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Christina erwartete nach den Sommerferien nur ein weiteres langweiliges Schuljahr. Doch als ein neuer Schüler in ihre Klasse kommt, merkt sie schnell, dass sich ihr ganzes Leben ändern wird. Nicht nur, dass sie sich hoffnungslos in ihn verliebt, ihn umgibt auch ein Geheimnis, welches sie nach und nach lüftet. Doch wer hätte ahnen können, in was für ein Abenteuer sie hineingeraten wird. Als wäre es nicht schon genug, dass sie sich mit den Herausforderungen der Pubertät herumschlagen muss, befindet sie sich plötzlich auch noch auf einer Rettungsaktion.
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Seitenzahl: 506
Veröffentlichungsjahr: 2018
SUSANNE TIPPNER
***
© 2018 Susanne Tippner
Buchtalent
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7439-8964-1
Hardcover:
978-3-7439-8965-8
e-Book:
978-3-7439-8966-5
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Die schönen, viel zu kurzen Sommerferien waren zu Ende und die Freude und Glück unterdrückenden Arme der Schule hatten uns wieder fest umschlossen. Obwohl wir endlich in unser nagelneues Schulgebäude durften, das erst vor drei Monaten fertig gestellt wurde, befand sich unsere Motivation gewissermaßen auf null. Es war so traurig und frustrierend, dass sogar der Himmel schon am zweiten Tag in Tränen ausbrach.
„Es regnet!“, flötete Jessi glücklich und ließ dabei ihren rothaarigen Zopf fröhlich schwingen.
„Echt? Ist mir noch gar nicht aufgefallen“, erwiderte ich und trocknete mir meinen Kopf ab. Ich Dummi hatte meinen Schirm vergessen und der Regen schaffte es daraufhin, meine ganzen Klamotten zu ertränken.
Sie grinste mich manisch an, was mir fast schon Angst gemacht hätte, wenn sie nicht meine älteste und beste Freundin wäre und ich diesen Blick nicht schon Hunderte Male gesehen hätte. „Das heißt, in Sport können wir heute nicht rausgehen.“
Seufzend packte ich das Handtuch weg und sah sie tadelnd an. „Aber Jessi, du weißt doch: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.“
„Bäääh … dann hab ich halt meine Sportsachen vergessen“, entgegnete sie leichthin und begleitete mich zur Toilette, wo ich mir erst einmal meine Notfallklamotten anzog. Ja, ich hatte so etwas, um damit jeglichen Peinlichkeiten aus dem Weg zu gehen oder eben, um nicht den ganzen Tag in durchnässten Sachen im Unterricht zu sitzen. Und so ging ich dann mit einem lässigen schwarzen T-Shirt und schwarzer Leinenhose bekleidet zu unserer ersten Stunde.
In Deutsch, eines unserer Hauptfächer unterrichtete uns unser Tutor Herrn Vögtle. Der Ärmste hatte es, aufgrund seines Namens, wirklich nicht leicht, aber warum musste er auch unbedingt Lehrer von Teenagern werden? Zumal sein leichter Buckel und der Schildkrötenhals schon genug für Lästereien sorgten. Er wartete bereits im Klassenzimmer, aber ein flüchtiger Blick auf die Uhr, das wohl wichtigste Utensil im Unterricht, verriet mir, dass uns noch wenigstens fünf Minuten Zeit blieben.
„Mach‘s gut“, schniefte ich theatralisch, als wir an meinem Tisch vorbeikamen. Warum auch immer hielten es einige Lehrer für unglaublich sinnvoll, Sitzpläne zu erstellen und unseren Banknachbarn festzulegen. Aber es war mir ein absolutes, unentschlüsselbares Rätsel, warum ich bereits seit vier Jahren immer wieder neben David gesetzt wurde. Er war zwar in einigen Fächern wirklich gut und konnte eine Hilfe sein, aber im Grunde wirkte er wie ein Fünfjähriger im Körper eines Siebzehnjährigen. Noch dazu war er Mister 08/15. Nichts an ihm schien auch nur ansatzweise interessant, am allerwenigsten sein Stimmbruch, der ihn schon seit annähernd zwei Jahren begleitete.
Jessi nahm mich ergriffen in die Arme und drückte mich fest an sich. „Mach‘s gut! Und denk daran … du bist ein großes Mädchen und du schaffst das!“
Ich wischte mir ein paar imaginäre Tränen aus den Augenwinkeln, nickte ihr zu und setzte mich.
„Ihr beide seid nicht ganz dicht“, meinte David kopfschüttelnd.
Lächelnd begegnete ich seinem genervten Blick. „Danke! Das aus deinem Mund zu hören, macht mich wirklich glücklich!“
Zu unser aller Überraschung fing der Unterricht dieses Mal nicht mit einer Vorstellung des geplanten Unterrichtsstoffes an, sondern mit der Vorstellung eines neuen Schülers. Surprise, surprise … der Tag wollte also noch interessant werden.
„Klasse!“, sagte Herr Vögtle laut, um unser aller Aufmerksamkeit zu erlangen. Ja, für ihn waren wir nur eine Klasse, nicht etwa selbständig denkende Individuen. „Ich möchte euch einen neuen Mitschüler vorstellen. Das ist Justin. Er ist gerade erst in die Stadt gezogen.“
Ich betrachtete den Neuankömmling auf das Genaueste und wusste bereits, was Jessi gerade durch den Kopf ging: Ein wirklich sehr leckeres Schnuckelchen. Wie konnte ein Schüler nur so verboten gut aussehen? Hohe Wangenknochen, ein scharf geschnittenes Gesicht und die perfektesten Lippen, die ich je sehen durfte. Herrje, er hatte ja noch nicht einmal Pickel. Aber er trug halblanges blondes Haar, das sich entweder weigerte, seinem Willen zu gehorchen oder nur selten einen Kamm sah. Was auch immer zutraf, es war ein Geschenk. Ich hätte fast geseufzt.
„Justin, vielleicht stellst du dich selbst kurz vor“, meinte Herr Vögtle und sah abwartend zu dem Neuen.
„Ich bin Justin, achtzehn und gerade erst hergezogen”, erklärte unser schnuckliger Neuzugang. Seine Stimme klang ganz warm und ruhig, hach, sie war die reinste Wohltat, wenn man den halben Tag neben Mister 08/15 sitzen musste.
