Dungeon Crawler Carl - Matt Dinniman - E-Book

Dungeon Crawler Carl E-Book

Matt Dinniman

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Beschreibung

Arschwitzig, einfallsreich und absolut suchterzeugend. Die legendäre LitRPG-Fantasyserie um Dungeon Crawler Carl und die Perserkatze Princess Donut gibt es endlich auf Deutsch.  Willkommen im Dungeon. Entertainment ist Pflicht. Überleben nicht. Das Leben ist nicht fair. Erst wird Carl von seiner Freundin sitzengelassen, und dann muss er mitten in der Nacht in Boxer Shorts und Lederjacke raus, um ihre Katze Prinzessin Donut zu retten. Noch unfairer wird es, als er von außerirdischen Invasoren gezwungen wird, an einer sadistischen, intergalaktischen Spielshow teilzunehmen. In einem Dungeon voller Fallen, explodierender Goblins, Drogen dealenden Lamas besteht sein Leben von nun an vor allem darin, am Leben zu bleiben. Und dafür muss er neue Fähigkeiten entwickeln, mächtige Waffen finden und Sponsoren, die ihn in einer perversen und intriganten Medienwelt unterstützen, gegen die Panem ein Kindergarten ist. Zum Glück hat er Donut dabei, eine Katze mit viel Erfahrung im Showbusiness. Und dem unbedingten Willen zum Erfolg. "Frisch. Kreativ. Urkomisch. Ich bin obsessed ... Princess Donut ist meine Königin." Felicia Day "Wenn es ein besseres LitRPG als Dungeon Crawler Carl gibt, habe ich es noch nicht gelesen." Shirtaloon, Autor von He Who Fights Monsters "Wie kann eine Serie nur so viel Tiefe, Gefühl und Komplexität unter ihrer derben, blutrünstigen Oberfläche verbergen? Was für eine verrückte und unerwartete Freude." Scott Lynch

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 659

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Matt Dinniman

Dungeon Crawler Carl

Entertainment ist Pflicht - Überleben nicht

 

Aus dem amerikanischen Englisch von Ruggero Leo

 

Über dieses Buch

 

 

Willkommen im Dungeon. Entertainment ist Pflicht. Überleben nicht.

Das Leben ist nicht fair. Erst wird Carl von seiner Freundin sitzengelassen, und dann muss er mitten in der Nacht in Boxer Shorts und Lederjacke raus, um ihre Katze Prinzessin Donut zu retten. Noch unfairer wird es, als er von außerirdischen Invasoren gezwungen wird, an einer sadistischen, intergalaktischen Spielshow teilzunehmen.

In einem Dungeon voller Fallen, explodierender Goblins, Drogen dealenden Lamas besteht sein Leben von nun an vor allem darin, am Leben zu bleiben. Und dafür muss er neue Fähigkeiten entwickeln, mächtige Waffen finden und Sponsoren, die ihn in einer perversen und intriganten Medienwelt unterstützen, gegen die Panem ein Kindergarten ist. Zum Glück hat er Donut dabei, eine Katze mit viel Erfahrung im Showbusiness. Und dem unbedingten Willen zum Erfolg.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Matt Dinniman ist ein Schriftsteller und Künstler aus Gig Harbor, Washington. Er ist der Autor der Bestseller-Reihe „Dungeon Crawler Carl“ sowie mehrerer anderer Bücher über das Ende der Welt. Er hasst Cocker Spaniels nicht wirklich und spielt Bass in zwei Bands.

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel »Dungeon Crawler Carl« bei ACE, an imprint of Penguin Random House, LLC.

© 2020 Matt Dinniman

© 2026 S. Fischer Verlag GmbH,

Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main

Lektorat: Maike Hallmann

Innenabbildungen: Erik Wilson und Matt Dinniman (Kapitel 1)

Covergestaltung: RGD Plus Repro-Grafik-Design, nach dem Cover der amerikanischen Originalausgabe von Will Staehle / UNUSUAL.CO

ISBN 978-3-10-492259-1

 

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Inhalt

[Widmung]

[Motto]

1. Kapitel

Teil 1

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

Teil 2

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

Epilog

Bonusmaterial Buch 1

Rory

Danksagung

[Über den Autor]

Diese Ausgabe von Dungeon Crawler Carl ist dem Star einer der großartigsten, inspirierendsten und erstaunlichsten Überlebensgeschichten aller Zeiten gewidmet.

Fiona.

Fiona dem Nilpferd.

Ja, ich widme dieses Buch einem

gottverdammten Nilpferd.

 

Sorry, Mama.

Solange das Kolosseum steht, existiert auch Rom.

Fällt das Kolosseum, so fällt auch Rom.

Und geht Rom unter, dann auch die Welt.

Beda der Ehrwürdige

1

Die Transformation ereignete sich etwa gegen 02.23 Uhr morgens pazifischer Standardzeit. Soweit ich es beurteilen kann, war jeder, der sich zu diesem Zeitpunkt in einem Gebäude aufhielt, sofort tot. Befand man sich unter irgendeiner Art Dach, war man tot. Das galt auch für Menschen in Autos, Flugzeugen und U-Bahnen. Sogar für jene in Zelten und unter Pappkartons. Wahrscheinlich sogar für Leute unter Regenschirmen. Obwohl ich mir bei Letzteren nicht ganz sicher bin.

Ich will nicht lügen: Ihr, die ihr drinnen wart, vermutlich im Warmen, die ihr geschlafen und von irgendeinem Scheiß geträumt habt? Ich beneide euch! Ihr seid die Glücklichen. Ihr wart einfach weg. Seid bei der Transformation zu Staub zerfallen.

Es geschah an einem Dienstag, kurz nach Anbruch des 3. Januars. Ein schrecklicher Wintersturm war über Nordamerika hereingebrochen, und das halbe Land lag unter Schnee und Eis begraben. In Seattle fiel in jener Nacht nicht allzu viel Schnee, doch lagen die Temperaturen deutlich unter null, was selbst für Januar ungewöhnlich kalt war.

In anderen Teilen der Welt, wo es wärmer war und zudem nicht mitten in der Nacht, haben sicher mehr Menschen überlebt. Sehr viel mehr.

Außerdem wette ich, dass die meisten davon zum Zeitpunkt des Vorfalls mehr Kleidung am Leib trugen als ich. Und diese Arschlöcher waren schlau genug, nicht ins Licht zu gehen.

Ich hingegen hatte keine andere Wahl. Wie schon gesagt, die Temperatur lag unter dem Gefrierpunkt. Ich war im Freien. Und ich trug nur Boxershorts, eine Lederjacke und ein Paar rosa Crocs, die mir kaum passten.

Außerdem hielt ich eine jaulende, kratzende, zappelnde und fauchende Katze namens Prinzessin Donut die Königin Anne Chonk in den Armen. Sie war eine schildpattfarbene Perserkatze und mehr wert, als ich in einem Jahr verdiente. Meine Ex-Freundin nannte sie kurz Prinzessin Donut. Ich immer nur Donut.

Lasst mich etwa zehn Minuten zurückspulen. Ich will euch nicht mit einer allzu langen Hintergrundgeschichte anöden, aber einige Details könnten wichtig sein.

Mein Name ist Carl. Ich bin siebenundzwanzig Jahre alt. Nach meiner Zeit bei der US-Küstenwache habe ich als Schiffstechniker gearbeitet und für reiche Arschlöcher die elektronischen Systeme ihrer Partyboote repariert. Ein paar Tage vor der Transformation habe ich noch mit meiner Freundin zusammengewohnt, in unserem Apartment in Seattle.

Sie hieß Beatrice. Bea. Sie war auf den Bahamas, wo sie mit ein paar Freunden Silvester feiern wollte. Sie hatte mir verschwiegen, dass auch ihr Ex-Freund dabei sein würde. Ich fand es jedoch ziemlich schnell heraus, und zwar anhand eines Fotos auf Instagram, das sie auf seinem Schoß zeigte.

Ich mag kein Drama und komme auch nicht sonderlich gut darauf klar. Ob sie mich nun wirklich betrog oder nicht, war nicht so wichtig, denn sie hatte mich eindeutig angelogen. Also rief ich sie an und teilte ihr mit, dass es zwischen uns aus sei. Ich versprach ihr, bei ihrer Rückkehr all ihre Sachen für sie bereitzuhalten. Kein Drama. Keine Szene. Aber unsere Beziehung war vorbei.

Sie bat ihre Eltern, ihre Katze bei mir abzuholen, doch die wohnten auf der anderen Seite der Cascades, und bei diesem Wetter wagte sich niemand über die Pässe. Also versprach ich, bis zu Beatrices Rückkehr auf die Katze aufzupassen.

Lasst mich euch von der Katze Donut erzählen. Wie schon erwähnt, ist sie eine dieser flauschigen Katzen mit flachem Gesicht, die aussehen, als gehörten sie auf den Schoß eines Bond-Bösewichts. Bea und ich teilten uns ein Zweizimmer-Apartment, und ein Raum war Donut gewidmet, falls ihr versteht, was ich damit sagen will. Genauer gesagt, war das Zimmer voll mit Donuts Preisen, die sie auf irgendwelchen Wettbewerben gewonnen hatte: Siegerschleifen, Bändchen für die schönste Rassekatze, unzählige Trophäen und gerahmte Fotos, die sie auf einem Tisch zeigten, mit toupiertem Fell und stinksauer, während Bea und ein Richter hinter ihr standen. Bea besaß wahrscheinlich um die fünfzig solche Bilder. So ziemlich jedes Mal, wenn Beatrice Donut zu einer Ausstellung mitnahm, kehrte sie mit einem Haufen Schleifen, Pokalen und Fotos zurück. Und sie fuhr fast jedes Wochenende mit der verdammten Katze zu so einer Ausstellung.

