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Dima Wannous erzählt vom Leben der Menschen vor Beginn der syrischen Revolution 2011. Es sind zerstörte und gestörte Persönlichkeiten, unfähig, angepasst, verängstigt, Kriecher, arme Schlucker. Sie sind Opfer einer alles beherrschenden Diktatur. Maha, soeben befördert, hat hart um die Position der Redaktionsdirektorin gekämpft: durch umsichtiges Hofieren, vorauseilenden Gehorsam und regierungstreue Meinung. Endlich ist es soweit - doch ihr wird klar, dass der Stuhl einer Direktorin nicht nur erobert, sondern auch verteidigt werden will. Sahar, eine junge, hübsche Frau mit einem kleinen, dicken, haarigen Ehemann, verbringt ihre Tage mit dem Observieren der Nachbarn durch ihr Fenster sowie mit Koranunterricht durch eine Witwe aus der Nachbarschaft, die erstaunliche Handreichungen zu Keuschheit und Prostitution in der Ehe gibt. Samîh ist Taxifahrer in Damaskus, der sein Auto liebt und in den langen Staus seine Fahrgäste mit den seltsamsten Fragen löchert. In neun ausdrucksstarken Erzählungen lässt die Autorin die syrische Zivilgesellschaft für die Leser entstehen. Beeindruckend klarsichtig hat sie 2007 die Möglichkeit einer Revolution in Syrien vorausgesehen. Für die deutsche Ausgabe des Buches hat sie ein aktuelles Vorwort geschrieben.
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Seitenzahl: 114
Veröffentlichungsjahr: 2014
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DIMA WANNOUS
ERZÄHLUNGEN
AUS DEM ARABISCHEN VON LARISSA BENDER
MIT EINEM AKTUELLEN VORWORT DER AUTORINUND EINEM NACHWORT DER ÜBERSETZERIN
Die Originalausgabe des vorliegenden Bucheserschien 2007 unter dem Titel Tafâsîl (»Details«)beim Verlag Al-Mada in Damaskus.Alle Koranverse zitiert nach derÜbersetzung von Hartmut Bobzin.Anspielungen und arabische Begriffe werdenin einem Glossar auf Seite 125 erklärt.
Edition Nautilus Verlag Lutz SchulenburgSchützenstraße 49 a · D-22761 Hamburgwww.edition-nautilus.deAlle Rechte vorbehalten · © Edition Nautilus 2014Deutsche Erstausgabe November 2014Umschlaggestaltung: Maja Bechert, www.majabechert.deunter Verwendung eines Fotos von Larissa BenderDruck & Bindung: Freiburger Graphische Betriebe1. AuflagePrint ISBN 978-3-89401-796-5E-Book EPUB ISBN 978-3-86438-162-1
Vorwort der Autorin
DUNKLE WOLKEN ÜBER DAMASKUS
Erstes Detail
Zweites Detail
Drittes Detail
Viertes Detail
Fünftes Detail
Sechstes Detail
Siebtes Detail
Achtes Detail
Neuntes Detail
Nachwort der Übersetzerin
Glossar
Vor einiger Zeit las ich zum ersten Mal seit seinem Erscheinen im Jahr 2007 meinen Kurzgeschichtenband Tafâsîl, und bei jeder der neun Geschichten überkam mich ein seltsames Gefühl, das zwischen Neugier, Erstaunen und Selbstironie schwankte. Ich las mich sozusagen selbst, wie ich vor nur sieben Jahren gewesen war! Sind seitdem wirklich nur sieben Jahre vergangen? Wenn mich Freunde fragen, wann der Band erschienen ist, antworte ich ohne zu zögern: »Ich weiß nicht genau, vermutlich vor elf Jahren oder etwas mehr.« Dieses irrige Zeitgefühl ist das Resultat der syrischen Revolution, die im März 2011, also vor dreieinhalb Jahren, begann. Die bitteren Erfahrungen, die die Syrer innerhalb dieser wenigen Jahre machten, kommen der Erfahrung eines ganzen Lebens gleich, einer Zeitspanne von vielen Jahren. In dieser Zeit haben die Syrer ausschließlich Schmerz erlebt, Enttäuschung, Frustration, Trauer, Hunger, Verlust, Angst, Abwarten, Vertreibung und Erniedrigung. Es waren Jahre der Gewalt und Bitterkeit, wie sie ein Mensch vielleicht in seinem gesamten Leben erfährt. Die Last, die ein jeder Syrer heutzutage schultert, ist unter normalen Umständen auf viele Menschen und lange Zeiträume verteilt.
