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Helen flüchtet sich nach dem Tod ihrer Mutter in ihre Träume, um dort nach Domaris zu suchen, ihrem Ort der Ruhe, an dem ein alter Baum steht, der ihr Geborgenheit schenken soll. Doch ihre Träume entwickeln sich immer mehr zu Albträumen aus der Vergangenheit. Dabei verlässt sie zusehends die Realität, ihren Mann und ihre Tochter und begibt sich mit Hilfe von Medikamenten auf eine Traumreise, die etwas Dunkles hervorbringt, dass in ihr Leben drängt. Am Ende ist sie in Domaris gefangen und etwas Anderes erwacht.
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Seitenzahl: 132
Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
Tabitha Landis
Dunkle Träume
Domaris
www.tredition.de
© 2015 Tabitha Landis
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7323-5229-6
Hardcover:
978-3-7323-5230-2
e-Book:
978-3-7323-5231-9
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
DUNKLE TRAEUME
Dunkel, es war einfach nur dunkel
Müde drehte sie den Kopf, um auf die Ziffern des Radíoweckers zu schauen, der neben ihr auf dem Nachttisch stand.
00.30 Uhr glotzte es ihr in einem schrillen Rot entgegen.
Helen seufzte, gerade mal eine Stunde hatte sie geschlafen und nun war sie wieder wach, hellwach.
Sie versuchte, sich auf ihren letzten Traum zu konzentrieren. Ein Traum, der in Abständen immer wieder kam, aber die Erinnerung daran fiel ihr schwer, nur einzelne Bruchstücke in schwarz-weißen Bildern waren ihr im Gedächtnis geblieben.
Unruhig wälzte sie sich hin und her.
Jetzt bloß nicht in Panik verfallen, nur weil ihr wieder eine weitere schlaflose Nacht bevorstand. Schließlich vergingen noch einige Stunden bis zum Morgen, sie hatte noch genügend Zeit, um Schlaf zu finden.
Neben ihr drehte sich Mark, ihr Ehemann, auf die andere Seite. Seinem tiefen Atmen entnahm sie, dass er sich bereits in der Tiefschlafphase befand.
In diesen Momenten hasste sie ihn.
Warum konnte er seine Probleme, wenn er denn überhaupt welche hatte, in der Nacht beiseiteschieben, verdrängen und erholsamen Schlaf finden?
Wieso hatte nur sie aufreibende Gedanken, diese Unruhe und die ständige Anspannung?
Zornig rollte sie sich auf die andere Seite und presste sich ihr Kopfkissen ans Gesicht.
Dann fing es wieder an: Ihr rechtes Bein wollte keine Ruhe geben, unruhig zuckte es auf und ab, blieb nicht dort liegen, wo es eigentlich ruhen sollte.
Sie presste fest die Lippen aufeinander.
Diesmal nicht, dieses Mal wollte sie dem Teufelskreis entrinnen, der es ihr unmöglich machte, einzuschlafen.
Sie versuchte sich schwer zu machen, sich auf eine Stelle in ihrer Körpermitte zu konzentrieren.
Schwer, schwer, schwe beschwor sie innerlich ihre Beine, aber das zuckende Bein hielt nichts von ihren Beschwörungsformeln und zuckte unbeeindruckt weiter.
Sie seufzte ergeben, drehte sich auf den Rücken und wartete ab.
Sie brauchte nicht lange zu warten, erst begann es am Kopf. Ein leichtes Jucken, das schon bald stärker, intensiver wurde.
Nicht kratzen, dann wird es nur schlimmer!
Dann breitete sich der Juckreiz langsam am ganzen Körper aus, an der Hüfte, den Oberschenkeln, sogar auf den Füßen erreichte sie das verhasste Jucken. Unwillkürlich bäumte sie sich auf, unfähig dem Verlangen Abhilfe zu verschaffen.
Ihre Hände suchten wie von selbst die gepeinigten Stellen und kratzen, kratzten, kratzten………
Wie in Trance suchten ihre Finger in der Dunkelheit auf der Kommode neben ihrem Bett und wurden schnell fündig.
Tropfen, Kapseln, Tabletten - alles stand wohlgeordnet und griffbereit nebeneinander.
Was sollte ihr diese Nacht weiterhelfen?