Ihre ganze Familie hat schon immer Perserkatzen gezüchtet und ausgestellt. Ich hingegen wusste nicht sonderlich viel über Katzenausstellungen. Ich wollte nicht zu sehr darin verwickelt werden. Wie bereits erwähnt, mag ich kein Drama.

Und lasst mich euch etwas über Katzenmenschen verraten. Genauer gesagt: über Leute, die an Katzenwettbewerben teilnehmen.

Ach, vergesst es einfach. Scheiß auf diese Typen. Wichtig ist nur, dass Bea und Donut in dieser Szene aktiv waren, mit der ich nichts zu tun haben wollte.

Ich habe mich nie als großen Katzenfreund betrachtet. Allerdings muss ich zugeben, dass ich Donut mochte. Diese Katze scherte sich nie einen Dreck um irgendwas, und das respektiere ich sehr. Wenn Donut auf meinem Schoß sitzen wollte, während ich auf der Playstation zockte, dann saß sie auf meinem verdammten Schoß. Wenn ich sie runtersetzen wollte, kratzte sie mich fauchend und sprang sofort wieder hoch. Anschließend sah sie mich mit ihrem platten Gesicht an und schien mich zu fragen: Was willst du dagegen tun?

Mehr als einmal war ich versucht, das Viech zu erdrosseln. Aber ich bin kein Arschloch. Außerdem respektierte ich die Hartnäckigkeit des kleinen Monsters. Einige meiner Freunde zogen mich damit auf, dass ich so viel Zeit mit einer flauschigen Katze verbrachte, deren Wert wahrscheinlich mein Jahresgehalt übertraf, aber mir gefiel das. Ich genoss es, dieses Fellknäuel auf dem Schoß zu haben.

Eine von Beatrices eisernen, nicht verhandelbaren Regeln war das Rauchverbot in der Wohnung. Also fing ich nach unserem Streit und der Trennung an, so viel in der Bude zu rauchen wie möglich. Ich weiß, das ist unreif, aber draußen war es eiskalt. Donut allerdings schien den Qualm nicht besonders zu mögen, und der Geruch setzte sich in ihrem Fell fest. Also ging ich den Kompromiss ein, das Fenster beim Rauchen zu öffnen.

Als ich gegen zwei Uhr nachts aus einem Traum aufschreckte, brauchte ich Nikotin. Ich holte die Schachtel heraus, öffnete das Fenster einen Spalt weit und zündete mir eine Zigarette an.

Donut, die neben mir auf dem Bett geschlafen hatte, beschloss in diesem Moment – zum ersten Mal in ihrem Katzenleben –, nach draußen zu gehen und die Gegend zu erkunden. Sie hüpfte mir auf die Schulter, und dann sprang sie geradewegs aus dem zweiten Stock auf den Baum vor dem Fenster. Einfach so. Letztes Jahr hatte das Fenster etliche Male offen gestanden, und die Katze hatte es nie auch nur eines zweiten Blicks gewürdigt. Aber ausgerechnet heute, in der kältesten Nacht des Jahres, beschloss das pelzige Arschloch, einen auf Lewis und Clark zu machen und auf große Expedition zu gehen.

Sie huschte den Baum hinunter und schnupperte kurz am Bürgersteig, ehe ihr schlagartig klar wurde, dass es verflucht kalt war. Ihr Abenteuer war so schnell vorbei, wie es begonnen hatte. Sie kletterte zurück auf den Baum und starrte mich von einem fünf Meter entfernten Ast an. Mit einem Mal war Donuts Abenteuerlust offenbar wie weggeblasen, und der Sprung auf die Fensterbank war ihr zu riskant. Stattdessen fing sie an, aus voller Kehle zu jaulen.

Die nächsten Minuten verbrachte ich mit dem Versuch, die Katze unter Flüchen ins Haus zu locken. Ich öffnete das Fenster weit, und eiskalte Luft drang in die zuvor so mollig warme Wohnung. Die flauschige, schildpattfarbene Katze saß einfach nur da und zickte und heulte so sehr, dass ich befürchtete, einer meiner Nachbarn könnte aufwachen und sie erschießen.

Ich hatte meine Stiefel unten im Keller im Trockner vergessen und wusste nicht, wo zum Teufel meine Laufschuhe waren. Also zwängte ich die Füße kurzerhand in die Crocs meiner Ex-Freundin, warf mir eine dicke Lederjacke über und eilte nach draußen, um das Tier zu holen – eine Entscheidung, die ich schon bald bereuen sollte. Eine innere Stimme sagte mir immer wieder: Scheiß doch drauf. Das ist nicht deine Katze. Lass das Viech einfach erfrieren.

Aber wie gesagt, so ein großes Arschloch bin ich nicht. Sosehr Beatrice es auch verdient hätte, sie liebte diese verdammte Katze. Und die arme, dumme Donut hätte in der Kälte keine Chance gehabt. Jedenfalls nicht sonderlich lange.

Außerdem saß sie direkt vor dem Haus und jaulte, als würde jemand vor ihren Augen ihre Babys fressen.

Ich rannte die Treppe hinunter, verließ das Haus und eilte zu dem Baum, der zwischen Gehweg und Gebäude stand. Augenblicklich bereute ich, dass ich mir nicht die Zeit genommen hatte, passende Kleidung anzuziehen. Der kalte Wind schlug mir erbarmungslos die Klauen in Beine und Füße.

Donut saß genau über mir auf dem Baum, gerade außerhalb meiner Reichweite, und schaute zwischen mir und dem offenen Fenster hin und her. Sie jaulte immer noch. In einer Wohnung im ersten Stock ging Licht an. Ich stöhnte auf. Mrs. Parsons. Die mürrische Ich-meckere-gern-Mrs.-Parsons.

»Donut!«, sagte ich. »Komm schon, du kleiner Scheißer!« Ich streckte die Arme aus.

Die Katze sollte mir in die Arme springen. Das hatte ich ihr beigebracht. Wenn ich eine Packung Katzenleckerlis schüttelte, sprang Donut sofort an mir hoch. Wenn ich »Pspspsps« machte, hüpfte sie mir manchmal auf die Schulter. Ich verfluchte mich dafür, keine Katzenleckerlis mitgenommen zu haben.

Das Fenster im ersten Stock glitt auf. »Was in Gottes Namen ist denn da draußen los?«, rief die alte Mrs. Parsons und streckte den Kopf hinaus. Sie hatte sich eine Art Handtuch ums Haar gewickelt, wodurch sie wie ein Swami aussah. Ihre scharfen Augen richteten sich auf mich. »Carl, bist du das?«

»Ja, Mrs. Parsons. Tut mir leid. Meine Katze ist ausgebüxt, und ich versuche, sie wieder reinzuholen, bevor sie erfriert.«

»Sieht mir eher so aus, als wärst eher du derjenige, der gleich …«

Mrs. Parsons kam nicht dazu, den Satz zu beenden.

Bämm.

Es ging so schnell.

Das Gebäude wurde einfach zerdrückt. Vor meinen Augen. Im einen Moment war das siebenstöckige Wohnhaus noch da, im nächsten war es weg. Aber es löste sich nicht einfach in Luft auf. Ich hatte Mrs. Parsons direkt angesehen, als das Haus kollabierte. Es war, als hätte ein gigantischer, kosmischer Stiefel das Gebäude zermalmt wie eine riesige Blechdose. Und ich sah es nicht nur, ich hörte es auch. Ein starker Luftzug umrauschte mich, und schlagartig war es dunkel. Die Straßenlaterne gleich links von mir war ebenfalls verschwunden. Genau wie alle Häuser ringsum. Und auch die Autos auf der Straße.

Alles war weg, bis auf die Bäume, die Räder in den Fahrradständern und das Moped von Marjory Williams, das noch immer mit der Parkkralle der Verkehrspolizei blockiert war.

Ich sah mich um, die eisige Kälte war für einen Moment vergessen. Unter dem dunklen, bewölkten Nachthimmel konnte ich kaum etwas erkennen. Ein Feuer brannte in der Ferne – in die ich nur blicken konnte, weil die Gebäude verschwunden waren.

Es herrschte völlige Stille.

»Was zum Teufel …«, sagte ich und drehte mich im Kreis.

Ein paar Dinge waren wie durch reinen Zufall noch da. Zum Beispiel der Fahrradständer. Auch das Stoppschild stand noch da, aber das Straßenschild gleich daneben war weg. Das ergab keinen Sinn. Dort, wo zuvor Autos geparkt hatten, waren autoförmige Löcher im Boden, als wären sie durch den Asphalt gepresst und zum Mittelpunkt der Erde gesogen worden.

Donut sprang in meine noch immer ausgestreckten Arme. Ich sah die Katze an und wusste nicht, was ich tun oder sagen sollte.

»Was zum Teufel …?«, wiederholte ich.

Von meinem Wohnhaus war nichts weiter übrig als ein Rechteck aus aufgewühlter Erde und Steinen.

Und dann sah ich ihn, gleich neben meinen Füßen.

Mrs. Parsons Kopf. In der Dunkelheit war er schwer zu erkennen, doch ich wusste sofort, was da vor mir lag.

In diesem Moment traf mich die Erkenntnis mit voller Wucht. Der Schock über die verschwundenen Gebäude war eine Sache. Aber darin waren Menschen gewesen. Fast alle Einwohner der verdammten Stadt. Sogar die meisten Obdachlosen waren in Unterkünften untergebracht gewesen. Die Nachrichtensender hatten berichtet, dass sie wegen der extremen Kälte allesamt aufgelesen worden waren. Es war zwei Uhr morgens an einem Montag. Sicher hatten alle Leute in ihren Betten gelegen. Und das bedeutete, dass sie tot waren!

