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Eine Frühlingsnacht in Hamburg. Die siebzehnjährigen Zwillinge David und Theresa fahren nach einer Party mit der S-Bahn nach Hause zurück. Doch der Abend nimmt eine dramatische Wendung, als sie Opfer eines Überfalls werden. Die Täter rechnen nicht mit der Wehrhaftigkeit der Geschwister und am Ende eines erbitterten Kampfes gibt es auf einem Bahnsteig vor Hamburg zwei Schwerverletzte und einen Toten. Für David und Theresa verändert sich von einem Tag auf den anderen alles... Aber dass dieser Abend nur der Auftakt ist, dass die eigentlichen Prüfungen noch auf sie warten und dass die Katastrophe erst noch bevorsteht, können sie nicht ahnen... Ein Roman über das Erwachsen-werden, über Fragen von Schuld und Vergebung und über die Kraft der Musik.
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Seitenzahl: 1005
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Prolog
Teil I
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Teil II
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Teil III
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Prolog
Die Waffe lag schwer in seiner Hand, sein Finger schwebte über dem Abzug. Eine Welle von Schmerz rollte durch seinen Körper, gefolgt vom Hass. Er würde schießen. Sein Gegenüber hatte es verdient. Das Schicksal hatte sie miteinander verkettet, zu viel war geschehen, nichts zu verzeihen, darüber waren beide hinweg. Der andere kauerte hinter der Kirchenbank. „Schieß endlich!“ hatte der Mann geschrien und das war es, was er selber wollte: Der Sache ein Ende bereiten, diesem Kerl ein Ende bereiten, dessen Leben daraus bestand, Tod und Leid in die Welt zu bringen. Es wäre ein Akt der Nächstenliebe, es zu tun, Leo hätte nicht gezögert. Warum zögerte er selbst? Zögerte er, weil er verwundet war, getroffen von zwei Kugeln aus der Waffe, die er nun auf ihren Besitzer richtete? Wurde er weich, weil er seine Kräfte schwinden spürte, während der Schmerz in großen Wellen über ihn hereinzubrechen drohte? Reichte das Adrenalin noch aus, um die Sache zu beenden? Oder würden die Polizisten schneller sein, die ihn aufforderten, die Waffe fallen zu lassen, während sie langsam den Mittelgang der Kirche herauf kamen. Würden sie auf ihn schießen?
Er riss sich zusammen. Seine Hand zitterte. Angst oder Schwäche? Er hatte nicht mehr viel Zeit, das spürte er. Sein Finger legte sich fester um den Abzug.
Da hörte er ihre Stimme dicht an seinem Ohr und fühlte ihre Hand in seinem Haar. „Tu es nicht. Du hast das Leben gewählt. Das war klug. Wirf das jetzt nicht weg. Denk an mich. Denk an Lena. Lass ihn. Lass los.“ Die Waffe in seiner Hand wurde schwerer. „Leo würde es tun“, flüsterte er. „Du bist nicht Leo“, sagte sie sanft, legte ihm die Hand auf die Schulter. Ihre Berührung gab ihm neue Kraft, durchströmte ihn, besiegte den Schmerz.
Die Waffe lag wieder fest in seiner Hand.
Die Welt stand still. Sein Finger am Abzug.
„Meine Wahl“, dachte er.
Teil I
1
Sie behielt ihre Bogenhand in der Luft, weigerte sich, die Spannung loszulassen, die im Raum hing, sich ins schier Unerträgliche steigerte. Ihre Geige schwebte in Spielposition, als wolle sie einen weiteren Satz anschließen, einfach weiterspielen, obwohl das Konzert zu Ende war. Das Publikum hielt den Atem an. Niemand wagte, die Stille durch Klatschen zu zerstören. Etwas Magisches haftete diesem Moment an, in dem Klang in Stille sich wandelte, Spannung sich entladen wollte in Applaus. Aber sie ließ es nicht zu. Noch nicht.
David atmete tief, ließ die Stille in sich hineinsinken, fühlte sein Inneres zum Bersten gespannt. Theresa hatte unfassbar gut gespielt, perfekt und doch so frei, dass ihr Spiel sie alle verzaubert hatte. Vorsichtig, um die Magie nicht zu zerstören, blickte er sich um, sah das Leuchten in den Augen, die Bewunderung der Umsitzenden. David genoss es. Das war seine Schwester, die da vorne stand, und nun langsam den Bogen sinken ließ, zuließ, dass sich die Spannung entlud im Applaus des Publikums, verhalten zunächst, doch dann aufbrausend in einem gewaltigen Crescendo bis die ersten Bravorufe ertönten und es die Menschen im Saal von ihren Sitzen riss, David eingeschlossen.
Sie suchte seinen Blick. Er strahlte sie an, fühlte Stolz, obwohl er selbst an ihrem Erfolg keinen Anteil, sondern lediglich zugehört hatte.
Theresa sandte ihrem Bruder ein Lächeln voller Dankbarkeit, dann strahlte sie das Publikum an, wandte sich ihrer Begleiterin am Klavier zu, umarmte sie und trat dann gemeinsam mit ihr an den Bühnenrand, badete im Applaus. Sie hatte allen Grund dazu.
Es war erst zwei Monate her, dass sie mit einem ersten Platz vom Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ zurückgekehrt war und nun hatte sie beim Preisträgerkonzert in ihrer Heimatstadt Hamburg erneut geglänzt und die Herzen des Publikums erobert.
„Du könntest auch da oben stehen.“ David hatte schon die ganze Zeit auf diesen Kommentar seines Vaters gewartet, der neben ihm stand und Theresa zujubelte. Aber David ersparte ihnen beiden eine Antwort, rief noch einmal „Bravo“, während seine Schwester und ihre Pianistin nach hinten von der Bühne verschwanden.
Das Saallicht flammte auf und das Publikum verließ nach und nach das Parkett, strebte den Ausgängen zu, fröhlich redend und den Abend kommentierend. Sein Vater hatte recht. Auch er selbst hätte hier heute spielen können, seine Fähigkeiten und sein Talent unter Beweis stellen und Applaus einheimsen können. Aber dafür hätte er zuvor beim Wettbewerb mitmachen müssen, und dem verweigerte er sich seit Jahren zum Leidwesen seines Vaters hartnäckig. Warum er sich verweigerte, wusste er selbst nicht genau. Er mache Musik nicht um Wettbewerbe zu gewinnen, sondern um etwas auszusagen, pflegte David zu erklären, eine gute Aussage, mit der er sein Gegenüber in der Regel zum Schweigen brachte. Vielleicht war es auch einfach nur Trotz gegenüber dem Ehrgeiz seines Vaters, der ihn gerne im Rampenlicht gesehen hätte. David spürte, dass sein Unwille bei Wettbewerben mitzumachen beständig wuchs, je mehr sein Vater ihn anflehte, es doch wenigstens zu versuchen. Er wusste, dass sein Vater es nur gut meinte. Es ging ihm nicht um sich selbst, nicht darum stolz auf seine Kinder sein zu können. Er musste sich nichts beweisen: Davids Vater war als Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper einer der geachteten Dirigenten der Republik. Er wollte ihn bestärken, wollte ihm die Möglichkeit geben weiterzukommen, zu wachsen, sich zu beweisen. David konnte nachvollziehen, dass sein Vater mit Unverständnis auf seine beständige Weigerung reagierte, ging er doch sonst keiner Auseinandersetzung und keinem Wettbewerb aus dem Wege, solange sie nichts mit Musik zu tun hatten. Vielleicht hätte er sich sogar überwunden, wenn nur sein Vater sein Drängen aufgegeben hätte. Konnte sein Vater nicht einfach damit leben, dass er es so wollte? Dass er in diesem Punkt andere Prioritäten als seine Schwester setzte? Auch wenn sie Zwillinge waren, mussten doch nicht all ihre Interessen deckungsgleich sein, fand David. Außerdem fühlte er sich mit seinen 17 Jahren erwachsen genug, allein zu entscheiden, was er wollte und tat. Susanne, seine Mutter, war in der Beziehung anders als sein Vater. Sie ließ ihn machen, stellte kritische Fragen, drängte ihn aber nie.
David verließ an der Seite seines Vaters den Saal und nahm den vertrauten Weg hinter die Bühne um Theresa zu beglückwünschen. Theresas beste Freundin Charlotte war bereits bei ihr und schien vor Begeisterung zu explodieren. Theresa blickte ihrem Bruder und ihrem Vater strahlend entgegen.
„Hi, ihr Beiden. Schön dass ihr da seid!“
„Mein Schatz, du warst einfach phänomenal, lass dich drücken“, mit diesen Worten umarmte ihr Vater Theresa und David sah, dass er feuchte Augen hatte. Dann war er selbst an der Reihe, umarmte seine Schwester und beglückwünschte sie zum Erfolg. Sie lächelte.
„Ohne dich wäre ich gestorben“, gestand sie, „Ich war so aufgeregt. Ich hatte keine Ahnung mehr, wie der erste Satz anfing. Pure Panik. Aber als ich auf der Bühne stand und dich gesehen habe, wurde ich ganz ruhig…“
„Ich weiß“, sagte David, „ich hab’s gemerkt und hab versucht, ganz ruhig zu atmen. Schön, wenn es sich übertragen hat.“
Charlotte stieß einen Seufzer aus. „Schon klar. Ihr wieder mit eurem Ninjazeugs. Diese Wir-verstehen-uns-ohne-Worte-Freakshow…“
„Bist ja nur neidisch“, neckte David.
