Dunkle Stadt Bohane - Kevin Barry - E-Book

Dunkle Stadt Bohane E-Book

Kevin Barry

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Beschreibung

Bohane ist ein heimtückischer, mörderischer, intriganter Ort – und verdammt sexy. Eine Stadt voll brutaler Killer und Ganoven. Das Buch erzählt von einem Bandenführer, dessen Herrschaft zu Ende geht, und ist anders als alles, was Sie zuvor gelesen haben. Ein Buch für alle, die eine grellbunte, vergnügte Zeit verbringen wollen. Die einst bedeutende Stadt Bohane an der irischen Westküste liegt darnieder. Es herrschen Gewalt und Chaos, die Clans sind gespalten. Auch wenn noch ein wenig vom alten Glanz geblieben ist, findet das eigentliche Leben in den Slums und verwahrlosten Wohnblocks von Smoketown statt. Scheinbar seit Ewigkeiten steht alles unter der Kontrolle von Logan Hartnett, dem adretten Paten der Hartnett-Fancy-Gang. Aber es liegt Ärger in der Luft. Gerüchte gehen um, dass Logans Erzfeind Gant Broderick nach fünfundzwanzig Jahren zurück in der Stadt ist, und seine Schergen entwickeln auf einmal ihren ganz eigenen Ehrgeiz. Logans bessere Hälfte drängt ihn, alles aufzugeben und sich zurückzuziehen. Doch da kennt die Missus ihren Langen Lulatsch schlecht.

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Seitenzahl: 333

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Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Der Übersetzer dankt dem Ireland Literature Exchange, der es ihm ermöglicht hat, einige Zeit im Tyrone-Guthrie House in Annagmakerrig, Co. Monaghan, Irland, an dieser Übersetzung zu arbeiten.

Der Verlag bedankt sich für die großzügige Unterstützung der Übersetzung durch den Ireland Literature Exchange, Dublin, Irland.

www.irelandliterature.com

[email protected]

Tropen

www.tropen.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

»City of Bohane« im Verlag Jonathan Cape, London

© 2011 by Kevin Barry

Für die deutsche Ausgabe

© 2015 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Umschlag: Herburg Weiland, München

Unter Verwendung folgender Abbildungen:

© akg / Magnum Photos / Erich Lessing: Stahlgerüst

© Underwood & Underwood/Corbis: Rauchwolke

© Gettyimages / Duncan Walker: dunkles Gesicht

© Gettyimages / Maciej Toporowicz, NYC: Mann mit Hut

© Shutterstock / Zoltan Pataki: Messer (bei Mann mit Hut)

© Shutterstock / Richard Petersen: Mann mit Stock und Hut

Datenkonvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Printausgabe: ISBN 978-3-608-50145-2

E-Book: ISBN 978-3-608-10764-7

Dieses E-Book entspricht der 1. Auflage 2015 der Printausgabe

Für Olivia Smith

Was auch mit uns nicht stimmt, es kommt vom Fluss. Keine Widerrede: Der Ruch des Bösen in der Luft unserer Stadt ist der Geruch von diesem Fluss. Gemeint ist der Bohane. Ein Schwarzwasserstrom, heimtückisch, tost heran aus der Großen Nichtsöde, und die Stadt ward durch ihn gezeugt und ward nach ihm benannt– die Stadt Bohane.

Hartnett passierte die Docks und atmete vom Fluss die böse Süße. Nach Mitternacht auf Bohanes Uferpromenade. Seine Schritte schlugen einen gleichmäßigen Takt, einen langsamen, steten Rhythmus, Leder auf Stein; die Docklaternen brannten nächtens in grünem Glanz, Lichter eines traurigen Traums. Das Tosen des Wassers war für Hartnett wie das Brausen des eigenen Blutes, und auf dem Weg vorbei an den Händlerhöfen schnürte sich das Gebell der Wachhunde die Promenade entlang. Sehe sich einer diese Köter an: gesträubtes Fell, die gelben Augen wutentbrannt. An ihrem Geheul merkten wir, wenn er kam.

Polypen beobachteten ihn nur von weitem– in Smoketown drüben tränkten zwei Klepperbullen ihre Schecken an einer Kreuzung. Kamen schnurstracks von einer Stecherei.

»Linste den da?«, fragte der eine. »Den scheiß Albino.«

»Kannste die Uhr nach stellen«, sagte der andere.

Albino nannten ihn die einen, andere nur Bino, den Langen Lulatsch oder schlicht Mr Aitsch, ihn, den Boss der Hartnett Fancy.

Er kehrte den Docks den Rücken, wandte sich der Back Trace zu, der berüchtigten Bohane Trace, einem echt üblen Labyrinth, einem undurchdringlichen Gassengewirr. Er hatte diesen gewissen Back-Trace-Flair: ein flotter Pfau in feschem Crombie und blassgrauer Mafiosokluft aus Mohair, der Mantel lässig über die Schulter geworfen. Eine Gusche mit Beißern wie geschändete Grabsteine, aber was soll’s, wir tragen alle unser Kreuz. Ein Paar handgemachte portugiesische Stiefel schlappte übers Pflaster und tönte mit Nachdruck von Zaster.

Hart erkämpfter Reichtum– hach, was man sich in Bohane doch für Geschichten über Logan Hartnett erzählte.

Wie Stoßseufzer öffneten sich in der Trace unversehens kleine, klamme Plätze, die Logan querte. Tief in ihrem Innern lungerten zu dieser frühen Morgenstunde seltsame Vögel. Sie senkten den Blick, wenn er vorüberging, stierten auf ihre Zehen oder die braun vertütete Vinobuddel– wenn irgend möglich mied man, den Langen anzusehen. Schon seltsam, wir hatten Schiss vor ihm, bildeten uns aber auch was auf ihn ein. Er machte eine gute Figur, wie man bei uns in Bohane sagt; elegant und kerzengerade, sah weder links noch rechts, nur geradeaus, die Schultern stocksteif wie ein General. So flanierte er ins arabische Gewirr von Gasse und Gosse, und durch die Seitenstraßen der Trace hörte man es Schlappen und Knarren, Schlappen und Knarren, portugiesisches Leder auf zwielichtigem Stein.

Tja, Logan war in seinem Element, wie er sich da seinen Weg durch den städtischen Irrgarten suchte. Er fürchtete keine Schatten, kannte die Gegend aus dem Effeff, kannte den kleinsten Winkel und das letzte Loch.

Auf dem 98er Platz unterm Maibaum wartete Jenni Ching.