Ich drehte mich wie ein Idiot im Kreis und wusste nicht, was ich tun sollte. Ich fühlte mich hundsmiserabel. Donut begann, sich in meinen Armen zu winden, denn sie war wohl zu der Erkenntnis gelangt, dass ich ihr nichts mehr nützte. Sie kratzte mich. Trotzdem ließ ich sie nicht los.

Dann erklang die Stimme. Eine männliche, roboterhafte Stimme.

Ich hörte sie in meinem Kopf. Diese Stimme war wie ein physisches Objekt. Ein schmerzender Stachel in meinem Gehirn. Sie sprach nicht auf Englisch, trotzdem verstand ich die Worte. Und während ich diese fremde Stimme hörte, erschien das, was sie sagte, zugleich direkt vor meinen Augen.

Überlebende Menschen – aufgepasst!

»Was?«, sagte ich laut. »Was passiert gerade? Wer ist da?« Ich trat nach den schwebenden Wörtern, und der Croc, der mir viel zu klein war, flog davon. Ich hüpfte hinterher und schob hastig den Fuß wieder hinein. Der Text bewegte sich mit mir, schwebte nur wenige Zentimeter vor meinem Gesicht.

Auch der Text war nicht auf Englisch, und die Zeichen waren senkrecht angeordnet, nicht horizontal. Trotzdem waren sie mir vertraut, ich verstand sie, als hätte ich die Sprache mein ganzes Leben lang gelesen.

Gemäß den Vorschriften des Syndikats, Unterabschnitt 543 des Kodex‘ für Edel-Elementvorkommen, wurde euer Planet offiziell beschlagnahmt, da ihr es versäumt habt, innerhalb von fünfzig Solars nach dem Erstkontakt ordnungsgemäß euren Rechtsanspruch auf den Abbau von Mineralien und Elementen zu erheben. Alle beanspruchten Elementvorkommen werden jetzt vom dem Planeten zugeteilten Regenten gefördert.

Sämtliche Hohlräume eurer Welt wurden zermalmt, und alle Rohstoffe – organische wie unbelebte – werden nun abgebaut, um die gewünschten Elemente daraus zu gewinnen.

Gemäß der Abbaubeschwerdeverordnung und des Unterabschnitts fünfunddreißig der Schutzverordnung für Einheimische Planetare Spezies erhalten alle überlebenden Menschen die Möglichkeit, ihre verlorene Materie zurückzufordern. Die Borant-Corporation, der die Regentschaft über dieses Sonnensystem übertragen wurde, darf die Art und Weise dieser Rückforderung bestimmen und hat sich für Option drei entschieden, auch bekannt als 18-Level-Welt-Dungeon. Die Borant-Corporation behält alle Sende- und Nutzungsrechte und kontrolliert sämtliche Belange des Welt-Dungeons, sofern sie die Syndikatsvorschriften zur Rückforderung von Weltressourcen einhält.

Nach dem erfolgreichen Abschluss von Level achtzehn des Welt-Dungeons geht die Regentschaft über diesen Planeten an den Sieger über.

Eine neutrale KI – meine Wenigkeit – wurde dazu erschaffen, das diesem Planeten zugewiesene Syndikat zu überwachen. Ich beaufsichtige die Generierung des Welt-Dungeons und sorge dafür, dass alle Regeln und Vorschriften ordnungsgemäß eingehalten werden.

Bitte beachtet die folgenden Informationen genau, da sie nicht wiederholt werden.

Gemäß der Schutzverordnung für Einheimische Planetare Spezies werden alle nicht beanspruchten Rohstoffe – circa 99,999999 % des geförderten Materials – derzeit für den Bau des unterirdischen Welt-Dungeons verwendet. Die erste Ebene dieses Dungeons wird etwa achtzehn Sekunden nach Ende dieser Durchsage geöffnet. Die Zugänge zu dieser Ebene stehen genau eine Menschenstunde lang offen, nicht länger. Sobald sie geschlossen sind, dürft ihr sie nicht mehr nutzen. Wenn ihr den Dungeon betretet, könnt ihr ihn erst wieder verlassen, wenn ihr entweder alle achtzehn Ebenen abgeschlossen habt oder bestimmte andere Voraussetzungen erfüllt sind.

Falls ihr den Welt-Dungeon nicht betreten wollt, müsst ihr auf eigene Faust auf der Oberfläche eures Planeten überleben, und das hier könnte die letzte Nachricht sein, die ihr in eurem Leben erhaltet. Alle zuvor verarbeiteten Materialien und Elemente sind verwirkt. Gleichwohl steht es euch frei, alle übrigen, natürlich vorkommenden Ressourcen abzubauen und zu nutzen. Die Borant Corporation wünscht euch viel Glück und dankt euch für diese Gelegenheit.

Diejenigen, die ihr Recht auf Rückforderung der Ressourcen wahrnehmen wollen, sollten Folgendes beachten:

In eurer Welt werden 150000 Zugänge zur ersten Ebene geschaffen. Diese Eingänge werden markiert und sind leicht zu finden. Falls ihr die erste Dungeon-Ebene betretet, habt ihr fünf Rotationen eures Planeten Zeit, um in die nächsttiefere Ebene zu gelangen. Es wird 75000 Eingänge zur zweiten Ebene geben, 37500 Eingänge zur dritten, 18750 Zugänge zur vierten Ebene, 9375 Eingänge zur fünften und 4688 zur sechsten. Die Anzahl der verfügbaren Zugänge zur nächstniedrigeren Ebene verringert sich jeweils um die aufgerundete Hälfte. Die achtzehnte Ebene schließlich hat nur noch zwei Eingänge und einen einzigen Ausgang.

Crawler, die den Welt-Dungeon betreten wollen, müssen eine Treppe finden und in die nächsttiefere Ebene hinabsteigen, bevor die Zeit für das jeweilige Level abläuft. Ist sie abgelaufen, wird die Ebene zurückgefordert, und alle verbliebenen Materialien – organisch wie unbelebt – sind verwirkt. Generierte Beute und andere Items, die nicht gefördert und beansprucht wurden, können auf dem Syndikatsmarkt verkauft werden.

Mit jeder Ebene erhöht sich der Zeitraum, in dem die Rückforderung möglich ist. Sobald die Crawler die zehnte Ebene erreichen, treten Zusatzregeln in Kraft. Diese Regeln werden erklärt, sobald ein Crawler dort ankommt.

Falls ihr euch dazu entscheidet, den Welt-Dungeon zu betreten, solltet ihr unbedingt sofort eine Tutorial-Gilde finden und nutzen. Mehrere solcher Tutorial-Gilden sind auf den Ebenen eins bis drei verstreut.

Falls ihr weitere Fragen habt oder Beschwerde einlegen möchtet, müsst ihr euch schriftlich an die nächstgelegene Syndikatsbehörde wenden.

Danke, dass ihr Teil des Syndikats seid. Ich wünsche euch einen schönen Tag.

Ich begriff kaum etwas von dem, was die Stimme verkündet hatte, so verwirrt war ich von dem Ereignis. Ich spürte meine Beine nicht mehr. Ich war schon viel zu lange hier draußen und lief ernstlich Gefahr, zu erfrieren und meine Zehen an die Kälte zu verlieren. Ich musste nach drinnen, und zwar sofort.

Aber es gab kein »Drinnen« mehr. Es gab nicht mal mehr Autos. Ich beobachtete das Feuer, das ein paar Blocks weiter wütete. Ich musste dorthin, und zwar schnell. Also wandte ich mich dem Brand zu und trottete los.

Der Wind, vor dem Verschwinden der Gebäude nur eine leichte Brise, war jetzt ein unablässiger Eissturm und stank nach Ozean. Donut wand sich in meinen Armen, kratzte und wollte sich befreien. Die Katze biss mir sogar in die Schulter, doch meine Jacke schützte mich. Ich drückte Donut fester an mich.

War das ein Traum? Hatte man mir versehentlich ein Halluzinogen verabreicht?

Ein Welt-Dungeon? Was zum Teufel? Was sollte das überhaupt bedeuten? Meine Gedanken rasten. Ich musste sofort an Pathfinder,Dungeons & Dragons und andere Systeme denken, die ich zuletzt vor meiner aktiven Dienstzeit gespielt hatte. Nirgends sah ich auch nur einen einzigen verdammten Menschen, da war nur das Rauschen des Windes.

Ein Laut, der mich an eine Trompete erinnerte, schallte durch die Nachtluft. Abrupt blieb ich stehen und sah mich um. Was jetzt? Jetzt wird der Dungeon generiert, dachte ich. Das passiert wirklich. Heilige Scheiße, das passiert gerade wirklich.

Weniger als hundert Meter zu meiner Linken, wo eben noch ein Gebrauchtwarenladen gewesen war, leuchtete plötzlich ein Scheinwerfer senkrecht in die Luft. Knapp anderthalb Kilometer entfernt sah ich einen weiteren Scheinwerfer aufleuchten. Als ich mich umsah, erblickte ich noch mehr davon, quer über das ehemalige Stadtgebiet verteilt.

Selbst aus dieser Entfernung spürte ich die Wärme, die von dem hell erleuchteten Loch im Boden ausging.

