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Aurelius war aus ihrem Leben genauso schnell verschwunden, wie er aufgetaucht war. Seit Marie ihn mit 17 geheiratet hatte waren 4 Jahre ins Land gezogen und eigentlich war für sie dieses Kapitel längst abgeschlossen. Als sie jedoch eines Tages vom Reittraining kam, war ihr Zuhause von Reportern und Fernsehteams belagert. Alle hatten nur ein Thema: Sie wollten etwas über ihre Ehe mit Aurelius erfahren ... Ein spannender und tiefgreifender New-Adult-Roman um Liebe, Sex und Rockmusik.
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Seitenzahl: 362
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden und rein fiktiv. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wären zufällig und sind nicht beabsichtigt.
DU GEHÖRST MIR
Roman
Dunkelfeuer - DU GEHÖRST MIR
Für Jolene
Für den Rest meines Lebens kämpfe ich um dich. Aber du hast mich für immer verbannt. Jetzt möchtest du von mir die Wahrheit hören? Meinst du, du kannst sie ertragen? Ich schwöre, sie wird dir dein Herz brechen. Es Auseinandernehmen und in Stücke Zerreißen. Schau mir in die Augen, Baby. Ich weiß endlich, was ich will. Lang genug habe ich den Schmerz deinetwegen ertragen. Du kannst mir nicht mehr davonlaufen ... Ja, renn, renn, renn ... Du gehörst mir. Hör verdammt noch mal auf damit. Du gehörst mir. Du entkommst mir nicht. Du gehörst mir. Ich bin der Jäger in der Nacht. Du gehörst mir.
Textauszug: Dunkelfeuer, YOU ARE MINE(Songtext in deutscher Übersetzung)
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Epilog
Ich fühlte mich frei. Frei wie der Wind, der mir in den Ohren rauschte und sich kalt und gleichzeitig prickelnd auf meiner Haut anfühlte. Ich lächelte. Endlich war mein Selbstbewusstsein etwas aufgebaut und ich hatte fast wieder den Punkt erreicht, bevor Aurelius alles zerstörte. Bevor er meine Welt auf den Kopf stellte. Bevor er mir so wehtat. Bevor ich nicht mehr die war, die ich einst gewesen war.
Er war von Anfang an eine Nummer zu groß für mich und außerdem absolut nicht mein Typ. Aus eitlem Stolz heraus versuchte ich, mir das Letztere immer wieder einzureden, um es irgendwann zu glauben. Aurelius hatte tief in mir eine Wunde zurückgelassen, und es gab kein Medikament dagegen, das mich hätte heilen können. Verzeihen kann, muss aber nicht Vergessen bedeuten. Viel zu oft erinnerte mich der bittere Schmerz daran. Ob ich jemals wirklich verzeihen kann? Nach ihm war nichts mehr so, wie es mal war. Immer gab es ein Davor und ein Danach. Ich verdrängte die aufkeimende Niedergeschlagenheit in mir, die mich in der Vergangenheit so oft gefangen nahm. Heute würde sie nicht die Oberhand über mich erlangen. Nicht jetzt. Nicht in diesem Augenblick. Schneller. Ich gab Schenkeldruck, um zum ersten Mal nach so langer Zeit zum Galopp über die unebenen Stoppelfelder anzusetzen. Phoenix` Beine erhöhten schwungvoll und geschmeidig die Geschwindigkeit. Ich hatte den Eindruck, seine Hufe berührten den Erdboden kaum noch. So, als würden wir fliegen. Eine Gänsehaut überzog meinen ganzen Körper. Nach dem rasanten Ritt ging es im gemächlichen Schritttempo durch den Wald. Ich schloss die Augen. Behutsam beugte ich mich vor und schmiegte das Gesicht an seinen schneeweißen Hals und in die weiche Mähne. Dabei gab ich dem Araber-Wallach mehr Zügel. Meine Arme hingen locker zur Seite. Völlig entspannt atmete ich tief ein. Ich roch den mir so vertrauten typischen, würzigen Pferdegeruch, gemischt mit der frischen Luft des Waldes.
In der Ferne zwitscherte ein Zaunkönig. Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde. Endlich sind wir frei. Wie klischeehaft. Ich weiß. Dabei war ich kein Fan von Klischees, besonders dann nicht, wenn es um Pferde oder mich ging. Aber ich konnte mich und die Leidenschaft in mir spüren. Ich war wieder ich selbst. Ich war Marie. Die Marie, deren Herz für Pferde schlug. Ich musste schmunzeln. Die absolute Leichtigkeit des Seins. Als ich die Augen öffnete, richtete ich mich im Sattel langsam wieder auf. Ich bemerkte, dass ich die Zeit vollkommen vergessen hatte. Die Sonne ging allmählich unter und tauchte den Wald in orangenes Licht. Ich trieb Phönix voran. Es war Zeit für den Heimweg in mein altes, neues Leben. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung, dass ich von ihm beobachtet wurde ...
Ich biss die Zähne zusammen und ritt mit Phönix in die Pirouette von links nach rechtsherum, dabei wirbelten seine Hufen den Sand vom Reitplatz auf. In der Wärme der nachmittäglichen Frühlingssonne rann mir der Schweiß unangenehm den Rücken hinab. Mein rechtes Knie tat mir weh. Ich fühlte mich wie ein triefend nasser, unförmiger Sack im Sattel. Frustriert zog ich die Zügel an und mein Pferd blieb sofort empört schnaufend stehen. Er schüttelte sich und trat unruhig auf der Stelle.
»Marie, du musst dein Ziel visuell vor Augen haben. Die Vergangenheit ist ein Teil von dir, den du nicht ändern kannst. Dein Pferd gibt jeden Tag hundert Prozent und da ist es nur fair, wenn auch du täglich hundert Prozent Leistung bringst. Es liegt ganz allein an dir, ob du diesen inneren Kampf gewinnst oder verlierst. Du weißt ganz genau, was auf dem Spiel steht. Also achte verflixt noch mal auf deine Haltung im Sattel«, höre ich Katy hinter mir rufen. Ich riss mich zusammen und richtete mich wieder im Sattel auf. Schließlich stand meine Trainerin vor mir und strich mit ihrer flachen Hand beruhigend über Phönix’ Nüstern. Katy hieß eigentlich Kathrin Pahl. Ihr gehörte das Reitgestüt in der Nähe von Naensen. Sie war streng, aber dafür war ich ihr dankbar, denn ohne sie hätte ich innerhalb eines Jahres nicht so viel erreicht. Ein wahrer Feldwebel, der keine Fehler tolerierte. Aber sie war auch meine engste Vertraute seit dem Tod meiner Mutter.
Ich absolvierte bei Katy fast täglich, außer an den Wochenenden, ein hartes Trainingsprogramm.
Ich schluckte die Verbitterung herunter. Ich war schon einmal vor vier Jahren so weit. Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an dem der Unfall geschehen war, den ich seither verzweifelt versuchte, aus meinen Gedanken zu verdrängen. Sie hatte wie üblich recht.
