11,99 €
Wo auch immer du bist, will ich ebenfalls sein ...
Hinter den altehrwürdigen Mauern der Dunbridge Academy zählt für Scarlett nur eines: die Regeln befolgen und besser abschneiden als ihre Mitschüler, schließlich hängt ihr Stipendium davon ab. Nichts leichter als das - wäre da nicht George, ihr überheblicher Erzfeind, der ihr den hart erarbeiteten Platz an der Spitze des Stufenrankings streitig macht und ihr Blut mit seinen besserwisserischen Lateinzitaten in Wallung bringt. Doch zwischen hitzigen Wortgefechten und nächtlichen Begegnungen in der Bibliothek wecken rätselhafte Risse in Georges makelloser Fassade ihre Neugier - und verbotene Gefühle, gegen die Scarlett bald schon machtlos ist ...
Der Auftakt zur Spin-off-Reihe um die neue Generation an der Dunbridge Academy von Spiegel-Bestseller-Autorin Sarah Sprinz
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 604
Veröffentlichungsjahr: 2026
Titel
Zu diesem Buch
Leser:innenhinweis
Widmung
Motto
Playlist
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
57. Kapitel
58. Kapitel
59. Kapitel
60. Kapitel
61. Kapitel
62. Kapitel
63. Kapitel
64. Kapitel
65. Kapitel
66. Kapitel
67. Kapitel
68. Kapitel
69. Kapitel
70. Kapitel
71. Kapitel
72. Kapitel
73. Kapitel
74. Kapitel
75. Kapitel
76. Kapitel
77. Kapitel
78. Kapitel
79. Kapitel
80. Kapitel
81. Kapitel
82. Kapitel
83. Kapitel
Dezember
Danksagung
Die Autorin
Die Romane von Sarah Sprinz bei LYX
Impressum
SARAH SPRINZ
Dunbridge Academy
WHEREVER
ROMAN
Seit ihrem ersten Tag an der Dunbridge Academy arbeitet Scarlett Poppy unermüdlich für ihr Ziel, Jahrgangsbeste zu sein. Etwas anderes bleibt ihr auch nicht übrig, schließlich ist sie auf ihr Stipendium angewiesen. Denn unter keinen Umständen will sie zurückkehren in ihr altes Leben, das toxische Haus ihres Stiefvaters und ihre frühere Schule, in der sie schikaniert und ausgegrenzt wurde. Scarlett ahnt: Ein überheblicher Schönling wie George Langham, der Regeln als Vorschläge betrachtet, hervorragende Noten ohne jegliche Anstrengung einheimst und keine echten Sorgen zu kennen scheint, würde das niemals verstehen. Seit seinem ersten Tag an der Dunbridge Academy vergeudet er ihre Lebenszeit mit nervigen Sticheleien und raubt ihr mit seinen besserwisserischen Lateinzitaten den letzten Nerv. Doch leider ist George auch der Einzige, der ernsthaft mit Scarlett um den Platz an der Spitze des Stufenrankings konkurrieren kann – und dabei auch noch dafür sorgt, dass ihr Herz in den unpassendsten Momenten schneller schlägt …
Liebe Leser:innen,
dieses Buch enthält Elemente, die triggern können.
Deshalb findet ihr hier einen Contenthinweis.
Wir wünschen uns für euch alle das bestmögliche Leseerlebnis.
Eure Sarah und euer LYX Verlag
Für alle, die mutig genug sind, aus vollem Herzen zu lieben.
Incertus animus dimidium
sapientiae est
Ein Geist, der zweifelt, befindet sich auf halbem Weg
zur Weisheit
sweater weather – the neighbourhood
killshot (slowed + reverb) – magdalena bay
actually romantic – taylor swift
cool kids – echosmith
dorothea – taylor swift
unsteady – gracie abrams
sidelines – phoebe bridgers
willow (lonely witch version) – taylor swift
scarlett – holly humberstone
supernatural – ariana grande
girl almighty – one direction
everything has changed – taylor swift feat. ed sheeran
best day of my life – tom odell
what a feeling – one direction
cardigan – taylor swift
sweet heat lightning – gregory alan isakov
it’s nice to have a friend – taylor swift
bloody mary – lady gaga
war of hearts – ruelle
safe & sound – taylor swift feat. joy williams & john paul white
wings – birdy
matilda – harry styles
so high school – taylor swift
you’re on your own, kid – taylor swift
perfectly out of place – dreams we’ve had
home – edith whiskers
Manchmal ahnt man, dass man in Schwierigkeiten steckt, noch bevor man es wirklich weiß. Man spürt es im ganzen Körper. In jedem angespannten Muskel.
Etwas ist nicht in Ordnung.
Etwas ist nicht richtig.
Das ist wohl Instinkt.
Ich wusste es eigentlich von Anfang an. Dass wir eines Tages so enden.
Weil ich schwach war. Unvorsichtig. Regelrecht egoistisch. Alles nur, weil ich bei ihr sein wollte.
War es das wert?
Schmerz zuckt durch meinen Schädel. Grausam und grell.
Wie ein viel zu schneller Pulsschlag.
Ich blinzele und sehe sie über mir.
Ihr bleiches Gesicht.
Diese Augen, tintenblau, verzweifelt und starr.
Stumme Schreie. So viel Angst.
Und ich bin schuld daran.
Nur ich.
Ich blinzele wieder, aber sie verschwimmt vor mir. Versuche zu atmen, aber der moderige Geruch ruft Übelkeit in mir hervor.
In meinen Ohren höre ich mein Blut pochen. Das ist nie ein gutes Zeichen.
Wach bleiben.
Falls etwas schiefgegangen ist …
Ihr Blick hält meinen fest, aber ich höre nicht, was sie sagt. Ich sehe nur ihre Lippen, die sich bewegen – die besten Lippen der Welt, und plötzlich weiß ich die Antwort.
Es war es wert.
Sie wird immer alles wert sein.
Es hätte ganz einfach nie eine andere Möglichkeit gegeben.
Ich hätte immer bei ihr sein wollen.
Egal, wo.
Egal, zu welchem Preis.
Feuchte Kälte füllt meine Lungen, flimmernde Schwärze zersetzt meine Sicht.
Ich blinzele. Sehe die Nächte. Dunkle Kreuzgänge, steinerne Gemäuer, das einzig Warme der Glanz in ihren Augen. Stunden in der Bibliothek. Ihr gebannter Blick, dichte Wimpern, die Lippen konzentriert geschürzt.
Mundus vult decipi, ergo decipiatur.
Was willst du mir damit sagen, Langham?
Die Welt will getäuscht werden, also soll sie getäuscht werden.
Wurde sie.
Die Dunkelheit packt mich.
Wie durch Watte höre ich meinen Namen. Ihre Finger gleiten über mein Gesicht.
Während ich falle, denke ich an sie, aber mir ist schwer ums Herz. Ich wollte sie nie in Gefahr bringen.
Hab’s ihr doch versprochen.
Ich lass nicht zu, dass dir noch mal jemand wehtut.
Hab das ernst gemeint, ernster als alles andere.
Aber ich habe etwas dabei verdrängt. Vergessen, dass ich die Gefahr bin.
Mit ihr war das leichter als atmen.
SCARLETT
Ich heiße: Scarlett Penelope Poppy
Mein Geburtstag ist am: 9. Dezember
Haarfarbe: Dunkelbraun
Augenfarbe: Dunkelblau
Hier bin ich zu Hause: Dunbridge Academy
Mein Traumberuf: Richterin
Mein Lebensmotto: Sei mutig und freundlich
Sei mutig und freundlich.
Es steht auf einem blassblauen Klebezettel, strategisch positioniert an der Spiegeltür meines Kleiderschrankes.
Ich habe ihn dort angebracht, wo ich ihn am häufigsten sehe: montagmorgens beim Anlegen der Uniform. Nachmittags, wenn ich nach der Studierstunde meine Sportsachen anziehe. Und abends, sobald ich in meinen Lieblingspyjama schlüpfe und die Schulkleidung für den nächsten Tag zurechtlege.
Manchmal, wenn ich nicht schlafen kann und der Mond hell durch das Fenster in mein Zimmer scheint, werfe ich auch nachts einen kurzen Blick darauf, bevor ich mich rauswage, um heimlich in der Bibliothek zu lesen – dann habe ich den Hinweis mit dem Mutigsein ganz besonders nötig.
Die Worte stammen eigentlich aus einem Kinderfilm. Cinderella. Das könnte man albern finden, aber befasst man sich näher mit den Bedeutungen von Disneyfilmen, merkt man schnell, dass es im Grunde immer um ein und dasselbe geht: Als Mädchen bist du schwach und hilflos, aber wenn du Glück hast und hübsch genug aussiehst, geschieht vielleicht ein Wunder, und ein nobler Prinz eilt herbei, um dich zu retten.
Ich habe gelernt, dass es nicht so läuft.
In der echten Welt führt Selbstmitleid zu nichts. Da hilft nur, sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, sich mit dreizehn Jahren für jedes nur erdenkliche Stipendium in Nordengland zu bewerben und zu beten, an einem der renommiertesten Internate des Landes angenommen zu werden.
Als die Zusage für das Vollstipendium der Dunbridge Academy kam, hätte ich vor Glück schluchzen können, aber ich weine ja nicht, daher habe ich nur gehofft, dass Mum einen guten Tag hat und die Aufnahmepapiere schnell unterschreibt, ohne sie meinem Stiefvater zu zeigen.
Ich blicke in den Spiegel und streiche mein Haar über die blasse Narbe an meiner Schläfe. Ein Andenken an diese letzten Tage in Leeds, die leider auch die schlimmsten waren.
Hältst dich wohl für was Besseres, dumme Göre?
Das habe ich nie.
Ich wollte einfach nur weg.
Wohin, war mir egal.
Solange es nicht Leeds war.
