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Bei einer Geiselnahme erschießt der SEK-Beamte Paul Lehnert unautorisiert zwei Geiselnehmer. Er flüchtet zu einem Bekannten aus der Unterwelt und beteiligt sich an den kriminellen Aktivitäten von dessen Bande. Als er erkennt, dass diese Abwärtsspirale kaum noch aufzuhalten ist, fasst Paul den Entschluss, auszusteigen und sich der Polizei zu stellen. Wird ihm dies gelingen, oder ist es nicht längst zu spät?
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Seitenzahl: 134
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Die Sonne schien. Kein Wölkchen am Himmel, der Asphalt flimmerte. Es roch nach Staub, Hitze und frisch gemähtem Gras. Ein Sommertag zum Mögen.
Vorsichtig stieg Leo die drei Stufen zum Fahrer des Busses hinauf, sagte: »Einmal Endstation«, gab dem Mann das Geld und nahm den Fahrschein entgegen. Er zog seine Kappe tiefer in die Stirn, den Rucksack hielt er fest in der Hand. Er ging durch den Gang nach hinten und nahm dort in einem der Sitze Platz. Ein Teil der Plätze war besetzt. In der Mitte des Busses fiel ihm eine junge Frau auf, die auf einem der Sitze vor den Stehplätzen saß. Auf der freien Fläche stand ein Kinderwagen, den sie mit einer Hand festhielt. Das Kind im Wagen konnte Leo nicht sehen. Hoffentlich würde es mit dem Kind keine Probleme geben. Unsägliches Geplärre, und als Folge eine hysterische Mutter.
Er sah nach vorn zum Eingang des Busses. Dort hatte sich Mira direkt auf einen Platz hinter dem Busfahrer gesetzt. Ausgezeichnet. Somit war der Mann in Miras Gewalt. Sie brauchte ihm nur ihre Knarre an den Kopf zu halten.
Sie hatten sich vor eineinhalb Jahren in einer Kneipe in der Innenstadt kennengelernt. Die schlanke Frau mit den schwarzen Haaren hatte ihm auf Anhieb gefallen. Da war so eine magische Anziehung zwischen ihnen gewesen. Sie waren schnell in Miras Bett gelandet und waren seitdem zusammen. Er war erstaunlicherweise nicht überrascht, als sie ihm von ihrer kriminellen Vergangenheit erzählte: größere und kleinere Diebstähle. Da war es ihm leichtgefallen, ihr von seinen kriminellen Aktivitäten zu berichten – ebenfalls Diebstahl, aber auch Raub und Körperverletzung.
Als Liebespaar waren sie ein gutes Team, fand Leo. Heute sollte sich zeigen, wie gut sie als Geiselnehmer und Erpresser waren.
Mira schaute zu ihm hin. Sie nickte. Er hob kurz den rechten Daumen. Alles klar. Mira betrachtete den Kopf des Busfahrers. Sie hatte ihn beim Einsteigen genau gemustert. Er war durchschnittlich gebaut, besaß graue Haare. Er hatte ein freundliches, aber müdes Gesicht. Das war nicht der Typ, der aufbegehren würde, der Widerstand leistete. Er würde alles machen, was sie verlangten.
Er war durch eine Glasscheibe von ihr getrennt. Doch das war kein Hindernis. Wenn sie auf den Mann schießen müsste, dürfte das Glas seine geringste Sorge sein.
Sie drehte sich herum und schaute sich einige der Fahrgäste an. Der Typ, der eine Sitzreihe rechts hinter ihr saß, war schon ein anderes Kaliber als der Busfahrer. Er hatte eine athletische Figur, sah durchtrainiert aus. Er trug ein T-Shirt, eine Outdoorjacke und schwarze Springerstiefel. Auf seiner blauen Basecap war ein militärisches Emblem zu sehen: ein Anker mit zwei gekreuzten Gewehren. Hatte sie noch nie gesehen. Der Mann sah jedenfalls so aus, als müsse man ein Auge auf ihn haben.
Der Bus fuhr los. Die Passagiere schaukelten leicht hin und her. Miras Blick blieb an einer alten Frau mit silbernem Haar hängen. Sie trug eine Bluse und hatte einen leichten Schal um ihren Hals geschlungen. Sie brabbelte vor sich hin, redete mit sich selbst. Sie konnte man außer Acht lassen.
