Dunkles Herz - Alexandra Schmid - E-Book

Dunkles Herz E-Book

Alexandra Schmid

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Beschreibung

Stell dir vor, du stehst vor einem Dilemma. Der Mann, den du liebst, lässt dich dein Leben für ihn opfern. Und der Typ, dessen Gefühle du nicht erwiderst, ist bereit, alles für dich zu riskieren. Doch das Gefühlschaos ist nicht dein einziges Problem – du hast das oberste Gesetz der Vampire gebrochen und damit den Zorn eines Wächters auf dich gezogen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 240

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Epilog

Danksagung

Über die Autorin

Alexandra Schmid

Dunkles Herz

Das Monster in mir

© 2024 Alexandra Schmid

Text: Alexandra Schmid

Umschlagabbildung: Cassandra Müller

Lektorat, Korrektorat: Petra Zwerenz

Covergestaltung: Cassandra Müller

Satz, Layout: Alexandra Schmid

Illustration: AdobeStock

Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland

ISBN

Paperback978-3-384-19509-8

e-Book978-3-384-19510-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter Alexandra Schmid, Gruber Straße 20, 85652 Pliening, Deutschland.

If I told you what I was, would you turn your back on me? And if I seem dangerous, would you be scared?

Monster – Imagine Dragons

Prolog

M

ein Chef wusste, dass auf mich Verlass war und ich gute Arbeit leistete. Im Gegensatz zu manch einem meiner chaotischen Kollegen wurde ich daher immer respektvoll behandelt und meine Wünsche wurden berücksichtigt. Einer meiner Wünsche war, spätestens um 16 Uhr Feierabend zu machen. Ich wollte noch etwas von meinem Tag haben und, wie jetzt im Winter, nicht im Dunkeln nach Hause gehen müssen. Doch den neuen Großkunden wollte der Chef nur mir anvertrauen, weshalb sich die Arbeit nun auf meinem Schreibtisch häufte.

Gegen 19 Uhr war es nun auch endlich Zeit für mich, Feierabend zu machen. Alle anderen waren schon vor mindestens einer Stunde gegangen. Ich schaltete die Lichter aus, schloss die Eingangstür ab und machte mich auf den Weg.

Im Sommer nahm ich gern eine Abkürzung durch verlassene Gassen, doch im Winter, wenn es beinahe schon dämmerte, war mir der Weg entlang der belebten Hauptstraße lieber. Da ich aber 15 Minuten länger unterwegs sein und eh schon so spät zu Hause sein würde, entschied ich mich ausnahmsweise doch für die Abkürzung.

Heute war ein kalter, windiger Tag. Ich zog den Kragen meines Mantels ein wenig nach oben und wärmte meine Hände in den Taschen. Meine Schritte hallten in der Gasse. Obwohl weit und breit niemand zu sehen oder zu hören war, fühlte ich mich beobachtet und unwohl. Ein ungutes Gefühl breitete sich in mir aus. Bestimmt war ich wegen der Dunkelheit einfach nur paranoid. Ich wohnte in einer sicheren Stadt und war in diesen Gassen noch nie zuvor überfallen worden.

Ich hatte trotzdem den Drang, mich umzusehen. Als ich über die Schulter blickte, war da natürlich niemand. Ich schüttelte den Kopf und versuchte, diese unsinnigen Gedanken loszuwerden. Ich erschrak fürchterlich, als ich meinen Blick wieder nach vorn richtete und beinahe mit einem Mann zusammenstieß. Wo war der plötzlich hergekommen? Das Erste, was ich wahrnahm, war sein bunt gemustertes Hemd. Auch seine unglaubliche Schönheit - obwohl er gar nicht mein Typ war - fiel mir sofort auf. Er sah aus wie die blonde Version von John Travolta.

Ich wollte mich gerade bei ihm entschuldigen, als ein unglaublicher Schmerz mir plötzlich den Atem raubte. Er breitete sich von meinem Hals beginnend in meinem gesamten Körper aus, gefolgt von einer Kälte, die ich so noch nie gespürt hatte. Meine Beine gaben nach. Ich hatte keine Kontrolle mehr über meinen Körper. Der Fremde sah mich voller Mitleid an. Er hielt mich mit seinen starken Armen fest und strich mir beinahe liebevoll eine Strähne aus dem Gesicht. Ich wollte schreien, mich wehren, davonlaufen. Doch ich war wie gelähmt. Gleichzeitig fühlte ich mich mit ihm auf einer nicht menschlichen Ebene verbunden. Ich konnte dieses Gefühlschaos nicht erklären. Es war das Letzte, woran mein menschlicher Verstand gedacht hatte.

