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"Lauf! Du hast keine Chance zu entkommen", hörte ich diese tiefe, furchterregende Stimme hinter mir brüllen. Meine Beine trugen mich so schnell sie konnten. Es war wie im Traum- vollkommen surreal. Ich spürte nicht einmal mehr, dass ich lief. Zudem hatte ich keine Ahnung, wie lange ich schon unterwegs war. Es fühlte sich an, wie eine automatische Bewegung, die meine Beine antrieb. Mein Rock störte dabei. Meine Beine konnten sich nicht so weit auseinanderbewegen, wie sie gerne würden und meine Schritte waren dadurch viel kleiner, als sie sein könnten. Das verschaffte ihm einen Vorteil. Ein Vorteil, der mich allerdings mein Leben kosten könnte...
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Seitenzahl: 465
Veröffentlichungsjahr: 2024
Clarissa Gruber
Dunkle Hölle
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Elsa
Issy
Elsa
Issy
Elsa
Issy
Elsa
Issy
Elsa
Issy
Elsa
Issy
Elsa
Issy
Elsa
Issy
Elsa
Issy
Elsa
Issy
Luca
Bastian
Elsa
Issy
Bastian
Issy
Elsa
Issy
Luca
Luca
Issy
Christine
Bastian
Issy
Luca
Issy
Elsa
Issy
Elsa
Luca
Issy
Elsa
Issy
Luca
Christine
Issy
Elsa
Luca
Issy
Elsa
Issy
Elsa
Bastian
Issy
Elsa
Issy
Impressum neobooks
“Lauf nur! Du hast keine Chance mir zu entkommen”, hörte ich diese tiefe, furchterregende Stimme hinter mir brüllen. Meine Beine trugen mich so schnell sie konnten. Es war wie im Traum- vollkommen surreal. Ich spürte nicht einmal mehr, dass ich lief. Zudem hatte ich keine Ahnung, wie lange ich schon unterwegs war. Es fühlte sich an, wie eine automatische Bewegung, die meine Beine antrieb. Mein Rock störte dabei. Meine Beine konnten sich nicht so weit auseinanderbewegen, wie sie gerne würden und meine Schritte waren dadurch viel kleiner, als sie sein könnten. Das verschaffte ihm einen Vorteil. Ein Vorteil, der mich allerdings mein Leben kosten könnte.
„Mach es uns doch nicht so schwer - bleib einfach stehen, dann geht es schneller“, hörte ich wieder hinter mir. Aber diesmal nahm ich die Stimme näher wahr. Ich wagte einen kurzen Blick über meine rechte Schulter. Verdammt! Er war schon dicht hinter mir. Was sollte ich nur machen? Schreien brachte nichts. Im Wald würde mich niemand hören. Außerdem musste ich alle Kraft zum Laufen aufwenden.
Immer wieder musste ich mir meine Haare aus dem Gesicht wischen. Das war ein großer Nachteil an langen Haaren. Sie waren für Verfolgungsjagden schlichtweg nicht geeignet. Ich schwor mir, falls ich diese Situation überleben würde, würde ich mir eine Kurzhaarfrisur schneiden lassen. Allerdings hätte ich auch nie gedacht, dass ich jemals in eine solche Lage geraten könnte.
Schweißperlen liefen mir übers Gesicht und brannten bereits in den Augen. Ich musste höllisch aufpassen, dass ich nicht über Wurzeln stolperte. Es war ein sehr verwachsener Wald und man konnte nie wissen, was auf dem Boden lag oder wuchs. Ich kannte mich hier auch überhaupt nicht aus. Alles wirkte fremd und einschüchternd auf mich. Ich musste mich ganz darauf konzentrieren, nicht zu stürzen. Er durfte mich nicht erwischen. Ansonsten wäre es vorbei. Das durfte ich nicht zulassen. Meine Familie brauchte mich doch noch - und ich sie auch. Also lief ich wortwörtlich um mein Leben. Während ich mich vorwärtsbewegte, so schnell mich meine Beine tragen konnten, spielten sich in meinem Kopf tausende Gedanken ab. Wie konnte ich mich nur in eine solche Situation bringen? Hätte ich gewusst, wie unschön das hier ausgehen würde, hätte ich mich niemals darauf eingelassen.
„Wo willst du denn hin? Am Ende des Waldes ist ein Abgrund. Spätestens dort sitzt du in der Falle“, hörte ich schon wieder diese scheußliche Stimme hinter mir. Es lag etwas Furchteinflößendes in dieser Stimme, das ich zuvor noch nie wahrgenommen hatte. Warum war mir das nur zuvor nie aufgefallen? Sollte ich ihm glauben? War da wirklich eine Sackgasse? Wahrscheinlich wollte er mir nur Angst einjagen. Ich ließ mich nicht beirren und lief immer weiter und weiter.
„Wann genau merkst du, dass du keine Chance mehr hast? Es ist vorbei. Gegen uns bist du machtlos!“. Panik stieg erneut in mir auf. Dieser Mann und all seine Anhänger waren psychisch gestört. Immer wieder dachte ich daran, was passieren würde, wenn er mich wirklich erwischen würde. Scheiße, ich musste unbedingt schnell weg hier!
„Mama, ich bin zuhause“, rief ich durch den Flur, nachdem ich mein geliebtes Elternhaus betrat. Dieses Haus bedeutete sehr viel für mich. Immerhin war ich hier aufgewachsen. Ich liebte jedes Detail hier. Die knarrende Treppe, die losen Dielenbretter, den orangen Ofen - einfach alles. Jeder Platz in diesem Haus war mit Geschichten meiner Kindheit erfüllt und ich dachte wirklich gerne daran zurück. Ich hatte Tag für Tag eine wundervolle Zeit hier mit meiner Familie.
Seltsamerweise kam von meiner Mutter keine Antwort zurück. Wahrscheinlich war sie nicht zuhause, sondern mit ihren Freundinnen Kaffee trinken. Ich dachte mir nichts weiter dabei, zog meine Schuhe aus und ging erstmal durch den Flur in die Küche. Auf der Anrichte stand ein Teller mit Nudeln. Meine Mutter hatte wieder Essen für mich gekocht. Das machte sie immer, wenn sie wusste, dass ich nach Hause kam. Noch dazu Spaghetti Bolognese, mein Lieblingsessen. Ich würde später darüber herfallen, jetzt hatte ich noch keinen Hunger.
Aus dem oberen Stock hörte ich Poltern. Also war mein Bruder Karsten anscheinend zu Hause. Schon hörte ich ihn die Treppe herunterlaufen. Er hörte sich an wie ein Elefant, der bei jedem Tritt auf ein Furzkissen stieg. „Du schon wieder daheim?“, fragte er mit genervtem Gesichtsausdruck als er die Küche betrat. Zu allem Überfluss rollte er dabei auch noch mit den Augen. „Haha, wie lustig. Es ist Freitag. Ich habe früher zu Arbeiten aufgehört um eher zuhause zu sein“, antwortete ich ebenso genervt. Freitags beeilte ich mich immer sehr nach Hause zu kommen, nachdem das Wochenende ohnehin immer zu kurz war. Ich liebte es einfach, das Wochenende mit meiner Familie zu verbringen. Meistens machte ich dann mit Mama und Papa einen Ausflug irgendwohin. Letzte Woche zum Beispiel waren wir auf einer alten Burg in Salzburg. Karsten weigerte sich immer bei diesen Ausflügen mitzukommen. Er war zu faul, um das Haus zu verlassen. Er wusste nicht, wie viel er dadurch immer verpasste. Natürlich ging es bei mir auch nicht jedes Wochenende, aber sooft ich konnte verbrachte ich Qualitätszeit mit meiner Familie.
Karsten war mein älterer Bruder. Ich war 21 und er 25 Jahre alt und wir hatten schon immer Spaß daran, uns gegenseitig anzupöbeln, wie es wahrscheinlich bei den meisten Geschwistern der Fall war. Er wohnte immer noch zuhause bei Mama und Papa, hatte aber schon einen Job als Lehrer und könnte sich eigentlich locker selbst eine Wohnung leisten. Karsten war relativ groß gebaut und an sich relativ gutaussehend. Aber für meinen Geschmack war er viel zu kindisch. Immer wieder fragte ich mich, wie man denn als Lehrer arbeiten kann, obwohl man im Kopf selbst noch ein Kind war.
