Träume, die ich uns stehle - Lily Oliver - E-Book
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Träume, die ich uns stehle E-Book

Lily Oliver

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Beschreibung

"Träume, die ich uns stehle" von Lily Oliver ist eine berührende Geschichte über zwei junge Menschen zwischen Traum und Wirklichkeit und über die Magie einer Liebe, die selbst die tiefsten Wunden heilen kann. Lara kann nicht aufhören zu reden. Ein Zwang treibt die an Amnesie leidende junge Frau dazu, ihre Erinnerungslücken mit Worten zu füllen. Längst hört ihr keiner mehr zu, außer in den Therapiestunden, die sie als Patientin der Psychiatrie bekommt. Bis sie Thomas findet. Lara weiß, es ist falsch, ihre Verzweiflung über ihre Amnesie auf ihn abzuladen, denn Thomas liegt im Koma. Dennoch schleicht sie sich immer wieder zu ihm und bemerkt bald, dass er auf ihre Stimme reagiert. Lara beschließt, Thomas eine Geschichte zu erzählen: eine Liebesgeschichte zwischen ihr und ihm, die bald für beide realer wird als ihr Dasein im Krankenhaus. Ein Traum von Liebe, an den sich beide klammern und der die Kraft hätte, nicht nur Thomas aus der Dunkelheit zu holen, sondern auch Lara. Doch beide ahnen nicht, was für eine erschütternde Wahrheit in den Tiefen von Laras Geschichte auf sie wartet … "Träume, die ich uns stehle" ist nach "Die Tage, die ich dir verspreche" der neue große Liebesroman von Erfolgsautorin Lily Oliver.

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Seitenzahl: 510

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Lily Oliver

Träume, die ich uns stehle

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Lara weiß nach einem schweren Unfall nicht mehr, wer sie ist und woher sie kommt. Aber als sie im Krankenhaus auf den Studenten Thomas trifft, fühlt sie sich erstmals seit langem geborgen. Thomas hört ihr zu, wenn sie versucht, ihre Erinnerungen zu sortieren. So beginnt sie, ihm eine Geschichte zu erzählen, aus der bald eine Liebesgeschichte zwischen ihr und ihm wird. Eine Liebe, die vielleicht für immer ein Traum bleiben muss, denn Thomas liegt im Koma …

Inhaltsübersicht

Widmung

Prolog

Lara

Thomas

Kapitel 1

Lara

Kapitel 2

Thomas

Kapitel 3

Lara

Kapitel 4

Thomas

Kapitel 5

Lara

Kapitel 6

Thomas

Kapitel 7

Lara

Kapitel 8

Thomas

Kapitel 9

Lara

Kapitel 10

Thomas

Kapitel 11

Lara

Kapitel 12

Lara

Kapitel 13

Thomas

Kapitel 14

Lara

Kapitel 15

Lara

Kapitel 16

Lara

Kapitel 17

Lara

Kapitel 18

Thomas

Kapitel 19

Lara

Kapitel 20

Lara

Kapitel 21

Thomas

Kapitel 22

Lara

Kapitel 23

Thomas

Kapitel 24

Lara

Kapitel 25

Lara

Kapitel 26

Thomas

Kapitel 27

Lara

Kapitel 28

Lara

Kapitel 29

Thomas

Kapitel 30

Lara

Kapitel 31

Lara

Kapitel 32

Thomas

Kapitel 33

Lara

Kapitel 34

Thomas

Kapitel 35

Lara

Kapitel 36

Thomas

Kapitel 37

Lara

Kapitel 38

Thomas

Kapitel 39

Lara

Kapitel 40

Lara

Kapitel 41

Lara

Kapitel 42

Thomas

Kapitel 43

Lara

Kapitel 44

Thomas

Kapitel 45

Lara

Kapitel 46

Thomas

Kapitel 47

Lara

Kapitel 48

Lara

Kapitel 49

Thomas

Kapitel 50

Lara

Kapitel 51

Thomas

Kapitel 52

Lara

Kapitel 53

Thomas

Kapitel 54

Lara

Kapitel 55

Lara

Kapitel 56

Thomas

Kapitel 57

Lara

Kapitel 58

Thomas

Kapitel 59

Lara

Kapitel 60

Lara

Kapitel 61

Lara

Kapitel 62

Lara

Kapitel 63

Lara

Kapitel 64

Lara

Kapitel 65

Thomas

Kapitel 66

Lara

Kapitel 67

Thomas

Kapitel 68

Lara

Kapitel 69

Thomas

Kapitel 70

Lara

Kapitel 71

Lara

Kapitel 72

Thomas

Kapitel 73

Lara

Kapitel 74

Lara

Kapitel 75

Thomas

Kapitel 76

Lara

Kapitel 77

Lara

Kapitel 78

Lara

Kapitel 79

Lara

Kapitel 80

Lara

Kapitel 81

Thomas

Kapitel 82

Lara

Kapitel 83

Thomas

Kapitel 84

Lara

Kapitel 85

Thomas

Kapitel 86

Lara

Kapitel 87

Thomas

Epilog

Lara

Thomas

Lara

Für meine Schwiegereltern.

Danke für eure unermüdliche, liebevolle Unterstützung.

Prolog

Lara

Ich erzähle schon lange keine Geschichten mehr. Seit sie es mir verboten hat.

Aber in einer Nacht wie dieser fällt es mir besonders schwer. Dunkle Wolken hängen am Himmel, nur an einigen Stellen sind sie aufgerissen und geben den Blick auf die Sterne frei. Schneeflocken wirbeln um mich herum, sie dämpfen die Geräusche der nahen Großstadt und wispern mir im Fallen etwas zu.

Sieh nur, was du angerichtet hast.

Nein, das ist natürlich Quatsch. Es sind Schneeflocken, sie sprechen nicht. Wenn hier jemand redet, dann ich.

Ich schließe die Augen und lege den Kopf in den Nacken. Der Schnee schmilzt auf meinem Gesicht, läuft mir feucht über die Stirn. Ich wische ihn ab.

»Ist alles in Ordnung?« Eine junge Frau steht vor mir und sieht mich besorgt an.

»Ja, warum?«

Sie deutet auf meine Hände. Verwirrt strecke ich sie aus. Sie sind voller Blut.

Die junge Frau sagt irgendwas, aber ihre Stimme verliert sich zwischen den Schneeflocken. Ich starre immer noch auf das Blut auf meiner Haut. Wische mir noch einmal durchs Gesicht. Noch mehr Blut. Das kann doch nicht meins sein.

»Was ist passiert?«, frage ich. Schmerz erwacht hinter meiner Stirn. Nein, er war die ganze Zeit da. Aber jetzt frisst er sich tief in meinen Kopf, in meine Erinnerung, bis nichts mehr davon übrig ist.

»Du hast eine Platzwunde. Sieht übel aus.« Die junge Frau greift behutsam nach meinem Arm und führt mich durch das Schneegestöber. Schatten schälen sich aus der Dunkelheit, werden zu Gesichtern, weißen Flächen am Rand meines Bewusstseins.

Ein Krankenwagen taucht vor uns auf. Menschen stehen darum herum, einer macht einen Schritt auf mich zu. Ein Sanitäter? Seine dunklen Haare sind tropfnass. Seine Lippen bewegen sich. Was sagt er? Ich schüttle den Kopf. Eine Decke fällt schwer auf meine Schultern.

»Wie heißt du?«, fragt die junge Frau.

»Lara«, antworte ich, selbst überrascht, dass mir sofort ein Name einfällt. Ist es auch wirklich meiner?

»Lara.« Es klingt freundlich. »Und wie alt bist du?«

»Neunzehn?« Glaube ich.

»Hier, setz dich. Ich versorge deine Wunde.«

Wie betäubt lasse ich mich von ihr auf eine Trage drücken. »Wie komme ich hierher?«

Sie deutet auf ein Auto auf der anderen Straßenseite. Kein Schnee liegt darauf, er schmilzt sofort. Was auch immer passiert ist, ist noch nicht lange her. »Ist das deins?«

Ich kneife die Augen zusammen. Eine silberne Limousine. Nagelneu und ziemlich schlimm zugerichtet. »Noch nie gesehen.«

»Schon gut, das ist jetzt nicht wichtig«, sagt die nette junge Frau. Sie tupft an meiner Stirn herum. Ihre ruhigen, freundlichen Worte fallen um mich her zu Boden wie der Schnee, der immer noch vom Himmel kommt.

»Sollen wir irgendwen anrufen?«

Ich blinzle sie an. »Nein. Es …« Ich runzle die Stirn. »Es … gibt niemanden.« Das weiß ich ganz sicher. Nicht in meinem Kopf, sondern in meinem Herzen. Es ist so leer wie meine Erinnerung.

Ich drehe mich noch mal nach dem Auto um. Auch das ist leer, der Fahrer vielleicht schon im Krankenhaus. Was ist nur passiert?

Die Härchen in meinem Nacken stellen sich auf.

Was habe ich getan?

Thomas

Metall auf Asphalt.

Ein ekelhaftes Knirschen in meinem Kopf. Es gräbt sich in meine Gedanken, ätzt sich in meine Nervenenden, frisst alles auf. Die Wut, die Trauer und den Hass auf mich selbst.

Es tut mir so leid.

Zehn ziemlich dämliche Arten, draufzugehen.

Auto und Glatteis. Gewitter und Gratwanderung. Was waren die anderen?