Er näherte sich der jungen Frau, und sein Schritt genügte: Sie musste nicht aufblicken, brauchte nichts zu checken. Trotzdem lächelte er, ein bitteres, leidgeprüftes Lächeln– als wollte er sagen: Schon wieder, Jenni?–, setzte sich neben sie auf die Bank und legte seine Hand auf ihre, die winzig war, zart, mörderisch.

In die Bank geritzt die Namen verflossener Liebschaften.

»Na, Kleine?«

»Der aufgeschlitzte Arsch in Smoketown warn Cusack aussen Blocks.«

»Hatte er es denn verdient, Jen?«

»Ham sies nich immer, die Cusacks?«

Zustimmung dünnte Logans Lippen.

»Die Cusacks sind seit eh und je korrupt, Kleine.«

Jenni war gerade siebzehn geworden, für ihre Jahre aber ganz plietsch. Auf der Hut, das war sie auch, und ein scharfes kleines Luder mit Arschhängerhose, Keilabsätzen und ihrem zum Springbrunnen hochgeturbanten Streifenhaar. Sie fischte einen Zigarrenstumpen aus der Tittentasche ihres weißen Vinylhoodies, steckte ihn an.

»Auffer annern Seite der Brücke ist die Kacke am Dampfen, Mr Aitsch.«

»Weiß ich doch.«

»Wennse mich fragen, plustern sich die Cusacks aus Rache grad richtig in Rage, okay? Und das Letzte, was Smoketown brauch, issn Haufen dieser Loser, die von ihren Hochblocks zu uns runterbullern.«

»Bislang haben die Cusacks immer viel von einem guten Pow-Wow gehalten, Jenni.«

»Is nichs Pow-Wow, vor was ich Schiss hab, Mr Aitsch. Heißt, in letzter Zeit hätten sie vonnen Blocks drei Wohnsilos allein für sich untern Nagel gerissen, und das sind drei Hütten voll Wichser, die scharf auf Trouble sind, checkste?«

»Nur zu gut, Jenni.«

In Bohane ist es altehrwürdige Tradition, dass sich Familien aus den Mietskasernen der Northside mit Familien der Back Trace in die Haare kriegen. Logan war Boss der Trace, war ihr Fleisch und Blut, und in diesem Jahr die taffste Macht der Stadt. Allerdings sammelten auch die Cusacks in den Blocks Mumm und Männer.

»Was steuern wir also fürn Kurs, Logan?«

Jenni war gewieft, steckte ihr im Blut– die Chings gehörten zu Smoketowns ältesten Familien. Und Smoketown, das waren Bordsteinschwalben, Kifferkraut und Fetischspelunken, Schnapsbutiken, Fixergassen, Traumsalons und Chinarestaurants. Von Back Trace aus lag Smoketown auf der anderen Seite der Brücke, am anderen Ufer des Bohane, und die Hartnett Fancy hatte auch in Smoketown das Sagen– aber die Cusacks wetzten die Messer.

»Ich würd sagen, wir zögern keine Sekunde, Jenni-Sweetie.«

»Weilse sowieso kommen, nich?«

»Stimmt genau, Kleines. Die kommen und machen Randale. Warum sie also nicht gleich aus der Deckung locken?«

Jenni bedachte seine Taktik.

»Damit se gar nicht erst voll aufdrehn unn uns abmurksen? Sie beim Stolz packen. Was kläfft die Fancy so? Aug um Aug, Cusarsch, sonst hasse kein Mumm inne Knochen nich.«

Logan lächelte.

»Jenni Ching, du bist wirklich eine ganz besondere Nummer.«

Das Kompliment ließ sie zusammenzucken.

»Nett geraspelt, Mr Aitsch. Nur darfs mit den Cusacks gar nicht erst dazu kommen, dasse uns Trouble machen, checki-check? Plustern sich viel zu fett auf fürn Schwarm Hochhausdödel. Schicken Späher inne Stadt! Nur wie gehts, dass die mitem Mal ne dicke Lippe riskieren, das sollten wir uns fragen.«

»Und was willst du damit sagen, Jenni?«

»Will sagen, die wittern Schwäche, klaro? Die denken, Se ham grad keinen Kopp für was abläuft inne Fancy.«

»Und was sollte ich wohl anderes im Kopf haben?«

Sie lenkte ihren kühlen Blick auf ihn, sah ihm in die Augen.

»Iss nich an mir, das zu sagen, Mr Hartnett, Sir.«

Lächelnd erhob er sich von der Bank. So lange hatte seine Hand auf ihrer gelegen, doch nicht das kleinste bisschen Wärme abgegeben.

»Sie wolln mehr Cusacks dran glauben lassen, stimmt’s?«

Er sah sie an, aber nur kurz– der Blick sprach Bände.

»Sinnse sich sicher, Aitsch? Noch’n blutiger Winter in Bohane?«

Ein Lächeln, das graueste Lächeln, das er zustande brachte.

»Da vergehen die langen kalten Nächte doch wie im Flug.«

Logan Hartnett durfte nicht vergessen, das Ching-Mädchen im Auge zu behalten. In einer so selbstmörderischen Kleinstadt war es besser, sich stets nach allen Seiten abzusichern. Er zog weiter durch die finstere Back Trace. Alte Häusergassen, schmal, steil, funzelig, und die umliegenden Klippen weckten ein Gefühl klammer Enge. Unsere Stadt wurde entlang der Klippen gebaut, die den Bohane umufern und einschluchten. Hier schlängeln sich alle Wege zum Fluss hinab, und am Ende fast jeder Straße dieser schwarze, wirbelnde Strom, schwarz wie die Moorwasser, die ihn speisen; einige Meilen flussab rundet der Strom dann die letzte Klippe, um im murmelnden Meer zu münden. Von der Stadt aus kann man das Meer nicht sehen, doch bemerkt man überall das Ozongerücht seiner Nähe, spürt ein rauhes Kratzen in der Luft wie Heiserkeit. All das so trostlos, wie es nur der Westen Irlands sein kann.

Der Fancy-Boss bog in eine gewisse Twiete ein, schoss einen schnellen Blick über die Schulter– so diskret– und schlüpfte in einen bestimmten Eingang. Dreimal drückte er auf die Messingklingel, hielt inne, dann noch zweimal. Ihm fiel eine Spinne auf, diesich vom Türsturz abseilte, und ihn freute ihr bedächtiges Zu-Boden-Schweben, auch wenn er fand, dass es schon ziemlich spät im Jahr war für die Kleine, jetzt, im Oktober, die Stadt bereits auf herbstbraun getrimmt. Drinnen ein Gehusche, dann glitt der Spiondeckel beiseite und füllte sich mit einer Pupillenperle, ihrem kurzen Zusammenzucken, gleich darauf klickte und klackte das Schloss, und die rote Eisentür fuhr knarrend– knaaaaarz!– auf ihren Rollen beiseite. Müssten mal geölt werden, dachte Logan, während Tommie der Wirt ins Blickfeld rückte: ein fipsiges, brustbehaartes Rübchen von einem Mann. Er verbeugte sich knapp und flüsterte seinen Gruß.

