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Der Journalist und Möchtegernkünstler Samuel Rall ist Anfang dreißig, als er die Diagnose bekommt, dass er halluziniert. Er hat ohnehin schon mit Depressionen zu kämpfen und nimmt den Arzt nicht sonderlich ernst. Seine Therapeutin rät ihm offensiv mit seinen Leiden umzugehen und so lässt er sich seinen Humor nicht nehmen. Schnell wird jedoch klar, dass Sammy seinen Sinnen immer weniger vertrauen kann - Besonders als die große Geburtstagsfeier seines Vaters ansteht, auf der er Musik machen will, entgleitet ihm die Kontrolle... Gennadi Ratson verbindet in diesem tragikomischen Debütroman Situationskomik mit der Post-DDR-Perspektivlosigkeit des urbanen Raums Nordostdeutschlands. Einfühlsamkeit, plattdeutsche Dummschnacks und Musik wechseln sich mit Themen wie Philosophie, Selbstverwirklichung und Depressionen ab.
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Seitenzahl: 218
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Wie teuer Du eine schöne Illusion auch bezahltest, Du hast doch einen guten Handel gemacht.
– Marie von Ebner-Eschenbach
Kapitel 01 – Heimkehr
Kapitel 02 – Der Pfeifenraucher
Kapitel 03 – Quod amat Iovi non est Bowie
Kapitel 04 – Eine Möwe über dem Leben der Stadt
Kapitel 05 – Existenz und Raum
Kapitel 06 – Im Loch
Kapitel 07 – Feierei
Kapitel 08 – Geburtstage
Kapitel 09 – In der Medienbude
Kapitel 10 – Ein reiches Land, reich an Ängsten
Kapitel 11 – Müßiggang mit aller Laster Einklang
Kapitel 12 – Das Unerhörteste ist das Alltägliche
Kapitel 13 – Reflexionen
Kapitel 14 – Crip-Walk nach Canossa
Kapitel 15 – Das niederdeutsche Triumvirat
Kapitel 16 – Wegsacken
Kapitel 17 – Dunkel am Ende des Lichts
Ich kam aus der Klinik mit der Diagnose, dass ich halluziniere.
„Ja, Herr Rall – wir werden Sie medikamentös einstellen müssen, um die Halluzinationen in den Griff zu bekommen!“, sagte Doktor Böhmer.
Ich bekam wegen meiner Depression schon starke Medikamente: „Wie... noch mehr Tabletten?“
„Ja, machen Sie sich keine Sorgen! Sie sind doch jung und fit, da kann man doch noch was ab!“
Ich war Anfang dreißig und psychisch bereits so angeschlagen wie ein französisches Kriegsschiff physisch bei der Schlacht von Trafalgar.
„Sie wissen schon, dass ich Antidepressiva nehmen muss?“
Ein hässlicher Schatten huschte kurz über Doktor Böhmers Gesicht, bevor sich sein unverwüstlich positives Lächeln wieder festkittete.
„Wir werden Sie schon einstellen! Ihre Psychotherapeutin steht mit uns im Kontakt.“ Jetzt wurde er aber wirklich ernst: „Nur bedenken Sie bitte, Herr Rall – Sie können im Alltag nicht mehr völlig all Ihren Eindrücken trauen! Wenn Sie Ungewöhnlichkeiten erleben, suchen Sie uns unverzüglich auf!“
Mein ganzes Leben war bisher so gewöhnlich gewesen, dass meine psychische Disposition sich selbst sehr erfolgreich beschäftigt hatte. Mit bleibenden Schäden.
Böhmer gab mir die Hand und verabschiedete sich.
Tamara wartete vor der Klinik an ihren Kleinwagen gelehnt und weinte, als ich sie umarmte.
Wir waren seit über zehn Jahren zusammen und ich glaube, sie nahm die ganze Sache mehr mit als mich selbst.
Auf der Fahrt nach Hause, auf die andere Seite des Flusses der Hafenstadt, sagte sie kein Wort, schien nur glücklich und konzentrierte sich auf das Fahren.
Ich überlegte derweil, wie es so weit kommen konnte, und fand darauf keine Antwort.
Keine Ahnung, wie die Halluzinationen angefangen hatten. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich überhaupt je welche gehabt hatte.
Irgendwann, vor einigen Wochen, war ich plötzlich in die Klinik eingewiesen worden, nachdem ich bereits mit den Depressionen schon so viel zu tun hatte und diese mich völlig umschlossen hatten. Meine Therapeutin Frau Doktor Lowag hatte dies veranlasst.
