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Dem Alltäglichen auf der Spur Mit den »Dunstheimer’s Diaries« legt der Frankfurter Peter Dunstheimer, dessen modisches Vorbild Peter Ustinov ist, sein lange erwartetes literarisches Debut vor. »Dunstheimer ist ein Chronist des Alltäglichen. Er beobachtet Menschen und beschreibt deren Gefühle, Gedanken, Hoffnungen und Handlungen mit einer geradezu fotografischen Sprache.« (Helmut Heidenreich, Gelnhäuser Tageblatt). »Dank seiner 30-jährigen Erfahrung als Herrenausstatter weiß der Autor bestens zu beobachten.« (Meike Schwagmann, Gelnhäuser Neue Zeitung). Ein Buch, das Sie schmunzeln läßt – und Nachdenken. Über Gott und die Welt, Eiscreme und Yuppies – und den letzten unangenehmen Besuch im Szene-Restaurant. »Ich habe noch nie gehört, daß jemand dafür ausgezeichnet wurde, daß er sein tägliches Leben bestreitet.« (Peter Dunstheimer) Mit 9 typographischen und skripturalen Illustrationen von Jörg Schmitz.
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Seitenzahl: 140
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Für Claudia und Justin, in Liebe
Vorwort
Ein Anfang
Saure Gurken ganz vegan
Im Mirabellengarten
Hallo Manfred, der Tisch ist reserviert – ein Hilferuf
Esther, Chuck E. an’ me
Westend – oder Bonjour, Tristesse
Nachmittag eines Autodidakten
Für all die Ilja Richters in the world today oh boy
Von den Alten Zeiten
Pfingsten soll’s schön werden
Gut gemacht Lucy baby
Notausgang
Über Fotografie
Wenn das George Clooney wüßte
Auf dem Dach mit George Clooney
Ein Abend im Februar
Eine Geschichte die noch nicht endet
Endspiel // für JJ
Vom allein sein
Vom älter werden
Samstagsmittagssonne
Der Krieg ist vorbei
Die Last die wir tragen
1979
Gefühlslagen in Florenz
So nah und doch so fern
Nervös am Brenta Kanal
Eine Art Menopause
Buona Domenica
Ein Hoch aufs Blümchenkleid
Über den Fluss
Liebeserklärung an einen Tresen
Peter Dunstheimer lernte ich vor Jahren in seiner Rolle als Filialleiter einer Ladenkette für Herrenoberbekleidung kennen. Die Kette hatte auch einen Laden in New York, hielt also etwas auf sich und war deswegen damals genau das Richtige für mich. Den Mantel, den ich dort kaufte, habe ich heute noch, obwohl ich ihn nur noch selten trage. Richtig gut schien auch der stets gut gekleidete Filialleiter mit der markanten Brille in den Laden zu passen – ich hielt ihn für den Inhaber, mindestens. Mir fiel auf, dass dieser »Inhaber« – wie sonderbar für einen Verkäufer – nicht das Verkaufen in den Mittelpunkt des Zwischenmenschlichen stellte, sondern vielmehr das Zwischenmenschliche. Weil der Laden in einer der 1A-Lagen der Stadt lag, die Metropole zu sein glaubte und von Menschen frequentiert wurde, die viel von sich hielten, hatten wir viel zu sprechen über die Eigenheiten dieser Menschen. Erst viel später begriff ich, dass wir im Grunde immer über uns selbst redeten und darüber, wie man sich im Umgang mit scheinbaren Äußerlichkeiten fühlen kann. Denn Äußerlichkeit war doch wohl das Geschäft dieses Dunstheimers, oder?
Peter Dunstheimer’s Namen kannte ich lange nicht. Nachdem wir uns irgendwann einander vorgestellt hatten, hielt ich »Dunstheimer« für eine Art Künstlernamen. So heisst doch keiner, dachte ich.
Wie nicht wenige andere Kunden auch, folgte ich »dem Dunstheimer«, wie man ihn hessisch-elegant aber auch ganz automatisch zu nennen pflegt, in seine neu eröffnenden Läden in den angesagtesten Stadtteil der Stadt, die nunmehr wirklich ganz dringend Metropole sein wollte. Während meine Kauflust aufgrund vordergründig beruflicher Veränderungen und sich daraus ergebender Konsequenzen für meine Persönlichkeit eher abnahm, nahm die Selbstverständlichkeit unserer Gespräche eher zu. Auch im besagten angesagtesten Stadtteil der Stadt, die etwas auf sich hält, gingen uns die Gesprächsthemen nicht aus: Menschen, Situationen, Eigenarten – und das, was sich in der Spannung zwischen ihnen so alles ergibt.