»Dachte mir schon, dass Sie’s sind, Mr Hartnett. Ist so Ihre Zeit.«

»Routine, sagt man, lebt mit dem Wahnsinn Tür an Tür, Tommie.«

»Ach, es wird so viel geredet, Mr Hartnett.«

Er setzte für den Wirt sein fahles Lächeln auf, trat ein und schob– knaaaarz!– mit festem Griff die Tür zurück auf ihren Rollen ins Schloss. Die Männer folgten dem engen Gang; leuchtendrote Wände schwitzten wie Discomauern, und genau das ist dieses Gemäuer einst gewesen, auch wenn es schon vor Ewigkeiten umgebaut worden war.

In Bohane sind die Tage der Discos lang vorbei.

»Wie geht’s der werten Gattin, Mr Aitsch?«

»Ganz ausgezeichnet, Tommie. Und warum denn auch nicht?«

Angespannt wirkte das Lächeln des Albinos mit einem Mal und lehrte den Wirt das Fürchten. Verwunderte ihn aber auch.

»War ja nur ne Frage, Mr Aitsch.«

»Nun, danke der Nachfrage, Tommie. Ich werde ihr die werten Grüße ausrichten.«

Seltsam und wie verzerrt, der Glanz, der einen Moment lang überseine Augen fiel; der Gang machte einen Knick, eine Kehre und führte in eine schwach erhellte Höhle, schummrig vor lauter leisem Nachtgeflüster.

Das hier war Tommies Vesperzimmer.

Das hier war Bohanes Refugium der Macht.

Die Wände säumten rote Samtbänke, auf denen Träger massiger Hängebacken ruhten, die dankbar schienen fürs abgedunkelte Licht. Dies waren die Kaufleute der Stadt, Männer mit Vorliebe für Haarlack, Hochprozentiges und gesättigte Fette.

»Säufer und Futschlecker, einer wie der andere«, sagte Logan so laut, dass ihn hören konnte, wer hören wollte.

Am anderen Ende des schönen Parketts wartete eine elegante Bar mit Messinggeländer. Fürstlich hielt er drauf zu, und als Wirt Tommie voraushuschte, um sich unter seiner Servierklappe hindurchzuducken, meinte man dem Buckel auf seinem Rücken anzumerken, dass er das Mosaikparkett immerzu wie irre wienerte. Er nahm ein Tuch zur Hand, um rasch noch frischen Glanz auf den Tresenplatz zu polieren, an dem Logan wie jeden Abend saß.

»Du reibst mir noch Riefen rein, Tommie.«

Logan schüttelte sich aus seinem Crombie und hängte ihn an den Haken unterm Tresengeländer. Der Griff seines Schächders sichtbar für alle Welt– eingelegt mit Perlmutt, dazu ein Muster in Neapelblau– und gradso in den Gürtel gesteckt, dass die Jacke sich dran verfing und die Klinge zur Geltung kommen ließ. Er strich übers Mohair seines Itakerzwirns, zupfte an einem losen Faden und fuhr sich verträumt mit der Daumenspitze über seine Filmstar-Wangenknochen.

»Und, Tommie, gibt’s was Neues?«

Der Wirt zuckte zusammen, keine Frage.

»Was Neues, Mr Aitsch?«

Logan lächelte wie die Unschuld vom Lande.

»Ich frag nur, was so in der Gerüchteküche brodelt, Tommie. Rein gar nichts?«

»Ach, nurs olle Gewäsch, Mr Hartnett.«

»Und?«

»Wer ist hinter wem her. Wer vögelt mit wem. Wer hat was verdient.«

Logan beugte sich über den Tresen und senkte die Stimme.

»Und kommt auch Kunde von der Großen Nichtsöde rein, Tommie?«

Der Wirt wusste genau, was Logan meinte– das Wort machte schon die Runde.

»Ich glaub, Sie kennen das Gewäsch.«

»Was für Gewäsch, Tommie? Genauer bitte.«

»Über einen gewissen… irgendwen, den man da draußen gesehen haben will.«

»Sag den Namen, Tommie.«

»Iss doch bloß dummes Gelaber.«

»Sag ihn.«

»Iss nurn Name, Mr Hartnett.«

»Sag ihn, Tom.«

Der Wirt warf einen hastigen Blick in die Runde, mit den Nerven am Ende.

»Der Gant Broderick«, sagte er dann.

Logan erschauderte, kleinmädchenhaft, um sich über den Namen lustig zu machen, und hieb mit den Fingern einen schnellen Trommelwirbel auf den Tresen.

»Erst die Cusacks, jetzt der Gant«, sagte er. »Muss in einem früheren Leben ja verdammt viel falsch gemacht haben, Tom, oder?«

Tommie der Wirt seufzte lächelnd.

»Vielleicht auch in diesem, Mr Aitsch?«

»Mutig, Tommie. Echt mutig.«

Tommie tat’s leichthin ab.

»Is der olle Schiss noch da, Sir?«

»Oh ja, Tommie, der Schiss ist noch da.«

Der Wirt hängte sein Wischtuch an den Nagel und pfiff vor sich hin, ein kläglicher Versuch, locker zu tun. Ob Tommie wollte oder nicht, man konnte an seinem Gesicht jedes Gefühl ablesen, das seinen Gästen zu schaffen machte, all die Ahnungen und Ängste, die im Raum um sich griffen. Schon oft war Tommie von Logan als Stimmungsbarometer für die Befindlichkeiten im Volk genutzt worden, gerade weil Bohane manchmal verdammt knifflig zu deuten war. Der Name der Stadt verrät einen widersprüchlichen Ort, eine Insel gar, und wir alle neigen fraglos zu Anfällen von Wut und Ekstase, wodurch wir ziemlich schwer zu deuten sind. Der Wirt trippelte nervös mit den Zehen aufs Parkett und beschloss, es munter anzugehen.

»Nun, was darf ich Ihnen Gutes bringen, Mr Hartnett?«

Logan dachte einen Moment nach und ließ den Blick zur Decke wandern, wo der Ventilator stoisch blauen Rauch zerteilte.

»Bring mir ein Dutzend von deinen Austern«, sagte er, »und schenk mir dazu reichlich vom John Jameson ein.«

Mit einem Kopfnicken deutete der Wirt seine Zustimmung an.