„Ganz sicher nicht“, schoss Charlotte zurück.
Ihr Vater wurde von anderen Eltern in Beschlag genommen. Theresa und David waren das gewohnt. In der Öffentlichkeit hatten sie ihn nie für sich allein.
„So wunderbar gespielt…“, bekam David einige Gesprächsfetzen mit.
„…ist ja kein Wunder bei den Eltern…“
„… Ihre Frau ist nicht da heute? Wie schade…“
„Ach, tatsächlich? In der Royal Albert Hall? Das beeindruckt mich...“
David versuchte, die Gespräche auszublenden. Es war nicht immer leicht, berühmte Eltern zu haben. Immerhin war ihr Vater meistens in Hamburg, hatte an der Staatsoper ausreichend zu tun. Ihre Mutter dagegen war Pianistin und gab Konzerte rund um den Globus.
„Und, was machen wir jetzt noch?“ fragte Charlotte eifrig, während sie auf ihrem Mobiltelefon herumtippte, „die anderen fragen auch schon. Was trinken? Tanzen?“
Theresa schüttelte knapp den Kopf. „Wir nicht, Schatzi, müssen ab nach Hause und brav ins Bett. Morgen wird’s ernst.“
Charlotte hob den Kopf und hielt im Schreiben inne. „Morgen? Morgen habt ihr die Prüfung? Mann, habt ihr auch mal irgendwann einfach nichts?“
Theresa seufzte: „Was bitte ist nichts? Wenn’s kommt, dann immer auf einmal. Murphy’s Gesetz nennt man das, glaube ich.“
Die Prüfung, von der seine Schwester sprach, beschäftigte sie beide bereits eine ganze Weile. Wochen und Monate hatten sie trainiert, sich kaum Freizeit gegönnt und wenig Schonung. Morgen war der große Tag, auf den sie hinfieberten, den sie kaum erwarten konnten und insgeheim fürchteten. Nur ihr engster Freundeskreis gehörte zu den Eingeweihten, ansonsten war dieser Teil ihres Lebens ihr bestgehütetes Geheimniss. Seit David denken konnte, trainierte er gemeinsam mit seiner Schwester die Kunst des Ninjutsu, einer japanischen Kampfkunst, die über seinen japanischen Großvater und seine Mutter auf sie beide übergegangen war. Waren Mutter und Großvater in Kindertagen ihre ersten Lehrer gewesen, gingen sie nun seit vielen Jahren zu Mori Shintaro, einem Großmeister dieser Kampfkunst, der sein Dojo – so der japanische Ausdruck für Kampfkunstschule – in Hamburg betrieb. Morgen würden sie ihre Prüfung zum Schwarzgurt ablegen als jüngste Prüflinge unter Shintaros Schülern.
Sie verabschiedeten sich von Charlotte, sammelten ihren Vater ein und verließen die Musikhalle. Auf der Fahrt nach Hause nach Blankenese sprachen sie wenig und verabschiedeten sich in der Villa angekommen umgehend ins Bett, was ihr Vater mit einem Stirnrunzeln quittierte. Auch er schien sich nicht mehr zu erinnern, welch wichtiger Tag morgen für seine Kinder sein würde.
„Typisch“, dachte David, „wenn es um Konzerte und Wettbewerbe geht, fiebert er mit uns mit. Aber Ninjutsu hat ihm noch nie was gesagt. Was diesen Teil unseres Lebens angeht, ist er fast schon dement.“ Er wusste, dass sein Vater ihr Training zwar des Familienfriedens wegen duldete, insgeheim aber als unnötig und dem musikalischen Fortkommen hinderlich abtat. Nie sprach er seine Missbilligung offen aus, gab sich aber auch keinerlei Mühe, sie zu unterstützen. Nie fragte er nach ihren Fortschritten, nie kam er zu den gelegentlichen Vorführungen oder Feiern des Dojos, nie hatten die Zwillinge einen Glückwunsch gehört, wenn sie eine weitere Gürtelprüfung gemeistert hatten. David und Theresa hatten sich damit abgefunden. Dieser Teil ihres Lebens gehörte eben ihnen und ihrer Mutter. Dass Susanne ausgerechnet jetzt auf Konzertreise war, behagte weder David noch Theresa, war aber nicht zu ändern. Jetzt waren sie mit ihrer Aufregung allein.
„Schaffen wir das morgen?“ fragte Theresa ihren Bruder, als sie sich eine gute Nacht wünschten.
„Natürlich! Welche Frage! Wir haben hart trainiert. Wir sind gut! Das hat auch der Meister oft genug gesagt.“
„Ich weiß. Aber ich habe Schiss vor dem Saki-Test.“
„Ach quatsch. Das machen wir mit links“, David winkte ab, doch er spürte, wie unecht seine Geste war. Theresa hatte recht. Vor diesem Prüfungsteil hatte er Respekt, mehr als vor jeder anderen Herausforderung.
„Ich hoffe, du behältst recht“, murmelte seine Schwester, „schlaf gut…“
„Wohl kaum“, unkte David und verschwand in seinem Zimmer. Dort legte er bereit, was er für den morgigen Tag benötigte: den schwarzen Gi, den grünen Gürtel, den er morgen vermutlich zum letzten Mal tragen würde, ausreichend Wasser und Duschzeug. Dann zog er Jacket, Hemd und T-Shirt aus und schlüpfte aus seiner Jeans, warf alles achtlos über einen Stuhl und legte sich ins Bett. Er versuchte, innerlich ruhig zu werden und seinen Geist zu beruhigen. Es gelang erstaunlich gut. Wenn das morgen auch so klappt, sollte der Saki-Test kein Problem sein, dachte er bei sich, ließ den Gedanken aber schnell wieder aus seinem Bewusstsein verschwinden. Eine Weile starrte er an die Decke, dann übermannte ihn der Schlaf.
***
Theresa erwachte noch bevor ihr Handywecker sich regte. Sie blinzelte und lauschte ins Haus. Absolute Stille umgab sie. Sie angelte nach dem Smartphone auf ihrem Nachttisch und blickte auf die Uhr. Kurz vor sieben. Theresa wusste, dass sie nicht wieder einschlafen würde, also schaltete sie die Weckfunktion aus und stieg aus dem Bett.
„Jetzt geht’s los…“, schrieb sie ihrer Freundin Charlotte. Dann warf sie ihr Smartphone aufs Bett und ging ins Bad hinüber, das sie sich mit ihrem Zwillingsbruder teilte. Während sie unter der Dusche stand und Wasser über ihren Körper lief, spürte sie die Aufregung kommen. Der große Tag war da. Sie fühlte eine ähnliche Anspannung wie vor den entscheidenden Vorspielen beim Bundeswettbewerb in München. Heute würden sie und ihr Bruder in den Kreis der Meister ihrer Kampfkunst aufgenommen werden – vorausgesetzt sie absolvierten alle Prüfungen mit Erfolg. Es bedeutete ihr viel. Unendlich viel. Es ging ihr nicht um die Ehre, den schwarzen Gürtel tragen zu dürfen, das war es nicht. Außer ihrer Familie und ihren engsten Freunden würde das niemand je erfahren. Das Tragen des Schwarzgurtes war Anspruch mehr als Auszeichnung, das wusste Theresa. Es war eine Familiensache. Eine Familientradition. Durch ihre Mutter und ihren Großvater waren David und sie an eine der legendären japanischen Familienclans angebunden, die über Jahrhunderte die Kunst des Ninjutsu ausübten und weitertrugen. Theresa erinnerte sich noch gut daran, welche Ehrfurcht und Rührung sie empfand, als ihr Großvater sie bei einem ihrer seltenen Besuche in Japan zu den alten Schreinen und Palästen im Bergland mitgenommen hatte, wo ihre Kunst ihren Ursprung genommen hatte.
Zurück im Zimmer schlüpfte sie in bequeme Kleidung und kontrollierte noch einmal ihre Sporttasche. Nebenan im Bad hörte sie nun ihren Bruder rumoren, auch er vermutlich aufgeregt wie sie selbst. Ihr Vater schlief bestimmt noch. Ihn würden sie an diesem Samstag vermutlich gar nicht zu Gesicht bekommen. Am Nachmittag musste er in die Staatsoper und eine Vorstellung von Wagners Walküre dirigieren, die letzte in der aktuellen Spielzeit. Das war ein Kraftakt und er würde sicher bis gegen zehn schlafen. Theresa mochte ihm nicht verübeln, dass er heute nicht mit ihnen aufstand, auch wenn sie wusste, dass er ihnen trotz des Wagners Frühstück gemacht hätte, wenn es um einen Musikwettbewerb gegangen wäre. Ihr Vater konnte ihre Leidenschaft für die Kampfkunst nicht verstehen. Aber für sie war das ok. David dagegen haderte mit dieser väterlichen Gleichgültigkeit. Theresa seufzte. Oft genug war es dann ihre Aufgabe, zwischen Vater und Sohn zu vermitteln.