Unser Lehrer sah Justin noch eine Weile an, als erwarte er eine allumfassende Lebensgeschichte. Aber nööö … Justin wartete nur darauf, einen Platz zu bekommen. Und den bekam er dann auch, neben mir. Na ja, nicht direkt neben mir, da saß ja leider schon jemand. Aber wenn man den Gang einfach mal ausblendete, saß Justin schon irgendwie neben mir.
Die restliche Stunde war ich damit beschäftigt, mich auf unseren Lehrer zu konzentrieren. Das erschien nicht sonderlich einfach, da mir das Schnuckelchen so nah war.
„Oh mein Gott. Wir haben den Neuen bekommen!“, flüsterte Jessi breit grinsend, als wir aus dem Raum gingen.
Schnuckelchen war leider schon wieder außer Sichtweite.
„Der ist ja sooooooo sexy!“, fuhr Jessi euphorisch fort.
„Hmmm …”, erwiderte ich nur schwach.
„Wer ist sexy? Ihr meint doch nicht etwa den Neuen?“, quäkte Davids Stimme in einem neuen Anfall von Stimmbruch.
„Nee, du mein Herzchen! Hach … Wenn ich deine Stimme höre, dann wird mir ganz anders“, seufzte Jessi mit wildem Augengeklimper.
David grinste blöd und lief kommentarlos weiter.
„Wenn ich seine Stimme höre, wird mir auch ganz anders … mir wird übel“, flüsterte ich.
Jessi zuckte unschuldig die Schultern. „Habe ich etwas anderes behauptet?“
Im Laufe des Tages trennten sich unsere Wege von denen unseres Neuzugangs. Er hatte andere Wahlfächer belegt als wir. Aber uns blieb ja noch der Sport und fast hätte sich meine beste Freundin gewünscht, diese Doppelstunde wirklich draußen im Regen zu verbringen, nur um zu sehen, wie die möglichst engen Klamotten nass an einem gewissen Körper klebten. Oh ja, wir waren ein wenig verdorben.
Aber das Stoßgebet von Jessi am Morgen wurde zur Abwechslung einmal erhört und der Sportunterricht fand in der Halle statt.
In super zusammengewürfelter, bunter Sportkleidung, gingen wir schließlich in die Halle. Amelie, unsere Klassendiva, stand in Türnähe und ließ immer wieder, ganz unauffällig ihre blonden Haare fliegen.
„Ob ich ihr ´nen Haargummi anbieten sollte?“, fragte Jessi genervt.
„Wenn du es nicht machst, wird Frau Kolle ihr die blonde Mähne abrasieren. Du kennst sie doch. Aber lass ihr den Spaß. Wenn Justin darauf steht, wissen wir zumindest, was wir von ihm zu halten haben“, erwiderte ich und dirigierte sie zu anderen Klassenkameradinnen. Amelie und ihr Gefolge waren nicht gerade das, was man unter angenehmer Gesellschaft verstand. Und wir wussten auch beide, dass ich recht hatte. Jungs, die auf Amelie hereinfielen, waren totale Loser: oberflächlich, hielten nur wenig von Treue und für gewöhnlich so cool, dass man Frostbeulen bekommen konnte.
Pia und Kerstin saßen auf einer Bank und beobachteten die Diva bei der Arbeit. Wir setzten uns dazu und warteten auf den großen Auftritt.
„Meine Eltern haben mir versprochen, einen Hund zu kaufen“, erklärte Pia stolz.
Erstaunt zog Jessi ihre Brauen hoch. „Hast du sie echt überreden können?“
„Ja, unter der Bedingung, dass meine Noten bis zu den Zwischenzeugnissen besser geworden sind.“
Ich musste grinsen. Pias Eltern hatten allen Grund für diese kleine Klausel. Sie war leider nicht gerade die beste Schülerin. Eltern wollten in der Regel stolz auf Einsen und Zweien sein. Pias Eltern konnten sich nur freuen, wenn sie auf einer Drei hängen blieb.
„Ich bekomme das hin. Ich will unbedingt ´nen Hund!“, erklärte unsere neue Musterschülerin entschlossen. „Die sind so süß. Ich kann nicht verstehen, warum man keinen haben will.“
„Warum? Ich brauch keinen Hund. Ich hab ´nen kleinen Bruder. Der pupst und rülpst genauso wie der Hund meiner Tante. Und rausgehen muss ich mit ihm auch regelmäßig. Dem Hund stellst du ´ne Schüssel mit Futter hin und meinem Bruder ´nen Teller mit Essen“, entgegnete ich schulterzuckend.
Während Jessi und Kerstin leise kicherten sah mich Pia nur verwundert an. „Aber mit ´nem Hund kannst du doch kuscheln, ihn streicheln und er wedelt mit seinem Schwanz, wenn er sich freut.“
„Also, kuscheln kannst du mit Max auch und er lässt sich auch streicheln. Nur beißt er nicht. Das mit dem Schwanz, na ja, das kann ich nicht beurteilen und möchte ich auch nicht wissen“, erwiderte ich entschuldigend.
Das brachte das Fass zum Überlaufen, Jessi und Kerstin brachen in schallendes Gelächter aus. Natürlich war die Diva viel zu neugierig, wenn es darum ging, dass jemand ohne ihre Erlaubnis Spaß hatte und daher verpasste sie fast, aber leider nur fast, den Auftritt von Justin.
Gebannt beobachteten wir die Szenerie: Schnuckelchen kam mit gleichgültiger Miene durch die Tür; Diva schmiss sich elegant die blonde Mähne über die Schulter und lächelte ihn dümmlich an. Nun war es soweit. Seine Reaktion würde alles entscheiden: zeigte er sich als ein Idiot oder doch als anbetungswürdig. Und er tat genau das Richtige: er beachtete sie gar nicht und ging einfach grimmig an ihr vorbei.
Das Jubelgeschrei konnten wir vier noch unterdrücken, die Laola nicht. Es musste schließlich gewürdigt werden, wenn ein gutaussehender Typ genug Verstand besaß, um Amelie zu ignorieren. Gut, er hatte sich gerade zur Beute gemacht, denn sie liebte es, Jungs zu jagen, aber die erste Runde ging eindeutig an ihn.
„Wollen wir Wetten abschließen?“, fragte Kerstin.
„Auf was, ob er doch noch schwach wird?“, fragte Jessi.
„Nee, wann er schwach wird. Ich hoffe er hält ´ne Weile durch, dann könnte das Schuljahr doch noch lustig werden“, beantwortete ich die Frage und bekam ein zustimmendes Nicken von den Anderen.