Eine Sirene heult ohrenbetäubend.

Wie sieht es aus?

Nicht gut.

Hält er durch?

Ich hätte nein sagen sollen.

Nein, nein, nein, verdammt.

Zehn ziemlich dämliche Arten, draufzugehen.

Ich teste sie alle. So fühlt es sich an.

Wag es ja nicht, einfach abzuhauen, Alter.

Ich gehe, Cem. Nein, ich fahre. Weit weg, für immer.

Knirschen vervielfältigt sich zu Schmerz. Schmerz ist alles.

Und dann nichts.

Kapitel 1

Lara

Es war ein silbernes Auto ohne Fahrer. Sie haben mich gefragt, ob ich gefahren bin, aber ich habe keinen Führerschein.«

Ich erwarte, dass Martin überrascht die Augenbrauen hochzieht, stattdessen schiebt er sich nur die Brille wieder etwas höher auf die Nase und sieht mich mit seinem verständnisvollen Seelenklempner-Blick an. Versteht er denn nicht, wie wichtig diese Info ist?

»Das bedeutet, ich kann gar nicht gefahren sein.«

Seit zwei Wochen komme ich zu ihm, zweimal die Woche, so, wie der Arzt es bei der Einlieferung in die Klinik verordnet hat. Trotzdem ist da nichts Vertrautes in Martins Gesicht, die Lachfältchen an seinen Augen überraschen mich jedes Mal wieder, genau wie das Grau, das sich an den Schläfen zwischen seine blonden Haare mogelt. Vielleicht liegt es auch an seinem Büro. Es ist irgendwie zu groß, die Worte haben darin zu viel Platz, und die Fensterfront lässt zu viel herein. Und hinaus. Zwei Fotos stehen auf seinem Schreibtisch. Das eine zeigt Martin Arm in Arm mit einem schwarzhaarigen Mann, von dem anderen grinst mir ein kleines Mädchen zahnlückig entgegen. Die Fotos wirken wie ein Versuch, etwas Wärme in den Raum zu bringen. Ein ziemlich armseliger, nutzloser Versuch. Ich schlinge mir die Arme um die Schultern.

»Was bedeutet es für dich, dass du keinen Führerschein hast?«, fragt Martin, ohne erkennen zu lassen, was er darüber denkt. Dabei muss er doch eine Meinung haben. Sicher wundert er sich, denkt vielleicht, ich hatte nicht genug Geld für die Fahrstunden.

»Na ja, es ist schon komisch für jemanden in meinem Alter. Klar hat man mit neunzehn normalerweise schon den Führerschein, die anderen haben alle einen gemacht, nur ich nicht. Auf jeden Fall kann ich das Auto nicht gefahren sein. Es muss einen anderen Grund gehabt haben, dass ich dort war. Nur welchen?« Ich zermartere mir das Hirn. Wenn ich nur irgendwo in den Windungen meiner Gedanken die richtige Erinnerung finden könnte. Sie ist nicht gelöscht, das hat Martin mir erklärt. Ich kann nur nicht darauf zugreifen. Es macht mich wahnsinnig.

»So ein teures Auto überhaupt anzufassen, käme mir komisch vor, und es fahren? Nie im Leben. Ich glaube eher, dass ich dem Fahrer vors Auto gelaufen bin. Ich hoffe, ihm ist nichts passiert.« Ich sehe Martin bittend an, aber er schüttelt wie immer den Kopf. Natürlich dürfen sie mir nichts über den Fahrer sagen. Datenschutz. »Ich verstehe das ja«, rede ich weiter. »Aber es würde die Sache für mich einfacher machen, wenn ich wüsste, dass es ihm gutgeht.«

Ich krampfe die Hände in meinem Schoß zusammen. Was, wenn sie mir nur nichts sagen, weil er tot ist, und sie mich nicht damit belasten wollen? Das Auto war wirklich schlimm zugerichtet. Unfassbar, wie kaputt ein nagelneues Auto aussehen kann. Mühsam halte ich die Tränen zurück. Aber die Worte kann ich nicht zurückhalten. Sie fließen einfach aus mir heraus. Wie gestern und am Tag davor. »Es muss doch einen Grund haben, dass ich dort auf der Straße war, gerade als der Unfall passiert ist«, flüstere ich. »Vielleicht wollte ich noch schnell irgendwas einkaufen. Es ist doch die Straße mit der Tankstelle.«

Ich weiß, dass Martin mir helfen möchte, deswegen lässt er mich reden. Er hat es mir erklärt. Er will mir nichts einreden, will das, was ich sage, nicht bewerten, sondern mir die Gelegenheit geben, es selbst zu tun. Aber das macht das Chaos in meinem Kopf noch größer und die Worte, die aus mir heraussprudeln, noch drängender.

»Unsere Zeit ist bald um«, erinnert Martin mich freundlich. »Wie wäre es, wenn wir …?«

»Es war bestimmt etwas Dringendes, sonst wäre ich ja nicht im Pyjama rausgegangen«, sage ich schnell. »Aber man merkt sowieso nicht, dass es ein Pyjama ist.« An der schwarzen Hose nicht und auch nicht an dem rosa Oberteil. Es könnten auch normale Anziehsachen sein. »Deswegen habe ich mich wohl nicht umgezogen. Wenn ich mich nur erinnern könnte, was ich kaufen wollte. Man geht doch nicht einfach so zur Tankstelle. Wahrscheinlich war es so dringend, dass ich nicht auf den Verkehr geachtet habe, und der Fahrer wollte bestimmt tanken. Er hat versucht zu bremsen, und weil es so glatt war, ist er weggerutscht und in die Altglascontainer gekracht. Das klingt doch logisch, oder?« Ich suche in meinem Kopf nach Hinweisen, dass es wirklich so gewesen sein könnte. Aber da ist nichts, nur Leere. Schwarze, klebrige Leere, in der meine Erinnerungen feststecken wie in heißem Teer. »Aber ich laufe doch nicht einfach so auf die Straße. Das habe ich noch nie gemacht.« Selbst nachts, wenn keiner da ist, bleibe ich an jeder roten Ampel stehen. »Vielleicht war der Fahrer auch abgelenkt. Was, wenn er gerade auf sein Handy geschaut hat? Er hat mich angefahren und ist dann in die Altglascontainer gekracht.«

»Es tut mir leid, Lara, aber unsere Zeit ist gleich um.«

»Dann wäre nicht ich schuld, sondern er.« Ich starre Martin an. »Vielleicht war ja auch noch jemand Drittes da, oder niemand ist schuld, irgendetwas ist aufgeblitzt und hat den Fahrer abgelenkt, so dass er mich gestreift hat.« Mein Atem klingt laut in meinen Ohren. »Ich will einfach nur wissen, warum es gerade mich erwischt hat. Es muss einen Grund haben, dass ich um diese Uhrzeit im Pyjama an der Straße stand. Alles hat einen Grund. Ich muss ihn nur finden, Martin.« Meine Worte hallen in dem viel zu großen Zimmer wider. »Ich bin kurz davor, mich zu erinnern. Das spüre ich. Irgendwo in meinem Kopf ist alles da, ich muss nur …«

»Lara.« Martins ruhige Stimme reißt mich aus dem Redeschwall. »Merkst du, dass es wieder passiert?«, fragt er sanft.

Ich mustere sein Gesicht, suche nach Anzeichen von Wut. Aber nein, er ist noch nie wütend geworden. Er nicht. Noch nicht. »Was soll ich merken?«, frage ich vorsichtig.

»Denk darüber nach, was du gerade machst.«

»Ich … rede?« Ich suche in seinem Gesicht nach Bestätigung und finde keine. »Das soll man doch. Das mache ich immer so.« Wenn in meinem Kopf Chaos ausbricht, dann muss ich so lange reden, bis dort wieder Ruhe herrscht. Seit meiner Kindheit mache ich das so. Meine Mutter hat es gehasst. »So kriege ich meine Gedanken in den Griff.«

Martin sieht mich prüfend an. »Wirklich?«

Meine Wangen werden heiß. Ich denke daran, wie lange ich schon versuche, meine wenigen Erinnerungen an die Unfallnacht zu sortieren. Zwei Wochen. Besonders weit bin ich noch nicht gekommen. »Manchmal dauert es eben etwas länger.«

Martin kommentiert es nicht weiter. »Wie fühlst du dich, wenn du so unkontrolliert redest wie gerade eben?«

»Ich … ich weiß nicht.«

»Versuch mal, in dich reinzuspüren. Tut dir der Magen weh, rast dein Herz? Ist dir vielleicht schwindelig?«

»Wozu?«

»Das sind Anzeichen, auf die du achten kannst, um herauszufinden, wie du dich fühlst. Angst, Verzweiflung, Verwirrung … das wären einige Möglichkeiten.« Er sieht mich abwartend an.

»Du denkst, ich rede, weil ich mich schlecht fühle?«

»Das ist Teil deiner Krankheit. Du redest, um deine Gefühle zu übertönen.« Er schiebt sich die Brille wieder etwas höher. »Versuch mal, dich daran zu erinnern, wie oft sich deine Krankheit vor dem Unfall so geäußert hat.«

Ich zucke mit den Schultern. »Weiß nicht.« Natürlich weiß ich es, aber ich will es nicht sagen. Mehrmals pro Woche, nein, mehrmals am Tag. »Auf jeden Fall nicht so oft wie jetzt.«

»Könnte es sein, dass du dich gerade besonders schlecht fühlst wegen des Unfalls und weil du dich kaum daran erinnerst? Und deshalb kannst du im Moment gar nicht mehr aufhören zu reden?«

Ich schlucke schwer. Natürlich fühle ich mich schlecht. Ich hatte einen Unfall. Eine hübsche Platzwunde ziert meine Stirn. Fünf Stiche. Und ich weiß fast gar nichts mehr.