Sie nahm ihre Tasche mit nach unten und betrat die Küche. Ein Blick auf ihr Smartphone zeigte, dass sie genug Zeit hatten. Ihre Mutter hatte geschrieben. Sie schien ebenfalls nicht mehr schlafen zu können in ihrem Londoner Hotelzimmer, war ja auch schon eine Stunde weiter in der Zeit und wünschte ihnen alles Gute und viel Erfolg. Theresa lächelte. Sie erweckte den Kaffeeautomaten zum Leben und machte sich ein Müsli zurecht. Mit Kaffee und Müslischale bewaffnet setzte sie sich an den Tisch. David kam mit einem flüchtigen Gruß herein. Er hatte die Zeitung geholt, las im Gehen den Leitartikel, wärend er mit der anderen Hand die Kaffeemaschine bediente und sich ebenfalls ein Müsli zusammenschüttete. Wortlos setzte er sich ihr gegenüber und schob ihr einen Teil der Zeitung herüber.
„Wo ist Dad?“ fragte er nach einer halben Ewigkeit.
„Schläft noch, schätze ich“, antwortete Theresa und blickte von einem Bericht über die neusten Verwicklungen beim Bau der Elbphilharmonie auf.
„War ja klar.“
„Komm, er hat Walküre heute Abend. Kann schon verstehen, dass er da ausschläft. Gestern war es ja auch spät.“
„Ist keine Entschuldigung. Klar, dass du ihn verteidigst. Aber es ist heute nicht irgendein Samstag…“
„Eben. Konzentrier dich lieber auf das was kommt und spar dir deinen Groll für später auf.“
„Jaja.“
Theresa sah, dass Davids Augen wütend blitzten, aber er ließ es dabei bewenden und wandte sich wieder der Zeitung zu.
Sie verließen die Villa in Blankenese um neun. Bis zu ihrem Dojo benötigten sie mit dem Rad gut 40 Minuten. Das war perfekt um warm zu werden. Um zehn Uhr sollte die Prüfung beginnen.
Frühlingsluft umgab sie, als sie auf ihre Räder stiegen. Von der Elbe wehte ein leichter Wind herauf und die Luft schmeckte nach Sonne und Blüten, der Wind duftete nach frischem Grün. Es war für Hamburg erstaunlich mild an diesem Morgen.
Auf den Straßen war wenig los und sie fuhren zügig ostwärts, der Innenstadt entgegen. Als sie ihre Räder vor dem Dojo anschlossen, waren sie erhitzt von der flotten Fahrt. Sie betraten das Gebäude, in denen die Trainingsräume untergebracht waren, und strebten den Umkleiden zu. Theresa hatte die Frauenumkleide für sich, aber an den herumstehenden Taschen und der Kleidung sah sie, dass die anderen schon im Trainingsraum waren. Wahrscheinlich hatte der Meister sie früher bestellt, um den Prüfungsablauf abzusprechen.
Theresa schlüpfte in ihren Gi, den traditionellen schwarzen Anzug, und band den Gürtel, dann ging sie zum mit Matten ausgelegten Trainingsraum hinüber. Auf dem Flur traf sie ihren Bruder und sah ihm umgehend an, dass er genauso aufgeregt war, wie sie selbst. Gemeinsam betraten sie mit der traditionellen Verneigung den Raum, in dem außer dem Meister zwölf weitere Ninjas anwesend waren. Zwölf. Wie passend, dachte Theresa.
***
Dreimal klatschte Meister Shintaro in die Hände. „Dankeschön für diesen Teil und Pause!“ rief er in den Trainingssaal.
David ließ sich nach hinten auf die Matte fallen und blieb auf dem Rücken liegen, Arme und Beine von sich gestreckt. Geräuschvoll ließ er seinen Atem ausströmen, atmete tief und kontrolliert ein, suchte seinen Atem, seinen Puls und seinen Geist zu beruhigen, die im letzten Kampf gleichermaßen gefordert worden waren. Gleich dreier Angreifer mit unterschiedlichen Waffen hatte er sich erwehren müssen! Aber er hatte es mit ihnen aufgenommen, hatte sich nicht beeindrucken lassen, sondern konzentriert agiert, sie geschickt gegeneinander ausgespielt und schließlich einen nach dem anderen entwaffnet, wie es seine Aufgabe gewesen war. David war froh, dass Shintaro abgeklatscht hatte, hatte in der letzten Viertelstunde das Ende der Prüfung herbeigesehnt.
Er konnte nicht mehr. Sein Körper schrie: „Schluss jetzt. Ich habe genug.“ Fünf Stunden lang – mit einer kurzen Pause in der Mitte – hatten sie Theresa und ihn geprüft. David hatte sich nie vorher in seinem Leben einer körperlich und geistig so fordernden Prüfung unterzogen. Alle Prüfungen in den Schülergraden waren ein Spaziergang gegen das hier, von geradezu lächerlich einfachen Wettkämpfen im Schulsport ganz zu schweigen. David war fit, er verfügte über Kraft und Ausdauer. Aber heute war er an seine Grenzen gegangen – und darüber hinaus.
„Alles ok mit dir?“ frage Ben, einer ihrer Prüfer, und hielt ihm eine ausgestreckte Hand hin. David griff zu und ließ sich von ihm auf die Beine ziehen.
„Alles gut“, brummte David und strich sich die verschwitzten Haare aus der Stirn.
„Hat’s geregnet“, grinste Ben, „deine Haare sind ganz nass…“
„Sehr witzig“, entgegnete David und versuchte ein Lächeln zustande zu bringen, „ist halt ziemlich warm hier drin.“
„Spaß beiseite und herzlichen Glückwunsch. Das war eine beeindruckende Leistung. Von euch beiden.“ Ben nickte ihm anerkennend zu, wandte sich ab und ging zu den abseits stehenden Bänken hinüber, um etwas zu trinken. David sah, dass der junge Mann ein wenig humpelte und musste grinsen. Eine Schwarzgurtprüfung ging an niemandem spurlos vorbei. Nicht an den Prüflingen und nicht an den Prüfern. Natürlich achteten sie aufeinander und darauf, niemanden zu verletzten. Leichte Blessuren ließen sich jedoch nie ganz ausschließen. Ernsthafte Verletzungen dagegen hatte David weder selbst erlitten noch je bei anderen miterlebt. Sie trainierten schließlich miteinander und nicht gegeneinander.
Er blickte sich um, sah Theresa am Rande der Mattenfläche gierig aus einer Wasserflasche trinken und trabte zu ihr hinüber.
„Mann. Krass.“ Sagte sie, nachdem sie die Flasche abgesetzt hatte.
„Du warst auch schon mal origineller“, lachte David, nahm ihr die Flasche aus der Hand und trank selbst einen großen Schluck.
„Du behauptest jetzt aber nicht, dass es ein Spaziergang war“, rief seine Schwester empört, „deine Gesichtsfarbe und deine nassen Haare verraten dich!“
„Es war das heftigste, bei dem ich jemals dabei war“, sagte David und sah ihr in die Augen, „und es ist noch nicht vorbei.“
Theresa nickte und schluckte. Im gleichen Augenblick klatschte Shintaro erneut in die Hände, zum Zeichen, dass die Pause beendet war, und hieß sie alle, sich in der Mitte der Mattenfläche in einen großen Kreis zu setzen. Eine Weile schwiegen sie, dann ergriff Shintaro das Wort.
„Ihr Lieben. Herzlichen Dank an euch alle, besonders aber an unsere beiden Prüflinge, die heute eine hervorragende Leistung gezeigt haben.“
Stolz sprach aus seinem Blick, als er David und Theresa musterte, während die anwesenden Prüfer und Prüferinnen ihnen applaudierten.
„Noch nie vorher habe ich so junge und so talentierte Prüflinge in einer Dan-Prüfung gehabt und ich glaube, ihr habt heute eure persönlichen körperlichen und geistigen Grenzen nicht nur kennen, sondern auch verschieben gelernt.“ Wieder brandeten Applaus und Jubel auf. Mit einer knappen Geste stellte Shintaro die Stille wieder her.
„Wir haben heute gesehen, dass ihr nicht nur die Grundlagen beherrscht, angefangen mit den Falltechniken, den Sprüngen, den körperlichen Grundlagen wie Ausdauer und Kraft. Ihr beherrscht jetzt auch anspruchsvolle Handtechniken, Fußtechniken, Würfe, die verschiedenen Waffentechniken und die Verteidigung gegen sie. Darüber hinaus – und das erwarte ich von allen Meisterinnen und Meistern unserer Kunst, seid ihr flexibel und kreativ in eurem Kampf, wach in eurem Geist, könnt der Situation gemäß agieren und angemessen reagieren. Ihr habt heute körperliche Fähigkeiten aber auch – und das ist mir persönlich sehr wichtig – geistige Eignung, ethisches Verständnis und Klugkeit gezeigt!“ Er machte eine Pause und Wohlwollen lag in seinem Blick. David durchzog ein wohliges Gefühl von Zugehörigkeit und Zufriedenheit. Doch das währte nicht lange, als ihm bewusst wurde, dass die Prüfung noch nicht beendet war.