»Was der Dunstheimer da immer erzählt und wie er es erzählt, das müsste man eigentlich aufschreiben«, dachte ich.
Und so war ich wenig überrascht, als der Dunstheimer mir irgendwann beim Mittagessen sagt, dass er genau das längst tut: aufschreiben. War doch klar: der Dunstheimer hat viel mit Menschen zu tun, guckt ihnen auf die Figur, weiss sofort ihre Kleidergröße, kann soziale Herkunft, Jahresgehalt, Wohnlage, Anzahl der Autos, et cetera sekundenschnell einschätzen – ein Rhythmus, der sich sicher gut eingespielt hat im Laufe der Jahre. Und so sieht der Autor von Dunstheimers Diaries die Dinge für uns mit der Brille eines Chronisten des Alltäglichen. Was er schreibt, erleben wir selbst. So oder so ähnlich.
Aber das ist es nicht. Nicht nur. Denn Dunstheimers Kosmos umfasst die ganze Welt. Lustiges, das neben Dunklem liegt. Der Spaß, der auch ernst ist. Die ganzen Widersprüche, ständig. Und wir merken: Die Oberfläche, der erste Eindruck, weist meistens auf etwas ganz anderes hin. Etwas, für das im Alltag keine Zeit zu sein scheint. Zwischen diesem Äußeren und dem ganz tiefliegend Inneren baut Dunstheimer eine Brücke mit seinen Erzählungen. Eine Brücke aus Wertschätzung.
Immer mehr Menschen, mit denen wir sprechen, lassen uns während des Gespräches gerne wissen, dass sie eigentlich lieber dort wären, wo sie gerade nicht sind. Sie teilen uns dies mit, indem sie sich liebevoll mit einem ihrer zahlreichen elektronischen Geräte beschäftigen. Und so werden das Gespräch, das Zwischenmenschliche, das Eigentliche, unbesehen zur Nebensache – schade. Dunstheimes Diaries heilen dies, denn sie feiern den Moment, der nie mehr wiederkommen wird, beschreiben ein Gefühl, das wir alle kennen, breiten die Erinnerung aus, von der wir alle erfüllt sind. Und sie würdigen Alltäglich-Besonderes, das nur Menschen können und an dem wir Innehalten lernen. Und Hingabe.
Meine Lieblingstante aus Hannover erzählte mir unlängst, daß sie einmal von dem Gastgeber einer abendlichen Gesellschaft völlig unvermittelt gefragt wurde: »Haben Sie Angst vor Situationen?«. – Für mich sind Dunstheimers Diaries eine lustvolle Hymne an das Menschliche.
JÖRG SCHMITZ
Ein bisschen wie als stehe man an der Ampel, eine billige Download-Version von Inca Roads von Frank Zappa im Ohr, die man auch nur heruntergeladen hat für den Fall, dass man genau dieses Stück mal unterwegs hören möchte, und wenn es dann kommt und der Kopf erfüllt ist mit Lautstärke und man den fließenden Verkehr nicht mehr an seinem Geräusch erkennen kann, merkt man wieder einmal, dass es der falsche Moment ist, den der Zufallsmix gewählt hat. Wo er doch sonst immer so zuverlässig ist, Bachs Air und dann Piano-Jazz oder Brasilien, Folk aus den Midlands. Wenn ich im Supermarkt vor dem Obstregal stehe und über die Bioäpfelpreise nachdenke und darüber, was ich vergessen habe auf den Zettel zu schreiben heute Morgen, Dinge, die ich auch noch einkaufen wollte und bestimmt vergessen werde, sodass ich nochmals herkommen muss, nochmal dem Akkordeonspieler zunicken, der vor der Tür sein breites Hallooooo verbreitet, sich in all seiner Öligkeit anbiedernd in der Hoffnung, dass ihm jemand endlich was in die bereitgestellte Dose wirft, und dafür spielt er schon wieder Besame Mucho, nochmal den Hausfrauen und Studenten ausweichen bei ihren Manövern, die sie mit dem Einkaufswagen ausführen, selbstvergessen eingebettet in ihre eigenen Gedanken an die vielen Zettel, die sie in ihrem Leben bereits mit Namen von Waren gefüllt haben, um diese dann in den Einkaufswagen zu legen, nach Hause zu schleppen, an jedem Arm eine Tüte mit dem Namen des Marktes, wieder mal die Einkaufstasche vergessen, so geht es mir oft, und um dann gemeinsam mit ihren Ehemännern, Freunden, Kindern dies alles zu verzehren, erneut muss ich der Kassiererin zulächeln, als sie mir das Wechselgeld in die Hand drückt und ich für einen ganz kurzen Moment die Haut ihrer Hand spüre. Der Regen hat wieder eingesetzt, mit dem Ärmel meiner Jacke trockne ich den Sattel, der Akkordeonspieler hat sich untergestellt am Eingang zur Bibliothek, nickt mir zu mit dem Handy am Ohr, eine Freundin meiner Frau fährt vorbei, sieht mich aber nicht, obwohl ich ihr zuwinke, das Fahrrad lässt sich jetzt schwerer lenken, drei Anderthalbliterflaschen Wasser und zwei Flaschen Rotwein wiegen schwer im Korb, der am Lenker befestigt ist, etwas unsicher und wacklig starte ich meine Fahrt, schon wieder ist die Ampel rot.