„Willst du dich ein bisschen hinlegen?“, fragte Tamara mich, als wir in unserer Wohnung waren und ich meine Tasche auf das Linoleum des winzigen Flurs gestellt hatte.
Ich hatte in der Klinik fast nur gelegen, also antwortete ich: „Ja, klar!“
Die Bude hatte sich zum Glück in den Wochen, die ich nicht da gewesen war, nicht verändert. Lediglich ein trauriger Schimmer schien überall noch in den Räumen zu schweben, ausgeweint von Tamara in den Stunden der verzweifelten Einsamkeit und Ungewissheit über die Zukunft.
Das Bett war herrlich und ich lag mit geschlossenen Augen und lauschte in die rauschende Stille eines schnöden Dienstagvormittags. Im Mietshaus herrschte kein geschäftiges Treiben, sondern nur die Abwesenheit der arbeitenden Mietparteien und die Verstummtheit der Rentnerinnen und Rentner.
Mein Handy klingelte. „Ja, moin?“
„Samuel? Ach, wie schön!“ Es war meine Chefin aus der Medienbude, in der ich arbeitete. Zumindest in der ich auf dem Papier immer noch arbeitete, denn ich war ja aufgrund meines Zustands und der damit einhergehenden Krankschreibung seit über zwei Monaten nicht mehr auf Arbeit gewesen.
„Ja, schön auch dich zu hören, Carin!“
„Wie geht’s dir? Du bist wieder zu Hause, wurde mir gesagt?“
„Ja, bin ich! Mir geht’s … gut!“ Das war irgendwo zwischen Ehrlichkeit und Lüge.
„Gut? Wirklich? Was ist denn nun eigentlich los?“ Carin klang besorgt.
„Das vertell ich dir in Ruhe, wenn ich wieder zur Arbeit komme!“
„Du kommst wieder zur Arbeit?“
„Ja, der Arzt hat gesagt, dass es am besten ist, möglichst normal wieder in den Alltag einzusteigen!“
„Ach wat?“
„Ja! Und ich bin noch bis Ende nächster Woche krankgeschrieben, dann komme ich wieder in die Redaktion!“
Carin ließ einen Seufzer vernehmen, der, ähnlich meiner Wahrlüge, irgendwo zwischen Erleichterung und Besorgnis oszillierte.
„Sammy, du gibst aber Acht auf dich, ja?“
„Na, sichi!“ Gut, das war jetzt wirklich eine Lüge.
„Okay, dann erhol dich noch gut! Wir alle freuen uns sehr auf dich und deine Rückkehr in den Betrieb!“
Rückkehr in den Betrieb… Alles klar! Dat geht sein’ sozialistischen Gang… Wenn irgendwas zu der Medienbude nicht passte, dann die Assoziation einer geplanten Betrieblichkeit.
„Ich mich auch! Mach’s gut, Carin!“
„Du auch! Gute Besserung noch, Sammy! Bis in zwei Wochen!“
Ich legte auf. Medialarbeit. Einfach alles so machen wie vor der Diagnose. Vor der ganzen Scheiße… Vielleicht sogar wie vor der verdammten Depression.
Bis dahin jedenfalls würde ich die Zeit nutzen müssen. Endlich das machen worauf ich Bock hatte: Schreiben, musizieren, chillen. Entkrampfen.
Das Handy klingelte erneut. So wird das aber nichts mit dem entkrampften Chillen.
„Ja, moin?“ „Jung, büst du wedder doar?“ Mein Papa. Er redete mit mir nur Plattdeutsch. Und trotz des Ernstes der Lage wechselte er nicht in die Hochsprache. Für diese lockere Sturheit war ich ihm sehr dankbar.
„Jau, ick bün doar un ok wedder tau Hus, Vaddi!“
„Ach, leiwer Gott! Ick bün ja so froh, dat du wedder rut büst!“
Der nächste Mensch aus meiner Umgebung, den das alles mehr mitzunehmen schien als mich selbst. Meine Mutter hatte bei den Besuchen in der Klinik fast nur durchgehend geheult.
Der alte Herr hingegen war zweifelsohne auch sehr getroffen, doch er hielt sich mit lächerlicher Klischeehaftigkeit an dem männlichen Stereotyp, solche starken Emotionen nicht zu zeigen. Insgeheim wusste ich, dass er es nur mit der nordostdeutschen Kühle generell und abgewürzt durch etwas Protestantismus schaffte, sich in dieser Sache halbwegs gefasst nach außen hin zu halten.