Kapitel 1

I

ch lebte erst seit drei Wochen in dieser Stadt. Mir gefiel, dass sie klein war und friedlich zu sein schien. Es war eine willkommene Abwechslung. Die meiste Zeit hielt ich mich in belebten Großstädten auf, wo immer etwas los war, keiner auf den anderen achtete, man nicht einmal seine eigenen Nachbarn kannte und es nicht auffiel, wenn ab und zu jemand spurlos verschwand oder tot in einer abgelegenen Seitenstraße gefunden wurde.

Hier war es anders. Hier kannte man sich, die Leute interessierten sich füreinander, neue Nachbarn wurden genau unter die Lupe genommen und der kleinste Skandal machte sofort die Runde. Von Zeit zu Zeit brauchte ich Abstand zur Großstadthektik. Ich wollte einfach meinen Interessen nachgehen, mich etwas zurückziehen und mich von meiner dunklen Seite distanzieren. Man müsste meinen, dass sie nun mal Teil meines Lebens war, ein Teil von mir selbst. Doch so war es nicht. Nach all den Jahrzehnten hasste ich sie noch immer. Ich konnte mich nicht daran gewöhnen.

Deswegen war ich auch allein unterwegs. Viele von uns schlossen sich zusammen, zu einer Art Klan. Ein Menschenleben war denen jedoch nicht viel wert, mir hingegen hatte meines alles bedeutet. Es war nahezu perfekt gewesen, doch innerhalb einer halben Stunde hatte es eine schreckliche Wendung genommen, als ich meiner selbst beraubt worden war.

Ich wollte so, wie ich jetzt war, nicht sein, hatte damals jedoch keine Wahl gehabt. Daher wollte ich zumindest versuchen, das Beste daraus zu machen. Ich musste zwar töten, würde aber niemals jemanden auf diese Art töten. Töten und verdammen. Ich tötete nur, um zu überleben. Nun brauchte ich allerdings von alldem wieder eine Pause.

Wörter hatten mich schon immer fasziniert. Sie besaßen eine gewisse Macht. Sie waren in der Lage, Frieden zu stiften, Kriege auszulösen, Herzen zu brechen, zu Tränen zu rühren, zu heilen und zu so vielem mehr. Wann immer ich meinem neuen Leben entkommen wollte, floh ich in die Welt der Wörter und verschlang Bücher anstatt Menschen.

Direkt in der Innenstadt und doch etwas abseits hatte ich vor ein paar Tagen einen kleinen, gemütlichen Buchladen entdeckt. Der Besitzer, ein alter Mann, hatte überraschend viele Bücher im Sortiment. Von alten Schätzen bis zu Neuerscheinungen war alles dabei. Ich hatte dieses Plätzchen sofort in mein dunkles Herz geschlossen. Allein schon der Geruch, der einen beim Betreten sanft umarmte. Papier, Holz, Leder.

Als ich das erste Mal hier gewesen war, hatte ich mir ein älteres, ledergebundenes, dickes Buch ausgesucht. Weder Titel noch Autor sagten mir etwas, aber irgendetwas daran sprach mich einfach an. Der alte Mann hatte mir einen Platz in einem der Sessel angeboten. Seitdem kam ich jeden Tag, saß stundenlang genau dort und las.

Natürlich wäre ich in der Lage gewesen, das Buch innerhalb einer Stunde zu lesen. Doch ich wollte es genießen. Wo bliebe sonst der Spaß? Außerdem hätte das Aufmerksamkeit erregt und genau das galt es um jeden Preis zu vermeiden.

Es dauerte jedoch nicht lange, bis jemand meine Aufmerksamkeit erregte. Ich machte gerade eine kleine Lesepause und schlenderte durch den Laden, um schon mal nach dem nächsten Buch Ausschau zu halten. Die kleine Glocke über der Eingangstür bimmelte leise und ein Luftzug wehte einen intensiven Geruch zu mir. Sandelholz und Zimt. Warm und würzig.

Ich drehte mich um und da waren für einen Augenblick nur diese strahlend blauen Augen. Ich hatte in meinem Leben schon so viele Augen gesehen, aber niemals hätte ich mich darin so verlieren können wie in diesen. Noch nie hatte mich etwas so sehr fasziniert und in seinen Bann gezogen.