Bislang hatte es Amelie immer irgendwie geschafft die Jungs herumzubekommen. Es war ihr auch wichtig, der „gute“ Ruf wollte schließlich gepflegt werden. Sie tat aber auch viel dafür. Seit etwa drei Jahren befand sie sich auf Dauerdiät, dazu machte sie regelmäßig Sport und gab ihr Taschengeld für Pediküre und Maniküre aus. Womöglich lag es an der Diät, die sie so mürrisch machte, aber ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie so gar nicht gut auf mich zu sprechen war. Vor allem, wenn ich irgendwelche Süßigkeiten in mich reinstopfte, schien sie mich töten zu wollen. Ich aß, was mir schmeckte und mein sportliches Pensum beschränkte sich derzeit auf den Schulsport. Dennoch hatte ich eine sehr ansprechende Figur, wie ich voller Stolz zugeben musste. Gut, es war keine Size Zero, die ich tragen konnte, aber wer wollte schon ein Hungerhaken sein, der Angst haben musste, von der nächsten Windböe umgeworfen zu werden? Meine Mutter meinte, das wären die guten Gene ‒ wem auch immer ich diese verdankte: Vielen Dank!
Die Turnhalle füllte sich langsam mit unseren Klassenkammeraden und den Schülern einer Parallelklasse. Die Jungs hatten ihren eigenen Sportlehrer, wir eben Frau Kolle, die gerade durch die Tür schritt. Burschikos wie immer, vergaß sie wohl auch in diesen Sommerferien wieder einmal, die Frau in sich zu suchen.
„Amelie, willst du dir das Geld für den Frisör sparen oder was soll das werden?“, fragte sie scharf.
Unsere Diva sah ihr grimmig hinterher und band sich die Haare zusammen.
Unser erster Sportunterricht im neuen Schuljahr fing mit total dämlichen Aufwärmübungen an: bis zur Mittellinie rennen und wieder zurück, Linie berühren und ans andere Ende des aufgemalten Fußballfeldes rennen und auch wieder zurück. Gaaaaanz toll. Ich hasste diese Übungen. Danach durften wir um besagtes Feld herumlaufen, während unsere Lehrerin irgendwelche blöden Beinübungen machte, die wir natürlich nachmachen mussten. Der Lehrer der Jungs sah nur zu und ermahnte jeden lautstark, der die Ecken ein wenig zu großzügig abkürzte.
Ich mochte es nicht besonders, mit den Jungen gemeinsam Sport zu machen. Es war viel schöner ihnen zuzusehen, wie sie sich abmühten. Aber dieses Rumgerenne und Gehüpfe, einfach nur peinlich. Der Meinung waren wohl so einige, denn keiner zeigte sich sonderlich motiviert.
Schließlich mussten wir Paare bilden und Amelie fragte doch wirklich Justin, ob er mit ihr zusammenarbeiten wollte.
„Nein“, war alles was sie zur Antwort bekam.
Jessi und ich grinsten breit und würdigten das Ganze mit highfive. Das brachte uns misstrauische Blicke von Justin ein, dem ich gleich ein „Daumen hoch“ zeigte. Amelie hingegen versuchte uns, vor allem mich, sofort mit ihrem fiesen Blick zu töten, den wir gekonnt mit einem breiten Grinsen abblockten.
Jedes Paar musste sich schließlich einen Basketball holen, dann durften wir uns in zwei langen Reihen einander gegenüber aufstellen und damit anfangen, uns die Bälle zuzuwerfen. Der Unterricht konnte kaum noch schlimmer werden. Aber erfreulicherweise stand das Schnuckelchen nur zwei Plätze neben Jessi, sodass ich ihn wunderbar im Blick behielt.
Plötzlich traf mich der Ball, den Justin geworfen hatte, an der Schulter.
„Au!“, rief ich empört, obwohl es gar nicht wehtat. Ich wollte nur meinen Unmut kundtun.
„Du warst im Weg“, brummte er.
Verwirrt sah ich ihn an und wurde etwas verärgert. „Geht es dir nicht gut? Ich stand nicht im Weg. Lern erstmal richtig schießen!“
„Werfen“, entgegnete er kühl.
„Was?“
„Einen Ball wirft man, man schießt ihn nicht“, erklärte er mir grimmig.
Ich holte tief Luft und seufzte. „Okay Klugscheißer, dann lern erst einmal Werfen, bevor du mir blöd kommst.“ Damit warf ich ihm den Ball, so kräftig ich nur konnte, zurück. Offensichtlich musste ich mein Urteil über ihn überdenken. Auch wenn er vielleicht nicht auf Amelie abfuhr, er war ein Idiot. Ein unglaublich gutaussehender Idiot.
„Wann haben wir endlich wieder Ferien?“, fragte ich erschöpft, als wir im Bus nach Hause saßen.
Jessi sah mich mitfühlend an. „Noch achtunddreißig Werktage bis zu den nächsten Ferien. Noch drei bis zum Wochenende”, erklärte sie ohne nachzudenken.
Ich schniefte theatralisch. „Warum dauert das denn noch so lange?“
„Armes Kind, brauchst du ein Taschentuch?“
„Nee, ne Krankschreibung für die nächsten sieben Wochen“, brummte ich.
„Sorry, damit kann ich leider nicht dienen. Aber wir könnten morgen nach der Schule ein Eis essen gehen.“
Seufzend sah ich aus dem Fenster. „Ja, das geht auch. Das Bergfest sollte man feiern, schließlich geht’s dann schnell auf das Wochenende zu.“
Zu Hause fiel ich erst einmal in mein Bett. Was für ein verrückter Tag und so anstrengend.
Der nächste Tag zog sich mal wieder wie Kaugummi und wir bekamen Unmengen an Hausaufgaben auf. Dachten die Lehrer eigentlich, dass wir nur für die Schule lebten? Falls dem so war, dann möchte ich klarstellen: Nein, wir leben nicht für die Schule! Wir leben für die Jungs, für Spaß, wir wollen das Leben genießen, solange wir können und Hausaufgaben und Klausuren sind kein Spaß für uns.
Ich war noch immer sauer auf Justin, weil er sich am Vortag wie ein Idiot benommen hatte. Gleichzeitig tat er mir auch ein wenig leid. Er war neu hier, neu in der Schule und kannte niemanden. Irgendwie wollte ihn auch keiner so recht kennenlernen; von Amelie mal abgesehen, die immer noch erfolgreich gegen eine Wand lief.