Aber anscheinend kam seine Freundin damit gut klar. Die hatte er nämlich schon seit 2 Jahren, was mich allerdings immer noch wunderte. Die musste wirklich sehr starke Nerven haben. Karsten war schon immer extrem faul gewesen. In der Schule hatte er meistens schlechte Noten, aber wenn es dann am Ende eines Schuljahres darauf ankam, konnte er sich immer wieder retten. Er hatte wirklich Glück, dass er relativ intelligent war. Ich konnte nie verstehen, warum er sein Potential nicht besser nutzte. Mit seiner Intelligenz hätte er immer Jahrgangsbester sein können und noch so einiges erreichen können, aber anscheinend war seine Bequemlichkeit dafür einfach viel zu groß.
Eigentlich würde sich jeder darüber freuen, wenn er sich selbst eine eigene Wohnung suchen würde. Für Mama wäre das viel stressfreier, wenn ihr Sohn schön langsam selbstständig werden würde. Aber dann müsste er selbst kochen und waschen und so weiter - für das war er viel zu bequem. Hotel Mama war halt immer noch am Schönsten. In gewisser Hinsicht konnte ich ihn sehr gut verstehen, daheim war es wirklich am besten. Auch ich verbrachte immer so viel Zeit wie nur irgendwie möglich zu Hause. Allerdings war irgendwann trotzdem die Zeit gekommen, wo man wenigstens halbwegs auf eigenen Füßen stehen sollte. Ich liebte die Zeit zuhause zwar sehr, aber eine eigene Wohnung hatte auch viele Vorteile. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte. Ich musste niemanden fragen, ob ich Besuch bekommen dürfte.
Ich war aber schon immer genau das Gegenteil von Karsten. In der Schule war ich extrem ehrgeizig. Auch jetzt noch. Ich hatte gerade meinen Bachelor-Abschluss in medizinischer Informationstechnologie gemacht und konzentrierte mich nun auf das Masterstudium. Unter der Woche wohnte ich in einer kleinen zwei-Zimmer Wohnung zirka eine Stunde Autofahrt von meinem Elternhaus entfernt. Nebenbei arbeite ich bei einer Firma, die sich überwiegend mit Datenschutz beschäftigte.
Als blondes Mädchen war es nicht einfach in der IT-Sparte. Man wurde von allen Seiten nur belächelt und niemand nahm einen wirklich ernst. Frauen und Technik war für die meisten Leute noch immer eine Kombination, die einfach nicht passte. Vor Allem wenn man als Frau auch noch halbwegs gut aussah. Eigentlich reichte es schon, wenn man nicht komplett hässlich war. Spätestens dann wurde man von den Menschen als dumm abgestempelt.
Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich in den letzten drei Jahren gehört habe ich könne das sicher nicht und wäre lediglich ein dummes, blondes „Naivchen, das die IT-Firmen lediglich für die Quote brauchen würden“. Dabei sollte unsere Bevölkerung mittlerweile ganz andere Ansichten haben. Aber der Begriff „Aufgeben“ existiert in meinem Wortschatz nicht. Ich ziehe das durch, so wie ich bisher alles durchgezogen habe. Irgendwann werden sie mich ernst nehmen müssen. Mein großes Ziel war es, Projektmanagerin einer großen Firma zu werden. Und das werde ich auch erreichen!
„Wo ist eigentlich Mama?“, fragte ich Karsten. „Sie hat früher gesagt sie will in den Friedhof schnell eine Kerze anzünden, aber das ist schon eine Stunde her“, gab er mir als Antwort. Seine buschigen Augenbrauen fuhren dabei hoch. Mama fuhr ziemlich oft zum Friedhof für ihren verstorbenen Vater eine Kerze anzünden. Sie hatte Opas Tod bis heute noch nicht ganz verarbeiten können. Dabei ist es schon sieben Jahre her. Aber ich konnte sie verstehen. Ich bin zwar auch schon 21 Jahre alt, aber alleine die Vorstellung daran, dass ich eines Tages meine Mutter oder auch meinen Vater verlieren würde, brachte mich zum Durchdrehen. Aber nachdem es nicht weiter ungewöhnlich war, dass Mama im Friedhof eine Kerze anzündete, dachte ich mir nichts weiter dabei.
„Ok, ich gehe jetzt lernen. Also bitte, bitte sei nicht wieder so laut“, sagte ich zu Karsten. Dieser hatte sein Wohnzimmer direkt neben meinem Büro in unserem Elternhaus. Und leider neigte er auch dazu, sehr laut fernzusehen. Vor einem halben Jahr ist er auf die tolle Idee gekommen, sich einen Beamer zu besorgen. Natürlich mit Surround-Sound-Anlage. „Jaja, mach nur!“, kriegte ich als pampige Antwort. Also ging ich hinauf in den ersten Stock in mein Büro. Eigentlich war es ursprünglich als Wohnzimmer gedacht, aber mittlerweile hatte ich es dahingehend verändert, dass ich drei Standcomputer drinnen stehen hatte und mir meine eigene Workstation aufgebaut hatte.
Für mein Studium war das mehr als notwendig. Wenn man als Informatikstudentin weiterkommen wollte, dann musste man sich auch mit Computer beschäftigen. Also setzte ich mich an meinen Schreibtisch und begann zu lernen. Nächste Woche stand eine wichtige Klausur an. Also begann ich mich auf den Stoff zu konzentrieren. Aber es war schrecklich. Ich verstand die Hälfte davon überhaupt nicht. Wer brauchte schon die Fourier-Transformation oder dergleichen? Ich werde so etwas in meinem ganzen Leben nicht mehr berechnen müssen. Aber für diese Klausur werde ich es wohl oder übel lernen müssen.
Als ich gerade sehr vertieft in die Berechnung eines Strukturtensors war, hörte ich, wie jemand das Haus betrat. Als ich nach unten ging, um nachzusehen wer heimgekommen war, hörte ich schon meinen Vater rufen: „Zwiebelchen, wie schön, dass du wieder da bist“. Ich hasste diesen Spitznamen. Er nannte mich immer so. Eigentlich wusste ich überhaupt nicht warum. Aber naja, eigentlich gab es auch schlimmeres als Zwiebelchen genannt zu werden.
„Hallo Papa. Alles klar?“, fragte ich. Mein Vater war selbstständiger Elektriker und kam gerade von der Arbeit. Anscheinend hatte er heute wieder eine größere Baustelle. Er war von oben bis unten weiß, was darauf schließen ließ, dass er viel stemmen musste. Also wahrscheinlich eine Rohinstallation oder dergleichen. Seine Haare schauten immer besonders lustig aus. Diese standen von Natur aus schon kerzengerade vom Kopf ab, da sie so starr waren. Wenn sie mit weißem Wandstaub bedeckt auch noch waren, schaute es besonders lustig aus. Er war ein recht großer Mann und wirkte immer extrem selbstsicher. Die ganze Familie konnte sich auf ihn verlassen. Er hatte immer den Durchblick und konnte sehr gut die Ruhe bewahren.
„Hast du etwas von Mama gehört oder sie gesehen?“, fragte ich, nachdem ich ihn umarmt hatte. Mit fragenden Augen schaute er mich an „Ist sie denn nicht zu Hause?“, erkundigte er sich. „Nein, ich bin schon vor drei Stunden nach Hause gekommen, und seitdem war, oder ist, sie definitiv nicht hier gewesen“.
Papa runzelte seine Stirn. „Komisch. Eigentlich müsste sie schon lange wieder da sein“, schon konnte man Papas Sorgenfalten auf der Stirn deutlich sehen, die immer dann besonders hervortraten, wenn er nachdenklich oder besorgt war. „Ich werde sie schnell mal anrufen und nachfragen, ob alles passt“, Papa zog sein Handy aus der Tasche und fing gleich an zu fluchen. Seitdem er ein modernes Smartphone besaß, vermied er regelrecht, es zu benutzen. Kurz gesagt: Papa war kein Freund des Touchscreens. Ich sah ihm dabei zu, wie er unbeholfen Mamas Nummer ins Handy tippte. Seine großen Finger machten ihm die Verwendung des modernen Mobiltelefons nicht gerade leicht. Aber er schaffte es. Danach lauschten wir den Freizeichen.
Es läutete zwar, aber niemand hob ab. Das war sehr komisch. „Papa, vielleicht ist sie bei Christine?“, versuchte ich eine Erklärung zu finden.