Mit den Fingerspitzen berühre ich den Klebezettel und straffe die Schultern. Dann kontrolliere ich, ob der Knoten meiner Uniformkrawatte ordentlich sitzt. Zu besonderen Anlässen tragen wir sie zu einer weißen Bluse unter dem dunkelblauen Jackett mit aufgesticktem Schulwappen, wahlweise mit einer farblich passenden Anzughose oder dem dunkelblau-grün-karierten Faltenrock der Dunbridge Academy.
Ich liebe diese Uniform. Sie fühlt sich an wie eine Rüstung. Mit jedem Kleidungsstück werde ich mehr zu der Version von Scarlett, die ich selbst gebraucht hätte, damals, zu Beginn des zweiten Halbjahres der siebten Klasse, als ich neu an dieses Internat kam.
Mutig und freundlich.
Wie eine Schulsprecherin sein sollte.
Wie damals Henry Bennington, der im Rektorat stand und diese beruhigende Präsenz ausgestrahlt hat, während die Rektorin ihre Willkommensworte an uns gerichtet hat. Ich werde nie vergessen, wie er mich ermutigend angelächelt hat. Ich fand ihn so toll – und ich wollte einfach nur werden wie er. Ein Schulsprecher, zu dem die Jüngeren aufschauen und dem sie sich mit ihren Sorgen anvertrauen.
Die Fußstapfen, in die ich trete, könnten größer nicht sein, aber ich bin bereit, mein Bestes zu geben.
Hoffentlich wird es mir gelingen, sie auszufüllen.
Ich zucke zusammen, als es energisch gegen meine Tür hämmert.
»Scarlett? Ms Barnett meinte, du wohnst gleich gegenüber?«, ruft Elsa Cormack, die Kapitänin der Rugbymädchen. Ja, Rugby. Allein das beschreibt wahrscheinlich, dass wir verschiedener nicht sein könnten. Bis heute wundert es mich immer ein wenig, dass Elsa auch abseits des Unterrichts mit mir redet. Seit der Siebten haben wir uns jedes Jahr ein Zimmer an der Dunbridge geteilt. Anscheinend hat uns das zusammengeschweißt, aber es ändert nichts daran, dass ein Teil von mir andauernd befürchtet, sie könnte die Nase voll haben von mir.
Zum Glück sieht es gerade nicht danach aus.
Elsa fällt mir um den Hals. Ich lächele überfordert. Eigentlich ist mir das etwas zu nah, aber bei ihr fühlt es sich in Ordnung an.
»Bist du gut angekommen? Das ist so seltsam, oder? Es fühlt sich total falsch an, meinen Koffer auszupacken, ohne dabei neben dir zu sitzen.«
Bevor ich antworten kann, lässt sie mich schon wieder los und spaziert neugierig durch mein Zimmer. Vor dem Fenster, durch das man über den Innenhof hinweg Richtung Osten blicken kann, bleibt sie stehen. »Oha, du hast den viel besseren Ausblick!«
Ich schließe die Tür.
»Möchtest du tauschen?«
»Quatsch, Scarlett.« Elsa blickt immer noch gebannt nach draußen über die dichten Blätterkronen der alten Eichen im Innenhof.
»Es macht mir nichts aus.«
»Sei nicht albern«, meint sie mit einem Kopfschütteln und dreht sich wieder zu mir. »Außerdem fürchte ich, du wurdest neben Cleo Fantino einquartiert.«
Ebenfalls eine ehemalige Mitbewohnerin von uns, aber anders als bei Elsa kann ich nicht gerade behaupten, dass uns die Zeit im Viererzimmer einander nähergebracht hat. Dafür war Cleo viel zu selten da, schließlich hat sie selbst nach der Trennung von ihrem Freund Alexander Hallendale lieber jede freie Minute im Ostflügel bei den Jungs verbracht. Theresa, die Vierte im Bunde, ist mit ihrer Diplomatenfamilie inzwischen weitergezogen und hat die Dunbridge Academy verlassen.
Elsa lässt sich völlig selbstverständlich auf mein Bett fallen. Von dort wirft sie mir einen mitfühlenden Blick zu. »Allerdings dürften nach den jüngsten Entwicklungen ja nicht mehr andauernd störende Sexgeräusche von Alexander und ihr zu hören sein.«
»Es stimmt also, dass er endgültig die Schule gewechselt hat?«
»Sieht so aus.« Elsa zuckt mit den Schultern. »Sein bedauerlicher Zwillingsbruder ist eben jedenfalls ganz verloren im Innenhof herumgelaufen.« Sie schnaubt. »Hast du das gesehen? Oscar und ein paar andere aus der Mannschaft wurden tatsächlich vom Verband nach London eingeflogen.«
Ich zucke mit den Schultern, denn für gewöhnlich verfolge ich die Social-Media-Aktivitäten von Cleo Fantino, Oscar Hallendale und ihrer ganzen Entourage nicht. Mir ist auch so bewusst, dass ich niemals dazugehören werde.
»Ein gottverdammter Inlandsflug!«, ruft Elsa und schüttelt entrüstet den Kopf. »Ist das zu fassen?«
»Und den hat dein Vater abgesegnet?«, erkundige ich mich vorsichtig.
»Das wäre ja noch schöner.« Elsa schnaubt. »Nein, er hatte damit nichts zu tun. Das waren die Scouts von der Rugby Football Union, die an Mr Hallendale dran sind.«
Oh, ganz dünnes Eis.
»Bestimmt laden sie dich auch noch in ihr Förderprogramm ein«, starte ich einen schwachen Ermutigungsversuch, aber Elsa stößt ein frustriertes Lachen aus.
»Du meinst, falls mir wie durch ein Wunder noch ein Schwanz zwischen den Beinen wachsen sollte?«
Ich verziehe entschuldigend das Gesicht.
Zwar kenne ich mich mit Rugby nicht aus, und ich habe bei Gott nicht vor, das zu ändern – diese ganze Sportart erschließt sich mir kein bisschen, ich finde sie einfach nur sinnlos und grenzwertig brutal –, aber was ich bestätigen kann, ist, dass Elsa es als Tochter des Rugbytrainers der Dunbridge Academy wirklich nicht leicht hat. Nur ihretwegen gibt es mittlerweile die Mädchenmannschaft an unserem Internat, die jedoch leider bei Weitem nicht so respektiert wird wie das Team der Jungs.
Natürlich sagt das niemand laut. Stattdessen heißt es, man sei stolz auf die Gleichberechtigung, Vielfalt und Förderung des weiblichen Schulsports. Rektorin Sinclair erwähnt das bei jeder Gelegenheit, und ich glaube ihr sogar, aber Fakt ist, dass bei den Spielen der Mädchenmannschaft nicht annähernd die ganze Schule auf der Tribüne steht, um das Team lautstark anzufeuern und ihre Siege zu zelebrieren. Das tun sie nur bei den Jungs.
Als Kapitänin der Mädchen ist es daher zwar sinnlos, aber naheliegend, dass Elsa sich andauernd mit Oscar Hallendale, dem Captain der Jungs, vergleicht. Ich werde trotzdem nicht aufhören, sie daran zu erinnern, dass sie das gar nicht nötig hat.
»Ich verstehe, dass es unfair ist, Elsa. Aber es könnte nicht weniger über deine Fähigkeiten als Spielerin aussagen.«
Sie schaut mich emotionslos an. »Scarlett, das ist ungefähr so, als hättest du das Stipendium hier nie bekommen, weil jemand wie George dir aus Prinzip vorgezogen wurde. Obwohl du mindestens genauso gut bist wie er.«
»Ich bin besser als er«, korrigiere ich, bevor mir auffällt, wie eingebildet das klingt.
»Eben.« Elsa zuckt mit den Schultern.
»Außerdem hat George ein Stipendium nicht nötig«, schiebe ich etwas kleinlaut hinterher. Über seine Familie weiß ich nicht viel, aber allein anhand seiner Markenkleidung wird deutlich, dass es den Langhams gut geht.
»Eb-en!«, wiederholt Elsa mit aufgebracht erhobenen Händen. »Na ja … Durch mein Fenster sehe ich jedenfalls aufs Spielfeld.« Sie seufzt voller Ironie. »Perfekt, um ihn aus der Ferne zu bewundern. Dabei kann ich ja Wäsche falten oder einer anderen Tätigkeit nachgehen, die meinem weiblichen Naturell eher entspricht.«
»George?«, erkundige ich mich irritiert.
»Nein, Scarlett. Also auch. Aber ich meinte Oscar. Und das war Sarkasmus, okay? Ich ertrage seinen beschissenen Anblick nicht.«
»Wie gesagt, wir können tauschen«, murmele ich, doch Elsa stößt nur den Atem aus. »Wie waren die Ferien noch?«
»Langweilig«, seufzt sie. »Bei unserer Tante in Lairg ist echt gar nix los. Ich war froh, als wir zurückgefahren sind. Ich hab dich echt vermisst.«
Mein Magen hüpft leicht, so wie immer, wenn mir jemand etwas Nettes sagt. Als könnte meine Gesellschaft tatsächlich eine Bereicherung für andere sein.
Ich knete meine Finger. »Das mit der Langeweile ist jetzt jedenfalls vorbei.«
Elsa nickt nur. Manchmal frage ich mich, ob sie es komisch findet, dass ich ihr nie etwas Nettes zurücksage. Aber dafür bin ich einfach nicht der Typ. Manchmal wünschte ich mir, es wäre anders, aber dann versuche ich es, und nur ein furchtbar unangenehmer Wortsalat kommt mir über die Lippen.
»Für dich auf jeden Fall«, meint Elsa aufgeregt. »Wie fühlt man sich als Schulsprecherin?«
Ich muss lächeln, so wie immer in den letzten Wochen, wenn mir einfällt, dass es wirklich wahr ist.