„Un wo geiht di dat?“
„Ja… möt, nä?“
„Na, Jung… Du hesst uns allen dullen Schrecken injocht, dat kannst wull glöwen!“
„Ja, ja… Papa, mi geiht dat awerst schon ganz gaud… Kannst mi ok glöwen! Ick bliff nu noch twei Weeken tau Hus un denn gah ick wedder arbeiden un denn ward dat allens wedder!“
„Un wat seggt de Dokter?“ Mein Vater schien keineswegs überzeugt.
Ich wiederholte erneut alles, was ich wusste: dass ich Tabletten nehmen muss, mehr als ohnehin schon und was sonst noch so alles an dieser Scheiße dran war.
Dass ich unter Depressionen litt, hatten meine Eltern erst im Zuge der Einweisung in die Klinik auf der anderen Flussseite erfahren. Bereits dies war in ihrem Alltagsumgang, der viele Elemente der DDR-Sozialisation nicht abstellen konnte, ein Schock gewesen. Erst hatten sie einen Sohn, der Künstler sein wollte, nun war der auch noch verrückt. Na toll! Wenigstens ist das eine vom anderen ja noch nie weit weg gewesen…
„Verhal di ierstmol schön!“
„Dat mok ick, Vadding!“
„Wi kümmen di besäuken sobald wi de Tied finnen, ja?“
„Ja, Vaddi!“
Meine Eltern, obwohl beide über sechzig, arbeiteten noch immer lächerlich viel. Sie wohnten etwas weiter im Binnenland und waren nur zwei Mal zu Besuch gewesen, als ich in der Klinik steckte.
„Dann holl de Uhren stief, mien Jung!“ Papa klang wirklich scheiße.
„Löppt sick allens wedder t’recht!“, positivierte ich.
„So Gott will! Tschüßing, mien Jung!“
„Tschüßing, Papa!“
Ich legte auf. So viel Religiosität war ungewohnt. Muss wohl wirklich ernst sein…
Tamara kam durch die Tür mit einem Tablett mit qualmendem Tee, Wasser und einer großen Box mit verschiedensten Pillen.
„Jetzt wird geballert?“, fragte ich.
Sie schaffte nur ein sterbendes Fake-Lächeln.
Strikt überwachte sie, dass ich die Medizin korrekt nahm.
„Wie sind deine Pläne für die nächsten Tage, Sammy?“ Sie fragte jetzt zärtlich, nach dem Aufsehermodus.
„Ich werde schön ausschlafen, mich ausruhen, schreiben, Musik machen und mich vielleicht mit paar Freunden treffen!“
Tamara zeigte ein offenherziges Grinsen, das ich wirklich an ihr mochte.
„Das klingt doch nach einem guten Plan“, unterstützte sie.
„Nich’ wahr?“ Jetzt grinste auch ich.
Am nächsten Morgen wachte ich spät auf. Kein Wecker, die gleiche geile Scheißstille. Tamara war früh aufgestanden und bereits lange auf Arbeit.
Ich kroch aus der Nestwärme des Bettes und schaute aus dem Fenster. Der Himmel hauchte sich fernab blaugrau am Horizont überlagernd entlang. Im groberen Himmelskern zogen fettere Dunkelwolken ihre Bahn und das Wetter schien so wie ich mich fühlte: betrüblich, aber man war dran gewöhnt. Dass man im Norden das Scheißwetter erkannte und schätzte, war mehr als ein Klischee, es war eben Alltagsbewältigungsstrategie.
Was dem Pariser Bohemien seine Syphilis ist, ist dem norddeutschen Fischkopp sein Vitamin-D-Mangel, haha!
Am hinteren Ende des Horizonts, im Osten der Stadt, da wo auch die DDR-Blocks stehen, riss plötzlich die Wolkendecke und bohrende Sonnenbalken schoben sich runter aufs Land.
Na, wenn das mal kein freundliches Zeichen ist?
Ich war erstaunlich positiv, die Ruhe und die heimische Umgebung hatten mir wirklich gut getan. Heute würde ich gewiss was fertig bekommen!
Ich setzte mich an den Schreibtisch. Was schreiben? Die ganze Kackscheiße verarbeiten? Auch Müll: Oh, Depressionen! Drück mal diesen Dreck aus, der sich der sprachlichen Präzisierung entzieht! Und am Ende fragt irgendein Trottel dann nur wieder: „Wie? Er ist jetzt traurig, oder was?“
Und sonst den neusten Streich meiner Körper-Geist-Verbindung aufschreiben? Halluzinationen! Ich wusste nicht mal genau, was das nun wirklich bedeuten sollte, sich Sachen einzubilden und seinen Sinnen nicht mehr vertrauen zu können.