»Ich mach die Kür noch mal«, sagte ich und wollte Phönix für die Dressur in Bewegung setzen. Doch Katy griff in die Zügel und hielt uns zurück.
»Für heute ist es genug. Wir sehen uns morgen wieder«, meinte sie.
»Na schön, dann bis morgen«, erwiderte ich. Sie ließ die Zügel los und ging davon. Ich blickte ihr noch einen kurzen Moment nach, wie sie im Wohnhaus verschwand, bevor ich mich aus dem Sattel schwang. Als ich neben Phönix stand, streckte ich meinen steifen Körper und atmete tief ein und aus. Ich führte mein Pferd auf die saftige Weide, löste die Trense und den Sattel, den ich dann zusammen mit der darunterliegenden Decke abhob und zum Stall brachte. Dort verstaute ich beides und nahm anschließend die schwarze Reiterkappe vom Kopf, um sie an den dafür vorgesehenen Haken zu hängen. Ich setzte meinen Weg zu Phönix’ Box fort. Dort angekommen fing ich gedankenverloren an auszumisten. Durch den strengen Stallgeruch und den aufgewirbelten Staub in der Luft musste ich ein paar Mal niesen. Ich streute mit Pellets ein und hängte Heu rein. Schnaufend lehnte ich die Mistgabel an die Wand der Box, stemmte die Hände in die Hüfte und pustete eine Haarsträhne aus der Stirn. Zufrieden betrachtete ich mein Werk. Schließlich holte ich Phönix von der Wiese, führte ihn in die Box und rieb ihn ab.
»Hey. Hier bist du also. Du hast da was im Haar«, sagte Jella, während sie stirnrunzelnd einen Strohhalm aus meinem kastanienroten Haar fischte. Sie war plötzlich neben mir im Stall aufgetaucht.
»Danke.«
Mit beiden Händen fuhr ich mir durch die zerzausten Locken, die mir bis über die Brust reichten. Jella war meine einzige und beste Freundin. Sie bewohnte mit ihren Eltern und zwei Brüdern den Hof schräg gegenüber unseres Wohnhauses. Wir hatten denselben Kindergarten besucht und waren anschließend auf dieselbe Schule gegangen.
Als wir in der zweiten Klasse waren, schlug sie einem Jungen mit der Faust eins auf die Nase, weil er mich wegen meiner roten Haare gehänselt hatte. Von da an waren wir Freundinnen und unzertrennlich. Mittlerweile waren wir dieses Jahr einundzwanzig Jahre alt geworden.
»Und, haben wir heute was zu feiern oder ist eher Frustsaufen angesagt?«, erkundigte sie sich neugierig bei mir, als wir den Reitstall gemeinsam verließen. Ihr langes blondes Haar war wie üblich zu einem Zopf locker zusammengebunden. Sie besaß die Angewohnheit, beiläufig daran zu zupfen, während sie eine Frage stellte. Diese kindliche Marotte machte sie irgendwie noch liebenswerter.
»Oh nein. Kein Tequila«, meinte ich. Als ob ich mich großartig betrinken würde. Bis auf das eine Mal, das mir wirklich eine Lehre war. Seitdem hatte ich beschlossen: Nie wieder Tequila! Ich mochte mein einfaches, geordnetes Leben ohne Alkoholexzesse. Schritt für Schritt würde ich meinem großen Traum näherkommen. Dem Grand Prix Dressage. Die zweitschwerste internationale Dressurprüfung. Aber dafür musste ich mich erst einmal für den Young Rider Grand Prix qualifizieren. Der Young Rider Grand Prix war angelehnt an den Grand Prix Dressage und war speziell für Reiter bis zum fünfundzwanzigsten Lebensjahr vorgesehen. Ich lächelte Jella vielsagend an.
»Nun sag schon«, bat sie. Auffordernd stieß sie ihren rechten Ellenbogen in meine linke Seite. Durch den Schubs fiel ich etwas nach vorne. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.
»Schon gut, schon gut«, beruhigte ich sie. »Ja, Katy hat mich endlich angemeldet. Ich darf in acht Wochen meine Kür vorreiten.«
»Das ist so aufregend. Du wirst die Jury total begeistern mit deiner Dressur. Wir haben definitiv was zu feiern«, rief sie. Vor Freude klatschte sie in die Hände. Ich mochte ihren Enthusiasmus. Ich wandte mich ihr zu. »Hast du einen bestimmten Grund, warum du mich unbedingt mit Alkohol abfüllen möchtest?«, wollte ich scherzhaft wissen.
»Naja. Ich habe heute Nachricht aus Berlin erhalten.«
»Sie haben dich angenommen«, erriet ich.
»Ja. Ich bin für das Wintersemester angenommen worden.« Sie grinste über beide Ohren. Nach dem Abitur hatte sie eine Ausbildung als Schneiderin abgeschlossen und nun wollte sie Fashiondesign studieren, während ich überhaupt keine Ahnung hatte, was ich beruflich werden wollte. Deshalb tat ich das, worin ich bisher am besten war, und das war Dressurreiten.
»Das ist großartig. Ich freu mich für dich. Aber du wirst mir echt fehlen.« Ich hatte gemischte Gefühle dabei, bald meine beste Freundin nicht mehr jederzeit zu sehen.
»Ich weiß. Du mir auch. Deshalb sollten wir es noch mal so richtig krachen lassen und dafür haben wir den ganzen Sommer Zeit«, freute sie sich. Insgeheim bewunderte ich Jella für ihren Mut, noch dieses Jahr für ihr Studium nach Berlin zu ziehen. Ich selbst konnte mir ein Leben außerhalb von Naensen kaum vorstellen. Das Dorf, zu dem Jella und ich mit seinen etwa siebenhundert Einwohnern, den Kühen, Schweinen, Hühnern, Schafen, Pferden und dem ganzen anderen Getier zählten, war meine Heimat. In der Gemeinde kannte sich fast jeder. Es passierte hier auf dem Land nie etwas Aufregendes. Bis auf den schändlichen Klatsch und Tratsch, der ab und zu die Runde machte. Nicht, dass mich mein ruhiges, beschauliches Leben je gestört hätte. Ganz im Gegenteil. Ich liebte es. Alles war mir so vertraut. Ich verglich Naensen immer mit Walnut Grove aus der Serie »Unsere kleine Farm«. Doch die meisten jungen Leute in unserem Alter zog es in die Stadt, um dort zu studieren oder einer Arbeit nachzugehen, die nichts mit stinkender Viehzucht oder schmutziger Landwirtschaft zu tun hatte. Wir bogen gerade in die Voßstraße ein, die komplett zugeparkt war, als mir plötzlich die Kinnlade herunterfiel.
