Dunkles Wasser - Heller Mond - Wolfgang Ommerborn - E-Book

Dunkles Wasser - Heller Mond E-Book

Wolfgang Ommerborn

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Beschreibung

Die Handlung des Romans spielt in China im 16. Jahrhundert während der Ming-Zeit (1368-1644). Geschildert wird, wie Li Zhuowu von einem mehr oder weniger angepassten Mitglied der Gesellschaft zu einem radikalen Außenseiter wird, der eine Karriere im Staatsdienst aufgibt und schließlich, nach mehreren Schicksalsschlägen, die ihn fast zerstören, seine Familie verlässt und seinen eigenen Weg geht. Dieser Schritt markiert seine Entwicklung zu einem konsequent individualistischen und kritischen Denker, der die als orthodox geltende Strömung innerhalb des Konfuzianismus und ihren Anspruch auf Allgemeingültigkeit rigoros ablehnt und attackiert. Zugleich prangert er die übliche Glorifizierung geistiger Autoritäten im Konfuzianismus an und betont, dass der Maßstab für das richtige Denken und Handeln in jedem einzelnen Menschen natürlich vorhanden ist und schließlich auch nur dort individuell gefunden werden kann. Beeinflusst wird er in seinem Denken von buddhistischen, daoistischen und vor allem konfuzianischen Strömungen, die im Gegensatz zur Orthodoxie stehen. Außergewöhnlich und seiner Zeit weit voraus sind auch seine Vorstellungen zur Bedeutung und Rolle der Frau, die im patriarchalischen Denken des konfuzianischen China und seiner festgefügten patriarchalischen Gesellschaftsordnung ausgesprochen provokativ wirken. Der Roman beschreibt, wie Li Zhuowu immer wieder aufgrund seiner Lehren und seiner Haltung in Konflikt mit konfuzianischen Gelehrten und den von konfuzianischen Beamten geführten staatlichen Behörden gerät, bis er schließlich als für Staat und Gesellschaft gefährlicher Ketzer angeklagt wird und seinem Leben auf dramatische Weise im Gefängnis selbst ein Ende setzt.

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Seitenzahl: 531

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Wolfgang Ommerborn

Dunkles Wasser - Heller Mond

Das Leben des Philosophen Li Zhuowu

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorbemerkung

Kapitel 1: Prolog

Kapitel 2: Die Jahre 1536-1552

Kapitel 3: Das Jahr 1552

Kapitel 4: Die Jahre 1563-1565

Kapitel 5: Die Jahre 1565-1573

Kapitel 6: Das Jahr 1574

Kapitel 7: Die Jahre 1577-1586

Kapitel 8: Die Jahre 1587-1602

Kapitel 9: Das Jahr 1602

Glossar

Impressum neobooks

Vorbemerkung

Dieser Roman wurde von dem außergewöhnlichen, durch Höhen und Tiefen geprägten Leben des in der Ming-Zeit (1368-1644) wirkenden chinesischen Philosophen Li Zhi (1527-1602) inspiriert, der hier unter seinem Pseudonym Li Zhuowu in Erscheinung tritt. In seinem Leben und Denken spiegelt sich der Konflikt und die Zerrissenheit zwischen den konventionellen Verpflichtungen gegenüber der Familie, der Gesellschaft und dem Staat einerseits und dem Drang nach konsequenter Selbstverwirklichung des Einzelnen andererseits im Kontext des vorherrschenden konfuzianischen Systems in aller Deutlichkeit wider.

Li Zhuowu war ein individualistischer und kritischer Denker, der die zu seiner Zeit als orthodox geltende und das Geistes- und Gesellschaftsleben dominierende Strömung innerhalb des Konfuzianismus und ihre zeitgenössischen Anhänger mit scharfer Zunge attackierte. Zwar hatte auch er eine traditionelle konfuzianische Ausbildung durchlaufen, sogar Ämter in der staatlichen Administration ausgeübt, sympathisierte aber gleichzeitig mit buddhistischen und daoistischen Vorstellungen. Den herrschenden Dogmatismus und seinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit lehnte er rigoros ab. Zugleich prangerte er die Glorifizierung geistiger Autoritäten an, von denen behauptet wurde, dass nur sie den Weg zur Wahrheit aufzeigen würden. Li Zhuowu betonte hingegen, dass der Maßstab für das richtige Denken und Handeln in jedem einzelnen Menschen natürlich vorhanden ist und schließlich auch nur dort individuell gefunden werden kann. Beeinflusst wurde er dabei auch von konfuzianischen Strömungen, die im Gegensatz zur Orthodoxie standen und darum vielfach als ketzerisch inkriminiert wurden. Außergewöhnlich und seiner Zeit weit voraus waren zudem seine Vorstellungen zur Bedeutung und Rolle der Frau, die im patriarchalischen Denken des konfuzianischen China und seiner festgefügten patriarchalischen Gesellschaftsordnung ausgesprochen provokativ wirkten. Immer wieder geriet er aufgrund seiner Lehren und seiner Haltung in Konflikt mit konfuzianischen Gelehrten und den von konfuzianischen Beamten geführten staatlichen Behörden. Als für Staat und Gesellschaft gefährlicher Ketzer angefeindet und angeklagt, endete sein Leben schließlich auf dramatische Weise in einem Gefängnis der kaiserlichen Hauptstadt Beijing.

Der Roman stellt keine exakte Biographie Li Zhuowus dar. Er folgt wichtigen und charakteristischen Phasen und Begebenheiten seines Lebens, wobei Phasen und Begebenheiten, die für die Handlung dieses Romans nicht relevant oder von sekundärer Bedeutung sind, ausgeklammert bleiben. Die authentischen Ereignisse, die geschildert werden, sind durch Biographien über Li Zhuowu bzw. seine Autobiographie oder andere, meist von Zeitgenossen vorgenommene Beschreibungen dokumentiert, wie z.B. die Schicksalsschläge innerhalb seiner Familie oder der Bruch mit seiner Frau und Tochter, wiederum andere sind Fiktion, wie z.B. die Begegnung mit den Piraten oder seine Liebesbeziehung zu einer jüngeren Frau. Aber auch die fiktiven Darstellungen orientieren sich nach Möglichkeit an die den Quellentexten zu entnehmenden Angaben hinsichtlich der Charaktereigenschaften und der Lebensweise dieses Mannes.

Kapitel 1: Prolog

Die Verhaftung

逮捕

Zeit des Frühlingsfests im 30. Jahr der Regierung des Kaisers Wanli (Anfang Februar 1602).

Die beiden Männer betraten vom dunklen Hof kommend das einstöckige Gebäude, gingen in einen gedämpft beleuchteten Raum und ließen sich einander gegenüber an einem flachen Tisch nieder. Ein Krug mit warmem Reiswein und zwei Becher standen bereit. Der Raum bestand vor allem aus Regalen, die mit dicht aneinandergereihten oder übereinandergestapelten Büchern und Dokumenten vollgestopft waren. Die Regale, ebenso wie die anderen Möbel, zwei Tische, Stühle und ein mit kunstvollen Schnitzereien verzierter offener Schrank, in dem eine Sammlung kostbarer Jadefiguren den Blick auf sich zog, waren aus rötlich-dunklem Rosenholz. An den Wänden hingen Rollbilder mit Kalligraphien und Landschaftsmalereien. Letztere zeigten steil emporragende und wolkenverhangene Berge, Wasserfälle, die von Bergwänden in einen See hinabstürzten, bizarr und knorrig geformte Bäume, wilde Felsformationen, winzige Menschen, die in den gewaltigen Naturszenen verloren wirkten, und Vögel, die am weiten Himmel davonflogen. Vor einem der holzvergitterten Fenster standen zwei große Keramikvasen mit blauen Drachen- und Wolkenmustern auf weißem Hintergrund. Die Männer nippten an ihren Trinkschalen. Der warme Wein tat ihnen gut, denn als sie den breiten Hof durchquert hatten, war ihnen ein eisig schneidender Wind entgegengeschlagen. Und der Ofen, der in einer Ecke stand, war erst kurz vorher von einem Diener angezündet worden. Es war darum noch kühl in dem Raum.

Der eine der beiden Männer hieß Li Zhuowu. Er wurde in diesem Jahr fünfundsiebzig Jahre alt und machte einen erschöpften und gebrechlichen Eindruck. Obwohl von großer Gestalt, wirkte er klein, so gebeugt und zusammengekauert hockte er vor seinem Becher. Sein ernstes, von einem bewegten Leben gezeichnetes Gesicht war aschfahl, der Kopf kahlgeschoren. Er sah hager aus, wie ein asketischer buddhistischer Mönch. Aber in seinen Augen konnte man noch das Feuer ahnen, das ihn einmal erfüllt und angetrieben haben musste. Der andere war etwas mehr als zehn Jahre jünger. Er hieß Jiao Ruohou, war von untersetzter Gestalt, mit einem glatten runden Gesicht, und hatte lange als Beamter im Personalministerium in der kaiserlichen Zentralregierung gearbeitet, bis er vor einem Jahr auf eigenen Wunsch in den Ruhestand getreten war. Das Haus, in dem sich die beiden Männer aufhielten, gehörte ihm. Es lag in Tongzhou, einer Stadt östlich der Hauptstadt, die das nördliche Ende des Kaiserkanals markierte.

„Geht es dir jetzt wirklich besser, Zhuowu?“ fragte Ruohou seinen Freund.

„Wie ich dir schon gesagt habe, ich fühle mich noch immer müde. Aber ich spüre, dass es besser wird. In der letzten Nacht habe ich zum ersten Mal seit langem gut schlafen können.“

Gestern war er am späten Nachmittag in Tongzhou angekommen, nachdem er mehrere Monate unterwegs gewesen war. Die Reise in den Norden im Winter erwies sich als äußerst strapaziös und schwierig. Doch er hatte keine andere Wahl gehabt.

