten. Warum das so war, konnte ich mir nicht erklären, denn der Ausblick, den man von der Brücke aus hat, verändert sich nicht. Eigentlich sollte man doch meinen, dass die Leute immer an ähnlichen Stellen stehen bleiben und dass die Ströme um sie herum jeden Tag ähnlich fließen. Aber so war es nicht. Jedenfalls dachte ich das als Kind, und Dad hat mich darin bestärkt, das zu glauben. Meinem Prof hatte ich das eigentlich nur als nette Anekdote zur Brücke erzählt, aber dann fand er die Idee so toll, das zu analysieren, und war so begeistert, dass ich nicht anders konnte, als dieses Thema für meine Abschlussarbeit zu wählen.«
»Verstehe. Und was studierst du?«
»Städtebau.«
Er sieht mich abwartend an, als würde er gern mehr darüber hören. Sicher spielt er das nur gut. Niemand außer mir interessiert sich für Städtebau.
»Und was ist mit dir?«, frage ich.
»Warum Städtebau?«, fragt er gleichzeitig.
Wir lächeln uns an.
»Ach, ich will dich nicht langweilen«, antworte ich.
»Tust du nicht.« Er sieht mich dabei so ernst an, dass ich ihm fast glaube.
Ich lege den Kopf schief. »Wirklich? Die meisten Leute haben immer ganz dringende Termine, wenn ich davon anfange.«
Er grinst, aber dann macht er eine Geste, die die Brücke, den Stahlträger, auf dem wir sitzen, und die Aussicht mit einschließt. »Ich habe mir den Abend extra frei gehalten. Keine Termine.«
Ich muss lachen. »Du hast dir den Abend frei gehalten für den Fall, dass du eine verrückte Studentin von der Brücke pflücken musst?«
Mit einem Funkeln in den Augen sieht er mich an. »So in etwa.«