Trotzdem. Was er da sagt, ist Blödsinn. »Ich muss darüber reden, um herauszufinden, was passiert ist, das hilft mir beim Nachdenken. Wenn ich nur wüsste, warum ich zur Tankstelle wollte …«

»Lara.« Er plaziert es ruhig und unüberwindlich wie einen Staudamm vor meine Worte. »Lass mich dir zeigen, wie …«

»Nein, du hast doch gesagt, wir haben nicht mehr viel Zeit, und das mit der Tankstelle …«

»Ja, gerade deshalb.«

»Ich bin so kurz davor, mich zu erinnern, was genau geschehen ist. Bitte, lass mich bleiben, bis ich es wieder weiß. Nur noch zehn Minuten, ich bin ganz sicher.«

Er lässt nichts durchblicken, kein Mitleid, keinen Ärger. Nur Ruhe und Freundlichkeit. »Mein nächster Patient wartet schon. Es wäre nicht fair, das verstehst du doch? Wir haben aber noch drei Minuten, da könnte ich dir noch erklären, wie …«

Ich rutsche nach vorn, auf die Kante der Couch, bis ich fast herunterfalle. »Ich sehe es jetzt vor mir, das Auto. Ich war dort, weil ich etwas kaufen wollte, bitte, ich bin zum ersten Mal so weit gekommen …«

Martin schüttelt den Kopf. »Gestern haben wir an der gleichen Stelle aufgehört.«

Ich starre ihn an. »Aber da wusste ich das mit dem Pyjama noch nicht.«

»Der mit dem rosa Oberteil?«, fragt er.

Ich beiße mir auf die Lippen. Weiß genauso gut wie er, dass ich das nicht laut gesagt habe. Nicht heute. »Bitte, ich will doch nur reden …«

»Du solltest lernen, deinen Redefluss zu stoppen, damit wir an deiner Krankheit arbeiten können.«

Er sagt es, als ob er wüsste, was ich habe. Aber niemand weiß das. Nur dass ich zu viel quatsche und dass das nicht normal ist, das wissen sie.

Sie ist nicht normal. Sie kann nicht aufhören zu reden.

Die Worte meiner Mutter treiben auf der schwarzen Leere in mir.

»Bitte, lass mich reden«, flüstere ich. Meine Augen brennen. »Ich muss doch den Grund finden.«

»Unsere nächste Einzelsitzung ist nächste Woche, aber morgen Vormittag in der Gruppenstunde sehen wir uns ja auch.«

Ich nicke nur, nehme es kaum wahr. Stattdessen frage ich mich, ob die Bäume vor dem Fenster so ähnlich aussehen wie die bei der Tankstelle.

»Bitte denk bis morgen darüber nach, ja?« Martin steht auf, um mich zur Tür zu begleiten.

Mühsam reiße ich mich vom Anblick der Bäume los. »Über was?«

»Die Skills«, antwortet er. »Ich habe dir erklärt, dass ich mit dir ein paar Skills üben möchte.«

»Nein, hast du nicht.«

Er sieht mich merkwürdig an, dann lächelt er. »Okay, es ist vielleicht besser, wenn wir das nächste Woche in Ruhe besprechen.«

»Nächste Woche?« Wie grausam das klingt, so unendlich weit weg.

»Es wäre sicherlich hilfreich, wenn du dich bis dahin auf die aktuellen Übungen aus der Achtsamkeitsgruppe konzentrieren würdest: Gefühle spüren und erkennen. Und wenn es dir schlecht geht, kannst du jederzeit zu uns kommen, auch nachts. Es ist immer jemand auf der Station, Lara.«

Immer. Wenn ich nicht mehr nur reden will, sondern auch bereit bin zuzuhören, meint er wohl. Er winkt mich höflich durch die Tür.

Dort wartet schon Leon, sein nächster Patient. Er steht auf, aber Martin sagt ihm, dass er noch ein paar Minuten braucht, und verschwindet wieder in seinem Büro.

Ich lächle Leon an. Er lächelt gequält zurück.

Ich wickle mir eine Haarsträhne um den Finger. Manchmal hilft das, wenn ich es langsam mache. Ich schaue mir die Strähne an, nehme die braune Farbe wahr. Glänzend Kastanienbraun. So dunkel. Unnatürlich. Aber darüber nachzudenken, kann die Worte nicht in Schach halten. »Vielleicht ist das ja der Schlüssel«, sage ich zu Leon. »Ich habe so viele andere Oberteile, warum gerade das?« Ich sehe Leon an, als könnte er mir die Antwort darauf geben, warum ich an jenem Tag gerade das rosa Oberteil aus dem Schrank geholt habe. Oder aus dem Bett. Ich erinnere mich nicht mehr. Ich sehe Leon wieder an, der mich jetzt besorgt mustert. »Vielleicht hat die Farbe Rosa mich an dem Tag einfach angesprochen. Aber irgendwie bin ich sicher, dass ich mit Absicht genau das ausgesucht habe. Ich hätte doch sonst das Nachthemd mit dem Kolibri genommen. Das ist mein Lieblingsteil.«

Hinter mir öffnet sich die Tür, und Leon springt erleichtert auf, um zu Martin ins Zimmer zu gehen. Ich überlege, ihm zu folgen und Martin dazu zu überreden, dass er sich anhört, was aus mir heraussprudeln will. Doch Leon braucht Martin genauso wie ich. Es wäre nicht richtig, ihm seine Zeit zu stehlen, also halte ich mich zurück.

Martins Tür schließt sich hinter ihm, und ich starre noch eine Weile verzweifelt darauf. Wenn ich doch nur mit ihr sprechen könnte. Mit einem Stück totem Holz. Dann wäre alles so viel leichter.

Kapitel 2

Thomas

Ich trete in die Pedale. Durch ein weites Tal schraube ich mich rauf. Schroffe, weiße Stille dehnt sich vor mir aus. Endlos.

Schau nicht nach vorn, sondern auf den Trail. Denk immer nur an den nächsten Tritt.

Eiskaltes Wasser spritzt auf meine Haut. Ein reißender Fluss tobt plötzlich hinter mir. Das Tal ist verschwunden. Über mir türmt sich ein unbekannter Berg auf. Sein Gipfel hängt im Nebel.

Wo zum Teufel bin ich?

Ein Weg teilt sich vor mir. Ich muss mich entscheiden: hoch oder runter. Ein Zurück gibt es nicht, so viel ist sicher.

Natürlich will ich rauf. Aber je höher ich komme, desto lauter klappert und brummt es aus dem Nebel. Seltsam. Auf dem Gipfel sollte es leise sein.

Ich lege einen Zahn zu. Muss wissen, was da los ist.

Piep. Piep. Piep.

Stechende Töne durchschneiden die Luft. Ich verreiße den Lenker, fast stürze ich in eine Schlucht. Was ist das für ein ekelhaftes Geräusch? Ich halte mir die Ohren zu. Hebe den Kopf.

Über mir kreisen Vögel. Sicher die hässlichsten, die ich je gesehen habe. Schwarze Federn, krumme Schnäbel, lange gebogene Hälse. Mit einem gemeinen Funkeln in den Augen stoßen sie auf mich runter. Sie wollen mich nach unten treiben. Jetzt bin ich sicher, dass ich rauf muss. Ich trete fester.

Gegen das Picken der Vögel, gegen den stechenden Schmerz, gegen die Stimme, die durch den Nebel wabert.

Warum kannst du nie aufgeben?

Kapitel 3

Lara

Sie ist nicht normal.

Ich will die Erinnerung an meine Mutter tief in mir vergraben, aber sie ploppt auf wie eine leere Plastikflasche, die immer wieder nach oben schwimmt, egal, wie tief man sie unter Wasser drückt. Wenn doch die Erinnerung an den Unfall auch so einfach zurückkommen würde.

Ich schleiche durch die langen, hohen Krankenhausflure, biege um die Ecke mit dem Trinkwasserspender in der Nähe eines Wartebereichs. Mein Blick fällt durch eines der riesigen Fenster hinaus in den Garten. Eine Krankenschwester spiegelt sich im Glas. Schnell drehe ich mich zu ihr um.

»Hallo Antonia«, beginne ich und lächle sie an, in der Hoffnung, dass sie stehen bleibt.

Sie nickt mir nur zu und hastet dann weiter. Niemand hat Zeit. Aber ich muss reden, sonst finde ich nie heraus, was die dunkle Leere in mir bedeutet. Als unsere Stationsärztin mir entgegenkommt, will ich mich ihr am liebsten in den Weg werfen. Na, das wäre ja ein Schauspiel, wenn ich das wirklich machen würde. Unwillkürlich sehe ich es vor mir und muss lachen. So sehr, dass ich kein Wort herausbringe. Aus dem Wartebereich mustern mich misstrauische Blicke. Ich räuspere mich. Das hier muss ein Ende haben. Ich bin in der Psychiatrie, aber das ist kein Grund, wahnsinnig lachend durch die Gänge zu latschen, um die richtige Atmosphäre für die Besucher zu schaffen.