„Du hast es hierher geschafft“, bemerkte Jiao Ruohou, „wir können davon ausgehen, dass du bei mir in Sicherheit bist. Die Behörden werden nicht erfahren, dass du dich hier versteckst.“

„Hoffen wir es“, erwiderte Li Zhuowu, „du weißt, in Macheng konnte ich nicht mehr bleiben, nachdem die Kreisbehörde dort herausgefunden hatte, wo ich mich die letzten Jahre verborgen gehalten habe. Sie standen kurz davor, mich zu verhaften. Es war wirklich knapp.“

„Darum ist es auch gut, dass du jetzt hier bist, auch wenn die Reise für dich sehr anstrengend war.“

„Manchmal habe ich geglaubt, dass ich es nicht schaffen würde.“

„Aber das hast du. Und den ganzen Weg über bist du nicht entdeckt worden.“

Li Zhuowu nickte.

„Bestimmt“, fuhr Jiao Ruohou fort, „vermutet dich keiner in der Nähe der Hauptstadt. Dass du dich direkt neben der Tigerhöhle eingenistet hast, darauf wird keiner der Zensoren kommen.“

„Da magst du Recht haben“, stimmte Li Zhuowu mit schwachem Lächeln zu.

Er war in seinem Leben immer wieder in Konflikt mit den Behörden geraten, doch er war noch nie im Gefängnis gewesen. Und das wollte er auch jetzt nicht. Der Gedanke, in einem schmutzigen dunklen Loch zu enden, gedemütigt und gequält von den Schergen des Zensorats, war für ihn unerträglich.

„Weißt du, Rouhou, wenn es mir unterwegs besonders schlecht ging und ich dachte, dass ich es nicht mehr nach Tongzhou schaffen würde, habe ich mir, um meine Angst und Verzweiflung zu überwinden, gesagt, dass es immer noch besser sein würde, in der Fremde zu sterben und irgendwo in der Wildnis zu verrotten und von Krähen gefressen zu werden, als in einem der Gefängnisse der kaiserlichen Behörden eingesperrt zu sein und dort zugrunde zu gehen.“

Jiao Ruohou betrachtete seinen Freund nachdenklich. Er spürte, wie deprimiert und wie müde vom Leben Li Zhouwu war. Er hat so viel verloren, dachte er, so viele Schicksalsschläge ertragen müssen, aber immer wieder gekämpft, ist immer wieder aufgestanden, hat sich nicht angepasst und ist sich selbst, trotz aller Anfeindungen und Schwierigkeiten, treu geblieben und hat sich nicht beugen lassen. Und jetzt ist nur noch wenig Lebenskraft in ihm. Das machte Jiao Ruohou traurig. Aber er nahm sich vor, seinem Freund so gut es ging dabei zu helfen, wieder Lebensmut zu gewinnen. Wenn er erst einmal einige Zeit hier bei mir gewesen ist, so hoffte er, wird es ihm besser gehen.

Vier Tage später wurde am Abend, nach Einbruch der Dunkelheit, heftig an das Tor von Jiao Ruohous Haus geklopft. Als ein Diener das Tor öffnete, wurde er von einem Soldaten unsanft zur Seite geschoben. In dem langen mit Stickereien versehenen roten Gewand, dem schwarzen Gürtel, der schwarzen Kappe und dem Krummschwert war dieser als Offizier der Garde in Brokatkleidern zu erkennen, die zur Geheimpolizei des Hofes gehörte. Er und seine mit Lanzen bewaffneten Männer drangen in das Anwesen ein.

„Wo ist Li Zhuowu?“ rief der Offizier in barschem Ton, als sie in einem größeren Hof angekommen waren.

Inzwischen waren mehrere Diener herbeigeeilt, auch Jiao Ruohou kam aus einem der angrenzenden Gebäude heraus, um zu sehen, was es mit dem Lärm auf sich hatte.

„Was ist los?“ fragte er den Offizier.

„Seid Ihr der Besitzer dieses Anwesens?“

„Der bin ich.“

„Wir haben gehört, dass Ihr einen gewissen Li Zhuowu beherbergt. Wir haben den Auftrag, ihn zu verhaften.“

In diesem Moment trat Li Zhuowu in den Hof, um zu sehen, was vor sich ging. Als Ruohou den Freund bemerkte, wurde er bleich vor Schreck und versuchte, diesem ein Zeichen zu geben, dass er sich entfernen sollte. Dem Offizier, der den Ankömmling ebenfalls erblickt hatte, blieb Ruohous Reaktion nicht verborgen.

„Das muss er sein“, rief er seinen Männern zu, während er auf Li Zhuowu zeigte, „ergreift ihn.“

Jiao Ruohou lief zu seinem Freund und stellte sich schützend vor ihn.

„Geht zur Seite“, befahl der Offizier, „von Euch wollen wir nichts. Unser Auftrag heißt, den Ketzer Li Zhuowu zu verhaften.“

Zwei der Gardisten schoben Jiao Ruohou zur Seite, die anderen packten Li Zhuowu, der sich widerstandslos festnehmen ließ. Dann wurde er abgeführt.

„Ich will mitkommen“, rief Jiao Ruohou dem Offizier hinterher.

„Das geht nicht“, erwidert dieser.

„Wo wird er hingebracht?“

Der Offizier antwortete nicht und verließ mit seinen Männern das Anwesen.

Jiao Ruohou stand, umgeben von den aufgeregten Dienern und Dienerinnen, ratlos im Hof. Er wollte nicht glauben, was gerade geschehen war. Woher wussten die Behörden, dass Zhuowu sich bei mir versteckt hält? fragte er sich. Er sah seine Angestellten mit strengem und prüfendem Blick an.

„Hat einer von euch meinen Freund Li Zhuowu verraten?“ fragte er mit grimmiger Stimme.

Alle schüttelten verängstigt den Kopf.

„Nein, Herr, das haben wir bestimmt nicht. Ihr habt uns doch befohlen, nichts darüber nach außen dringen zu lassen. Daran haben wir uns gehalten“, antwortete der Älteste unter ihnen, der schon seit drei Jahrzehnten im Haus der Familie Jiao beschäftigt war und dessen Loyalität außer Zweifel stand.

„Kannst du dich für alle, die hier arbeiten, verbürgen?“ wollte Jiao Ruohou wissen.

Der alte Diener sah seinen Herrn unsicher an.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass einer von ihnen das getan haben soll .... Ich kenne sie doch alle …“, erwiderte er stotternd.

Doch am nächsten Tag erfuhr Jiao Ruohou, nachdem er von einer Besorgung in der Stadt nach Hause zurückgekehrt war, von einer Dienerin, dass ein jüngerer Diener für eine hohe Belohnung den Behörden den Aufenthaltsort von Li Zhuowu verraten hatte.

„Er hat es mir selbst heute Morgen erzählt, Herr, um damit vor mir zu prahlen und Eindruck zu machen“, sagte sie empört, „ich wollte Euch das gleich melden, aber Ihr wart nicht im Haus.“

Jiao Ruohou war außer sich und wollte den Verräter zur Rede stellen und bestrafen. Nachdem dem Diener aber klar geworden war, dass die Dienerin zu ihrem Herrn laufen würde, um diesen von seinem Verrat in Kenntnis zu setzen, hatte er umgehend das Anwesen verlassen und war verschwunden. Vergeblich versuchte Jiao Ruohou in den nächsten Tagen seinen Aufenthaltsort ausfindig zu machen.

Kapitel 2: Die Jahre 1536-1552

Vater und Sohn

父子

Frühsommer im 15. Jahr der Regierung des Kaisers Jiajing (1536).

Li Baizhai betrachtete liebevoll seinen Sohn. Zhuowu war neun Jahre alt, ein hochgewachsener schlanker Junge mit feinen Gesichtszügen und wachen Augen. Er hockte an seinem kleinen Schreibtisch, vor ihm ein aufgeschlagenes Buch und ein Heft mit Notizen. Seit seinem fünften Lebensjahr hatte sein Vater, ein Akademiker mit dem Grad eines Shengyuan, der als Lehrer arbeitete, damit angefangen, ihn zu Hause zu unterrichten. Der Junge lernte erstaunlich schnell. Schon nach zwei Jahren fing er an, die wichtigsten konfuzianischen Texte zu lesen. Jetzt konnte er zahlreiche Stellen daraus aus dem Gedächtnis rezitieren. Er schrieb kleine Aufsätze zu Themen, die ihm sein Vater stellte, und er übte sich in Kalligraphie und im Gedichteschreiben. Bei all dem zeigte er ein außergewöhnliches Talent. Sein Vater war stolz auf ihn. Zhuowu war aber auch eigensinnig. Wenn er nicht lernen wollte, konnte ihn nichts dazu bringen, ein Buch aufzuschlagen oder eine Zeile zu schreiben. Li Baizhai akzeptierte das. Er ließ ihn dann nach draußen, auf die Straße oder in den nahegelegenen Park. Dort konnte Zhuowu sich frei bewegen und seine große Neugier auf all das befriedigen, was er entdeckte und ihn interessierte. In den Straßen faszinierten ihn die geschäftstüchtigen Straßenhändler, die lautschreiend und hartnäckig jedem, der sich ihnen näherte, ihre Waren feilboten, oder die in Lumpen gehüllten Bettler mit ihren ausgemergelten Gesichtern, die im Staub der Straße hockten und den Vorübergehenden die schmutzigen dürren Hände entgegenstreckten. Ihn interessierten die Tagelöhner, die gebeugt von Traglasten durch die Straßen eilten oder mühsam vollbeladene Karren hinter sich herzogen und sich mit warnenden Rufen einen Weg durch die Menge bahnten. Manchmal gab es auch besondere Ereignisse. Zum Beispiel, wenn ein langer Trauerzug vorbeizog, mit den dem Sarg folgenden professionellen Klagerufeschreiern, die es Zhuowu immer besonders angetan hatten, weil ihr herzergreifendes Jammern und Zetern die ganze Straße erfüllte und alle anderen Geräusche erstickte. Oder es tauchte ein Trupp bewaffneter Soldaten auf, die martialisch mit Waffen und Uniformen hoch erhobenen Hauptes auf nervös tänzelnden und wiehernden Pferden vorbeiritten. Zugleich ängstigten ihn aber der Lärm und die vielen Menschen. Er hielt sich immer versteckt, hinter einem Baum oder einer Mauer, wenn er das Treiben beobachtete. Die Menschenansammlungen, auf die er in den Gassen und Straßen seiner Heimatstadt traf, betrachtete er lieber aus einer sicheren Distanz. Kam ihm in seinem Versteck jemand zu nahe, lief er sofort davon. Oft suchte er aber auch die Ruhe und Abgeschiedenheit und zog sich in den Park zurück, der nur zwei Straßen von dem Haus seines Vaters entfernt lag. Die Anlage war alt und vernachlässigt und mittlerweile völlig verwildert. Schon seit Jahren kümmerte sich niemand mehr um sie. Zhuowu mochte diesen Ort. Dort war er allein, nur wenige Menschen verirrten sich dorthin. Er lauschte dem Gesang der Vögel in den Bäumen oder folgte mit angestrengtem Blick ihrem Flug am weiten Himmel so lange, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Er beobachtete die vielen herumschwirrenden und herumkrabbelnden Insekten, in ihren bizarren Gestalten, betrachtete die wild wachsenden und in allen Farben leuchtenden Blumen und die üppig wuchernden Sträucher und Bäume, deren Namen er häufig kannte. Stundenlang konnte er auf einer verwitterten Steinbank oder einem moosbedeckten Felsen sitzen, versunken in den Anblick der Pflanzen und Tiere, eingehüllt in die geheimnisvolle Atmosphäre des alten Parks, der dann nur ihm gehörte. Wenn Zhuowu von seinen Ausflügen nach Hause zurückkehrte, setzte er sich meist unaufgefordert an seinen kleinen Tisch und war wieder ein eifriger und gelehriger Schüler.