Am Straßenrand parkten etliche Fahrzeuge mit fremden Kennzeichen von außerhalb. Die Autos standen in Reihe, Stoßstange an Stoßstange. Sie bildeten eine unendlich lange Schlange. Vor dem Fachwerkhaus, das ich zusammen mit meinem Vater bewohnte, tummelten sich unzählige Leute.
Bauten die gerade eine Fernsehkamera auf?
Hatte mein Vater in der Lotterie gewonnen oder uns bei irgend so einem Fernsehformat angemeldet? Ab und zu blieb ich beim Zappen im Fernsehen bei so komischen Pseudorealitysendungen hängen. Mein Vater und ich witzelten dann oft herum über die kuriosen Storys und die noch unglaublicheren, grotesken Protagonisten. Aus Spaß hatte er irgendwann gedroht, uns dort anzumelden, wenn ich nicht gleich umschalten und den Quatsch weiterhin gucken würde. Aus Angst, dass er seine Drohung eines Tages wirklich wahr machte, zappte ich schließlich ganz schnell weiter auf einen anderen Sender. Ich schaute sowieso lieber Dokumentarfilme und erst recht, wenn sie von Pferden handelten.
»Was ist denn da bei euch los?«, fragte Jella. Sie zupfte nervös an ihrem Zopf.
»Keine Ahnung.«
Plötzlich hörte ich meinen Namen. In einem fort wurde er gerufen. Die Leute mit den Kameras drängten auf mich zu. Mit offenem Mund stand ich wie angewurzelt da. Ich war fassungslos, als mich das Blitzlichtgewitter blendete, während die Menschenmasse sich um mich versammelte.
»Oh – oh«, rief Jella verwundert.
Zahlreiche Fragen strömten auf mich ein.
»Marie, wie lange sind Sie schon mit Aurelius Wittrock verheiratet?«
»Warum hielten Sie Ihre Ehe geheim?«
»Wie haben Sie sich kennengelernt?«
»Beabsichtigen Sie, die Band nächstes Jahr auf ihrer großen internationalen Tour zu begleiten?«
»Was sagen Sie zu der steilen Karriere Ihres Mannes?«
»Wann können wir von der Band Dunkelfeuer das neue Album erwarten?«
»Stimmt es, dass Ihr Mann im Moment eine Schreibblockade hat und deshalb das neue Album so lange auf sich warten lässt?«
»Werden Sie bald ein Baby bekommen?«
Mein Mund stand weiterhin unnütz offen. Meine Kehle fühlte sich wie ausgetrocknet und zugeschnürt an. Seinen Namen in Zusammenhang mit meinem Namen zu hören, war einfach zu viel für mich. Ich klappte den Mund zu und presste die Lippen fest aufeinander. Um mich herum verschwamm die Welt. In meinen Ohren war nur noch ein Rauschen zu hören. Mein Herz hämmerte wild ein Heavy-Metal-Trommelsolo. Von den unangenehmen Blitzlichtern, die immer wieder vor mir aufleuchteten, fingen meine Augen an zu tränen. Angewidert schloss ich sie und hob schützend meine Hände vors Gesicht. Ich hasste Menschenansammlungen wie diese. Inzwischen regte sich Jella neben mir. Sie packte mich am linken Arm. Langsam kam ich wieder zu mir. Rücksichtslos bahnte sie sich mit mir im Schlepptau einen Weg durch die Meute. Dabei kam ihr Ellenbogen immer wieder zum Einsatz. Für diese Rettung werde ich ihr lebenslang dankbar sein. Lautes Protestgeschrei verfolgte uns. Sie lief mit mir die Treppe rauf zur Eingangstür. Mit dem linken Fuß nahm ich die erste Stufe. Ich konzentrierte mich, im Wechselschritt und etwas seitwärts zu laufen. Angestrengt versuchte ich, mit ihr schrittzuhalten. Oben bei der Eingangstür angekommen schnappte ich nach Luft. Mit schweißnassen Fingern griff ich in die schmale Gesäßtasche meiner schwarzen Reiterhose. Ich holte den Schlüssel hervor, an dem ein kleines, weißes, flaches Einhorn mit bunter Mähne hing. Meine Hände zitterten, als ich den Schlüssel ins Schloss steckte und die Tür aufschloss. Eilig verschwanden wir im Haus. Völlig außer Atem lehnten wir uns fast gleichzeitig gegen die Tür und holten mehrmals tief Luft. Mein Herz hämmerte wie wild gegen den Brustkorb. Vor meinem Zuhause standen Paparazzi. Das war wirklich unglaublich.
Ich zwickte mich in den linken Arm, um sicherzugehen, dass ich nicht träumte. Der Schmerz durchzuckte mich, aber ansonsten veränderte sich nichts. In Ordnung. Ich war wirklich hellwach. Sicherlich war das alles nur ein Irrtum. Oder vielleicht doch ein Albtraum, aus dem es kein Entkommen gab?
Mein Vater kehrte aus der Küche zurück.
»Hallo. So wie es ausschaut, ist dein Ehemann ein berühmter Superstar«, informierte er uns. Wie konnte er nur so ruhig auf diese bizarre Situation reagieren, während vor unserem Zuhause dieses Chaos ausgebrochen war, an dem ich auch noch Schuld zu sein schien?
Ich ... verheiratet ... mit einer Berühmtheit? Unvorstellbar! Aber es war wirklich sein Name, den die Reporter genannt hatten und der von irgend so einer Band. Wie war noch der Name ... Durchfall? Das konnte doch unmöglich wahr sein. Mir wurde schwindelig.
»Ich habe uns was zu essen gekocht«, wechselte mein Vater das Thema, wofür ich ihm wirklich dankbar war. Aber ans Essen wollte ich überhaupt nicht denken, da mein Magen gerade ziemlich rebellierte. Leichte Übelkeit stieg in mir auf.
»Jella, möchtest du mit uns essen? Du siehst hungrig aus. Ich habe meine berühmte Gemüselasagne gemacht«, erkundigte er sich.
»Ja, sehr gerne. Ich liebe Lasagne. Außerdem möchte ich den Irren da draußen nicht unbedingt zum Opfer fallen«, meinte sie dankbar. Sie folgte ihm. Schnell warf sie mir noch einen auffordernden Blick zu, ihnen nachzukommen. Verwirrt schaute ich ihr hinterher und verschränkte die Arme unter meiner Brust. Ich brauchte einen Moment, um das alles zu begreifen. Mein Ehemann, zu dem ich keinerlei Kontakt pflegte, sollte also Mr. Superberühmt sein. Wie immer, wenn ich an Aurelius dachte, dachte ich auch an unsere desaströse Ehe, die wir bedingungslos nebenher, ohne gegenseitige Beachtung und mit großem Abstand voneinander führten.
Plötzlich klopfte es an die Tür. Ich erschrak und machte einen Satz nach vorne, weg von der Tür.