„Allein, ein letzter Prüfungsteil steht noch aus“, Shintaro senkte die Stimme und blickte in die Runde, „eine Prüfung müsst ihre Beiden noch bestehen, um euren grünen Gürtel gegen den schwarzen tauschen zu dürfen. Wir alle wissen, dass es der Teil der Prüfung ist, der uns am meisten abverlangt. Nicht, weil er körperlich so anstrengend ist, sondern weil es uns dort fordert, wo es am meisten weh tut, in unserem Ego. Um diesen Test zu bestehen, müssen wir unser geliebtes Ego lassen, um uns zu öffnen, für die Situation, für das Denken eines anderen. Wer von euch beiden möchte beginnen?“
David lief es kalt den Rücken herab. Jetzt galt es. Er wollte den Test bestehen. Er würde bestehen. Und doch zögerte er, seine Hand zu heben. Hatte er Angst? Natürlich nicht! Warum auch – er hatte es heute allen gezeigt. Er musste sich weiß Gott keine Sorgen machen. Er hatte es im Blut! Theresa hob langsam die Hand. „Ich kann beginnen.“
Natürlich. Wie konnte sie so abgeklärt sein, so selbstgewiss? Dafür bewunderte er seine Schwester und darauf war er gleichzeitig neidisch.
Shintaro nickte ihr zu, wies sie mit einer Handbewegung an, in die Mitte des Kreises zu treten. Theresa kniete sich hin und schloss die Augen, sammelte sich, während der Meister mit einem kurzen Stock in der Hand hinter sie trat.
David führte sich vor Augen, was jetzt geschehen würde. Der Sakki-Test war sagenumwoben und gefürchtet. Der Prüfling kniete auf dem Boden, die Augen geschlossen. Der Meister trat hinter ihn, hob den Stock, würde im nächsten Moment nach dem Knienden schlagen, welcher die Aufgabe hatte, die Absicht des Schlagenden zu erfühlen, den Moment des Schlages zu erspüren und auszuweichen. Hörte oder fühlte man den Stock kommen, so war es bereits zu spät und die Aufgabe nicht bewältigt, selbst wenn man so geschickt war, noch auszuweichen. Es kam darauf an, die Absicht zu spüren, den Moment des Schlages im Geiste zu kennen. Dazu musste man seinen Geist leeren, zum Gefäß werden, dass die Absicht des anderen auffing, seine Gedanken aufnahm.
David und Theresa hatten geübt. Hatten Gedenkenexperimente gemacht, hatten versucht, sich ohne Worte zu verstehen, allein durch die Kraft der Gedanken. Sie waren nicht überrascht gewesen, dass es ihnen untereinander gelang – schließlich waren sie Zwillinge – und hatten bald mit ihrer Mutter trainiert, was deutlich schwieriger gewesen war. Aber waren sie wirklich auf das hier vorbereitet?
Theresa saß in der Mitte, fokussierte sich. David zitterte vor Aufregung. Wie um Himmels Willen, sollte er gleich Ruhe und Fokus finden, wenn er jetzt schon vor Aufregung starb?
Auch Shintaro hielt die Augen geschlossen, den Stock erhoben. Die Sekunden dehnten sich. Auch David konzentrierte sich, leerte seinen Geist. In ihm wurde es still.
Unerwartet ließ der Meister den Stock niedersausen. David riss die Augen auf, hatte den Moment gefühlt, die Entscheidung Shintaros in seinem Geist gesehen. Ebenso seine Schwester: Zusammen mit dem niedersausenden Stock warf sich Theresa zur Seite, wo sie abrollte und verteidigungsbereit auf die Füße kam.
Die Stille war atemlos. Erst als der Meister nickte und „Bravo!“ sagte, kam Bewegung in die Umsitzenden. Unter Jubelrufen sprangen sie auf und beglückwünschten Theresa. David aber war der erste, der ihr um den Hals fiel.
Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Jetzt du“, hauchte sie, „zeig’s ihnen.“
„Na klar!“ gab er zurück, seiner selbst so sicher, wie sie es eben gewesen war. Er wusste, er konnte es. Er hatte es gespürt.
Als David wenig später Theresas Platz in der Mitte eingenommen hatte, legte sich wieder Stille und Konzentration über die Anwesenden. David spürte die innerliche Unterstützung der anderen, spürte, wie sie ihm Kraft gaben. Als der Meister ihn fragte, ob er bereit sei, nickte er, schloss die Augen, leerte seinen Geist. So oft geübt. Er wurde ruhig, fand seinen Fokus, öffnete seinen Geist für alles, was kommen würde. Doch dann kam die Stimme. „Du bist nicht bereit. Du bist nicht gut genug.“ Wütend schob David die innere Stimme beiseite, versuchte die Konzentration wiederzuerlangen. Als der Stock niedersauste, warf er sich zur Seite, wusste schon im Abrollen, dass seine Reaktion zu spät gewesen war, dass er auf einen Laut reagiert hatte, auf einen Windzug vielleicht, nicht auf das innere Wissen um den Schlag. Er hatte den Stock zwar vermieden, hatte keinen Treffer kassiert, aber dennoch versagt. Das schmeckte bitter, sehr bitter. In Abwehrstellung stand er auf der Matte, blickte den Meister an. Stille um sie herum.
Shintaro sah ihn lange an, den Stock weiterhin auf der Stelle haltend, an der David wenige Sekunden vorher gesessen hatte.
„Auch wenn ich beeindruckt bin, dass du dem Stock noch entkommen bist – du hast ihn kommen hören, nicht meine Absicht erspürt, habe ich recht?“
David nickte, fühlte Enttäuschung und blanke Wut auf sich selbst. Der Meister winkte ihn zu sich. „Probiere es noch einmal. Wenige schaffen es beim ersten Versuch“, sagte er mit ruhiger Stimme. Im Raum wurde getuschelt.
Wenige, dachte David. Ich hätte es schaffen müssen. Theresa hat es geschafft. Als sie dort saß hätte ich es geschafft. Was hindert mich jetzt?
Er wusste, dass er seine Wut jetzt kontrollieren musste. Sonst würde sie ihn hindern, die Prüfung zu bestehen. Er ließ sich Zeit, trat wieder in die Mitte, kniete sich hin. Shintaro beugte sich zu ihm, legte eine Hand auf seine Schulter und flüsterte ihm ins Ohr: „David, du bist ein wahrer Ninja. Das wissen wir alle hier. Doch nun besiege dich selbst!“ Er ließ die Hand einen Augenblick liegen und David spürte, wie ihm Kraft zufloss und Ruhe in sein Inneres zurückkehrte. Der Zorn verflog.
Dann richtete sich der Meister auf, fragte erneut, ob er bereit sei und hob den Stock.
Wieder leerte David seinen Geist, schaffte es, die Stimme, die ihn dieses Mal sehr hämisch fragte, ob er gut genug sei, ob er noch nicht genug hatte, zum Verstummen zu bringen und von einem imaginären Strom wegtragen zu lassen. Er wurde ganz still. Er hatte plötzlich das Gefühl, sich allen öffnen zu können, spürte die Gedanken der Menschen im Raum, fühlte ihre guten Wünsche, fühlte, wie seine Schwester ihm Kraft gab, fühlte sich eins mit allen, fühlte den kommenden Triumph, den Applaus, den Stolz, spürte den Moment des Schlags und warf sich erneut zur Seite. Als er auf den Füßen stand und die Augen öffnete, Jubel erwartend, blieb es still. Der Stock war noch nicht niedergegangen. Jetzt ließ ihn der Meister sinken und mit jedem Zentimeter sank auch Davids Stimmung. Er hatte versagt. Er hatte die Prüfung vergeigt. Diese letzte Prüfung. Nach allem, was er heute geleistet hatte. Er war ein Versager. Er war ein Nichts. Er spürte die Wut auflodern, hätte auf sie alle einschlagen mögen. Wer hatte sich nur so eine dämliche Prüfung ausgedacht? Hatte er nicht heute gezeigt, dass er es drauf hatte? Dass er würdig war, einen schwarzen Gürtel zu tragen? Die anderen hatten ihn in seiner Konzentration gestört. All ihre Gedanken hatten seinen Geist vernebelt. Er hätte es schaffen können, wenn er der erste gewesen wäre. David merkte, wie seine Hände zitterten vor Wut und Scham. Es blieb still im Raum. Shintaro winkte ihn zu sich. Widerwillig ging David die wenigen Schritte zu ihm hinüber, vermied den Blickkontakt zu den anderen.
Shintaro hatte den Stock weggelegt, legte David die Hände auf die Schultern und blickte ihn an. Auch wenn er es nicht wollte, die Kraft dieses Mannes ließ ihn aufschauen. Ihre Blicke trafen sich.
„David“, sagte der Meister, „ich spüre deine Enttäuschung und Wut. Sie ist verständlich, aber lass sie los, lass dich nicht von ihr beherrschen. Du hast uns heute allen gezeigt, dass du ein Meister bist. Allein, diesen letzten Schritt musst du noch gehen. Erst wenn wir Meister im eigenen Haus sind, sind wir auch Meister unserer Kunst. Wir werden diesen Prüfungsteil bald wiederholen. Dann wirst du bereit sein. Das weiß ich.“ Er sah ihm fest in die Augen. David hätte heulen mögen. Doch wie durch ein Wunder wurde er innerlich ruhiger. Als Shintaro seine Schultern losließ, löste sich auch der Kreis um sie herum auf. Theresa kam vorsichtig auf ihn zu und schloss ihn in den Arm.