Nee! Ich musste etwas schreiben, was praktisch Sinn abgeben konnte. Abgeben sowohl auf mich, als auch auf meinen Alltag.
Selbsttherapie.
Ich versuchte es mit irgendeiner Prosa über mein letztes dreiviertel Jahr.
Das literarisierte Tagebuch für mich selbst. Prosa der Egozentrik.
Aber seien wir mal ehrlich: Selbstbezug in der Epik hatte schon eine steile Karriere weit vor meiner Lebzeit abgeliefert und ein weiteres Stereotyp in dem Bereich würde der ungebundene Werkkanon schon noch verkraften.
Von den drei goetheschen Naturformen der Literatur war die Epik nun die merkwürdigste, weil sie doch so rational und nachvollziehbar war. Passt doch überhaupt nicht zur Kunst!
Ich meine: Dramatik – das Theater ist doch ohnehin das Sammelbecken für semigescheiterte Verrückte. Semigescheitert, weil sie es eben ja ins Theater geschafft haben.
Und die Lyrik? Wenn irgendetwas mehr Klischee der Emotionalität ist als ein Schreibender, dann ist es ja wohl ein Schreibender, der Gedichte macht. Jeder pubertäre Erstausbruch in einer – zugegeben – krankmachenden Welt manifestiert sich bei einem gewissen Maß an Mitteilungsgrad und Buchnatürlichkeit in der Produktion furchtbar mieser Lyrik. Bei anderen Voraussetzungen in Rap, den man nicht als tight labeln kann.
Von daher: in ihrer Normalität hatte sich die Prosa unbestritten als einziger Literaturzweig wirklich im niedertreckernden Turbokapitalismus halten und etablieren können.
Homer lachte hinter seinem E-Book-Reader und wutschte mit ausladendem Fingerzeig nach oben durch seine Ilias. Tantiemen, die er nie bekommen würde. Und dann wurden Homers Züge traurig.
Die Kunstnormalität der Lyrik passte am besten konträr zu der uns umgebenden Gleichförmigkeit, die jedem, jeder, jeden Tag aus den paralysierten Gesichtern tropft.
Von Normalität war ich aber zu dem Zeitpunkt am weitesten entfernt, also das Unerwartete wählen! Alte Punkerhandlungsanleitung! Ich schrieb jetzt Prosa! Zwischendrin manchmal aber dann doch durchbrochen von Lyrik. Ich wollt’ ja auch nicht zu rational wirken. Wenigstens hatte ich die Schmalzbildung in meiner Lyrik überwunden. Meine Verse hatten irgendeinen Rostcharakter angenommen. Damit konnte ich ganz gut leben.
Die Sätze flossen in den Laptop. Nicht schlecht. Zumindest fürs Erste. Und nicht schlecht fürs Arbeiten. Ob das Geschriebene etwas taugte, würde sich erst noch zeigen müssen.
Bis in den Nachmittag schob sich der Tag voran. Die stahlgrauen Schlachtschiffe des Himmels aus Wassertröpfchen rollten genauso unbeirrbar über die Hemisphäre wie der Frachtverkehr über die Ostsee, und ich schrieb meinen Quatsch weiter auf.
Ab und an schaute ich skeptisch auf den Laptopbildschirm, ob sich da nicht irgendwie, -wann etwas zeigte, was dort nicht hingehörte; ob nicht die propagierten Halluzinationen auftauchen würden. Doch ich sah immer bloß den Cursor in der Textverarbeitung blinken.
Am Nachmittag – noch immer bölkte die Stille mit den obertönenden Flageoletts der traurigen Rentnerverstummung aus dem Treppenhaus herauf – fiel mir wieder ein, dass ich Tamara ja versprochen hatte, dass ich mich mit Freunden verabreden wolle.
Ich griff das Handy. Laertes anrufen.
Ja, der Typ heißt wirklich so wie der eine aus Hamlet, beziehungsweise aus der Odyssee. Was sich Laertes’ Eltern dabei gedacht hatten war mir nicht klar, aber immerhin war sein Name ähnlich ominös wie der Typ selbst.
Es klingelte und die vertraute Stimme meldete sich: „Hallo?“
„Moin, Laer!“ Niemand nannte Laertes bei seinem vollen Vornamen. Laer, in der norddeutschen Aussprache klang es – besonders in schnellen Reden – zumeist wie Lääh, kam da sehr gut zu Pass.