Christine war meine große Schwester. Wir waren uns nicht sehr ähnlich. Ich hatte lange, blonde Haare und Christine hatte kurze, brünette Haare. Sie war auch etwas kleiner wie ich und wies im ganzen Gesicht Sommersprossen auf, von denen ich gottseidank verschont wurde. Christine wohnte schon lange nicht mehr bei uns im Haus. Sie hatte ihr eigenes Haus ungefähr 10 Kilometer von hier entfernt und sie war auch schon 42 Jahre alt und verheiratet. Als ich noch jünger war, lebte sie noch bei uns im Haus. Ich konnte mich noch genau daran erinnern, wie traurig ich war, als sie uns verkündete, dass sie ausziehen würde. Ich war damals gerade einmal fünf Jahre alt und verstand die Welt nicht mehr.
Warum wollte sie nur ausziehen? Gefiel es ihr bei uns zuhause nicht mehr? Hatten wir irgendetwas falsch gemacht? Das waren alles Gedanken, die ich damals hatte. Allerdings vermisste ich nicht nur Christine, sondern auch Bastian - ihren Mann. Nachdem zwischen Christine und mir so ein großer Altersunterschied herrschte, kannte ich auch Bastian schon seit Geburt. Bereits damals war sie mit ihm zusammen. Er war also quasi wie ein Ersatz-Papa für mich. Er lernte mir Schwimmen, Radfahren und auch diverse andere sportlichen Sachen. Meine restliche Familie hielt überhaupt nichts von Sport. Also übernahm diese ganzen Sachen Bastian, worüber ich heilfroh war. Als die beiden heirateten, war ich sechs Jahre alt. Diesen Tag werde ich niemals vergessen.
Einen Tag vor der Hochzeit war es bei uns Tradition, einen Polterabend zu veranstalten. So wie es Brauch war, fand dieser getrennt statt. Meine Schwester feierte bei uns daheim und Bastian feierte mit seiner Familie und seinen Freunden extra in seinem Elternhaus. Am Anfang war es noch sehr lustig. Schon am Vormittag begannen die Vorbereitungen für den Abend. Papa stellte den großen Partypavillon auf und ich durfte ihm dabei helfen. Dann stellten wir Bierbänke und Tische hinein. Am Abend warteten wir gespannt auf die Gäste. Sogar eine Live-Band hatte mein Vater für Christine besorgt. Alles war traumhaft. Die ganze Verwandtschaft kam und viele Freunde von Christine, die ich nicht kannte. Alle schienen viel Spaß zu haben und feierten ausgelassen. So weit so gut - aber dann hörte der Spaß für mich ruckartig auf.
Ich verstand schon zu Beginn nicht, warum die Gäste anfingen Teller und Gläser auf den Boden zu schmeißen, da dadurch nur alles kaputt wurde, aber Mama erklärte mir, dass das so üblich sei und der zukünftigen Braut Glück bringen sollte. Also gab ich mich mit dieser Erklärung zufrieden. Die Braut musste laut Tradition die ganzen dadurch entstandenen Scherben zusammenkehren. Ich sah, wie zwei mir unbekannte Gäste hinter dem Partypavillon Christines Besen anzündeten. Das konnte ich überhaupt nicht nachvollziehen. Warum zündeten sie den Besen an? Dann konnte Christine die Scherben damit ja nicht mehr zusammenkehren? Aber auch das begriff ich später noch, als Papa mir erklärte, sie wollten Christine damit nur ein bisschen ärgern, was bei einem Polterabend so üblich sein sollte.
Dann beobachtete ich immer wieder drei unbekannte Männer, die mit Kübeln bewaffnet von unserem Swimmingpool und dem Brunnen in der Hofeinfahrt hin und herliefen. Anscheinend transportierten sie Wasser vom Pool in den leeren Brunnen. Warum wusste ich nicht. Sie machten das eine ganze Zeit lang, bis sie den Brunnen gefüllt hatten. Ich dachte mir nichts weiter dabei. Aber später dann, alle hatten schon sehr viel Alkohol getrunken, hielten diese drei Männer meine Schwester fest und hoben sie auf. Christine schrie zwar, aber die Männer lachten. Zu meiner Verwunderung half ihr niemand. Auch die anderen Gäste sahen alle einfach nur zu und unternahmen nichts. Einige davon lachten sogar. Es war unglaublich. Sie trugen die schreiende Christine zum Brunnen und warfen sie samt Kleidung hinein. Waren die bescheuert? Es war Ende Oktober und somit viel zu kalt zum Baden. Warum machten die so etwas? Ich sah meine Schwester, wie sie klatschnass aus dem Brunnen stieg und am ganzen Leib zitterte. Schnell verschwand sie dann im Haus, um sich trockene Klamotten anzuziehen.
Ich hatte Mitleid mit ihr. Warum machten ihre Gäste so etwas? Ich lief ihr nach und fragte sie, was das alles bedeutete. Dann erzählte sie mir, dass dies auch ein Brauch des Polterabends sei. Frauen wurden vor der Hochzeit ins kalte Wasser geworfen.
Von da an änderte sich mein kurzes Leben drastisch, denn ich beschloss von nun an kein Mädchen mehr zu sein. Ich wollte nicht, dass ich irgendwann in kaltes Wasser geworfen werde. Ich wollte von nun an ein Junge sein.
Erstaunlicherweise schaffte ich es auch ganze drei Jahre lang, mich wie ein Junge zu kleiden und vor Allem mich auch so zu benehmen. Meine Eltern waren nicht wirklich erfreut über diese Wendung. Ihr kleines Mädchen wurde zu einem rüpelhaften, maskulin gekleideten Pseudojungen. Aber als ich dann in das Alter kam, in dem mich Jungs zu interessieren begannen, beschloss ich doch wieder ein Mädchen zu sein.
Jungs fanden hübsch angezogene Mädchen toll, also fügte ich mich diesem Schicksal. Seitdem war ich eigentlich aber auch wieder richtig glücklich darüber, ein Mädchen zu sein. Bis heute hatte ich schon sehr viele Vorteile darin erkannt. Als Frau konnte man sich immer unbeholfen anstellen und Männer spielten dann gerne die großen Retter und halfen einem. Das war zum Beispiel im Supermarkt sehr praktisch. Wenn man sich ein bisschen doof anstellte, um zu einem höheren Regal zu gelangen, half einem schnell jemand. Vor Allem mit blonden, langen Haaren war es nicht weiter schwierig einen hilfsbereiten Mann zu finden.
Christine hatte mittlerweile schon zwei Söhne. Der ältere ist 16 - und der jüngere 13 Jahre alt. Ich liebte meine zwei Neffen sehr. Auch wenn sie oft anstrengend waren oder nicht das machten, was sie sollten, hatte ich sie fest in mein Herz geschlossen. Die beiden waren sehr unterschiedlich. Der kleinere davon, Noah, war sehr lebhaft und energiegeladen - während der größere, Finn, eher ruhig und introvertiert war. Außerdem schaffte es der Kleine immer wieder mit seinem Charme alle möglichen Menschen um den Verstand zu bringen. Mit seinen blonden, struppigen Haaren und seinen blauen Dackelaugen schaffte er es immer sehr leicht, alles zu bekommen was er wollte. Außerdem war er unglaublich schlagfertig für sein Alter. Er hatte immer einen passenden Spruch parat. Finn hingegen war eher schüchtern und von schlagfertig weit entfernt. Er ließ sich alles gefallen was man ihm sagte. Er konnte nur selten richtig laut werden.
Papa riss mich aus meinen Gedanken. „Ja, du könntest recht haben. Ich rufe mal bei Christine an und frag sie, ob Mama bei ihr ist“, sagte Papa. Und wieder lauschten wir den Freizeichen. Schon nach 2 Tönen hob Christine ab: „Hallo Papa, was ist los?“, hörten wir.
„Hy Christine, ist Mama zufällig bei dir? Sie hebt nämlich nicht ab und ist schon sehr lange weg für ihre Verhältnisse“, fragte Papa. „Nein, ich habe heute den ganzen Tag nichts von Mama gehört, tut mir leid“, gab sie zur Antwort. Schön langsam kam mir alles sehr eigenartig vor. Ich wusste nicht mehr, was ich denken sollte. Aber hier in unserem kleinen Kaff wird ihr ja nichts passiert sein, oder? Der Ort – oder besser gesagt – das Tal, in dem wir wohnten, war ein typisches „Pampa- Gebiet. Hier gab es nicht allzu viele Einwohner und vor allem: Jeder kannte Jeden. Dafür war das schöne Metnitztal bekannt. Also konnte ich mir auch nicht vorstellen, dass meiner Mutter etwas passiert sein könnte. Meine Gedanken schweiften hin und her. Christine hatte sozusagen den ganzen Tag noch nichts von Mama gehört. Auch das war eher unüblich, da die beiden eigentlich jeden Tag miteinander telefonierten. Papa legte also auf und versprach Christine, sie zu informieren, falls wir Neuigkeiten hatten was Mama betraf.