»Auch nicht anders als zuvor.«
»Lüg doch nicht«, verlangt Elsa. »Du strahlst, als hättest du eine Art heilige Auferstehung durchgemacht.«
Ich zucke mit den Schultern und senke verlegen den Blick. Womöglich ist das eine ganz treffende Beschreibung für die Achterbahnfahrt an Gefühlen, die ich während der Wahl letzten Sommer durchlaufen habe.
Nach all den Jahren in der Schülermitverwaltung, wo ich mich engagiert habe, ohne es je zu wagen, mich für eine der Klassensprecherwahlen aufstellen zu lassen, war das Amt der Schulsprecherin gewissermaßen die letzte Chance, mich meiner Angst zu stellen, keiner könnte für mich abstimmen.
Also musste ich mutig sein.
Und freundlich.
Und ein bisschen verzweifelt, als ich gesehen habe, wer gegen mich antritt.
Bei den ersten Hochrechnungen im Sommer habe ich fast die Hoffnung verloren, als ich gesehen habe, dass Cleo Fantino die Nase vorn hatte. Dass sie sich überhaupt hat aufstellen lassen, war für mich völlig unbegreiflich. Undankbare Ämter für das Gemeinwohl dieser Schule sind normalerweise nichts, wofür sie ihre Zeit und Energie opfert. Schließlich ist sie viel zu beschäftigt damit, Highlightreels ihres Internatslebens auf YouTube und TikTok zu posten und mit ihrer Clique aus coolen Leuten jede existierende Regel an der Dunbridge Academy zu brechen.
Dass ich überhaupt eine Chance gegen sie hatte, lag sehr viel weniger an meiner persönlichen Beliebtheit als an dem Punkt in meinem Wahlprogramm, die Studierstunde zu reformieren. Kurz gesagt geht es darum, während der nachmittäglichen Stillarbeitsstunde, die wir traditionsgemäß auf unseren Zimmern verbringen müssen, auch in die Bibliothek oder Study Halls nahe den Unterrichtsräumen gehen zu dürfen.
Die anderen waren von diesem Vorschlag hellauf begeistert, und inzwischen ist mir auch klar geworden warum. Sie sehen darin die Chance, die Studierstunde als kleines Kaffeekränzchen zu nutzen. Das war eigentlich nicht meine Intention, aber es hat mir die knappe Mehrheit der Stimmen eingebracht, daher erlaube ich mir kein Urteil über dieses Fehlverhalten.
Mein Schock darüber, dass ich die Wahl tatsächlich für mich entscheiden konnte, war jedenfalls so groß, dass ich in der Aula fast ein kleines Blackout hatte, nachdem Rektorin Sinclair und meine Vorgängerin Anaïs Ben Ayad mir nach ihren Glückwünschen das Pult überlassen hatten und ich meine erste offizielle Ansprache an die Schülervollversammlung richten musste. Also … durfte, meine ich natürlich.
Reden zu halten nehme ich gerne in Kauf, wenn es bedeutet, im Gegenzug nicht mehr bangen zu müssen, ob mein Vollstipendium verlängert wird. Als Jahrgangsbeste und Schulsprecherin ist mein Platz bis zum Abschluss an der Dunbridge Academy sicher. Ich muss nie wieder zurück in mein altes Leben. Der Gedanke erfüllt mich mit purer Erleichterung. Ich habe es rausgeschafft. Ganz allein und aus eigener Kraft.
»Ach, das wird alles großartig, Scarlett, ich spüre es.« Elsa schaut zu meinem Schreibtisch. »Jedenfalls wollte ich eigentlich fragen, ob du zufällig noch Sharpies hier hast. Mein Stift hat nicht mehr für das letzte Demoschild gereicht.«
»Klar.« Ich nicke und deute zur Schublade. »Bedien dich einfach.«
Sie springt auf und öffnet sie.
»Oh, wird das das Cover für dein Freundebuch?«
Sie hält meine Skizze in der Hand, als sie sich zu mir dreht.
»Ja.« Meine Wangen werden heiß, so wie damals, als ich Elsa zum ersten Mal von diesem Projekt erzählt habe. Irgendwie hatte ich Sorge, sie könnte total albern finden, woran ich seit letztem Jahr arbeite.
Ein Freundebuch? Okay, und wer soll da bitte reinschreiben, Streber-Scarlett?
»Wie findest du es?«
»Toll, Scarlett!« Elsa nickt begeistert. »Noch toller wäre selbstverständlich eine rein digitale Ausgabe, damit keine Bäume unnötig sterben müssen, aber ich respektiere, dass dein Herz an diesem Projekt hängt.« Sie legt den Kopf schief. »Um das zu kompensieren, könntest du dich meiner Demonstration anschließen.«
»Elsa.« Ich seufze und spüre das schlechte Gewissen in mir aufsteigen. Schließlich hat sie recht.
»Wenn wir uns beeilen, schaffen wir es vor dem Abendessen noch zum Flughafen.«
»Ich muss zu Rektorin Sinclairs Begrüßungsansprache«, erinnere ich sie.
»Ach ja.« Elsa nickt bedächtig. »Als Schulsprecherin sollte Klimaschutz ganz oben auf deiner Agenda stehen, findest du nicht?«
»Du könntest dich als Klimabeauftragte der Schülermitverwaltung aufstellen lassen.«
Ziemlich diplomatisch von mir, aber Elsa sieht nicht überzeugt aus.
»Wir könnten zumindest eine Mahnwache halten, bis die Internatsbusse die letzten Ankömmlinge vom Flughafen bei uns abgeliefert haben«, schlägt sie vor. »Ich will, dass sie sich richtig schlecht fühlen.«
Ich nehme das Notizbuch mit den Stichpunkten für die Willkommensansprache, meinen Zimmerschlüssel und werfe einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel. »Ist das nicht etwas übertrieben?«
»Wieso sollte es übertrieben sein?«, fragt Elsa, die mir zur Tür folgt. »Seit Beginn der Industrialisierung sind die globalen Temperaturen um etwa anderthalb Grad gestiegen. Ich würde mich schämen, wenn ich mit dem Flugzeug hier ankäme.«
»Manchen unserer Mitschüler bleibt aber nichts anderes übrig, schließlich reisen sie von überall aus der Welt an.«
»Das mag sein, Scarlett, aber weißt du, wem sehr wohl etwas anderes übriggeblieben wäre? Den Klimasündern aus dem Rugbyteam!«
Dagegen kann ich nichts sagen, also nicke ich nur. »Wir könnten während ihres nächsten Trainings demonstrieren?«, schlage ich zaghaft vor.
»Ugh, dann reden sie sich nur ein, wir würden unter einem Vorwand an der Seitenlinie stehen, um sie zu bewundern.« Elsa rollt mit den Augen. »Außerdem trainieren wir ja meist parallel.«
Das stimmt. »Sicher fällt uns noch eine andere Möglichkeit ein.«
Elsa nickt nach einem Augenblick.
»Es regt mich einfach so auf«, sagt sie dann. »Alles. Ich bin immer so wütend, Scarlett. Die ganze verdammte Zeit.«
Ich nicke, obwohl ich keine Ahnung habe, wie sich das anfühlen muss.
Manchmal wünschte ich, mit Elsa tauschen zu können. Wütend zu sein erscheint mir besser, als Angst zu haben.
»Kommst du mit runter?«
»Na gut.« Elsa folgt mir auf den Flur. Dann entdeckt sie weiter hinten auf unserem Flügel Lilian Marsh und Maya Bonner, mit denen sie Rugby spielt.
In meiner Brust piekst es leicht, als sie zögert, aber ich lächele.
»Geh nur. Du hast bestimmt Kapitäninnen-Dinge mit deinem Team zu besprechen.«
Elsa nickt nach einem Augenblick.
»Rugbycaptain und Schulsprecherin, Scarlett«, sagt sie und lächelt. »Schau uns nur an. Besser könnte ein neues Schuljahr fast nicht beginnen.«
SCARLETT
Es lässt sich nicht leugnen: Ich bin keine typische Schulsprecherin. Das wird bereits deutlich, als ich mich auf den Weg ins Rektorat begebe. Auf der Treppe vom Westflügel nach unten kommen mir zahlreiche Mitschülerinnen entgegen, die meisten nicken mir freundlich zu oder grüßen kurz, aber anders, als man es vielleicht erwarten würde, bleibe ich nicht ständig stehen, weil ich in Gespräche verwickelt werde.
Meinen Vorgängern Anaïs Ben Ayad und Henry Bennington bin ich so gut wie nie begegnet, ohne sie von irgendeiner Gruppe umgeben zu sehen. Sie waren beide beliebt, charismatisch und präsent. Quasi aus exakt dem Holz, aus dem die Schulsprecherinnen und Schulsprecher der Dunbridge Academy geschnitzt werden. Genau genommen verbindet uns nicht mehr als eine langjährige Mitarbeit in der Schülermitverwaltung sowie der Platz an der Spitze des Stufenrankings.
Die guten Noten und das ehrenamtliche Engagement einmal außer Acht gelassen, würde jemand wie Cleo Fantino wahrscheinlich sehr viel besser in diese Rolle passen, schließlich ist sie gesellig, beliebt und charmant. Gewissermaßen traurig, wie sie mit ihrem riesigen Freundeskreis hier die Zeit ihres Lebens hat, während ich in der Bibliothek sitze, Hausaufgaben erledige, Wahlprogramme zusammenstelle und mir Fragen für mein Freundebuch ausdenke.
Lieblingsessen: Kürbissuppe
Das mache ich gerne: Lesen, Lernen, Organisieren
So nennen mich meine Freunde: …
Welche Freunde?
Von Zeit zu Zeit frage ich mich wirklich, warum ich überhaupt an diesem Projekt arbeite. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich mich trauen würde, Elsa zu fragen, ob sie sich eintragen möchte, wenn ich es eines Tages in den Händen halten sollte.
Was, wenn sie ablehnen würde? Oder es nur täte, weil sie Mitleid mit mir hat?