„Ach, moin Samuel!“ Ha! Endlich mal keine Nachfrage, wie es mir ginge, obwohl Laer natürlich wusste, wo ich die letzten Wochen verbracht hatte.
„Wie geht dir das, Laer?“, fragte ich mit süffisantem Grinsen am Telefon, weil ich diese Floskelfrage zuerst gestellt hatte.
„Mir geht es gut! Aber wie geht’s dir? Ich meine, du warst doch im Krankenhaus?“
In einer Klinik, aber ja doch: da war die Frage wieder.
„Ja, nee… mir geht’s soweit ganz okay...“
„Wirklich?“
„Ja, ja… Wirklich!“
„Okay...“
Pause.
„Du, sa’ ma’, Laer… Ich ruf an, weil ich fragen wollte, ob wir nich’ zusammen mal wieder Kaffee saufen gehen wollen?“
„Ja klar! Warum nicht?“
„Ja, geil! Wann denn? Morgen?“
„Was ist morgen?“
„Donnerstag!“, antwortete ich.
Laertes überlegte kurz.
„Ja, nee! Morgen kann ich nicht! Aber am Freitag!“
„Cool, wann?“, hakte ich nach.
„Äh… so vierzehn Uhr fünfzehn?“, schlug Laer vor.
Er verwendete immer ziemlich präzise Ausdrücke und sprach auch sehr wenig Dialekt im Vergleich zu mir.
„Viertel drei?“, korrigierte ich nachfragend im ostdeutschen Zeitausdruck.
„Ja!“
„Okay, ja geil! Geht klar, Aller!“
„Schön! Bis dann!“
„Bis denn, Diggi!“
Ich legte auf. Einen Ort brauchten Laer und ich nicht ausmachen. Wir gingen immer ins selbe Café. Das Café Y war in der Nähe unserer Wohnungen und immer ganz gemütlich. Wir besuchten es schon seit Jahren.
Außerdem entsprach es unserer Generation, alleine schon vom Namen, höhö!
Manchmal kamen irgendwelche Berliner Ostseebesucher-Hipster und fragten nach dem „Café Uahih“.
„Wat? Kawwe Waih? Ich kenn nur dat Kawwe Üpsilonn!“, war dann meine Standardantwort.
Nun gut, jetzt also bloß noch die Zeit bis Freitag viertel drei rumkriegen!
Das klappte besser als ich erwartet hatte. Neben der Schreibarbeit (ich hatte eine Art Novelle angefangen und spuckte zwischendrin immer wieder Schrottlyrik) hatte ich endlich wieder Musik aufgenommen.
Meine Gitarre und meine Homerecordingtechnik hatten mir schmerzlich in der Klinik gefehlt. Alleine der Fakt, dass man mit derartig wenig Aufwand seine persönlichen Möglichkeiten zur Musikproduktion in den eigenen vier Wänden wahrnehmen konnte, war Grund genug, den ewigen Früher-war-alles-besser-Sagerinnen und -Sagern eine Anstandsschelle auszuteilen.
Ich spielte Gitarre, sang dazu, nahm den Quatsch auf und schrieb sogar ein bisschen an einem eigenen Song. Schön über die Klinik, hach – es ist so primitiv, wenn du kompliziert bist…
Außerdem half ich Tamara viel. Sie arbeitete hart und lange. Oft war sie früh aus dem Haus, noch vor acht Uhr morgens und meist erst am späten Nachmittag wieder da. Lag zusätzlich auch noch an ihrem Pendeln.
Also war Sammy Rall da, um den tollen, nichttoxischen Hausmann zu spielen! Abwaschen, Wäsche waschen, kochen, einkaufen, staubsaugen, Kloputzen, Müll wegbringen, mit diebisch-schelmischer Lust Glasflaschen vollwuchtig in die Recyclecontainer ballern und dergleichen.
Und jetzt, wo der durchgeknallte Mann seine naturgesetzlich unverrückbaren Ernährerpflichten nicht mehr wahrnehmen konnte, eben Rollentausch – kein Ding!
Wie es aber indes tatsächlich mit der Nichttoxizität klappte, wagte ich zu bezweifeln.
Mir blieb ja aber auch nicht viel anderes übrig. Und ich wollte auch erst einmal keine anderen Möglichkeiten haben.
Es war noch nicht so lange her, dass der grausige Griff der Depression mich fest eingeklemmt hatte und mir die Luft aus den Lungen drückte, sodass ich drohte zu ersticken.