Das war keine gute Idee. Es war ein Fehler. Ein Fehler, der einen unschuldigen Menschen das Leben kosten würde. Das war der Preis, den wir beide zahlen müssten. Das war es nicht wert. Ich wandte mich wieder dem Bücherregal zu. Für einen kurzen Moment spürte ich noch den Blick dieses Mannes auf mir ruhen, dann wandte er sich an den Ladenbesitzer.

„Ich bin auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für meine Nichte. Sie wird 14. Können Sie mir ein Buch empfehlen?“, fragte er und trat dabei nervös hin und her.

Er schien nicht recht zu wissen, was eine 14-Jährige las. Der alte Mann kam hinter seinem Tresen hervor und führte ihn zu einem Regal mit Jugendbüchern.

„Ich zeige Ihnen erst mal ein paar Bücher, die bei den meisten jungen Lesern sehr beliebt sind“, schlug der Besitzer vor und zog ein Buch aus dem Regal.

Ich ging ein paar Schritte in ihre Richtung, tat so, als würde ich einen Klappentext lesen, und lauschte.

„Oh, tut mir leid“, sagte der Fremde sofort kopfschüttelnd. Unbewusst trat er einen kleinen Schritt zurück. „Bitte keine Vampire.“

Ich zuckte leicht zusammen. Unauffällig sah ich zu den beiden hinüber, um einen Blick auf das Buch werfen zu können. Ich schmunzelte. Eine schöne Liebesgeschichte, allerdings die mit Abstand unrealistischsten Vampire von allen. Nur das Vermeiden von Sonnenschein war eine Gemeinsamkeit mit echten Vampiren, wir glitzerten dadurch jedoch nicht.

„Sie mag keine Vampire?“, fragte der Ladenbesitzer nach.

„Ich mag keine Vampire“, gestand der Typ. Autsch!!

„Wie wäre es stattdessen mit Dämonen?“

Der Ladenbesitzer holte ein weiteres Buch aus dem Regal, das ich kannte. Ich hatte die ganze Reihe über die Dämonenjägerin gelesen. Der Fremde las konzentriert den Klappentext und überlegte kurz. Währenddessen schlenderte ich weiter in die Richtung der beiden, denn von diesem Kerl ging eine enorme Anziehungskraft aus, der ich hilflos ausgeliefert war.

„Das klingt ganz gut“, stellte er fest und sah zufrieden aus mit der Wahl. „Ich möchte, dass meine Nichte Bücher über starke Frauen liest, die ihr Drama selbst in den Griff kriegen und dafür kein gut aussehendes Monster brauchen.“

Tatsächlich wurden schon seit geraumer Zeit sämtliche Wesen, seien es Vampire, Werwölfe oder andere Monster, verharmlost dargestellt. Vampire waren immer perfekte Kerle, in die sich unschuldige Mädchen verliebten, welche ihr Leben für die ewige Liebe aufgaben. Das entsprach nicht der Realität.

Nach meiner Verwandlung war ich die ersten Jahre nachts wie ein Monster durch die Straßen gelaufen, da ich weder meinen Hunger noch meine Fähigkeiten unter Kontrolle gehabt hatte. Erst als ich gelernt hatte, das Monster in mir zu unterdrücken, hatte ich dauerhaft meine normale Gestalt annehmen können. Diese war eine perfekte Version meines alten Ichs.

Mein blondes Haar war zwar glatt, aber trotzdem voluminös und auf natürliche Art gesund. Meine Wimpern waren pechschwarz, lang und perfekt geschwungen. Meine Lippen waren voll und hatten einen schönen rötlichen Farbton. Mein Körper war nun nicht mehr nur schlank, sondern auch perfekt definiert. Die Männer drehten sich aus Lust nach mir um, die Frauen aus Neid.

Doch dieser Mann schien sich kein bisschen für mich zu interessieren. Als gelte seine Abneigung Vampiren gegenüber mir persönlich. Als er an mir vorbei zur Kasse ging, trafen sich unsere Blicke wieder für einen Augenblick. Dieser kurze Moment reichte aus. Seine Pupillen weiteten sich und ich spürte ein unangenehmes Ziehen im Bauch.

Das war ein ungünstiger Zeitpunkt, um Hunger zu bekommen, also schnappte ich meine Handtasche und verließ schnell die Buchhandlung. Ich atmete tief ein und aus und wollte dabei so schnell wie möglich weit weg von allen Menschen.