Leo und sie waren an der Haltestelle am Wilhelmsplatz zugestiegen. Sie hatten geplant, den Bus bis zur Endhaltestelle am Hauptbahnhof fahren zu lassen. Der Großteil der Fahrgäste sollte aussteigen, den kleineren Rest wollten sie als Geiseln nehmen. Das hieß, dass sie im entscheidenden Moment den Busfahrer in Schach halten und Leo den Ausstieg einer kleinen Gruppe verhindern musste. Das war aber durch den Einsatz ihrer Knarren sicher nicht schwer. Das waren zwei Glock 17, massive Handfeuerwaffen. Leo hatte sie für jeweils achthundert Euro über einen Kumpel bekommen. Tja, wenn man so ein großes Ding vorhatte wie sie, musste man einiges investieren. Glücklicherweise hatte Leo durch seine diversen Unternehmungen genug Zaster in seinem „Geldsack“ gehabt.
Jedenfalls sahen die Knarren echt gefährlich aus. Und das waren sie auch.
*
Paul Lehnert schlug die Tür hinter sich zu, warf seine Sporttasche über die Schulter und ging auf seinen Toyota GT86 zu. Er blinzelte, die Sonne schien ihm ins Gesicht. Den Sportwagen hatte er sich vor zwei Jahren zugelegt. Er liebte ihn. Trotzdem schlug er die Tür, als er auf dem Fahrersitz Platz genommen hatte, mit aller Wucht zu.
Seit Neuestem immer wieder das gleiche Thema. Und heute auch noch direkt zum Frühstück. Ja, er wollte ebenfalls Kinder, wie seine Freundin Emily. Aber nicht jetzt. Und ja, er wollte Emily heiraten. Aber ebenfalls nicht jetzt.
Er war achtundzwanzig Jahre alt, Emily sechsundzwanzig. Für beide ein Alter, in dem es Zeit wurde, wenn man daran dachte, Kinder großzuziehen. Doch er fühlte sich noch nicht so weit. Er hatte gerade erst vor Kurzem sein geheimes Traumziel erreicht. Er war endlich einem SEK-Team zugeteilt worden. Die Spezialausbildung lag hinter ihm, und er wartete auf seinen ersten Einsatz.
Es war einfach noch keine Zeit, sich um Kinder Gedanken zu machen. Aber wenn es nur die Kinder gewesen wären. Seit Kurzem äußerte Emily des Öfteren den Wunsch, er solle seinen Job bei der Polizei aufgeben. Gerade jetzt durch die Sache mit dem SEK, dem Spezialeinsatzkommando, sei seine Arbeit noch gefährlicher geworden. Wenn er beispielsweise im Einsatz gegen Terroristen wäre. Denen galt ein Menschenleben nichts. Und wenn sie dann Kinder hätten, ginge das ja gar nicht. So unverantwortlich könne er doch nicht sein.
Was dachte sie sich? Er sollte seine Arbeit bei der Polizei aufgeben? Diese Arbeit war sein Ein und Alles, war sein Lebenssinn.
Schon seit seiner Schulzeit wollte er Polizist werden. Damals war ein Beamter der Schutzpolizei in der Schule gewesen und hatte den Schülern die Arbeit der Polizei vorgestellt. Der drahtige Mann mit seiner tiefen Stimme und dem selbstbewussten Auftreten hatte ihn sehr beeindruckt. Was ihn aber mehr imponierte, war der Respekt, den seine Klassenkameraden diesem Mann in seiner Uniform zollten. So wollte er auch respektiert werden. Denn Respekt brachten seine Mitschüler ihm nicht entgegen. Das Gegenteil war der Fall. Man hänselte ihn, weil er so dünn war. Und unsportlich. Er war der Schlechteste im Sport, bei Mannschaftsspielen wählte man ihn mal für mal als Letzten in eine Mannschaft. Das war immer sehr demütigend gewesen.
Aber er schwor sich damals: Denen werde ich es mal zeigen. Irgendwann.