Und wenn ich sage grausig, dann nicht, weil das eine besonders präzise Beschreibung des Wesens einer Depression wäre, sondern weil das Wortspiel mit dem Grauen und der Farbe Grau noch einen Rest von übertragender Verständlichkeit erahnen lässt in einer Sache, die sich sonst der sprachlichen Realisierung entzieht und die definitiv nichts mit barer Traurigkeit zu tun hat.
In der Zwinge der Depression also hatte ich gesteckt und war mir jetzt noch sehr sicher, nicht mal dieser entflohen zu sein, als die nächste Scheiße kam: Hallihallo, Hallus! Und deshalb sogar jetzt mehrere Wochen in einer Klinik verbracht. Und mir dann noch nicht einmal klar, was denn nun eigentlich geschehen ist, dass es so weit kam.
Nein, also da konnte ich auf großartige eigene Möglichkeiten erst mal verzichten und begnügte mich mit dem, was naheliegend und empathisch war.
Und dies war Tamara zu helfen, wie sie mir geholfen hatte.
Dass dabei eben noch genug Zeit für meine Künstlerscheiße blieb (von der ich nicht mal zu dem Zeitpunkt wusste, ob es nicht Dilettantenscheiße war), war netter Nebeneffekt und Privileg.
Ich stieg in meine Stiefel, die für den aufziehenden Frühling eigentlich viel zu warm waren, als am Freitag die Uhr im winzigen Flur dreizehn Uhr vierzig zeigte.
Gleich dreiviertel zwei! Ist dir das unverständlich? Komm – ist es nicht? Genieß das, in einer Auskostung und Ergebenheit: dreiviertel zwei!
Es ist nicht unlogisch, denn die Vorausreferenzierung auf die folgende Stunde ist dem Wesen der Zeit – sofern man denn über sie Aussagen treffen kann – geschuldet. Die Zeit läuft ab.
Eine Stunde ist erst dann eine volle Stunde, also eine vollendete Stunde und als solche benennbar, wenn sie ihre sechzig Minuten gewährt hat. Es ist nach null Uhr erst ein Uhr, wenn die Einserstunde durchgelaufen ist. Durch das Sein sozusagen.
Und wenn du dann doch vorab diese laufende Stunde schon benennen willst, ohne dass sie doch rum und vollendet ist, so hilft dir der Bruchausdruck. Doch kann er sich nur auf die zu vollendende Stunde beziehen. So ist um dreizehn Uhr fünfundvierzig – das war es nämlich mittlerweile – eben erst ein Dreiviertel der Vierzehnuhrstunde vorüber.
Die Stiefel waren wirklich zu warm. Draußen war es noch immer stahlwolkig von Sonnenbalken durchbrochen, doch die Vögel sangen und alle grau-braunen Stöcker der Äste waren bereits mit grünem Flor durchzogen, wie ein bisschen Entengrütze in einem dunklen Teich. Frühling und so.
In Anbetracht dessen, dass ich den vergangenen Tag nicht draußen gewesen war, trippelte ich den Weg zum Café. Er dauerte bloß zehn Minuten. Die vereinzelt durchbrechenden Sonnenstrahlen schmiegten sich über Straßenpflaster und Asphaltfahrbahn. Wie ausgegossenes Gold sickerte in jede Ecke, in jeden Winkel, in jede Ritze das Licht.
Und die Menschen, die ich auf der Straße sah, sogen die Helligkeit ausgezehrt auf, voller Gier.
Ich überlegte, ob der vergangene Winter so dunkel und anstrengend gewesen war, doch konnte mich nicht erinnern.
Mir kamen die ganzen letzten drei Jahre dunkel und anstrengend vor – durchgehend. Scheiß Depris!
Dennoch empfand ich jetzt so etwas wie Freude über Vögel, Sonne, Knospen. Therapie und Tabletten schienen doch tatsächlich ihre Wirkung zu tun.
Das Café Y lag schön in halbkieziger Gegend, etwas zurückgesetzt unten in einem Wohnhaus und die ersten Leute saßen draußen, tranken Bier, rauchten und schnackten. Ich wusste, dass Laer eh drinnen saß. Der war eher etwas vampiristisch unterwegs und hatte sich in eine düstere Ecke innerhalb des Etablissements verkrochen.
Durch die Tür getreten und in die am wenigstens ausgeleuchtete Ecke geschielt: da saß er schon.
„Mohoooin!“, begrüßte ich.
„Na?“ Laer stand zur flüchtigen Umarmung auf.
Ich setzte mich, nachdem ich aus der Jacke gerobbt war (auch viel zu warm) und griff die Tischkarte.