Als Jessi und ich nach der Schule das versprochene Eis essen gehen wollten, sah ich unser Schnuckelchen auf dem Parkplatz. Unser Schulgebäude wies nach dem Umbau die Form eines riesigen ‚H‘ auf. Die Turnhalle befand sich hinter dem Schulgebäude, der Parkplatz unmittelbar davor, man musste also notgedrungen daran vorbei. Während jedoch etwa 95 Prozent der Schüler unseres Jahrgangs lediglich Fahrräder parkten, hatte Justin ein Auto, noch dazu einen ziemlich teuren Schlitten; nicht, dass mich das beeindrucken würde, es war nur gut zu wissen. Kurzentschlossen ging ich zu ihm und ließ meine sehr verdutzte Freundin kurz stehen.
„Hey, willst du mitkommen? Wir gehen Eis essen“, fragte ich ihn so unschuldig wie nur möglich.
Justin drehte sich mit grimmiger Miene um und sah mich durchdringend an. Er war wirklich ein wenig angsteinflößend, was mein Herz blöderweise nur Salto schlagen ließ. Dummes Herz, ganz dummes Herz!
Er machte einen Schritt auf mich zu und ich einen von ihm weg. Sieh an, mein Körper konnte also doch noch rational handeln. Leider wurde mein Rückzug von einem Auto in meinem Rücken aufgehalten und dann stand Schnuckelchen plötzlich vor mir und drängte mich an das Auto.
„Warum fragst du?“, knurrte er.
Oh, er roch so gut und so aus der Nähe sah er fast noch besser aus. Ich musste mich zusammenreißen.
„Warum nicht? Ich dachte, na ja, die Anderen gehen dir aus dem Weg. Vielleicht, keine Ahnung, wir könnten dir die Stadt zeigen“, erklärte ich ihm ziemlich kleinlaut.
„Du fragst mich aus Mitleid?“
„Nein! Aus Höflichkeit!“, entgegnete ich gereizt. Was war denn sein blödes Problem?
„Verzichte!“ Er drehte sich einfach um und ging zu seinem Auto.
„Sag mal, was hattest du denn für ´ne Kinderstube? Freundlichkeit ist dir wohl völlig fremd oder was? Idiot!“, rief ich ihm hinterher und lief zu Jessi.
Verwirrt sah sie mich an. „Was war das denn?“
„Er ist ein Idiot, der Größte, den es gibt!“, brummte ich und zog sie weiter.
Ich bestellte mir einen riesigen Schlemmerbecher, um meine Wut zu bekämpfen und es wirkte ganz wunderbar. Der süße cremige Geschmack ließ mich verzückt seufzen.
„Was wolltest du denn bei Justin?“, fragte Jessi, als sie merkte, dass ich wieder ansprechbar war.
Frustriert sah ich sie an. „Ich hatte ihn gefragt, ob er mitkommen will … zum Eis essen.“
„Warum?“
Ich lachte kurz auf. „Das fragte er mich auch. Keine Ahnung. Er tat mir leid, weil er irgendwie keinen Anschluss findet. Ich dachte, wir könnten ihm ein wenig die Stadt zeigen oder sowas.“
Schulterzuckend lehnte sie sich zurück. „Vielleicht will er keinen Anschluss finden. Er ist manchmal irgendwie auch gruselig.“
„Ja, oder?“, stimmte ich ihr euphorisch zu.
„Du stehst auf ihn“, stellte sie breit grinsend fest.
„Er ist ein Idiot! Ein Klugscheißer, der nicht werfen kann und unfreundlich ist“, erwiderte ich aufgebracht.
Sie grinste unbeirrt weiter. „Er ist ein Rebell und du stehst auf sowas.“
„Das ist überhaupt nicht wahr“, entgegnete ich, musste aber ein Grinsen unterdrücken. Sie hatte ja Recht, trotzdem war Justin blöd.
Irgendwann stöhnte meine Freundin frustriert. „Wir haben schrecklich viele Hausaufgaben auf.“
„Jaaa, kommst du am Wochenende vorbei? Die Aufgaben für die nächste Woche könnten wir zusammen machen.“
„Fein, ich hatte darauf gehofft, dass du fragen würdest“, erklärte sie mit wippenden Augenbrauen.
Als ich nach Hause kam, hatte ich eigentlich schon wieder gute Laune. Das konnte mein grausames Schicksal wohl nicht zulassen, denn zu Hause erwartete mich der Freund meiner Mutter bereits mit grimmiger Miene.
„Wo kommst du jetzt her? Wieso bist du so spät?“, fuhr er mich an, kaum dass ich einen Fuß auf die Schwelle setzte.
„Ich war Eis essen mit Jessi“, erklärte ich ihm verwirrt. Noch nie ging er mich bisher so an.
„Du kannst doch nicht einfach so durch die Gegend ziehen.“
„Bin ich auch nicht!“, erwiderte ich verärgert. „Ich war mit Jessi Eis essen und hatte das auch Mom gesagt.“
„Ach ja? Ich wusste davon nichts! Wenn das noch mal passiert, bekommst du Hausarrest! Du kommst nach der Schule sofort nach Hause, klar?“
Was war denn bitte mit dem Typen los? Bisher konnte ich ihn ja immer ganz super ignorieren. Ich registrierte seine Anwesenheit, mehr aber nicht. Aber dass er jetzt in mein Leben eingreifen wollte … auf keinen Fall.
„Mit welcher Begründung?“, fragte ich patzig.
Wütend sah er mich an. „Begründung? Ich sag es dir, also tust du es!“
Ich holte tief Luft und konzentrierte mich, damit ich ihn nicht anschreien würde und zischte schließlich nur: „Pass mal auf, Alexander. Du hast mir gar nichts zu sagen. Du bist nicht mein Vater. Mom wusste von dem Ausflug und hatte nichts dagegen. Also find dich damit ab!“ Mir stand nicht der Sinn danach, darauf zu warten, ob er etwas erwidern würde und drehte mich einfach um und ging auf mein Zimmer.
Sofort kramte ich in meiner Tasche, um das lebensnotwendigste Gerät eines Teenagers zu suchen: mein Handy. Natürlich musste ich meiner besten Freundin erzählen, was hier gerade passiert war. Erfreulicherweise ging sie auch sofort ran und hörte sich schweigend mein Klagelied an.
„Was ist denn mit dem los?“, fragte sie schließlich verständnislos.