Egal.
Daran will ich jetzt nicht denken.
Durch den Spitzbogen des Westflügels trete ich nach draußen in den Innenhof des Internats. Wie immer überwältigt mich der Anblick meiner Schule ein bisschen.
Die wettergegerbten Gemäuer der Dunbridge Academy sind aus dunklem Sandstein gebaut und von dichtem Efeu überwuchert, der sich an den Sprossenfenstern entlangrankt. Neben den gewölbten Türmen und spitzen Giebeln recken steinerne Wasserspeier die Hälse über uns wie freundliche Wächter.
Wie schon an meinem allerersten Tag erfüllt mich der Anblick mit Ehrfurcht. Jetzt macht sich zusätzlich ein Gefühl von Stolz in meiner Brust breit.
Ich gehe hier nicht nur zur Schule, ich darf dieses Internat auch repräsentieren. Mein Magen kribbelt aufgeregt, als ich meine Mitschülerinnen und Mitschüler sehe, die in kleinen Grüppchen überall im Hof verteilt stehen. Während ich an ihnen vorbeilaufe, scanne ich sie nach potenziellen Neulingen ab. Sie sind meist leicht daran zu erkennen, wie verloren sie herumstehen und verschüchtert das mächtige Gemäuer hinaufblicken.
Heute hat das Ankunftskomitee ganze Arbeit geleistet und alle Neuen bereits empfangen, denn ich entdecke niemanden mehr, den ich gleich mit in den Südflügel zu Rektorin Sinclairs Willkommensansprache nehmen könnte. Dafür löst sich ein mir leider äußerst gut bekannter Mitschüler aus der Gruppe neben dem Tor zum Westflügel.
»Hey Pops!«, ruft George Langham, der absolut nervigste Mensch auf diesem Planeten.
Ich recke sofort das Kinn und gehe erhobenen Hauptes an ihm vorbei, weil ich auf diesen kindischen Spitznamen nicht reagiere.
Er trabt mit einem selbstgefälligen Grinsen neben mir her. »Bekomme ich etwa keine Begrüßung? Verhält sich so eine Schulsprecherin gegenüber einem geschätzten Mitschüler?«
»Langham«, antworte ich kühl.
Meinem Erzrivalen recht zu geben, befindet sich an oberster Stelle meiner Liste an verhassten Dingen, aber eine gute Schulsprecherin hat nun einmal keine Wahl. Sie ist freundlich zu allen – ganz egal, ob sie es verdient haben oder nicht.
Georges fast schon unnatürlich blauen Augen funkeln spöttisch. Er legt den Kopf schief, und eine Strähne seines lächerlich hellblonden Haares fällt ihm weich in die Stirn. »Ich bin auch ganz entzückt, dich zu sehen.«
Schnell blicke ich in die entgegengesetzte Richtung. Ansonsten hätte ich wohl keine andere Wahl, als die Augen zu verdrehen.
»Wie dem auch sei, Pops. Bist du nicht etwas spät dran?«
»Wofür?«, frage ich knapp.
»Rektorin Sinclairs Begrüßungsansprache?« Er quetscht sich an ein paar Zwölftklässlern vorbei, die uns entgegenkommen. »Cleo ist jedenfalls schon auf dem Weg dorthin, zumindest hat Oscar das gerade gesagt.«
Ich werfe einen unauffälligen Blick auf meine Armbanduhr. »Was hat Cleo dort verloren?«
George antwortet nicht sofort. Als ich zu ihm schaue, schmunzelt er auf eine überhebliche Art und Weise, die mir Angst macht.
»Nun, es ist ihre Pflicht«, erklärt er salbungsvoll und blickt mir tief in die Augen, bevor er hinzufügt: »Als Schulsprecherin.«
Mein Nacken kribbelt vor Wut.
Ich atme schwer durch den Mund aus. »Sehr witzig.«
»Nicht wahr? Wenn du erlaubst, folge ich dir unauffällig. Ich muss Cleo schließlich auch noch gratulieren zu dieser unerwarteten Wendung der Wahl.«
Keine Ahnung, wovon er redet, aber ich habe ein Problem damit, wenn Leute die Wahrheit nicht anerkennen.
»Ich bin die Schulsprecherin.«
»Sicher doch«, sagt George freundlich. »Quae volumus, credimus libenter. Was wir wollen, das glauben wir auch gerne, nicht wahr?«
»Ich weiß, was das bedeutet«, zische ich. Er muss sich überhaupt nicht für besonders klug halten mit seinen dämlichen Lateinzitaten, die er zu den unpassendsten Gelegenheiten von sich gibt. Anscheinend steht er mit sich selbst in einem Wettbewerb, die prätentiöseste Person der Schule zu sein. Was das angeht, gönne ich ihm den Sieg ausnahmsweise von ganzem Herzen.
Georges Mundwinkel zucken. »Meinst du wirklich, du begreifst auch die tieferliegende Bedeutung, Scarlett Poppy?«
Der Hauch eines Zweifels überfällt mich, aber ich entscheide mich, nicht weiter auf ihn einzugehen.
George Langham kann noch so oft versuchen, mich aus der Reserve zu locken. Ich werde ihm nicht die Genugtuung geben und Emotionen zeigen. Dafür ist er in meinem Leben viel zu irrelevant.
Kann sein, dass er ärgerlicherweise der Einzige ist, der mir im Unterricht das Wasser reichen kann. Seit er letztes Jahr als neuer Schüler zu uns an die Dunbridge Academy kam, bange ich ein wenig um meinen Platz an der Spitze, aber diese Gefühle waren nur von kurzer Dauer. Dann ist mir klar geworden, dass ich ihn als Geschenk des Schicksals betrachten muss. Ein Weckruf, um zu verhindern, dass ich mich auf den Lorbeeren meiner bisherigen Erfolge ausruhe und nachlässig werde. Da kann George Langham sich für noch so scharfsinnig und belesen halten. Gegen eine akademische Waffe wie mich hat er nicht den Hauch einer Chance.
»Nun denn. Hattest du erholsame Ferien, Pops?«, fragt er, während er weiter neben mir herspaziert.
Ich bemühe mich, nicht zusammenzuzucken, aber seine dämliche Frage genügt, und ich bin wieder in Leeds, höre das klirrende Glas und die betrunkene Stimme meines Stiefvaters.
Als mir auffällt, dass George mich irritiert mustert, straffe ich die Schultern.
»Bis gerade eben waren sie äußerst angenehm, ja.«
»Das freut mich sehr zu hören«, sagt er nach einer Sekunde. »Ich habe mich jedenfalls zu Tode gelangweilt. Es war nahezu unerträglich still ohne dich und deine rechthaberischen Kommentare.« Er lächelt und schiebt die Hände in die Taschen der dunkelblauen Anzughose seiner Uniform. »Aber jetzt ist ja glücklicherweise wieder alles beim Alten, und wir können miteinander konkurrieren. Darauf hast du dich sicher auch gefreut, nicht wahr, Pops?«
Ich umfasse mein Notizbuch und drücke es gegen meine Brust. »Mein Name lautet Scarlett.«
Er blinzelt unschuldig.
»Gefällt dir dein Spitzname nicht?«
Bevor ich etwas erwidern kann, kommen uns an der Treppe einige Schüler entgegen, mit denen er sofort einschlägt. Jungs aus der Rugbymannschaft, in der George ebenso mühelos Anschluss gefunden hat wie bei den beliebten Leuten aus unserer Stufe. Was mich natürlich für ihn freut. Als Schulsprecherin liegt mir am Herzen, dass all meine Mitschülerinnen und Mitschüler gut in die Gemeinschaft integriert sind. Ich frage mich nur ab und zu, ob es ihnen andersherum eigentlich auch so geht.
Ja, sie haben mich gewählt, aber manchmal kommt es mir noch immer wie ein Widerspruch vor.
Aber es ist keiner. Es ist wahr, und alles hat seine Richtigkeit. Mein Traum hat sich erfüllt. Zumindest bin ich davon ausgegangen, bevor George Langham eben diesen Unsinn mit Cleo erwähnt hat.
Um mich zu ärgern.
Was auch sonst?
Dann aber sinkt das Herz in meiner Brust, als ich meine Mitbewerberin oben im Südflügelkorridor vor dem Rektorat stehen sehe.
Cleo filmt sich mit ihrem Handy, über dessen Display sie mich anscheinend näher kommen sieht, denn sie dreht sich sofort in meine Richtung.
Sie hat ihre weiße Bluse nicht vernünftig zugeknöpft und ihr honigblondes Haar fällt ihr in glänzenden Wellen über die Schultern, so als wüsste sie nicht, dass die Kleiderordnung besagt, dass sie es geflochten oder anderweitig aus dem Gesicht gebunden tragen muss.
»Scarlett Poppy«, ruft sie, woraufhin sich die Köpfe einiger neuer Mitschülerinnen und Mitschüler zu uns drehen. »Schöne Ferien gehabt?«
»Was tust du hier?«, zische ich und ziehe sie in eine Nische des Flurs. »Und hör auf, mich zu filmen.«
»Oh, Verzeihung. Ich bin ganz aufgeregt, musst du wissen«, erklärt sie und tastet nach meinem Arm. »Was für eine Überraschung, nicht wahr? Ich hätte ehrlich nicht damit gerechnet, dass es doch so knapp zwischen uns war.« Sie blinzelt aufgeregt und blickt mich ergeben aus ihren hellbraunen Rehaugen an. »Es macht dir doch nichts aus, dass wir uns das Amt nun teilen?«
Mir wird ein bisschen schwindelig.
»Teilen?«
»Ja, wie schön, findest du nicht?«
»Das … kann überhaupt nicht sein«, bringe ich hervor. »Das Ergebnis war eindeutig. Rektorin Sinclair hat mich ins Amt berufen.«
Cleo nickt bekräftigend. »Das dachte ich auch! Aber dann hat unsere Flügelbetreuerin mir vorhin gesagt, dass ich doch bitte zu Rektorin Sinclair kommen möchte, um gemeinsam mit dir die neuen Schülerinnen und Schüler in Empfang zu nehmen.«
Ich schnappe nach Luft.