Laertes trank Cappuccino.
„Wie geht es dir?“
Verdammt, da war sie wieder und diesmal war Laer schneller gewesen.
„Digger, das hast du mich am Telefon schon gefragt!“, antwortete ich.
„Ja? Aber du hattest nicht geantwortet!“
„Doch! Hatte ich!“
„Ach?“
„Ja!“
„Und, wie geht es dir nun?“
Okay. Ich war jetzt ausdauernde fünfzehn Sekunden da, erst jetzt fing Laertes’ ruhige Art an mich zu nerven.
Dennoch lag in seinem Fixblick etwas anderes, das jenseits von Smalltalk lag.
„Digger, mir geht’s soweit ganz gut“, resignierte ich.
„Aber du warst doch irgendwie im Krankenhaus?“
Laertes hatte mich nicht besucht, wohl aber hatte ich mit ihm geschrieben, als ich in der Klinik war.
„In der Klinik auf der anderen Flussseite.“
„Ach, Klinik.“
„Ja.“
„Und wie war es da in der Klinik?“
„Digger, wie soll das in einer verdammten Klinik sein? Scheiße natürlich!“
„Und warum warst du in der Klinik?“
In dem Moment kam die Kellnerin an den Tisch: „Was trinkst du?“
Ich zögerte, da ich noch keinen lesenden Blick in die Karte werfen konnte: „Äh…“
„Bier?“, fragte sie ratend.
Ich hätte liebend gern alles Bier des Lokals ausgetrunken, aber die Ärzte hatten mir bereits vor Wochen aufgrund der Psychopharmaka ein strenges Alkoholverbot auferlegt.
„Nein, danke – Ich nehm’ ’n großen Pott Kaffee!“ Kaffee war das letzte bisschen Substanz, welches mir verblieben war.
Die Kellnerin nickte und stratzte ab.
Stille am Tisch, Klangumgebung im Café.
Nach einer halben Minute: „Also, weswegen warst du in der Klinik?“ Laer blieb fokussierter als ich es von ihm kannte.
„Pass auf, Laer… Ich hab’ Depressionen – das weißt du?“
„Ja.“
„Ich kann dir nicht genau sagen was passiert ist, aber es wurde festgestellt, dass ich auch unter Halluzinationen leide!“
„Halluzinationen?“ Laer machte eine erstaunte Stimme, aber sein Gesicht blieb genauso ruhig und unbewegt wie vorher.
„Ja, Hallus! Kennst du doch?“
„Nein, kenn’ ich nicht. Zum Glück!“
„Na, Mann! Du weißt schon – als Wort, was das ist! Aber nicht wie das ist!“, präzisierte ich.
„Ja, klar kenn’ ich das!“, flüsterte Laertes nun.
„Na, siehste! Und neben den Depris hab’ ich laut den Ärzten nu’ auch Hallus!“
„Und wie äußert sich das?“
Jetzt musste ich schweigen. Die Frage konnte ich, abseits von den allgemeinen Vorstellungen von Halluzinationen, nicht beantworten.
„Ich weiß nicht… Ich habe noch keine gehabt...“, sagte ich schließlich fast zu leise, um gegen den umgebenen Cafélärm anzukommen.
„Du weißt es nicht?“
„Nein.“
„Du hattest noch keine?“
„Nein, wie ich eben sagte.“
„Woher weißt du dann, dass du Halluzinationen hast? Du hast doch offenbar keine!“ Laer spielte wieder seine penetrante Sturheitskarte.
„Laertes, Aller –“
„So, hier der Kaffeepott!“
Ich hatte die heransteppende Kellnerin überhaupt nicht bemerkt. Sie platzierte den qualmenden Kaffee vor mir und wackelte wieder ab, nachdem ich noch mein Danke stammeln konnte. Ein Pott war hier tatsächlich dem Worte angemessen dimensioniert.
Ich trank. Sofort spürte ich die Wärme in meinen Bauch und das Koffein in meine Synapsen toben. Großartig!
Ich trank nochmals, boah GROẞartig!!
Ich trank ein drittes Mal… Jetzt war ich Laertes gewachsen!!!
„Laer, Aller! Ich weiß nicht genau was geschehen ist, aber ich kam vor zwei Wochen – nee… drei…? Äh… so vor zweieinhalb Wochen in die Klinik, ja?“
„Ja…!“
„… Und warum weiß ich gar nicht, ja?“
„Ja…!“
„… Und da inner Klinik hat man mir verklort, dass ich neben meinen Depressionen nu’ auch Halluzinationen habe, ja?“
„Ja…!“
„Ja?“
„Ja.“
Pause.