„Ich hab keine Ahnung. Der spinnt doch total. Als ob es mich interessiert was der sagt oder will“, entgegnete ich aufgebracht.
„Wenn der jetzt wirklich anfängt, mir Vorschriften machen zu wollen, dann zieh ich hier aus.“
„Dann kommst du zu mir. Meine Mutter wird sich bestimmt freuen.“
„Klar, endlich ein Kind im Haus, das gute Noten mit nach Hause bringt“, erwiderte ich grinsend.
„Ha ha, und was machst du jetzt?“
„Hungerstreik, wir haben so viel Eis gegessen, dass sollte für ´ne Weile reichen. Und ich hab hier noch ´nen Schokoriegel irgendwo deponiert. Wenn Mom mich nicht unten sieht, wird sie ohnehin fragen was los ist. Entweder erzählt der Typ selber was er gemacht hat oder Max erzählt es meiner Mutter.“
„Alles klar. Schreib ´ne SMS, wenn du morgen früh immer noch streikst, dann bring ich dir was zu Essen mit, damit du nicht verhungerst.“
„Du bist so gut zu mir!“
„Eine meiner leichtesten Übungen.“
Wir verabschiedeten uns voneinander und ich machte mich an meine Hausaufgaben. Ich war fast fertig, als ich meine Mutter unten hörte, wie sie gerade nach Hause kam.
Wir bewohnten ein hübsches kleines Häuschen ein ganzes Stück außerhalb der Stadt; eine kleine Vorstadtsiedlung quasi. Es war bis zur Scheidung meiner Eltern immer ein Zufluchtsort gewesen. Aber seit Alexander hier wohnte nicht mehr. Ich mochte den Typ einfach nicht. Er war schmierig, dann diese seltsamen Stimmungsschwankungen, die er bisher zumindest schweigend durchlebt hatte. Seine halblangen nach hinten gegelten schwarzen Haare widerten mich an und das Lächeln auf seinen schmalen Lippen empfand ich nie als aufrichtig.
Mom bestand leider immer darauf, dass wir alle gemeinsam am Tisch saßen und beim Essen über unseren Tag redeten. Früher ein schönes Ritual, aber inzwischen war es eine Last. Ich hatte meine Mutter irgendwie gar nicht mehr für mich allein, immer hockte dieser Typ rum und nach der heutigen Aktion war er wirklich zur Erbse unter meiner Matratze geworden; ein nerviges, schwer zu beseitigendes Übel.
Schnell packte ich meine Unterlagen zur Seite und kroch in mein Bett. Die Vorstellung musste schließlich überzeugend sein.
„Chrissi, kommst du runter zum Essen?“, fragte Mom, als sie an die Tür geklopft hatte.
„Nein“, antwortete ich und zog mir die Decke über den Kopf. Natürlich kam sie herein und setzte sich zu mir aufs Bett.
„Was ist denn los?“
„Das weißt du doch“, murmelte ich frustriert.
Sanft streichelte sie mir über den Arm und seufzte. „Er meint es nicht so. Alex macht sich einfach Sorgen.“
„Er will mir verbieten, mich mit meinen Freunden zu treffen.“
„Ach, das ist doch Quatsch“, entgegnete sie entschieden. „Und jetzt sieh mich endlich an.“
Langsam zog ich die Decke vom Kopf und sah schmollend in ihre besorgten dunkelbraunen Augen.
„Alex meinte, du wärst ziemlich frech“, meinte sie mit verkniffenem Lächeln.
„Gar nicht wahr“, erwiderte ich empört. „Ich habe Fakten aufgezählt. Es ist doch nicht meine schuld, wenn er die Wahrheit nicht verträgt.“
Sie sah mich mit leichtem Vorwurf an, sagte aber nichts dazu.
„Was hat Alex denn heute überhaupt? Stressiger Tag bei der Arbeit oder braucht er einfach mal wieder Sex?“, fragte ich mürrisch.
„Christina!“, empörte sich meine Mutter.
„Was?“, fragte ich unschuldig. „Ich zähle nur mögliche Gründe für die etwas fragwürdige Stimmung deines Freundes auf.“
„Das ist anmaßend.“
„Aber eine Erklärung.“
Kopfschüttelnd und mit einem leichten Lächeln sah sie mich an. „Ich hoffe wirklich, du weißt noch nicht so viel über Sex, wie du hier tust.“
Als ich nicht antwortete, wurden ihre Augen immer größer und man konnte dabei zusehen, wie sich ihr ganzer Körper langsam anspannte.
„Ich hatte noch keinen Sex!“, erklärte ich schnell mit einem herzhaften Lachen. Das Gesicht meiner Mutter war einfach zu herrlich. Außerdem log ich nicht. Nein! … Nur fast, aber das wollte sie ja nicht wissen.
Es dauerte eine Weile, bis meine Mutter sich wieder beruhigte. Sie beobachtete mich eine Weile, wie immer, wenn sie versuchte zu erkennen, ob ich die Wahrheit sagte. Aber im Grunde fand sie es bei mir mit dieser Methode nie heraus.
„Vielleicht sollten wir doch mal ein ernstes Gespräch führen“, erklärte sie dann skeptisch.
„Mom, ich sag’s dir ja nur ungern, aber ich nehme schon seit einem Jahr die Pille“, erklärte ich ihr ziemlich kleinlaut.
Entsetzt starrte sie mich an. „Was?“ Dann seufzte sie schwer. „Na ja, ich sollte wohl froh sein, dass du wenigstens an Verhütung denkst.“ Es dauerte einen Moment bis wir beide uns beruhigten und wieder normal atmen konnten.
„Und, kommst du nun mit runter?“, fragte sie erneut und sah mich hoffend an.
Ich seufzte noch einmal frustriert auf und nickte schließlich. Fast hätte ich gesummt, als ich meiner Mutter hinterherlief. Aber ich war natürlich immer noch sauer, da durfte ich nicht summen.
In der Küche erwartete mich dann eine Überraschung. Alexander hatte den Tisch gedeckt und sah mich ernst an. Aber er schien nicht mehr wütend zu sein.
„Es tut mir leid. Ich war besorgt“, erklärte er ruhig.
Was sollte ich denn dazu sagen? Ich fand es sehr anständig von ihm, dass er sich entschuldigte, aber ich hoffte, er erwartete das nicht auch von mir. Unabhängig von ihm, verlangte es definitiv meine Mutter. Auffordernd sah sie mich an und ich fügte mich, ihr zuliebe, meinem Schicksal.