Nichts von dem, was sie sagt, ergibt Sinn.
»Aber das …«
»Scarlett, Cleo.« Ich versteinere, als Rektorin Sinclair vor uns auftaucht. »Da seid ihr ja. Kommt doch herein, dann können wir uns unterhalten.«
GEORGE
»Sag mal, stimmt das?«, fragt Oscar Hallendale, unser Rugbycaptain und einer meiner engsten Freunde, als er im Schulhof zu mir, Gus Whitmore, Vincent Wessex und Jonah Beron stößt. »Cleo ist jetzt auch Schulsprecherin?«
Ich sehe mich nach Pops um, um noch ein bisschen Salz in die Wunde zu streuen, aber leider ist sie schon wieder weggelaufen.
»Anscheinend ist sie das.«
Oscar schüttelt ungläubig den Kopf. »Diese Frau braucht immer irgendein Projekt.«
»Na, wen wundert das?«, meint Gus. »Die optisch nahezu identische Version von dir weilt schließlich nicht länger unter uns.«
»Das klingt, als wäre Alex gestorben, Mann«, herrscht Vince ihn an.
Gus seufzt. »Für Cleo ist er das ja auch. Da würde ich mich ebenfalls ablenken wollen.«
Oscar sagt nichts. Er drückt nur die Zunge von innen gegen die Wange.
Wer für wen gestorben ist, bleibt wohl für immer ein Geheimnis. Ich weiß nur, dass Oscar am meisten mitgelitten hat bei dem ständigen Hin und Her zwischen seinem Zwillingsbruder Alexander und Cleo, aber um ehrlich zu sein, war es für niemanden von uns schön. Was Cleo Fantino angeht, haben wir alle einen kleinen Beschützerkomplex, fürchte ich.
Ich seufze. »Na ja, ein Projekt hat sie jetzt definitiv. Als Schulsprecherin wird sie alle Hände voll zu tun haben.«
»Und Scarlett hat das einfach so akzeptiert?«, fragt Oscar.
»Begeistert war sie nicht, aber was will sie machen?« Ich zucke mit den Schultern.
»Ich hätte ja meine heilige Wurfhand dafür ins Feuer gelegt, dass du Scarlett gewählt hast, Langham.« Gus grinst. »Und diese Hand, mein Freund, ist praktisch Nationalheiligtum unserer verdammten Schule, wie jeder weiß.«
Ich schenke ihm mein verbindlichstes Lächeln. »Du meinst die Hand, die vor den Ferien keinen einzigen beschissenen Pass gefangen hat?«
»Beim Sommerendspiel, als wir Hurlford in Grund und Boden gehämmert haben?« Gus hält inne und überlegt kurz. Dann schnippt er mit den Fingern, bevor er auf mich deutet. »Ach warte, Kumpel, da warst du ja schon längst vorzeitig in die Sommerpause abgezwitschert, jetzt weiß ich’s wieder!«
»Es war ein familiärer Notfall«, knurre ich warnend.
Elendiger Lügner.
Aber was soll ich auch sonst sagen?
Dass ich selbst keinen blassen Schimmer hatte, dass sie mich vor dem offiziellen Ferienbeginn aus dem Verkehr ziehen?
»Nichts geht über einen Jet2-Urlaub«, stimmt Gus an, woraufhin die anderen aufjaulen. »Oder hat dein Flieger etwa auf Scarlett Poppys Landebahn aufgesetzt?«
Ich atme scharf ein.
»Alter, wie war das?«
»Jungs«, sagt Oscar nur, bevor ich Gus mit meiner Faust demonstrieren kann, wie es sich anfühlt, wenn ich direkt in seiner nervigen Fresse lande.
»In deinen Träumen vielleicht, nicht wahr?« Gus schlägt mir kameradschaftlich auf den Rücken. »Keine Sorge, den Frust kannst du gleich morgen auf dem Feld rauslassen.«
»Da bist du dann in allerbester Gesellschaft«, meint Oscar mit einem warnenden Nicken in Gus’ Richtung.
»Kann halt nicht jeder Oscar Hallendale sein«, bestätigt Gus mit einem Schulterzucken. »Aber du opferst dich fürs Team und lässt uns an deinen Erfahrungen teilhaben, nicht wahr, H-Dale?«
Oscar verzieht keine Miene. »Die Frage kannst du dir getrost selbst beantworten.«
»Nie erzählt er irgendwas«, nölt Gus. »Zur Hölle mit deiner dämlichen Diskretion, Cap. Das gehört auch zu Teambuilding-Strategien.«
Jonah lacht. »Notgeilen Leuten wie dir von seinen Aufrissen zu erzählen?«
Gus zuckt mit den Schultern. »Wenigstens ein bisschen?«
»Ihr seid unerträglich«, stöhne ich. »Und fürs Protokoll: Als loyaler bester Freund habe ich selbstverständlich Cleo gewählt.«
»Ich bin ihr bester Freund«, widerspricht Gus sofort, senkt aber rasch den Blick, als Oscar zu uns schaut. Er muss nicht mal etwas sagen.
Wer nun tatsächlich Cleos bester Freund ist, darüber lässt sich meiner Meinung nach streiten. Fakt ist, dass es letztes Jahr echt schmerzhaft war, zu sehen, wie die Trennung sie belastet hat. Für mich war klar: Ihre spontane Mission, sich mit der Kandidatur fürs Schulsprecheramt vom Liebeskummer abzulenken, musste ich daher zwangsläufig unterstützen. Lieber noch wäre ich selbst gegen Pops angetreten, aber aus dämlichen Gründen, von denen keiner hier wissen darf, war das ja keine Option.
»Langham?«
Ich blinzele und bemerke, dass Oscar mich fragend ansieht. »Ihr seid morgen Abend am Start?«
Ich nicke rasch. »Klar, Mann.«
Traditionsgemäß findet jedes Schuljahr nach den Sommerferien ein offenes Training statt, bei dem Oscar und die Coaches neue Spieler für die Mannschaft sichten. Letztes Jahr bin ich noch selbst angetreten. Nun auf der anderen Seite zu stehen, fühlt sich gut an.
In London habe ich auch Schulrugby gespielt, aber die Mannschaft der Dunbridge ist auf einem völlig anderen Level. Das Trainingspensum ist es auch, aber mir soll es recht sein, mich sechs Tage die Woche auf dem Feld abzurackern und im Kraftraum zu schwitzen. Verhindert, dass ich an andere Dinge denken muss. Und es hat dafür gesorgt, dass ich hier ein paar echt gute Freunde gefunden habe – Nervensäge Whitmore vielleicht mal außen vor gelassen.
Nein, das stimmt nicht. Tatsächlich liebe ich sie alle. Ein bisschen zu sehr vielleicht in Anbetracht der abgefuckten Umstände.
»Perfekt.« Oscar nickt. »Gus und du übernehmt zusammen eine Gruppe.«
»Fantastischer Plan, Cap. Die Neuen sollten schließlich die Möglichkeit haben, zumindest mit einem Top-Spieler in Berührung zu kommen.«
Ich tätschele seinen Arm. »Ich werd ja schon ganz rot, Gussie.«
Vince gluckst leise, während Gus mir den Mittelfinger zeigt.
»Ihr ergänzt euch gut«, fährt Oscar ungerührt fort. »Gus hat mehr Erfahrung, und du kannst besser erklären.«
»Entschuldige bitte?«, ruft Gus empört und stemmt die Hände in die Hüften.
»Ja, du ungeduldiger Sack«, sagt Jonah. »Kein Mensch hält es aus, wenn du versuchst, einem was beizubringen.«
»Dann frag dich mal, wie es sein kann, dass mein geschätzter Bruder Greg ganz oben auf H-Dales Tryout-Radar für die Saison steht.«
»Weil Oscar sein Training selbst in die Hand genommen hat?«, biete ich an.
»Ach, halt’s Maul, Langham. Einschleimen nützt hier nichts.«
»Also um ehrlich zu sein, ging das runter wie Öl«, meint Oscar.
»Seit wann hast du Humor?«, murmelt Gus verletzt. Dann hebt er den Kopf und läuft davon, weil er seinen Bruder Greg im Gewusel entdeckt hat.
Oscar, der ihm hinterherschaut, während Jonah und Vince mit Navid reden, schluckt. Seine Miene wirkt plötzlich glatt. Woran das liegt, kann ich mir vorstellen. Es muss scheiße sein, von seinem Zwilling getrennt zu sein. Soweit ich weiß, sind Alexander und er seit der fünften Klasse zusammen auf dieses Internat gegangen. Maddie ist drei Jahre jünger als ich, und selbst das tut schon weh genug, wenn ich wieder daran denke, dass sie an einer Schule so weit von mir entfernt ist.
Am liebsten würde ich Oscar davon erzählen, damit er sich ein bisschen verstandener fühlt. Ich wünschte wirklich, ich könnte einfach unvernünftig sein.
»Wie lief eigentlich das Probetraining?«, erkundige ich mich stattdessen. Ein Thema, das ihn meistens auf bessere Gedanken bringt. Außerdem interessiert es mich brennend, und ich hatte in den Ferien kaum eine Möglichkeit, mich dazu bei ihm zu melden.
»Soweit ganz gut.«
Also hervorragend.
Oscar dreht den Kopf wieder in meine Richtung, ganz der diplomatische Shootingstar. Man kann mit Sicherheit sagen, dass ich nie zuvor eine Nummer 10 gesehen habe, die schneller entscheidet, taktischer analysiert und intuitiver kommuniziert als er. Die Jungs sind alle stark, keine Frage, aber Oscar spielt nicht nur, er lebt, atmet und ist Rugby. Als ich ihn zum ersten Mal auf dem Feld erlebt habe, war eigentlich sofort klar, dass er ein Ausnahmetalent ist, das in die Nachwuchsförderprogramme der Verbände gehört. Zum Glück bin ich anscheinend nicht der Einzige, der das so sieht.