Ich reiße mich zusammen und gehe ganz gesittet in mein Zimmer. Anders als in Martins Büro ist es hier warm, aber nicht viel heimeliger. Die drei Betten sind zwar aus Holz, nicht aus Edelstahl wie auf der Geschlossenen, trotzdem strahlen sie die typische Krankenhausatmosphäre aus. Daran ändert auch der fröhliche rote Läufer auf dem Boden nichts, der perfekt zu den roten Deckchen auf den Nachttischen passt. Drei kleine Schreibtische sind zwischen die Betten gequetscht, einer davon ist verwaist, einer gehört mir, einer Olesja. Aber sie ist nicht da – wie so oft. Wahrscheinlich ist sie wieder mit ihrem Handy in der Klinik unterwegs, um irgendwelche Leute zu fragen, ob sie sie für ihren YouTube-Channel interviewen darf. Dabei ist sie nicht besonders wählerisch, sondern nimmt jeden, der nicht schnell genug wegläuft. Patienten, Besucher und Personal. Genau wie ich. Nur dass die Leute bei ihr ja sagen. Ich bewundere, wie sie das schafft. Immerhin redet sie fast so viel wie ich, nur auf Ukrainisch, so dass ich keine Ahnung habe, was sie den Leuten eigentlich erzählt. Aber sie hat so eine Art, so ein Lächeln, dem man einfach nicht widerstehen kann. Alle, die sie fragt, machen mit.

Fast alle.

Mein Blick fällt auf das Mikro neben ihrem Laptop. Als Olesja vor ein paar Tagen neu zu mir ins Zimmer gekommen ist, hat sie mich gleich auf den Stuhl gedrückt und wollte, dass ich etwas sage. Ich hätte ihr gern den Gefallen getan, weil ich ja sowieso immer rede, aber so funktioniert das nicht. Die Worte kommen, wann sie wollen. Und damals wollten sie nicht. Insgeheim war ich froh, denn der Gedanke, dass ihre unzähligen Follower mein verrücktes Gelaber hören, gefällt mir gar nicht.

Jetzt allerdings, da die Worte in mir nach oben drängeln, ist das Mikro doch verlockend. Aber lebloses Metall hilft genauso wenig wie totes Holz. Ich weiß nicht mal, warum. Ich brauche menschliche Ohren, die meine Worte auffangen. Sonst stauen sie sich weiter in mir und verkleben meinen Geist, bis in meinen Gehirnwindungen nichts anderes mehr Platz hat.

Ich greife nach meinem Smartphone, rufe den Browser auf und checke meine E-Mails. Wie immer quillt mein Postfach über. Lauter Benachrichtigungen über neue Artikel auf den Blogs, die ich abonniert habe. »Einmal um die Welt, ganz ohne Geld – vier Studenten mogeln sich durch.« Oder »Die spektakulärsten Gefängnisausbrüche und wie du sie nachmachen kannst, wenn du mal in die Verlegenheit kommst«.

Ein wackeliges Grinsen entkommt mir.

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Eigentlich kann man so viele Blogs gar nicht regelmäßig lesen. Es ist Wahnsinn, so viele zu abonnieren. Aber ich brauche jeden einzelnen. Vor allem nachts.

Ich lese weiter, auf der Suche nach etwas, das mich wirklich ablenken kann. Da. Mein Magen macht einen Satz. Ein neuer Artikel auf einem meiner absoluten Lieblingsblogs. »Schlaue Vögel und ihr Weg zur Weltherrschaft«. Und es geht sogar um den Kolibri, meinen Lieblingsvogel. Er ist das schnellste Wirbeltier der Welt, gemessen an seiner Körpergröße. Im Flug kann er die Richtung wechseln. Es ist fast unmöglich, ihn zu erwischen.

Ich rufe den Artikel auf, aber es ist zu spät. Lesen hilft nicht mehr. Eigentlich habe ich das schon vorher gewusst. Es hat noch nie richtig geholfen. Nicht, wenn die Worte schon da sind. Sie wälzen alles nieder, sogar den flinken Kolibri.

Mit zitternden Fingern rufe ich YouTube auf. Olesja hat mir ein Video per WhatsApp geschickt. Ich klicke es an. Ein ukrainischer Redeschwall hält meine eigenen Worte kurzfristig in Schach. Olesjas hübsches Gesicht mit den riesigen wasserblauen Augen kippt von einer Seite ins Bild, wobei ihre schwarzen Haare heftig hin und her schwingen. Dann ist sie weg, und ein junger Kerl in Krankenpflegermontur steht etwas verloren vor der Kamera. Sie hat ihn wohl auf irgendeinem Flur erwischt, vielleicht auf dem Weg zur Kantine.

»Äh«, macht er und fährt sich verlegen durch die dunkelblonden Haare. »Also … Ich bin Till, 22 Jahre alt und Alleinherrscher auf meiner Station.« Er grinst, als wäre er selbst überrascht von seinem eigenen Mut. Oder vielleicht denkt er auch nur, dass sowieso niemand von den Zuschauern versteht, was er sagt. Es ist ja nicht so, als könnte Olesja es übersetzen. Gegen meinen Willen muss ich grinsen. Wirklich total sinnvoll, dieser YouTube-Channel. »Natürlich nur Spaß«, sagt Till gerade. »Aber immerhin bin ich hier drinnen Alleinherrscher, und das kann ja auch nicht jeder von sich behaupten.« Er tippt sich mit dem Finger gegen die Stirn. »Bei uns ist immer was los, ständig geht irgendwo ein Alarm, und wir rennen dauernd von einem Ende der Station zum anderen. Da braucht man keinen Sport mehr, das sage ich euch. Was wir hier vor allem brauchen, ist Gelassenheit, und dafür habe ich ein ganz spezielles Rezept.« Er schließt die Augen und führt irgendwelche Bewegungen mit den Händen vor. Er will auch noch was sagen, aber ein ukrainischer Redeschwall hindert ihn daran. Oder ist es die Stimme meiner Mutter? Sie mischt sich ein, so dass ich nicht mehr weiß, ob Olesja in meinem Kopf redet oder sie. Ich seufze. Es wäre tatsächlich nicht schlecht, mal wieder für eine Weile Alleinherrscher in meinem Kopf zu sein. Aber hey, wer ist das schon?

Mein Handy piepst. Ich klicke YouTube weg, fahre über das Display, das sich merkwürdig uneben anfühlt, dafür, dass es so teuer war.

– Wo steckst du?

Ich runzle die Stirn. Sina. Kenne ich den Namen? Ja, muss ich. Schließlich schreibt sie mir auf mein Handy, da muss ich ihr wohl meine Nummer gegeben haben. Aber ihr Name liegt mir schwer im Magen und dehnt sich dort unangenehm aus, bis mir fast schlecht wird. Wenn ich nur wüsste, warum.

– Im Krankenhaus, tippe ich.

Sofort kommt die Antwort, als hätte sie darauf gewartet. Gruselig, hat sie nichts anderes zu tun?

– O nein, was ist passiert?

Meine Finger schweben über dem Display in der Luft. Ich weiß es nicht, aber das will ich ihr nicht auf die Nase binden.

Pass auf, wem du dich anvertraust.

Ich kann mir nicht erklären, woher dieser Satz plötzlich kommt, aber ich habe ihn ganz deutlich im Ohr. Als hätte das jemand gesagt, dem ich nahestand.

Ohne zu antworten, lege ich das Handy weg.

Schließlich weiß ich gar nicht, ob ich diese Sina kenne. Ich bin mir nicht mal ganz sicher, ob das hier wirklich mein Handy ist. Es ist bestimmt besser, ich antworte ihr nicht.

Das Quietschen der Zimmertür lässt mich auffahren. Die Putzfrau schiebt ihren Wagen ins Zimmer. Als sie mich sieht, weiten sich ihre Augen kaum merklich. Sie will mir offensichtlich auch nicht zuhören. Oder vielleicht ist sie immer noch traumatisiert von Olesjas Versuch, sie auf ihrem Channel vorzustellen. Ja, eindeutig. Sie umklammert ihren Wischmopp, als hätte sie Angst, dass ich ihn ihr auch entreiße, und senkt vielsagend den Kopf. Ich will Rücksicht nehmen, wirklich. Aber die Worte schwappen einfach über, ohne dass ich etwas dagegen tun kann.

»Die Polizei hat gesagt, dass ich Lara bin. Sie haben Papiere gefunden, von denen sie denken, dass sie mir gehören. Ich bin nicht sicher, ob es meine sind, aber warum sollte ich die Sachen von jemand anderem haben? Ich erinnere mich nur noch an so wenige Bruchstücke. Obwohl ich schon glaube, dass Lara mein Name ist. Trotzdem habe ich die Ärzte gebeten, niemanden darüber zu informieren, dass ich hier bin. Ich will erst selbst wieder wissen, wer ich bin, bevor jemand anders mich sieht und es mir sagt. Klingt das total bescheuert?«

Die Putzfrau seufzt. Sie tut mir leid, warum musste sie gerade jetzt reinkommen, da alles noch dringender herausmuss als sonst? Sie fängt an, den Boden zu wischen. Mit Nachdruck.