Während meiner „Auszeiten“ befand ich mich immer an einer gefährlichen Grenze. Ich zügelte mich zwar ohnehin immer, doch während dieser Zeit wollte ich so wenige Menschen wie möglich töten müssen. In diesen Zeiten reichte der kleinste Reiz, um mich auf die Probe zu stellen. Ich hatte die Wahl zwischen einem Massaker oder der Flucht. Sobald meine dunkle Seite anfing, sich an die Oberfläche zu kämpfen, konnte ich sie kaum daran hindern. Jeder einzelne Mensch animierte und provozierte sie.

„Hey!“, rief jemand hinter mir.

Ich erkannte diese weiche, tiefe Stimme sofort wieder und bremste ab. Als ich mich umdrehte, kam der Fremde aus dem Buchladen auf mich zu und hielt dabei mein Buch in die Höhe. In der Eile hatte ich es liegen gelassen.

„Hey, du hast dein Buch vergessen“, sagte er und hielt es mir entgegen.

Ich zögerte kurz, denn ich spürte deutlich die Wärme, die von seinem Körper ausging. Hätten sich unsere Finger berührt, wäre das sein Todesurteil gewesen. Er wäre innerhalb weniger Minuten tot gewesen. Ein Menschenleben war viel wert und zu diesem Menschen spürte ich eine unerklärliche Verbindung. Keinesfalls durfte er sterben, erst recht nicht durch mich.

Wortlos nahm ich das Buch entgegen, - bedacht darauf, ihn nicht zu berühren. Dabei lächelte er mich an und seine nachtblauen Augen leuchteten.

„Danke“, war alles, was ich erwidern konnte.

Sobald ich meinen Mund öffnete, legte sich der Geschmack seines Geruchs auf meine Lippen. Es war beinahe unerträglich, das Monster in mir ruhig zu halten. Ich machte einen Schritt zurück, um etwas Abstand zu gewinnen, doch er machte unbewusst einen Schritt auf mich zu.

„Der Ladenbesitzer meinte, dass du morgen wahrscheinlich eh wieder vorbeischauen würdest. Ich dachte mir aber, dass du das Buch später vielleicht gesucht hättest.“

Ich hasste es, ihn zurückweisen zu müssen, aber in diesem Moment war es die einzige Möglichkeit, ihm das Leben zu retten.

„Ja, bestimmt. Danke. Tut mir leid, aber ich muss jetzt echt los.“

Ich lächelte ihn dankend an und ging, ohne mich noch einmal umzudrehen. Das fühlte sich echt mies an. Während ich davoneilte, musste ich aufpassen, nicht zu schnell zu gehen. In meinem Zustand aufzufliegen, wäre noch gefährlicher gewesen, als die Lage ohnehin schon war.

Menschen hatten einen ganz speziellen Geruch, der sich nur schwer beschreiben ließ. So wie auch Hunde oder Pferde einen typischen Geruch hatten. Der von Menschen war eher metallisch, salzig, mit einem Hauch Süße. Er lag hier überall in der Luft und mit jedem Menschen, der an mir vorbeiging, wurde dieser Geruch noch stärker. Mein Magen verkrampfte sich, meine Zähne taten weh, meine Augen brannten und ich spürte dieses unangenehme Kribbeln in meinen Fingern.

Ich schlug einen Weg in eine abgelegene Gegend ein. Was ich für eine gute Idee hielt, stellte sich schnell als großer Fehler heraus, denn gleichzeitig mit mir erreichte eine Frau eine Unterführung, welche nur von dem Tageslicht beleuchtet wurde, das sich schwach durch die dichten Baumkronen kämpfte.

Mittlerweile war mir klar, dass es unumgänglich war. Obwohl ich noch nichts getan hatte, fühlte ich mich schuldig. Denn ich hatte mich entschieden. Sie war mein Opfer, meine nächste Mahlzeit. Mein erster Mord in einer Stadt, die ich erst vor wenigen Wochen betreten hatte.

Ich schätzte sie auf Ende zwanzig. Sie sah sportlich aus. An ihren Fingern konnte ich keinen Ring entdecken. Ich hoffte, dass ich richtig lag und sie weder verheiratet noch Mutter war. Ein schmerzfreier Tod war zwar unmöglich, aber ich konnte ihr einen schnellen Tod garantieren. Anders als andere Vampire spielte ich nicht mit meinem Essen.