***
Ein Montag Anfang Mai, kurz nach siebzehn Uhr
hallo, hallo! jemand da??
hallo marie. sitze hier rum und warte dass ich angechattet werde:-)
das hoffe ich doch! na, alles klar bei dir? was macht das internatsleben
gewöhne mich langsam echt dran. ist halt was anderes als daheim. ziemliche umstellung
das kann ich mir vorstellen. ich könnte das ja nicht. aber wenn es dir gefällt…
na, ich vermisse dich schon ziemlich!
das will ich dir auch geraten haben, liebste lena!
aber die leute hier sind auch ganz nett. und es ist einfach cool mit so vielen leuten in unserem alter zusammen zu sein, die alle musiker sind. das ist schon genial…
kann ich mir denken – eine schule voller freaks…
quatsch. die sind alle voll ok aber du musst niemandem erklären, dass du noch dein instrument üben musst oder so was. das versteht hier jeder…
gibt’s wenigstens ein paar süße typen??
JEDE MENGE
willst du mich verarschen?
was denkst du von mir? nee im ernst, du solltest mich mal besuchen kommen…
jetzt erzähl schon!
naja, da sind schon ein paar nette Typen dabei. Und gutaussehend…
ich sitze quasi schon im zug nach süden – jetzt weiß ich warum du EIGENTLICH da hin wolltest in diese gottverlassene gegend in den bergen…
naja gottverlassen sind wir hier nicht. und es ist ja nicht weit bis münchen: EXTREMSHOPPING!!!
hallo? bisher hat dir hamburg auch immer gefallen.
tuts doch immer noch, marie. aber man muss halt mal über den tellerrand schauen. also, wann wirst du dich dem abenteuer mal stellen und mich besuchen kommen?
erst will ich details zu den jungs wissen…
ein anderes mal. sorry. muss schluss machen. unsere hauslehrerin kommt grad kontrollieren ob wir auch brav hausaufgaben machen.
was du natürlich grad machst…
klar, machs gut bis bald!
machs gut und ich warte auf details!!
2
Die letzten Stunden vor einer Opernpremiere trugen etwas Magisches in sich. Michael Sander, Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper, liebte die Stimmung, die einen umgab, betörte und nicht mehr losließ, sobald man das Opernhaus durch den Künstlereingang betreten hatte. Der Zauber des ersten Mals, die Anspannung und die freudige Erwartung erfasste sie alle: Orchestermusiker, Solisten, Choristen, Statisten, Beleuchter, Bühnenarbeiter, Techniker, Garderobenpersonal und Hostessen – selbst der Hauptpförtner am Künstlereingang pflegte zu diesen Gelegenheiten eine Krawatte anzulegen und bedeutungsschwanger jedem ins Gesicht zu blicken, der Einlass begehrte.
Seit seine Kinder zehn Jahre alt waren, hatten sie ihren Vater zu fast jeder Premiere begleitet. Die beiden liebten die Oper wie er selbst und bevorzugten üblicherweise den Aufenthalt hinter der Bühne, wo sie sich mitten im Geschehen befanden, alles hautnah miterlebten: Den Trubel, die Aufregung hinter der Bühne, das ganze Weben und Wirken der großen Theaterfamilie. Es freute Michael jedes Mal aufs Neue, dass er seinen Kindern die Liebe zur Musik hatte mitgeben können. Dass die beiden eine ebenso starke Verbundenheit zur Kampfkunst, der Familientradition seiner Frau Susanne, fühlten, nahm er in Kauf, auch wenn er sie nicht verstand. Diese Seite seiner Frau, ihre „japanische Seite“, wie er zu sagen pflegte, war ihm über all die Jahre fremd geblieben, hatte manchen Streit heraufbeschworen, wenn er selbst die musikalische Förderung der Kinder als wichtiger erachtete, Susanne aber die Kampfkunst nicht vernachlässigt sehen wollte, und das obwohl sie selbst Berufsmusikerin war. Michael hatte sich in die Musikerin verliebt, in die virtuose Spielerin, in die ehrgeizige, doch sensible Person, die sich hinter dieser Musikerin verbarg. Die zweite Seite seiner Frau hatte er erst später kennen gelernt, akzeptiert, aber doch nie zu verstehen vermocht.
Seine Kinder schienen sich mit der Sicherheit von Schlafwandlern in beiden Welten zu bewegen, glänzten in ihrer Kampfkunstschule ebenso wie auf der Bühne. Besonders Theresa war als mehrfache Preisträgerin verschiedener Musikwettbewerbe der ganze Stolz ihres Vaters. Aber auch sein Sohn David war ein begnadeter Spieler und spielte als erster Oboist nicht nur im Orchester seines Musikgymnasiums, sondern auch bei manchem Projekt des Landesjugendorchesters, verweigerte sich aber standhaft jedem Musikwettbewerb, den Michael ihm vorschlug, obwohl er große Chancen gehabt hätte. Michael hatte den Verdacht, dass diese Weigerung die Rebellion seines Sohnes gegen ihn als Vater war. Und zu seinem Leidwesen fand David in seiner Mutter eine Unterstützerin, die mehr als einmal darauf hingewiesen hatte, dass jeder die Zeit bekommen müsse, die er brauche um zu wachsen.
Zu Opernbesuchen jedoch hatte er keinen von beiden je überreden müssen. David und Theresa kannten sich im Repertoire bestens aus, hatten die großen und kleinen Katastrophen auf und hinter der Bühne mitbekommen, wenn Requisiten von der Bühne in den Orchestergraben gefallen waren und die Tuba verstopften, wenn das Kleid der Operndiva kurz vor dem Auftritt einen kleinen Riss bekam und die Mitarbeiter der Schneiderei in große Nöte brachte, wenn eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn der Tenor des Abends einen Schwächeanfall erlitt und schnell Ersatz gesucht werden musste. Im Theater war immer etwas los! Einmal hatte sein Sohn den Beobachterposten hinter der Bühne aufgeben müssen: Vor einigen Monaten war mitten in einer Opernaufführung von Mozarts „Figaro“ der zweite Oboist ausgefallen – Lebensmittelvergiftung, wie sich nachher herausstellte. Kein Kollege war mehr vor Ort. Michael hatte die Chance gewittert, den Jungen weiter auf die Seite der Musik zu ziehen und hatte ihn höchstpersönlich aus der Kantine geholt, wo er in der Pause am Orchestertisch gesessen hatte, und ihn gebeten einzuspringen.
So hatte David die beiden letzten Akte gespielt – auf einem fremden Instrument, da sein eigenes zu Hause war. Obwohl er wusste, welch begabter Spieler sein Sohn war und David für seine starken Nerven bekannt war, hatte Michael doch das Herz bis zum Hals geschlagen, hatte ihn plötzliche Sorge überfallen, den Jungen zu überfordern und die falsche Entscheidung getroffen zu haben. Das Hamburger Staatsorchester war eine andere Liga als die Jugendorchester, in denen David sonst regelmäßig spielte. Doch sein Sohn hatte seine Erwartungen übertroffen, hatte phänomenal gut gespielt und nach dem Abend manches Lob der Kolleginnen und Kollegen im Orchester eingeheimst. Nicht nur David platzte schier vor Stolz, auch er fühlte den väterlichen Stolz und genoss Davids Erfolg. Michael hatte deutlich gespürt, dass dieser Einsatz den Jungen weitergebracht hatte. Seit diesem Abend übte David manchmal wie ein Besessener.
Heute Abend stand auf dem Spielplan die Premiere von Thomas Adés Oper „The Tempest“, einer zeitgenössischen Oper mit großem Orchester, ein Werk, dass Außerordentliches von seinem ganzen Ensemble verlangte, vor allem jedoch von den Sängerinnen und Sängern, deren Partien teils so anspruchsvoll gesetzt waren, dass sie weltweit nur von wenigen Künstlern beherrscht wurden. Michael Sander gelang es kaum, seine Anspannung zu verbergen, als er in Begleitung der Zwillinge an die Pförtnerloge am Bühneneingang der Staatsoper trat und den Pförtner fragte: „Sind alle da?“
Der Pförtner, stolz darauf vom Generalmusikdirektor persönlich gefragt zu werden, nickte: „Jawohl, Maestro. Es sind alle da. Und alle gesund, das ist ja das Wichtigste!“
„So ist es, Herr Hansen, dann danke ich Ihnen.“
„Da nich für, Maestro und toi, toi toi.“ Nach diesem Gespräch war Michael beruhigt und der Abend des Pförtners gerettet. Man konnte mit ansehen, wie er hinter seinem Tresen zwei Zentimeter größer wurde und als ihm Theresa auch noch ihr schönstes Lächeln schenkte, war es augenblicklich um den Mann geschehen. Er strahlte über das ganze Gesicht.
„So, ihr beiden. Ich bin dann in meiner Garderobe und ihr könnt ja schon rauf gehen“, sagte Michael Sander, als sie in das große Treppenhaus traten.
„Klar, wir kennen uns ja aus“, antwortete Theresa, drückte ihrem Vater einen Kuss auf die Wange und wünschte „Toi, toi, toi.“
David schlug seinem Vater auf die Schulter und wünschte ihm ebenfalls: „Toi, toi, toi!“
„So, dann ab mit euch“, Michael wandte sich zum Gehen. Nach altem Theaterbrauch hatte er sich für die guten Wünsche nicht bedankt, das bringt Unglück – so will es die Legende. Die Zwillinge nahmen die Treppe zur Bühne hinauf, er selbst stieg hinunter in die Kellergeschosse der Staatsoper um sein Premierenprogramm zu absolvieren. Künstler waren abergläubisch und so wich Michael von seiner Routine niemals ohne Not ab. Zuerst besuchte er die Solisten in ihren Garderoben, erkundigte sich nach dem Wohlbefinden und wechselte ein paar Worte mit ihnen. Dann sprach er mit der Intendantin, dem Regisseur und der Chordirektorin. Dann suchte er die Konzertmeisterin auf, um letzte Absprachen zu treffen. Schließlich zog sich Michael in seine eigene Garderobe zurück und ging in aller Ruhe seine Partitur durch, bevor er den Anzug anlegte. Von diesem ritualisierten Ablauf wich er niemals ab.