Ich schüttle den Kopf, als würden die wirren Gedanken dann endlich an den richtigen Platz fallen. »Aber die Lara auf dem Passfoto. Sie hat auch eine andere Haarfarbe als ich. Sie wirkt ein bisschen fremd. Meine Haare sind braun, und ich kann mich wirklich nicht daran erinnern, dass sie jemals blond waren.«

Die Putzfrau brummelt etwas in ihren nicht vorhandenen Bart und wischt schneller. Was leider nur dazu führt, dass ich schneller rede. Je mehr aus mir heraussprudelt, desto mehr kommt nach.

»Und vor allem …«, fahre ich fort, »die Lara auf dem Ausweis ist einundzwanzig Jahre alt. Ich … ich bin neunzehn. Das weiß ich genau. Und wenn ich wirklich sie bin, dann bedeutet das …« Nein. Ich will es nicht aussprechen. Doch ich bin machtlos dagegen, es bricht einfach aus mir hervor. »Es bedeutet, dass ich zwei Jahre verloren habe.« Ich habe sie einfach komplett vergessen. Wie kann man nur so dämlich sein? »Wieso habe ich nicht besser aufgepasst? Das Auto hat mich sicher auch erwischt, weil ich nicht aufgepasst habe.« Ich will aufhören, aber ich kann nicht. Nicht jetzt, mittendrin.

Sie ist nicht normal. Sie kann nicht aufhören zu plappern, merkst du das nicht?

Ich rede noch mehr und noch lauter auf die Putzfrau ein, während die schrille Stimme meiner Mutter mir das Gehirn verätzt.

Sie ist krank. Oder dumm. Oder beides. Lass mich bloß nicht mit ihr allein.

Die Tür fällt ins Schloss. Ein paar letzte Worte fallen in die Einsamkeit meines Zimmers. Dann versiegt der Strom, hängt hinter meiner Zunge wie riesige Wassermassen hinter einem maroden Staudamm. Ich ringe nach Luft, aber das macht den Druck des Ungesagten auf meiner Lunge nur noch schlimmer. Es kratzt, als wäre ich erkältet, ich will husten, aber ich weiß, dass es nichts bringt. Ich springe auf, wandere im Zimmer umher. Meine Mutter redet immer noch.

Sie ist nicht normal. Lass mich bloß nicht mit ihr allein.

Ich haste zur Tür, reiße sie auf. Jemand muss mir einfach zuhören. Ein dunkelbrauner Schopf verschwindet um eine Ecke des Flurs. Ich überlege, ihm nachzulaufen, aber das fühlt sich falsch an. Richtig falsch. Dann ist der Flur leer, hinter der Ecke, um die der Mann verschwunden ist, lauert die Dunkelheit.

Also doch ins Zimmer zurück? Nein. Verzweifelt renne ich los, folge dem Licht der Neonröhren in die andere Richtung, weg von der Ecke, in die düsteren Gänge der Klinik hinein.

Meine Mutter hatte recht. Ich bin krank. Oder dumm. Oder beides. Wie könnte ich sonst zwei ganze Jahre verlieren?

Kapitel 4

Thomas

Ich kämpfe um jeden Tritt. Die Vögel kreischen immer lauter.

Piep. Piep. Piep.

Sie bewachen den Gipfel. Ich muss ihn trotzdem erreichen. Weiter oben wird der Nebel dichter und heller. Ein Geruch hängt darin. Woran erinnert er mich?

Im Nebel höre ich Menschen. Ihre Stimmen tun in den Ohren weh. Sie mischen sich mit den ekelhaften Geräuschen der Vögel. Es ist unerträglich laut, als ob direkt neben mir jemand schreit. Ich drehe mich um mich selbst. Niemand ist da.

Wo sind sie? Ich muss sie finden.

Der Nebel wird dichter. Scharfe Schnäbel hacken nach meinem Gesicht.

Piep. Piep. Piep.

Schmerz zerfrisst meinen Schädel, bis hinein in meine Augen. Ich sehe nichts mehr. Die Vögel flattern davon. Sie denken, sie haben gewonnen. Aber da liegen sie gewaltig falsch. Blind taste ich mich weiter.

Warum kannst du nie aufgeben?

Stimmen. Dröhnen. Donnern.

Es kommt von allen Seiten. Und dann dieser Geruch. Endlich weiß ich, woher ich ihn kenne.

Ich weiche zurück. Vor dem Lärm und dem Gestank. Nach oben ist doch die falsche Richtung. Aber es gibt nur eine einzige andere Möglichkeit. Ich lasse mich fallen.

Unter mir ist Finsternis.

Kapitel 5

Lara

Mein Herz pocht im Takt meiner Schritte, die laut durch die Krankenhausflure hallen. Ich muss herausfinden, was passiert ist. Wenn ich das schaffe, muss meine Mutter doch einsehen, dass ich nicht ganz so dumm bin, wie sie denkt. Völlig außer Atem komme ich bei Martins Tür an. Er will gerade absperren.

»Hey«, schnaufe ich.

Er dreht sich um und sieht mich irritiert an.

»Ich bin etwas spät dran, ich weiß, aber …« Keuchend bleibe ich vor ihm stehen. Etwas ist falsch.

Er zieht die Augenbrauen zusammen. »Lara?«

»Ich weiß, ich bin unpünktlich, tut mir leid.«

»Ich verstehe nicht …«

»Na, unsere Therapiestunde. Ich hatte sie nicht vergessen, ich wurde nur aufgehalten.«

»Oh.« Er fixiert mich. »Du kommst zu unserer Sitzung? Jetzt?«

Ich sehe auf die Uhr. Feierabend. Mindestens. Mein Blick schweift zum Fenster. Wann ist es dunkel geworden? Es muss in der Zeit gewesen sein, die ich auf dem Zimmer verbracht habe. »Etwas später als sonst, aber … hatten wir das nicht für heute so ausgemacht?«

Er lässt die Hand mit dem Schlüssel sinken. Ich sehe die Gedanken förmlich hinter seiner Stirn kreisen, während ich einen Schritt auf die Tür seines Büros zumache. Martin lässt mich rein, legt seine Tasche auf den Tisch und sieht mir zu, wie ich mich auf das Sofa fallen lasse.

Ich schlinge die Arme um mich. »Also, das mit dem Unfall«, beginne ich.

Martin schüttelt den Kopf. »Ich möchte, dass du jetzt ganz genau nachdenkst. Warum bist du hier?«

»Na, weil unsere Stunde …« Ich verstumme. Etwas zuckt vor meinem inneren Auge vorbei. Gestern warst du schon genauso weit. Hat er das heute gesagt? Oder gestern? Ich schüttle den Kopf, aber es wird einfach nicht klarer. Wann haben wir darüber geredet? »Es war gestern«, sage ich zittrig. »Gestern hatten wir eine Sitzung.«

Er sieht mich ernst an. »Nein, Lara. Das war heute. Gerade erst vor etwas über einer Stunde.«

»Nein. Bestimmt nicht. Ich muss mit dir reden, ich glaube, ich weiß jetzt, wie es war. Da war eine Tankstelle. Ich wollte etwas kaufen … aber sie wollten meinen Ausweis sehen und ich wusste nicht, ob ich das wirklich bin …«

»Es ist in Ordnung, dass du gekommen bist.« Er sagt irgendetwas, aber ich nehme es gar nicht richtig wahr. »Wir können das nutzen.« Er greift in eine Schublade und holt einen Bogen Papier heraus. Er ist dunkel wie Holz.

»Ich war heute noch nicht hier.« Und er muss mir zuhören. Dafür wird er bezahlt. »Ich muss doch über das silberne Auto und den Altglascontainer sprechen. Ich will wissen, ob ich wirklich Lara bin. Bitte.«

»Ganz ruhig«, sagt er. »Lass mich dir helfen.«

Helfen. Aber nicht zuhören. Warum tust du das?, will ich schreien. Du bist mein Therapeut, du musst mich anhören. Damit hilfst du mir. Aber du machst alles noch schlimmer. Warum verstehst du das nicht?

Aber natürlich traue ich mich nicht. »Bitte, du musst mir zuhören«, ist das Einzige, was ich herausbringe.

»Das tue ich jetzt seit zwei Wochen. Und gerne auch noch länger.« Seine Stimme ist ruhig und tief. Wenn er so spricht, komme ich mir vor wie ein kleiner verängstigter Hund.

»Aber helfen kann ich dir erst, wenn du mir auch zuhörst.«

Sei still. Hör doch mal zu, verdammt. Kannst du nicht endlich die Klappe halten?

»Es wäre gut, wenn du noch mal in Ruhe darüber nachdenken würdest, ob du wirklich hier in der Klinik sein möchtest, Lara.« Es ist kein Vorwurf, einfach nur ein Vorschlag. Aber für mich klingt es trotzdem wie eine Drohung.

Verzweifelt suche ich nach einer Antwort. Die Stille bäumt sich zwischen uns auf wie ein Bär, der sich auf die Hinterbeine stellt.

»Es … es tut mir leid«, flüstere ich schließlich. »Ich wollte nicht … ich weiß nicht, ich habe die Tage verwechselt. Natürlich war ich heute schon hier«, behaupte ich. Aber es fühlt sich wie eine Lüge an. Ich erinnere mich nicht. Warum nicht? Wer sagt die Wahrheit, er oder ich?