„Karsten meinte, sie wollte nur zum Friedhof. Soll ich mal nachsehen ob sie dort ist?“, fragte ich Papa. „Ja, komm, wir fahren gemeinsam“, antwortete Papa und verließ auch schon das Haus. Schnell zog ich meine Schuhe an, schmiss meine Jacke über die Schulter und folgte ihm. Papa stieg in den Firmen-Combi und ich setzte mich auf den Beifahrersitz. Mich wunderte immer wieder, dass dieses Auto überhaupt noch fuhr. Außer Rost war fast nichts mehr zu sehen. Der weiße Lack war zur Gänze von Rostflecken überdeckt. Aber Papa liebte dieses Auto. Seine Firmenaufschrift konnte man zwar auch nicht mehr wirklich lesen, aber das schien ihn nicht zu stören, da ihn in unserer Ortschaft sowieso jeder kannte.
Als wir beim Friedhof ankamen, waren wir erleichtert. Ihr Auto war da. Dann konnte sie nicht weit weg sein. „Komisch, dass sie heute so lange im Friedhof ist. Sonst ist sie immer maximal eine halbe Stunde hier“, sagte Papa. Wir stiegen aus und marschierten zum großen, schmiedeeisernen Tor des Friedhofs. Papa öffnete es und es gab ein lautes Quietschen von sich, wie immer. Ich hatte zwar keine Ahnung warum, aber irgendwie fand ich Friedhöfe nach wie vor unheimlich. Wir betraten den Friedhof und gingen in der Mitte den Weg entlang bis zum Grab meines Opas. Das Grab war immer extrem elegant hergerichtet. Mama steckte viel Zeit und Arbeit in die Wartung der Ruhestätte.
Alles war mit gelben und violetten Stiefmütterchen besetzt, in dem Kerzengehäuse brannten zwei Lichter. Zudem standen sehr viele Engel am Grab. Jeder davon hatte einen Spruch graviert wie zum Beispiel „Wir vermissen dich“. Opa hatte dank Mamas Bemühungen bestimmt das schönste Grab hier am ganzen Friedhof. Ein riesiger Marmorstein prangte an der Friedhofsmauer mit einem Foto von Opa.
Aber am Grab war Mama auch nicht. Jetzt bekam ich es wirklich mit der Angst zu tun. Wo war meine Mutter, wenn nicht hier? „Schau mal, hier liegt ihr Handy“, hörte ich Papas Stimme. Mittlerweile war auch er sich nicht mehr ganz so sicher, was er davon halten sollte. Papa war sonst äußerst schwer aus der Ruhe zu bringen, aber mittlerweile merkte ich ihm seine Unsicherheit an. Seine Sorgenfalten machten sich immer mehr bemerkbar und zogen tiefe Furchen durch sein Gesicht.
Dies wiederum beunruhigte mich umso mehr. „Mama würde nie ohne ihr Handy weggehen“, antwortete ich. „Es muss etwas passiert sein“. „Jetzt müssen wir erst einmal Ruhe bewahren, Issy“, hörte ich Papa. „Wir teilen uns jetzt auf und suchen den ganzen Friedhof ab. Vielleicht ist sie ja nur bei den Mülltonnen die alten Kerzen wegwerfen oder so“. Mit dieser Idee konnte ich vorerst leben. Also ging ich den Mittelgang hinauf, um die rechte Seite des Friedhofs zu durchforsten während mein Papa nach links ging. Wir durchsuchten jeden Winkel des Friedhofs. Immer mehr spürte ich die Panik in mir aufquellen und ich musst sehr tief Luft holen, um halbwegs ruhig zu bleiben.
Aber die Suche war ergebnislos. Es war keine Menschenseele zu finden. Auch niemand, den man fragen könnte, ob er meine Mutter gesehen hatte. Es war alles leer. Scheiße, was sollten wir nun machen? Ihr Handy war hier. Das hieß, sie konnte eigentlich nicht weit weg sein. „Weißt du, ob Mama heute noch einen Termin mit einem ihrer Patienten hatte?“, fragte ich Papa, der mittlerweile auch schon sehr besorgt ausschaute. „Nein, Freitags hat sie doch nie Termine“, gab dieser zu bedenken. Meine Mutter war Psychologin und half somit Menschen, die gerade eine schwere Zeit durchmachten. Sie war äußerst beliebt in ihrem Job. Anscheinend konnte sie wirklich sehr gut mit Menschen umgehen. Sie hatte sogar eine Zusatzausbildung, die es ihr erlaubte, Menschen in absoluten Krisenzeiten zur Seite zu stehen, ähnlich dem Krisen-Interventionsteam. Aber Papa hatte Recht. An Freitagen nahm sie normalerweise nie Termine an, da sie diesen Tag für sich selbst nutzen wollte.
„Was machen wir nun?“, fragte ich. Papa sah aber leider genauso ratlos aus wie ich selbst. Als mein Handy plötzlich zu läuten begann, holte ich es blitzschnell aus meiner Hosentasche in der Hoffnung es waäre Mama. Aber leider war es nur Karsten. „Wo seid ihr denn?“, fragte er. Er war sicher gerade erst aufgewacht. Normalerweise schlief er Nachmittags immer und bekam dann sowieso nie etwas mit.
„Im Friedhof. Mama ist weg.“, hörte ich mich sagen. Meine Stimme klang schon sehr brüchig, so als würde ich gleich in Tränen ausbrechen. „Macht euch nicht allzu viele Gedanken, sie wird schon kommen“, hörte ich Karsten. Er schaffte es immer ruhig zu bleiben. Ich konnte das allerdings gar nicht. „Wartet auf mich, ich komme vorbei“, sagte er noch, bevor die Leitung unterbrochen wurde. „Karsten macht sich auf den Weg“, teilte ich nun auch Papa mit. „Ok, aber wir sollten Christine auch Bescheid geben, damit sie sich meldet, falls sie was von Mama hört“, sagte Papa. Daher rief ich schnell Christine an und klärte sie über die gegenwärtige Situation auf. Auch sie wollte schnell kommen und helfen.
In dieser Beziehung war unsere Familie sehr stark. Wenn es sich um etwas Wichtiges handelte, hielten wir alle ausnahmslos zusammen. Auch der Mann meiner Schwester, Bastian, kam mit. Die Kinder hatten sie zuhause vor dem Computer gelassen, damit sie nichts mitbekamen und sich keine Sorgen machten. Wenn sie Computer spielen durften, konnte man sie beruhigt einige Stunden alleine lassen. Da bekamen sie sowieso nichts rundherum mit. Auch Karsten war mittlerweile da. Wir standen alle zusammen vor dem Tor des Friedhofs und hielten quasi eine Krisensitzung ab. „Also, Mama ist weg - aber ihr Auto und ihr Handy sind noch da“, klärte ich alle zusammen noch einmal auf. „Was machen wir?“, fragte nun Papa. Wir alle blickten uns ziemlich ratlos an. „Ihr Auto ist also hier. Habt ihr schon nachgesehen, ob es offen ist?“, fragte nun Bastian. „Nein, auf diese Idee sind wir noch nicht gekommen“, antwortete ich hastig, ärgerte mich selbst darüber, dass mir diese Idee nicht kam, und eilte zu Mamas blauem Suzuki. Bastian konnte gut einen klaren Kopf bewahren und war daher in solchen Situationen äußerst brauchbar.
Für Mama war dieses Auto ein Heiligtum. Sie liebte es. Es war ihr erstes Auto mit Allrad, so kam sie ganz leicht zu all ihren Kundschaften auch im Winter. Früher musste Mama sich oft von einem Traktor bergen lassen, wenn sie dank einer verschneiten Straße auf dem Weg zu einem Patienten hängen blieb. Das passierte gar nicht so selten. Im Metnitztal herrschte oft starker Schneefall und die Leute wohnten teilweise recht weit oben auf den Bergen. Aber mit ihrem neuen Suzuki war dies nicht mehr der Fall.