Ich dachte nicht länger darüber nach. Durch meinen Kopf schwirrten noch immer all die Informationen, mit denen ich überschüttet worden war. Die rosa Crocs passten mir kaum. Das Feuer war weiter weg als gedacht. Ich hatte bereits am eigenen Leib erlebt, wie gefährlich Unterkühlung für einen Menschen sein kann.

Also wandte ich mich dem Licht zu und rannte los.

Teil 1

2

Dungeon-Ebene 1

Zeit bis zum Einsturz der Ebene: 5 Tage

Eine verzierte Treppe führte hinab ins Licht. Die Stufen schienen aus Schmiedeeisen zu bestehen und waren breit genug, dass zwanzig Menschen nebeneinander laufen könnten. Angenehme Wärme strömte aus dem Loch. Ich nahm die erste Stufe, die höher war als erwartet. Meine Schritte hallten von den Wänden des Treppenabgangs wider.

Ich war der Einzige hier, aus einer Stadt mit fast einer Million Einwohnern.

Donut, die aufgehört hatte, sich zu wehren, klammerte sich an meine Schulter und begann zu knurren, als wir uns dem hellen Licht näherten. Die herrliche Wärme lockte mich immer tiefer hinab. Meine Beine und Füße, die ich schon nicht mehr gespürt hatte, fingen an zu brennen. Ich war nicht lange genug in der Kälte gewesen, um echten Schaden zu nehmen, war aber verdammt durchgefroren.

Die Treppe schien nicht enden zu wollen. Die eisernen Stufen waren mit einem seltsamen Muster verziert, das vermutlich Fische symbolisierte. Oder vielleicht Dämonen. Beim Anblick der fast asiatisch anmutenden Reliefs stieg ein ungutes Gefühl in mir auf. Diese Treppe hatte vor wenigen Minuten noch gar nicht existiert. Sie wurde aus den Gebäuden, Autos und Menschen dieser Welt erschaffen. Von wem? Wie haben sie das gemacht?

Als ich den untersten Absatz erreichte, war die Temperatur etwa auf schwüle 26 Grad Celsius gestiegen. Die Metalltreppe endete an einem Marmorboden vor einem gewaltigen hölzernen Bogentor, etwa zehn Meter hoch und ebenso breit. Es hatte die Form eines riesigen Fischdämons und erinnerte mich stark an die Verzierungen auf den Stufen.

Ich ließ den Blick über das doppelflüglige Tor nach oben wandern.

»Was zur Hölle ist das?«, murmelte ich.

Während ich das Tor anstarrte, poppte eine Infobox darüber auf – so plötzlich und unerwartet, dass ich zurückwich. Es war, als wäre ich in einem Computerspiel, oder vielleicht trug ich spezielle Kontaktlinsen, die Tooltips einblendeten. Die Infobox hatte sogar ein kleines X in der oberen rechten Ecke, mit dem man sie schließen konnte.

Dies ist das Abbild eines Kua-tin, der dominanten Spezies des Borant-Systems und Haupteigentümer der Borant Corporation. Prägt euch diesen Anblick ein. Dazu gibt es später einen Test.

Sollte der letzte Satz ein Scherz sein? Ich konzentrierte mich auf das X in der Ecke und schloss die Box mit meiner Willenskraft.

Hä?, dachte ich. Dann betrachtete ich erneut das Abbild und spürte etwas – eine Art leichtes Kribbeln im Gehirn. Die Infobox poppte wieder auf. Ich schloss sie.

Seltsam. Ich konnte die Informationsanzeige also mit meinen Gedanken steuern. Ich konnte Infoboxen öffnen, indem ich mich auf etwas Bestimmtes konzentrierte. Ich konnte sie schließen, indem ich mental das X anklickte.

Das bedeutet, sie sind in deinem Kopf. Vielleicht passiert das alles in Wahrheit gar nicht. Vielleicht schläfst du, und das Ganze ist eine Art Hightech-Simulation. Wie in den Matrix-Filmen.

Das Brennen in meinen zunehmend wärmeren Beinen und Füßen erinnerte mich daran, dass es keine Rolle spielte, ob ich mich in einer Simulation befand oder nicht. Nicht, wenn ich Schmerz empfinden konnte.

Ich stemmte die freie Hand gegen das Tor. Es öffnete sich widerstandslos und gab den Blick auf einen langen, von Fackeln erhellten Gang frei. Er war ebenso breit und hoch wie das Tor, eher ein Tunnel für eine zweispurige Straße als für einen Fußgänger. In der Ferne sah ich mehrere Abzweigungen, und in der Nähe des ersten Abzweigs blinkte ein Licht. Anscheinend eine Art Schild, das ich von hier aus jedoch nicht lesen konnte.

»Aua«, schrie ich, als Donut mir in die Hand biss. Ich ließ die Katze fallen, und sie lief in den Gang hinein. Nach etwa zehn Schritten blieb sie stehen und musterte erschrocken und verwirrt die Umgebung.

Ich ging auf die Katze zu, und hinter mir schlug das Tor zu und schirmte das Licht des Eingangsbereichs ab. Ich stand in schummrigem Fackellicht.

Willkommen, Crawler. Willkommen in der ersten Ebene.

Es war ein anderer Sprecher als bei der ersten Ankündigung; die Stimme war männlich und klang übertrieben enthusiastisch, fast wie ein Gameshow-Moderator. Die Worte erschienen vor mir in der Luft und erklangen zugleich auch in meinem Kopf. Im Gegensatz zur Tooltipbox konnte ich die Nachricht nicht wegklicken. Sie glich eher einem Film-Untertitel.

Ein Timer erschien oben rechts in meinem Blickfeld. Er zeigte 4 Tage, 23 Stunden und 48 Minuten an und zählte rückwärts. Erneut versuchte ich, die Schrift wegzuwischen. Erfolglos. Ich schloss die Augen und konnte die Anzeige nicht mehr sehen. Das war beunruhigend, und mich beschlich ein leicht mulmiges Gefühl in der Magengegend.

Donut verharrte einige Schritte vor mir, und dann schlug die dicke Katze vor sich in die Luft. Sie sieht es auch, dachte ich. Heilige Scheiße. Was auch immer hier vorging, es betraf die Katze genauso wie mich.

»Donut. Bleib bei mir.«

Wie es für Katzen typisch ist, ignorierte sie mich. Doch während ich sie ansah, verspürte ich dasselbe fast unmerkliche Kribbeln im Kopf wie beim Betrachten des Tors. Ich konzentrierte mich stärker, und eine Infobox erschien über der Katze:

Crawler Nr. 4119. »Prinzessin Donut«.

Stufe 1.

Ethnie: Katze.

Klasse: Noch nicht zugewiesen.

Ich trat einen Schritt vor in meinen Crocs. Mir war schmerzlich bewusst, dass sie mir viel zu klein waren.

Der nächste Text poppte auf.

Dir wurde die Crawler-Nummer 4122 zugeteilt. Dein dir zugewiesener Crawler-Name lautet »Carl«.

Du bist der Ethnie Mensch zugeordnet. Derzeit bist du Stufe 1. Du kannst deine Ethnie und Klasse ändern, sobald du zu Ebene 3 hinabgestiegen bist. Deine Statuspunkte wurden auf Grundlage deines aktuellen körperlichen und geistigen Profils bestimmt. Weitere Informationen findest du im Status-Menü.

Menü? Ich fragte mich, wie man ein Menü aufrufen sollte. Doch noch bevor ich das herausfinden konnte, überrollte mich eine Textflut.

Herzlichen Glückwunsch! Du hast dein erstes Achievement freigeschaltet: Verrückte Katzenlady.

Du hast den Welt-Dungeon in Begleitung einer Katze betreten. Ah, ist das nicht süß?

Belohnung: Du hast eine Bronzene Katzenbox erhalten!

 

Neues Achievement! Bahnbrechendeverrückte Katzenlady.

Du bist der erste Crawler, der den Welt-Dungeon in Begleitung einer Katze betreten hat. Du musst das Viech wirklich lieben. Zu dumm, dass ihr beide jederzeit eines grausamen Tods sterben könntet. Oder vielleicht auch nicht. Schau nur, welches Item du gerade erhalten hast!

Belohnung: Du hast eine LegendäreKatzenbox erhalten!

 

Neues Achievement! Early Adopter.

Du zählst zu den ersten 5000 Crawlern, die einen neuen Welt-Dungeon betreten. Du Trottel.

Belohnung: Du hast die Silberne Abenteurerbox erhalten!

 

Neues Achievement! Leere Taschen.

Du hast keine Vorräte dabei. Nichts. Du weißt, dass du trotzdem etwas essen musst, oder?

Belohnung: Du hast die Bronzene Abenteurerbox erhalten!

 

Neues Achievement! Warum trägst du keine Hose?

Du hast den Dungeon ohne Hose betreten. Kumpel. Im Ernst?

Belohnung: Du hast eine goldene Kleidungsbox erhalten!

 

Neues Achievement! Unbewaffneter Kampf.

Du spazierst also einfach so in einen Welt-Dungeon und nimmst nicht mal eine Waffe mit? Entweder bist du mutiger, als du aussiehst, oder einfach ein Idiot. Viel Glück, Van Damme.

Belohnung: Du hast eine Bronzene Waffenbox erhalten!

 

Neues Achievement! Einzelgänger.

Du hast den Dungeon ohne menschliche Begleiter betreten. Hat dir denn niemand beigebracht, dass man in einer Gruppe sicherer ist?

Belohnung: Keine! Haha. Du bist so was von tot.

Ich starrte auf die letzten Worte, die allmählich verblassten.

Du bist so was von tot.

Donut schlug schon wieder mit den Pfoten in die Luft.

»Menü«, sagte ich laut. Nichts geschah.