»Lara«, sagt Martin noch mal sanft. »Bitte versteh mich nicht falsch. Wenn du an deiner Krankheit arbeiten möchtest, bin ich für dich da. Was du gerade erlebt hast, gehört dazu, aber wir können etwas dagegen tun.«

Ich will aber nichts dagegen tun. Denn das Reden ist das Einzige, was mir hilft. Ich will es ihm sagen, aber was, wenn er mich dann wegschickt? Würde er das tun? Wenn er versteht, dass meine Art die einzige ist, die für mich funktioniert, dann sicher nicht. Oder? Ich mustere ihn. Martin wird nie wütend. Er bleibt immer ruhig. Ich nehme all meinen Mut zusammen. »Die Worte müssen doch raus. Ich kann sie einfach nicht drin behalten.«

»Doch«, erwidert Martin fest. »Das kannst du. Du bist freiwillig in der Klinik geblieben, das war der erste Schritt. Du bist hier gut aufgehoben. Du hast Ruhe, dich auf das zu konzentrieren, was dir guttut. Und den Rest schaffst du auch. Lass mich dir ein Skill für den Notfall zeigen, Lara, das du ausprobieren kannst, wenn der Redefluss zu stark wird.« Er hält mir das dunkle Papier hin. Sandpapier. Soll das ein Witz sein? Wie soll mir das denn helfen? Ist er jetzt durchgeknallt oder ich?

Ich stehe auf und gehe zur Tür. Die Türklinke schon in der Hand, drehe ich mich noch mal zu ihm um. Ich glaube ihm, dass er mir wirklich helfen will. Aber auf seine Art, und die funktioniert bei mir nicht. »Ich komme zur nächsten Sitzung wieder.« Dann muss er mich anhören. Damit verlasse ich das Zimmer. Die Ruhe, die ich ihm gegenüber gerade noch an den Tag gelegt habe, ist wie weggeblasen, sobald ich den Flur betreten und einige Schritte zwischen mich und Martins Büro gebracht habe.

Ich wende mich hin und her, weiß nicht recht, wohin ich gehen soll. Ich will Luft holen, aber zwischen all dem Ungesagten in mir ist kein Platz. Mir wird schwummrig.

Ich laufe zur Stationstür und melde mich ab, um in den Garten zu gehen. Der Pfleger mustert mich prüfend, und ich bemühe mich, nicht zu hektisch nach Luft zu schnappen.

»Wenn du etwas brauchst, meldest du dich, ja?«

Ich nicke.

Er trägt mich in die Liste ein.

Auf dem Weg zum Garten piepst mein Handy, und ich hole es aus meiner Jeanstasche. Mein Finger hubbelt über das Display.

– Lara? Bitte sag mir, wo du bist. Ich komme sofort.

Wieder diese Sina. Was will sie nur? Warum lässt sie nicht locker? Und woher kennt sie meinen Namen? Bin ich doch Lara? Ist es mein Handy? Mein Herz schlägt plötzlich schneller, mein Mund wird trocken. Martin hat gesagt, ich soll mich auf das konzentrieren, was mir guttut. Aber die Nachrichten von Sina liegen mir jedes Mal schwer im Magen. Irgendwas stimmt da nicht. Es ist besser, ich blockiere sie, dann kann sie mir nicht mehr schreiben. Ich tippe auf die entsprechenden Felder meines Handys, und Sinas Nachrichten verschwinden. Aber der Unfall, der Pyjama und die Tankstelle sind immer noch da.

Ich sehe mich um, ob ich jemanden zum Reden finde. Die Wände sind hier türkis. Wo bin ich hingelaufen? In den Garten jedenfalls nicht. Es muss der Neubau des Krankenhauses sein. Ärzte und Schwestern strömen an mir vorbei. Schichtwechsel. Ich schwimme gegen den Strom, irgendwohin, ganz egal. Einen der Ärzte kenne ich, aber er bemerkt mich nicht. Vielleicht mit Absicht, weil er mir auch nicht zuhören will. Ich renne weiter, durch eine Tür, die ein Mann mir offen hält. Er trägt einen Mantel, er muss ein Besucher sein. Auf der anderen Seite ist noch eine Tür, und ich will hindurch, aber der Mann hält mich zurück.

»Händewaschen nicht vergessen«, sagt er und lächelt. »Ist mir am Anfang auch immer passiert.« Erst jetzt fällt mir das Waschbecken auf. Als ich den Mann fragen will, was er über das silberne Auto denkt, deutet er auf einen zweiten Spender neben der Seife. »Und danach benutzt du das Desinfektionsmittel.«

Ich wasche mir die Hände, weiß selbst nicht, warum. Schrubbe sie, bis sie rot sind, desinfiziere sie. Dann gehe ich zur anderen Tür wieder raus und trete neben den Fremden.

Stille umfängt mich. Aber es ist keine drückende Stille. Sie ist erwartungsvoll. Als ob sie mit Worten gefüllt werden will.

Mit meinen Worten. Ich muss sie nur herausreden, dann finde ich den Rest. Denn unter ihnen muss mein Leben verborgen sein.

Kapitel 6

Thomas

Die Dunkelheit hier unten ist wohltuend still. Ich bin in einer Höhle. Licht fällt auf mich wie ein Schatten, nur eben hell. Es flackert, malt Bilder auf die Höhlenwand. Eine Slideshow.

Isabel lächelt. Ihr fehlt ein Zahn. Wie lange ist das her?

Die Slideshow springt weiter.

Schritte nähern sich, meine Mutter. Sie streicht mir über die Stirn. Ich habe Fieber. »Morgen keine Schule«, sagt sie. »Beide nicht.«

Isabel verzieht das Gesicht. »Aber ich schreibe einen Test!«

»Trotzdem«, antwortet Mutter. Ihre Gegenwart ist tröstlich.

Isabel wird älter. Ich auch.

Das nächste Bild. Es bewegt sich in meinem Kopf. Vater umarmt Isabel. Sie strahlt, Abifeier. Damals war unsere Welt noch in Ordnung.

Die Slideshow läuft weiter. Wir werden älter, nie jünger. Mir wird klar, was das bedeutet. Ich werde alles sehen.

Mein ganzes Leben an die Wand geworfen.

Gnadenlos.

Ich springe auf. Hier bleibe ich keine Minute länger. Lieber stelle ich mich den Vögeln.

Ich trete in die Pedale. Weg von der Höhle und der grausamen Slideshow, hinauf zum Gipfel und den anderen Menschen. Dieses Mal werde ich sie erreichen. Ich kämpfe mich nach oben, hinein in den grauen Dunst. Es klappert und brummt ohrenbetäubend.

Piep. Piep. Piep.

Flügel umflattern mich, bis ich stürze. Auf allen vieren krieche ich weiter. Schnäbel hacken nach mir. Schmerz bohrt sich in meine Augen. Wieder bin ich verloren im lärmenden Nebel.

Endlich weiß ich, wo ich bin.

In meiner ganz privaten Hölle.

Kapitel 7

Lara

Das Atmen fällt mir schwer, Schweigen ist eine Qual.

Nur für die erwartungsvolle Stille halte ich durch. An der Seite des Fremden tappe ich über die Station, die sich bereits im Nachtmodus befindet. Licht fällt gedämpft aus den Zimmern auf den Gang, etwas heller, als ich es von anderen Stationen kenne. Am hellsten ist es im Stationszimmer, aus dem uns jemand zunickt. Ich zucke kurz zusammen, als ich dunkelblonde Haare sehe und ein Gesicht, das mir bekannt vorkommt. Es ist Till, der Pfleger aus Olesjas Video. Der Alleinherrscher der Station. Welche war es noch? Hat er das im Video überhaupt gesagt?

Der fremde Mann neben mir nickt Till zu. »Schön ruhig hier heute.«

Till starrt ihn entsetzt an und deutet auf einen Spruch, der am Schwarzen Brett neben dem Stationszimmer hängt:

»Wenn du willst, dass hier die Hölle losbricht, dann sag möglichst laut, wie schön ruhig es gerade ist. Karma ist eine Schlampe.«

Der Fremde grinst und hebt entschuldigend die Hände.

Till schüttelt übertrieben griesgrämig den Kopf. »Zu spät.«

Als der Mann weitergeht, folge ich ihm, ohne lange darüber nachzudenken. Im Vorbeigehen schaue ich in die Zimmer, sie sind ab Hüfthöhe verglast, fast komplett einsehbar. Drei Betten stehen nebeneinander, umgeben von Monitoren, Kabeln und Geräten. Die Leute in den Betten liegen. Ausnahmslos. Niemand sitzt, niemand ist wach. Nicht in diesem Zimmer. Ich gehe weiter, komme an der Zimmertür vorbei. Geräte rattern leise, immer wieder piepst etwas.

Händewaschen nicht vergessen.

Endlich ergibt es Sinn. Natürlich. Ich bin auf der Intensivstation. Und ich laufe immer noch neben dem Fremden her, sogar, als er vom Flur abbiegt.

Überrascht schaut er mich an. »Was für ein Zufall, gleiches Zimmer? Ich hab dich hier noch nie gesehen. Kommst du zum ersten Mal?«

Ich nicke. Stimmt ja auch.