An diesem Tag wollte Li Baizhai im Unterricht über das Prinzip der Pietät sprechen.

„Du weißt“, hatte er am Tag zuvor zu seinem Sohn gesagt, „dass für Konfuzius die Pietät eines der wichtigsten moralischen Prinzipien ist. Versuche darum bis morgen in den Gesprächen des Konfuzius Stellen zu finden, in denen dieses Prinzip besprochen wird.“

Als er nun Zhuowu nach den Stellen abfragte, stellte er fest, dass dieser ihm alle aufzählen und die Inhalte wortwörtlich wiedergeben konnte.

„Gut“, sagte der Vater mit einem Lächeln, „jetzt hast du wiederholt, was du gelesen hast, und es wie ein Papagei nachgeplappert.“

„Ich bin kein Papagei“, rief Zhuowu entrüstet, „und wenn ich einer bin, Baba, dann musst du auch einer sein.“

Li Baizhai konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.

„Gut pariert, mein Sohn“, sagte er, „dann sind wie eben beide Papageien ... Oder sind wir vielleicht doch etwas mehr? Zeig mir, dass du kein Papagei bist. Sag mir, was hältst du von dem, was Konfuzius zur Pietät sagt?“

Zhuowu sah den Vater mit seinen wachen Augen an.

„Konfuzius sagt, dass Pietät die Wurzel der Menschlichkeit ist. Ich kann nur dann ein guter Mensch werden, wenn ich dich, Baba, achte und liebe.“

„Das ist gut gesagt. Und, achtest und liebst du mich?“

Der Junge nickte eifrig.

„Ja, das tu ich. Du bist mein Baba. Du sorgst für mich und hast mir schon viel beigebracht.“

„Nun, das ist ja ein schönes Kompliment ... Und wie kannst du mir zeigen, dass du mich achtest und liebst?“

„Ich lerne fleißig und mache dir keinen Ärger.“

Li Baizahi lächelte.

„Soso, das meinst du also.“

„Stimmt das etwa nicht?“

Zhuowu sah seinen Vater mit fragenden Augen an.

„Ich will mich nicht beklagen“, beruhigte ihn Li Baizhai schmunzelnd, „aber sagt Konfuzius nicht auch, dass der Sohn dem Vater dienen und sich seinem Willen fügen muss?“

„Was heißt das, dass der Sohn sich seinem Willen fügen muss?“

„Konfuzius sagt, der Sohn soll, wenn er seinem Vater dient, das tun, was dieser von ihm verlangt, und zwar ohne Murren und ohne Widerrede.“

„Er soll alles machen, was ihm der Vater sagt? Und wenn der Vater etwas von ihm will, das falsch ist, muss er das dann auch machen?“

„Hör einmal zu, Zhuowu, was der berühmte Sima Guang dazu gesagt hat: ‚Dem Befehl des Vaters wagt der Sohn niemals zu widersprechen. Wenn der Vater dem Sohn sagt, er soll vorwärts gehen, dann geht er vorwärts. Wenn der Vater dem Sohn sagt, er soll stehen bleiben, dann bleibt er stehen. Gehorcht ein Sohn dem Befehl des Vaters nicht, dann ist er ohne Pietät und muss bestraft werden.‘“

Zhuowu sah seinen Vater angestrengt an.

„Baba, manchmal willst du etwas von mir, was ich nicht möchte. Und dann mach ich das auch nicht …“

„Ja, das ist mir auch schon aufgefallen“, bemerkte Li Baizhai und versuchte, ein strenges Gesicht zu machen.

„Bin ich darum kein pietätvoller Sohn?“ fragte Zhuowu verunsichert und machte ein gequältes Gesicht.

„Oh doch, Zhuowu, das bist du“, beruhigte ihn der Vater, „du bist genau der Sohn, den ich mir gewünscht habe.“

Li Baizhai fuhr mit seiner Hand zärtlich durch das Haar des Jungen, der sich sofort an seinen Vater schmiegte und ihn erleichtert anschaute.

„So, mein pietätvoller Sohn, möchtest du jetzt nicht lieber aufhören und draußen etwas unternehmen?“

Zhuowu ließ sich das nicht zweimal sagen. Ohne ein Wort zu erwidern, sprang er wie ein freigelassener Grashüpfer von seinem Stuhl auf, ließ alles liegen und rannte freudestrahlend und voller Entdeckerdrang aus dem Zimmer.

Fuzhou

福州

Frühjahr im 31. Jahr der Regierung des Kaisers Jiajing (1552).

Als Zhuowu das Gasthaus Phönix und Drache in einer kleinen Seitengasse gefunden hatte, atmete er erleichtert auf. Er stand vor einem einfachen zweistöckigen Gebäude mit schlichtem Satteldach aus graugebrannten Tonziegeln, das aber ordentlich und sauber aussah. Ein Freund der Familie, der öfter in die Provinzhauptstadt reiste, hatte es ihm empfohlen. Er war froh, sich nach seiner Reise endlich ausruhen zu können. Kurz hielt er noch inne. Die Menschen, die vorbeigingen oder sich in den kleinen Geschäften und Werkstätten neben und gegenüber dem Gasthaus aufhielten, betrachteten ihn neugierig. Mit seinen fünfundzwanzig Jahren war er von großer Statur, eine beeindruckende Erscheinung. Das bartlose helle Gesicht war fein geschnitten und drückte Entschlossenheit aus. Das dichte lange Haar hatte er unter einer schwarzen Kappe zusammengesteckt. Seine Augen leuchteten wach und aufmerksam. Von ihm ging etwas Besonderes aus, das denjenigen, die ihn sahen, nicht verborgen blieb.

Als er den Schankraum des Gasthauses betrat, richteten sich die Blicke der wenigen Gäste auf ihn. Es waren einfache Leute, Handwerker, Straßenhändler oder Tagelöhner. Ihre Stimmen verstummten für einen Moment. Als er in die Runde schaute, wandten einige verlegen die Augen von ihm ab. Andere tuschelten miteinander. Hinter einem großen Tisch entdeckte er den Wirt des Gasthauses und ging auf ihn zu. Der Wirt, ein Mann um die fünfzig mit kahlem Kopf und rundem Gesicht, sah ihm direkt in die Augen. Er zeigte keine Verlegenheit oder Unsicherheit und wirkte aufrichtig. Das gefiel Zhuowu. Wenn er das Gefühl hatte, einen ehrlichen oder standfesten Menschen vor sich zu haben, konnte er diesen, ganz gleich, ob es sich um einen hohen Beamten oder Gebildeten, einfachen Bauern oder wie hier einen Wirt handelte, als ebenbürtig akzeptieren.

„Da haben wir ja noch einen hochgelehrten Akademiker“, rief der Wirt aus.

Zhuowu blieb ruhig und ignorierte den spöttischen Unterton. Jeder konnte an seinem dunkelblauen Gewand erkennen, dass er den ersten akademischen Grad eines Shengyuan erlangt hatte. Seit der erfolgreich bestandenen Prüfung in der Präfekturhauptstadt seiner Heimat vor zwei Jahren war es ihm gestattet, dieses besondere Gewand zu tragen.

„Habt Ihr noch ein Zimmer für mich?“ fragte er den Wirt.

„Für Leute wie Euch immer“, erwiderte dieser in weiterhin spöttischem Ton, „ein Akademiker ist uns stets willkommen, denn er bringt Ehre für unser Haus. Bestimmt seid Ihr wegen des Provinzexamens hier.“

Zhuowu nickte, sagte aber nichts. Der Wirt reichte ihm einen Schlüssel.

„Für Euer Zimmer. Es ist eins mit herrlicher Aussicht, eines Akademikers würdig. Ihr könnt auch zu Abend essen, wenn Ihr möchtet. Macht Euch frisch und kommt dann wieder herunter. Wir werden etwas Gutes vorbereiten.“

Zhuowu erklärte sich einverstanden, denn er war hungrig, nahm den Schlüssel und stieg die schmale Holztreppe hinauf. Als er in seinem Zimmer stand und sich umsah, nachdem er eine Kerze angezündet hatte, war er zufrieden. Es war nicht sehr groß, aber sauber. Ein Bett stand in einer Ecke, außerdem gab es einen Tisch, auf dem eine Wasserschüssel mit frischem Wasser stand, und einen Stuhl davor. Seine Sachen konnte er in einem kleinen Schrank verstauen. Dann wandte er sich zum Fenster. Draußen war es zwar dunkel, aber er konnte im Schein einer schwach leuchtenden Lampe erkennen, dass dort ein Innenhof lag, in dem sich in einer Ecke ein großer Misthaufen befand. Das also ist hier in Fuzhou ein „schöner Ausblick“, dachte er amüsiert. Er schloss das Fenster, weil der Misthaufen einen strengen Geruch verbreitete. Dann ging er in die Schankstube hinunter.