Sie entschied sich diesmal für die Tropfen, schraubte sorgfältig das Fläschchen auf und ließ sich die bittere Flüssigkeit, die ihr zum Schlaf verhelfen sollte, auf die Zunge tropfen.
Zehn, zwanzig oder dreißig Tropfen, mittlerweile hatte sie das genaue Zählen aufgegeben, sondern achtete nur darauf, dass sich die gewohnte Ansammlung an Flüssigkeit in ihrem Mund befand.
Geduldig wartete sie mit geschlossenen Augen auf die medikamentöse Wirkung, die ihr, wie sie immer wieder hoffte, die nötige Schwere und Ruhe bescheren sollte.
Erleichtert verspürte sie nach einiger Zeit, wie sie die Dunkelheit wie ein warmer schwerer Mantel umarmte, der ihr Trost und Geborgenheit schenkte.
Nur ein Traum
Grelles buntes Licht zuckt in Stakkatointervallen auf, Rauch wabert aus scheinbar heißen Quellen vom Boden hoch, ein Raunen und Zischen hängt in der Luft.
Eine Luft, die geschwängert ist von Rauch und Gasen, die das Atmen erschweren. Hilflos blickt sie sich um, versucht sich zu orientieren und ihren Aufenthaltsort zu lokalisieren.
Aus der Ferne hört sie ein Brummen, fast schon sehnsüchtig erscheint ihr das Geräusch.
Hilflos stolpert sie dem Ursprung des Geräusches entgegen, fast blind im Rauch und immer wieder stolpernd über Unebenheiten, die willkürlich aus dem Boden zu wachsen scheinen.
Und plötzlich hat sie das Gefühl, dass der Untergrund, auf dem sie unsicher Standfestigkeit sucht, unter ihren Füßen nachgibt. Er wird zunehmend instabiler, fast wie Gummi, und macht ihr das Laufen darauf immer schwerer.
Hilflos mit den Armen rudernd blickt sie nach unten.
Was sie dort erblickt, lässt sie unwillkürlich die Luft anhalten, um sie im selben Moment mit einem unterdrückten Schrei wieder auszustoßen.
Aus der gummiartigen Masse formen sich Gliedmaßen, die beinahe wie menschliche Hände aussehen.
Sie erschauert bei dem Anblick konturloser Gesichter, aus denen ihr ein einzelnes großes Auge entgegen starrt.
Verzweifelt versucht sie vorwärts zu kommen, weg von diesem unheilvollen Ort und dieser Masse, die immer stärker versucht, sie in sich hineinzuziehen.
Das Raunen und Zischen wird lauter und dröhnt schmerzhaft in ihren Ohren, übertönt dabei das Brummen, zu dem sie sich so hingezogen gefühlt hat.
Mit aller Kraft stemmt sie sich gegen den Sog an ihren Füßen und versucht vorwärts zu kommen.
Würde sie wieder nach unten schauen, dann hätte sie ihr Mut bereits verlassen, und sie hätte sich in ihr Schicksal ergeben. So aber bleibt ihr der Anblick der Münder erspart, die sich in den Gesichtern entwickelt haben und wie riesige Trichter versuchen, alles in sich hinein zu saugen.
Schreiend und wild um sich schlagend kämpft sie sich vorwärts, um endlich an ihr Ziel zu gelangen: eine andere freundliche Welt, die sie sich in ihren Vorstellungen erschaffen hat und die hinter einer imaginären Grenzlinie liegt.
Das Brummen hat mittlerweile aufgehört, dafür ist das Blätterrauschen mächtiger Bäume zu hören. Die Luft ist erfüllt von Düften, die nach Ruhe und Geborgenheit riechen. Erschöpft lehnt sie sich an den Stamm eines Baumes und lässt die Gefühle und den Trost, die dieser alte Baum in ihr auslösen, auf sich einwirken. “Domaris”, flüstert sie erleichtert.
Zurück in der Wirklichkeit
“Mama, Mama!”
Jemand rüttelte an ihrer Schulter.
“Du musst aufstehen und mir Frühstück machen!”
Stöhnend drehte sie sich auf den Rücken und öffnete vorsichtig die Augen mit Lidern, die schwer und verklebt sind.
Am Bettrand stand ihre Tochter Yasmin und blickte sie fordernd an.