***
„Ah, die holde Theresa und ihr starker und unbeugsamer Bruder, Meister des unbewaffneten Kampfs und ungekrönter König der Holzbläser“, wurden sie von Heinz König, dem Inspizienten, begrüßt, der seinen Platz am Bühnenrand bereits eingenommen hatte. David erinnerte sich daran, wie er als kleiner Junge zum ersten Mal mit großen Augen auf einem Stuhl gesessen und den Inspizienten bei seiner Arbeit beobachtet hatte. Wie das Cockpit eines Flugzeugs hatte das Inspizientenpult mit seinen tausenden Knöpfen, den Bildschirmen und Anzeigen auf ihn gewirkt. Heute wusste David, dass dieser Job dem eines Piloten glich, denn der Inspizient koordinierte alle Abläufe des Opernabends: Heinz bestimmte, wann sich der Vorhang öffnete, wann welcher Darsteller zur Bühne gerufen wurde, welche Techniker wann welchen Umbau zu machen hatten, welche Lichteinstellungen an welcher Stelle im Stück zu verändern waren. Es gab kaum etwas im Verlaufe eines Opernabends, was Heinz nicht koordinierte, auslöste, managte oder zumindest wusste. Deswegen war das Inspizientenpult auch Treffpunkt aller Theaterleute vor der Vorstellung, denn hier flossen alle Informationen zusammen, hier befand sich der Umschlagplatz für den neuesten Tratsch. Heinz hörte, sah und wusste alles, kannte das Theater wie seine Westentasche und liebte es mit Inbrunst. Je nach Stimmung gerieten seine Ansagen und Einrufe über die Lautsprecher in der Kantine und den Probenräumen nüchtern wie eine Bahnhofsansage oder farbig und bunt wie die Ansagen eines Zirkusdirektors. Wenn es ihn feierlich überkam, sang er seine Ansagen schon mal wahlweise als barockes Rezitativ oder gregorianische Psalmodie. Als junger Mann war er selbst Sänger und Operndarsteller gewesen, wie David wusste, hatte aber rechtzeitig den Absprung geschafft und sich als Inspizient nun ein krisensichereres Auskommen geschaffen. Das gelang bei weitem nicht allen Solisten nach dem Ende der Karriere, das oftmals früher kam, als vorausgesehen.
„Wehre er sich“, rief Heinz in gespielter Ereiferung. Er hatte eines der Schwerter von einem Requisitenwagen genommen und vollführte einen etwas verunglückten Stich in Davids Richtung. Dieser wehrte grinsend den Schwertarm ab und antwortete mit einem spielerischen Fauststoß zum Bauch. Heinz mimte einen Volltreffer, kam dabei ins Straucheln und griff nach dem erstbesten Halt, der sich ihm bot. Leider war das der Hebel für die Betätigung des großen Vorhangs, der sich daraufhin zu öffnen begann.
„He, was macht ihr denn da?“ rief es entrüstet von der Bühne, wo die Requisiteure dabei waren, die Spielfläche auszustatten.
„Sorry“, rief Heinz zurück und schloss den Vorhang schnell wieder, „Wollte nur sicher sein, dass alles funktioniert.“ Er legte das Schwert an seinen Platz zurück, während David und Theresa ungeniert lachten.
„Bloß gut, dass der Zuschauerraum noch geschlossen ist“, gluckste Theresa.
„Ja, das wäre peinlich gewesen“, murmelte Heinz, der ganz blass wurde und den Zeigefinger in Davids Richtung erhob, „Keine Kämpfe im Bühnenumfeld! Kinder dürfen hier nicht ohne Aufsicht der Eltern spielen. Zügel dein Temperament!“
„Du klingst jetzt wie meine Schwester, Heinz“, grinste David, was ihm einen Knuff von der Seite einbrachte.
„Wenn ich nicht wäre, hättest du dich erst letzte Woche auf dem Schulhof wieder mal provozieren lassen. Du weißt mit deiner Energie einfach nicht umzugehen. Erst recht seit neulich ist es wieder schlimmer...“
„Siehst du, Heinz, das meine ich“, seufzte David, drehte sich um und trat auf die Bühne heraus, um das Bühnenbild zu begutachten. Mit halbem Ohr bekam er das weitere Gespräch mit, gedämpft nur durch die schweren Vorhänge, welche die Seitengasse mit dem Inspizientenpult vom Bühnenraum trennten.
„Oh, mein Bruder“, hörte er seine Schwester seufzen, „man muss ihn ständig vor sich selbst beschützen.“
„Außer wenn er Oboe spielt“, meinte Heinz mit einem Unterton, aus dem Ehrfurcht und Bewunderung sprachen. „Er hat einen außergewöhnlichen Ausdruck und einen wunderschönen Ton für einen 17jährigen. Denk an die Geschichte vor vier Wochen, wo er einspringen musste. Ganz cool, total musikalisch und zuverlässig. Das Orchester hat wochenlang davon gesprochen.“
„Toll spielen kann er. Aber dass du ihn toll findest, weiß ich ja. Verlieb dich gefälligst mal in Jungs in deinem Alter!“, neckte Theresa. David musste grinsen. Dass Heinz schwul war, wusste hier jeder und dass er in David verschossen war, hatte der Junge auch schon mehr als einmal vermutet. Heinz aber wies Theresas Andeutung zurück:
„Liebe Theresa, ich bin doch nicht verliebt! Naja, ich schwärme vielleicht ein bisschen für David...“, gab er zu.
„Ein bisschen ist gut… Aber das ist schon ok“, meinte Theresa. „Bin ja gewohnt, dass mein Bruder allen den Kopf verdreht – Frauen wie Männern. Und was macht unsereiner? Die hübschen Männer an der Oper sind doch alle entweder vergeben oder schwul.“
„Dein Los ist ein schreckliches, mein liebes Kind“, seufzte Heinz mit tragischem Unterton und blickte David entgegen, der sich wieder zu ihnen gesellte, um weitere Gespräche über seine Person zu unterbinden. „So, jetzt muss ich noch ein paar Dinge regeln und dann geht es los!“
***
„Das letzte Zeichen für das Große Haus. Zur Premiere von „The Tempest“: Die Damen Toda und Schwarz und die Herren Pichlmaier und Söder bitte zur Bühne. Die Damen und Herren des Orchesters, die Damen und Herren des Chores und des Extrachores und die Herren Mayer, Neumann und Sander, bitte zur Bühne. Ich wünsche allen Beteiligten ein herzliches Toi, Toi, Toi.“
Mit diesem Einrufspruch, der durch alle Lautsprecher der Staatsoper jenseits des dem Publikum zugänglichen Bereichs schallte, läutete Heinz die heiße Phase des Abends vor der Öffnung des Vorhangs ein.
David und Theresa begaben sich zu einer der Seitengassen am Bühnenrand, von wo aus sie einen guten Blick auf die Bühne hatten, vom Publikum jedoch nicht gesehen werden konnten. Nach und nach begaben sich alle Sängerinnen und Sänger auf ihre Plätze. Der Bariton Christoph Pichlmaier hatte sich bereits hinter dem alten Schreibtisch unter der grandiosen Kuppel des Bühnenbildes niedergelassen und winkte ihnen zu. Die Gastsängerin Yuki Toda, eine Freundin ihrer Mutter und eine der wenigen Sängerinnen der Welt, welche die anspruchsvolle Partie des Luftgeistes Ariel beherrschten, huschte an ihnen vorbei und nahm ihre Position hinter der Bühne ein.
Nachdem Heinz sich noch einmal mit einem letzten Blick überzeugt hatte, dass auf der Bühne alle bereit waren, rief er: „Achtung, Licht aus. Noch wenige Minuten bis zum Beginn.“ Damit löschte er alle Lampen hinter der Bühne – mit Ausnahme der Notbeleuchtung im Bühnenhinterraum. Es wurde still, selbst die Techniker in der Seitengasse neben David und Theresa wagten nicht, ihr Gespräch fortzusetzen. Durch den schweren Vorhang hörten sie das Stimmen des Orchesters, dann brandete Applaus auf. Über einen Monitor hinter der Bühne sah David, wie sein Vater den Orchestergraben betrat und seinen Platz vor dem Orchester einnahm, sah wie er der Konzertmeisterin die Hand schüttelte, wie er sich zum Publikum umwandte und verbeugte, Dann drehte er sich schwungvoll um, blickte sein Orchester an und hob den Taktstock. Der Applaus erstarb und absolute, gespannte Stille erfüllte den Saal. Die Zeit schien still zu stehen, das Universum hielt für einen Moment den Atem an. Ein kostbarer Augenblick reiner Präsenz, dachte David, der die Minuten so einzigartig machte, bevor der erste Ton erklang, bevor sich der Vorhang zum ersten Mal zu einem neuen Stück hob. Mit fast unhörbar leisen Streicherklängen begann die Oper.