„Mir tut es auch leid, dass ich so sauer geworden bin“, erklärte ich grummelnd. Nie im Leben würde ich mich für meine Worte entschuldigen. Den Ton, okay, den hätte ich zügeln können, aber sonst. Ich hatte nur die Wahrheit gesagt.
Der Donnerstag erwartete uns mit langweiligen Mathestunden, Englischunterricht, Kunst und natürlich wieder Sport. Und bis auf Sport, alles schön in Doppelstunden. Nur wenig motiviert lief ich also von der Bushaltestelle zur Schule.
„Na, da du dich nicht noch mal gemeldet hast, nehme ich an, dein Hungerstreik ist beendet?“, fragte Jessi.
„Ja, schon gestern Abend. Als Mom nach Hause kam, sprach sie wohl mit ihm. Sie meinte, ich soll vergessen, was er gesagt hat. Außerdem hat er sich entschuldigt“, erklärte ich ihr zufrieden.
„Wow … ich bin ja mal schwer beeindruckt.“
Ich grinste breit. „Ja, das war ich auch.“
„Sag mal, seit wann lässt du deine künstlerischen Triebe an dir selber aus?“, fragte meine Freundin auf dem Weg zum Klassenzimmer.
Verwundert sah ich sie an, bevor ich verstand, was sie meinte. „Ach so, Mom bat mich, Milch mitzubringen.“
„Und weil du keinen Zettel zur Hand hattest, hast du es dir auf den Handrücken geschrieben?“
„Ganz genau“, antwortete ich grinsend.
Ausgerechnet mit Englisch fing unser Tag an. Nicht gerade eines meiner Lieblingsfächer. Aber unsere Lehrerin war so nett und machte keinen Sitzplan. Das bedeutete, dass wir am ersten Tag immer einen Platz suchten, der uns gefiel und den wir bis zum Ende des Schuljahres verteidigten, auch mit Gewalt, wenn es sein musste. Jessi und ich hatten es in diesem Jahr geschafft, in der hintersten Reihe einen Tisch zu ergattern. Das waren die begehrtesten Plätze, da musste man schon sehr schnell sein, um einen zu bekommen.
Tja und ausgerechnet heute fehlte Niko wegen Krankheit, der sonst am Nebentisch saß. Grund genug für Justin, sich dorthin zu setzen. Schon wieder trennte uns nur der Gang. Ich gab mir größte Mühe, ihn einfach zu ignorieren, trotzdem realisierte ich, wie er auf seiner Hand schrieb.
Sorry
Verwirrt starrte ich ihn an, konzentrierte mich aber schnell wieder auf den Unterricht. Wollte er sich lustig machen? Klar, ich schrieb einmal meinen Einkaufszettel auf den Handrücken und er musste jetzt auf diese Weise kommunizieren … was sonst. Aber ich war auch neugierig, wohin das Ganze führen würde. Also malte ich ein Fragezeichen auf meine Hand. Wenn er sich entschuldigen wollte, musste er das schon präzisieren, schließlich gab es da so einiges, wofür er sich entschuldigen konnte.
Sport
Worte oder Ball
Ich sah wie er leicht grinste, während er die alte Antwort wegwischte und die neue drauf schrieb: Beides.
Ich holte tief Luft und lächelte zufrieden.
Okay, akzeptiert.
Er antwortete nicht mehr, dafür schob mir Jessi einen Zettel rüber.
Was macht ihr?
Er hat sich entschuldigt.
Uhi, interessante Woche.
Jupp … es macht mir Angst.
Jessi grinste und konzentrierte sich wieder.
Mein Blick wanderte leider immer wieder unaufgefordert, verstohlen zu Justin. Er war mir ein Rätsel und ich wusste immer noch nicht, ob ich ihn mögen oder hassen sollte.
Kaffee oder Tee morgen nach Schule, schrieb ich auf meinen Handrücken, bevor mir bewusst wurde was ich da tat.
Nein, antwortete er. Na toll, hätte ich mir auch denken können. Aber immerhin, ein Versuch macht klug.
Aber Danke, fügte er noch hinzu, was mich schmunzeln ließ. Vielleicht hatte er wirklich dazu gelernt.
Nach Englisch ging es zu Mathe. Schon wieder wurde ich dazu genötigt, neben Mister 08/15 zu sitzen. Zu allem Überfluss war David an diesem Tag überaus gesprächig und trainierte seinen Stimmbruch wie ein Weltmeister. Jessi fing schon an darüber zu spekulieren, wie viel Oktaven er im Moment erreichen konnte.
Zum Glück wurde der Redefluss meines Banknachbarn durch das Klingeln zum Unterrichtsbeginn gestoppt. Und zu meiner großen Freude saß Jessi dieses Mal auf der anderen Seite des Ganges. Justin musste sich zwei Reihen hinter mir einen Platz suchen.
Kurvendiskussionen, Koordinatensysteme, Vektorrechnung … das waren Worte, die Jessi ins Schwitzen brachen und mit welchen sie sich das ganze Jahr über würde befassen müssen. Im Gegensatz zu ihr, empfand ich Mathe als eines meiner einfachsten Fächer. Ich mochte es zwar nicht besonders, aber es bereitete mir eben keinerlei Schwierigkeiten. Konnte damit zusammenhängen, dass meine Mutter Architektin und mein Vater Physikprofessor waren.
Unser Lehrer, Herr Braun, erklärte, rechnete vor, veranschaulichte und schrieb schließlich gegen Ende der zweiten Stunde eine Rechenaufgabe an die Tafel, welche wir lösen sollten.
Als Herr Braun kurz wegsah, reichte ich Jessi einen Zettel mit der Lösung, die sie sofort in ihrem Heft vermerkte und meinen Zettel verschwinden ließ.
Unser Lehrer ließ seinen Blick über die Klasse schweifen und bat Jessi schließlich, die Lösung zu nennen.
Nervös schluckte sie, seufzte theatralisch und sagte ihm schließlich die Lösung.
Herr Braun nickte und lächelte plötzlich mich an. „Fräulein Maris, möchten sie uns vielleicht mitteilen, wie wir auf diese Lösung kommen?“
Lächelnd sah ich ihn an und antwortete mit einem schlichten: „Nein.“
Seine Augenbrauen fuhren in die Höhe, aber er blieb absolut ruhig. „Und warum nicht?“
„Weil Sie doch bereits wunderbar und ausführlich erklärt haben, wie man die Aufgabe rechnen muss“, erklärte ich unendlich freundlich; eine meiner leichtesten Übungen.