Ich versuchte die Tür zu öffnen, aber sie war versperrt. „Papa, hast du den Reserveschlüssel von Mamas Auto da?“, fragte ich. Schon kramte Papa in seinen Hosentaschen nach dem Schlüsselbund. Als er ihn hervorzog, blickte er verdattert drein. „Der Reserveschlüssel ist nicht mehr da“, gab er zum Besten. „Das kann normalerweise nicht sein. Ich habe ihn immer für Notfälle mit“, sagte er. „Jemand muss ihn heruntergenommen haben“. Papa blickte in die Runde und sah wirklich so verloren wie noch nie aus. „Denk nach, Papa. Hast du deinen Schlüssel heute irgendwann alleine liegen gelassen?“, fragte nun Christine. Papa überlegte und antwortete letztendlich: „Ja, in meiner Firma liegt der Schlüssel fast immer unbeaufsichtigt auf dem Tresen, wenn ich hinten in der Kammer arbeite. Und auch wenn ich zu Kundschaften fahre, lasse ich ihn entweder im Auto stecken oder lege ihn irgendwo hin. Ich arbeite mittlerweile schon seit vierzig Jahren selbstständig und lasse meine Sachen gelegentlich irgendwo liegen. Aber mir hat doch noch nie jemand etwas gestohlen“.
Papa sah nun wie ein kleines Kind, das einen schwerwiegenden Fehler gemacht hatte, aus. „Das kann doch nicht sein. Wie kannst du ihn nur unbeaufsichtigt lassen? Auf deinem Schlüsselbund ist schließlich auch ein Schlüssel für unser Haus drauf? Jeder könnte ihn klauen!“, rief nun Christine sehr verärgert. Ihre Stirn legte sich in Falten und sie blickte Papa finster an. „Stopp, es bringt nun aber auch nichts, Papa Vorwürfe zu machen, Christine. Suchen wir besser nach einer Lösung für das Problem statt sinnlose Anschuldigungen zu machen“, versuchte ich sie zu beruhigen. Bastian begab sich wieder zu Mamas Auto.
„Warum muss sie auch ein Auto mit getönten Scheiben haben? Ich sehe leider überhaupt nichts durch“, stöhnte er auf, während er versuchte etwas durch die Scheiben zu erkennen. „Warum rufen wir nicht die Polizei?“, fragte Karsten nun in die Runde. „Das ist keine blöde Idee, wer ruft an?“, fragte ich, verdattert, dass so eine Idee von Karsten stammen konnte. Schon zog Christine ihr Handy aus der Hosentasche und wählte die Nummer. Gespannt lauschten wir alle dem Gespräch, nachdem sie auf Lautsprecher gestellt hatte. Christine schilderte den Beamten den Sachverhalt. Die Antwort war aber für uns alle sehr ernüchternd: „Ihre Mutter ist 59 Jahre alt. Wir haben keine Hinweise auf Fremdverschulden oder dergleichen. Somit sind uns leider die Hände gebunden. Sollte sie aber nicht binnen 72 Stunden wiederauftauchen, können Sie sich gerne noch einmal bei uns melden. Dann werden wir eine Vermisstenanzeige aufnehmen.“, war die Antwort des Polizeibeamten.
Wir standen alle um Christine herum und starrten uns an. „Das kann doch nicht deren Ernst sein?“, fasste sich Bastian als Erster. „Also auf die Polizei dürfen wir anscheinend nicht hoffen. Somit müssen wir auf eigene Faust ermitteln“. Bastian klang gerade wie ein Hauptkommissar und wenn die Situation nicht so ernst wäre, hätte ich sogar lachen müssen. Jeder, der ihn kannte, wusste, wie kindisch er sonst immer war. Es war sehr eigenartig, ihn einmal ernst zu erleben. Normalerweise machte er durchgehend Witze und alberte herum, aber in dieser Situation schien selbst er sich ausnahmsweise wie ein Erwachsener zu verhalten. Wieder ging er zum Auto: „Wir müssen ins Auto kommen. Vielleicht befinden sich da Hinweise, wo sich Elsa aufhalten könnte.“
„Wie denn ohne Schlüssel?“, mischte sich mein Vater nun wieder ein. „Scheiben einschlagen kommt nicht in Frage, Elsa tötet uns, wenn wir ihr Auto beschädigen“. Bastian stolzierte um das Auto herum. „Ich habe einen Kumpel, der Autos knacken kann. Danach sind keinerlei Spuren zu erkennen. Den könnte ich anrufen“, schlug er vor. „Na los, mach schon. Ruf an“, schaltete ich mich nun auch wieder ein. Ich dachte immer nur daran, dass wir Mama schnell wiederfinden müssten, egal wie. Ich war auch etwas irritiert und verwundert, welche Kontakte Bastian hatte. Einen Kumpel der Autos knackte? In welchen Kreisen trieb Bastian sich herum? Aber das war in diesem Fall definitiv zweitrangig. Ich wollte nur Mama finden.
Wie auf Nadeln erwarteten wir Bastian Freund. Gottseidank wohnte dieser nicht so weit weg also war er innerhalb einer halben Stunde da. Während dieser Wartezeit überlegten wir hin und her wo Mama sein könnte. Aber zu einer sinnvollen Lösung kamen wir leider nicht. Alles nur Theorien, aber ohne klare Anhaltspunkte.
Endlich traf Bastians Freund Bernd ein. Er wirkte äußerst unsympathisch. In seinem Blick lag etwas Kaltes, Unruhiges und auch Gefährliches. Er war sehr groß, sicher fast zwei Meter und hatte eine Glatze, auf der einige Tattoos prangten. Schlimmer konnte ein Serienkiller auch nicht aussehen. Aber es war mir egal. Hauptsache ich fand meine Mutter wieder. Da konnte der Typ von mir aus noch so kriminell oder unsympathisch sein. Ich wollte sie nur wiederfinden.
Wir sahen ihm zu, wie er mit Drähten begann, sich an den Scheiben von Mamas Suzuki zu schaffen zu machen. Äußerst gebannt guckten wir zu. Geschickt hantierte er mit dem Draht. Plötzlich machte es „Klack“ und die Tür war offen. Ziemlich ratlos und entgeistert starrten wir uns alle an. Keiner von uns hätte gedacht, dass das so einfach und auch schnell ging. Bernd verzog das Gesicht zu einem leichten Grinsen. Er war sichtlich stolz auf seine Arbeit. Allerdings wunderte es mich, dass er nicht einmal gefragt hatte, warum wir dieses Auto knacken wollten. Endlich fasste Christine klare Gedanken und stolperte nervös in Richtung Autotür. Wir starrten wie gebannt in ihr Gesicht um etwaige Ausdrücke darin wahrnehmen zu können. Sie zog leicht die Augenbrauen nach oben, aber sonst nichts.
„Christine, ist da etwas?“, fragte ich in die Stille hinein. Doch sie zuckte nur mit den Schultern. „Nicht wirklich. Eigentlich sieht da nichts verdächtig aus“, sagte sie.
„Hallo? Was ist jetzt? Bastian gib mir mein Geld! Ich will in sowas nicht mit reingezogen werden. Ich bin noch auf Bewährung“, schaltete sich Bernd jetzt wieder ein. „Jaja, bleib locker. Hier hast du deine fünfzig Euro. Danke für die Hilfe“, verabschiedete Bastian sich von ihm. Wenn der noch auf Bewährung war, lag ich nicht so falsch mit „kriminell“. Aber egal, Bernd stieg in sein Auto und fuhr davon. Ich würde ihn hoffentlich nie wiedersehen. Währenddessen war ich bei Christine und wir betrachteten das Innere des Suzukis. Auf dem ersten Blick fiel auch mir nichts auf. Eigentlich wirkte alles so wie immer.
Auf dem Beifahrersitz lag eine von Mamas Jacken. Dies war immer der Fall, also keineswegs merkwürdig. Im Handschuhfach fand ich ihre Brieftasche. Diese ließ sie auch immer im versperrten Auto, wenn sie in den Friedhof ging. Also auch das war an sich nicht beunruhigend. Auch auf den Rücksitzen konnte ich nichts Seltsames ausfindig machen. Es war einfach alles so wie immer. Und wieder schwand meine Hoffnung von Sekunde zu Sekunde immer mehr.
„Lasst uns mal in den Kofferraum gucken“, schlug Papa vor. Ich entriegelte von innen die Kofferraumluke und Papa öffnete die Tür. Man konnte sehen, dass seine Hände dabei stark zitterten.