„Eine wirklich schöne Aussicht, ich bin begeistert“, sagte er lachend, als er an dem Wirt vorbeiging, um sich einen Sitzplatz auszusuchen.

Der grinste nur.

„Ihr könnt Eurem Leidensgenossen Gesellschaft leisten. Er sitzt da drüben.“

Der Wirt wies auf eine in sich zusammengesunkene Gestalt an einem der Tische. Zhuowu steuerte ihn an. Vor ihm saß ein junger Mann von ungefähr zwanzig Jahren. Er sah blass und schmächtig aus und wirkte aufgewühlt. Seine Augen gingen unruhig hin und her. Die Essschale vor ihm war leer und unbenutzt, die Speisen auf den kleinen Serviertellern hatte er noch nicht angerührt. Zhuowu verneigte sich leicht vor ihm. Der junge Mann erwiderte mit schwacher Geste den Gruß.

„Mein Name ist Li Zhuowu aus Jinjiang in der Präfektur Quanzhou. Wie mir der Wirt gesagt hat, bist du auch wegen der Prüfung hier. Darf ich mich setzen?“

Der Angesprochene nickte fast unmerklich.

„Ich heiße Wang Anning und komme aus Shao‘an in der Präfektur Zhangzhou. Ja, ich nehme morgen an der Prüfung teil.“

Seine Stimme klang gepresst. Er rutschte nervös auf seinem Stuhl herum. Seine Hände waren in ständiger Bewegung. Mal zupfte er an seinem Gewand, mal trommelte er auf den Tisch.

Anning, der Ruhige, dachte Zhuowu, nun, im Augenblick machst du deinem Namen keine Ehre.

„Bist du nervös?“ fragte er.

„Und wie. Du etwa nicht?“

„Nicht so sehr.“

„Von der Prüfung hängt viel ab. Ich habe lange dafür gelernt. Meine Familie macht ordentlich Druck. Du weißt sicherlich, wie hoch die Durchfallquote ist. Aber ich muss es schaffen. Unbedingt.“

Er machte einen eher verbissenen als entschlossenen Eindruck.

„Du kannst sie wiederholen.“

„Meinem Vater würde das nicht gefallen.“

„Hat er die Provinzprüfung jemals bestanden?“

„Ja, aber ich glaube auch nicht beim ersten Mal. Meine Mutter hat mal so eine Bemerkung gemacht.“

„Dann solltest du dir nicht so viele Gedanken machen. Das blockiert dich nur und hilft dir nicht. Wenn du morgen in deiner Zelle hockst und das Gefühl hast, dass dir dein Vater im Nacken sitzt, kriegst du nichts zu Papier. Vergiss ihn … Du sagst, du hättest für die Prüfung viel gelernt?“

„Die letzten zwei Jahre jeden Tag vom frühen Morgen bis in die Nacht. Mein Vater hat mich in unserem Studierzimmer eingesperrt. Ich durfte am Tag immer nur kurz an die frische Luft.“

Darum siehst du so blass und krank aus, dachte Zhuowu.

„Vor allem der Achtgliedrige Aufsatz macht mir Kummer. Bei den vorangegangenen Prüfungen war das für mich immer der schwerste Brocken.“

„Aber du hast sie bestanden. Dann wirst du es dieses Mal auch schaffen“, versuchte Zhuowu sein Gegenüber zu beruhigen.

Anning schien nicht so überzeugt.

„Und was sagt dein Vater? Macht der auch Druck?“ fragte er.

„Mein Vater? Nein, der mischt sich nicht ein. Er hat mir Glück gewünscht, als ich abgereist bin. Er hat nie Druck auf mich ausgeübt … Nun, mittlerweile bin ich verheiratet. Ich habe eine eigene Familie, Frau und Kinder, für die ich sorgen muss.“

„Dann hast du ja noch mehr Verantwortung.“

„Ich werde die Prüfung schon bestehen. Du solltest auch mehr Selbstvertrauen haben.“

Zhuowu warf Anning einen aufmunternden Blick zu. Der versuchte sich zusammenzureißen, aber sein Gesicht blieb verkrampft. Zhuowu betrachtete ihn mitleidig. Anning sah elend aus und wirkte verzweifelt. Das Gespräch schien ihn nicht aufzumuntern. Du Armer, dachte Zhuowu, eines Tages wird dich der ganze Bücherballast erschlagen. Anning tat ihm leid, denn irgendwie mochte er ihn. Aber wie hätte er ihm helfen können? Er ist der Sklave eines unbarmherzigen Vaters, der sich nicht wehren kann, dachte Zhuowu. Die Unterwerfung des Sohnes unter einen autoritären Vater war typisch für die konfuzianische Gesellschaft. Zum Glück war sein Vater anders. Zhuowu fixierte Anning, der zusammengesunken auf seinem Stuhl hockte und das Essen noch immer nicht anrühren wollte. Wenn er diese Prüfung bestehen sollte, war er überzeugt, wird sein Vater ihn bestimmt antreiben, auch noch die Prüfungen in der Hauptstadt und die Palastprüfung zu absolvieren. Wenn es ihm jetzt schon so schlecht geht, wie wird er sich dann erst fühlten?

Zhuowu versuchte weiterhin, seinem Gesprächspartner Mut zuzureden.

„Du hast sicherlich auch einige der Examensarbeiten von früheren Prüfungen gelesen. Die kursieren doch überall. Mit denen kann man sich optimal vorbereiten.“

Anning nickte.

„Das habe ich natürlich. Aber manche konnte ich mir nur schlecht einprägen. Es ist viel Stoff, den man sich merken muss.“

„Mach dir doch keine Sorgen. Das wird schon genügen. Wenn du einige der passenden Vorlagen einfach übernimmst, wirst du die Prüfung bestehen. Die Prüfer haben doch keine Ahnung, was Konfuzius und die anderen Weisen mit ihren Worten wirklich gemeint haben. Sie wollen nur vorgegebenes Wissen serviert bekommen. Und das, was sie lesen wollen, zeigen die alten Prüfungsarbeiten. Du musst dich nur daran halten.“

Zhuowu hatte gut reden. Er hatte hunderte dieser Examensarbeiten gelesen und sich eingeprägt. Das Lernen war ihm nie besonders schwergefallen, seitdem sein Vater ihn als kleinen Jungen in den konfuzianischen Schriften unterrichtet hatte. Natürlich gab es in der Vergangenheit auch Zeiten, in denen er wenig Lust zum Lernen hatte. Aber er fühlte sich jetzt für seine Familie verantwortlich. Darum war er entschlossen. Und erst der Erfolg bei der Provinzprüfung würde ihm die Möglichkeit eröffnen, eine Karriere im Staatsdienst einzuschlagen und so besser für seine Frau und seine Kinder sorgen zu können. Er war sich sicher, dass er auch dieses Mal nicht scheitern würde.

„Vielleicht hast du recht. Ich sollte mich beruhigen“, flüsterte Anning.

Sehr überzeugt wirkte er aber nicht.

„Das klingt schon besser. Und jetzt wollen wir gemeinsam essen und einen Becher Wein trinken.“

In der Zwischenzeit hatte man die Gerichte für Zhuowu aufgetragen. Eine Gemüsesuppe und mehrere Fischgerichte. Er langte hungrig zu. Es schmeckte nicht schlecht. Anning versuchte auch etwas zu sich zu nehmen. Aber die meiste Zeit stocherte er mit seinen Essstäbchen lustlos in den Speisen herum. Den Wein lehnte er entrüstet ab.

„Alkohol. Auf keinen Fall. Morgen beginnt die Prüfung und sie dauert drei Tage. Ich muss fit sein. Da kann ich mir keinen Alkohol erlauben.“

„Aber Anning, der wird dich beleben und inspirieren. Denk doch an unseren großen Dichter Li Bai. Der hat seine schönsten Gedichte geschrieben, als er vom Wein berauscht war.“

Zhuowu leerte den Becher in einem Zug. Dann rezitierte er mit feierlicher Stimme den berühmten Dichter aus der Zeit der Tang-Dynastie:

„Im Ostturm bin ich gestern eingekehrt

Gewiss hat mir die Kappe schief gesessen

Ich weiß nicht, wer mich hinaufschob auf mein Pferd

Und wann es heimging, hab‘ ich auch vergessen.“

Anning verzog eine Miene, als würde er in eine Zitrone beißen.

„Ja, und als er eines nachts völlig betrunken eine Bootsfahrt unternommen hat, ist er ertrunken, weil er die Spiegelung des hellen Mondes auf dem dunklen Wasser umarmen wollte. Nein danke.“

Zhuowu musste lachen, nahm Annings Becher und trank ihn aus. Dann bestellte er sich noch einen dritten Becher Wein.

Die Prüfung

考試

Es war früher Morgen als Zhuowu das Gasthaus verließ, um sich auf den Weg zum nahegelegenen Prüfungsamt zu machen. Über der Stadt breitete sich ein wolkenlos blauer Himmel aus. Ein sonniger Tag kündigte sich an, nachdem es in der Nacht geregnet hatte. Die aufsteigende Sonne deckte alles in ein mildes goldenes Licht. Es wurde langsam warm. Vor dem Prüfungsgelände der Provinzhauptstadt bildeten sich lange Reihen von Männern, alten und jungen. Angestellte des Prüfungsbüros achteten darauf, dass es geordnet und gesittet zuging. Mit lauten Rufen sorgten sie dafür, dass keiner aus der Reihe tanzte. Manche der Wartenden redeten miteinander, andere standen nur ruhig und geduldig da. Es waren viele blasse und angespannte Gesichter darunter. Zhuowu entdeckte schließlich Anning am Ende einer Reihe und stellte sich zu ihm. In den umstehenden Bäumen lärmten die Vögel um die Wette.