***
Das Publikum feierte das Ensemble, den Komponisten, das Orchester und seinen Dirigenten mit Standing Ovations. Der Jubel brach los, unmittelbar nachdem der Schlussakkord verklungen war. Auch David und Theresa in ihrer Seitengasse stimmten in den Jubel des Publikums ein. Vor allem Yuki Toda hatte David tief beeindruckt, die ihre schwindelerregend anspruchsvolle Partie mit solcher Leichtigkeit verkörpert hatte, dass es ihm fast unmenschlich vorkam. Was Yuki im Laufe des Abends geleistet hatte, grenzte an ein Weltwunder. Das hatte offensichtlich auch das Premierenpublikum verstanden, denn Yuki wurde mehrfach auf die Bühne gerufen, strahlte mit den Scheinwerfern um die Wette und genoss den Applaus und die Bravorufe der Zuhörer.
Nach der Aufführung schloss sich nahtlos die traditionelle Premierenfeier in der Kantine an, zu der auch David und Theresa bleiben durften. Es herrschte bereits ausgelassene Stimmung, als die Geschwister zusammen mit Heinz, dem sie beim Aufräumen seines Arbeitsplatzes behilflich gewesen waren, die Feier betraten. Die Anspannung der Vorbereitungen, die vielen Proben, die Nervenzusammenbrüche und Tränen, die es im Vorfeld jeder Aufführung gab, lagen nun hinter dem Ensemble, im Jubel des Publikums hatten sie die Bestätigung erfahren, für die sie Mühen und Arbeit auf sich genommen hatten. David und Theresa gesellten sich zum Orchester, stießen mit ihrem Vater auf den gelungenen Abend an und genossen den Trubel. Es war bereits kurz vor Mitternacht, als Yuki aufgab: „David, Theresa, ich bin so müde. Ich muss ins Bett. Ich muss irgendwie heim fahren.” David nickte ihr zu.
“Das verstehe ich völlig. Paps wird vermutlich noch eine Weile bleiben müssen. Aber wir sollten auch schlussmachen und dich mitnehmen. Du wohnst bei uns, oder?“
„Ja genau. Das wäre ja supernett. Ich kenne mich mit den U-Bahnen nicht mehr so aus. Zu lange her seit dem letzten Mal…“
“Kein Problem“, bestätigte auch Theresa, „ich sage schnell Papa Bescheid und dann rauschen wir ab.“
3
Die S-Bahn leerte sich, je weiter sie aus der Innenstadt heraus fuhren. Yuki saß zurückgelehnt auf ihrem Sitz, schien fast schon zu schlafen, auch Theresa döste vor sich hin. David blickte auf sein Smartphone, chattete erst mit Katharina, dann mit Carl, um sie über den Verlauf des Abends zu informieren. Der Zug stoppte im Bahnhof Altona. Noch fünf Stationen bis Blankenese, ihrem Zielbahnhof.
Aus dem Augenwinkel sah David die drei Jungs in die Bahn steigen. Er blickte kurz auf, seine Müdigkeit verflog umgehend: Die drei sahen nach Ärger aus. Er kannte solche Typen, denen man schon von Weitem ansah, dass sie Streit suchten. Ihre Körperhaltung, ihr Blick, ihr raumgreifendes Verhalten, alles an ihnen schrie Verachtung für ihre Umwelt und uneingeschränktes Selbstvertrauen in die Welt hinaus. Normalerweise ging David solchen Typen aus dem Weg, doch das war hier in der Bahn nicht möglich. Die drei hielten sich an der Tür auf und blickten sich um. Unauffällig beobachtete David die Jungs. Sie wirkten teuer gekleidet, keine Vorortschläger, sondern Wohlstandskinder auf Drogen. Er hatte solche Typen als unberechenbar und gefährlich erlebt, ging ihnen doch jede Zurückhaltung und Vorsicht ab. Sie lebten nach dem Motto: Im Ernstfall wird es Daddys Brieftasche schon richten. David schätzte die Jungs auf 19 oder 20 Jahre. Die S-Bahn hatte sich in ihrem Umfeld mittlerweile bis auf ein älteres Ehepaar, einen jüngeren Mann mit Sporttasche und einen Mann in mittlerem Alter im eleganten Business-Outfit geleert. Im Ernstfall würden sie kaum Hilfe erwarten können und dieser Ernstfall schien einzutreten, denn die drei blickten jetzt unverhohlen in ihre Richtung, während die Bahn wieder Fahrt aufnahm und eine weitere Station hinter sich ließ. Mit einem Grinsen, in dem sich Vorfreude und Hohn mischten, stiefelten die drei auf sie zu.
“Theresa”, zischte David, “wir bekommen Besuch.”
Seine Schwester öffnete die Augen, erkannte umgehend den Ernst der Lage und richtete sich in ihrem Sitz auf.
“Na, so spät so allein unterwegs? Ohne Mami und Papi?” sprach sie der mutmaßliche Anführer an.
“Ja, wir können schon allein S-Bahn fahren, stell dir vor”, antwortete David. Theresa warf ihm einen warnenden Blick zu.
“Halt die Fresse, du kleiner Scheißer und reich mir dein Handy rüber”, rief der Typ, laut genug um die Aufmerksamkeit der anderen Mitfahrer auf sich zu lenken.
“Genau, ihr Ratten, Geld her und Handys her”, blaffte der zweite.
David sah, wie das ältere Ehepaar aufstand und sich außer Sichtweite einen anderen Platz suchte. Der junge Mann mit der Sporttasche setzte Kopfhörer auf und schaute aus dem Fenster. Nur der Business-Mann reagierte und beobachtete aufmerksam, was geschah.
Yuki erwachte mit einem Ruck und blickte verstört zu den drei Typen auf. David bemühte sich, Ruhe zu bewahren, obwohl ihre Lage ungünstig war. Die Gegner waren in der Überzahl – drei gegen zwei, denn Yuki konnte kaum ernsthaft etwas zu ihrer Verteidigung tun.
Die drei sahen kräftig aus – David vermutete eine Vorliebe für Krafttraining – waren mindestens zwei Jahre älter als seine Schwester und er und mindestens einen Kopf größer.
“Hört mal, Jungs”, sagte Theresa, “Lasst den Scheiß und setzt euch irgendwo hin. Wir wollen keinen Ärger. Ok?” Die drei lachten hämisch.
“Habt ihr gehört, Leute?” meinte der dritte, “die Schlampe will keinen Ärger.”
“Pass auf, was du sagst!” David sprang auf, ballte die Fäuste. Im gleichen Moment war ihm klar, dass seine Reaktion falsch war.
“Wow, wow, wow. Da kriege ich aber Angst, Kleiner”
“David, setz dich hin”, zischte Theresa und er wusste, dass sie Recht hatte. Er hatte sich provozieren lassen und genau das war es, worauf solche Typen warteten.
“N’Abend. Was ist hier los?” fragte jetzt eine Stimme hinter den drei Jungs. “Gibt es Ärger?”
Es war der Anzugmann, der sich forsch zwischen den drei Typen hindurch drängte und sich zwischen sie stellte.
“Alles ok?” fragte er David, Theresa und Yuki und wandte sich, ohne eine Antwort abzuwarten, an die drei Jungs: “Ich habe alles mit angehört. Ihr habt den Dreien gedroht und Handys und Geld gefordert. Das ist versuchter Raub. Ich habe bereits die Polizei verständigt.”
„Alter, halt dich da raus. Sonst schlag ich dich krankenhausreif.“
„Das würde ich lassen, junger Mann. Das gibt nur mehr Jahre im Gefängnis.“
Der Mann blieb sachlich und ruhig. Für David völlig überraschend, schien sein Auftreten Wirkung zu zeigen. Zwar brüllte der Anführer: „Fick dich, Opa!“ Doch dann zogen sich die drei zurück, postierten sich wieder an der Tür und warfen drohende Blicke herüber. Mit dieser Wendung hatte David nicht gerechnet.
“Vielen Dank! Sie haben uns gerettet”, flüsterte Yuki dem Mann zu. “Keine Ursache”, winkte er ab, “die dürfen nicht glauben, dass sie sich alles erlauben können.”
“Ja, vielen Dank” sagte auch Theresa. “Wenn Blicke töten könnten, würden wir vier jetzt auf der Stelle umfallen.”
“Ja”, meinte der Mann, “und deswegen würde ich vorschlagen, dass wir an der nächsten Haltestelle zusammen aussteigen. Ich habe die Polizei dahin bestellt. Müsst ihr noch weit?”
“Nein, nein”, entgegnete David. “Noch drei Stationen.”
“Da nehmen wir ein Taxi”, fügte Yuki hinzu.
“Ach Blödsinn”, meinte David, “wie fahren weiter. Die werden schon brav sein, die drei. Sind halt doch nur bellende Hunde. Die beißen nicht.”
”Da wäre ich mir nicht so sicher”, warf Theresa ein. “Ich bin auch dafür, auszusteigen, ehe sich die drei das anders überlegen und wieder rüberkommen.”
Der Zug wurde merklich langsamer und fuhr in die nächste Station ein.
“Abstimmen?” fragte Theresa und blickte David an, “Oder gibst du dich gleich geschlagen?”