Beim Lesen der Geschichten habe ich eine Zeit wieder heraufbeschworen, die ich hasse und viele Syrer ebenso, denn sie war geprägt von Kälte und Härte. Diese Kälte, die wir angesichts der uns heutzutage von allen Seiten umgebenden Gewalt vergessen haben, war das Resultat des Lebens in einem Land, dem wir nicht ähnelten und das uns nicht ähnelte. Heute rührt die Kälte aus einem Leben außerhalb dieses Landes, das begonnen hat, uns zu ähneln und dem wir nun ähneln! Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich ausdrücke. Ich sehne mich jetzt nach meiner Stadt, meiner Wohnung, meiner Straße, meinen Freunden, aber ich sehne mich nach ihnen so, wie sie heute sind, nicht, wie sie früher waren. Auffallend dabei ist, dass die drei Jahre der Revolution diese Zeit aus unserer Erinnerung ausgemerzt haben und dass wir nun ausschließlich in der Gegenwart leben. Als gäbe es nichts anderes in den Windungen unseres Gehirns als das Jetzt. Als bestände unser ganzes Leben aus der Gegenwart. Wir haben vergessen, dass das Leben leer war, dass wir schliefen, um aufzustehen, und aufstanden, um den Tag hinter uns zu bringen und um am Ende wieder zu schlafen. Alle Ausdrucksmöglichkeiten waren verboten. Und dieses Verbot floss durch unsere Adern und hatte sich in unseren Poren festgesetzt, so dass wir lebten, als seien wir angekettet, wir bewegten uns schwerfällig, standen morgens müde und erschöpft von der Leere auf, ohne einen Funken Begeisterung in den Augen, kleideten uns an, als wollten wir die Abnutzung unserer abgestumpften Haut verbergen, und verließen in einem lästig monotonen Rhythmus das Haus.
Auch wuchs während des Lesens in mir die Überzeugung, dass die Sehnsucht, die mich von Zeit zu Zeit nach jener Phase meines Lebens befällt, nichts anderes ist als eine vorübergehende Schwäche. Ich bin immer mehr davon überzeugt, dass die Revolution entfacht wurde, um alles auszulöschen, was vorher war, auch wenn die Revolution selbst durch ausländische Interventionen und Bewaffnung von ihrem Weg abkam. Es ist und bleibt trotz allem eine Revolution.
Allerdings ist sie meiner Meinung nach bereits zu Ende. Aber nicht, wie manche behaupten, weil es gar keine Revolution war, sondern ein Bürgerkrieg. Nein, falsch. Die Revolution ist meiner Meinung nach zu Ende, weil sie ihr Ziel erreicht hat. Die Mauer des Schweigens wurde durchbrochen und zerstört, und niemand wird sie wieder aufbauen können. Weder das verbrecherische Regime noch ISIS, der optimale Partner des Regimes bei der Verübung von Verbrechen. Auch hat die Revolution das Schicksal aller Syrer verändert. Sie ist in ihre Seelen eingedrungen und hat mit ihrem Leben gespielt. Und dieses Spiel ist das Gegenteil der Stagnation, die die Syrer über Jahrzehnte erlebten, seelisch wie körperlich. Auch diese komplexe Dualität von Seele und Körper hat sich verändert. Denn dem Körper jener Seele, die sich über Jahrzehnte unterwürfig ergeben hatte, wurde kein so großer Schaden zugefügt wie dem Körper des rebellischen Geistes. Der Rebell musste die unterschiedlichsten Variationen von Folter erleiden, wobei ihm keine Grausamkeit erspart wurde. Und heute ist der Körper des rebellischen Geistes Bombardements, Giftgasangriffen, Tod, Folter und Fäulnis ausgesetzt. Aber es ist ein Leiden anderer Art, ein Leiden für das Leben, während es früher jahrzehntelang ein Leiden für die Absurdität war, und für die Ewigkeit, nämlich die Ewigkeit des syrischen Regimes.
Was mag wohl aus den neun Personen der Geschichten nach der Revolution geworden sein, habe ich überlegt. Es war eine spannende und gleichzeitig schmerzliche Erfahrung. In ihren Tagebüchern zu stöbern und sich vorzustellen, welches Leben sie nun führen würden, ließ vor meinen Augen die tragische Realität erstehen, in der die Syrer heute leben. Wer von ihnen mag sich vom Regime losgesagt haben und wer wurde zu einer Bestie, die das systematische Töten der Assad-Maschinerie verteidigt? Wer von ihnen hat Syrien verlassen? Und wer ist geblieben, weil er entweder keine Möglichkeit zur Flucht hatte oder kein Geld für ein Flugticket? Ich stellte fest, dass die Korrupten noch korrupter wurden, und diejenigen, die ein Gewissen hatten, sich der Revolution anschlossen. Für sie begann das Leben am 15. März 2011, ein hartes Leben, sicher, aber mit einem Hoffnungsschimmer am Horizont.