„Okay… aber du kannst dich nicht an irgendwelche Halluzinationen deinerseits erinnern?“, fragte er dann noch.
„Nein!“
Pause.
Schließlich Laertes: „Äh… woher weißt du, oder wissen die Ärzte aus der Klinik dann überhaupt, dass du Halluzinationen hast?“
Dieser verdammte Laertes! Ich hasste ihn für seine präzise und ruhige Zielführung. Aber ich liebte ihn auch dafür. Natürlich hatte er recht. Ich schwieg überlegend.
Schließlich: „Ja… Keine Ahnung, Mann! Ich bin doch kein Dokter!“
Laertes lehnte sich zurück, schaute an mir vorbei, knispelte sich den Bart, nahm sein Cappuccinotässchen vorbeugend und tat einen lütten Sögen daran, stellte es dann wieder aufs Untertässchen, lehnte sich erneut zurück, schaute an mir vorbei und knispelte sich den Bart.
„Es gibt also keinen Beweis für deine Halluzinationen?“, fragte er schlussendlich.
„Nein. Aber ich nehme doch an, dass die Ärzte wissen, was sie wie diagnostizieren.“
„Das ist vertrauensvoll.“
„Naja, alles andere wäre auch aluhütisch, oder nich’?“
Laer schwieg wieder.
„Mach dir nicht so große Gedanken. Die werden schon wissen was sie machen!“, schloss er dann plötzlich.
Wie? Erst die große Verschwörung anstarten und dann doch die optimistische Ratio rauskehren?
Der Kaffee war schon leer, ich gab der Kellnerin ein erneutes Handzeichen.
Laer hingegen entspannte weiter rücklehnend auf der Eckcouch.
Unser Gespräch nahm die üblichen kryptischen Züge an und bearbeitete die immer selben Themen: Regionale Musik und die abseits des Mainstreams, Literatur – vornehmlich die eigenen Versuche und Hermann Hesse. Manchmal noch Jack Kerouac, aber eigentlich eher mehr Hermann Hesse, sowie etwas über Technik.
Laer pflegte mehr einen Bohemienlifestyle und steckte noch immer in seinem Studium. Ich hingegen war da prolliger – also ein intellektueller Proll – und war bereits über die Arbeitslosigkeit in meinen Medienberuf gekrochen. Es darf bis jetzt sehr bezweifelt werden, ob das eine Verbesserung war.
Ich fragte Laer nach seinen letzten Uniseminaren – was er dieses Semester bei wem zu besuchen gedachte, denn ich erhoffte einige bekannte Namen wieder zu hören.
„Ja, ich habe in der Literaturwissenschaft ein Seminar über religiöse Mystik in der frühneuhochdeutschen Lyrik aus dem oberdeutschen Sprachraum und dann noch eine Vorlesung über die Auswirkungen des morphematischen Prinzips in der Orthographie – also das dann in Sprachwissenschaft.“
Ach du Scheiße: ein Adrenalinsemester, um die Tranquilizervorräte der Hansestadt auf die Probe zu stellen!
„Mehr Sachen belegst du nicht?“, hakte ich skeptisch nach.
„Nein.“
„Nein, Digger?“
„Nein. Wieso auch? Reicht doch.“
Wow, das war für Laers Verhältnisse schon richtig geschwätzt und getratscht.
„Wieso oberdeutsche Lyrik hier?“
Er nannte mir den Namen der Dozentin, von der ich wusste, dass sie aus dem Süden des deutschen Sprachgebiets kam.
Gott, ich wurde niedergeschlagen! Doch mich irritierte auch etwas.
„Mich durchzieht grad – alles in allem – ein urst trauriges Gefühl, Laertes!“
„Wieso denn?“
„Das beides soll jetzt ein halbes Jahr Einzug halten in deinen akademischen Lehrplan?“
„Ja.“
„Digger, das’ voll scheiße!“
„Was jetzt?“ Laer schien nicht zu begreifen.
„Na, diese Unischeiße!“
„Wieso?“
„Aller, du fragst jetzt nicht ernsthaft nach dem Grund, oder?“
„… Doch…“
„Digger, bairische Religionslyrik von vor über vierhundert Jahren hinsichtlich dessen analysieren, was alles und nichts sein kann? Und zu luschern, warum man ‚endlich‘ mit ‚d‘ statt mit ‚t‘ schreibt?“
„Ja! Und?“