„Die haben keine Sorgen“, bemerkte Anning.

Dabei zeigte er auf die Baumkronen und ihre vorlauten gefiederten Besetzer.

„So weit sind wir schon gekommen“, lachte Zhuowu, „dass wir uns wünschen, schimpfende Spatzen zu sein.“

Aber Anning war nicht zum Lachen zumute. Mit jeder Minute, die verstrich, schien er mehr in sich zusammenzusinken. Etwas weiter vorne fiel Zhuowu ein hochnäsiger junger Mann auf. Er trug ein teures Gewand aus Seide und würdigte die Umstehenden keines Blickes. Mit elegantem Schwung fächerte er sich mit einem teuren Sandelholzfächer Luft zu. Hin und wieder zog er ein parfümiertes Taschentuch aus seinem Ärmel, um daran zu riechen. Wenn ihm jemand zu nahekam, wich er angewidert einen Schritt zurück.

„Schau dir den aufgeblasenen Angeber an“, sagte Zhuowu zu Anning, um ihn auf andere Gedanken zu bringen, „der verhält sich so, als wären wir anderen nur untergeordnete Lakaien und als wäre es unter seiner Würde, uns auch nur anzusehen.“

Doch Anning sah gar nicht hin. Der ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, dachte Zhuowu und ließ ihn in Ruhe. Auch den Angeber beachtete er nicht mehr. Solche Typen, die sich wegen ihrer Herkunft überheblich verhielten oder etwas darstellen wollten, das sie in Wahrheit nicht waren, waren ihm zuwider. Für sie hatte er nur Spott übrig.

Als das Tor geöffnet wurde, kam Bewegung in die Wartenden. Zhuowu und vor ihm Anning rückten immer näher an den breiten Eingang heran. Das hölzerne Eingangstor war schlicht und in roter Farbe gestrichen, der Farbe des Glücks. Über dem Eingang hing eine Tafel mit der Inschrift „Tor zu Ruhm und Ehre“. Nachdem Zhuowu und Anning das Tor durchschritten hatten, standen sie in einem Vorhof einem großen Gebäude mit mächtigem Walmdach gegenüber, das mehrere Zugänge hatte, in welche die Prüflinge von den Angestellten mit lauten Rufen hineingeschoben wurden. Es ging zügig voran. Als Zhuowu das Gebäude betrat, verlor er Anning aus den Augen. Er sah sich um. In einer langen Reihe standen zahlreiche Schreibtische, an denen Beamte des Prüfungsamtes saßen und die einzelnen Kandidaten kontrollierten. Hinter jedem Beamten standen mit etwas Abstand jeweils zwei Angestellte. Kurz darauf wurde Zhuowu zu einem gerade frei gewordenen Schreibtisch gerufen.

„Die Unterlagen“, herrschte ihn eine krächzende Stimme an.

Ihm gegenüber hockte ein älterer Beamter, der seine Papiere prüfte und ihn dann eine Zeitlang schweigend musterte. Zhuowu stand aufrecht vor ihm. Seine Augen hielten dem bohrenden Blick des Beamten stand. Er wirkte selbstsicher und herausfordernd. Der Beamte war es gewohnt, dass die Kandidaten mit weichen Knien und ängstlichem Blick vor ihm standen. Dieser war anders. Es ärgerte ihn, dass er ihn nicht einschüchtern konnte.

„Dir wird der Hochmut in den nächsten Tagen schon vergehen“, bemerkte der Beamte.

Er gab einem der hinter ihm wartenden Angestellten ein Zeichen, worauf dieser unterwürfig nach vorne eilte und Zhuowu einen Zettel mit einer Nummer in die Hand drückte.

„Deine Zellennummer,“ knurrte der Beamte.

Dann warf er noch einmal einen finsteren Blick auf Zhuowu.

„Weitergehen.“

Zhuowu war froh, den missgelaunten Staatsdiener hinter sich gelassen zu haben und gelangte nun in den Kontrollbereich.

„Junger Herr, legt bitte Euer Gewand ab“, wurde er höflich angesprochen.

Er blickte in das freundliche Gesicht eines Angestellten, der ungefähr sein Alter hatte. Oh, es gibt auch nette und höfliche Menschen hier, dachte Zhuowu und lächelte sein Gegenüber an. Dann wurde er einer genauen Leibesvisitation unterzogen. Alles wurde akribisch durchsucht, seine Kleidung und der Inhalt seines Beutels. Wie alle Kandidaten durfte er nur Tuschstein, Pinsel, ein Wassergefäß und Essen für drei Tage, außerdem einen Nachttopf, eine Decke und Kerzen mitbringen. Während der Überprüfung bekam Zhuowu mit, dass es nicht weit von ihm an einer der Kontrollstationen Ärger mit einem der Prüfungskandidaten gab. Als er hinsah, erkannte er, um wen es sich handelte. Es war der aufgeblasene Prüfling, der ihm schon vor dem Tor aufgefallen war.

„Was ist das denn hier in dem Gewand? Da ist doch was im Saum eingenäht“, hörte er die Stimme des Kontrolleurs.

„Finger weg von meinem kostbaren Seidengewand. Das kostet mehr, als du in einem Monat verdienst. Wenn du es fleckig machst, wird es Ärger geben.“

Der hochmütige und herablassende Ton konnte den Angestellten nicht einschüchtern. Mit Hilfe eines herbeigerufenen Kollegen öffnete er den Saum des Gewandes und holte mehrere kostbare Goldmünzen hervor.

„Das ist mein Reisegeld“, sagte der Ertappte mit immer noch herablassender Stimme, „man hat ja einen bestimmten Lebensstandard.“

Dabei sah er mit arrogantem Gesichtsausdruck auf die Angestellten.

„Reisegeld, ach so. Und warum habt Ihr es jetzt dabei? Hier braucht Ihr kein Reisegeld.“

„Ich verbitte mir den Ton, Büttel“, rief der Angesprochene mit zorniger Stimme.

Sein Gesicht wurde feuerrot. Der Angestellte ließ sich nicht beirren. Er rief einen Beamten zu seiner Unterstützung herbei.

„Es dürfte dir bekannt sein, dass es strengstens untersagt ist, Geld auf das Prüfungsgelände mitzunehmen“, erklärte der Beamte dem jungen Mann mit scharfer Stimme, „Reisegeld? Du glaubst wohl, du kannst uns täuschen. Das ist Bestechungsgeld. Du willst die Wächter oder Angestellten bestechen. Das haben wir hier schon oft genug erlebt. Damit bist du von der Prüfung ausgeschlossen.“

Der Ertappte protestierte lauthals. Aber mittlerweile hatten ihn schon mehrere Wächter umringt und zerrten ihn unsanft aus dem Gebäude heraus. Zhuowu hörte noch seine sich überschlagende Stimme.

„Das wird euch teuer zu stehen kommen ... Ihr wisst wohl nicht, wer ich bin, ihr elenden Hunde. Mein Vater ist ein hoher Würdenträger, der Einfluss am Hof hat. Der wird es euch heimzahlen, ihr stinkenden Ratten …“

Zhuowu schüttelte den Kopf. Vielleicht solltest du dich für eine Tierart entscheiden, dachte er belustigt. Aber das geschieht dir recht, aufgeblasener Affe.

Zhuowu ging weiter zur zweiten Kontrollstation, an der das ganze Durchsuchungsprozedere noch einmal wiederholt wurde. Danach durfte er das Gebäude verlassen und fand sich mit zahlreichen seiner Mitstreiter in einem großen Hof wieder. Alle warteten. Sprechen war von nun strengstens verboten. Immer mehr Prüflinge strömten in den Hof. Zhuowu schätzte, nachdem die letzten eingetroffen waren, dass es mindestens vierhundert Kandidaten waren. Er hielt Ausschau nach Anning, konnte ihn aber in dem Getümmel nirgendwo entdecken. Inzwischen war es Mittag geworden. Die Sonne stand hoch am Himmel. Es war heiß. Das Warten in der Menge strengte Zhuowu an. Zu viele Menschen standen dicht um ihn herum. Ein Gefühl des Unbehagens und der Beklemmung machte sich bei ihm bemerkbar. Zu seiner Erleichterung wurde schließlich an einer Seite des Hofs ein breites Tor geöffnet, das auf das Gelände mit den Prüfungszellen führte. Kurz darauf wurden die einzelnen Nummern aufgerufen und immer mehr Kandidaten verschwanden durch das Tor.

„Nummer 82, vortreten.“

Das war Zhuowus Nummer. Er zwängte sich durch die Menge zum Tor. Die Angestellten dort überprüften die Nummer, dann durfte er das weite Prüfungsgelände betreten. Neugierig sah er sich um. Vor ihm erstreckten sich lange Reihen mit hunderten von kleinen weißgetünchten Einzelzellen. Das ganze Areal war von einer hohen Mauer mit Wachtürmen umgeben. Überall standen Wächter, auf den Türmen und auf den Wegen zwischen den Zellen. Sie würden die Prüflinge bei Tag und bei Nacht überwachen.

„Zeigt Eure Nummer“, wurde er von einem der Wächter aufgefordert.

Zhuowu reichte ihm wortlos den Zettel und wurde von ihm zu seiner Prüfungszelle geleitet.

„Macht es Euch gemütlich. Das wird für die nächsten Tage Euer ‚behagliches Heim‘ sein“, spöttelte der Wächter gutmütig.