Es stellt sich aber auch die Frage: Was ist mit den Syrern passiert? Wir können meiner Ansicht nach nicht über die Zukunft Syriens nachdenken, ohne die Beziehungen der Syrer untereinander zu analysieren. Die Protagonisten der Kurzgeschichten sind typisch syrisch, sie repräsentieren verschiedene Schichten der syrischen Gesellschaft, die zwar miteinander lebten, aber nichts übereinander wussten. Jahrzehntelang lebten die Syrer in ihren eigenen vier Wänden, ohne zu wissen, was dahinter vor sich ging. Die Basis der Beziehungen war ungesund, und der Beweis dafür ist, dass wir alle zusammen am gleichen Tisch aßen – wir und jene Syrer, die nach dem Beginn der Revolution zu Mördern wurden! Aber wird denn ein Mensch ganz unvermittelt zum Mörder? Haben wir die Anzeichen der Brutalität auf dessen Gesicht nicht wahrgenommen? Haben wir nicht gesehen, wie in jenen Menschen, die vor nicht allzu langer Zeit unsere Freunde gewesen waren, kleine Verbrecher heranwuchsen? Ja, viele unserer Freunde haben seit dem ersten Tag der Revolution das Regime unterstützt. Die Beziehungen zu ihnen brachen ab, und ein solcher Bruch ist keine einfache Sache. Die Revolution hat Risse in der Gesellschaft verursacht, die Tag für Tag tiefer werden. Scheidungen und das Auseinanderdriften von Familien und Freunden waren die Folge. Die Prinzipien und Werte, an die wir jahrelang geglaubt hatten, haben ihre Bedeutung verloren. Doch halt! Dieser Zusammenbruch der Werte war notwendig. Da ist eine Stille, eine tödliche Stille. Ein Zusammenbruch zieht eine tiefe Stille in der Seele nach sich. Und eine Erstarrung. Und das war notwendig. Nach der Stille werden die Beziehungen neu geknüpft, klarer und reiner.
»Eins eins eins, das syrische Volk ist eins!« So lautete das Motto zu Beginn der syrischen Revolution. Während ich die Kurzgeschichten wieder las, stellte ich mir vor, wie die Personen aus diesem Buch heraustreten und nebeneinander hergehen. Syrer werden eins. Mitnichten! Falsch! So einfach ist es nicht. Das syrische Volk ist nicht eins. Die syrischen Städte haben nicht dieselbe Revolution und nicht denselben Krieg erlebt. Derjenige, dessen Haus bombardiert wurde, ist nicht wie der, der noch immer ein Dach über dem Kopf hat und innerhalb von vier dicken Wänden lebt, die nicht vom Lärm erschüttert werden. Chadidscha, das Mädchen aus Idlib, das ich vor einigen Monaten in Beirut traf, hat in einem Brunnen in einer ländlichen Region die Leiche ihres Mannes gesehen, dem die Würmer aus den Poren krochen. Chadidscha ist nicht wie die anderen Syrer, die in Damaskus, Tartous und Latakia, in Beirut, in Frankreich oder sonst wo auf der Welt leben. Diese Syrer haben nicht die gleichen Erfahrungen gemacht. Sie teilen nicht die gleiche Angst, nicht den gleichen Tod und nicht die gleichen Trauerzeremonien, nicht die gleiche Art der Verhaftung und nicht die gleiche Folter. Wer in der Ghouta bei Damaskus lebt, in Homs, in Deraa, in Hama oder in Deir Al-Zor ist nicht wie jemand, der in der Hauptstadt oder in den regimetreuen Regionen lebt, die mittlerweile »das nützliche Syrien« genannt werden. Dschaafar in den Kurzgeschichten ist nicht wie Mohammed, weder als das Buch erschien noch nach der Revolution. Der eine mordet, der andere wird ermordet. In den Adern des einen kochte seit dem Militärputsch von Hafis Al-Assad die Revolution, der andere wurde erst nach Ausbruch der Revolution zum »Revolutionär« und setzte damit sein Leben als Karrierist fort, der unabhängig von seinen Überzeugungen auf jeden Zug aufspringt.