„Wem gehört die denn?“, fragte nun Karsten. Tatsächlich. Da lag eine Jacke im Kofferraum. Die konnte nicht Mama gehören, denn wir alle kannten sie nicht. Papa nahm sie heraus und blickte auf das Etikett. „Das ist Größe L für Männer“, stotterte er. Wir sahen uns alle verdattert an. Wessen Jacke liegt denn da in Mamas Auto? Normalerweise hat Mama nicht sehr viele gute Freundschaften. Und erst recht nicht mit Männern. Sie hatte ihre drei guten Freundinnen und das war es auch schon. Und von einem Patienten würde sie wohl kaum eine Jacke im Auto spazieren fahren, oder? Nachdem sie immer Hausbesuche bei ihren Kunden machte, konnte es eigentlich auch nicht sein, dass jemand sie bei ihr vergessen hatte.
Die Situation wurde von Minute zu Minute komischer. Mama war verschwunden. Ihr Auto und ihr Handy waren noch da. Zudem befand sich eine fremde Männerjacke in ihrem Auto. Wo konnte sie nur sein? Und vor Allem mit wem? Für die Polizei wäre es wahrscheinlich kein großer Aufwand herauszufinden, wo sie war. Aber auf deren Hilfe durften wir leider nicht zählen.
Ich nahm Papa die fremde Jacke aus der Hand und betrachtete sie genauer. Es war eine braune Wildlederjacke. Ich schaute ganz genau und fand schließlich eine versteckte Innentasche. Ich spürte förmlich, wie alle um mich herum den Atem anhielten. So etwas Spannendes gab es in unserer Familie „gottseidank“ selten. Ich konnte etwas aus Metall fühlen. Es war schwer. Ich konnte spüren, wie mein Herz anfing zu rasen. Langsam zog ich den Gegenstand heraus. Es war ein Springmesser. Jegliche Farbe wich aus meinem Gesicht. Ich wurde kreidebleich und fühlte mich elend. An dem Messer war Blut.
Allen um mich herum ging es anscheinend ähnlich. Ich konnte nicht mehr. Ein blutiges Messer in einer fremden Jacke in Mamas Auto. Diese Zusammenhänge waren nicht nur skurril, sie waren schon fast surreal. Wie aus einem Thriller.
Meine Lunge drohte zu explodieren. Alles brannte. Ich konnte nicht mehr. Ich war am Ende. Zusätzlich der fürchterliche Schmerz in meinem rechten Bein. Ich traute mich kaum hinunterzuschauen. Ein kurzer Blick genügte, um zu wissen, dass ich das auch eigentlich gar nicht sehen wollte. Ich sah Blut, wie es an meinem Bein hinunterlief und meine Strumpfhose nach und nach rot färbte. Scheiße! Wie lange konnte es mich noch tragen?
Wie konnte ich mich nur in eine solche Situation manövrieren? Ich hätte besser aufpassen müssen. Aber nun war es zu spät. Ich war schon so gut wie gefangen. Er würde mich in den nächsten Minuten oder auch Sekunden fangen und mich als sein Eigentum betrachten. Aus dieser Situation konnte ich nicht mehr entfliehen. Es war vorbei.
Ich wünschte, ich könnte meiner Familie wenigstens noch einmal sagen, wie lieb ich sie habe und ihr auch von meinen dümmsten Fehlern berichten. Aber dies wird leider nur ein Wunsch bleiben. Dessen war ich mir nun mittlerweile bewusst. Hoffentlich würden sie sich nicht wegen mir in Gefahr begeben.
Es war endgültig aus!
Es dauerte einige Minuten, bis wir uns wieder halbwegs gefangen hatten. Die Situation war einfach zu unrealistisch, um sie zu begreifen. Ich stützte mich mit dem Ellenbogen am Auto von Mama ab, um nicht den Halt zu verlieren.
„Leute, wir müssen etwas machen! Hat jemand eine Idee wie wir weiterkommen könnten?“, brach ich endlich das lange Schweigen, um keine eventuell wertvolle Zeit zu verlieren. Das blutige Messer hatte ich mittlerweile wieder in Mamas Kofferraum gelegt. „Lasst uns nochmal richtig nachdenken, ob irgendjemandem von uns diese Jacke nicht vielleicht doch bekannt vorkommt?“, schlug ich vor. Wie gebannt starrten wir nun alle auf die braune Jacke. Aber leider schien niemand etwas zu wissen. Ich blickte in die Gesichter von Karsten, Papa, Bastian und Christine. Alle sahen so aus, als hätten sie einen Geist gesehen. Ich sah sicher auch keinen Deut besser aus. Jegliche Farbe war aus unseren Gesichtern gewichen und wir waren alle kreidebleich. Sogar Karsten, der sonst immer ruhig war, wirkte aufgewühlt.
„Issy, so kommen wir nicht weiter. Wir müssen uns etwas Anderes überlegen“, mischte sich Bastian nun ein. Ich wusste, dass er Recht hatte. Aber leider fiel mir nichts ein, wie wir in diesem Fall weiterkommen könnten. Bastian trat von einem Bein auf das andere und schien sich so stark zu konzentrieren wie noch nie zuvor. Auf seiner Stirn waren deutlich Sorgenfalten zu erkennen.
„Was ist nun mit der Polizei?“, fragte Karsten. „Die hatten gesagt, ohne Hinweise auf Fremdverschulden können sie nichts unternehmen. Ein blutiges Messer dagegen ist doch mehr als ein Hinweis auf Fremdverschulden oder?“. Eigentlich hatte Karsten Recht. Sie würden uns jetzt helfen müssen. Schon tippte Christine erneut mit zitternden Fingern die Nummer und wir lauschten wieder den Freizeichen. Als sie dem Beamten erneut den Sachverhalt schilderte und nun noch erwähnte, dass wir ein blutiges Messer gefunden hatten, trauten wir unseren Ohren nicht. Der Beamte am Telefon sagte doch wirklich, er könne uns noch immer nicht helfen, da ein blutiges Messer sehr viele Gründe haben konnte und nicht direkt auf Fremdverschulden zurückzuführen war. Er meinte doch tatsächlich, es könnte auch ein Messer vom Angeln oder dergleichen sein. Da hatte man schon mal Blut dran, wenn man Fische ausnahm. Der Beamte hielt uns aber immerhin dazu an, das Messer aufzubewahren, falls die 72 Stunden vorbei wären und wir Mama immer noch nicht gefunden hatten. Dann könnte es wichtige Spuren enthalten. „Scheiß Polizei, für nichts zu gebrauchen“, schrie Christine aggressiv und legte auf. Also waren wir nun wieder gleich weit wie vorhin.
„So Leute, das heißt wir sind komplett auf uns alleine gestellt“, sagte Bastian. In dieser Situation war ich wirklich froh, meinen Schwager an unserer Seite zu haben. Er hatte definitiv den klarsten Kopf von uns allen. Bastian tappte von einem Fuß auf den anderen und sah sehr nachdenklich aus. Immer wieder fuhr er sich durch seinen Bart. Das fand ich schon immer komisch. Bastian hatte sehr wenig Haare auf dem Kopf, die fielen ihm alle aus, aber der Bart wuchs unaufhörlich.
„Christine, wir müssen jemanden anrufen, der vorerst auf die Kinder aufpasst. Wir können sie nicht so lange alleine lassen“, gab Bastian nun zu bedenken. Christine rief also als Erstes unsere Oma an, die schnell zu den Kindern fahren sollte. Für lange Erklärungen hatte sie keine Zeit. Sie gab Oma nur den Auftrag auf die Kleinen aufzupassen, solange sie und Bastian nicht nach Hause kamen. Für Oma war dies keine Frage, sie setzte sich sofort ins Auto und fuhr los. Sie wohnte nur einige Kilometer entfernt also würde sie gleich bei den Kindern sein. Auch auf Oma konnte man sich immer verlassen. Sie war zwar schon 79 Jahre alt, aber topfit und komplett selbstständig.
Somit wäre das Problem mit den Kindern erst mal gelöst. Fragt sich jetzt nur, wie wir weiter vorgehen sollten. Zum wahrscheinlich fünfundzwanzigsten Mal betrachtete ich die Wildlederjacke und suchte sie auf weitere Hinweise ab. Aber was war das? In der Innentasche war noch eine kleine Geheimtasche versteckt. Mir stockte der Atem. Ich spürte etwas Weiches. „Papa, da ist noch etwas drinnen“, hörte ich mich sagen. Alle Blicke richteten sich sofort auf mich und die Jacke. Schon zog ich eine kleine Plastiktüte mit einem seltsamen weißen Pulver heraus.