»Dann musst du dich eigentlich vorn anmelden.« Er schnaubt, als würde ihm gerade etwas klarwerden. »Till hat sicher geglaubt, dass du mit mir hier bist.«

Natürlich, man darf hier eigentlich nicht einfach so reinlaufen. Aber ich kann wohl kaum zu Till gehen und mich anmelden, denn ich habe hier ja niemanden. Was soll ich ihm sagen? Dass ich wegen der erwartungsvollen Stille hier bin? Er würde mich hochkant rauswerfen. Zu Recht, sagt eine fiese Stimme in meinem Kopf.

Ich sollte gehen. Aber ich will nicht. Diese erwartungsvolle Stille ist hier irgendwo. Nicht in diesem Zimmer, wo der Mann jetzt auf ein Bett zugeht. Aber irgendwo auf dieser Station verspricht sie mir Erlösung von dem Chaos in meinem Kopf.

Ohne etwas zu sagen, verlasse ich das Zimmer wieder, der Mann denkt sicher, dass ich mich anmelden gehe. Stattdessen biege ich nach links ab, als Till nicht herschaut. Schnell gehe ich weiter, vorbei an mehreren Türen, unter anderem der zum Wartezimmer.

Ich spähe durch die riesigen Glasscheiben, bis ich in der Nähe Stimmen höre. Bevor ich richtig nachdenken kann, schlüpfe ich durch eine Tür.

Die Geräte sind hier noch lauter. Ein Pumpen, Rattern und immer wieder Piepsen. Wie können die Patienten bei dem Lärm schlafen? Aber natürlich ist das dumm. Sie schlafen ja nicht wirklich. Sie sind bewusstlos oder liegen sogar im Koma. Ich betrachte ihre blassen wächsernen Gesichter. Kann man jemandem ansehen, ob er im Koma liegt oder nur schläft? Und wenn ja, woran erkennt man das?

Till geht an der offenen Tür vorbei, ohne mich zu bemerken. Ich weiß nicht, warum ich mich verstecke. Das Schlimmste, was passieren könnte, ist, dass er mich rauswirft. Ja. Eben. Und die Worte, die immer noch in mir gefangen sind, rumoren in meiner Brust wie ein wildes Raubtier im Käfig. Ich will nicht rausgeworfen werden.

Erwartungsvolle Stille. Ich brauche sie. Ich drücke mich etwas weiter in den Schatten und warte, bis Till wieder in das Stationszimmer zurückgekehrt ist. Dann gehe ich ein paar Schritte ins Zimmer hinein.

In den Betten liegen drei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Eine alte Frau, in deren Falten das Leben hängt, das sie gelebt hat. Viel davon. Eine junge Frau, die sicherlich kaum älter ist als ich. Sie sieht so friedlich aus. Keine Verletzungen. Nichts. Warum ist sie hier? Die Frau neben ihr, etwa im Alter meiner Mutter, hat Schürfwunden im Gesicht. Aber die erwartungsvolle Stille kommt nicht von ihnen. Ich drehe mich um und gehe tiefer in die Station hinein.

Am Ende des Flurs wechsle ich auf die linke Seite und arbeite mich nach vorne zurück, bis ich fast wieder beim Stationszimmer angekommen bin. Verschämt husche ich von Zimmer zu Zimmer, muss mich immer wieder verstecken, werde immer wieder fast entdeckt. Nur der Gedanke an die Stille lässt mich durchhalten.

Und da, endlich, finde ich sie. Sie wabert aus dem Zimmer, das genau gegenüber dem Stationszimmer liegt. Natürlich. Das war klar. Sonst wäre es ja zu einfach. Ich gehe hinein. Nur ein Bett ist hier belegt, ein junger Mann liegt darin. Sofort weiß ich, dass er es ist.

Da ist etwas in seiner Haltung, etwas, das ihn umgibt und mich willkommen heißt. Ruhe. Freundlichkeit. Es ist albern, denn wie kann jemand, der unbewegt in seinem Bett liegt, Ruhe und Freundlichkeit ausstrahlen? Und doch ist es so. Völlig lautlos ruft er nach mir. Ja, ich bin sicher. Er ist es, der auf meine Worte wartet.

Vorsichtig nähere ich mich ihm. Ein Kopfverband verhüllt einen Teil seines Gesichts, darunter spitzen schwarze Haare hervor, Krusten durchziehen seine dunklen Brauen. Was man von seiner Haut sehen kann, ist geschwollen und zerkratzt. Es hat ihn wirklich übel erwischt.

Ich schimpfe mich eine dumme Kuh. Natürlich hat es das. Er liegt im Koma. Oder? Vielleicht ist er einfach nur bewusstlos. Auf der Intensivstation liegen ja nicht nur Komapatienten. Aber er ist so verdammt ruhig. Scheint viel weiter weg zu sein als die anderen. Vielleicht ist das die erwartungsvolle Stille. So umfassend, wie sie nur von einem Menschen ausgehen kann, der ganz tief in der Dunkelheit seines Geistes verloren ist.

Unter seiner Bettdecke, die bis zum Kinn hochgezogen ist, kriechen Kabel und Schläuche hervor und verschwinden in den Geräten an seinem Bett. Etwas pumpt geschäftig, ein Monitor piepst ab und zu leise. Sein Oberkörper hebt und senkt sich, immer wenn eines der Geräte pumpt. Im Gegensatz zu manchen anderen hat er einen Schlauch im Mund. Trotzdem erkenne ich, dass ein sanfter Zug seine Lippen umspielt. Wie es wohl aussieht, wenn er lächelt? Mein Blick fällt auf seine Ohren, die halb unter dem Verband herausschauen. Menschliche Ohren. Schöne Ohren.

Unwillkürlich lächle ich.

Er ist perfekt.

Und er kann nicht weglaufen.

Ich mache einen Schritt in seine Richtung, bleibe stehen. O Gott, er kann nicht weglaufen. Was tue ich hier eigentlich? Ich kann ihn doch nicht einfach so vollschwallen mit allem, was ich nicht für mich behalten kann.

Er liegt im Koma.

Ja. Eben. Er wird nicht genervt mit den Augen rollen, wenn ich rede, oder sagen, dass unsere Zeit um ist. Er wird nicht wütend werden oder schreien. Weil er es gar nicht mitbekommt.

Und ich … ich kann einfach nicht anders. Die Worte schmerzen in mir wie Eiswürfel, die ich zu schnell in den Mund genommen habe. Mein Herz hämmert wie verrückt. Als ob ich etwas Verbotenes tue. Das ist es wahrscheinlich auch. Noch einmal spüre ich seine Stille. Will sie füllen mit meinen verbotenen Worten.

»Es tut mir leid, aber du hast jetzt eben Pech gehabt«, flüstere ich.

Im nächsten Moment höre ich Schritte. Hastig kauere ich mich an die Wand unter der Glasscheibe zum Flur, damit die Schwester mich nicht sieht. Ich fluche leise, weil ich mir gerade ihn aussuchen musste. Ihn, dessen Zimmer sich direkt vor der Nase des Pflegepersonals befindet.

Die Schritte nähern sich. Ich sehe weiße Schuhspitzen. Nur noch einen Schritt ins Zimmer, dann müssen sie mich entdecken.

»Glaubst du, es nutzt was?« Die Frage prallt schroff von den Mauern ab. Ich presse mich noch enger an die Wand.

»Es schadet jedenfalls nicht. Und deshalb ist es einen Versuch wert.« Noch eine Frau. Ich sehe sie förmlich mit den Achseln zucken.

»Du gibst nicht auf, was?« Wärme mischt sich in den kühlen Ton der anderen.

»Das ist ganz eigennützig, damit erzielt man bessere Erfolge. Dadurch werden wir im Krankenhausrating hochgestuft und bekommen mehr Forschungsgelder«, grummelt die Frau.

»Soso.« Ihr Schnauben vervielfältigt sich in der Leere des Raums. »Das kannst du jemand anderem erzählen.«

Die Stimmen entfernen sich. Ich sitze immer noch auf dem Boden.

»Ich sollte gehen.« Ich flüstere es der Wand zu, als könnte sie mir etwas raten. Aber Mauerwerk kann das genauso wenig wie totes Holz. Ich lege eine Hand auf den Putz und streiche darüber. Kalt, so kalt. Und falsch. Unter meinen Fingern sollte es warm sein. Und weich. Ich sollte nicht allein sein. Das hat schon meine Mutter immer gesagt.

Allein bist du nichts.

Die schwarze Einsamkeit in mir dehnt sich aus. Meine Stirn sinkt gegen die Wand. Wenn ich jetzt gehe, werde ich in meinen Gedanken ertrinken.

Langsam wende ich mich dem Bett zu. »Ich kann nicht. Es tut mir leid.«

Auf Knien rutsche ich näher zu ihm, damit ich nicht so laut reden muss. Und dann erzähle ich alles, was ich unbedingt loswerden will. Von dem Unfall, von dem Pyjama und von dem Nachthemd mit dem Kolibri. Ich erzähle ihm, wie schön es schillert und dass Kolibris etwas ganz Besonderes sind, weil sie nicht nur singen, sondern auch mit ihren Schwanzfedern Musik machen können wie auf einer Harfe. Ich fülle die Stille in seinem Krankenzimmer mit meinen Worten, bis sie endlich, endlich nicht mehr in mir schmerzen. Es stört mich nicht, dass er mich nicht hört. Er ist da. Wir sind zwei. In diesem Augenblick ist das genug.