»Sie wollen mich in ein paar Wochen wiedersehen«, berichtet er. »Schicken eventuell die Scouts zu einem unserer Spiele hoch.« Oscar zuckt mit den Schultern. »Mr Cormack meinte, das wäre ein gutes Zeichen.«
»Geil, Mann.« Ich schlage mit ihm ein, aber sein Lächeln wirkt ein wenig matt. »Nächstes Jahr feuer ich dich dann von der Tribüne in Twickenham aus an.«
»Abwarten«, sagt er nur. »Aber schade, dass du nicht in London warst. Ich hätte dich gerne gesehen.«
»Ja, ich dich auch.« Ich nicke und komme mir wieder so schäbig vor wie vor ein paar Wochen, als er mir geschrieben hatte, ob wir uns sehen wollen, während er für sein Assessment der Rugby Union in der Stadt war und ich herumlügen musste, dass ich leider mit der Familie auf dem Land bin und es deshalb nicht klappt. »Beim nächsten Mal.«
»Ist bei deiner Familie denn alles okay?«
Mir wird ein bisschen kalt, so wie immer, wenn jemand hier nach ihnen fragt.
»Du meinst …«, beginne ich zögerlich, um abzutasten, in welche Richtung es geht.
»Wegen eurem familiären Notfall?«, bietet Oscar an. Er zieht die dunklen Brauen leicht zusammen, als ich aufatme.
»Ach so, ja. Nee, da ist alles gut. Falscher Alarm.«
Was für ein lächerlicher Scheiß.
Oscar denkt wohl dasselbe.
»Sicher, George? Du kannst mit mir über alles reden, das weißt du.«
Dass ich das leider niemals könnte, liegt nicht daran, dass ich Oscar nicht vertraue. Leider ist alles einfach etwas zu kompliziert.
Fühlt sich trotzdem beschissen an, zu nicken.
»Meiner Mum ging’s nicht so gut.« Das stimmt sogar. Wenn ich an sie denke, ist mir nach Heulen zumute. Die Umarmung heute Morgen vor dem Wagen. Die dämlichen Leute, die diskret die Blicke abgewendet haben, aber jedes Wort mithören konnten.
Es wird bald vorbei sein, mein Schatz. Bitte mach dir keine Sorgen. Versprich mir das, ja? Ihr seid beide so tapfer.
Verfluchte Hölle, die Tränen in Maddies Augen, als ich eingestiegen bin, während sich alles in mir dagegen gewehrt hat, von ihnen wegzugehen.
Ich muss tief durchatmen, um nicht emotional zu werden, aber das kann ich mir jetzt nicht erlauben. Nicht, während Oscar mich noch immer anschaut.
»Das tut mir leid zu hören, George.«
»Wird wieder.« Ich zwinge mich zu einem Lächeln. »Mach dir keinen Kopf. Ich bin voll fokussiert und ganz hier für die Saison.«
»Das bezweifle ich nicht«, sagt er. »Falls sich daran was ändern sollte … Du weißt, wo du mich findest.«
»Hoffentlich nebenan?«, frage ich. »Welches Zimmer hast du?«
»Das vorletzte hinten.«
»Rechts?«, vermute ich.
Oscar nickt.
Natürlich. Blick aufs Rugbyfeld. Was auch sonst?
»Und du?«
»Dir gegenüber«, erkläre ich feierlich.
Linke Seite. Blick über den Innenhof rüber zum Westflügel.
Oscars Miene hellt sich auf. »Mega. Dann ist es fast wie letztes Jahr.«
Ich nicke. Das Jahr im Viererzimmer mit Alexander, ihm und Vince war legendär. Die meiste Zeit waren wir sogar eher zu fünft, wenn Gussie mal wieder den Weg nach Hause nicht gefunden hat zu seiner Familie, die im Nachbardorf der Dunbridge Academy lebt.
Mein Gott, es hat so mies gerochen. Vier Rugbykumpel und dazu Alex mit seiner Pferdescheiße, die er aus dem Stall angeschleppt hat, jeden Nachmittag, wenn er noch bei seinem Gaul war. Wir haben regelmäßig Anschisse von unserem Flügelbetreuer bekommen, und wenn selbst Mr Cormack, unser Coach und Aufsicht der Zehner-Jungs, findet, dass es streng riecht, kann man sich vorstellen, wie bestialisch der Gestank war.
Ein seliges Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus.
Gute Zeiten.
»Und sonst?«, fragt Oscar, während wir durch den Innenhof laufen. Die Achtklässlerinnen, denen er im Vorbeigehen zulächelt, werden sofort knallrot und fallen fast in Ohnmacht. Das schwere Los des Rugbycaptains. »Wie waren deine Ferien dann noch?«
»Gut, ich hab regelmäßig trainiert, die Form müsste also passen.«
»George, Mann …« Oscar schüttelt den Kopf. »Ich frage dich das gerade nicht als dein Captain, sondern als dein Freund.«
»Ach so, ja, dann habe ich womöglich die meiste Zeit auf der faulen Haut gelegen und die freie Zeit genossen.«
»Klingt schon besser«, meint Oscar.
»Und du?«
»Ich bin froh, wieder hier zu sein«, sagt er nach einem Moment. »Mit euch allen.«
SCARLETT
»Wie schön, Sie wiederzusehen, Rektorin Sinclair. Hatten Sie erholsame Ferien?«, zwitschert Cleo und huscht an mir vorbei, um der Direktorin durch das Vorzimmer in ihr Büro zu folgen. »Hallo Mr Harper! Wie geht’s denn dem Rücken?«
Meine Beine brauchen einen Moment, bevor sie sich ebenfalls in Bewegung setzen. Mein Herz pocht bedrohlich gegen meine Rippen, während ich den beiden hinterherlaufe. An der Tür zum Rektorat bleibe ich stehen und beobachte fassungslos, wie Cleo unbeirrt auf die Sitzgelegenheiten zusteuert.
Das kann unmöglich wahr sein.
Ich bin vor den Sommerferien zur Schulsprecherin ernannt worden. Ich habe ein ausgeklügeltes Wahlprogramm erstellt, ich habe mich für die Wünsche der anderen eingesetzt, etliche Umfragen erstellt, Pläne geschmiedet, um mich hierauf vorzubereiten.
Das alles hätte ich mir also sparen können?
Ich muss mich am Türrahmen festhalten und beobachte, wie Cleo munter plaudernd auf einem der Sessel vor Rektorin Sinclairs Schreibtisch Platz nimmt. Sie schüttelt ihr Haar und beginnt, es rasch zu einem Zopf zu flechten, nachdem die Rektorin ihr einen mahnenden Blick zugeworfen hat. Dann schaut unsere Schulleiterin zu mir.
»Scarlett«, sagt sie. »Komm doch auch herein und schließ die Tür.«
Meine Finger beben, als ich ihrer Bitte nachkomme und mich auf den Platz neben Cleo setze. Sie hat ihren Zopf inzwischen vollendet und betrachtet ihre Fingernägel. Als ich neben ihr sitze, lächelt sie mich an, als wäre sie nicht im Begriff, mein Leben zu zerstören.
Rektorin Sinclair nimmt hinter ihrem Schreibtisch Platz. Es folgt also eine wenig erfreuliche Nachricht, das habe ich nach all den Jahren in der Schülermitverwaltung gelernt.
Nur dann oder bei vertrauensvollen Gesprächen setzt sie sich auf Augenhöhe mit uns hin. Bei Standpauken steht sie, um enttäuscht auf uns herabzublicken, was nie seine Wirkung verfehlt. Nicht, dass ich damit viel Erfahrung hätte, aber das habe ich zumindest gehört. Wenn nur locker geplaudert wird, lehnt sie sich mit der Hüfte an den Tisch oder steht am Fenster, um den Innenhof im Blick zu behalten. Jetzt aber sieht es nicht danach aus.
»Uns bleibt nicht viel Zeit, bevor wir eure neuen Mitschülerinnen und Mitschüler begrüßen«, beginnt sie. »Daher fasse ich mich kurz: Cleo, dir habe ich es bereits mitteilen lassen, Scarlett, nun auch für dich.« Sie schaut zwischen uns beiden hin und her. »Der Ausgang der Schulsprecherwahl wurde unerwartet angefochten. Wir haben daher noch einmal neu ausgezählt und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass ihr beide eine identische Anzahl an Stimmen erhalten habt.«
Oh … nein.
Das kann nicht sein. Das ist doch unmöglich.
Ein bis zwei Stimmen. Maximal drei.
Natürlich ist es möglich.
Ich habe es doch selbst nachgerechnet.
Ich kann fast nicht mehr atmen.
Cleo hingegen lächelt überrascht, und mich ereilt auf einmal ein ganz schrecklicher Verdacht.
»W-was soll das heißen?«, bringe ich hervor. »Angefochten? Von wem?«
»Von einem Mitschüler, Scarlett.«
Das … hätte er nicht gewagt.
Oder?
Mit beiden Händen umklammere ich mein Notizbuch.
»Inwiefern?« Ich beuge ich mich vor. »Also, ich meine … Wer war das?«
Rektorin Sinclair weicht meinem Blick nicht aus. »George Langham hat mich darauf hingewiesen, dass seine Stimme nicht berücksichtigt wurde, weil er am Tag der Abstimmung nicht vor Ort sein konnte.«
»Ja, und?«, platzt es aus mir heraus, woraufhin mir Cleo einen bestürzten Seitenblick zuwirft.