»Autsch!«
Mein rechtes Bein machte sich sogleich wegen der abrupten Bewegung bemerkbar. Ein stechender Schmerz schoss durch das Knie, gefolgt von einem dumpfen Pochen. Verflucht, tat das weh. Ich blieb still stehen. Mein gesamtes Gewicht verlagerte ich auf das linke Bein, um das rechte zu entlasten.
Wieder klopfte es an der Tür. Diesmal aufdringlicher. Der eklige Schmerz flachte ab, bis nur noch das Pochen übrigblieb.
»Marie, ist alles in Ordnung bei dir?«
Mein Vater war wieder da, um nach mir zu sehen.
»Ja, geht schon. Ich habe nur mal wieder eine falsche Bewegung gemacht.«
Er nahm mich in seine Arme und sogleich fühlte ich mich wie Daddys kleiner Liebling.
»Das Gesindel da draußen kann uns nichts anhaben. Wir sind doch ein großartiges Vater-Tochter-Team. Außerdem haben wir in der Vergangenheit schon einiges mehr gemeistert«, meinte er voller Zuversicht. Er war so ein unverbesserlicher Optimist und dafür liebte ich ihn. In diesem Moment brauchte ich diese Umarmung. Sie gab mir Hoffnung, dass alles wieder gut werden würde. Als ich zwölf Jahre alt war, verstarb meine Mutter. Ein Jahr zuvor hatte sie die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs erhalten. Dad und ich hatten auf einmal nur noch uns. Es tat weh als meine Mutter starb, und dieser Schmerz quälte mich noch immer. Der Schmerz würde nie ganz verschwinden, aber durch den Trost meines Vaters hielt er sich dumpf im Hintergrund auf. Er war einfach immer für mich da.
»Ja. Du hast recht!«
Abermals klopfte es. Ich löste mich aus seiner Umarmung. »Auf keinen Fall die Tür öffnen. Das wäre ein ganz großer Fehler. Ich spreche leider aus Erfahrung. Ich habe die Klingel schon abstellen müssen und das permanente Geklopfe werden wir einfach ignorieren.« Er führte mich von der Tür weg in Richtung Küche.
Grübelnd stocherte ich in der Lasagne auf meinem Teller herum.
»Können wir nicht die Polizei rufen?«, wollte ich wissen. Ich setzte meine Hoffnung auf den guten alten Freund und Helfer – die Polizei. Die müssten doch dem Chaos da draußen ein Ende setzen können.
»Das haben die Nachbarn und ich schon getan. Inzwischen sind auch zwei Polizeibeamte hier gewesen, aber solange die Reporter nichts Rechts- oder Ordnungswidriges tun, haben sie keine Möglichkeit, etwas zu unternehmen. Und ein Platzverbot wollte die Bürgermeisterin der Stadt Einbeck der Presse nicht erteilen. Anscheinend ist sie der Meinung, etwas Publicity täte Naensen ganz gut«, meinte mein Vater.
Oh, verdammt! Das war dann offenbar ein erfolgloser Polizeieinsatz gewesen. Unsere Aussichten, die Reporter vor unserem Haus loszuwerden, standen wohl mehr als schlecht. Die Kombination aus hoffnungslos und miserabel traf es anscheinend auf den Punkt.
»Vielen Dank für die Essenseinladung. Die Lasagne war sehr lecker«, meinte Jella.
»Wenigsten weißt du meine Kochkünste zu schätzen.«
Er warf mir einen besorgten Seitenblick zu. Ich schob kraftlos den Teller beiseite. Mir war so elend zumute.
»Tut mir leid, aber ich habe keinen Hunger.«
Ein energisches Klopfen an der Tür ertönte wieder.
»Nun reicht es aber.«
Die Geduld meines Vaters erreichte wohl gerade ihr Ende. Sofort sprang er von seinem Sitzplatz auf und eilte zur Tür, an der immer noch lautstark und aufdringlich geklopft wurde.
»Verschwinden Sie!«, schrie er. Plötzliches Gemurmel ertönte. Die Stimme meines Vaters war auf einmal gedämpft.
Ich starrte von meinem Sitzplatz durchs Fenster. Vor unserem Haus hatte ein Reisebus angehalten.
Eine Horde junger Leute stieg aus und machte es sich gerade in unserem Vorgarten gemütlich. Einige von ihnen hatten tatsächlich ein Zelt dabei. Das ging jetzt wirklich zu weit. Waren diese Menschen da draußen denn völlig übergeschnappt? Ein Mädchen mit pinken Haaren rammte gerade eine Holzlatte mit einem riesigen Pappschild in Dads heiliges Rosenbeet. Zwischen den dunkelroten Leonardo-da-Vinci-Beetrosen prangte nun das Schild, auf dem mit großen, schwarzen Druckbuchstaben geschrieben stand: DUNKELFEUER FANCLUB. Anscheinend hatte mein Ehemann absolute Freaks als Fans. Ich bekam es wirklich langsam mit der Angst zu tun.
»Echt krass.«
Jella war meinem Blick aus dem Fenster gefolgt.
»Ob mir pinke Haare auch stehen würden?«
Sie betrachtete abschätzend ihren goldblonden Zopf. Ich runzelte völlig irritiert die Stirn.
Aus heiterem Himmel tauchte mein Vater in Begleitung eines muskelbepackten Hünen auf.
»Du hast Besuch!«, verkündete er.
Ich glotzte den glatzköpfigen Bodybuilder in dem maßgeschneiderten schwarzen Anzug regelrecht an, während er mit seinem Smartphone telefonierte. Ob der schicke Anzug platzte, wenn er seine Muskeln anspannen würde?
»Ja. Ich bin jetzt endlich drinnen«, informierte er seinen Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung. »Ja. Sie ist hier. In Ordnung. Ich verstehe. Ist so gut wie erledigt. Das wird ein Kinderspiel. Ja. Ich überreiche ihr jetzt das Telefon.«
Der charismatische Bodybuilder hielt mir ohne Umschweife das Smartphon vor die Nase.
»Mein Boss will mit Ihnen sprechen!«
Mit mir? Nun war ich endgültig reif für die Klapsmühle. Etwas zögerlich nahm ich das Telefon in die Hand und führte es ans rechte Ohr.
»Hallo?«
Ich konnte im Hintergrund laute Musik und Stimmengewirr hören.
»Marie?«
Das war Aurelius’ männlich tiefe, samtweiche Stimme. Ich hielt kurzzeitig die Luft an. Mein armes Herz beschleunigte gerade zu einem Marathonsprint. Vielleicht sollte ich mich schon mal zu einer Herztransplantation anmelden. So oft, wie mein Herz heute schon gewummert hatte und aus seinem ursprünglichen Takt gekommen war, machte es mir allmählich ernsthafte Sorgen. Auf jeden Fall sollte ich unbedingt Dad bei der nächstbesten Gelegenheit ansprechen, ob Herzerkrankungen in unsere Familie bekannt waren.
»Marie? ... So sag doch was ... Bitte, sprich mit mir.«
Ich schluckte schwer und nahm meinen ganzen Mut zusammen.