Der Mann hat Humor, dachte Zhuowu. Dann musterte er sein „behagliches Heim“. Eine ungefähr einen Meter breite und vorne offene Zelle mit einem Vorhang, der in der Nacht zugezogen werden durfte. Die Inneneinrichtung bestand aus zwei Brettern, die sich über die gesamte Breite der Zelle erstreckten: ein schmales, direkt an der Hinterwand angebracht, auf das er sich setzen konnte, und ein breiteres, das etwas höher befestigt war und das ihm als Schreibtisch dienen würde. Nachdem er alles ausgepackt und die Schreibutensilien auf dem Tisch ausgebreitet hatte, kletterte er unter dem Schreibtisch durch und nahm auf dem schmalen harten Brett Platz. Wieder musste er warten. Er spürte, wie ihn Müdigkeit überkam und schlief, den Kopf auf dem Schreibtischbrett, ein. Plötzlich erschütterte ein mächtiger Gongschlag das Gelände, der ihn abrupt aufweckte. Eine laute hohe Stimme hob an.

„Prüflinge, haltet euch bereit. Ihr erhaltet nun die Prüfungsaufgaben und die amtlich abgestempelten Schreibbögen. Ihr dürft mit der Arbeit erst anfangen, wenn ihr dazu aufgefordert werdet. Die Wächter achten streng darauf, dass niemand gegen die Regeln verstößt.“

Nachdem die Unterlagen von Angestellten an alle Kandidaten verteilt worden waren, wurde dreimal der Gong geschlagen. Erneut war die Stimme zu hören.

„Prüflinge, im Namen unseres Erhabenen Kaisers, des Himmelsohns, der alles unter dem Himmel beherrscht, die Provinzprüfung von Fujian beginnt. Mögen euch die Glücksgötter und der Gott der Gelehrsamkeit wohlgesonnen sein.“

Ich verlass mich lieber auf mich selbst und mache mich nicht zum Sklaven von Glücksgöttern, dachte Zhuowu lächelnd. Inzwischen war es später Nachmittag geworden. Die Sonne, die den nach Süden ausgerichteten Prüfungszellen direkt gegenüberstand, senkte sich langsam Richtung Horizont und war schon fast hinter den hohen Bäumen jenseits der Mauern des Prüfungsgeländes verschwunden. Zhuowu öffnete den Umschlag mit den Aufgaben und las sie sorgfältig durch. Er nahm sich vor, mit dem Achtgliedrigen Aufsatz zu beginnen, dem schwierigsten Teil der Prüfung. Das Thema war einem Abschnitt aus den konfuzianischen Klassikern entnommen, den er bestens kannte. Er überlegte kurz und begann zu schreiben. Er wusste genau, was die Prüfer hierzu hören wollten, und kam zügig voran. Als sich die Dunkelheit über das Gelände senkte, zündete er eine Kerze an und beschloss einige Zeit später, die Arbeit für heute zu beenden. Er aß eine Kleinigkeit und versuchte zu schlafen. Doch es war schwierig, auf dem harten Sitz und mit dem Kopf auf dem Schreibtischbrett eine einigermaßen bequeme Position zum Schlafen zu finden. Von Zeit zu Zeit kam zur Kontrolle ein Wächter vorbei und leuchtete mit einer Fackel in die Zelle. Um Mitternacht wurde es kühl. Zhuowu wickelte sich noch fester in seine Decke und fiel, müde wie er inzwischen war, endlich in einen bis zum Morgengrauen dauernden Schlaf.

Nach dem Aufwachen nahm er ein paar Bissen zu sich und machte sich wieder an die Arbeit. Bis zum Abend hatte er den Achtgliedrigen Aufsatz beendet. Er las ihn noch einmal sorgfältig durch und legte zufrieden die Bögen zu Seite. Er hatte sich bei seinen Argumenten vollständig auf die Kommentare des Philosophen Zhu Xi berufen. Zhu Xi war die Autorität. Nicht, dass Zhuowu besonders von ihm überzeugt war, im Gegenteil, aber er wusste, dass er nur auf diese Weise die Prüfung bestehen konnte. Am Vormittag des dritten Tages bearbeitete er noch die restlichen Aufgaben. Sie machten ihm keine Mühen. Mit Beginn des Nachmittags wartete er darauf, dass das Ende der Prüfung verkündet wurde. Endlich gegen Abend wurde der Gong dreimal geschlagen und der unsichtbare Rufer ließ wieder seine Stimme ertönen.

„Prüflinge, die Prüfung ist beendet. Legt die Pinsel zur Seite. Nicht ein Wort darf mehr geschrieben werden.“

Die Angestellten des Prüfungsamtes gingen durch die Reihen, von Zelle zu Zelle und sammelten die Prüfungsbögen ein, die sie zur Identifizierung mit der jeweiligen Zellennummer versahen. Noch einmal wurde der Gong geschlagen und zum letzten Mal war die Stimme des unsichtbaren Rufers zu hören.

„Prüflinge, begebt euch an die Sammelpunkte eurer Zellenreihe und folgt den dort wartenden Angestellten. Bewahrt Ordnung und seit diszipliniert. Es ist weiterhin verboten miteinander zu sprechen.“

Zhuowu atmete auf, kroch unter dem Schreibtisch durch, packte seine Sachen zusammen und ging zu seinem Sammelpunkt. Viele der Umstehenden machten einen abgekämpften Eindruck. Er blickte in blasse und erschöpfte Gesichter. Ob ich auch so aussehe? fragte er sich. Er dachte an Anning. Wie er die Prüfung wohl überstanden hat? Während sich seine Gruppe in Bewegung setzte, hielt er nach ihm Ausschau, konnte ihn aber nicht in der Menge entdecken. Vor dem Tor des Prüfungsamtes zerstreuten sich die Kandidaten in alle Richtungen. Jetzt hieß es warten. In drei Tagen würden die Ergebnisse vorliegen und auf Listen an der Mauer des Prüfungsamtes bekanntgegeben.

Zhuowu kehrte in sein Gasthaus zurück. Der Wirt blickte ihn neugierig an.

„Na, du siehst nicht so geschafft aus, wie dein Kollege“, sagte er lachend.

„Er ist schon hier?“

„Vor kurzem angekommen und gleich auf sein Zimmer verschwunden. Er hat mir noch aufgetragen, dass er heute nicht mehr gestört werden möchte. Selbst essen wollte er nicht.“

Zhuowu aber war hungrig und bestellte sich ein einfaches Abendessen, Reis mit Gemüse, und leerte mehrere Becher Wein dazu. Er war guter Dinge und voller Zuversicht, und mit jedem Becher Wein fühlte er sich entspannter. Die nächsten Tage wollte er sich die Zeit damit verkürzen, Sehenswürdigkeiten der Provinzhauptstadt aufzusuchen. Vor allem der östlich der Stadt am Ufer des Min-Flusses gelegene Trommelberg mit seinen Tempeln interessierte ihn. Er nahm sich vor, am nächsten Tag dorthin zu wandern und vielleicht in einem der Tempel zu übernachten.

Der Trommelberg

鼓山

Am nächsten Morgen fühlte Zhuowu sich frisch und ausgeruht. An die Prüfung verschwendete er keinen Gedanken mehr. Er hatte gehofft, Anning beim Frühstück zu begegnen, ihn aber nicht im Speiseraum angetroffen. In seinem Zimmer war er auch nicht.

„Der ist schon früh losgezogen, brauchte wohl frische Luft. Jedenfalls sah er heute Morgen nicht besser aus, eher noch schlechter“, erklärte ihm der Wirt.

Zhuowu wollte Anning eigentlich fragen, ob er ihn zum Trommelberg begleiten wollte. Schließlich ging er, nachdem ihm der Wirt den Weg dorthin erklärt hatte, alleine los. Auf sein dunkelblaues Gewand hatte er heute verzichtet und ein graues angezogen, das er zum Wechseln dabei hatte. Er wollte nicht als Akademiker erkannt werden. Außerdem war das graue für einen Ausflug, wie er ihn vorhatte, praktischer. Als er die kleine Gasse, in der sein Gasthaus lag, verlassen hatte, bog er nach links in eine breite Straße ein, in der sich zu beiden Seiten in den Untergeschossen der zweistöckigen Häuser Geschäfte und Werkstätten aneinanderreihten. Obwohl es noch früh war, herrschte reges Treiben. Auf der Straße liefen die Menschen geschäftig hin und her. Tagelöhner, die beladene Karren zogen oder Säcke auf den Schultern trugen, bahnten sich den Weg durch die Menge. Händler boten lautstark ihre Waren feil. In den Werkstätten wurde fleißig gearbeitet. Zhuowu beschleunigte seinen Schritt. Der Wirt hatte ihm gesagt, dass er nach etwas mehr als zweihundert Metern links in eine Gasse einbiegen sollte. Er würde sie leicht finden. An der Ecke befände sich das in der Stadt berühmte Teehaus Jadegarten. Das könne er nicht verfehlen. Tatsächlich konnte Zhuowu es schon von weitem erkennen. Es überragte alle anderen Häuser. Als er näherkam, stellte er fest, dass auch die Fassade des Teehauses hervorstach. Vorgelagert war eine weiße Steinterrasse aus unpoliertem Marmor, die sich, von einer niedrigen Balustrade mit auffällig verzierten Pfostenköpfen begrenzt, die gesamte Front entlang zog. Vier Stufen führten zu ihr hinauf. Unterhalb des mächtigen mit blauglasierten Keramikziegeln gedeckten Walmdachs und seines weiten Traufenvorsprungs erstreckte sich ein kunstvoll gearbeitetes und aus längs- und querlaufenden Armen zusammengefügtes Konsolensystem. Es war mit weißen Wolken und Ornamenten in goldener, blauer und grüner Farbe bemalt. Den Dachfirst schmückten an den linken und rechten Enden zwei große aus glasierten Ziegeln gebrannte Chiwei, drachenartige Tiere, die sich mit aufgerissenen Mäulern und nach oben gebogenen Schwänzen gegenüberstanden. Die Vorderseite des Dachs, das die gesamte Terrasse bedeckte, wurde von acht mächtigen roten Säulen gestützt. Über dem breiten Eingang in der Mitte, von dem links und rechts an beiden Seiten vier dunkelrot gestrichene und mit Schnitzereien verzierte Wandabschnitte mit jeweils vier vergitterten hohen Fenstern abgingen, hing ein Schild mit dem Spruch „Quelle der Unsterblichkeit“. Zhuowu nahm sich vor, morgen dort einzukehren. Er war froh, als er endlich in die ruhigere Seitengasse einbiegen konnte und atmete tief durch. Hier waren kaum Menschen unterwegs. Die Gasse führte zum südöstlichen Rand der Stadt und weiter zur Landstraße, die ihn zum Trommelberg bringen würde.