„Gut, dann anders: Bitte rechnen Sie uns die Aufgabe an der Tafel vor!“, erklärte er ernst.
„Natürlich“, antwortete ich, während ich auch schon nach vorn ging. Wie gewünscht rechnete ich die Aufgabe vor und erklärte jeden einzelnen Schritt.
„Sehr gut“, erklärte Herr Braun. „Sie wissen, dass Ihre Freundin sich nicht immer auf Sie verlassen kann?“
„Ich weiß nicht wovon Sie reden“, erklärte ich ganz unschuldig.
„Ich denke, das wissen Sie genau. Wie soll denn Jessica ihr Abi-
tur bestehen, wenn Sie ihr alles vorrechnen?“
„Herr Braun, entschuldigen Sie bitte, aber ist es nicht ziemlich unfair, die Leistung eines Schülers schon so schlecht zu beurteilen, noch bevor er die Möglichkeit hatte, sein Können unter Beweis zu stellen? Das kann das Selbstbewusstsein ziemlich herunterziehen“, erklärte ich betont betroffen.
Er grinste mich leicht an. „Na dann.“ Er schrieb eine weitere Aufgabe an die Tafel. „Also dann, Fräulein Müller, nun können Sie beweisen, was in Ihnen steckt.“
Jessi sah ihn ganz eingeschüchtert an. „Ich kann das jetzt nicht.“ Sie schluchzte ein wenig. „Sie gehen ja schon davon aus, dass ich es nicht kann. Wie soll ich denn jetzt irgendwas beweisen, wenn Sie es mir ohnehin nicht zutrauen?“
Unser Mathelehrer wollte gerade etwas erwidern, als es klingelte. „Vom Gong gerettet, nicht wahr?“, meinte er zu mir, mit einem leichten Lächeln. „Aber wir können Montag fortfahren.“
„Natürlich, sehr gern“, erwiderte ich und ging an meinen Platz um einzupacken.
„Wirklich interessant“, flüsterte Justin, als er gerade an mir vorbeiging.
Verwirrt sah ich ihm nach, aber er blickte nicht noch einmal zurück.
Für ihn musste es wohl etwas Neues sein, aber für uns waren solche Wortwechsel relativ normal. Unser Mathelehrer war im Grunde echt cool. Ein Berg von einem Mann, vor dem ich wirklich Angst hatte, als ich ihn damals das erste Mal sah. Aber er erwies sich als ziemlich offen, mit einem guten Sinn für Humor, solange man auch die entsprechenden Noten ablieferte. Es gab auch Lehrer, mit denen konnte man gar nicht reden. Die lebten für den Unterricht und liebten die Machtstellung, die sie innehatten. Aber das machte sie nur noch mehr zur Zielscheibe von teils sehr derben Scherzen.
Für die folgenden Doppelstunden trennten sich wieder unsere Wege. Jessi hatte Musik belegt, ich hingegen Kunst, und da Justin nicht in meinem Kurs war, musste er wohl ebenfalls den Musikunterricht belegen. Malen und Zeichnen lagen mir einfach besser, als zum Beispiel Singen. Mit meinem Gesang brachte ich maximal Hunde und Katzen zum Jaulen ‒ wobei man auch das als Talent bezeichnen konnte.
Leider bestanden die Kunststunden nicht mehr nur aus dem kreativen, praktischen Teil. Es waren auch Theoriestunden über Epochen, Stilrichtungen, Farbkompositionen und all das Zeugs angesagt. Ich bezweifelte stark, dass Leonardo da Vinci bei seinen Werken den Goldenen Schnitt im Kopf hatte und darüber nachdachte, ob auch alles perfekt passte. Aber offenbar war die Welt der Kunst davon überzeugt, also lernten wir es.
Den Sport in der letzten Stunde verbrachten wir wieder alle zusammen: Jungen und Mädchen aus zwei Klassen. Weil auch so tolles Wetter war, mussten wir unser Ausdauertraining draußen absolvieren. Schon wieder rennen, aber zum Glück nur eine Unterrichtsstunde.
„Wo kommt denn der Wind auf einmal her?“, fragte Jessi als der Unterricht für beendet erklärt wurde. Sie hatte absolut recht, es war plötzlich ziemlich windig geworden, leider nicht genug, um den Unterricht vorzeitig beenden zu können. Aber als wir zurück zur Halle gingen, drückte mir eine starke Windböe die Luft aus den Lungen.
„Keine Ahnung, aber er kommt definitiv zu spät. Tse, das Timing ist echt miserabel“, antwortete ich, als ich wieder Luft bekam.
Wir gingen noch schnell duschen, mussten uns aber beeilen, weil der Bus bald fuhr und ich nicht auf den nächsten warten wollte.
Der Wind war sogar noch stärker geworden, als wir rauskamen. Es wirkte fast schon so, als würde er alles wegfegen wollen, was ihm nicht passte. Ein lautes Knacken und Krachen signalisierte mir, dass es der Wind wirklich ernst meinte. Jessi zog mich gerade noch zur Seite, als ein riesiger Ast von einem der Bäume brach, unter denen wir durchmussten.
„Was war denn das?“, flüsterte ich schockiert.
„Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“, antwortete sie mystisch.
Ich konnte nicht antworten, der Schreck saß mir noch extrem in den Knochen und nach Scherzen war mir gerade wirklich nicht. Meine Knie und Hände zitterten und mir wurde irgendwie schwindelig.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte Justin, der auf einmal vor mir stand. „Bist du verletzt?“
Verwirrt starrte ich ihn an. Das Schnuckelchen machte sich scheinbar wirklich Sorgen um mich.
„Ähm, ich glaube mir ist schlecht“, flüsterte ich endlich. Das war irgendwie alles zu viel; zu viel für mein Hirn, um das alles sofort zu verarbeiten.
„Komm, ich bring dich nach Hause!“, erklärte Justin plötzlich und zog mich mit sich.
Aber meine Knie zitterten noch unsicher und wollten einfach nicht durchhalten. Kurzerhand hob er mich auf seine Arme. Gott, wie peinlich.
„Lass das!“, schimpfte ich schockiert.
„Halt den Mund! Du kannst doch kaum stehen, geschweige denn laufen“, erwiderte er und lief einfach weiter.
Hilfesuchend sah ich zu Jessi, die mich nur breit angrinste und die Daumen hochhielt.
„Hast du denn nicht zugehört? Mir ist schlecht! Mach mir bloß keine Vorwürfe, wenn ich in dein Auto kotze!“, knurrte ich.