»Hi«, nuschelte ich. Er stockte kurz.
»Hey, es tut mir leid für das, was du gerade durchmachen musst. Lass es mich dir erklären. Ich werde es wieder in Ordnung bringen.«
»Und wie?«
Ich verstand das alles nicht. Wie war es nur zu diesem ganzen Desaster gekommen? Wieso campierten völlig fremde Menschen in unserem Vorgarten?
»Es wird alles wieder gut. Ähm ... Am besten ... kommst du zu mir. Tony wird dich sofort zu mir bringen. Er ist Personenschützer und arbeitet für mich.«
Mein Herz setzte kurzzeitig aus, bevor es den Marathonsprint weiter fortführte. Wenn das so weitergeht, brauchte ich wirklich bald ein neues Herz.
»Ich soll zu dir kommen?«
Das war für mich vollkommen absurd. Er machte wohl nur einen schlechten Scherz.
»Ja!«
»Du verlangst jetzt nicht ernsthaft von mir, dass ich meinen Dad hier im Stich lasse.« Ich war empört.
»Ich bin mit dir verheiratet und nicht mit deinem Vater. Die Paparazzi haben an ihm überhaupt kein Interesse. Wenn du von da verschwindest, werden sie dir folgen. Wenn du zu mir kommst, würdest du sie automatisch zu mir führen und wir wissen, wie wir mit ihnen umzugehen haben.«
Wer war denn bitteschön wir?
»Ich weiß nicht so recht.« Ich haderte.
Er stieß einen tiefen Seufzer aus.
»Was willst du denn sonst unternehmen? Wo willst du hin?
Du musst für eine Weile von dort verschwinden, bis Gras über die ganze Sache gewachsen ist.«
Leider hatte ich keine andere Option in petto, um aus dieser ausweglosen Lage alleine wieder herauszukommen. Vielleicht hatte er recht. Was sollte ich nur tun? Die Aussicht, wenigstens meinen Vater von diesem ganzen Chaos zu befreien, ließ mich ernsthaft über sein Angebot nachdenken.
»Und für wie lange werde ich bei dir bleiben müssen, bis Gras über diese ganze Angelegenheit gewachsen ist?«, wollte ich wissen.
»Vielleicht ... ein paar Tage.«
Ich schwieg. Am liebsten hätte ich mich gerade in ein dunkles Loch verkrochen, bis dieser Spuk ein Ende hatte. In acht Wochen wollte ich mich für den Young Rider Grand Prix qualifizieren. Aber mit dieser Menschenmasse vor meiner Tür würde ich auch schlecht zum Training kommen. Zum Glück stand meine Kür schon fest. Ich wiederholte täglich nur noch verschiedene Dressurelemente, um Kleinigkeiten wie den Sitz, den Übergang und die Reinheit der einzelnen Gänge zu verbessern.
»Bitte, komm zu mir.«
Das letzte Mal, als wir zusammen waren, katapultierte es mich geradewegs in unsere Ehe.
»Okay«, brachte ich mühsam hervor.
»Danke für diese Chance. Das wird witzig mit uns. Glaub mir, wir werden zusammen eine Menge Spaß haben.«
BANG – Die Erinnerung war wieder da. Super. Seinen Spaß kannte ich, er fing damals mit Tequila an, beförderte mich geradewegs in mein erstes Mal, an das ich mich bedauerlicherweise nicht einmal mehr erinnern konnte, und endete für mich fast tödlich. Das Telefonat war beendet.
Ich gab dem Personenschützer sein Smartphone wieder. Er lächelte mir aufmunternd zu. Ich war mir ziemlich sicher, dass alles in einer Katastrophe enden würde.
Ich hatte keine Nerven mehr dafür übrig mich zu duschen oder mich umzuziehen. Ich trug immer noch das einfache graue, verschwitzte Shirt, die schwarze, verschmutzte Reiterhose und die schwarzen, verdreckten Stiefeletten. Jella half mir beim schnellen Packen meiner Reisetasche. Ich verstaute nur das Nötigste in der dunkelblauen Tasche, was ein Mädchen für ein paar Tage so brauchte. Ich quetschte die Sachen zusammen, um den Reißverschluss überhaupt einige Millimeter bewegen zu können. Vielleicht habe ich doch mehr als nötig eingepackt, aber ich brauchte all diese Dinge, die meine Tasche vollkommen ausbeulten.
»Du solltest lieber nur zwei Paar Schuhe mitnehmen als drei Paar«, meinte Jella, während sie mich beobachtete, wie ich weiterhin mit dem Reißverschluss kämpfte, um ihn zu schließen. Ich hatte ein Faible für Stiefeletten in allen möglichen Varianten.
»Das ist jetzt nicht dein Ernst! Als ob ein paar Schuhe mehr so ins Gewicht fallen würden. Ohne die Stiefeletten fahr ich nirgendwo hin! Hilf mir bitte lieber mal.«
Sie packte mit an und mit vereinten Kräften bekamen wir endlich den widerspenstigen Reißverschluss zu.
»Du musst nicht zu ihm fahren, wenn du nicht magst. Wir stehen das auch gemeinsam durch«, wiederholte sich mein Vater mittlerweile zum dritten Mal, seitdem ich das Telefonat mit Aurelius geführt und meine Entscheidung getroffen hatte.
»Ich werde doch bald wieder zurück sein. Aurelius wird das schnell in Ordnung bringen«, meinte ich. Verzweifelt versuchte ich, selbst daran zu glauben.
»Und vergiss nicht, du hast Montagmorgen den Termin mit dem Schweinezüchter.« Mein Vater war Tierarzt und am Montag war die Impfung der Schweine eingeplant. Die Tierarztpraxis befand sich zwar direkt neben unserem Wohnhaus, aber er hatte oft Termine außerhalb.
»Du denkst wirklich, du kannst Aurelius blindlings vertrauen?
Ich hätte nie meine Zustimmung zu dieser Ehe geben dürfen, als er um deine Hand anhielt. Sie war doch von Anfang an mehr Schein als Sein. Schau dir doch nur an, was bisher alles geschehen ist. Ich könnte unseren Anwalt anrufen, vielleicht weiß er, was wir in dieser Situation tun können.«
Ich hatte versucht, diese Ehe aus meinem Unterbewusstsein zu verdrängen. Nur zu gut wusste ich, was alles passiert war, denn ich musste seitdem mit den Konsequenzen leben. Es war schon schwer genug, mein Leben nach dem Unfall wieder auf die Reihe zu bekommen. Mein Vater konnte mich nicht vor allem beschützen. Schließlich war ich nicht mehr sein kleines Mädchen. Auch diskutierten wir hier nicht darüber, ob in unserem Garten noch genug Platz für ein Pony sei.
In diesem Moment erschien er mir um Jahre gealtert. Mir fielen zum ersten Mal die grauen Strähnen in seinem ansonsten haselnussbraunen Haar auf. Seine hellblauen Augen wirkten müde.