»Status«. Nichts.

Wie zum Teufel sollte ich die Informationen über mich aufrufen? Es hieß, ich hätte mehrere … was genau eigentlich? Lootboxen erhalten? So hörte es sich jedenfalls an. Das bedeutete ja wohl, ich musste eine Art Inventar haben. Mir fiel ein, was in der ersten Ankündigung erwähnt wurde – etwas über die Suche nach einer Tutorial-Gilde. Ich starrte zum Neonschild rüber, das etwa hundert Meter weiter im dunklen Tunnel leuchtete. War das die Gilde?

Ich verfiel in einen gemächlichen Trab und hielt auf das leuchtende Schild zu. Dabei kam ich an Donut vorbei, die auf dem Boden saß, sich die Pfote leckte und sich damit über Ohr und Stirn rieb. Nach einem Moment seufzte die Katze auf und folgte mir.

Auf dem Neonschild stand »Zur Tutorial-Gilde«, und ein Pfeil wies in eine schmale, dunkle Gasse. Ich blieb stehen, und das Echo meiner Schritte verhallte in dem großen, leeren Tunnel. Ich spähte in die Dunkelheit. In der Gasse war es stockfinster.

Hinter mir miaute Donut besorgt.

Ich betrat die Gasse.

Neues Achievement! Eine offensichtliche Falle!

Belohnung: Falls es einen Himmel gibt und du kein zu großes Arschloch warst, lassen sie dich vielleicht rein. Denn du bist kurz davor, deinem Schöpfer gegenüberzutreten.

Drei Lichter leuchteten auf und blendeten mich. Ich hielt mir die Augen zu und wich zurück. Mit mechanischem Zischen und lautem Brummen erwachte etwas zum Leben, das wie eine Dampfmaschine klang. Schrilles Gelächter ertönte.

Ich drehte mich um und rannte los. Als ich in den Haupttunnel einbog, in entgegengesetzter Richtung zur Treppe, flogen meine rosa Crocs durch die Luft. Donut jaulte auf und folgte mir.

Ich riskierte einen Blick über die Schulter und sah ein eigenartiges Gefährt aus der Gasse schießen. Fast wäre es an die gegenüberliegende Wand geprallt, doch es hielt rechtzeitig an, setzte langsam zurück und drehte sich in meine Richtung.

Die Maschine war so groß wie ein Traktor und fuhr auf Ketten wie ein Panzer. Gebaut war sie offenbar aus nicht zusammenpassenden, rostigen Metallteilen; es sah aus, als würde sie jeden Moment auseinanderfallen. Eine rotierende, mit Stacheln besetzte Walze dominierte die Vorderseite der Todesmaschine. Auf dem Traktor standen drei humanoide Kreaturen mit grüner Haut, die kreischend auf mich zeigten. Jedes dieser Monster war etwa eins zwanzig groß und trug Lederlumpen. Eins schien einen Kochtopf auf dem Kopf zu tragen. Grunzend und johlend bediente es das Steuerpult der klobigen Maschine. Schwarzer Rauch quoll aus mehreren Rohren. Die Stachelwalze rotierte noch schneller, als sich das Gefährt ausrichtete und auf mich zufuhr.

Ein Tooltip poppte auf.

Goblin-Todesraupe. Apparatur.

Eine von Goblins gebaute dampfbetriebene Maschine, die ahnungslose Dungeon-Crawler niedermäht und abschlachtet. Ich hoffe, du hast deine Tetanusimpfung aufgefrischt.

Über den drei Goblins tauchten drei weitere Tooltips auf. Zwei davon lauteten:

Goblin. Stufe 2.

Klein, grün und schlau. Was den Goblins an Körperkraft fehlt, machen sie durch Mumm wieder wett.

Der Goblin mit dem Topfhelm, der die Maschine lenkte, hatte eine andere Beschreibung:

Goblin-Ingenieur. Stufe 3.

Ingenieure. Die Incels der Goblin-Welt. Sie kriegen nur schwer ein Date zustande, was sie besonders reizbar macht. Wenn sich in deiner Gruppe Frauen befinden, greifen sie die zuerst an.

Mir blieb keine Zeit, darüber nachzudenken, was für plumpe Witze das eigentlich sein sollten – oder auch nur über die Tatsache, dass ich mich einer Gruppe echter, lebender Monster gegenübersah, die mich töten wollten. Stattdessen rannte ich den Gang entlang und erreichte eine Kreuzung. Mir standen drei Richtungen zur Auswahl: vorwärts, rechts oder links. Rechts lag ein weiterer matt erhellter Gang, etwa halb so breit wie der letzte, aber immer noch breit genug für das Gefährt der Goblins. Links ging es in eine enge, dunkle Gasse, viel zu schmal für den Bulldozer.

Die offensichtliche Wahl wäre die dunkle Gasse. Ich stutzte. Das war zu offensichtlich. Ich witterte die nächste Falle. Geradeaus zu laufen verbot sich von selbst, denn die nächste Abzweigung war viel zu weit entfernt – hier würde mich die Maschine mit Leichtigkeit einholen.

Ich bog rechts ab. Donut blieb an meiner Seite, was sehr untypisch für sie war.

Dieser Gang war nur so breit wie eine normale Straße und hatte eine glatte, vier Meter hohe Decke. Grünlich leuchtende Wucherungen an den Mauerwänden und der Decke tauchten den Tunnel in seltsames Licht. Hinter mir quiekten die Goblins, während sie sich abmühten, ihre Todesraupe zu manövrieren. Das Gefährt hatte einen großen Wendekreis, und sie würden einen Moment brauchen, um die Verfolgung wieder aufzunehmen.

Vor mir tauchte eine weitere Kreuzung auf. Kurz davor entdeckte ich eine schlichte, in die Wand eingelassene Holztür und darüber ein schlichtes Schild. Der Schriftzug darauf war vom selben dunklen Rot wie die Wandziegel und war deshalb kaum zu entziffern. Die Aufschrift lautete »Tutorial-Gilde«. In derselben seltsamen Sprache wie bisher.

Als ich das Schild las, poppte im selben Moment eine leuchtend grüne Box auf, die den Text gut leserlich zeigte.

Neues Achievement! Du hast ein offizielles Dungeon-Schild entdeckt und gelesen.

Wow! Du kannst lesen. Juhuuu!

Belohnung: Alle offiziellen Dungeon-Schilder werden jetzt hervorgehoben und sind leichter zu erkennen. Gilden in der Nähe werden auf deiner Minimap angezeigt.

Eine Minimap? Ich musste wirklich herausfinden, wie man das alles aufrief. Hinter mir steckte die Mörderraupe in der Biegung fest, und einer der Stufe-2-Goblins schlug kreischend mit einer Art Stock auf den Topfhelm des Ingenieurs ein. Der dritte starrte mich an und schüttelte die Faust.

Würden sie mir in die Gilde folgen? Keine Ahnung. Ich griff nach dem Messingknauf und versuchte, die Tür zu öffnen.

Der Knauf ließ sich nicht drehen. Verschlossen.

»Was zum Teufel?« Ich hämmerte mit der Faust gegen die Holztür. »Hey, ist da drin jemand?«

Die beiden Stufe-2-Goblins schienen nicht mehr abwarten zu wollen, dass der Bulldozer die enge Kurve schaffte, sprangen ab und rannten auf mich zu. Sie trugen keine Rüstung, schwangen aber eine Art Holzstöcke mit einer Ananas am Ende. Sie würden mich sehr bald einholen. Neben mir begann Donut zu knurren und zu fauchen.

Hinter der Tür hörte ich Ketten rasseln und Schlösser klicken, dann öffnete sie sich einen Spaltbreit, bis eine Türkette sie stoppte.

Eine bärtige, rattenähnliche Kreatur erschien im Spalt. Ich konnte ihre Gesichtszüge kaum erkennen, doch sie war etwa einen Kopf kleiner als ich. Also größer als die Goblins, aber nicht viel.

»Was willste?«, fragte die Kreatur. »Pöbel wie du hat hier keinen Zutritt. Das weißt du doch!«

»Hey, das ist eine Tutorial-Gilde, oder? Das Ding hat gesagt, ich soll herkommen.«

Das eine Auge, das ich sehen konnte, weitete sich. »Du bist … du bist ein Crawler? Moment!« Das Rattenwesen wich einen Schritt zurück, um mich besser sehen zu können. Es erinnerte mich irgendwie an Meister Splinter, den Ratten-Sensei der Teenage Mutant Ninja Turtles. »Tatsächlich! Bei seiner linken Titte, da mach ich dir die Tür auf und kapiere gar nichts! Ich muss die Ankündigung verschlafen haben. Nie sagt jemand dem alten Mordecai Bescheid! Früher gab es mal einen Rundbrief mit allen Neuigkeiten. Der kam alle paar Zyklen, ziemlich zuverlässig. Aber dann wurde er einfach abgeschafft. Haushaltskürzungen, vermute ich. Die sparen immer an allen Ecken und Enden. Ich dachte, wir würden erst in zwei Jahren wieder öffnen!«

»Hey, lass mich rein!«, unterbrach ich die Kreatur, drehte mich um und sah die beiden Goblins, die mich soeben erreicht hatten. Einer positionierte sich links von mir, der andere wollte mir offenbar den Fluchtweg abschneiden.

»Mach die verdammte Tür auf!«, rief ich.

Einer der Goblins sagte etwas zu dem Rattenmann hinter der Tür, dessen Name anscheinend Mordecai war. Die Goblinsprache bestand aus lauter Grunz- und Quieklauten, und ich verstand kein Wort. Mordecai antwortete in derselben Sprache, und die beiden lachten.