»George hat bemerkt, dass ihm keine Möglichkeit zur Briefwahl oder anderer Teilnahme an dieser Abstimmung geboten wurde.«
Unbändige Hitze kocht in mir hoch. »Dann hätte er halt da sein müssen.«
»Aber Scarlett, so funktioniert nun mal eine Demokratie«, sagt Cleo. Fast lache ich laut auf. Im Politikunterricht kann sie keine einzige von Ms Taylors Fragen beantworten, und nun will sie mir erklären, wie es läuft?
»Ich weiß, wie eine Demokratie funktioniert«, entfährt es mir ein wenig zu harsch.
Cleo blinzelt irritiert.
Mein Herz schlägt viel zu schnell in meiner Brust.
Sie hat keine Ahnung.
Er hat keine Ahnung.
Wie viel mir das hier bedeutet.
Sie haben alles kaputt gemacht.
Rektorin Sinclair blickt mich einen Moment lang an. »Tatsächlich war Georges Stimme ausschlaggebend für das Ergebnis der Wahl«, sagt sie dann. »Ihr liegt nun exakt gleichauf und werdet euch das Amt für die kommenden zwei Jahre daher teilen.«
Cleo strafft entschlossen die Schultern, während ich in mich zusammensinke.
Zwei Jahre. Mit ihr … Der heimlichen Königin dieser Schule.
Ich taste nach den Armstützen des Sessels.
Eigentlich kann ich auch direkt zurücktreten.
»Es wird mir eine Ehre sein, Rektorin Sinclair.« Cleo dreht sich zu mir. Bevor ich verstehe, wie mir geschieht, hat sie schon die Arme um mich geschlungen. »Auf eine gute Zusammenarbeit, Scarlett Poppy! Ich freue mich außerordentlich, an deiner Seite ein Vorbild für unsere Mitschülerinnen und Mitschüler zu sein.«
Die Sache ist die. Cleo Fantino ist kein schlechter Mensch. An den meisten Tagen verstehe ich selbst nicht, warum ich so starke Gefühle in ihre Richtung habe. Vermutlich liegt das daran, dass ihre gesamte Existenz das Abbild dessen ist, was ich nie sein werde. Beliebt, wunderhübsch, schlagfertig und witzig. Jeder möchte sich in ihrer strahlenden Aura sonnen und mit ihr befreundet sein. Sie hat alles, ihr Leben ist ein Traum, und ich … wollte doch einfach nur das hier.
»Ja, ich … freue mich auch.«
Das zu sagen, kostet mich all meine Überwindung.
Ich befreie mich steif aus Cleos Umarmung. Rektorin Sinclair sieht mich an, als ich ihr daraufhin einen Blick zuwerfe.
»Hast du Bedenken, Scarlett?«
Mir wird ein wenig kalt.
»Nein, Ma’am«, murmele ich. »Es ist nur …«
»Ja?« Rektorin Sinclair beugt sich etwas vor. »Du kannst hier ganz ehrlich sein, Scarlett.«
Das könnte ich niemals.
Nicht, wenn Cleo mir so das Gesicht zuwendet und blinzelt wie ein Reh im Scheinwerferlicht.
»Aber …«, höre ich mich sagen. »Genau genommen wäre dann ja auch die Stimme von Alexander Hallendale nicht länger gültig, schließlich ist er nun nicht mehr an der Dunbridge Academy?«
Cleo wird daraufhin ein wenig blass, und plötzlich hasse ich mich.
»Scarlett«, sagt Rektorin Sinclair erstaunt. »Wenn wir so anfangen, müssten wir komplette Neuwahlen durchführen.«
»Vielleicht sollten wir das ja.«
Rektorin Sinclair und ich drehen die Köpfe wohl gleichermaßen überrascht zu Cleo.
»Ich meine, es wäre fairer.« Sie zuckt mit den Schultern. »Finden Sie nicht?«
»Wäre euch das lieber?«, fragt Rektorin Sinclair.
Ja!
Ich schlucke.
»Vielleicht … wenn es keine allzu großen Umstände macht?«
Cleo nickt nach einem Augenblick. »Warum nicht?«
»Gut.« Rektorin Sinclair betrachtet uns. »Wenn das euer Wunsch ist, führen wir am Ende des Terms eine Stichwahl durch. In der Zwischenzeit könnt ihr die Unterschiede eurer Wahlprogramme herausarbeiten und mit der Schülerschaft in Kontakt treten. Bis dahin teilt ihr euch den Posten, einverstanden?«
Cleo und ich nicken synchron.
»Wunderbar, ich werde die Neuwahl morgen im Morgenassembly bekanntgeben.« Rektorin Sinclair steht auf. »Nun wollen wir die Neuen mal hereinlassen. Ich werde euch gleich als die vorläufigen Vertrauensschülerinnen vorstellen.«
Cleo springt auf. »Wo sollen wir hin, Rektorin?«
»Nach vorne, neben ihr Pult«, informiere ich sie leise, bevor Rektorin Sinclair es tun muss.
Cleo hebt beeindruckt die Augenbrauen. »Und das weißt du woher?«
»Von unserer Begrüßungsansprache.«
»Oh.« Cleo lächelt ertappt. »Daran erinnerst du dich?«
Ich nicke mechanisch.
Das ist ja das Problem.
Ich erinnere mich an alles.
Ich erinnere mich an das Gefühl, im Rektorat neben ihr zu stehen. Unsicher, unsichtbar. Wie albern von mir zu denken, wir könnten Freundinnen werden.
Ich muss heftig blinzeln, als wir uns neben Rektorin Sinclairs Pult positionieren. Die Neuen kommen herein, und Cleo lächelt ihnen strahlend zu. Die Jüngsten in der ersten Reihe blicken verzaubert zu ihr auf.
Mich nimmt niemand wahr. Alles ist wie immer.
Rektorin Sinclair tritt vor ihr Pult. Ich straffe die Schultern, während sie ihren Blick über die neuen Schülerinnen und Schüler schweifen lässt.
»Im Namen des gesamten Kollegiums heiße ich euch herzlich willkommen an der Dunbridge Academy«, sagt sie feierlich.
Obwohl vier Jahre vergangen sind, kann ich die Willkommensansprache Wort für Wort mitsprechen.
»An der Dunbridge Academy wollen wir vor allem Werte vermitteln und Persönlichkeiten bilden. Eines Tages werdet ihr diese Schule verlassen und in das Leben hinausgehen. Einige von euch erst in ein paar Jahren, für andere rückt der Schulabschluss bald in greifbare Nähe.«
Damals hat sie Henry angesehen, jetzt schaut sie zu Cleo und mir. In ihren Augen liegt ein Lächeln. Ein ehrfürchtiger Schauer läuft mir über den Nacken.
»Wenn es so weit ist, hoffe ich, dass ihr euch an die Zeit bei uns positiv zurückerinnert.«
Meine Gedanken schweifen leicht ab, während sie weiterspricht. Ich lasse den Blick über die Neuen wandern, die aufmerksam und ein wenig verschüchtert zu ihr schauen. Beinahe unvorstellbar, dass George als neuer Schüler noch vor einem Jahr ebenfalls hier saß.
»Euch soll jederzeit bewusst sein, dass die Schülerinnen und Schüler meiner Schule keine Konkurrenten sind«, fährt Rektorin Sinclair fort. »Sie sind Verbündete.«
Ein trockenes Lachen steigt in mir auf. Ich kann es nur mit Mühe unterdrücken.
Hätte er an dieser Stelle nur mal besser zugehört. Aber vielleicht sollte ich mir hier auch an die eigene Nase fassen.
»Unser Stolz sind die Schülerinnen und Schüler, die die Dunbridge Academy als junge Erwachsene verlassen, die für sich und ihre Mitmenschen einstehen«, sagt sie, und alles in mir wünscht sich, so jemand zu werden. »Viel wichtiger noch als ein hervorragendes Abschlusszeugnis und die Aussicht auf Studienplätze an den hochrangigsten Universitäten ist mir, dass ihr aufmerksam durch diese Welt geht und freundlich seid.«
Ich schlucke.
Mutig und freundlich.
»Dass ihr euch selbst besser kennenlernt und wachsen könnt.« Rektorin Sinclair lächelt. »Wenn euch dies während eurer Zeit bei uns gelingt, war sie, so sehe ich das, ein voller Erfolg.«
GEORGE
»Eigentlich ist es eine Unverschämtheit«, erklärt Gus später bei Oscar. »Dass wir hier immer noch die schäbigen alten Zimmer bewohnen müssen.«
»Wir?«, wiederholt Oscar, ohne vom Bildschirm aufzublicken, auf dem sie gerade das neue FIFA testen.
»Ja, Mann«, murmelt Gus abwesend und drückt unaufhörlich R2, als hätte er dadurch eine Chance, weniger haushoch gegen Oscar zu verlieren. »Ich meine, warst du schon drüben bei den Mädels? Jedes Fünfsternehotel stinkt ab gegen die renovierten Einzelzimmer im Westflügel.«
»Übertreib nicht …«
»Die haben Fußbodenheizung, Alter.«
»So wie du bei deinen Leuten doch auch?«
»Das ist was völlig anderes«, korrigiert mich Gus. »Hier im Internat ist die vorherrschende strukturelle Ungerechtigkeit nahezu empörend. Was? Jungs, ich kämpfe für eure Rechte, checkt ihr nicht?«
»Er hat jeglichen Bezug zur Realität verloren«, teilt Oscar mir mit.
»Ist das was Neues?«
»Ich verlasse die Mannschaft«, droht Gus.
»Nur zu«, murmelt Oscar. »Dann freut sich morgen einer mehr.«
»Ich hasse dich, Cap. Du hast ein Zimmer ohne Fußbodenheizung nur verdient.«
Oscar rollt mit den Augen. »Spielst du jetzt endlich, oder was?«
»Ich besiege dich doch längst.« Eine halbe Sekunde später schreit er auf. »Junge, Abseits!«
»Das war kein Abseits.«
»George!« Gus schaut hilfesuchend zu mir, aber ich zucke entschuldigend mit den Schultern.