»Kein Grund, jetzt Abstriche zu machen, Mr Hartnett.«

»Nein, Tommie. Ebenso gut können wir die Stunde zum Anlass nehmen, uns über das Getier der Felder zu erheben.«

Mit wildem, trotzigem Kreischen nahm Bohanes Hochbahn die letzte Kehre zur De Valera Street, schoss durch die Schlängelkurve, die Zugfenster ein verschwommenes Gelb auf dieser Schussfahrt nach Downtown. Verlassen lag die Shoppingmeile an diesem windstillen Morgen, und Ruhe herrschte auch in dem Waggon, in dem der Gant saß. Ihm gegenüber hockten nur zwei flennende Huren– Norrie-Girls, was der katzenhafte Schwung ihrer Wangenknochen verriet–, und weiter hinten hing ein Besoffener in versiffter Beamtenuniform ab. In diesen letzten Augenblicken vor der Dämmerung ist der El-Train schon immer trostlos gewesen– wenigstens das hatte sich nicht verändert. Sein Kreischen der gequälte Laut einer verlorenen Seele. Lag man irgendwo im Bett, einsam, poetischen Gedanken hingegeben, fuhr einem dies Kreischen durch Mark und Bein. Und in Bohane neigen wir durchaus nicht selten zu derartigem Feingefühl. Niemand ist dafür besser geeignet.

Der Gant wischte sich mit dem Rücken seiner großen Hand ein Schweißgerinne von der Braue; er hatte Hände wie Belfaster Spülbecken. Ganz plötzlich war ihm der Schweiß geflossen. Sicher, es war mollig im Zug– die altersklapprigen Heizkörper bibberten wie schwachköpfig unter den Lamellenbänken– und der heiße Brodem überschwemmte ihn mit Gefühl, aber: In diesem Jahr hatte den Gant auch ein Fieber gepackt. Mit heiserem, üblem Brennen stieg ein ätzender Geschmack von geraubter Jugend in seiner Kehle auf, und der Gant begann im gelben Licht der Hochbahn zu zittern. Doch flogen vertraute Straßen vorüber, während die Hochbahn dahindonnerte, und ohne jede Vorwarnung wich der Schmerz der Erinnerung einem Glücksgefühl– er war zurück!–, und mit einem Mal strahlte der Gant verzückt, sog die klamme Luft ein und begann, den Huren zu lauschen.

»Scheiße nee, ich schwör, ich hab für den verschissenen Laberarsch echt was übrig gehabt!«, flennte die eine.

»Dabei war er voll der Drecksack, wennema ehrlich biss«, tröstete die andere. »Checkste nich? Der Schisser hat doch nirgendwo nie inner Stadt was anbrennen lassen und dich total wie ne blöde Tusse behandelt.«

Er war wieder unter den Stimmen dieser Stadt, und ihr Rhythmus war es, der den Ansturm seiner Gedanken dämpfte. Durch der Moore Dunkelheit war er von der Großen Nichtsöde herspaziert und froh gewesen, oben bei den Hochhäusern auf den El-Train aufspringen, sich setzen und das Gewicht von den Füßen nehmen zu können. Der Gant lebte wieder diesseits des Großen Nichts; der Gant war endlich zurück in der Schöpfung, in der Welt von Bohane.

Am anderen Ende des Waggons sah er den Beamten in seinem beduselten Halbschlaf, wie ihm was Trauriges über die Lippen kam, bestimmt der Name einer Frau– ob sie auch so grün, so trägäugig war wie Gants verlorene Liebe?–, und schon entblätterte sich die Stadt, Bild um Bild, während der El-Train die De Valera entlangkreischte: hier ein verrammelter Laden, da der Sockel eines Kriegerdenkmals, dort Reklame für eine Gichtkur und eine ach so schaurige Möwe auf dem Laternenpfosten.

Der Morgen setzte sich gegen das Zwielicht der Straßenlampen durch, die in eben jenem Moment gelöscht wurden, in dem der El kreischend in die Endstation einfuhr. Der Zug blieb an seinem Halteplatz stehen– der Aufprall auf die Gummiproppen des Prellbocks hieß, man war zu Hause, hieß, man war im wahren Bohane angelangt–, der beißende Dieselqualm senkte sich und verflog.

Er ließ die Klunten und den Besoffenen vor sich aussteigen. Der Gant, der dann den Zug verließ, war von leicht fülliger Figur, rot im Gesicht, aber doch jemand mit einem für seine Größe eleganten Gang. Ein unwiderstehlicher, wiegender Schritt– ihr wisst schon. Der Gant war eben noch alte Schule.

Die Station heißt offiziell Bohane St. Francis Xavier, aber alle nennen sie nur Yella Hall. Schnüffelnd sog der Gant bei jedem Schritt ihren unverwechselbaren Pesthauch ein. Selbst um kurz nach sechs Uhr früh war in der Halle schon die Hölle los, und das Lärmgetöse wuchs von Moment zu Moment. Verkrüppelte Walnussverkäufer auf grausig bunten Decken über narbigen Fliesen krächzten ihre Preise in die Gegend, die Beinstumpen kunstvoll zur Schau gelegt. Überall der Akzent von Bohane: flach und rauh die Konsonanten, die Vokale ein würziger Singsang, manchmal mit vagem Anklang ans Karibische. Ein alter Mann malträtierte sein Melodion mit einem Lamento über eine lang verflossene Liebe und stand dabei auf einer umgedrehten Apfelsinenkiste mit Stempel Tanger– ein Weg, der ihm noch blieb. Statt einer Lunge muss dieser Methusalem Blasebälge haben, dachte Gant, dabei taumelte der Alte doch eindeutig schon am gähnenden Abgrund der Ewigkeit entlang.

Verkniff sich noch eine Träne, der Gant, denn groß wie er war, war er doch auch zart besaitet, hart, aber sanft.

Die Frühausgabe des Bohane Vorkämpfers war schon da, allerdings mussten die Bündel noch ausgepackt werden, doch der Kioskmann lauschte am Transistorradio mit geschlossenen Augen einer gespenstischen Sonate– um diese Stunde neigte der Selektor beim Freien Radio Bohane zum Klassischen oder auch Melancholischen. Nickte leicht mit dem Kopf, der Kioskmann, als die Geigen einsetzten.

Ach, hier am äußersten Ende der Halbinsel hätten wir wohl am ehesten eine Medaille für unsere Gefühlsseligkeit verdient.

Auf seinem Weg durch die Halle wurden dem Gant die vorüberhuschenden Gesichter wieder vertraut. Gesichter, Stimmen, Bewegungen– sämtliche Signale empfing er klar und deutlich. Sie sagten ihm, dass er zurück war, daheim, und das war schmerzlich und zugleich schön. In jeder Frau, die vorbeikam, suchte er sie, in jedem Mädchen. Er kaufte sich eine Schachtel Kippen bei einer in grünes Ölzeug gehüllten Dame reiferen Jahrgangs: Annie, Urgestein der Szene.