“Gebe mich geschlagen”, murmelte David missmutig, während die Bahn zum Stehen kam. Sie standen auf, liefen ein Stück nach vorne, verließen die Bahn und traten hinaus auf den Bahnsteig. Sie schienen die Einzigen zu sein, die den Zug an dieser Station verließen. Aber sie täuschten sich. Während sich die Türen mit einem unangenehmen Piepsen wieder schlossen, stiegen im letzten Moment noch drei Fahrgäste aus.
“Nein”, entfuhr es Theresa: Es waren die drei Jungs.
Während die Bahn weiterfuhr, sah David die Drei in aller Ruhe näherkommen. Der Anführer setzte ein Grinsen auf, das Unheil verkündete und schlug sich demonstrativ mit der Faust in die Handfläche. Die anderen hielten sich in seinem Windschatten, hatten die Arme vor der Brust verschränkt, ihre Mienen finster und entschlossen.
“So, jetzt reicht’s mir aber, jetzt gibt es Ärger”, sagte der Businessmann mit drohender Stimme, drückte David seinen Aktenkoffer und die Anzugsjacke in die Hand und ging den Dreien entgegen.
“Was hat er vor?” fragte Yuki voller Sorge, die David teilte: Der Mann wirkte nicht so, als habe er Erfahrung im Straßenkampf. Theresa rief ihm hinterher: “Lassen Sie lieber. Lassen Sie‘s gut sein. Wir gehen einfach…”
“Na, Meister”, sagte der Anführer, als der Anzugmann ihm gegenüber stand, “was soll das werden?”
Ohne ein Wort holte der Mann aus und schlug einen sauberen rechten Haken. Er traf den Anführer, der so überrascht war, dass er strauchelte und zu Boden ging. Yuki stieß einen spitzen Schrei aus, David ließ überrascht die Tasche und das Jackett fallen. Sein Puls beschleunigte sich, er roch den Ärger, der in der Luft lag.
“Worauf wartet ihr, ihr Säcke, kauft ihn euch”, rief der Anführer seinen Kumpanen zu, die unschlüssig herumstanden und rappelte sich auf. Zu zweit gingen sie auf den Anzugträger los, traktierten ihn mit Schlägen und Tritten, während der dritte mit der Kamera seines Handys filmte, wie der Mann zu Boden ging.
“Scheiße”, presste Theresa hervor. “Yuki, versteck dich! Am besten da hinten! Wir kommen gleich wieder!”
“Genau, aus dem Schussfeld”, rief David und rannte los, Theresa dicht auf den Fersen. Sie mussten ihren Retter retten, ihn vor den Angriffen seiner Widersacher schützen. Der Mann lag am Boden, hielt seine Hände schützend über den Kopf, während die drei immer und immer wieder auf ihn eintraten.
Mit einem Kampfschrei stürzte sich David auf den Anführer, setzte einen Kick an, traf gut, ließ ihn zu Boden gehen. Theresa griff den zweiten an, Schlag folgte auf Tritt, ihr Hebel setzte den Typen außer Gefecht, dann wandte sie sich dem dritten zu, der sein Handy hastig in der Tasche seiner Jeans verschwinden ließ. David sah, dass er den Anführer gut getroffen hatte. Er sah Schmerz im Gesicht seines Gegners, Wut, Hass, den Wunsch nach Vergeltung. Der Anführer kam wieder auf die Füße, stürzte sich auf David. Er wich zur Seite aus, nutzte die Kraft des Gegners zum Wurf, beförderte ihn abermals zu Boden. Ein zweiter Angreifer packte ihn von hinten. David wirbelte herum, wehrte einen Schlag ab, bekam ein Handgelenk zu fassen, hebelte. Sein Gegner schrie vor Schmerz auf, ging zu Boden. Theresa führte derweil auf der Bahnsteigmitte einen Kampf gegen den Dritten im Bunde, der anscheinend Karate konnte und ihr Paroli bot. David wollte ihr zu Hilfe eilen, doch er wurde selber angegriffen: Der Anführer schnaubte vor Wut und Hass, kam drohend näher.
“Du kleines verficktes Arschgesicht, du bist tot! Du bist so gut wie tot!”
David schlug das Herz bis zum Hals, zu zweit gingen sie jetzt auf ihn los. Fäuste und Tritte drangen auf ihn ein. David parierte, ließ ins Leere laufen, wich aus, konterte, täuschte seine Gegner, tauchte unter ihrem Angriff hindurch, verwirrte sie durch schnelle Stellungswechsel. Die beiden hatten Erfahrung, verfügten über Kraft, ihre Wut machte sie rasend, aber David war schneller, einfallsreicher und verfügte über die bessere Technik. Ein Fehler des Einen reichte ihm, um diesen mit einem Hebel aus der Angriffsbahn zu werfen. Der Typ strauchelte, David setzte mit einem Tritt nach, schleuderte ihn mit Wucht gegen einen Pfeiler. Dort sackte er zusammen und blieb bewusstlos liegen. Direkt neben dem Businessmann, der dort ohnmächtig am Boden lag.
Theresa hatte mittlerweile ihren Kontrahenten zu Boden gebracht und hielt ihn dort mit einem Haltegriff in Schach. Er stöhnte vor Schmerz, während Theresa zu David hinüber blickte. Sie schrie auf. “David, er hat ein Messer!”
David wirbelte herum, sah das Messer, sah den Stich kommen, wich in letzter Sekunde zurück, doch sein Gegner schien das geahnt zu haben, setzte nach, ließ die Klinge durch die Luft gleiten und traf ihn rechts unterhalb der Brust, riss ein Loch in Hemd und T-Shirt und schnitt ihm ins Fleisch. David schrie auf, Schmerz durchzuckte ihn, Blut rann warm an seinem Körper herab. Er versuchte, es zu ignorieren, brachte sich mit einem kühnen Sprung samt Rolle aus der unmittelbaren Gefahrenzone in Sicherheit. Aber der Kerl witterte den Sieg, folgte David, ein weiterer Angriff rollte auf ihn zu. David ließ ihn herankommen, sah wie der andere zielte, sah die Klinge auf seinen Bauch gerichtet, sah den Impuls zum Angriff. David schnellte vor, nahm den Messerarm in einer schnellen Bewegung seines Armes auf, rotierte ihn, fing ihn unter der Achsel, führte zwei schnelle harte Schläge zum Wangenknochen seines Gegners. Er traf gut, schockte den Gegner, entwaffnete ihn. Mit dem Fuß trat David das Messer weit von sich. Es schlitterte über den Bahnsteig, flog hinab auf die Schienen.
Doch der Kerl wehrte sich, Hass machte ihn stark. Er bekam David zu fassen, schlug ihn, traf die Wunde an der Brust. David schnappte nach Luft, als ihn der Schmerz durchzuckte. Der Typ packte ihn mit beiden Händen am Hemd, zog und schob ihn in Richtung der Bahnsteigkante. Er nutzte seine Kraft, wusste nun um Davids Können, gab sich keine Blöße mehr. David wehrte sich, versuchte sich zu befreien, es gelang ihm nicht, Verzweiflung ergriff ihn, es gab kein Entkommen. Immer näher kam die Bahnsteigkante, immer näher die Gleise. In der Ferne tönten Polizeisirenen. Endlich!
“Der Zug, der Zug!” rief Theresa in Panik. Aus den Augenwinkeln sah David die S-Bahn. Er schwitze. Wenige Sekunden trennten ihn vom Tod. David sah es in den Augen des anderen. Er sah in einen Abgrund. Dann ließ er sich fallen. Keine Entscheidung, bloßer Reflex. Zentimeter vor der Bahnsteigkante. Die Bahn hupte wild. Der andere, zu überrascht, um zu reagieren, strauchelte, fiel nach vorne. David schützte sich, indem er ihn mit herabzog, seine Bewegung aufnahm und mit seinem rechten Bein verlängerte, ihn über sich schleuderte. Er fiel direkt vor die Bahn. Das Geräusch des Aufpralls würde keiner der Anwesenden je wieder vergessen können.
***
Die Welt um ihn herum versank in Grau. Ein Schleier lag über allem, ließ Bewegungen gefrieren, dämpfte Geräusche, Stimmen. Eine Blase, ein Nebel hielt ihn gefangen. Niemandem gelang es einzudringen. Die Wirklichkeit um ihn herum bewegte sich wie ein Schemen, alles um ihn herum geschah in weiter Ferne: Theresa, ein Notarzt, Polizisten, Sanitäter; sie agierten hinter einer unsichtbaren Mauer.
Er kauerte auf dem Boden, starrte auf die Stelle, wo der andere von der Bahn erfasst worden war, hörte den Schrei, den Aufprall, immer und immer wieder.
Der Notarzt kam, sprach ihn an, Theresa übernahm es zu antworten – David vermochte nicht zu reagieren. Nichts drang in sein Bewusstsein vor. Er spürte keinen Schmerz. Er fühlte seinen Körper nicht, nicht das Blut, nicht die Wunde, nicht wie man ihn auf eine Trage bettete, Hemd und Shirt auszog um die Wunde versorgen zu können. Ein einziger Gedanke beherrschte sein Bewusstsein: Er hatte einen Menschen getötet. Er hatte ein Leben ausgelöscht. Er begann zu zittern, fröstelte, kämpfte dagegen, die Besinnung zu verlieren. Er spürte einen kleinen Einstich am Arm, hörte die beruhigende Stimme seiner Schwester, dann wurde es dunkel um ihn.
***