Nun überließ ich mich meinem inneren Monster und gestattete ihm, die Führung zu übernehmen. Durch meine Instinkte änderte sich schlagartig meine Sicht und ich konnte sehen, wie das Blut unter ihrer dünnen Haut durch die Adern strömte. Meine Fingernägel wurden zu langen Krallen und meine Eckzähne im Ober- und Unterkiefer wuchsen um ein gutes Stück.

Als wir auf gleicher Höhe waren, warf sie mir einen flüchtigen Blick zu. Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, bis sie merkte, dass etwas nicht stimmte. Doch da war es schon zu spät.

Ich packte die Frau und drückte sie mit einer Hand gegen die kalte Wand. Die andere presste ich ihr auf den Mund, damit sie nicht schreien konnte, wobei meine Krallen tiefe Kratzer auf ihrer Wange hinterließen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. In ihnen spiegelte sich ein Monster mit pechschwarzen Augen. Für einen Rückzieher war es zu spät. Ich schlug meine Zähne in ihren Hals. Augenblicklich floss das warme Blut aus ihrer Hauptschlagader meinen Rachen hinunter und füllte meinen Magen. Der Widerstand wurde immer geringer.

Als ich von der Frau abließ, sackte der leblose Körper am Boden zusammen. Für einen kurzen Moment fühlte ich mich unglaublich stark, doch als das Monster sich wieder zurückzog, breitete sich das schlechte Gewissen aus. Dafür war jetzt jedoch keine Zeit. Ich sah mich kurz um, wollte mich vergewissern, dass mich niemand beobachtet hatte. Ich hörte und sah niemanden.

Ein Problem blieb da noch: Wie sollte ich am helllichten Tag eine blutleere Leiche beseitigen? In der Großstadt war das tatsächlich einfacher. Ein toter Obdachloser oder ein „Raubüberfall“ mit tödlichem Ende war zwar traurig, aber keine Seltenheit. Hin und wieder wurde dort nun mal eine Leiche zwischen den Müllcontainern gefunden.

Ich ließ mich neben der Toten nieder und sortierte meine Gedanken. Heute war ein beschissener Tag. Dieser Mensch hatte mich so aus der Fassung gebracht, dass ich nun hier mit einer Leiche saß. Ich warf einen Blick rüber zu ihr, um mir klarzumachen, dass das nicht noch mal passieren durfte. Dabei nahm ich etwas am Rande meines Blickfelds wahr. Ich stand auf und ging zum anderen Ende der Unterführung. Ein Gully. Schuldbewusst warf ich einen Blick über die Schulter.

„Es tut mir so leid“, dachte ich.

Das war die einzige Lösung. Ich hob den Gully-Deckel hoch und legte ihn neben dem Loch ab, woraufhin ein unangenehmer Geruch emporstieg. Der Geruch machte mir mehr zu schaffen als das schwere Gewicht. Während ich als Vampir den Gestank viel deutlicher wahrnahm, stellte die Schachtabdeckung hingegen dank meiner enormen Kraft kein Problem dar. Schnell ging ich zurück zu der armen Frau. Ab hier folgte mein Standardprozedere.

Ich ließ meine Krallen diesmal absichtlich wachsen und schlitzte der Leiche wild die Kehle auf, um meine Bissspuren zu vertuschen. Dann wühlte ich in ihrer Handtasche nach ihrem Smartphone. Ich entnahm die SIM-Karte und warf alles zurück in die Tasche. Diese hielt ich in der einen Hand, während ich mit der anderen die Leiche am Handgelenk packte und sie zu dem Gully hinter mir her zog. Zuerst warf ich die Handtasche in das Loch und dann die Frau kopfüber hinterher. Ein dumpfer Aufprall und das Geräusch brechender Knochen.

Es tat mir wirklich leid, doch jetzt musste ich einen kühlen Kopf bewahren. Ich schob den Deckel zurück an seinen Platz und schon war es, als wäre nie etwas geschehen. Es war Zeit, nach Hause zu gehen.

Als ich zu Hause ankam, dämmerte es schon leicht. Jetzt wäre die ideale Zeit gewesen, draußen unterwegs zu sein. Das Sonnenlicht war unangenehm. Je stärker es war, desto mehr brannte und spannte die Haut.

Doch heute Abend wollte ich nur schlafen. Ich hatte es zwar nicht nötig, aber es war angenehm. Als Vampir wurde einem schnell langweilig. Es war schwer, sich jede Sekunde für den Rest der Ewigkeit zu beschäftigen, um die Langeweile zu vertreiben. Manche Vampire schliefen so lange, bis es Zeit für eine Mahlzeit war, und schliefen danach weiter. Diesen Kreislauf wiederholten sie, bis sie eine andere Beschäftigung fanden. Daher kam wohl der Aberglaube, Vampire würden in Särgen schlafen.