»Tut mir leid, Crawler. Du hast zu lange gebraucht«, sagte Mordecai durch die Tür mit der Sicherheitskette. »Ich kann dir nicht öffnen, wenn Mobs direkt vor der Tür stehen. Regeln sind Regeln.«

»Ich hab zu lange gebraucht?« Ich ging in Kampfhaltung. Einer der Goblins täuschte an und schlug dann mit seiner Keule nach mir. Die Ananas am Ende fiel ab und landete mit einem Klatschen auf dem Boden. Fluchend kickte der Goblin sie beiseite. Ich wich einen Schritt zurück. Donut kauerte fauchend und knurrend zwischen meinen Beinen. »Sag mir wenigstens, wie man diese verdammten Lootboxen öffnet!«

Mordecai schwieg einen Moment, als müsste er erst abwägen, ob er es mir verraten sollte oder nicht. »Die sind in der Registerkarte ›Belohnungen und Kisten‹ in deinem Inventarmenü. Aber du kannst noch nicht darauf zugreifen, Junge.«

»Wie bekomme ich Zugriff aufs Inventarmenü?«

Der zweite Goblin – der nach wie vor eine Ananas am Stockende hatte – schlug nach mir und verfehlte mich nur knapp. Aus der Nähe sahen die Goblins genauso aus wie in Filmen und Videospielen: klein, grün, überwiegend kahl, mit spitzen Ohren und Zähnen und kantigen Gesichtern. Kurz wunderte ich mich darüber. Anscheinend wussten diese Außerirdischen (oder was auch immer sie waren) eine ganze Menge über irdische Mythologien und Überlieferungen.

Weit hinter meinem momentanen Gegner hatte die Mörderraupe endlich erfolgreich zurückgesetzt und sich ausgerichtet und rumpelte durch den Gang auf uns zu.

»Du musst das Tutorial abschließen.«

Erneut griff der Ananas-Goblin mich an. Ich wartete, bis die Keule den Scheitelpunkt des Hiebs überschritten hatte, sprang vor und schlug meinem Gegner auf die Nase, während ich ihm zugleich einen linken Haken gegen die rechte Schläfe versetzte. Er sackte zu Boden. Zeitgleich mit meinem Treffer erschien ein Balken über dem Kopf der Kreatur – offenbar eine Gesundheitsanzeige, denn er war erst aufgetaucht, als der Goblin Schaden genommen hatte. Der Balken war um mehr als die Hälfte gesunken und hatte sich dabei von Grün zu Rot verfärbt. Mein Gegner hatte mehr als die Hälfte seiner Lebenspunkte verloren.

Ich hatte ihn ziemlich gut erwischt, aber nicht gut genug. Trotzdem war mir zumute, als hätte ich gerade einen Zehnjährigen geschlagen.

Der zweite Goblin sah seinen Freund mit offenem Mund an, wandte sich hastig ab und rannte zur Todesraupe zurück.

Meine Fäuste schmerzten. Ich war seit Jahren nicht mehr in einen echten Kampf geraten. Bei der Küstenwache hatte ich die meiste Zeit als Mechatroniker an Bord eines Kutters gearbeitet – also als Techniker. Als Gesetzeshüter war ich nie in körperliche Auseinandersetzungen geraten. Trotzdem war ich ausgezeichnet in Form. Den meisten Leuten, die nie beim Militär gedient hatten, war nicht klar, wie viel wir trainierten. Sie hielten uns allgemein für glorifizierte Rettungsschwimmer und hatten keine Ahnung, wie intensiv wir im Nahkampf ausgebildet wurden.

»Wie soll ich das Tutorial denn abschließen, wenn du mir die Tür nicht öffnest?«, schrie ich, trat dem vor mir liegenden Goblin in die Rippen und vernahm ein befriedigendes Knacken. »Kannst du mich nicht einfach reinlassen?«

»So funktioniert das nicht, Junge«, antwortete Mordecai. »Weißt du, wir können nicht einfach untrainierte Crawler im Dungeon rumlaufen lassen. Außerdem kannst du keine Boxen öffnen, solange du nicht in einer sicheren Zone bist. Und sofern du kein Vollidiot bist, kannst du dir wohl denken, dass du dich gerade nicht in einer sicheren Zone befindest.«

Der Lebenspunktebalken des Goblins war tiefer in den roten Bereich gerutscht, aber noch war er nicht tot. Ich empfand vages Entsetzen darüber, dass ich dieses Geschöpf töten wollte. Trotz seiner Waffe war es unglaublich fragil. Aber meine Reue schwand dahin, als ich zur Todesraupe hinüberblickte, die angehalten hatte, um den zweiten Goblin aufzusammeln. Mit beiden Händen packte ich den Kopf der bewusstlosen Kreatur und schlug ihn auf die Steine. Wieder und wieder, bis der Lebensbalken komplett leer war.

»Hey, hey!«, schrie Mordecai. »Hey, stopp!«

Ich fuhr zu dem Rattenmann herum. »Auf wessen Seite stehst du eigentlich?«

Erst jetzt wurde mir klar, dass Mordecai nicht mit mir redete. »Du kannst hier nicht rein!«, sagte er, den Rücken zu mir gewandt.

Donut. Er sprach mit der verdammten Katze. Sie hatte es sattgehabt, im Gang zu sitzen, und war durch den Türspalt in die Gilde gehuscht.

Eine ganze Liste mit neuen Achievements erschien, zusammen mit ein paar anderen Nachrichten, doch statt wie zuvor automatisch vorgelesen zu werden, poppten sie nur oben links in meinem Sichtfeld als kleine Benachrichtigungen auf. Ich spürte, dass ich sie mental anklicken könnte, sobald ich dazu käme. Der KI (oder was auch immer diesen Zirkus leitete) schien klar zu sein, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war, um die Hälfte meines Blickfelds mit blöden Spielinfos zu fluten. Immerhin schwebte ich gerade in echter Gefahr.

»Mach die verdammte Tür auf!«, schrie ich.

»Junge, hol deine Kreatur raus!« Mordecai wandte sich mir zu, und in der Stimme der Ratte lag ein seltsamer Anflug von Panik. »Ich bekomme Ärger, wenn sie rausfinden, dass sich hier ein Crawler regelwidrig reinschleichen konnte.«

»Mach die Tür auf«, wiederholte ich. »Sieh mal, gerade sind hier keine Gegner, aber in fünf Sekunden wird sich das garantiert ändern. Lass mich rein!«

Die Tür schlug zu, die letzte Kette rasselte, dann schwang die Tür weit auf. Ich stürzte hinein, gerade als die Todesraupe vorbeirumpelte und die blutige Goblinleiche überrollte. Bremsen kreischten auf, aber die Raupe hielt nicht an, sondern rutschte auf der Leiche den Gang entlang. Die zwei Goblins drehten sich um, sahen mir in die Augen, und ich zeigte ihnen beide Mittelfinger. Sie brüllten vor Wut, als ich die Tür zuschlug.

3

Als sich die Tür schloss, erschien eine neue Benachrichtigung.

Tutorial-Gildenhalle

Dies ist eine sichere Zone.

Warnung: Level-Timer sind noch aktiv.

»Ich hätte dich nicht reinlassen sollen.« Mordecai rang die pelzigen Hände.

Ich musterte die Rattenkreatur. Sie trug eine schwarze Weste, dazu eine blaue Hose. Die Füße steckten in abgenutzten Sandalen. Eine Infobox poppte auf.

Mordecai – Rattenrabauke. Stufe 50.

Meister dieser Gildenhalle.

Nicht kämpfender NPC.

Rabauken sind die klügsten, schnellsten und hässlichsten unter den Rattenwesen. Sie sind zwar nicht so sehr mit Steroiden vollgepumpt wie Rattengrobiane und weniger »feuerballgeil« als Rattenschamanen, aber Rattenrabauken haben das Beste aus beiden Welten zu bieten. Sie sind stark und haben ein gutes Gespür für Magie.

Ich schloss die Infobox. Durch die Tür drang noch immer das Quietschen der Goblin-Maschine.

Per mentalem Befehl klickte ich die erste von mehreren Infoboxen an, die mein Sichtfeld blockierten.

Fehler. Du kannst erst darauf zugreifen, wenn du das Tutorial abgeschlossen hast.

Alle Boxen verschoben sich in ein einzelnes Ordner-Icon, das zu blinken begann.

Ich befand mich in einem Raum, etwa so groß wie ein Klassenzimmer. Ein Kamin und ein Bett dominierten die linke Seite, an den Wänden dazwischen standen Regale mit allerlei Gegenständen und ein paar gerahmten Fotos von vogelähnlichen Kreaturen. Die andere Raumhälfte bestand nur aus einem abgenutzten ovalen Teppich und einem leeren Schreibtisch. Ringsherum waren sechs Stühle verteilt, die ebenso gut zu einem Klassenraum gepasst hätten.

Ich wandte mich der Tür zu. »Ist das der einzige Weg hier raus?«

»Was?« Mordecai beachtete mich gar nicht. Er konzentrierte sich auf die Katze.

»Yo!«, sagte ich. »Morty. Ist das der einzige Ausgang?«

»Ich heiße Mordecai, Junge. Und ja, ja. Natürlich.«

»Warten diese grünen Arschlöcher immer noch auf mich, wenn ich rausgehe?«

Donut sprang auf ein hohes Regal und warf eine Vase um. Asche rieselte heraus.