Leider hält es nicht lange an. Auf dem Gang herrscht immer wieder Hektik, und mein Herz lässt mir keine Ruhe mit seinem Pochen. Schließlich gebe ich nach, stehe auf, immer noch unruhig, immer noch ohne Antworten.

Aber dank ihm halte ich es jetzt vielleicht irgendwie aus. Bis morgen Vormittag, zur Gruppenstunde. Ja, in dieser Nacht werde ich es schaffen, allein in der Dunkelheit zu sein. Ich werde mich mit meinem Handy und meinen Blogs über die schlimmste Zeit retten können, und die Worte in Schach halten, bis ich eingeschlafen bin.

»Danke«, flüstere ich ihm zu. »Danke, dass du diese Nacht erträglich gemacht hast.« Dann schleiche ich mich davon. Mit dem anklagenden Rhythmus in meiner Brust.

Wie ein Verbrecher.

Kapitel 8

Thomas

Die Slideshow ist endlos. Sie läuft auf der Höhlenwand, in meinem Kopf und in meinen Träumen.

Isabel lächelt. Sie hat jetzt noch mehr Zahnlücken. Blumen blühen auf einer Wiese. Wespenstich. Ich nehme ihre Hand, kühle den Stich mit meinem Wasserglas. Oder tut sie es bei mir?

Hier will ich bleiben, mit Isabel auf der Wiese.

Doch die Bilder laufen unbarmherzig weiter.

Du hast jetzt eben Pech gehabt.

Nein. Pech ist Zufall. Man hat kein Pech. Man hat Schuld.

Es dröhnt um mich herum. Isabels Flugzeuge. Sie hat viele davon, ständig tritt man auf eins drauf. Aber nein, ein Spielzeug ist nicht so laut. Es ist längst kein Spiel mehr für sie.

Ich sollte gehen.

Wohin? In das Licht? Lächerlich. Es ist nicht groß genug, ist nur ein Schatten, Sonne auf einer Wiese, ein Bild auf der Höhlenwand. Man kann nicht hineingehen.

Die Slideshow springt weiter, ich bin machtlos dagegen.

Isabel schreit mich an. Vater weint. Er wird nie aufhören, zu weinen. Seine Verzweiflung drückt mich nieder, bis ich fast daran ersticke. Ich würde ihm so gerne helfen.

Ich kann nicht. Es tut mir leid.

Etwas schwirrt durch die Höhle, mitten durch Vaters tränenverzerrtes Gesicht. Ist das ein Kolibri? Sein schillerndes Gefieder überstrahlt die Bilder, so dass ich sie nicht mehr sehe.

Ich atme auf, aber die Verschnaufpause ist nur von kurzer Dauer. Der Kolibri ist fort. Und die Slideshow hat mich wieder im Griff.

Kapitel 9

Lara

Die Gruppenstunden sind immer ein Spaß. Nicht.

Aber diese hier mag ich. Morgendliche Gesprächsrunde, da kann ich reden, so viel ich will. Na ja, fast. Die anderen sind ja auch noch da.

Martin lächelt mich freundlich an, als er mich sieht, und deutet auf einen Platz neben Crazy Horse. Erleichtert, dass er mir mein plötzliches Auftauchen von gestern Abend nicht übelnimmt, lächele ich zurück.

Ich falle auf den Stuhl und nicke Crazy Horse zu. Seinen richtigen Namen kenne ich nicht. Er erwidert mein Nicken, durch die dicken Ränder seiner Nerdbrille, und streicht sich dann die Haare glatt. Ernsthaft, niemand weiß, warum er sich Crazy Horse nennt. Wahrscheinlich ist es sein Nickname im Internet. Eigentlich sieht er aus, als müsste er Detlev heißen. Er sitzt kerzengerade auf seinem Stuhl und betrachtet Martin aufmerksam. Auf den anderen Stühlen sitzen die anderen Patienten. Manche kenne ich, ein paar sind neu. Oder alt. Vielleicht waren sie nur ein paar Tage zu Hause, und ich habe sie deshalb noch nie gesehen. Ich bin ja selbst noch nicht so lange hier.

Wir haken die Vorstellungsrunde ab, und ich warte darauf, dass wir loslegen können. Endlich wieder reden. Ich lächle, als stünde ich auf einer Blumenwiese und würde mich in der Sonne drehen.

»Heute machen wir mal was anderes als sonst«, beginnt Martin.

Eine winzige Wolke erscheint am Horizont.

Aller Augen ruhen auf Martin. Niemand kaut Kaugummi oder fläzt sich in seinen Sitz. Man merkt den Leuten auch nicht an, wie durchgeknallt sie sind. Sie sehen alle völlig normal aus, keine Punker, keine rebellischen Klamotten. Nur Crazy Horse mit seinem Namen, der nicht zu ihm passt. Wir anderen sind völlig durchschnittlich. Dünn, dick, blass oder mit gerötetem Gesicht. Jeans und T-Shirt, manche in Jogginghose. Nichts an uns ist außergewöhnlich. Außer vielleicht die Tatsache, dass wir alle hier sind.

Man sieht es nicht.

Rede nicht so viel, dann sieht man es nicht. Halt einfach nur den Mund, dann merkt keiner, dass mit dir was nicht stimmt.

Unnormal zu sein bedeutet aufzufallen. Mein Blick fällt auf Francesca, ein blasses, dunkelhaariges Mädchen. Sie trägt immer langärmelige Sachen, damit keiner sieht, dass ihre Arme voller Schnitte sind. Frische und verheilte, fast verblasste und knallrote. Nein, Francesca würde nicht mal dran denken, sich auffällig anzuziehen, denn dann könnte es ja passieren, dass jemand sie sieht. Aber sie will nicht gesehen werden und würde eher sterben, als Blicke auf sich zu ziehen. Vielleicht sogar wortwörtlich. Ein Schauder überläuft mich.

Ich lächle ihr zaghaft zu, und sie lächelt scheu zurück. Einmal habe ich versucht, ihr von dem Pyjama zu erzählen, aber das hat ihr nicht besonders gut gefallen. Sie hat große Augen gemacht und sich schließlich die Ohren zugehalten, als wären meine Sätze weitere Schnitte in ihrer Haut.

»Hier. Ich hab schon alles vorbereitet.« Ich zucke zusammen und konzentriere mich wieder auf Martin, der jetzt eine Kiste mit glänzendem, buntem Papier auf einen Tisch zwischen uns stellt.

»Was soll das werden?«, fragt Crazy Horse skeptisch, und ich bin insgeheim froh, dass er mir die Frage aus dem Mund genommen hat.

»Origami«, sagt Martin fröhlich.

»Bitte erschieß mich. Jetzt.« Das kommt von Sandra. Na gut. Sie ist vielleicht ein bisschen auffällig. Manchmal. Sie hängt leicht genervt in ihrem Stuhl, trägt ein Slayer-Shirt und Katzenohren. Aber das ist nicht das Verrückte an ihr. Das ist nur Cosplay.

Martin lächelt. »Kommt schon, lasst euch mal darauf ein.«

»Was ist das für Papier?«, fragt Crazy Horse und beäugt die Bögen misstrauisch.

»Gerade frisch aus der Packung geholt«, beruhigt Martin ihn.

»Papier und Pappe sind sehr unhygienisch.«

Martin reagiert nicht darauf. Er nimmt sich ein Papier und bedeutet uns, es ihm gleichzutun. Ich greife in die Schachtel und fische ein quadratisches Stück lila Papier heraus.

»Falten wir, während wir reden? Das kann aber schwierig werden.«

»Wir falten, während wir schweigen«, erklärt Martin und lächelt mir zu.

Eine ganze Wand Gewitterwolken zieht über meiner Wiese auf. Das kann doch nicht sein Ernst sein. »Warum?« Meine Stimme zittert unter dem Druck der Worte in mir. »Wir könnten doch nebenher …«

»Ich habe euch einige schwierige Anleitungen rausgesucht, da muss man sich sehr konzentrieren.«

Er will nicht, dass ich rede. Bestimmt wegen gestern Abend. Meine Augen werden feucht. »Es tut mir leid, Martin«, flüstere ich. »Ich verspreche, ich komme nicht wieder einfach so zu dir. Ich wollte dich nicht ärgern. Aber die Worte wollten raus und jetzt … auch.« Warum bestraft er mich? Ich habe das doch nicht mit Absicht gemacht. »Ich wollte doch den anderen erzählen, was ich herausgefunden habe …«

»Das mit der Tankstelle?«, wirft Sandra ein. »Das hast du schon gestern erzählt. Und vorgestern.«

»Nein«, antworte ich langsam. »Du musst dich irren.«

»Versucht einfach mal, alles andere nicht zu beachten. Und schaut her.« Martin hat sich ein grünes Papier ausgesucht und fängt an zu falten. Nach und nach entsteht unter seinen Händen ein merkwürdiges Etwas. Als er fertig ist, hält er es uns hin und strahlt.

Verständnislose Blicke von allen Seiten. Das grüne Gebilde ist eine Art verknickte Säule.

Er runzelt die Stirn. »Kommt schon. Das erkennt man doch wohl.« Er stellt das Gebilde auf den Tisch, drückt oben drauf, und es springt in die Luft.

»Eine … Sprungfeder?«, fragt Crazy Horse.

»Eine Nachbildung dieses Olympiadingens in London?«

»Eine Spiralnudel?«

»Was soll das werden? So was wie diese Tintenkleckstests, nur mit Origami?«, will Sandra wissen.