Ich sprang unter die Dusche und schrubbte mit heißem Wasser die Negativität des heutigen Tages von meiner blassen Haut, kuschelte mich danach in mein Bett und schloss die Augen. Praktisch war, dass ich meinen Schlaf steuern konnte. Somit stellte ich meine innere Uhr auf zehn Stunden und fiel in einen traumlosen Schlaf.

Nach exakt zehn Stunden schlug ich die Augen auf. Ich rollte mich aus dem Bett, riss alle Fenster auf und atmete die schon leicht erwärmte Morgenluft tief ein.

Unten auf den Straßen kämpften die Leute sich durch den Verkehr. Berufstätige auf dem Weg zur Arbeit, Schüler auf dem Weg zur Schule, andere auf dem Weg zum Einkaufen oder zu einem Arzttermin. Das alles blieb mir seit Jahrzehnten erspart. Ich war wie jeder andere zur Schule gegangen und hatte danach eine Büroausbildung gemacht. Knapp drei Jahre später war ich ahnungslos auf meinem Heimweg einen grausamen Tod gestorben.

Nachdem ich mich an mein Vampirleben gewöhnt hatte, boten sich mir andere Möglichkeiten, mein Leben zu finanzieren. Mehr oder weniger legal. Vampire waren nicht nur blutsaugende Wesen mit übernatürlichen Sinnen, Stärke und Schnelligkeit. Wir konnten auch ein wenig Magie praktizieren. Sobald ich dadurch an Geld gelangt war, hatte ich das meiste davon gut angelegt. Meine Ausgaben waren gering, auch wenn ich Miete, Strom, Wasser, Internet und solche Dinge zahlen musste. Dafür fielen beispielsweise Kosten für Lebensmittel, Autos, Kosmetikprodukte und Medizin weg. So praktisch das auch war, ich hätte lieber ein normales Leben geführt.

Während andere schwere, wichtige Entscheidungen treffen mussten, war für mich die Zusammenstellung meines heutigen Outfits die schwierigste Entscheidung. Obwohl das eigentlich völlig egal war. Als Vampir sah man immer gut aus, solange die dunkle Seite nicht zum Vorschein kam. Daher machte ich es mir heute einfach und zog ein weißes Boho-Sommerkleid an, dazu zierlichen Goldschmuck und hohe, braune Schnürsandaletten. Eine kleine braune Wildlederhandtasche ergänzte das Ganze.

Mein Tag startete nun mit einem Spaziergang durch die Stadt. Während der Verkehr sich langsam beruhigte, öffnete ein Laden nach dem anderen. In der Nähe des Bahnhofs kam ich an einem Blumengeschäft vorbei. Die Floristin richtete gerade den Bereich vor dem Laden her. Die Gerüche waren überwältigend. Jede dieser Blumen hatte einen individuellen Geruch. Ich blieb kurz stehen und genoss diese Vielfalt.

„Entschuldigung, haben Sie schon geöffnet?“, wollte ich wissen.

Ohne sich zu mir zu drehen, sah die Floristin auf ihre Armbanduhr.

„In ein paar Minuten. Sie können sich aber gerne schon umsehen. Ich bin gleich für Sie da“, rief sie mir über die Schulter zu.

Ich machte eine Runde durch den Laden, um der Frau nicht im Weg zu stehen. Wie so oft blieb ich bei den Pfingstrosen hängen. Sie rochen wunderbar und hatten einen kräftigen Rosa-Ton.

„Gefallen sie Ihnen?“, fragte die Floristin im Vorbeigehen.

Sie trug gerade eine Pflanze nach draußen, also wartete ich mit meiner Antwort, bis sie wieder drinnen war.

„Ja, sehr. Ich würde gerne ein paar davon nehmen.“

Die Frau lächelte mich überglücklich an, schon so früh etwas verkauft zu haben, und machte sich gleich an die Arbeit, mir einen Strauß zu binden. Damit machte ich mich wieder auf den Weg nach Hause, um die Blumen in eine Vase zu stellen.

Zu Hause nutzte ich die Gelegenheit, mein Buch einzustecken und setze dann meinen Stadtbummel fort. Nachdem ich von Boutique zu Boutique gezogen war, machte ich mich auf den Weg zur Buchhandlung. In der Kinderbuchecke sah sich eine alte Frau um. Wahrscheinlich suchte sie etwas für ihre Enkel. Ich machte es mir in meinem Sessel bequem und las ein paar Stunden.