»Mama!«, rief Mordecai und rannte hinzu, um die Katze zu verscheuchen. Er griff nach dem Regalfach, kam jedoch nicht dran. »Verdammtes Biest!« Er drehte sich wieder zu mir um. »Kannst du das Viech für mich einfangen? Und es hier rausschaffen?« Mordecai nieste. »Ich glaube, ich bin allergisch.«

Ich vermutete, dass er eher wegen der grauen Aschewolke nieste statt wegen der Katze. »Heilige Scheiße, Mann.« Sei vorsichtig, ermahnte ich mich selbst. Er wirkt nicht sehr stark, ist aber Level fünfzig. Das bedeutet, er ist sicher ein mächtiger Bastard. »Kannst du bitte meine Frage beantworten? Werden sie auf mich warten oder nicht?«

»Ja. Nein. Wahrscheinlich. Tja, das ist kompliziert. Wir werden sehen. Aber einer von ihnen wird auf jeden Fall zu seinem Clan zurückgehen und die anderen rufen. Du hast dem armen Goblin den Kopf eingeschlagen. Gib ihnen eine Stunde, dann rückt die ganze Sippe hier an.«

Am Ende des Raumes entdeckte Donut den fröhlich knisternden Kamin. Die Katze setzte sich davor, hob ihr Bein und begann sich zu putzen.

Mist. »Okay«, sagte ich. »Wag es ja nicht, die Tür abzuschließen.«

Ich drehte am Knauf und ging wieder nach draußen.

Ich bekam noch mit, wie die Ratte sagte: »Du verteilst die ganze Asche meiner Mutter im Raum …«, dann schlug ich die Tür hinter mir zu.

Die Goblin-Raupe war an der Tür vorbeigeschossen, gut zehn Meter weitergerast und befand sich mitten im Wendemanöver, um auf demselben Weg wieder umzukehren. Der Ingenieur hatte den Traktor direkt an die Wand gefahren, und die rotierende Walze sprühte Funken, als die Stacheln über den Stein schabten. Die Überreste des toten Goblins waren quer über die Bodenplatten verteilt. Die Leiche sah eher aus wie eine mehrfach überfahrene Party-Pizza mit Würstchen und grüner Paprika.

Noch kehrten mir die beiden verbliebenen Goblins den Rücken zu. Ich sprintete dem Gefährt entgegen.

Am Heck der Mörderraupe war eine kleine Leiter angebracht. Sie sah aus, als bestünde sie aus Knochen, die mit einem Seil zusammengebunden waren. Einer der Goblins würde sich jeden Moment umdrehen. Ich musste sie jetzt erledigen. Wenn einer von ihnen entkam und die Mitglieder seines »Clans« warnte, war ich aufgeschmissen. Ich brauchte diese Tutorial-Gilde, also blieb mir nur eine Wahl.

Als ich die Leiter hinaufkletterte, rissen mir die rauen Knochensprossen die nackten Füße auf. Ich unterdrückte einen Schrei und sprang auf das surrende Metallkonstrukt.

Die Mörderraupe war so laut, dass mich keiner der beiden bemerkte. Der ganze Oberbau der Maschine bestand aus nichts weiter als einer mit Fell ausgekleideten Mulde mit Sitzbänken, die sich über die gesamte Länge erstreckten. Trotz des Fells war der Boden unter meinen Füßen sengend heiß. Es roch nach verbranntem Teer und tierischem Moschus. Das Gefährt konnte etwa fünfzehn Goblins befördern, den Fahrer nicht mitgerechnet, der ganz vorne saß. Aus dem Boden des Cockpits ragte ein Dutzend Hebel und Griffe. Alle Bedienelemente vibrierten und hüpften leicht auf und ab. Der Goblin mit dem Topfhut saß brüllend und grunzend auf dem Fahrersitz, während er die Hebel bediente. Rauch waberte, und Dampf zischte aus mehreren Rohren. Die ganze Maschine bebte wie ein Kessel, der gleich explodieren würde.

Die glatte Felsendecke des Tunnels war deutlich niedriger als die im langen Hauptgang, der von der Treppe abging. Wenn ich mich zu meiner vollen Größe aufrichtete, konnte ich die Decke berühren. Gerade eben. Die Vorstellung, dass eine ganze Welt aus diesen Gängen und Pfaden bestehen sollte, erstaunte mich nach wie vor.

Ich sprang vor und packte den normalen Goblin, der noch immer seinen ananaslosen Stock hielt. Die Kreatur wog erstaunlich wenig. Als ich den Goblin hochhob, ächzte er überrascht auf und versuchte vergebens, mich mit seinem Stock zu schlagen. Mit aller Kraft schleuderte ich ihn von mir.

Wie eine abgefeuerte Rakete flog er schreiend aus dem Beifahrerbereich über den Kopf des Ingenieurs hinweg, der erst jetzt merkte, dass etwas nicht stimmte. Der Goblin krachte gegen die Tunnelwand, prallte ab und landete direkt auf der rotierenden Schredderwalze. Ein roter Sprühregen benetzte alles ringsum.

Der letzte Goblin knurrte und zückte blitzschnell einen kleinen Krummdolch aus seiner Gürtelscheide. Er sprang von seinem Sitz und griff mich an.

Oh, Scheiße!

Zu meiner Überraschung bewegte sich das Monster viel schneller als erwartet. Ich rief mir in Erinnerung, dass dieser Goblin einer anderen Klasse angehörte als die letzten beiden. Und er war eine Stufe höher als sie. Zwei Stufen höher als ich.

Was für eine blöde Idee. Was hat Bea doch gleich immer gesagt? »Du stürzt dich ständig kopflos in irgendwelche Probleme, ohne vorher nachzudenken.«

Ich trat mit dem nackten Fuß nach dem Goblin. Da niemand mehr an der Steuerung saß, heulte der Traktor weiter und schabte an der Wand entlang. Die Vibrationen wurden heftiger, und das ganze Gefährt bockte wie eine schleudernde Waschmaschine, in deren Kammer jemand einen großen Stein gesteckt hatte.

Der Goblin brüllte mir etwas in seiner kehligen Sprache zu.

»Du bist jetzt in meiner Welt!«, schrie ich zurück. »Du musst meine Sprache sprechen, du komisches grünes Stück Scheiße.«

Zu meiner Überraschung grinste der Goblin. Eindeutig verstand er mich. Das kleine Ungeheuer warf das Messer immer wieder von der einen in die andere Hand. »Du sprichst gerade selbst nicht deine Sprache«, antwortete er, »sondern die Standardsprache des Syndikats, du idiotischer Sklave. Sie wurde dir ins Gehirn einprogrammiert. Glaubst du wirklich, du überlebst länger als …«

Der Goblin kam nicht dazu, den Satz zu vollenden. Noch während er redete, sprang ich vor, zog ihm den Topf vom Kopf und schlug damit auf ihn ein. Spitze kleine Zähne flogen durch die Luft. Der Goblin wankte. Erneut drosch ich auf ihn los. Er fiel vom Gefährt. Nach meinem ersten Schlag war sein Lebenspunktebalken erschienen, der aber noch weit im grünen Bereich lag. Mein Gegner plumpste zu Boden und stöhnte. Ich spähte über den Rand. Der Goblin lag auf dem Rücken, das Messer war ihm entglitten und außerhalb seiner Reichweite gelandet.

Die bockende Todesraupe drehte sich weiter, fuhr aber jetzt in die entgegengesetzte Richtung. Mein Gegner hatte noch drei Viertel seiner Lebenspunkte, war allerdings benommen.

Als er sich aufsetzte, warf ich den Topf nach ihm. Zu meinem großen Erstaunen traf ich ihn genau an der Stirn. Er schrie auf und fasste sich mit beiden Händen an die Platzwunde.

Ich schätzte die Entfernung ab. Sie war nicht sehr groß. Vielleicht zwei, drei Meter. So weit war ich als Kind schon oft gesprungen.

Was soll’s. Ich sprang von der Todesraupe und zielte mit beiden Füßen auf Brust und Bauch des noch immer angeschlagenen Goblins.

Ich weiß nicht, ob ich es schon erwähnt habe, aber das ist eine wichtige Information: Ich bin über eins neunzig groß und wiege ungefähr hundertvier Kilo, und obwohl ich nicht annähernd so gut in Form war wie zu meiner aktiven Dienstzeit, war ich noch viele Jahre lang dreimal pro Woche ins Fitnessstudio gegangen und hatte meine Muskelmasse bewahrt. Ich bin von Natur aus mit einem Körper gesegnet, der seine Muskulatur nur langsam abbaut. Mein Vater war Linebacker gewesen. Sogar meine Mutter war eins achtundsiebzig groß gewesen. Und ihr Vater hatte als Center bei Oregon State gespielt, ehe er Gefängniswärter wurde.

Worauf ich hinauswill: Ich bin ein großer Bursche und ordentlich breit gebaut. Der Goblin war klein und hatte kaum Masse. Der Effekt, von oben auf ihn zu springen, war derselbe, als würde jemand einen dicken Donut mit einem Vorschlaghammer zerschmettern. Der schmächtige Kerl hatte keine Chance. Glibber spritzte ihm aus allen Körperöffnungen.

Die Todesraupe heulte inzwischen lauter als zuvor. Ich betrachtete die tote Kreatur, und mir wurde unvermittelt schlecht. Neue Benachrichtigungen erschienen in der Luft. Ein Tooltip poppte in meinem peripheren Blickfeld auf. Ich drehte mich um und las den Text.

Goblin-Todesraupe – Kessel explodiert gleich.

Darunter erschien ein Countdown-Timer. Er stand bei zwölf Sekunden und zählte bereits herunter.

Verdammte Scheiße. Das Ding fliegt in die Luft.