»Tut mir leid, Dad. Aber meine Entscheidung steht fest.«
Der Personenschützer räusperte sich und trat vor.
»Ihre Tochter ist bei uns gut aufgehoben. Wir garantieren für ihre Sicherheit.«
»Na schön. Aber du rufst mich an, wenn du Hilfe brauchst.«
Ich nickte, würde es aber höchstwahrscheinlich nicht tun. Jella nahm mich stürmisch in ihre Arme. Sie drückte mich kurz an sich.
»Ich werde dich vermissen, also komm bald wieder.«
»Versprochen. Gibst du bitte Katy Bescheid, dass ich für ein paar Tage das Training sausen lassen muss?«
»Klar. Mach ich. Doch sie wird bestimmt ausflippen.«
»Sie würde aber todsicher explodieren, wenn ich mit den Paparazzi im Schlepptau zum Training käme.«
Wir beide grinsten fast gleichzeitig bei dieser Vorstellung, die eigentlich alles andere als zum Lachen war.
»Es wird Zeit. Der Fahrer des Wagens ist informiert und steht für uns bereit«, drängte mein Bodyguard.
Jella machte mit ihrer rechten Hand das Telefonzeichen an ihrem Ohr, während sie flüsterte:
»Ruf mich an.«
»Ich melde mich.«
Ich nahm die schwere Reisetasche an mich und öffnete die Tür. Prompt brach ein höllischer Tumult los. Mein Herz schlug sogleich bis zum Hals. Ich bekam Panik. Zögernd drehte ich mich ein letztes Mal nach meinen Dad und Jella um.
»Pass auf dich auf!«, sagte er.
»Und du auf dich!«
Ich schluckte meine Angst hinunter. Mutig trat ich nach draußen vor die Tür, während mein Körper vor Anspannung vibrierte. Am liebsten wäre ich jetzt davongelaufen. Tony folgte mir. Der Personenschützer wich mir nicht mehr von der Seite. Er legte seinen kräftigen Arm um mich, während er mich zur Treppe führte. Sein Griff war so fest, dass ein Fluchtversuch nicht mehr möglich gewesen wäre. Die Fans in unserem Vorgarten sangen lauthals irgendeinen deutschen Song, den ich nicht kannte. Sie wiederholten ständig dieses eine Lied:
„Und alles, was ich tat, verbannt uns in die Unendlichkeit Diese verfluchte Schuld in mir ist wie eine unheilbare Krankheit Du bist dieser bittersüße Schmerz in mir Die Verderbnis brachte mich zu dir Deine reine Unschuld machte mich so versessen Ich bereue nicht, denn ich weiß, wir werden uns nie vergessen …“
Die Reporter drängten zu mir. Das grelle Blitzlichtgewitter der Kameras brach über mich herein. Es war eine ängstigende, beklemmende Situation. So fühlt es sich also an, wenn man eine Berühmtheit ist. Eine Erfahrung, auf die ich auch gut hätte verzichten können. Mein Bodyguard hielt die Paparazzi auf
Abstand und manövrierte mich mit Leichtigkeit die Treppe hinunter. Trotzdem versuchte ich, darauf zu achten, leicht seitlich die Stufen runterzugehen mit dem rechten Bein voran. Gleichzeitig wurde ich von den Reportern wieder mit Fragen bombardiert.
Als wir die Treppe hinter uns ließen, bemerkte ich die glänzende, schwarze Mercedes-Limousine vor uns am Straßenrand. Tony steuerte mit mir direkt auf das parkende Fahrzeug zu. Aus dem Auto stieg ein großer Mann, der ebenfalls einen schwarzen Anzug trug. Er öffnete die hintere Wagentür, um sie für mich aufzuhalten. Der Fahrer und der Personenschützer drängten die Menschenmasse zurück. Die Reisetasche fest an mich gedrückt, stieg ich in den großen Wagen mit Volllederausstattung. Ich beförderte die Tasche neben mich auf die Sitzbank. Sofort wurde die Tür hinter mir zugeschlagen. Ein ohrenbetäubendes Geschrei entstand. Es wurde von draußen an die abgetönte Scheibe geklopft. Vor Schreck zuckte ich kurz zusammen. Tony und der Fahrer stiegen vorne ein. Der Fahrer blickte in den Rückspiegel. Er musterte mich kurz. Ich hob halbherzig die Hand zum Gruß, bevor ich meinen Kopf nach hinten in den Nacken lehnte, die Augen schloss und tief durchatmete. Der Motor wurde gestartet. Langsam fuhren wir los. Einige Leute liefen neben dem Wagen her. Andere stiegen in ihre Autos und nahmen die Verfolgung auf. Ich befand mich auf dem Weg zu Aurelius. Meinem Ehemann. Er war mir so gut wie fremd und ich hatte absolut keine Ahnung, wo es mich hinführen würde.
Noch ganz verschlafen schaute ich mich um. Es war mittlerweile Abend und ich fühlte mich etwas wackelig auf den Beinen, als ich mit der Reisetasche aus dem Wagen kletterte. Ein eisiger Luftzug wehte mir ins Gesicht. Sofort war ich hellwach und fröstelte. Irgendwann musste ich während der Fahrt wohl eingeschlafen sein. Ich war wieder zu mir gekommen, als das Fahrzeug vor einem riesigen Gebäude zum Stehen kam. Ich folgte Tony in das Gebäude, das sich als ein luxuriöses Hotel herausstellte. Der Personenschützer ging zielstrebig zu dem Aufzug im hinteren Teil. Ehrfürchtig schaute ich mich in dem imposanten, glasbedachten Foyer um, während ich versuchte, mit dem Bodyguard Schritt zu halten.
»Wo sind wir?«, erkundigte ich mich.
»Köln am Rhein. Die Band hat gerade einen Auftritt in einer Fernsehsendung«, informierte er mich und betätigte den Knopf am Aufzug.
Unfassbar! Ich war sprachlos und versuchte zu begreifen. Die Schiebetüren öffneten sich. Mit einer Geste bat er mich, voranzugehen. Ich betrat den gläsernen Aufzug. Er kam hinter mir her. Als wir drinnen waren, drückte Tony den obersten Knopf, auf der die Zahl Sieben stand. Die Türen schlossen sich und der Aufzug setzte sich in Bewegung. In der siebten Etage angekommen, stiegen wir aus. Er führte mich über einen Korridor. Bei der ersten Tür blieben wir stehen. Mit einer elektronischen Schlüsselkarte, die er durch den Schließmechanismus zog, öffnete er die dunkle Tür.
»Das ist die Suite Ihres Mannes. Er wird später hier eintreffen. Ich habe noch andere Verpflichtungen. Kommen Sie alleine klar?«
»Ich denke schon«, murmelte ich, als wir die finstere Suite betraten.