»Drei Schilling… und zwei Penny?«, sagte sie.

Da klang doch eine Frage an, ganz bestimmt, fast, als würde sie ihn wiedererkennen über die toten Jahre hinweg.

»Behalt den Rest, Schätzchen.«

Heiserkeit in der Stimme, sentimental, und der Halbinselakzent noch da, auch nach all den Jahren in der Ferne. Jahre der Trauer, Jahre des Blutes– diesen Gant plagten seine ureigenen Agonien. Liedfetzen aus vergangener Zeit wehten ihn an, und lautlos sang er mit:

I was thinkin’ today of that beaut-i-ful land,

That I’ll see when the su-un goeth down…

Die Huren, die im Zug noch geflennt hatten, liefen nun vor ihm her und hatten sich wieder gefangen. Im Gehen pinselten sie sich aus ihren Schnappklappdosen pudrigen Mut ins Gesicht. Er wusste, das Frühgeschäft mit den ersten Freiern hatte sie nach Smoketown gelockt. Und der Gant sah ihnen nach, wie sie durch Yella Hall gingen. Was für ein Anblick: das schnelle Wippen der knochigen Hintern unterm dünnen Seidenstoff ihrer Minis und diese prachtvollen Waden, so unnachahmlich geformt, weil die Mädels die Hälfte ihres jungen Lebens auf fünfzehn Zentimeter hohen Stöckelabsätzen verbracht hatten. Allein ihr Anblick stimmte ihn wehmütig. Als junger Mann hatte er seinen eigenen Klutenstall geführt, in den Tagen damals, als der Gant in Smoketown noch das Sagen hatte, als er noch in der ganzen Stadt den Ton angab.

Der Gant habe in der Stadt für Ordnung gesorgt, heißt es in Bohane.

Am Haupteingang zur Yella Hall blieb er stehen, um sich einen Schuss Joe zu gönnen, meisterlich kredenzt von einem Zwerg aus seinem fahrbaren Käffchenstand. Fasziniert sah der Gant zu, wie der Zwerg das Pulver glattklopfte, den Hebel der alten Gaggia schwenkte und eine winzige weiße Tasse so hinstellte, dass sie den Strahl auffing. Selbst der Zwerg wirkte vertraut– zerfurchte, niedrige Stirn, Boxernase, seltsam sinnliche Lippen. Der Gant hätte schwören mögen, dass früher der Vater von jenem Zwerg die Lizenz für diesen Chromwagen gehabt hatte. So reiht sich in Bohane eine Generation an die andere. Er trank seinen Joe mit einem Schluck, und ein Schauder schüttelte ihn. Dann dankte er dem Zwerg, zahlte und genoss, wie der bittere Kaffeegeschmack seine Brauen hochschnellen ließ, während er hinaus in diesen erwachenden Oktobermorgen blickte. Die Möwen über dem Hafenpflaster drehten völlig ab.

Möwen sind natürlich immer gaga. Das wird ja oft gesagt. Allein der irre Blick in den Augen und das unübersetzbar Böse in ihrem Gekreisch, wenn sie im Sturzflug über die Straßen düsen. Die Möwen von Bohane sind jedenfalls ein Haufen ignoranter Schisser. Erhatte sie schrecklich vermisst und musste laut lachen, als sie von den Morgenböen über den Himmel gewirbelt wurden, dennoch drehte sich kein Mensch nach ihm um– in Yella Hall gab es selbst zuden unmöglichsten Zeiten jede Menge durchgeknallter Windbeutel.

Der Gant machte sich auf den Weg zur Smoketown-Fußgängerbrücke. Er fischte ein Blatt Papier aus seiner Tasche, faltete es auf und sah eine Handschrift, die sich in all den Jahren kaum verändert hatte– immer noch diese großen, nervösen, kindlichen Buchstaben–, Gekritzel, das folgende Worte ergab:

Ho Pi-Pi Ching Oh-Kay Koffi Shoppi.

Da war der Gant mit einem kleinen Mädchen verabredet. Und es war ein guter Zeitpunkt für ihr Tête-à-Tête, denn in der Menge würde er nicht auffallen. Um diese Vormittagsstunde war Smoketown schwarz vor Leuten, das wusste er. Die Spätschichten der Schlachthöfe und Brauereien gingen gerade erst zu Ende. Bohane handelt mit Würstchen, und Bohane handelt mit Bier. Wir leben in den hohen fünfziger Breitengraden, die Winter sind hart; wir brauchen das innere Feuer, wie es reine Fleischdiäten und reichlich Bier für uns entfachen. In den Fabriken wird rund um die Uhr malocht, und es ist guter Brauch, nach der Nachtschicht in Smoketown kurz auf den Putz zu hauen. Im Morgendunst sind die Destillenjungs noch ganz traumäugig vom Hopfenqualm, und die Schlachterboys haben alle silbrigen Schattennuancen der Nacht bis zu den Achseln in Tierkadavern verbracht und die Waggons mit Fleisch für die Metzgertresen im Gewölbemarkt in der Trace bestückt, Waggons, die jetzt übers glitschige Pflaster mit ihrer blutigen Ladung rollten:

Seht die abgezogenen Schafsköpfe und die saftigen, sehnigen Schweineschinken, die blitzenden Tabletts mit Leber und Milz, Lungen und Zungen, Nieren und falschem Filet– übermäßig fleischversessen würden wir alles essen, wir hier in Bohane.

Die Morgenkühle ließ den Gant die breiten Schultern einziehen. In tiefem Bass driftete das Muhen zum Tod verurteilten Viehs durch die Luft– unsere Schlachthöfe liegen entlang der Kais. Der Gant schritt über die Gosse, randvoll mit Strömen frischen Blutes.

Wie, dachte er, wollte man in einer solchen Stadt von Menschen erwarten, dass sie anständig blieben?

Er hielt den Kopf gesenkt und versuchte, sich kein allzu romantisches Bild von der Stadt zu machen, schließlich hatte er was zu erledigen. Sein Gesicht gehörte zu denen, die ihr Alter ebenso oft verraten, wie sie es vergessen lassen. Manchmal sah man den Jungen in ihm, manchmal einen alten Mann. Seine Körpersäfte waren in Aufruhr– höchste Zeit für einen gehörigen Aderlass. Zu oft schwankten seine Stimmungen. Er musste ein Auge drauf haben. Immerhin hatte er in einer braunen Tüte eine Buddel Vino dabei. Er schraubte sie auf und nahm einen Schluck, gönnte sich einen Spritzer Leben– pure Medizin. Im Gant floss Gitanoblut, klar doch– allein sein Name deutete auf alten Zigeuneradel hin–, und in dieser Stadt kursiert in den meisten von uns Gitanosaft. Riskier nur eine Pupille auf unsere alte Latschpose– diese hängeschultrige Haltung, der kämpferische Schritt, die verhangenen, haselnussbraunen Augen; Offiziersmaterial sind wir jedenfalls nicht. Nahm man sich die Gitanos zum Maß, war der Gant ein alter Sack; fünfzig Jahre auf dem Weg zum Paradies hatte er schon hinter sich.