Ich wandte mich zur Gilde um, deren Tür sich nur dreißig Meter weiter befand. Konnte ich das schaffen? Mir fehlte die Zeit, darüber nachzudenken. Ich rannte los, glitt und rutschte über die Fliesen zur Tür, riss sie auf, sprang hinein, knallte sie zu und wappnete mich gegen die Druckwelle.

Bumm! Die Welt erbebte. Ein Ruck ging durch die Tür, und ich stürzte zu Boden. Mir klingelten die Ohren. Doch die Tür hielt stand, und ich schien unverletzt zu sein. Donut saß mit gesträubtem Fell in einer Ecke und fauchte.

»Was zum Teufel hast du getan, Junge?« Mordecai sah über mich hinweg. »Diese Tür hält der kinetischen Energie eines Sternenzerstörers stand. Ich habe noch nie gesehen, wie sie so heftig in den Angeln bebt.«

»Tja.« Ich setzte mich auf. Meine Ohren klingelten noch immer. »Dieses Goblin-Bulldozer-Ding ist an die Wand gefahren und explodiert.«

Mordecai nickte nachdenklich. »Eine Kesselexplosion also. Der Schamane hat ihn wahrscheinlich verzaubert, für den Fall, dass so etwas passiert. Der Zauber hätte die Explosionsenergie auf den nächstgelegenen Nicht-Goblin umgelenkt. Du hattest Glück, dass du hinter der Tür warst. Eine fokussierte Explosion, selbst eine kleine, hat viel mehr Energie, als du vielleicht denkst.«

Die Katze war offenbar zur Erkenntnis gelangt, dass die Aufregung vorbei war. Sie kam aus der Ecke und nahm wieder ihren Platz vor dem Feuer ein. Das gesträubte Fell ließ sie noch pummliger aussehen, und ihr Schwanz zuckte gereizt. Donut war eindeutig stinksauer.

»Deine Kreatur hat in die Asche meiner Mutter geschissen.« Mordecai schüttelte den Kopf. »Das ist doch alles Mist. Das ist doch einfach nur Mist.«

Ich lehnte mich an die Wand. Meine Füße schmerzten. Mein Herz hämmerte heftig. Ich war über und über mit Goblinblut besudelt und fühlte mich, als hätte ich rohes Hamburgerfleisch zwischen den Zehen. Ich erschauderte. Ich muss mir Schuhe besorgen. Schuhe und eine Hose. »Also, Mr. Tutorial-Gilde, was zum Teufel ist hier los? Was soll das mit diesem Dungeon? Sind wirklich alle da draußen tot? Was zum Teufel muss ich hier machen?«

Mein Kopf schwirrte vor lauter Fragen, und auch wenn mir klar war, dass der Rattenmann mich problemlos zweiteilen könnte, verspürte ich das überwältigende Verlangen, ihn an seiner blöden Weste zu packen und durchzuschütteln, bis alle Antworten aus ihm herauspurzelten. »Außerdem, wer zum Teufel bist du? Warum bist du hier? Was ist wirklich …«

Mordecai hob die Hände. »Okay, okay, ganz langsam, Junge. Ich weiß, du bist verwirrt. Ich hab das auch schon mal erlebt. Ich werde dir alles erklären, dafür bin ich ja hier. Aber bevor ich anfange, muss ich euch beiden noch etwas sagen.« Die Ratte sah zur Katze hinüber, die ihn gereizt anfunkelte. »Mein Name ist Mordecai, und ich bin ein sogenannter nicht kämpfender NPC. Mir erging es genau wie dir: Meine Welt wurde übernommen, und zwar schon vor vielen, vielen Solaren. Genau wie du war ich ein Dungeon-Crawler. Ich habe es bis zur elften Ebene geschafft und wusste, weiter komme ich auf keinen Fall. Ab der zehnten Ebene gibt es verschiedene Optionen, den Dungeon zu verlassen. Je tiefer du hinabsteigst, desto besser sind deine Möglichkeiten.« Er ging zu dem Regal mit der umgekippten Vase, nahm das gerahmte Bild eines Vogelwesens heraus und reichte es mir. Es glich sehr einem gewöhnlichen Bild im Rahmen, allerdings fühlte sich das Material eigenartig an, und das Motiv war zu einem Oval zugeschnitten.

»So sehe ich eigentlich aus. Das Bild zeigt meinen Bruder. Ich wurde als Himmelsvogel geboren, wurde aber zum Wechselbalg, als ich die dritte Dungeon-Ebene erreichte. Ich wechsle jedes Mal meine Gestalt, wenn mein Gildenhaus verlegt wird.«

Mordecai fuhr fort: »Wenn ein Dungeon zum ersten Mal geöffnet wird, arbeite ich immer in einer Gilde wie dieser. Später, sobald das dritte Level einstürzt, wird mein Raum in eine viel tiefere Ebene transferiert, und ich wechsle wieder die Gestalt. Die meiste Zeit verbringe ich in einer Magiergilde, in der man, wenn man sich für eine Laufbahn als Zauberkundiger entschieden hat, Zaubersprüche lernen und üben kann. Im Laufe der Jahre hat es allerdings nur eine Handvoll so weit geschafft. Die meisten Crawler kommen nicht über die zehnte Ebene hinaus.«

»Ein Wechselbalg ist also ein Gestaltwandler?« Ich betrachtete das Bild. Ich konnte nicht erkennen, ob es ein Foto, ein Gemälde oder etwas anderes war. Der Blick des Vogelwesens schien mich zu durchbohren. Die goldfarbene, adlerähnliche Kreatur hatte die engelartigen Flügel auf den Rücken gefaltet.

»Ja.« Mordecai seufzte. »Als ich beschloss, Gildenmeister zu werden, haben sie mein Zuhause mit all meinen Besitztümern umgewandelt. Ich hatte nur wenige Augenblicke Zeit, um aufzuklauben, was ich behalten wollte, ehe sie alles auflösten. Immer wenn wir eine neue Welt erreichen, ändern sie meine Gestalt. Es ist jedes Mal etwas anderes, aber stets ein Mob der aktuellen Dungeon-Ebene. Keine Ahnung, warum.«

»Ich fasse das alles nicht«, sagte ich. »Ihr seid also Außerirdische? Ihr kommt von einer fernen Welt? Woher kennt dann dieses Spiel – oder was immer es ist – unsere Kultur? In einigen der letzten Meldungen war von Jean-Claude Van Damme, Incels und Steroiden die Rede!«

Mordecai nickte. »Du greifst zu weit vor. Jeder Dungeon wird speziell auf die jeweilige Welt zugeschnitten. Und die Veranstalter verwenden viel – wirklich viel – Zeit darauf, dafür zu sorgen, dass die Einheimischen das Spiel und die Benachrichtigungen verstehen. Sie bemühen sich um Authentizität. Eigentlich darf ich dir das alles gar nicht erzählen, aber da du später da draußen durch die Gänge stolpern wirst, solltest du wohl auch wissen, was hier passiert.«

»Ich weiß noch immer nicht, was überhaupt los ist.« Ich wurde immer frustrierter.

Mordecai schüttelte den Kopf. »Ihr Menschen seid alle gleich. Das hier ist die siebte oder achte mit Menschen besäte Welt, und es ist jedes Mal dasselbe. Immer fragt ihr: Warum? Wieso könnt ihr nicht einfach die neuen Umstände akzeptieren und weitermachen? Mein Volk, die Himmelsvögel, hält im Schnitt viel länger durch als ihr Menschen. Und weißt du auch, warum? Weil wir uns mit den Gegebenheiten abfinden.«

Ich schwieg für einen Moment. Ich hatte eine Menge zu verdauen. »Mit Menschen besäte Welt?« Bedeutete das, dass das schwurbelnde Arschloch mit der irren Frisur im Fernsehen die Wahrheit gesagt hatte? Waren die Menschen wirklich nicht einzigartig, sondern eine Saat, die man unbeaufsichtigt wachsen ließ, bis … bis so was geschah?

Mordecai sah meinen verwirrten Blick und seufzte. »Okay, okay. Ich erzähl dir die Kurzversion.« Er zog einen Stuhl heran und setzte sich. Dann deutete er auf einen weiteren Stuhl, der mitten auf dem runden Teppich stand. »Du kannst es dir auch bequem machen.«

4

»Es gibt sechs Grundsaaten, die das Syndikat für die Welten ausbringt. Die Menschen sind eine davon. Die Syndikatsleute finden einen kompatiblen Planeten, streuen die Menschensaat darauf aus, warten ein paar tausend Jahre und zeigen sich dann der größten Siedlung. Normalerweise tun sie das, sobald die Zivilisation sich etabliert, aber lange vor einer industriellen Revolution. Solange es eine funktionierende Regierung gibt, gilt das als ›Erstkontakt‹. Im juristischen Sinne, meine ich. Das ermächtigt das Syndikat dazu, noch ein paar Jahrtausende zu warten, zurückzukommen und den Planeten auszubeuten.«

»Wie?«, fragte ich. »Das ging in Sekundenschnelle!«

Mordecai zuckte mit den Schultern. »Technologie, die ihr nicht versteht, erscheint euch wie Magie. Für dich ist das hier also Magie. Wie in dem Film Der Zauberer von Oz, nur wirst du nie hinter den Vorhang schauen können.«

»Du hast den Zauberer von Oz gesehen?«

»Gildenmeister bereiten sich jahrelang auf jede neue Dungeon-Welt vor. Junge, ich bereite mich schon länger darauf vor, als du überhaupt lebst. Das Erkundungsteam kam hier ungefähr in euren 1930er Jahren an. Ungefähr zu der Zeit, als das Buch Der Hobbit