»In Ordnung. Falls es Probleme gibt, dann melden Sie sich einfach über den Zimmerservice und fragen Sie nach mir. Die geben mir dann Bescheid.« Er wandte sich ab um zu gehen.
»Tony?«
»Ja?« Er hielt inne.
»Danke!«
»Es gehört zu meinem Job, Sie wohlbehalten zu ihrem Mann zu bringen. Dafür werde ich bezahlt und das gar nicht mal so schlecht«, sagte er, ging hinaus und schloss die Türe hinter sich.
Ich knipste das Licht an und erblickte eine verdammt exklusive, riesige Suite. Die Zimmerdecke war mit dunkelbraunen Holzpaneelen vertäfelt. Der Raum vor mir war überaus großzügig geschnitten. Ein massiver Esstisch mit vier Stühlen befand sich rechts von mir. Weiter hinten im Raum waren eine Minibar, ein Flachbildfernseher, ein breites, braunes Ledersofa, ein Sessel und ein vergoldeter Glastisch. Die buntgestreiften Vorhänge verbargen die Fensterfront. Das angrenzende Zimmer, das ich betrat, war das Badezimmer. Wow! Das Marmorbad war die absolute Krönung. Purer Luxus. Eine geräumige Duschkabine, eine schlichte weiße Hängetoilette, gefaltetes Toilettenpapier, vergoldete Wasserhähne und ein prächtiger Spiegel hing über dem eleganten Waschtisch. Dagegen war das Badezimmer bei mir zu Hause total unmodern ausgestattet mit einem Alibertschrank, einem einfachen Waschbecken, der Vintage-Badewanne mit Standfüßen, einer alten aber sauberen Standtoilette und das Toilettenpapier war auch nicht gefaltet. Es erfüllte eben alles nur seinen Zweck und dabei wurde nicht so viel Wert auf die Optik gelegt. Ich betrachtete mein Spiegelbild. Das Mädchen vor mir im Spiegel sah katastrophal aus. Die hellblauen Augen, die mich anstarrten, wirkten müde und fast grau. Das rote, strähnige Haar hing stumpf und leblos herab und der Teint war wie üblich zu blass. Wenn ich zu viel in der Sonne war, bekam ich statt einer hübschen Bräune immer um die Nase herum einige unschöne Sommersprossen.
Ich war generell einfach zu hellhäutig, fast so weiß wie Porzellan. Ich seufzte. Da ich nun schon mal hier im Badezimmer stand und ich dringend eine Dusche nötig hatte, nutzte ich sogleich die Gelegenheit. Die Tasche stellte ich ab und zog die schmutzigen Stiefeletten aus. Ich entledigte mich der Reiterklamotten und meiner Unterwäsche.
Die Narben der Vergangenheit wurden sichtbar. Hässliche Narben zierten mein nacktes, rechtes Knie. Das Knie sah geradezu phänomenal scheiße aus, ein unansehnliches Trümmerknie! Was für ein übler Anblick. Wie so oft versuchte ich, es geflissentlich zu ignorieren. Trotz des Muskelaufbaues machte mir das Knie immer wieder Schwierigkeiten. Ich stellte die Brause an und wartete einen Moment, bis das Wasser angenehm warm war. Die Temperatur des Wassers konnte man sogar perfekt einstellen. Umgehend stellte ich mich in die Dusche und genoss die Wärme des prasselnden Wassers. Herrlich! Ich entspannte mich etwas und schloss die Augen. So stand ich eine Weile da. Schließlich öffnete ich die Lider und griff nach der Seife auf der Ablage. Ich schnupperte an der Seife. Sie roch leicht herb, aber auch süß – nach Sandelholz mit einem Hauch von Zimt. Der Geruch kam mir irgendwie bekannt vor. Zögernd seifte ich mir damit den Körper ein. Anschließend spülte ich den Seifenschaum von mir ab. Danach waren die Haare dran. Als ich mit den Haaren endlich fertig war, drehte ich das Wasser ab und stieg aus der Duschkabine. Ich nahm ein weißes, flauschiges Duschtuch vom Waschtisch und trocknete mich damit ab. In meiner Tasche kramte ich nach frischer Unterwäsche. Ich fischte einen weißen BH mit dem passenden Höschen hervor. Aus dem Nebenzimmer waren plötzlich Stimmen zu hören. Geschockt hielt ich einen Wimpernschlag lang inne. Schnell streifte ich mir die Unterwäsche über. Musik erklang. Den wummernden Bass konnte ich unter meinen Füßen spüren. Ich wühlte hektisch in der Tasche herum und bekam eine Jeans, ein T-Shirt und ein paar dunkle Strümpfe zu fassen.
Sofort zog ich mich an und schlüpfte anschließend in die dunkelblauen Stiefeletten.
Nervös fuhr ich mir mit der linken Hand durch das noch feuchte Haar. Mit der rechten Hand berührte ich den kalten, vom Wasserdampf beschlagenen Türgriff.
»Du schaffst das. Du schaffst das«, redete ich mir im Stillen ein. Ich atmete mehrmals tief ein und aus. Langsam wurde ich ruhiger. Alles würde gut gehen, hoffte ich zumindest inständig. Gleich würde ich meinen Ehemann wiedersehen. Ich hatte ihn zuletzt vor vier Jahren gesehen, am Tag unserer Heirat, bevor er aus meinem Leben verschwunden war. In meinem Innern herrschte das blanke Chaos. Ich öffnete die Tür. Etwas zögerlich verließ ich das Badezimmer. Mein Herz schlug im Takt des dumpfen Basses der Rockmusik. Ich stellte benommen fest, dass im Nebenraum gerade eine kleine, private Party stattfand. Eine superschlanke Blondine mit megalangen Beinen in schwarzen High Heels tanzte auf dem massiven Esstisch. Sie rieb sich dabei verführerisch an einem gelangweilt wirkenden Kerl im schwarz-weißen Karohemd ohne Ärmel und in verwaschenen Jeans, der barfuß neben ihr auf dem Tisch stand. Auf dem Sofa amüsierte sich ein Typ, der smaragdgrüne Haare hatte, mit zwei fast halbnackten Topmodels, die nur mit Spitzenunterwäsche bekleidet waren. Das war der absolute Wahnsinn. Der Personenschützer musste sich in der Suite geirrt haben. Eine andere Erklärung machte überhaupt keinen Sinn.
»Hey, wen haben wir denn da? Wo kommst du denn her?«
Ich zuckte zusammen, als ich durch die Musik eine laute, tiefe Männerstimme neben mir wahrnahm. Der fremde Schönling mit freiem, verschwitztem Oberkörper trat an mich heran und musterte mich in aller Ruhe von Kopf bis Fuß. Unverschämt lange blieb sein Blick an meinen üppigen Brüsten hängen. Ich besaß die Statur meiner Mutter, eine geringe Körpergröße und ein gebärfreudiges Becken. Ich habe absolut keine Topmodelmaße. Vor Verlegenheit stieg mir die Röte ins Gesicht.