So oder so ähnlich gestaltete ich hier all meine Tage. Man könnte behaupten, dass es langweilig sei. Nachdem ich ein sehr aufregendes Leben hatte, brauchte ich diese Ruhe und Gelassenheit hin und wieder, daher war mir das momentan ganz recht so.

Knapp eine Woche später schlenderte ich wieder durch den Buchladen, um ein neues Buch auszusuchen. Als hinter mir die Glocke läutete, weil jemand den Laden betrat, reagierte ich zuerst nicht darauf. Doch dann stieg mir dieser atemberaubende Duft in die Nase. Sandelholz und Zimt. Im Augenwinkel sah ich den Fremden von neulich und musste unwillkürlich lächeln, doch er hatte mir den Rücken zugewandt und schien mich noch nicht bemerkt zu haben. Oder meine Anwesenheit war ihm egal.

Er sah sich um, bewegte sich in die hintere Ecke des Ladens, schien aber nichts Bestimmtes zu suchen. Langsam und unauffällig folgte ich ihm. Vor den Krimis blieb er dann stehen und sah sich die Bücher genauer an.

Mit Menschen sozial zu interagieren gehörte seit der Verwandlung nicht mehr zu meinen Stärken. Ich hielt mich von ihnen grundsätzlich lieber fern. Eine Bindung zu ihnen war für sie gefährlich und würde letztendlich auch mir das Herz brechen. Obwohl ich sie nicht gerne tötete, betrachtete ich sie schon seit langer Zeit einfach nur als meine Opfer. Meine Opfer musste ich nicht mit meinem Charme verführen, entweder ich tötete sie direkt oder ich setzte Magie ein, um ihren Willen zu beugen.

Trotz allem zog es mich zu diesem Menschen hin. Ich war das gefährlichste Wesen der Welt und traute mich nicht, ihn anzusprechen. Als ich nur noch knapp zwei Meter entfernt war, schloss ich meine Hand zu einer Faust und pustete leicht hinein. Passend zu seinem Duft ging von mir nun ein angenehmer Vanille-Geruch aus.

Wie erwartet weckte das seine Aufmerksamkeit. Er sah zu mir herüber und lächelte, sobald er mich erkannte. Ich lächelte zurück und strich mir verlegen eine Strähne hinter das Ohr.

„Schon wieder auf der Suche nach einem neuen Buch?“, fragte er lachend.

„Ja. Ich habe zurzeit wohl zu viel Zeit zum Lesen und verschlinge ein Buch nach dem anderen“, gab ich zurück.

„Besser als vorm Fernseher zu sitzen und eine Serie nach der anderen zu verschlingen“, stellte er fest.

„Das stimmt.“

Ich war froh, dass wir sofort auf einer Wellenlänge waren und die Situation nicht unangenehm geworden war.

„Adam“, stellte der Fremde sich vor und streckte mir seine Hand entgegen.

„Pam“, erwiderte ich und nahm seine Hand.

Seine Haut war weich und wirkte sehr gepflegt, also war er wohl nicht im Handwerk tätig. Der Händedruck war zwar kräftig, aber keinesfalls zu fest.

„Pam wie Pamela?“, fragte er nach.

Ich schüttelte den Kopf.

„Pam wie Pamina.“

Adams Augen strahlten mit jedem meiner Worte mehr.

„Ein außergewöhnlicher und sehr schöner Name“, stellte er fest und zauberte mir damit ein Grinsen ins Gesicht.

„Na dann“, sagte ich und griff nach dem erstbesten Buch, „man sieht sich bestimmt noch öfter.“

Ich wandte mich zum Gehen ab, denn es sollte schließlich spannend bleiben. Adam sollte wissen, dass ich nicht leicht zu haben war und er sich Mühe geben musste. Auch wenn er mich schon längst um den kleinen Finger gewickelt hatte. Das musste er jetzt aber noch nicht wissen.

„Das will ich doch hoffen“, erwiderte er.

Ich warf ihm über die Schulter ein Lächeln zu, das er prompt erwiderte. Schnell wandte ich den Blick ab, bevor er bemerkten konnte, dass ich ihm jetzt schon komplett verfallen war.