Und rücksichtslos taumelte das Leben weiter.

All die rotgesichtigen Burschen gingen glucksend zu zweit, glücklich zu dritt in Richtung Fußgängerbrücke. Meist sind diese Gentlemen von Bohane breitärschig und untersetzt, von jener Sorte also, die kaum was umhauen kann. Smoketown ist ihr ödes Paradies. Und es gibt da eine Redewendung für einen Mann im moralischen Niedergang:

Der Typ, sagen wir, ist unterwegs zur Fußgängerbrücke nach Smoketown.

Es ist eine Buckelbrücke aus Nichtsöder Kalkstein. Oben, in ihrer Mitte, hoch überm schwarzen Fluss, blickte der Gant in die schwindelerregenden Fluten des Bohane und ging dann weiter, hinab nach Smoketown. Zu jedem unserer Bezirke gehört eine besondere Empfindung, eine Kennungsmelodie, und er spürte das flaue Gefühl im Bauch, der Seele Besinnungslosigkeit, vernahm den Misston, der mit dem Betreten dieser Gegend erklingt.

Smoketown breitete vor ihm die Groghöhlen aus, die Nudelpfannen und die Salons für Kitzelfußmassagen. Die lausigen Kaschemmen und Fetischstudios, die Fixerstuben, Stoßbuden und Wettbüros. Alles zusammengedrängt auf engstem Raum in windschiefen Gassen. Aus dem herrlichen Wirrwarr ragten die schwankenden alten Schornsteine in den Morgenhimmel, vertraute Gesichter verstopften die Straßen im frühen Licht. Dem Gant war gleich, als wäre er nie fort gewesen. Vielleicht kriegte er den Dreh für diese Gegend noch raus. Womöglich konnte ihm die kleine Ching ein paar Tipps geben.

Ein rascher Blick über die Schulter sagte ihm– in seinem Zustandreagierte er instinktiv–, dass sich der Beamte aus dem El-Train, wieder nüchtern geworden, nun auf seiner Fährte befand. Man nahm also Notiz von ihm– und der Gant schalt sich, weil er derart in Gedanken gewesen war. Wie naiv! Dass er beschattet wurde, registrierte er allerdings auch mit Erleichterung, hieß dies doch, dass sein Name noch was bedeutete. Der Gant blieb stehen, lehnte sich an die Wand einer Groghöhle und sah, wie der Beamte ebenfalls innehielt, um wie beiläufig einen Stapel schlüpfriger Postkarten zu betrachten.

Um ihn loszuwerden, betrat der Gant eine Stoßbude und roch den vertrautesten aller Smoketown-Düfte– das uralte Gemisch aus Nesselsalbe, Nichtsöder Hasch und Billigparfüm.

Einer stirnrunzelnden Puffmutter entrichtete er seinen Tribut, ging rauf zu den Kabuffs und verbrachte auf der Binsenmatte eine Weile mit einem Norrie-Girl, wenn auch ohne sich zu verausgaben.

»Bist du einsam?«, fragte sie.

»Ich bin so einsam, ich möchte mir das verdammte Hirn rausreißen«, antwortete er, und sie lachte und zündete ihm einen Spliff an.

»Bist ein niedlicher kleiner Fratz«, sagte er und nahm einen tiefen Zug.

»Willste noch einen Versuch?«, fragte sie.

Als er später wieder auf die Straße trat, war der Beamte nirgendwo mehr zu sehen, und der Gant ging zum Ho Pi-Pi. Die Stadt leuchtete jetzt im Licht des neuen Tages; die Skyline dräute im Schatten, doch war, was außerhalb und jenseits lag, das wusste der Gant, unser Problem und unser Fluch.

Jenseits erstreckte sich die Große Nichtsöde.

Sitz der Hartnetts war ein Beauvista-Protzhaus im gotischen Stil, eindüsterer, wuchtiger alter Klotz, nichts als Kanten und Kaminzüge. Die schlanken, hohen Fenster waren bleiverglast und schauten vorwurfsvoll drein, die Giebel efeuumrankt, das Mauerwerk sauber verfugt und honiggelb, ein Farbton, der erst vor dem Blau dieses späten Oktobermorgens voll zur Geltung kam. Lotrecht hockte der Bau am Ende einer Reihe griesgrämiger Herrschaftshäuser und bildete mit ihnen eine baumbestandene Avenue am oberen Rand des Beauvista-Steilhangs. Bohanes High Snobiety hatte ihre Beauvista-Residenzen mit dem Rücken zur Stadt errichtet– obwohl man Letzterer das Geld abgeschröpft hatte, mit dem sie erbaut worden waren–, nur Logan Hartnett und seine Frau, beide gebürtig aus der Trace, hatten eine von Schornsteinen beschattete Dachterrasse anlegen lassen, von der aus der Blick über den weiten Talkessel der Stadt schweifte, fast, als sehnten sie sich danach zurück. Sie verbrachten jede Menge Zeit dort oben.

Welch ein Augenschmaus im Morgenlicht, die beiden– so elegant und kinderlos.

Logan saß am schmiedeeisernen Tisch. Er trug hochgeschnürte, ochsenblutrote Stiefel, dazu eine rauchgraue Knitterhose und schmale Lederträger über hellblauem Hemd. Daheim gab er sich gern besonnen, wärmte die Hände an einer Schale Tee und musterte seine Frau.

»Na, Mädchen, geht’s ab in die Stadt?«

»Warum willst du das wissen?«

»Ist doch nur eine einfache Frage, Macu.«

»Du willst aber auch über jede Scheißminute meines Tages genau Bescheid wissen, was?«

Macu, kurz für Immaculata, ihr Blick aus den Augenwinkeln eine iberische Feuerlohe. Macus Vater war Portugiese von einem in der Schöpfung gestrandeten Fischerboot gewesen. Er hatte in der Trace geheiratet, und Macu war von dunkler Haut und gertenschlank; sie besaß eine anmutige Art, sich zu bewegen, und Trauer schien ihr angeboren. Eines ihrer Augen war halb nach innen gedreht, was sie fast noch hübscher machte.