»Aus dem Bad«, stammelte ich.
Tapfer stemmte ich die Hände in die Hüfte und sah ihn direkt an. Viel zu dicht stand er vor mir.
Er grinste breit. Forsch blitzte sein Zungenpiercing zwischen seinen blendendweißen Zähnen hervor. Verspielt ließ er das Piercing verschwinden um sogleich den Metallstab mit der kleinen Kugel wieder hervorzuholen. Er wiederholte dieses anzügliche Spiel ein paar Mal. Unzählige Tattoos zierten seine nackte Brust und die Arme. Er hatte eine verwaschene Destroyed-Designerjeans an, die viel zu tief auf seinen Hüften saß und die richtigen Körperstellen betonte. Dazu trug er graue Converse. Ich wünschte Jella wäre jetzt hier. Sie hätte mit dem Typen bestimmt eine Menge Spaß gehabt.
»Ich bin Jasper.« Er streckte mir seine Hand entgegen. Etwas zögerlich reichte ich ihm die rechte Hand. Sein warmer fester Griff ließ meine Hand nicht mehr los. Er strich mit einem seiner rauen Finger über meinen Handrücken. Ich bekam eine Gänsehaut. Verflixt. Er hatte mich hereingelegt.
»Vielleicht möchtest du mir verraten, wer du bist?«, erkundigte er sich bei mir. Ich schüttelte meinen Kopf.
»Nö!«
»Nö?«
»Nö!«, wiederholte ich und biss mir auf die Unterlippe.
»Na, dann nenne ich dich einfach Bambi!« Er betrachtete eingehend mein T-Shirt. Da bemerkte ich erst, dass ich das weiße T-Shirt mit dem Rehkitzaufdruck anhatte.
»Die Party ist zu Ende!«
Die Rockmusik erstarb.
»Und Bruderherz, ich wäre dir sehr dankbar, wenn du deine dreckigen Finger von meiner Frau nehmen würdest.«
Sofort wurde meine Hand wieder freigelassen. Die Gegenwart meines Ehemannes nahm den gesamten Raum ein. Überwältigend reichte nicht aus, um seinen Anblick zu beschreiben. Sein Aussehen schüchterte mich ein, aber zog mich auch gleichzeitig in seinen Bann. Meine Augen machten sich selbständig. Er wirkt noch verwegener, noch geheimnisvoller als damals bei unserer ersten Begegnung.
Eine gefährliche, knisternde Energie lag in der Luft. Seine schokoladenbraunen Haare saßen wild nach vorne und zu den Seiten hin aufgestellt. Die Augen funkelnden Türkis. Diese Augen waren einfach wunderschön und wirklich zu viel des Guten. Unglaublich. Sein Körper war muskulös und strotzte nur so von testosterongetränkter Männlichkeit. Er trug ein schlichtes schwarzes T-Shirt, eine lockere, dunkelbraune Lederbandage um sein rechtes Handgelenk, eine verwaschene schwarze Jeans und dazu schwarze, abgewetzte Armeestiefel. Am rechten Oberarm stach ein Tattoo hervor, ein schwarzes Tribal, das vom Ellenbogen bis zum Hals verlief. Die zum Teil entblößte Tätowierung unterstrich seine Attraktivität. Er sah so verdammt heiß aus. Rebellisch. Dreist. Charmant. Sexy. Mist, ich hatte ihn angegafft. Vor Scham wäre ich am liebsten im Boden versunken. Er schenkte mir ein süffisantes, wissendes Lächeln. Fantastisch. Die Welt schien stillzustehen. Mein Herz rutschte mir ins Höschen, bevor es mit Hyperschallgeschwindigkeit zu flattern begann. Ich brauchte dringend ein neues Herz. Mein Puls hämmerte dumpf in meinen Ohren. Ich verspürte tief in mir dieses ungestillte Verlangen, das sich niemals erfüllen würde. Verdammt, ich hatte völlig vergessen, welche Wirkung er auf mich ausübte. Würde er je davon erfahren, wäre ich für immer verloren. Er war in Begleitung einer elfenhaften Brünetten, die ein hautenges, rotes Kleid trug. Sie würdigte mich keines Blickes. Es war mir eigentlich gleichgültig. Ich hatte überhaupt kein Recht, eifersüchtig zu sein. Dennoch verspürte ich etwas anderes tief in mir aufsteigen, aber es war keine Eifersucht. Hoffte ich zumindest. Tatsächlich hasste ich ihn doch dafür, dass er das Talent besaß, mein Leben komplett auf den Kopf zu stellen. Warum mussten Liebe und Hass so eng miteinander verbunden sein? Es schien kein Unterschied mehr zu existieren. Heiliger Bimbam. Ich sollte nicht hier sein!
»Der kleine Rotfuchs ist also deine Frau! Das überrascht mich wirklich sehr, besonders wenn man deinen üblichen Frauengeschmack kennt. Das hätte ich dir gar nicht zugetraut, großer Bruder. Sie ist so ...« Jasper überlegte, während er mich eingehend betrachtete.
»Sie ist so was?«, knurrte Aurelius.
»Sie ist so außergewöhnlich anders«, meinte er und zwinkerte mir schelmisch zu. Na herzlichen Dank, das war das merkwürdigste Kompliment, das ich bisher in meinem ganzen Leben bekommen hatte.
»Ich habe es noch nie mit einem Rotfuchs getrieben. Den rothaarigen Frauen wird angeblich nachgesagt, dass sie im Bett ziemlich wild sein sollen. Bist du auch eine kleine Wildkatze?«, mischte sich der Punk mit den grünen Haaren unverschämt ein. Er ignorierte auf einmal die beiden Models neben sich und stand vom Sofa auf. Der Typ stolzierte geschmeidig zu mir rüber. Er hatte eine unglaubliche bewegliche Hüfte. Die Models funkelten mich böse an, weil ich unerwartet in den Mittelpunkt geraten war. Auch der Kerl ohne Schuhe sprang gerade vom Tisch herunter und musterte mich interessiert. Die Blondine auf dem Tisch stemmte verärgert die Hände in die Hüfte. So viel Aufmerksamkeit meinerseits war ich gar nicht gewohnt. Nervös kaute ich auf meiner Unterlippe, während mir wieder die Röte heiß ins Gesicht schoss. Am liebsten hätte ich mich auf der Stelle aus dem Fenster gestürzt. Der Punk stellte sich neben den Schönling.
»Rote Haare, Sommersprossen sind des Teufels Artgenossen«, zitierte Jasper.
»Je rostiger das Dach, umso feuchter der Keller«, sprach der Punk mit breitem Grinsen.
Herrgott, wie ich diesen Spruch hasste. Ich verdrehte genervt die Augen. Viel zu oft musste ich diesen primitiven Spruch schon hören. Wie schön, dass wenigstens der Punk seinen Spaß hatte.