Und wieder waren alle ratlos. „Kennt sich irgendjemand mit Drogen aus?“, fragte ich. Ich hatte nämlich keine Ahnung, was das in der Tüte war. Bisher hatte ich noch keinerlei Erfahrungen mit Drogen jeglicher Art. Eigentlich sollte dies auch so bleiben. Aber wenn man Salz transportierte, brauchte man es nicht in einer Geheimtasche zu verstecken. Also konnte man davon ausgehen, dass es sich um eine illegale Substanz handelte.
Alle guckten mich mehr oder weniger ratlos an. Karsten ergriff schließlich das Wort: „Zeig mal her, einer meiner Freunde hatte mit solchen Dingen immer mal wieder was zu tun. Daher kenne ich einige Substanzen vom Aussehen her“. Langsam öffnete er das kleine Säckchen und holte etwas von dem Pulver heraus. Er zerrieb es mit seinen Fingern und roch daran. „Das könnte Kokain sein“, sagte er letztendlich. „Aber sicher bin ich mir da nicht, ich kenne mich damit ja auch nicht wirklich aus. Aber von der Substanz her könnte es hinkommen“, Karsten blickte ratlos in die Runde.
Die Sache wurde immer komplizierter. Jetzt fanden wir auch noch Kokain? Das konnte nicht von Mama sein. Mama war streng gegen jegliche Drogen. Ja sogar gegen normale Zigaretten. Sie als Psychologin wusste, was dieses Zeug mit Menschen machen konnte und hatte somit sicher selbst nichts damit zum Tun. Sie beobachtete quasi tagtäglich was aus Menschen wurde, die in ihrer Abhängigkeit gefangen waren. Somit konnte ich definitiv ausschließen, dass das Zeug von ihr war. Aber es handelte sich ja auch eindeutig nicht um Mamas Jacke. Wo war Mama da nur hineingeraten?
Papa setzte sich auf den Rand des Kofferraums und sah zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, so richtig verloren aus. „Was soll ich denn ohne meine Elsa nur anstellen?“. Er tat mir unendlich leid. Ich hatte ihn noch nie in so einen Zustand gesehen. „Papa, wir werden sie wiederfinden, ok? Glaub mir. Wir geben nicht auf, bevor wir sie nicht wieder bei uns haben!“. Fest davon überzeugt versuchte ich Papa gut zuzureden und nahm ihn in den Arm. Ich liebte den Geruch seines Rasierwassers. Schon seit meiner Kindheit roch Papa danach. Es war der vertrauteste Geruch für mich und jedes Mal, wenn dieser in meine Nase stieg, fühlte ich mich wohl. Aber heute konnte ich Papa mit einer Umarmung nicht so einfach beruhigen. Es war halt schwierig Ruhe abzugeben, wenn man selbst nicht so recht daran glauben konnte, dass alles wieder gut werden würde. Auch ich hatte starke Zweifel daran, doch das durfte ich mir nicht anmerken lassen. Vor Allem Papa brauchte jetzt starken Halt und ich war fest entschlossen ihm diesen zu geben.
„Leute, bitte lasst uns jetzt erst einmal von hier verschwinden. Wir stehen seit einer Ewigkeit auf dem Parkplatz des Friedhofes.“, Bastian wurde es langsam unbehaglich auf dem Parkplatz. Vor Allem wurde es langsam auch dunkel und der Abend brach herein. Bisher hatte ich nicht einmal bemerkt, dass es Nacht wurde und die Kälte uns umgab. Das einzige Licht, das noch erkennbar war, kam von den kleinen Straßenlaternen vor der Friedhofstür. Wir beschlossen, nach Hause zu fahren und dort zu überlegen, wie wir weiter vorgehen konnten. „Wir müssen Elsas Auto hier stehen lassen. Ich habe ja keinen Schlüssel mehr, und Autos kurzschließen kann ich auch nicht wirklich“, Papa schien fieberhaft zu überlegen, wie wir den blauen Suzuki nach Hause befördern könnten. „Kein Problem. Wir hängen ihn zu meinem Auto dazu. Es sind ja nur ein paar Kilometer. Ich fahre langsam und Izzy, du lenkst hinten“, Bastian blickte zu seinem riesigen Mitsubishi. Für dieses Auto war das kein Problem ein anderes nachzuziehen. Also machten wir uns daran, das Abschleppseil an Mamas Auto zu befestigen und an Bastian Anhängekupplung zu binden.
So stieg jeder in sein Auto und wir fuhren im Convoy nach Hause. Daheim angekommen hängten wir Mamas Auto ab und stellten es in die Garage. Komplett erschöpft ließen wir uns dann auf die Wohnzimmer-Couch fallen. Wir sahen alle todmüde aus und fühlten uns richtig ausgelaugt. Aber das Schlimmste für mich war die Hilflosigkeit. Ich würde Mama so gerne helfen, wusste aber überhaupt nicht wie. Und auch Papa sah richtig mitgenommen aus. Sein Gesicht war kreidebleich und er wirkte auf mich zum Ersten Mal in meinem Leben wie ein alter Greis. Vorher hatte ich die Falten in seinem Gesicht nie so richtig wahrgenommen, aber heute fiel mir auf, dass auch er nicht mehr der Jüngste war mit seinen zweiundsechzig Jahren.
„Ok Leute, es wird Zeit für einen richtigen Plan über die weitere Vorgehensweise“, schlug Christine nun vor. Also überlegten wir hin und her, was wir machen konnten. Letztendlich beschlossen wir, bei Mamas Freundeskreis nachzufragen, ob die eventuell mehr wissen wie wir. Allerdings genügte ein Blick auf die Uhr, um zu wissen, dass ihre Freundinnen heute nicht mehr ans Telefon gehen würden. Es war schon nach Mitternacht. Wir hatten wirklich reichlich Zeit am Friedhof verbracht. Das war mir gar nicht so aufgefallen vorhin. Dennoch versuchten wir alle Freundinnen per Handy zu erreichen. Leider komplett erfolgslos. Niemand hob ab.
„Ich denke, das macht heute keinen Sinn mehr“, sagte Papa mit zerknirschter Stimme. „Papa, hast du überhaupt schon was gegessen heute?“, erkundigte ich mich bei ihm. Papa war Diabetiker und musste daher regelmäßig essen und brauchte auch immer seine Insulinspritze in der Nähe, falls er mal Überzucker hatte. Man musste bei ihm immer aufpassen, denn von selber dachte er oft nicht daran. Er nahm seine Krankheit sehr auf die leichte Schulter, was mich sonst immer maßlos aufregte. Aber heute verstand ich es, falls er es vergessen hatte.
„Nein, bei der Aufregung bekomme ich doch keinen Bissen hinunter“, schaute er mich mit tief traurigen Augen an. „Papa, dann miss wenigstens einmal deinen Blutzuckerwert und wenn du zu tief bist, dann iss einen Traubenzucker, ok?“, ich kam mir vor wie die Mutter eines kleinen Kindes. Aber Papa ließ sich darauf ein und das war schließlich die Hauptsache. Das letzte was wir jetzt noch gebrauchen konnten, war ein Vater mit Zuckerschock.
„Lassen wir es für heute. Papa muss ins Bett und auch wir brauchen etwas Ruhe“, gab Christine erschöpft von sich. Ich war verblüfft - wollten die nun wirklich schlafen gehen, obwohl wir noch keine Spur von Mama hatten? Das konnten sie nicht ernst meinen oder?
„Issy, beruhige dich. Auch du brauchst zumindest ein paar Stunden Schlaf. Wir sind gleich morgen Früh wieder hier und suchen weiter, ok? Jetzt in der Nacht können wir eh nicht mehr viel machen und vielleicht löst sich das Problem ja auch von selbst und Mama ist morgen früh schon wieder zuhause. Vielleicht gibt es ja eine ganz logische Erklärung für ihr Fernbleiben“, Christine sah mich mit müden Augen an und konnte die Aufregung in meinem Gesicht lesen. Langsam ließ ich mich von ihr weichklopfen. Sie hatte Recht, auch ich musste mich ein wenig niederlegen, bevor ich umfiel. Morgen würden wir dann voller Kräfte weitersuchen und hoffentlich Mama finden. Vielleicht war alles ja auch nur ein dummer Scherz und Mama würde morgen von ganz alleine nach Hause kommen.