“ Na endlich, ich dachte schon, du würdest überhaupt nicht mehr aufwachen. Ich muss gleich zur Schule und hab noch kein Frühstück. Würdest du bitte mal aufstehen?!”
Unter Schmerzen richtete sie sich auf und setzte sich auf die Bettkante. Ihr Kopf dröhnte vor Kopfschmerzen, und eine leichte Übelkeit machte sich in der Magengegend breit, Magensäure suchte sich bereits ihren Weg zur Speiseröhre.
Vorsichtig versuchte sie sich aufzurichten, um im nächsten Moment wieder aufs Bett zu fallen.
“Nicht auch noch das !” dachte sie resignierend.
In letzter Zeit häuften sich Kreislaufbeschwerden, und sie scheute die zeitgleiche Einnahme von beruhigenden und kreislaufanregenden Mitteln.
Beim nächsten Anlauf schaffte sie es, sich aus dem Bett zu stemmen und sich müde ins Badezimmer zu schleppen.
Dabei schmerzten ihre Sehnen und Gelenke fast unerträglich, jeder Schritt wurde ihr zur Qual.
Im hellen Licht des Spiegels erblickte sie ihr Angesicht, das ihr müde und abgeschlagen entgegenblickte und unbarmherzig ihr wahres Alter verriet.
Fröstelnd hielt sie ihr Gesicht unter den kalten Wasserstrahl am Waschbecken, um wenigstens einige Lebensgeister zu wecken.
Beim Zähneputzen bemerkte sie kaum, wie ihre Gedanken abschweiften und sie abwesend nur noch mechanisch kreisende Bewegungen mit der Zahnbürste ausführte.
Wovon hatte sie letzte Nacht geträumt? Waren es nicht auch angenehme Bilder gewesen, die sie bis zum Aufwachen begleitet hatten? War es möglich, dass sie sich bewusst wieder an diesen Ort zurück begeben konnte und die Realität, die ihr immer öfter kalt und freudlos erschien, verlassen konnte?
Ein empörter Aufschrei holte sie aus ihren Tagträumen zurück:
“Mama, wo bleibst Du denn, ich muss gleich los!?”
Erschrocken zuckte sie zusammen.
Das Wasser am Waschbecken lief noch immer, doch mittlerweile hatte sie ihr Zahnfleisch so malträtiert, dass blutiger Schaum aus ihrem Mund quoll.
Rasch spülte sie ihren Mund mit klarem Wasser aus, wischte sich das Gesicht mit einem Handtuch trocken und begann, sich anzuziehen.
“Mama!” schallte es wieder, diesmal mit einem zornigen Unterton.
Erschöpft hielt sie sich die Ohren zu und ließ sich wieder aufs Bett sinken.
Wie einfach wäre es jetzt, wieder in das noch warme Bett zu steigen, sich einzukuscheln, versuchen, sich an die angenehmen Sequenzen ihres letzten Traumes zu erinnern!
Energisch schüttelte sie den Kopf.
Unmöglich, schließlich warteten noch Aufgaben auf sie. Aufgaben?
Sie verzog spöttisch die Mundwinkel.
War die Hausarbeit als Aufgabe zu bezeichnen, die sie ausfüllte, ihren Geist forderte? Wohl kaum!
Ihre Tochter war mittlerweile alt genug, sich selbständig zu versorgen, aber egoistisch und faul genug, sich weiterhin wie ein Kleinkind zu verhalten. Gleichzeitig war sie boshaft und durchtrieben, um so ihre Forderungen immer wieder durchzusetzen.
Und Helen hatte nicht die Kraft und die Ausdauer, dem entgegenzuwirken.
Ihr Mann war den ganzen Tag beruflich unterwegs und abends unfähig und unwillig, sich ihren Problemen und Sorgen zu widmen. Dabei war er in Bezug auf Yasmin mehr als nachgiebig.
Widerstrebend richtete sie sich auf, zog sich vollständig an und begab sich zur Quelle des Lärmens und Rufens in der Küche.
Yasmin hatte zwischenzeitlich schon ihr Szenario an morgendlichen Aktivitäten vollzogen.
Die Küchenanrichte und der Fußboden waren übersät mit Krümeln, ein Messer lag, von Schneide bis Griff mit einem Nuss-Nougatfilm überzogen, auf der Spüle und auf dem Steinboden glänzten verräterische Tropfen, die in einigen Minuten eine klebrige Konsistenz aufweisen würden.