Ich bin nicht pessimistisch. Aber ich unterscheide zwischen Analyse und Wunsch. Im ersten Jahr der Revolution war ich der felsenfesten Überzeugung, dass wir sehr bald zurückkehren würden. Und dass die Lösung einfach und das Land für den Wandel bereit sei. Heute gibt es nur Zerstörung und Blut. Wenn ich mir vorstelle, nach Syrien zurückzukehren, sehe ich nur zerstörte Gebäude, Staubwolken und Leere. Ich fürchte mich davor, über den Boden zu laufen. Der Boden ist zu einem Massengrab geworden. Der Tod scheuert an den Füßen dessen, der darüber läuft. Und wenn ein Flecken Boden sich vielleicht vor Leichenteilen von Syrern retten konnte, dann ist er verseucht von Blut und chemischen Waffen und den Überresten der Raketen und Granaten. Ich werde mein Haus suchen und es nicht finden. Ich sehe Millionen Syrer gemächlich gehen; die Gesichtszüge verschlossen, das Gesicht wächsern, suchen sie erfolglos nach einem Haus, einer Mutter, einem Vater, einem Sohn, einem Freund, einer Identität, einer Heimat. Aber da ist nur Zerstörung, Staub und Leere. Und sie füllen diese Leere nicht einmal. Millionen Syrer können sie nicht füllen. Dieser Graben, den die Militärmaschine und die Sicherheitskräfte des Regimes innerhalb der letzten dreieinhalb Jahre verursacht haben, ist schwer zu füllen. Wie Wasser und Öl mischen sie sich nicht, verhindern sich gegenseitig. Außerdem, wie kann der Mensch den Gedanken des Verlustes schlucken? Es gibt kein Haus mehr und keine Zugehörigkeit. Jeder Syrer im Ausland muss sein Leben neu aufbauen. Er muss das »Provisorium« leugnen und in ein Leben eintauchen, das die Eigenschaft des Bleibens hat. Er muss einsehen, dass »hier« gleich »dort« ist, und nicht umgekehrt. Er muss den Satz üben: »Ich komme von dort …« Die meisten Syrer sagen noch immer an den Orten ihrer Flucht und ihres Asyls: »Als der Soundso hier gewohnt hat, ist es ihm besser gegangen … Sobald er von hier weg ist, hat sich seine Situation verschlechtert.« Und das »hier« bedeutet Damaskus oder die Region, in der er in Syrien gelebt hat. Die Syrer haben sich noch nicht daran gewöhnt zu sagen: »dort«. Und ich sage, wenn ich vom Flughafen Beirut abfliege, wo ich seit drei Jahren lebe, zu meinen Freunden unbewusst: »Ich verreise für ein paar Tage. Wir treffen uns, wenn ich zurückkomme, in Damaskus.« Bis jetzt habe ich noch nicht begriffen, dass ich nach Beirut zurückkehren werde und nicht nach Damaskus. Denn Damaskus ist bis jetzt für mich mein Wohnort, nicht Beirut und kein anderer Ort.
Ich bin nicht pessimistisch, aber ich habe den Eindruck, dass ich mich schneller an Beirut gewöhnen und die Stadt als meinen Wohnort betrachten werde, als nach Damaskus zurückzukehren.
Dima Wannous, September 2014
Wie jeden Morgen öffnete Dschaafar mit dem Verschwinden der letzten Körnchen Finsternis die Augen. Er betrachtete die Dunkelheit im Zimmer. Jene Dunkelheit, die ihm die Luft abzuschnüren begann. Schwerfällig bewegte er seinen Körper unter der ländlich-bunten Flickendecke. Er wollte das Leben wieder spüren, sich die bedauerliche Realität nicht eingestehen. Er stieß die farbenfrohe Decke von seinem schmächtigen Körper, stand entschlossen auf und verließ das deprimierende Zimmer in Richtung Salon, wo ihn die schwere Stille lockte, geradezu rief. Dschaafar hatte sich nicht vorstellen können, dass seine Geduld noch einmal so auf die Probe gestellt werden würde. Er war 55 Jahre alt, und die Erfahrung des Alters hatte sich an seinen Körper herangemacht, jedoch kein einziges seiner dichten weißen Haare angetastet. Nun war sein Leben ganz unvermittelt von neuen Details überfallen worden, die seine strengen Gewohnheiten töteten. Auch die verführerische Ruhe im Salon war