Und als dann dieser Polizist in der Klasse erschienen war, stand bei ihm fest, dass er zur Polizei gehen würde.
Als er das nötige Alter hatte, begann er regelmäßig in einem Fitnessstudio zu trainieren. Er informierte sich, was man im Polizeidienst erwartete, und setzte sich daher auf den Hosenboden, um bessere Noten zu bekommen. Denn mit schlechten Noten würde er dort nicht ankommen.
Nach Beendigung der Schule bewarb er sich bei der Polizei, und man lud ihn tatsächlich zum Eignungstest ein. Man prüfte die Bewerber auf Herz und Nieren. Nach dem ersten Test wurde er nicht angenommen, fiel durch die Sportprüfung. Achterlauf und Fünfhundert-Meter-Wendelauf klappten, Fünfersprunglauf und Bankdrücken jedoch nicht. Danach trainierte er wie ein Besessener. Und ein Jahr später nahm man ihn an. Und heute erinnerte nichts mehr an den dürren Hecht aus der Schulzeit.
Er war muskulös und athletisch gebaut. Wie sollte er Emily nur klarmachen, dass er seine Arbeit bei der Polizei nie aufgeben würde? Er hatte gedacht, sie hätte es verstanden. Aber er hatte sich wohl getäuscht. Sollte es etwa für ihn und Emily keine Zukunft geben? Das erste Mal, dass ihm Zweifel kamen. Er schüttelte die Gedanken ab, startete den Wagen und brauste los … zum täglichen Dienst.
*
Der Bus hielt auf den Hauptbahnhof zu. Das Bahnhofsgebäude war ein Kasten aus grauem Stein. Der Vorplatz war weit, gepflastert, ohne Schatten. Ein paar Bänke standen in der brennenden Sonne, ein Imbisswagen war zu sehen. Taxis reihten sich am Rand. Menschen standen in kleinen Grüppchen zusammen oder gingen die Straße entlang.
Jetzt kam für Leo und Mira der entscheidende Moment. Nun durfte nichts schiefgehen.
Gleichzeitig, als hätten sie das tausendfach geübt, zogen sie ihre Sturmhauben hervor und zogen sie sich über die Köpfe. Kurz bevor der Bus an der Haltestelle hielt, stand Leo auf, ging zum Ausstieg und stellte sich neben die Tür.
Als der Bus hielt, stand Mira auf, trat neben den Fahrer und hielt ihm die Glock vor die Nase.
»Wenn ich es dir sage, schließt du die Türen.« Der Fahrer Klaus Höß nickte, wie um sich zu ergeben, hatte er die Hände erhoben.
Die Fahrgäste strömten an Leo vorbei, niemandem schien seine Sturmhaube aufzufallen. Einen Teil ließ Leo aussteigen, dem Rest stellte er sich mit der Pistole entgegen und sagte in scharfem Ton: »Stopp, sonst knallt’s. Alle nach hinten in den Bus.« Von vorne ertönte Miras »Türen zu.«
Der Fahrer leistete ihrem Befehl sofort Folge. Die Restpassagiere setzten sich erschreckt in die hinteren Sitzreihen. Nur die Frau mit dem Kinderwagen, den sie krampfhaft festhielt, war auf ihrem Platz geblieben.
Leo stand mit erhobener Waffe vor den Fahrgästen, die nun Geiseln waren. Insgesamt acht Leute hatten Leo und Mira in ihrer Gewalt. Eine hoffentlich gut zu kontrollierende Gruppe, dachte Leo. Bei zu vielen Geiseln bestand die Gefahr, dass die Sache aus dem Ruder lief. Aber notfalls konnte man einen oder zwei Leute aus dem Bus werfen.