August, wie wir ihn kennen. Im Fernsehen nur Wiederholungen mit den üblichen Verdächtigen für solche Fälle. Die Läden, sagen deren Inhaber, trifft man sie in Begleitung ihrer Architekten beim Erkunden neuer Ladenflächen auf der Straße, behaupten zwar das Gegenteil, also sie liefen bombig, doch die Schaufensterfronten sagen anderes, vereinzelt reduzierte Einzelteile großflächig im XXL-Format über die ganze Scheibe, sodass sich die vorbeischlendernde Damenwelt nun in Weiß oder Rot oder Kobaltblau spiegelt und sich dabei fragt, was die Sachen denn nun wirklich kosten. Das ist der Anfang vom Ende der Saison. In einem renommierten Wochenblatt wird über die Eröffnung der David-Bowie-Ausstellung durch einen bekannten Politiker in Berlin berichtet; der Schreiber der Zeilen, ein Mann mit einem Von vor dem Nachnamen, lässt durchblicken, dass er es gut findet, dass sich besagter Politiker dabei als Fan outet, und scheint darüber zu vergessen, dass sich die Politik schon immer gerne beim Volk, im Besonderen den Künstlern und deren Interessen angebiedert hat. Sind wir einfach froh, dass der Mann keine Volksmusik hört und wenn, dann heimlich und ohne unser Wissen. Über den Rundfunk erfahren wir, dass eine Grünenpolitikerin, die früher eine Politpunkrock-Truppe aus Kreuzberg managte, eine große Leidenschaft für Fußball hegt, warum man uns dies mitteilt, entzieht sich leider meiner Kenntnis. Frühzeitig vom Schwimmen nach Hause zurückgekehrt, erleben wir im Sonntagnachmittagsfernsehen, wie sich ein amerikanischer Ex-Präsident, bekannt für seine sexuellen Vorlieben, und eine ausgesuchte Riege ehemaliger deutscher Show- und Sportgrößen, darunter ein Ex-Fußballstar, der dem Ex-Präsidenten hinsichtlich seines sexuellen Appetits in nichts nachsteht, zu einem Essen auf einer Schwarzwälder Jagdhütte aus dem 16. Jahrhundert treffen, ebenfalls dabei ein Mann, bekannt für seinen schlechten Geschmack in Kleidungsfragen und dessen Frau, die noch einen schlechteren Geschmack aufzuweisen hat, und ihn, der einen großen Teil seines Vermögens durch die Bewerbung bei Kindern und Erwachsenen beliebter Gummibonbons verdient hat, in Fragen des allgemeinen und besonders des Kleidungsstils berät, dieser Mann, schon immer volksnah, lässt sich am anderen Morgen im Frühstückssaal eines bekannten Schwarzwälder Hotels, zu diesem gehört die Jagdhütte, Arm in Arm mit der Chefin der Frühstücksabteilung ablichten und hält eine nicht enden wollende Laudatio auf sie und das Hotel. Ein bekannter deutscher Rockmusiker versteigt sich dazu, im abgedunkelten Zimmer sitzend, dunkle Sonnenbrille, uns nuschelnd mitzuteilen, das Lehrjahre ja bekanntlich keine Herrenjahre seien, und endlich verstehen wir, worum es in diesem Bericht überhaupt geht, um die Ausbildung zur/zum Hotelfachfrau/-mann. Auch George Clooney erscheint ganz kurz, winkt lächelnd in die Runde und macht ein paar aus Kroatien stammende Kleinganovenfrauen glücklich, die vor der Absperrung bereits