Als er die Landstraße erreicht hatte, konnte er nicht weit entfernt den sich hoch über der Ebene erhebenden, waldbedeckten Trommelberg in seiner dunkelgrünen Farbe sehen. Links und rechts der Landstraße erstreckten sich von schmalen Erdpfaden wie ein Gittermuster eingegrenzte Nassreisfelder, in denen Bauern mit lauten Rufen und Stöcken ihre hölzerne Pflüge ziehenden Wasserbüffel antrieben. Die Bauern hatten die Beinkleider hochgekrempelt und wateten knöcheltief im Schlamm. Zum Schutz vor der Sonne trugen sie gelbe Kegelhüte aus Stroh. Schließlich gelangte Zhuowu an den Fuß des Bergs. Den Beginn des Aufstiegs markierte ein einfaches hölzernes Ehrentor mit drei Durchgängen, vor dem zwei Steinlöwen als Wächter postiert waren. Auf dem Schild über dem mittleren Bogen stand „Berühmter Berg der Steintrommel“. Er wusste, der Aufstieg würde lang sein. Der Wirt hatte ihn gewarnt. Aber er wollte auch nicht ganz nach oben, sondern hatte sich entschieden, den Yongquan-Tempel aufzusuchen, der etwa zweihundert Meter unterhalb des Gipfels lag. Außerdem fühlte er sich kräftig und marschierte entschlossen los. Der sich windende Weg stieg langsam an. An vielen Stellen war er streckenweise mit flachen Steinplatten belegt, über die Zhuowu bequem vorankam. Öfter musste er über in den Felsen gehauene steile Treppen steigen. Neben dem Weg tauchten von Zeit zu Zeit Pavillons auf, in denen man ausruhen und Erfrischungen zu sich nehmen konnte. Aber Zhuowu hatte dafür keinen Bedarf. Energisch schritt er voran und überholte manchmal Pilger oder andere Besucher, die seiner aufrechten großen Gestalt hinterherstarrten. Viele Menschen waren aber heute zu seiner Erleichterung nicht unterwegs. Die Berglandschaft mit ihren dichten Wäldern und zahlreichen Felsen war beeindruckend. Er stieß auf bizarre Steinformationen und steil in die Höhe aufragende Klippen. Inschriften, oft in schöner Kalligraphie, die auf Steinstelen oder glatten Felsenwänden eingemeißelt und mit roter Farbe ausgemalt worden waren, säumten den Pfad. Bei einigen blieb Zhuowu stehen. Er liebte kunstvolle Kalligraphien. Seine eigenen Gedichte pflegte er in Nachahmung der schwunghaften und rhythmischen Konzeptschrift des berühmten Kalligraphen Wang Xizhi zu schreiben und hatte dafür häufig Lob erhalten. Er musste an seinen Kalligraphielehrer denken, der ein großer Verehrer der Kunst Wang Xizhis war und ihn gelehrt hatte, den Pinsel in einer speziellen Weise leicht zu halten und spontan zu führen, so als ob Hand und Geist leer wären. Blitzartig und natürlich und von inneren Inspirationen überschäumend müssten die Schriftzeichen auf das Papier geworfen werden, hatte der Lehrer erklärt. Eine aus vier großen Schriftzeichen bestehende Inschrift auf einer abgeflachten Felswand gefiel ihm besonders gut, denn sie erinnerte ihn an den Stil seines Lehrers. Sie lautete De Wu Ru Kong, „Erleuchtung erlangen und in die Leere eintreten“. Er wusste, dass Erleuchtung und Leere zwei wichtige Begriffe im Buddhismus waren. Doch hatte er sich bis jetzt nicht näher mit dessen Lehren befasst. Buddhistische Tempel suchte er aber gerne auf. Sie übten auf ihn eine tiefe und feierliche Ruhe aus. Genau eine solche Atmosphäre hoffte er auch im Yongquan-Tempel vorzufinden. An manchen Stellen lichteten sich die den Aufstiegspfad eingrenzenden dicht gewachsenen Kiefern und Zypressen und gaben die Aussicht auf die weite Ebene frei. Dann konnte er einen Blick auf das unter ihm liegende Fuzhou mit seinem Gewirr aus Straßen und Gassen werfen oder auf den die Stadt durchschneidenden und im Sonnenlicht glitzernden Min-Fluss, auf dem ein reger Schiffsverkehr herrschte. Er stellte sich den Lärm und die Hektik vor, die unten herrschen mussten, und genoss die ihn umgebende Stille, den Wind, der sanft durch die Bäume strich, und den leisen Gesang, der in dichten Baumkronen verborgenen Vögel.

Ohne Pause erreichte er am Nachmittag, nachdem er den Pavillon der Zehntausend Kiefern passiert hatte und dahinter eine Steintreppe mit achtzig Stufen hinabgestiegen war, sein Ziel – den Yongquan-Tempel. Eine rote Mauer, deren oberer Rand mit grauen Ziegeln bedeckt war, umgab die gesamte Anlage. Vor dem Eingang, einem einfachen Tor, dem Felsentor, standen links und rechts auf Sockeln zwei Steinlöwen, die mit großen Bällen spielten. Nachdem er das Tor, zu dem eine Rampe hinaufführte, durchschritten hatte, stieß er auf einen Händler, der gleich hinter dem Eingang Gebäck und Tee, den er auf einem kleinen Ofen warmhielt, zum Verkauf anbot. Etwas abseits hockten zwei Pilger auf einer Steinbank und tranken Tee. Als Zhuowu eintrat, richteten sie ihre Blicke auf ihn. Auch Zhuowu glaubte, dass eine kleine Rast ihm jetzt guttun würde, bevor er sich den Tempel anschaute. Außerdem verspürte er Hunger und Durst. Er bestellte bei dem Händler Tee und etwas Gebäck.

„Das ist Wulong-Tee. Eiserne Guanyin. Er kommt aus Anxi“, bemerkte der Händler stolz.

„Er wird nach der Göttin der Barmherzigkeit benannt?“ fragte Zhuowu.

„Nicht Göttin, sondern Bodhisattva“, mischte sich einer der zwei Pilger ein, „Guanyin ist ein Bodhisattva, also einer, dessen Wesen die Erleuchtung ist, der aber noch nicht in das Nirvana eingeht, weil er aus reinem Mitleid andere Wesen erlösen will … Auch dich.“

Zhuowu blickte den Sprecher erstaunt an. Es war ein älterer Mann mit grauen Haaren in einem einfachen grünen Gewand.

„Ich muss nicht von anderen erlöst werden“, erwiderte Zhuowu ungehalten.

„Wir alle brauchen die Hilfe eines Buddhas oder Bodhisattvas.“

„Das halte ich für Unsinn. Meinen Weg muss ich allein gehen.“

„Nur wenn du Einlass in das Reine Land des Amitabha erhältst, wird er dir auf dem Weg zum Nirvana helfen. Darum musst du ihn immer wieder anrufen und preisen und aufrichtig an ihn glauben. Dann wird es dir gelingen.“

Zhuowu schüttelte den Kopf. Der Pilger sah ihn schulmeisterlich an.

„Junger Mann, dir fehlt noch die Erfahrung. Du bist jung. Aber auch du wirst eines Tages erkennen, dass dich nur die Unterstützung eines Bodhisattvas wie Guanyin oder eines Buddhas wie Amitabha wirklich retten und erlösen und in das Reine Land leiten kann. Lass dir das gesagt sein.“

„Danke, aber das ist meiner Meinung nach Unsinn. Auf solche Belehrungen kann ich verzichten.“

In das Reine Land eingehen, dachte er, was soll das sein? Es klang für ihn abenteuerlich. Zhuowu war überzeugt, dass das Leben eines Menschen mit dem Tod endete. Für ihn gab es keine andere Existenzform als die irdische.

„Verlorener“, hörte er den Pilger theatralisch mit zitternder Stimme ausrufen, „dir drohen die schlimmsten Höllenqualen. Yama, der Herr der Unterwelt, wird dich all die schrecklichen Torturen durchlaufen lassen, die in seinem finsteren Reich auf Ungläubige warten. Und danach wirst du als Laus oder Kakerlake wiedergeboren werden.“

Zhuowu musste laut auflachen. Dann drehte er dem Pilger abrupt den Rücken zu, nahm den Becher und das Gebäck und setzte sich möglichst weit weg. Der Abgewiesene schüttelte ärgerlich den Kopf und wechselte flüsternd ein paar Worte mit seinem Begleiter. Dann erhoben sich beide und entfernten sich mit schnellen Schritten in Richtung der Tempelgebäude. Zhuowu blieb noch eine Zeitlang sitzen. Er betrachtete den smaragdgrünen Tee in seinem Becher. Der Tee war wirklich nicht schlecht, kräftig, aber nicht bitter und wies einen moosigen Geschmack auf, der an Morgentau in einem Wald erinnerte.

„Gibt es eine Möglichkeit, im Tempel zu übernachten?“ erkundigte er sich bei dem Händler, als er den Becher zurückbrachte.