»Ich frage ja nur, ob du in die Stadt gehst.«

»Lässt sich wohl kaum vermeiden.«

»Und wen triffst du da?«

Zum Schutz vor der morgendlichen Kühle trug sie eine ärmelloseFuchsfelljacke, während sie mit der Gartenschere die wandkletternden Rosen beschnitt. Seine Frage ignorierte sie. Manchmal konnte sie allein schon den Gedanken an ihn erdolchen, ein Hieb direkt zwischen die Schulterblätter– spür den süßen Biss, jeden Zoll des zwanzig Zentimeter langen Bohaner Schächders. Aber Logans Schlitzohrigkeit wusste sie noch immer zu besänftigen.

Die säuerliche Kräuterschärfe des Tees ließ ihn zusammenzucken. Macu trat an den Tisch und schenkte sich selber ein. Sie hatte das Gebräu ziehen lassen, bis es braun wie alte Stiefel war.

»Brennnesseln«, sagte sie.

»Mal was Neues«, sagte er. »Keine Chance auf einen anständigen Joe in diesem Haus, oder?«

»Ist gut für die Nieren.«

»Wie beruhigend.«

Allem Anschein nach hatte er kaum geschlafen, aber das war nichts Neues. Ein, zwei Stunden, mehr nicht, dann war Logan Hartnett wieder wach für die Stadt. Die dunklen Ringe um die Augen betonten seine Hagerkeit, und die, behauptete er, betone wiederum bloß seinen verkommenen Charme. Macu widersprach jedes Mal, glaubte ihm aber doch irgendwie.

»Muss selbst auch bald hin«, sagte er.

»Ohne dich bricht ja auch alles zusammen.«

Unten in Bohane ging es jahreszeitlich friedlich zu. Immer gab es diese schönen Tage im Oktober, an denen für kurze Zeit– immerhin– der Eindruck von Ruhe einkehrte. Kirchenglocken läuteten und schienen die schläfrige Beschaulichkeit des Morgens eher noch zu betonen, als zu stören.

»Hab schließlich Feinde, mit denen ich reden muss.«

»Die hast du doch immer«, sagte sie. »Die Fancy, die Fancy…«

Der letzte Morgen im Jahr, an dem es warm genug war, draußen in der Sonne zu sitzen. Logan nippte an seinem Tee. Ihm machte was zu schaffen, ein Splitter, von irgendwo, was ihr gefiel, und sie wusste, sie durfte nicht dran rühren, ihn nicht bedrängen. Er würde schon früh genug damit rausrücken.

»Gehst du zu Girly?«

Er seufzte.

»Ach, ich denke, ich schau vorbei.«

Girly Hartnett, die Mutter, war neunundachtzig Jahre alt und bei unverschämt guter Gesundheit. Sie war der heißeste Feger, den dieTrace je gesehen hatte, residierte mittlerweile aber im obersten Stock des Bohane Arms Hotel. Seit Jahrzehnten waren die Vorhänge nicht mehr aufgezogen worden.

»Gib ihr einen Kuss von mir«, sagte sie.

»Auf den wird sie auch gerade warten.«

Es war angenehm, die Hand auf ihren flachen Bauch zu legen. Sie fand, sie hatte sich gut gehalten, im Großen und Ganzen. Logan behauptete immer, sie könne zwischen ihren Schenkeln eine Walnuss knacken. Er betrachtete sie mit zusammengekniffenen Augen. Im Morgenlicht wirkte ihre Haut fast durchsichtig. Macu merkte, dass er kurz davor war, ihr sein Problem anzuvertrauen.

»Und?«, fragte sie.

Er lächelte, weil sie ihn las wie ein offenes Buch.

»Ist sicher bloß Gerede.«

»Gerede ist das Fundament der Stadt, Logan. Worum geht’s denn diesmal?«

»Es heißt, der Gant sei zurück.«

Darauf war sie nicht vorbereitet.

»Gant Broderick?«

»Kennst du sonst wen, der Gant heißt?«

Sie gab sich Mühe, gelassen zu klingen.

»Wer sagt so was?«

»Das Gerücht macht überall die Runde, in den Gassen und Kaschemmen. Es heißt, er sei aus der Nichtsöde zurück.«

»Gequirlte Scheiße.«

»Sicher.«

Als der Gant in Bohane noch den Ton angab, war Macu an seiner Seite gewesen.

Ihrem Vater hatte es in Bohane gefallen– besaß eben so seine Anziehungskraft, dieser Ort, ein Blick, und man sehnte sich ewig danach zurück. Er hatte in der De Valera Street eine Bar aufgemacht, nannte sie Café Aliados nach einem Platz in seiner Heimatstadt. Heiratete, und ein Mädchen wurde geboren. Die Kleine brachte ein bisschen Jugend zurück, ein spätes Leuchten in seinem Leben. Im Laufe der Jahre wurde das Aliados zur Stammkneipe der Back Trace Fancy. Schwer für einen Fancy-Boy, die scharfe Braut zu übersehen, die an der Joe-Maschine hantierte, das Bier abstrich, die Unterteller mit Kürbiskernen verteilte. Sicher, sie hatte einen Pinselstrich mit der Teerbürste abgekriegt, war aber Bohane bis auf die Knochen, war Bohane mit ihrem scharfen Blick und der noch schärferen Zunge.

Der Bohane-Makel war dunkler als Blut.

»Machst du dir Sorgen?«

Er blickte sie an, freimütig, zuckte die Achseln und wandte sich wieder der Morgensonne zu.

»Wäre was Wahres dran«, sagte er, »wäre das Timing nicht so ausgebufft.«

»Warum?«

»Die Cusacks drehen gerade voll ab, Mädchen. Muss mit planlosen Attacken von allen Scheißseiten rechnen.«

»Ist doch der ganze Spaß in dem Leben, das du dir ausgesucht hast, Logan.«

»Das wir uns ausgesucht haben, oder nicht?«

Er würde sie nicht direkt fragen, was sie über die Rückkehr des Gant dachte. Selbst in der längsten Ehe gibt es Themen, die allzu heikel sind. Der Gant war fünfundzwanzig Jahre nicht in Bohane gewesen.

Es war der Morgen, an dem sie die Topfpflanzen von der Dachterrasse hereinholte– schon bald würde der Hartwind kräftiger werden. Sie machte sich ans Werk, als ob sie sonst nichts kümmerte, bloß wich sie ihm aus und hielt den Blick gesenkt.

Ihr Verstand raste, ihr Herz hämmerte.

Das dunkle Grün und Blau ihrer Kannenpflanzen murmelten ihr leise in der Morgensonne zu.