Stunden ausgehalten hatten, bis er dann endlich erschien, um dann auch sofort wieder zu verschwinden. Der einzige Gutgekleidete übrigens im Team. Der Schreiber dieser Zeilen hat in diesem Hause sonntäglich und mehrmalig auch schon die ein oder andere Tasse Kaffee zu sich genommen, auf der wunderbaren Terrasse des Hotels und in ebenfalls wunderbarer, doch wechselnder Damenbegleitung. Dies meist nach einer recht kurvenreichen Fahrt über die Schwarzwaldhöhenstraße, oder war es die Schwarzwaldtälerstraße? Eigentlich hatte ich mich auf einen Ritterfilm gefreut am Sonntagnachmittag, Roger Moore und seine Interpretation eines nach eigener Aussage mediävalen Feuerwehrmannes. Lang lebe Ritter Ivanhoe, ein guter Freund aus Kindertagen, das alles vor Simon Templar und der Erfindung des Dackelohrkragens.Während all dies geschieht, vergeht der Tag beim Bügeln und Zusammenlegen der Wäsche und nach einem gesunden Schlaf wenden wir uns dem um die Ecke liegenden Bioladen zu, der einen feinen Mittagstisch für eine erschwingliche Summe Euros anbietet und dabei erleben muss, wie die ehemalige und mit diesem Laden in die Jahre gekommene Klientel der Jutesäckchenträger verdrängt wird durch eine Riege Computerchips nicht unähnlicher junger Männer mit Heilandsgesichtern wie in Oberammergau zu den dortigen Festspielen, die zu kurze enge Hosen tragen und durch ihre zu großen Brillengestelle überrascht in die Welt schauen, während sie ihren Frauen und Kindern beim Aufklappen der elektronischen Geräte helfen. Diese wiederum sind damit beschäftigt, die Verträglichkeitsrisiken von Roten Beten im Falle einer Schwangerschaft abzufragen. Ehrfürchtig lauschen wir den Erklärungen des Personals und fühlen uns aufgenommen in den Kreis derer, die hier ihr mittägliches Mahl einnehmen dürfen, dabei gut darauf achtend, nachdem man brav in der Reihe angestanden hat, sein benutztes Geschirr in die dafür mit kleinen Zetteln versehenen Kästen zu stapeln, für Besteck und Bioabfall gibt es extra Behälter. Richtig gute Kunden erhalten zu Weihnachten ein Bioschokoladenherz in der Größe 2 auf 3 cm, es gibt Kunden, die teilen sich das gerecht mit dem Messer. Auf dem Kiez, der es aufgrund einer gewissen und gewollten Nähe zu ähnlichen Gebieten in diesem unserem Land sogar in einen japanischen Szenereiseführer geschafft haben soll, laben wir uns an einem Bio-Gelato und an hausgemachter Limonade. Beides schmeckt nicht viel anders als andere Limos und das Eis vom Italiener um die Ecke. Das Geheimnis, das sich dahinter verbirgt, warum man hier dem Kunden generell mit einer gewissen Distanziertheit begegnet, konnten wir auch anhand der kryptischen Mitteilungen auf den an den Wänden angebrachten Tafeln nicht ergründen. Wir grüßen unseren Bio-Kaffeeröster. Ansonsten auch hier, schmales Beinkleid, große Brillen, manche der Damen tragen Gretelzöpfe oder Dutt. Und ansonsten, siehe oben. Laaaaaaaaaangeweile, sie ist in die Stadt gekrochen und sie hat keiiiine Eiiile.