»Du verdienst auch keine verfickte Fußbodenheizung. Tatsächlich hoffe ich, dass die Heizung bei euch beiden überhaupt nicht funktioniert. Den ganzen Winter lang.«
Oscar nickt. »Du bist der Erste, der sich bei Mr Acevedo darüber beschwert, weil es dir hier bei deinen kleinen Besuchen zu kalt ist.«
»Ich bin ja nicht blöd«, meint Gus. »Diesmal sollt ihr leiden. Und ich bleibe einfach in meinem eigenen wunderbar beheizten Zimmer, zu dem ihr ab jetzt übrigens keinen Zutritt mehr habt.«
»Denkst du, Greg wäre ein guter Ersatz für ihn?«, fragt Oscar und schaut über Gus hinweg zu mir.
»Äh, hast du sie noch alle?«
»Du willst die Mannschaft doch verlassen?«
Gus schnaubt nur und murmelt etwas, das wie »Elendige Verräter« klingt.
»Wann warst du überhaupt drüben bei den Mädels?«, erkundige ich mich bei ihm.
»Na vorhin. Scarlett hat mich eingeladen.« Gus grinst, als ich ihm einen scharfen Blick zuwerfe. »Ich habe ein paar Lateinzitate vor ihrem Zimmer aufgesagt, und zack, schon war die Tür sperrangelweit für mich geöffnet.«
»Du könntest kein einziges dämliches Lateinzitat aufsagen, Whitmore.«
»Zumindest nicht, ohne von Poppy korrigiert zu werden«, bestätigt er. »Und das ist schließlich ihre allerliebste Beschäftigung der Welt. Aber ich glaube, sie fühlt nur was, wenn sie es bei dir tun kann, Langham.«
»Schade, dass ich nie Fehler mache«, seufze ich und strecke mich, bis ein Wirbel in meinem Rücken knackt. »Wie ist es, nie zu erfahren, wie sich das anfühlt?«
Gus lacht. »Dreckiger Bastard. Auf dem Platz zeig ich es dir doch andauernd.«
»Warum bin ich mit euch befreundet?«, murmelt Oscar.
»Weil dir sonst gottlos langweilig wäre, Cap.« Gus nimmt wieder seinen Controller auf. »Revanche?«
Oscar nickt, aber dann schaut er zu mir. »Willst du mal?«
Ich winke ab. »Vielleicht später.« Gerade warte ich viel zu ungeduldig, dass mein Handy aufleuchtet und eine Nachricht von Cleo zeigt, in der sie mir mitteilt, was Rektorin Sinclair zu ihr und Pops gesagt hat. Aus irgendeinem Grund bin ich viel zu investiert in diese ganze Schulsprecherinnensache.
»Bei Cleo war ich«, meint Gus unvermittelt. »Auspacken helfen.«
Ah. Das meint er.
»Geiles Zimmer, Mann«, murmelt er, während sie das Spiel fortsetzen. »Dicke Wände. Alex hätt’s geliebt, das kann ich euch sagen.«
Ich stoße den Atem aus. »Schalldicht sind die Wände auf einmal sicher auch nicht.«
»Schalldichter als hier«, bemerkt Oscar, während er weiter konzentriert den Bildschirm betrachtet.
»Ach was«, spottet Gus. »Stille Wasser sind tief, Cap, nicht wahr? So hat man schließlich bereits im alten Ägypten gesagt.«
»Altissima quaeque flumina minimo sono labi«, murmele ich und verstumme, als Oscar und Gus gleichermaßen irritiert die Köpfe zu mir drehen. Unangenehm, aber das ist fast schon ein Reflex bei mir. »Was? Curtius Rufus war das. Geschichte Alexanders des Großen.«
»Passt ja zu Alexanders des Großen Zwillingsbruder.« Gus lacht in sich hinein. »Scheiße, Poppy wird garantiert ganz feucht, wenn du das bei ihr machst.«
»Nimm das zurück«, warne ich.
»Ich kann nicht«, seufzt Gus, während er ein Tor kassiert. »Nur deshalb machst du es doch, gib’s zu.«
Oscar atmet geräuschvoll aus. »Gus, Mann. Streng dich wenigstens mal an.«
»Noch sind Ferien, mein Guter«, meint Gus beschwichtigend. »Ab morgen geb ich mir wieder Mühe, versprochen.«
»George?«, fleht Oscar, während Gus eine neue Partie startet. »Bitte?«
Ich bin ein katastrophaler FIFA-Spieler, muss man wissen. Oscars letzter Strohhalm, schätze ich. Ich seufze und schaue noch mal auf mein Handy.
»Habt ihr schon was gehört von …?«
Weiter komme ich nicht, denn Oscars Tür fliegt auf. Hereinspaziert kommt Cleo, in der Schuluniform, ihre blonde Mähne zu einem lockeren Zopf geflochten und ein vergnügtes Funkeln in den Augen.
Oscar und Gus schauen sofort zu ihr.
»Meine besten Freunde!«, ruft sie erfreut und läuft zu uns. Vor dem FIFA-Bildschirm bleibt sie stehen, woraufhin Gus verzweifelt den Hals reckt und sich zur Seite lehnt.
»Du stehst im Bild, Cleopatra-Schatz …«
»Ich habe etwas zu verkünden«, sagt Cleo feierlich und faltet die Hände.
Oscar legt den Controller daraufhin kommentarlos zur Seite. Er kennt sie am längsten, daher weiß er, dass er gar nicht versuchen muss, zu diskutieren. Stattdessen lässt er sich zurücksinken, bis er mit dem Rücken an der Wand hinter seinem Bett lehnt.
»Sag schon«, dränge ich, während Cleo erwartungsvoll schweigt.
»Erst wenn Augustus auch zuhört.« Cleo stellt sich direkt vor ihn. »Gussie! Deine Schulsprecherin redet mit dir!«
»Nein!«, rufe ich und springe von Oscars Schreibtischstuhl auf. »Also tatsächlich?«
»Ja, George, aber ich fürchte, es gibt einen winzigen Haken.« Cleo schaut mahnend zu Gus, woraufhin Oscar ihm den Controller aus der Hand reißt.
»Alter, Mann, das war so ein geiler Pass!«
Er versucht, ihn zurückzubekommen, aber Oscar legt den Controller zur Seite und verschränkt die Arme vor der Brust.
»Ist Pops zurückgetreten?«
Oscar schnaubt belustigt. »Das glaubst du doch nicht wirklich?«
»Sie war tatsächlich nicht begeistert. Mir ist daher nichts anderes übriggeblieben, als Neuwahlen vorzuschlagen.«
»Neuwahlen?« Ich stutze. »Warum solltest du das tun?«
Cleo zuckt mit den Schultern, aber ihr winziges Zögern reicht, und ich weiß plötzlich genau, warum sie das tut.
Zur Hölle … Mehr Ablenkung von ihrem Herzschmerz.
Oscar seufzt nur. »Tut mir leid, Closs.«
»Nein, es ist wundervoll«, erklärt Cleo strahlend. Ich hasse es, wenn sie das macht. Oscar hasst es auch. Gus … checkt es meistens nicht, zumindest habe ich den Eindruck. »Es macht mir nicht im Geringsten etwas aus, und außerdem ist es nur fair. Scarlett hat das auch gesagt. Zählt man deine Stimme, George, nämlich nachträglich noch dazu, müsste die von Alexander für ungültig erklärt werden.«
»Woher will man wissen, dass er dich gewählt hat?«
»Wen soll er denn sonst gewählt haben?«, herrscht Oscar Gus an.
»Eben«, meint Cleo, aber für einen winzigen Augenblick flackert altbekannter Schmerz in ihren braunen Augen auf. »Jedenfalls habe ich mich einverstanden erklärt.«
»Cleo«, sagt Gus. »Das ist doch nervig?«
»Nein, überhaupt nicht.« Sie öffnet das Haargummi ihrer Frisur und streicht mit den Fingern durch ihren Zopf, bis ihr das Haar offen über die Schultern fällt. Dann quetscht sie sich zu Oscar und Gus aufs Bett. »Eine Stichwahl zwischen Scarlett und mir, das wird sicher aufregend.«
Oscar mustert sie. »Und es lenkt dich ab?«, vermutet er dann.
Cleos Augenbrauen zucken.
»Stell mich doch nicht so bloß«, murmelt sie nach einer Sekunde. Dann zieht sie die Knie näher an den Körper und lässt ihren Kopf an seine Schulter sinken. »Aber ja, vielleicht ist nicht auszuschließen, dass meine Entscheidung unwesentlich davon beeinflusst wurde.«
Gus, der es nun endlich auch kapiert, atmet mitfühlend aus, und Oscar legt den Arm um Cleo.
»Ich kann doch auf eure uneingeschränkte Unterstützung zählen?«
»Natürlich«, verspricht Oscar sofort.
Ich nicke, und Gus tut es ebenfalls.
Cleo lächelt daraufhin, aber der Schatten über ihren Augen bleibt.
Man muss dazu sagen, dass sie nicht oft so ist. Meistens erweckt es den Eindruck, dass Cleo eher sterben würde, als etwas von ihren wahren Gefühlen durchzulassen. Obwohl wir uns erst seit einem Jahr kennen, weiß ich genug über ihren Hintergrund, um zu verstehen, woher das kommt.
Ihre Familie ist aus New York, die Eltern beide verdammt erfolgreich, quasi nie da gewesen. Haben erst ihren älteren Bruder und dann sie hierher aufs Internat geschickt. Cleo lässt es immer so leicht aussehen, aber wenn man einmal erkannt hat, welche Traurigkeit sich hinter ihren Sprüchen verbirgt, ist nur schwer zu leugnen, dass sie eigentlich andauernd in der Angst lebt, nicht gesehen zu werden.