„Ja, die Mönche betreiben ein kleines Gasthaus. Zurzeit ist es hier ruhig. Es wird kein Problem sein, ein Bett zu bekommen.“

Zhuowu bedankte sich und folgte dann dem leicht ansteigenden Weg, der links und rechts von roten Mauern eingegrenzt war. Er kam an kleinen Steinstupas vorbei, die an beiden Seiten des Wegs errichtet worden waren. Nach einiger Zeit musste er durch ein rundes Mondtor und fand sich in einem kleinen Hof wieder. Hier traf er erneut die zwei Pilger. Sie bemerkten ihn nicht. Beide knieten vor einer Steinstele, in die der Name des Amitabha-Buddhas eingemeißelt war. Zhuowu wurde Zeuge eines für ihn kuriosen Schauspiels, das er aber auch schon in anderen Tempeln beobachtet hatte. Die Pilger rissen im Wechsel den Oberkörper mit nach oben gestreckten Armen hoch und warfen sich dann mit den langausgestreckten Armen wieder zu Boden. Dabei riefen sie unaufhörlich und mit Inbrunst den Namen des Amitabha-Buddhas. Zhuowu betrachtete das Schauspiel. Es ist wohl so, dachte er amüsiert, dass der Weg zum Nirvana vor allem mit Leibesübungen verbunden ist. Nachdem er ein hölzernes Ehrentor mit der Inschrift „Zehntausendfaches Glück erreicht den Tempelhof“ passiert hatte, befand er sich in der eigentlichen Tempelanlage. Als er einen Mönch in seiner gelben Kutte vorbeigehen sah, sprach er ihn an.

„Ehrwürdiger Mönch, wo finde ich das Gasthaus?“

Der Angesprochene zeigte wortlos auf ein Gebäude ganz in der Nähe und entfernte sich eilig. Es war tatsächlich kein Problem, eine Schlafstelle zu bekommen. Ein junger Mönch zeigte ihm den Schlafsaal, in dem ungefähr zwanzig Betten in kurzen Abständen nebeneinandergereiht aufgestellt waren, und wies ihm eines davon zu. Im Anschluss suchte Zhuowu einige Gebäude des Tempels auf. Nur selten stieß er dabei auf andere Besucher oder einen der im Tempel wohnenden Mönche. Zuerst lenkte er seine Schritte zur Halle der Himmelskönige, den vier Wächtern des Universums. Vor dem Eingang erhoben sich links und rechts die zwei fast sieben Meter hohen Keramikpagoden der Tausend Buddhas. Der Name bezog sich auf die über tausend Buddhafigürchen, die in kleinen Nischen an ihren Außenseiten zu sehen waren. Zhuowu studierte sie eingehend. Er wusste, dass diese Art von Pagoden sehr selten war. In der Halle fand er an der Rückwand eine vergoldete Figur des berühmten dickbäuchigen lachenden Buddhas Budai, der ihm schon immer gefallen hatte. Jemand hatte ihm erzählt, dass dessen runder Körper ein Ausdruck für Harmonie, Gelassenheit und Weisheit ist. An beiden Seiten der Halle ragten fast bis zur Decke paarweise die Himmelskönige auf, in ihren bunten Gewändern und mit ihren typischen Symbolen, der Siegesfahne, der Laute, dem Schwert und der Schlange. Sie sollten den Tempel vor Dämonen und anderen üblen Kräften schützen. Nachdem Zhuowu die vier martialisch wirkenden Statuen genauer betrachtet hatte, verließ er die Halle an der Rückseite und trat in einen Hof, in dem sich in der Mitte ein großes Bronzebecken befand. Ein Pilger stand davor, der Weihrauch verbrannte und sich immer wieder mit schnellen Bewegungen verbeugte. Er schien tief in seine Anbetung versunken zu sein und nahm Zhuowu, der vorsichtig an ihm vorbeiging, nicht wahr. Zhuowu hörte, dass er wie die beiden Pilger vorhin, immer wieder inbrünstig den Namen des Amitabha-Buddhas rief und dessen Herrlichkeit pries. Dicht quoll der weiße Rauch aus dem Becken und verbreitete sich im Hof. Zhuowu verspürte einen unangenehmen Hustenreiz und ging schnell weiter, um den Rauch und den von ihm eingehüllten Betenden hinter sich zu lassen.

Auf der anderen Seite des Hofs lag das große Hauptgebäude des Tempels, die Kostbare Halle des Großen Helden. Direkt dem Eingang gegenüber standen im Inneren der Halle an der Rückwand drei hohe mit Goldfarbe überzogene Holzstatuen, die auf dem Lotusthron sitzende und meditierende Buddhas darstellten. Ihre Gesichter mit den in Versenkung geschlossenen Augen und dem von einem leichten geheimnisvollen Lächeln umspielten Mund strahlten Ruhe und Frieden aus. Sie bildeten das sakrale Zentrum des Tempels. Vor den Buddhas knieten betende Pilger. Zhuowu zog es vor, die an den Seitenwänden der Halle aneinandergereihten Holzfiguren näher in Augenschein zu nehmen. So konnte er sich den Anblick der Gebete murmelnden und die Köpfe auf den Boden stoßenden Pilger ersparen. Es wurde ihm zu viel an Frömmigkeit. Aber die Figuren faszinierten ihn. Sie hatten ein äußerst bizarres Aussehen und wirkten, jede für sich, individuell und exzentrisch. Einer der Luohan hatte seine Arme nach oben gerissen und den Mund weit aufgesperrt, so als würde er laut schreien. Ein anderer hatte lange Augenbrauen, die bis auf den Boden reichten. Wieder ein anderer, von muskulösem Körperbau und mit wildem Blick, rang im Kampf einen mächtigen Tiger nieder. Das gefiel Zhuowu. Er war so vertieft, dass er nicht bemerkte, wie sich ein junger Mönch leise neben ihn stellte.

„Das sind die Achtzehn Luohan“, erklärte der Mönch, indem er auf die Figuren wies.

Zhuowu sah ihn fragend an.

„Sie verkörpern das Ideal eines Mönchs, der kurz vor der Erleuchtung steht.“

„Ich weiß, erreicht mit der Hilfe eines Buddhas oder Bodhisattvas …“, bemerkte Zhuowu ein wenig spöttisch.

„Nein, sie sind ihren Weg mühselig und asketisch alleingegangen“, entgegnete der Mönch mit ernster Stimme.

Das interessierte Zhuowu.

„Die meisten von ihnen haben sich völlig in die Einsamkeit zurückgezogen und sich dort mit harter und langer Meditation und durch Verzicht auf alle Annehmlichkeiten die Wahrheit erarbeitet“, fuhr der Mönch fort, „sie suchten nur ihre eigene Erlösung.“

„Also anders als ein Bodhisattva oder Amitabha, die auch anderen Menschen helfen wollen ...“

Das Gespräch wurde durch das plötzliche Eintreffen eines älteren Mönchs unterbrochen, der äußerst ungehalten zu sein schien.

„Bulai, hier steckst du also. Du sollst doch die Schlafzellen ausfegen. Komm endlich.“

Zhuowu stellte fest, dass der junge Mönch tatsächlich einen Reisigbesen in der Hand hielt. Wortlos folgte dieser dem älteren Mönch. Zhuowu blieb noch einige Zeit bei den Louhan und verließ dann die Haupthalle wieder durch den Vordereingang. Als er auf dem Hof stand, in dem noch immer die Weihrauchschwaden in der Luft hingen, verspürte er keine Lust mehr, weitere Gebäude aufzusuchen. Außerdem war es schon spät, die Dämmerung setzte ein. Vor dem Abendessen wollte er lieber noch die Stille dieses Ortes genießen. Er suchte sich einen ruhigen Platz abseits in einem kleinen Seitenhof und machte es sich unter einer knorrigen Kiefer bequem. Hier war er allein, niemand störte ihn. Er dachte noch einmal an sein Gespräch mit dem Pilger und schüttelte den Kopf. So einfach kann der Weg zur Wahrheit nicht sein, überlegte er. Wahrscheinlich sollen auf diese Weise Gläubige angelockt werden. Die Luohan jedoch waren anders. Er ließ in Gedanken noch einmal die exzentrischen Figuren an sich vorüberziehen. Ihm gefiel, dass diese auf sich selbst gestellt und nur durch eigenes Bemühen nach der Wahrheit gesucht hatten.

Als es dunkel geworden war, begab Zhuowu sich in den Speisesaal für Besucher des Tempels. Er war hungrig und bestellte mehrere Gemüsegerichte mit Reis und eine Kanne Tee. Während er auf sein Essen wartete, setzte sich ein kahlköpfiger älterer Mann in einem ziemlich schmutzigen und abgewetzten Gewand, dessen Farbe nicht mehr zu identifizieren war, zu ihm, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen. Zhuowu wäre lieber allein geblieben. Wieder so ein Amitabha-Anhänger, dachte er verächtlich. Hier sind so viele Plätze frei, warum muss er sich ausgerechnet an meinen Tisch setzen? Er hatte kein Interesse an einem Gespräch. Darum vermied er es, den Alten anzusehen und senkte seinen Blick. Er spürte aber, dass dieser ihn beobachtete. Das war ihm unangenehm. Als er schließlich doch aufschaute, blickte er in ein helles, offenes Gesicht und in Augen, aus denen tiefe Ruhe und Weisheit strahlten. Der Alte lächelte ihn freundlich an.

„Nun junger Freund, bist du hier, um den Tempel zu besichtigen?“ fragte er mit einer milden und melodischen Stimme, die Zhuowu in ihren Bann zog.

„Ja“, erwiderte Zhuowu, „ich habe ihn schon besichtigt, jedenfalls zum Teil.“

„Und gefällt er dir?“

„Ich mag die Ruhe. Und er ist wirklich schön gelegen.“

„Du bist nicht wegen des Glaubens hier, nicht wahr?“

„Nein, der Buddhismus interessiert mich nicht so sehr. Ich habe eine konfuzianische Ausbildung, und in den letzten Tagen habe ich an dem Provinzexamen teilgenommen.“

Der Alte lächelte und nickte. Sein milder Blick ruhte auf Zhuowu. In diesem Moment wurden die Speisen aufgetragen. Der Alte hatte nur eine Schale mit etwas Reis und Gemüse bestellt. Zhuowu bot ihm von seinen Gerichten an, aber er lehnte dankend und lachend ab.

„Ich nenne mich Rukong“, sagte der Alte freundlich, „und wie heißt du?“