Laut und vernehmlich stieß Helen die Luft aus und blickte wütend zur Ursache des Übels.
“Kannst du dich nicht ein wenig vorsehen und deinen Schmutz wenigstens wegwischen?”
“Keine Zeit!” kam es zurück, “ Ich muss gleich weg, sonst solltest du in Zukunft früher aufstehen und mir das Frühstück zubereiten, wenn du es sauberer haben willst.”
Damit nahm Yasmin ihre Schultasche vom Boden auf und verschwand aus der Küche mit den Worten:
“Ach übrigens, ich bringe heute eine Freundin zum Essen mit, also mach bitte was Leckeres zu essen, keinen Fertigfraß!”
Helen spürte, wie ihr Puls jagte und ihr Herz anfing, zu rasen.
Zornig trat sie gegen eine Küchenschublade, um wenigstens einen Teil ihrer Wut und Hilflosigkeit abzureagieren.
Dann sank sie auf einen Stuhl ‚spürte, wie Wut und Zorn auf ihr Unvermögen in einer heißen Welle in ihr hochkamen und bewirkten, dass ihr Tränen in die Augen stiegen.
Schluchzend suchte sie in einer Schublade tränenblind nach einer Medikamentenschachtel.
Bloß eine kleine Pille, winzig klein, die konnte bestimmt nicht schaden und danach würde sie sich wieder besser fühlen. Dann würden diese verbalen Angriffe sie nicht mehr verletzen, sie würden einfach wirkungslos an ihr abprallen.
Entfernt nahm sie wahr, wie die Haustür geräuschvoll zuschlug. Yasmin hatte das Haus verlassen.
Erleichtert atmete sie tief ein und lehnte sich langsam zurück.
Jetzt lagen mindestens fünf Stunden vor ihr, die nur ihr gehörten.
Still saß sie auf ihrem Stuhl, entspannte sich, wartete auf die Wirkung der Tablette.
Warum konnte sie ihren Herzschlag so laut hören, schlug ihr Herz nicht viel zu schnell?
Angstschweiß breitete sich auf ihrer Stirn aus, ihre Handinnenflächen begannen zu transpirieren. Poch, Poch, Poch…
Du musst ruhig atmen, bewusst atmen!
In diesem Moment schrillte die Hausklingel laut und energisch.
Mit einem Aufschrei sprang sie auf und stieß dabei den Stuhl um, der mit einem lauten Poltern auf den Boden fiel.
Mit klopfendem Herzen näherte sie sich der Türsprechanlage, nahm mit einer fahrigen Bewegung den Hörer in die Hand.
“Ja bitte”, flüsterte sie mit heiserer Stimme.
“Der Postbote - ein Einschreiben!” kam es aus dem Hörer zurück.
Unsicher blickte sie in den Spiegel, der in der Diele hing und zog bei dem Anblick, der sich ihr bot, geräuschvoll die Luft ein.
Aus einem leichenblassen Gesicht blickten ihr angsterfüllte Augen entgegen, die tief in den Höhlen lagen und blutunterlaufen waren.
Die Haare klebten zum Teil strähnig am Kopf oder standen in alle Richtungen ab und hatten nicht den mindesten Anschein einer Frisur.
Und bei der Auswahl ihrer Kleidung hatte sie farblich völlig daneben gegriffen: Über ihrer ältesten, ausgebeulten grünen Jogginghose trug sie einen hellblauen Sweater, der gut und gerne einem Tanzbär gepasst hätte.
Entsetzt stöhnte sie auf - so konnte sie auf keinen Fall die Haustür öffnen, so viel Selbstwertgefühl hatte sie noch.
Sie räusperte sich:
” Äh- hören Sie, ich bin noch gar nicht angezogen, könnten Sie vielleicht gleich noch mal wieder kommen?”
“Ungern”, knurrte es unfreundlich zurück,” in einer Stunde bin ich wieder da, aber dann warte ich nicht mehr!”
“Danke”, hauchte sie in den Hörer zurück und legte ihn wieder in seine Aufhängevorrichtung.
Aufseufzend lehnte sie sich an die Wand, ließ sich langsam zu Boden sinken. Kalter Schweiß brach ihr aus allen Poren aus und ließ sie frösteln.
Mühsam richtete sie sich wieder auf und blickte unsicher Richtung Schlafzimmer.