»Hört zu«, sagte er. »Wie ihr euch denken könnt, haben wir euch als Geiseln genommen. Wir wollen von der Stadt Geld erpressen. Keine Angst, euch wird nichts geschehen. Wir gehen davon aus, dass unsere Bedingungen erfüllt werden. Wir fahren jetzt erst mal weiter zum Parkplatz an den Afföllerwiesen. Dort haben wir freie Sicht und können gut sehen, wenn irgendwelche Aktivitäten gegen uns gestartet werden sollten.«
Mira stieß den Fahrer mit ihrer Pistole an und sagte: »Du hast es gehört. Es geht zum Afföller. Wie heißt du?«
»Höß. Klaus Höß.«
Mira nickte. »Also Klaus. Mach alles, was wir wollen, und dir wird nichts passieren. Fahr los.«
Bis zu den Afföllerwiesen war es nur ein kurzes Stück. Der große Parkplatz erstreckte sich weitläufig vor einem Schnellrestaurant. Der Platz war frei zugänglich, ohne Markierungen oder Zäune. Hier und da war das Gras an den Rändern durch die Ritzen im Asphalt gewachsen, vereinzelt sah man platt gedrückte Getränkedosen herumliegen. Das Sonnenlicht warf lange Schatten über den Boden. Einige Lkws waren hier abgestellt, zwischen ihnen standen, nebeneinander geparkt, zahlreiche Pkws.
»Wo soll ich denn parken?«, fragte Klaus Höß mit belegter Stimme. »Halte genau in der Mitte, mein Junge. Das ist der beste Platz für uns«, ließ sich von hinten Leo vernehmen.
Der Bus hielt. Es herrschte Mucksmäuschenstille. Keiner der Passagiere wagte, ein Wort zu sagen. Der Schreck steckte allen in den Gliedern.
»Komm nach hinten und halte die Leute in Schach«, sagte Leo zu Mira, die sofort nach hinten kam und ihre Glock auf die Fahrgäste hielt. Leo ging nach vorn zum Fahrer.
»Hör zu«, sagte er. »Du stellst jetzt eine Verbindung zu deiner Leitzentrale her. Ich werde dann mit denen sprechen.«
Höß drückte ein paar Tasten, dann ertönte aus einem Lautsprecher eine Stimme, die fragte, was anliegen würde.
»Hier ist jemand, der mit der Leitstelle sprechen will«, sagte Klaus Höß und bedeutete Leo, in das Mikrofon zu sprechen, das an der Armatur befestigt war.
»Wir haben euren Bus entführt und einige Fahrgäste als Geiseln genommen. Wir fordern fünfhunderttausend Euro, dann geben wir die Geiseln unbeschadet frei. Gib das einfach an die zuständigen Leute weiter. Da soll sich jemand melden. Um die Sache zu vereinfachen, gebe ich dir eine Nummer.«
Leo gab seinem Gegenüber eine Handynummer durch.
Leo und Mira hatten im Vorfeld überlegt, wie viel Lösegeld sie fordern sollten, und einigten sich auf fünfhunderttausend Euro. Das war nicht übertrieben, die Stadt sollte das Geld ohne Probleme aufbringen können. Ebenso war ihnen klar gewesen, dass man die Polizei nicht aus dem Spiel würde raushalten können. Mit Sicherheit würde sich jemand von der Polizei über Leos Handy melden.
Leo drehte sich zu den Geiseln um.
»Jetzt heißt es warten.« Sich an Klaus Höß wendend, sagte er: »Und du machst dich nach hinten zu den anderen.«
Der ließ sich das nicht zweimal sagen und ging zu den Geiseln am Ende des Busses.
Einer der Fahrgäste, ein alter Mann, hob die Hand und an Leo gewandt, sagte er: »Ich möchte was sagen.«
Er schwieg, schien auf Leos Reaktion zu warten.
»Was willst du?«, sagte dieser.