Der Reiseführer war etwa 6 Jahre alt, nicht mehr aktuell genug, um verlässliche Informationen über Restaurants, Gaststätten oder Hotels zu geben, aber eine angenehme Bettlektüre, während die Seinen sich an einer Seifenoper aus dem Sat TV ergötzten. Sie hatten 14 Tage italienisches Strandleben hinter sich, rochen nach Sonnenschutzmittel und Insektenspray und brauchten nun einen Szenenwechsel. So tauschten sie die mediterrane Meeresluft des Veneto gegen einen barocken Mozarthimmel, der nicht nur voller wunderbarer Klänge war, sondern durch die Entdeckerfreude eines einzigen Mannes auch gefüllt mit der Lieblingssüßspeise eines missgünstigen Musikanten, den wunderbaren gaumenfüllenden und den Mund zum Überlaufen bringenden Capezzoli di Venere, deren richtige Übersetzung wohl Venus-Brustwarzen ist, aber im Rahmen einer neuen Geniertheit verniedlicht als Venusbrüstchen tituliert werden. Dort, wo es sie laut Reiseführer geben sollte, in der Sigmund-Haffner-Gasse zu Salzburg, gab es sie erst mal nicht. Der barocke Mensch ist sehr freundlich seinen Mitmenschen gegenüber, von so einem, dem Nachbarn des ehemaligen Feinkostgeschäftes, erfuhren sie, dass dessen Inhaber schließen musste, aber einem anderen Feinkostgeschäft die Erlaubnis erteilt hatte, jene süßen Köstlichkeiten, die er wiederentdeckt hatte, zu vertreiben. Allerdings hatte er, der Nachbar, keine Ahnung, wie dessen Namen sei, wusste aber die Himmelsrichtung und etwaige Lage in der Nähe der Musikschule zu beschreiben. Vorher empfahl er aber noch ein Mittagsmahl im Lokal zur Rechten einzunehmen, dessen Gulasch und Auswahl an Bieren er nur anpreisen konnte. Gulasch bei dreißig Grad im Schatten? Ein Gulasch kann man schließlich immer essen. Danach machte man sich nicht mehr ganz so leichtfüßig wie anfänglich auf den Weg über den Fluss und fand nach einigem Umherirren das Gesuchte bei Feinkost H. Kölbl in der Theatergasse 2. Man war verschwitzt und sehnte sich zurück ans Meer, die Fahrt bei offenem Fenster über die Holzbrücke, die sie mit dem Festland verband, der Geruch, der aus der Lagune aufstieg, nach Fischabfällen und Tang, der sich am Strand angesammelt hatte und beim Spazierengehen die Füße schwärzte, schwer wieder loszuwerden, mit einem der alten Fahrräder bei Dunkelheit, nur eines hatte eine Lampe, durch den Pinienwald zurück ins Hotel, dort noch einen gut gekühlten Weißwein, der aus Anderthalbliterflaschen, die ehemals Orangensaft enthielten, ausgeschenkt wurde, den Rollläden lauschend, die überall links und rechts in den umliegenden Ferienwohnungen heruntergelassen wurden, in diesem Teil der Halbinsel, der seine beste Zeit in den Sechzigerjahren erlebt haben musste, die dünne Bettdecke sich bis zum Hals hochziehen, weil einen fröstelt, man hat die Klimaanlage zu kalt eingestellt, und auf dem Nachttisch hinterlässt die Flasche Wasser für die Nacht dünne Kondensstreifen, die leicht zittern, wenn die kühle Luft sie streift. Bei Feinkost Kölbl war es wohltemperiert, die Hitze, die vor der Tür den Staub an die Fenster klebte, wurde ferngehalten, damit sich Damen und Herren in leichten Sommerjacken hier drinnen ihren Nachmittagskaffee schmecken lassen konnten und das ein oder andere Venusbrüstchen dazu. So lustvoll war es nicht hier drinnen, eher kühl und distanziert wie in der Auslage eines dieser hochpreisigen Modegeschäfte, wie es sie überall auf der Welt gibt. Also machte man sich auf den Weg Richtung Mozarteum, in dessen Garten man ein wenig verweilen wollte, um dort den Rest des Nachmittags zu verbringen. Nach Gulasch und Kaffee sehnte sich der Körper nach sanften Sonnenstrahlen, die von dunkel belaubten Bäumen gefiltert kleine helle Punkte auf der Haut hinterlassen für einen Moment, so lange, wie das Blinzeln dauert, mit dem man in den Himmel schaut. Von Ferne wehten die sich suchenden und umkreisenden Töne eines Orchesters im Stadium des Einstimmens herüber. Ein wenig hörte es sich an wie die Anfangsszene bei Harry Varick, einem alten Film mit Walter Matthau, deren impressionistische Töne einen umschmeicheln und eine Idylle vortäuschen, die jäh zerstört wird. Hier war es anders, das Umherirren der Töne wurde langsam zu einem großen runden fetten Klangkörper aus Tuben, Bässen und Posaunen, der sich über die Köpfe der sich im Park befindlichen Menschen gen Himmel schwang. Aus Tempowechseln wurde Lyrik und es traten Melodien nach vorne, die man alle irgendwie kannte, die Mississippi River Brass Band war auf Europa-Tournee und nutzte den warmen sonnigen Tag für ein Freiluft-Üben in kurzen Hosen und blütenweißen Polohemden. For free und zum Niederknien.