Wäre es verwerflich, wenn sie sich nochmals einen Augenblick ins Bett legen würde?
Niemand würde es bemerken, und in einer Stunde konnte sie frisch und ausgeruht sein, wenn der Postbote wieder vor der Türe stünde.
Und dann hätte sie immer noch genügend Zeit, den Haushalt zu machen und das Essen für Yasmin vorzubereiten.
Warum hast du Gewissensbisse, du musst keinem Rechenschaft ablegen, hörte sie ihre innere Stimme. Es ist dein Leben, deine Entscheidungen!
Sie straffte ihre Schultern und bewegte sich, nur kurz zögernd, Richtung Schlafzimmer.
Mit einem Aufstöhnen sank sie auf ihr Bett, zog sich die Bettdecke über die Ohren.
“Nur ein wenig ausruhen”, nuschelte sie undeutlich.
Aber schlagartig war sie wieder hellwach, ihr Herz schlug laut und zu schnell, und hinter den geschlossenen Lidern rollten ihre Augäpfel nervös hin und her. Lichtblitze in allen Farben wurden von ihren überreizten Nerven zum Gehirn übertragen und ließen es nicht zu, dass sie die Entspannung finden konnte, die sie so sehr suchte und brauchte.
Nervös und hektisch drehte sie sich hin und her und hatte mit einem Griff die Flasche mit den Beruhigungstropfen in der Hand.
5, 10 ‚20 beeile Dich, die Zeit wird knapp!
Verlorene Träume
Sie fällt, tiefer und tiefer, bis sie das Gefühl hat, auf einem festen Untergrund zu landen.
Vorsichtig tastet sie mit geschlossenen Augen den Boden um sich herum ab. Dieses Mal fühlt er sich nicht weich und instabil an, sondern fest und trocken. Langsam öffnet sie die Augen und hält entsetzt die Luft an.
Sie sitzt auf einem felsigen Vorsprung, der über einer gewaltigen Schlucht hängt. Vor ihr gähnt ein unglaublich tiefer Abgrund, dessen Ausmaße ihre Vorstellungskraft weit übersteigt.
Nebel wabert in düsteren Farbvarianten auf und lässt die Landschaft in einem bizarren Licht erscheinen.
Ein Stöhnen und Wispern scheint aus den Tiefen zu kommen, Töne, die sie magisch anziehen. Eine kleine Gewichtsverlagerung nur, und der Abgrund wird sie aufnehmen.
Die Verlockung ist groß, so groß, sich einfach fallen zu lassen, um von den Nebelmassen aufgenommen zu werden.
Doch hinter ihr erklingen sanfte, betörende Töne, ein sachtes Rauschen.
Sie kann praktisch die reine Luft schmecken, die ihr bekannt vorkommt. Unsicher versucht sie, auf die Beine zu kommen, als der Felsvorsprung unter ihr nachgibt.
Panisch und voller Entsetzen schreit sie auf, versucht, sich an blanken Felsen festzuhalten, ihr Gewicht zu verlagern.
Doch mit einem entsetzlichen Geräusch gibt der Boden unter ihr noch ein Stück nach, und mit einem spitzem Schrei versucht sie, auf allen Vieren robbend, Boden zu gewinnen.
Doch zu spät, mit einem lauten Krachen gibt der Felsvorsprung dem Gesetz der Schwerkraft nach und reißt sie mit in die Tiefe.
Sie fällt, immer tiefer, immer schneller, die Kraft zum Schreien hat sie längst verlassen.
Die Luft wird immer dünner und kälter, das Atmen fällt ihr immer schwerer. Angstvoll reißt sie ihren Mund auf, versucht verzweifelt Luft zu holen und registriert, dass sie in eine Flüssigkeit eingetaucht ist.
Instinktiv reißt sie die Arme nach oben, während ihre Beine kraftvoll strampeln, um Auftrieb zu gewinnen.
Keuchend taucht sie an der Oberfläche auf, schnappt hektisch nach Luft. Es riecht modrig, nach verfaulten Pflanzen und es ist dunkel, ein fast körperlich zu spürendes unangenehmes Gefühl von Schwärze. Eine Schwärze, die sich zu manifestieren scheint, etwas Böses verkörpert, was versucht, von ihr Besitz zu ergreifen.