Auf der anderen Seite des Talkessels, direkt gegenüber von Beauvista, breitet sich die Ödnis der Northside Rises aus. Im Laufe der Zeit hatten sich die Ur-Bohaner für die schmalen Gassen der Back Trace allzu zahlreich vermehrt– lange Winter, dunkle Nächte, romantische Gemüter–, weshalb man auf den Hügeln Wohnblöcke für den Überschuss errichtet hatte. Geht man nur weit genug zurück, sind eigentlich alle Clans der Trace und der Rises blutsverwandt, was wohl auch das Ausmaß ihrer gegenseitigen Verbitterung erklärte.

Die Rises sind ein trostloser, erbärmlicher Ort, an dem ein brutaler Wind weht. Übers Leben in windigen Gegenden wurde bislang übrigens viel zu wenig geschrieben. Bläst ein Wind derart gewaltig wie der Nichtsöder Hartwind, und das fast neunundvierzig Wochen im Jahr, hat das nicht allein körperliche, sondern auch… philosophische Auswirkungen. Bei solch einem Wind nämlich wird es schwierig, festen Zugriff auf die eigenen Gedanken zu wahren. Der Verstand wird vom ständigen Wind aus der Spur gepustet. Resultat ist ein unruhiges, temperamentvolles Völkchen mit einem Hang zu überraschender Logik. Aber so waren (und sind) sie nun mal, die Leute von den Northside Rises.

Doch an diesem besonderen Mittag, als Old Boy Mannion graziös durch die tristen Avenuen der Norrie-Lande kanterte, herrschte noch Oktoberflaute. Auf beiden Seiten der Straßen waren die Wohnsilos in trostlosen Halbkreisen angeordnet, hier oder da hüpfte ein Kind von einem toten Strommast, und Hunde streiften in nervösen Rudeln umher, meist aber herrschte Stille, denn die Rises sind von Natur aus ein Ort der Nacht.

Old Boy, an die siebzig, kleidete sich deutlich jünger. Er trug ein Paar Sagger, dazu hochgeschnürte Stiefel mit Klackerhacken, Samtweste und einen altmodischen Farmerhut, ludenhaft keck schief aufgesetzt. Old Boy hatte Connections überall in der Stadt– er war Bohanes Unterhändler und nahm ebenso locker zu einem Pow-Wow im Salon einer Beauvista-Villa Platz, wie er sich zu einem Treffen in die Mietskasernen der Rises begab. Teuflisch wenig regte sich in der Trace, wovon er nichts wusste, auch nicht auf der anderen Seite der Smoketown-Fußgängerbrücke. Er pflegte einen ebenso gutgelaunten High-Five-Umgang mit den Anzugträgern des Geschäftsviertels– diesen unbekümmerten, übergewichtigen Jungs aus der Endeavour Avenue unten in Bohanes Neustadt–, wie er denignorantesten Knollenfressern der Nichtsöde ein Ohr abkauen konnte. Old Boy Mannions Kehle war ein wahres Wunderwerk. Dank ihr konnte er präzise Stimme und Sprachmelodie von jedwedem imitieren, mit dem er sich gerade unterhielt, bewahrte dabei aber stets einen warmen, beruhigenden Tonfall. Hörte man ihn auf der Endeavour, mochte man schwören, er besäße Anteile an Bohanes First Commercial Bank; hörte man ihn in der Nichtsöde, mochte man meinen, er käme direkt aus dem Torf.

Geraderaus gesagt: Old Boy war politisch.

Er näherte sich jetzt dem Halbkreis der Betonsilos des Cusack-Mobs. Auf dem verkümmerten Grün vor den Gebäuden erwartete ihn ein Gentleman namens Eyes Cusack, der grübelnd an einen ausgebrannten Generatorschuppen lehnte und rauchte. Old Boy nahm er zur Kenntnis, indem er die Kippe fallen ließ und in die Erde trat, dann umarmten sich die Herren, mannhaft und kurz.

»Wie geht’s, wie steht’s?«, fragte Old Boy.

Eyes hieß aus gutem Grund so. Er sah die Stadt wie durch winzige Rauchlöcher, tief versunken in seinem breiten, haferschleimigen Gesicht.

»Einem vonne Jungs ragt nen Zwanzig-Zentimeter-Schächder ausse Rippen«, sagte er. »Smoketown.«

»Stimmt, hab gehört, was passiert ist«, sagte Old Boy. »Kommt der Junge durch, Eyes?«

»Na, schwingt ne Weile wohl kein Tanzbein nich. Iss auch nochn Neffe, Mr Mannion. Iss der Junge von meim Bro, klar? Iss Blut von meinem Blut, sag ich. Mein Bro dreht völlig rund, und seine Missus wirft sich die Tränenkillleiser ein als wärns Billibonbons, checkste das?«

Er war stämmig und kahl, Eyes Cusack, und er trug Monclerweste, Trainingshose, Boxerstiefel– in dieser Saison das Standardoutfit der harten Rises-Boys–, außerdem hatte er sich einen unsäglichen Calypso-Schnäuzer wachsen lassen.

»Ich sag, lass langsam angehen, Eyes, halt für ein, zwei Züge die Luft an, wenn’s noch geht.«

Der Mannion wählte einen tiefen Ton, was besänftigen sollte, aber keine Wirkung zeigte– Eyes war auf Rache aus.

»Iss nich der Lange, dem ein Junge gemessert wurde, Mr Mannion, unn er muss wissen, dass so was nich schön ausgeht.«

Old Boy nickte verständnisvoll, lehnte sich mit Eyes Cusack an den Generatorschuppen, und gemeinsam blickten sie über die seufzende Stadt.

»Herrscht schon ziemlich lang Friede in Bohane«, sagte Old Boy. »Wär doch voll nuttig, wenn’s damit zu Ende geht.«

»Ich wars nich, der seinen Schächder versenkt hat.«

»Okay, okay, aber du weißt schon, dass Hartnett den Handel in Smoketown unter sich hat.«

»Sweet Baba Jay hat ihms Recht dazu verliehn, nich?«

Old Boy hob die Brauen.

»Lass uns Sweet Baba nicht ins Spiel bringen, noch nicht«, sagte er.

Mit bitterleichtem Schulterschwung stieß Eyes sich vom Schuppen ab, um Old Boy direkt in die Augen zu sehen.

»Ich will, dasse ihm was sags, und zwar fix, klar?«

»Nu red.«

»Will, dasser weiß, ich hab die Blocks hinter mir. Hab Leute in jedem Halbrund. Hab die MacNeices, die Kavanaghs und die Heaneys. Will, dasser er weiß, ohne Wiedergutmachung geht’s nich. Ein unschuldiger Junge gemessert, klar?«

»Ach, Eyes, es wird keine…«