Also gingen wir zu Bett. Komplett ausgelaugt und fertig. Aber an Schlaf konnte ich nun wirklich nicht denken. Unruhig lag ich im Bett und drehte mich von einer Seite zur anderen. Meine Gedanken schweiften hin und her. Immer wieder döste ich kurz ein, um kurz darauf schweißgebadet wieder wach zu werden. In meinen Träumen sah ich Mama in einem dunklen Verließ um Hilfe schreiend und mit Tränen in den Augen. Es war der pure Horror. Ich konnte und wollte nicht mehr liegen bleiben. Schlafen würde ich heute Nacht sowieso nicht mehr. Also schälte ich mich aus meinem Bett und ging in mein Büro. Dort kochte ich mir erstmal einen bekömmlichen Kräutertee. Vielleicht konnte mich dieser ja etwas beruhigen. Ich setzte mich mit meiner heiß dampfenden Tasse vor meinen PC und wartete darauf, bis er endlich hochfuhr. Leider war es nicht mehr das neueste Gerät. Daher dauerte der Start immer ewig. Aber als Studentin konnte ich mir keinen neuen leisten. Noch nicht.
Dann kam mir eine Idee. Wo war Mamas Handy? Wir hatten es ja am Friedhof gefunden und eigentlich könnte ich es auf Hinweise untersuchen. Sofort wollte ich diese Idee in die Tat umsetzen. Mit einer unglaublichen Schwere in den Beinen schlich ich mich auf leisen Sohlen über die Stiege hinunter. Dies war äußerst schwierig, da die Treppe bei jedem Schritt knarrte. Also rutschte ich mit den Zehenspitzen auf dem kleinen Steig des Geländers hinunter. Endlich unten angekommen, schlich ich in die Küche. Dort müsste es irgendwo liegen. Im Dunklen war es gar nicht so einfach etwas zu finden. Aber das Licht wollte ich auf keinen Fall anmachen, da ich damit Papa wecken könnte und dieser hatte wirklich ein paar Stunden Ruhe verdient. Also versuchte ich, in der Finsternis etwas zu erkennen. Langsam tastete ich mich am Spülbecken entlang bis zur Arbeitsfläche vor. Dann spürte ich es. Ich hatte es. Nun würde meine Analyse beginnen können. Mein Wille bäumte sich erneut auf. Ich klammerte mich an jeden noch so kleinen Funken Hoffnung. Ich würde sie wiederfinden und wenn es das letzte war was ich tun würde…
Wo war ich? Mein Kopf tat weh, so als würde er jeden Moment in tausend Teile zerspringen. Mir war eiskalt und meine Hände fühlten sich an wie Eisblöcke. Beim Ausatmen kam Rauch aus meinem Mund. Wie benommen versuchte ich aufzustehen. Aber ich hatte keine Chance. Meine Beine wollten nicht. Immer wieder klappten sie unter meinem Gewicht weg und ich fiel erneut.
Ich saß auf einer alten, staubigen Matratze. Aber wo war ich genau? Ich sah nur graue Steinmauern rund um mich herum. Alles war finster. Meine Augen hatten sich an die Dunkelheit schon halbwegs gewöhnt. Irgendwo kam ein kleiner Lichtstrahl durch eine Mauerritze. Ich würde gerne nachsehen, wo genau diese Ritze war, aber ich konnte einfach nicht aufstehen.
Bei näherer Betrachtung meines Beines war mir auch klar, warum. Meine Strumpfhose war rot verfärbt und hing zerrissen an meinem Bein hinunter. Am Bein selbst klebte braunes, eingetrocknetes Blut. Ich betrachtete den Schnitt genauer. Er schien ziemlich tief zu sein und hatte noch nicht ganz aufgehört zu bluten. Neben mir entdeckte ich ein altes, schwarzes Tuch. Ich band es mir um die Schnittverletzung, um die Blutung vorerst zu stillen. Ich würde dadurch zwar Schmutz in die Wunde bekommen, aber ich glaube, dies war nun ohnehin egal.
Ich musste hier raus. Aber wie? Nur Steinwände und eine schwere Metalltür. Ich kam hier nicht raus. Ich hatte keine Chance! Wo zur Hölle war ich und was war passiert?
Das Handy fest umklammert, versuchte ich auf Zehenspitzen so leise wie möglich wieder in mein Büro zu gelangen. Aber im Vorhaus stockte mir plötzlich der Atem. Durch das Fenster nach draußen konnte ich schwarze Umrisse erkennen. Da war jemand. Scheiße! Was nun? Wer konnte das sein und vor Allem was wollte derjenige hier?
Ich sah die Umrisse genau und konnte erkennen, dass es eine relativ große Person war. Leider war es zu dunkel, um Näheres zu erkennen. Sollte ich Papa wecken? Nein, lieber nicht. Dieser hatte es schon schwer genug und ich wollte keinen erneuten Herzinfarkt bei ihm riskieren. Er hatte schon mal einen und das hatte gereicht. Damals wussten wir nicht, ob er es überstehen würde. Er lag ziemlich lange auf der Intensivstation und kämpfte um sein Leben.
Die Ärzte hatten es nicht für möglich gehalten, dass er sich so gut auskurieren würde und wieder komplett fit werden könnte. Daran konnte man wieder einmal sehen, was ein starker Wille alles ausmachen kann.
Ich könnte auch Karsten aufwecken. Aber dazu müsste ich vorher die Treppe hoch und dann verlor ich diese fragwürdige Person eventuell aus den Augen. Nein, ich musste das nun alleine regeln. Ich überlegte, was ich unternehmen konnte, währenddessen ich die Person durch das Fenster weiter im Auge behielt. Aber was machte diese da überhaupt? Ich beobachtete, wie die finstere Gestalt um unsere Holzhütte und den Geräteschuppen schlich. Immer wieder blickte sie sich um, in der Angst, erwischt zu werden. Es schien so, als würde sie eine schwarze Sturmmaske tragen. Gesicht war jedenfalls keines erkennbar. Aber ich konnte mich auch täuschen. Es war einfach viel zu dunkel. Gottseidank konnte sie mich nicht sehen. Anscheinend schien sie etwas zu suchen. Aber was konnte man bei uns in der Holzhütte oder im Geräteschuppen stehlen? Wir hatten doch keine Wertsachen da drinnen, daher hatten wie sie nicht einmal abgeschlossen. Die Gestalt schlich nun in den Schuppen hinein und ich sah nur noch den Kegel ihrer Taschenlampe. Vielleicht hatte dies alles etwas mit Mamas Verschwinden zu tun? Aber wie könnte das zusammenhängen?
Wir hatten doch nichts in unserem Besitz was man erpressen könnte? Wir waren zwar nicht arm, aber viel zu holen war bei unserer Familie auch nicht. Da sah ich die schwarze Gestalt wieder. Sie kam aus dem Schuppen. Aber sie hatte nichts in der Hand. Das deutete darauf hin, dass sie nicht fündig wurde. Was konnte sie nur suchen? Ich verstand überhaupt nichts mehr.
Da beobachtete ich noch, wie sich die schwarze Gestalt auf ein Fahrrad schwang und gleich darauf in Richtung Hauptstraße in die Dunkelheit fuhr. Also für heute hatte sie es anscheinend aufgegeben. Aber ich war fest davon überzeugt, dass sie wiederkommen würde. Nächstes Mal würde ich besser vorbereitet sein und diese Person stellen.
Ich stand noch ein paar Minuten vor dem Fenster um sicherzugehen, dass die Person auch nicht wiederkommen würde. Aber irgendwann überfiel mich das Gefühl von Müdigkeit und ich torkelte hinauf in mein Bett. Kaum hatte ich mich hingelegt, war ich auch schon eingeschlafen. Aber in meinen Träumen plagten mich weiterhin Bilder von meiner Mama, wie sie ängstlich und verzweifelt um Hilfe schrie. Auch die finstere Gestalt spukte unaufhörlich in meinen Träumen umher. Was konnte sie nur suchen?
Schweißgebadet wurde ich am Morgen wach. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass schon 8 Uhr war. Träge und mit schmerzenden Gliedern dank einer unruhigen Nacht stieg ich aus dem Bett. Mein erster Weg führte mich ins Badezimmer, wo ich mir erstmal eiskaltes Wasser ins Gesicht spritzte. Dies half zumindest ein bisschen. Ich betrachtete mich im Spiegel. Dunkle, blaue Ringe zeichneten sich unter meinen Augen ab. Ich sah fertig und abgekämpft aus, genauso wie ich mich auch fühlte. Aber das war mir in diesem Moment egal. Ich zog mir schnell eine Jeans und ein T-Shirt drüber und machte mich auf den Weg nach unten in die Küche.
Dort erwarteten mich bereits Papa und Karsten. „Guten Morgen. Hast du wenigstens etwas geschlafen, Papa?“, fragte ich ihn.
„