»Habt ihr euch das auch gut überlegt? Es wird nicht lange dauern, und ein Riesenaufgebot an Polizei wird hier auffahren und den Bus belagern. Meint ihr, ihr habt eine Chance gegen die? Meint ihr, die lassen euch so machen, wie ihr wollt?«
»Das lass ruhig unsere Sorge sein. Das geht dich einen feuchten Kehricht an.«
Der Mann schaute entrüstet. »Das geht mich nichts an? Das geht mich wohl was an. Ich bin hier eine der Geiseln. Ich will hier heil rauskommen.«
Der Mann mit den grauen Haaren und dem gepflegten Bart sah Leo gerade in die Augen. »Ich will offen sein. Mein Name ist Niklas Dehmel. Ich bin pensionierter Polizist. Und was ich jetzt sage, sage ich für alle meine Leidensgenossen. Ich denke, wir sollten Ruhe bewahren und alle Bedingungen erfüllen. Panik und Angst bringen uns nicht weiter. Und ich denke, wir sollten uns alle einig sein, dass wir nichts gegen unsere Geiselnehmer unternehmen. Ich denke, dass es dauern kann, bis wir den Bus wieder verlassen können. Wir müssen realistisch sein. Der Auftrag der Polizei bei Geiselnahmen ist, das Leben der Geiseln zu schützen, die Forderungen der Geiselnehmer zu erfüllen. Trotzdem werden die Kollegen erst mal alle Möglichkeiten durchsprechen, ob es Möglichkeiten der Befreiung der Geiseln gibt. Ich will hoffen, dass sie schnell einsehen, dass das keinen Erfolg haben kann und dass sie die Bedingungen unserer Geiselnehmer erfüllen werden.«
Er schwieg, strich sich durch die Haare.
Leo nickte. »Ihr habt es gehört. Mein neuer Kumpel hier«, er lächelte Niklas Dehmel zu, »hat euch gesagt, wie ihr euch zu verhalten habt. Seid brav, leistet keinen Widerstand, und wir werden gut miteinander auskommen. Niemand soll zu Schaden kommen.«
*
Niklas Dehmel, der sich bei seiner Ansprache hingestellt hatte, setzte sich wieder. Als er heute Morgen aufgestanden war, gefrühstückt hatte und sich auf den Weg zum Bus machte, dachte er nicht, dass er als Geisel genommen werden würde. Er wollte in dem Sanitärgeschäft am Krummbogen einen neuen Wasserhahn kaufen, weil bei dem alten der Schließmechanismus nicht mehr funktionierte.
Er machte sich wegen der Situation, in die er geraten war, so seine Sorgen. Er war lange im Polizeidienst gewesen und wusste, wie er es in seinem Appell an die anderen Fahrgäste sagte, dass das erste Ziel der Polizei war, die Sicherheit der Geiseln zu gewährleisten. Die Situation sollte möglichst ohne Gewalt gelöst werden. Er wusste aber auch, dass solche Geiselnahmen oft gescheitert und in einem Fiasko geendet hatten.
Für die Geiseln jedenfalls war es wichtig, die Bedingungen der Geiselnehmer zu erfüllen. Er hoffte, dass das die anderen Geiseln ebenfalls so sehen konnten. Er wünschte sehr, dass keiner der Geiseln auf den Gedanken kommen würde, etwas gegen die Geiselnehmer zu unternehmen. Das würde nur eskalieren und im Chaos enden.
*
Hannah Middelhoff hatte sich die letzten Tage etwas Sorge um ihren kleinen Sohn Ben gemacht. Er fing irgendwann an zu husten, der Husten war nicht zu stoppen. Fieber entwickelte er keines, aber er wurde den Husten nicht los. Es war nicht so, dass er darunter litt, doch da er immer wieder auftrat, wollte Hannah das abgeklärt haben. Und so machte sie sich heute Morgen mit dem Bus auf den Weg zu ihrer Kinderärztin, deren Praxis in der Bahnhofstraße war. Sie dachte, sie würde nicht richtig sehen, als dieser sportlich wirkende Mann in seiner Lederjacke und dem Spinnentattoo am Hals an der Ausstiegstür mit der Pistole herumfuchtelte und einem Teil der Fahrgäste den Ausstieg verwehrte. Sie war bei Ben sitzen geblieben und hatte den Kinderwagen festgehalten. Das war das Einzige, wozu sie in der Lage gewesen war. Nun hatte sich ihre Anspannung etwas gelegt. Sie hoffte, dass keiner der anderen Geiseln auf den Gedanken kam, irgendetwas gegen die Geiselnehmer zu unternehmen. So etwas konnte nicht gut enden. Immerhin trugen die Waffen. Und für Hannah sahen die Geiselnehmer aus, als würden sie sie im Notfall auch anwenden.
Sie überlegte. Dann nahm sie all ihren Mut zusammen und sprach denjenigen an, den sie als den Anführer der Geiselnehmer sah.