Als ich abends im Bett lag, hätte ich natürlich problemlos sofort einschlafen können, doch ich fühlte dieses unbeschreibliche Kribbeln in meinem Bauch. Ja, auch Vampire konnten Gefühle entwickeln. Noch ein wenig wach zu bleiben und an Adam zu denken, mit diesem Gefühl in meinem Bauch, war für mich dieses typische Nicht-einschlafen-Können, wenn man verliebt war.

Ich konnte nicht sagen, ob ich wirklich verliebt war. Dafür war es noch zu früh. Ich kannte Adam ja gar nicht. Eins stand aber fest: Ich fühlte mich zu Adam hingezogen. Obwohl ich wusste, dass das sein Todesurteil sein könnte. Bei diesem Gedanken verkrampften sich die Schmetterlinge in meinem Bauch. „Die Fledermäuse in meinem Bauch“ traf es wohl eher.

Zehn Stunden später wachte ich auf. Obwohl es noch früh war, war es schon ziemlich warm. Als ich die Vorhänge zur Seite zog, brannte die Sonne auf meiner Haut. Daher entschied ich mich heute für ein langes Kleid mit langen Ärmeln aus einem hauchdünnen Stoff. Die Sonnenstrahlen und die Hitze konnte dieser natürlich nicht aufhalten, aber zumindest traf das Licht nicht direkt meine nackte Haut.

Ich entschied mich, einen Spaziergang im Stadtpark zu machen. Wie befürchtet bot der dünne Stoff nicht mal annähernd ausreichend Schutz. Im Park war es dank der vielen Bäume immer sehr schattig, wodurch das Brennen sofort etwas nachließ, als ich dort ankam.

Ein paar alte Leute waren unterwegs und genossen die frische Luft, bevor es mittags für ihren Kreislauf zu heiß wurde. Direkt neben dem Park befand sich ein Seniorenheim, dementsprechend betagt waren die meisten der Parkbesucher. Auf einem der Spielplätze tollten Kinder umher, die alle dieselben Hüte trugen. Sie gehörten zu einer Kindergartengruppe. Das Privileg, eigene Kinder haben zu können, hatte ich bei meiner Verwandlung verloren. Diese Entscheidung - diese Erfahrung - war mir einfach verwehrt worden. Einer meiner Träume war somit geplatzt.

Als ich am Spielplatz vorbeiging, kam ich an einer Bank vorbei. Dort saß eine Erzieherin mit einem kleinen Jungen und klebte ihm ein Pflaster auf sein Knie. Er musste wohl hingefallen sein. Als ich das Blut roch, überkam mich ein gewaltiges Hungergefühl. Das Monster in mir forderte mich heraus. Das war nun schon das zweite Mal, seitdem ich in dieser Stadt war.

Ich wusste, dass ich es nicht lange aushalten würde, wenn ich noch länger unter Menschen war. Also ging ich wieder nach Hause. Dort wartete im Gefrierfach eine Blutkonserve auf mich. Diese waren leider keine gute Alternative zu frischem Blut. Sie schmeckten wie Essen, bei dem man sich nicht sicher war, ob es noch genießbar war oder ob man es nicht doch lieber entsorgen sollte. Für Notfälle war eine Blutkonserve allerdings ausreichend. Ich erwärmte sie in einem Wasserbad langsam auf Körpertemperatur. Dabei lief ich ungeduldig vor dem Herd auf und ab. Der Geruch verstärke meinen Hunger, obwohl er mit frischem Blut nicht mithalten konnte. Als es endlich die gewünschte Temperatur erreicht hatte, füllte ich es hastig in eine Trinkflasche um und trank es beinahe in nur einem Zug komplett aus.

Die nächsten Tage verbrachte ich in meiner Wohnung. Ich wollte nicht riskieren, dass mich der Hunger wieder überkam. Bevor ich mich wieder nach draußen traute, musste ich sichergehen, dass das Monster in mir gezähmt war und sich nicht an die Oberfläche drängte. Dort lauerten zu viele Reize, die es anstacheln konnten. Abseits von alldem konnte ich mich wieder fassen und akklimatisieren.

Als ich mir endlich sicher sein konnte, keine Gefahr mehr darzustellen, schnappte ich mir mein neues Buch, das leider nicht vielversprechend aussah. Immerhin war es nicht teuer gewesen. Ich begab mich zur Buchhandlung, in der Hoffnung, dort auf Adam zu treffen. Dort angekommen, sah ich mich sofort um, wurde jedoch enttäuscht.

„Sie haben ihn verpasst“, meinte der Inhaber, der hinter der Kasse auf einem Klappstuhl saß.