„Ich schick dir die Rechnung der Reinigung“, erwiderte er trocken und ließ mich wieder runter, als wir bei seinem Auto waren.
Mürrisch setzte ich mich auf den Beifahrersitz und versuchte, ihn so gut es eben ging zu ignorieren. Himmel, ich saß im Auto von unserem Schnuckelchen. Amelie würde mich umbringen, wenn sie das mitbekäme.
„Geht es dir besser?“, fragte er nach einer Weile. Seine Stimme wirkte auf einmal ganz ruhig und klang irgendwie sexy. Warum konnte er nicht immer so sein?
„Ja, es war nur der Schock, denke ich“, antwortete ich verlegen. „Warum bist du eigentlich so?“, fragte ich dann.
Fragend sah er mich an. „Wie denn?“
„Na so … du bist mürrisch und grenzt dich von allen ab“, erklärte ich ihm. „Dabei kannst du doch auch sehr nett sein.“
„Es ist kompliziert“, brummte er schließlich. „Und warum bist du so?“
„Wie bin ich denn?“
„Verrückt und zickig“, meinte er.
Entsetzt und etwas verärgert, den Vorwurf hörte ich leider nicht zum ersten Mal, starrte ich ihn an. „Also, ich bin nicht verrückt! Ich bin kreativ! Das ist ein Unterschied. Und ich bin schon mal gar nicht zickig! Ich bring die Sachen nur gerne auf den Punkt“, erklärte ich ihm würdevoll. Er sollte ruhig wissen, dass ich dazu stand was und wie ich war.
„Du bist zickig, aber das sind die meisten Mädchen in deinem Alter“, erklärte er abfällig.
So ein Idiot!
„Wo wohnst du eigentlich?“, fragte er schließlich.
Ich nannte ihm meine Adresse, was mir sofort einen wütenden Blick einbrachte. „Warum hast du denn nicht schon eher was gesagt? Wir fahren seit mindestens zehn Minuten in die entgegengesetzte Richtung!“
„Also erstens, kannst du das auch in einem ruhigeren Ton sagen und zweitens: du hast nicht gefragt. Nicht meine schuld“, erklärte ich schulterzuckend.
„Du … du … machst mich wahnsinnig“, knurrte er wütend.
„Du mich auch, kein gutes Gefühl, was?“, erwiderte ich nun wirklich etwas zickig. Auch ich war nicht frei von Fehlern, auch wenn es schwerfiel, dies zuzugeben.
Die restliche Fahrt über sprach er nicht mehr mit mir und auch ich vermied es, den Mund aufzumachen. Aber ich spürte gelegentlich seinen Blick, den ich meisterhaft ignorierte.
Als wir endlich bei mir zu Hause ankamen, murmelte ich nur ein kurzes „Danke fürs Fahren“ und stieg aus.
„Christina“, hielt er mich sanft zurück, als ich die Tür schon zuschmeißen wollte. Seine Stimme war wieder so zart und besorgt, dass ich unwillkürlich innehielt und ihn ansah.
„Pass auf dich auf!“, sagte er ernst.
Ich brauchte einen Moment, bis ich mir ein unbeschwertes Lächeln auf die Lippen zauberte. „Wie immer”, erwiderte ich schließlich.
„Und du bist definitiv zickig”, fügte er noch grinsend hinzu.
Das war zu viel des Guten. Ich schmiss die Tür zu und marschierte ins Haus, ohne mich noch einmal umzusehen.
„Dieser Idiot!“, brummte ich, als ich durch die Tür ging und natürlich in Alexanders Arme rannte. Der hatte mir gerade noch gefehlt.
„Wer war das? Wieso bist du nicht mit dem Bus gekommen?“, fragte er, schon wieder in einem Ton, dass ich ihm am liebsten an die Gurgel gesprungen wäre.
„Ein Schüler aus meiner Klasse”, erklärte ich möglichst ruhig. „Ich wäre fast von einem Ast erschlagen worden, mir war schlecht, ich hab den Bus verpasst, er hat mich nach Hause gebracht. Ruf Jessi an, die kann dir erzählen was passiert ist.“
„Du fährst einfach mit fremden Jungs durch die Gegend? Was fällt dir ein? Weißt du, was da alles passieren kann?“, erwiderte er wütend. Sollte er nicht fragen, wie es mir ging, wo ich doch fast erschlagen worden wäre?
„Was hast du eigentlich gerade nicht verstanden?“, entgegnete ich gereizt. „Er ist ein Klassenkamerad, der mich von der Schule direkt nach Hause gebracht hat. Und falls es dir nicht aufgefallen sein sollte, ich bin gerade nicht sehr gut auf ihn zu sprechen!“ Ich schob mich an ihm vorbei und ging zur Treppe.
„Wo willst du hin?“
„Hoch in mein Zimmer, ihn anrufen, dass er sich durchs Fenster schleichen kann und wir hemmungslosen Sex haben können, während du hier unten sitzt”, antwortete ich sarkastisch. „Man, ich gehe, wie jeden Nachmittag, in mein Zimmer und mache meine Hausaufgaben.“
„Hilfst du mir bei meinen?“, fragte Max, der aus dem Wohnzimmer kam.
„Bleibt mir was anderes übrig?“, seufzte ich und hielt ihm die Hand entgegen, die er freudestrahlend auch nahm. Da Alexander offenbar der Gesprächsstoff ausgeblieben war, ignorierte ich ihn und ging mit Max nach oben.
Während mein Bruderherz in seinem Zimmer verschwand, holte ich meine Unterlagen und Bücher und gesellte mich dann zu ihm. „Wo hast du denn Fragen?“
„Weiß noch nicht”, antwortete er wie die Unschuld in Person.
„Wie jetzt? Hast du noch gar nicht angefangen?“
„Nö, aber ich dachte, ich frag dich gleich”, erwiderte er breit grinsend.
Dieser Junge verbrachte eindeutig zu viel Zeit mit mir. Er wurde mir einfach zu ähnlich.
„Na gut, dann mach deine Hausaufgaben und wenn du Fragen hast, frag halt”, erklärte ich seufzend und machte es mir auf dem Teppich vor seinem Bett bequem.
Ich kam ganz gut voran und Max hatte nur wenige Fragen, sodass wir schon fast fertig waren, als Mom nach Hause kam. Wir hörten, wie sie zuerst in mein Zimmer ging und dann erst zu Max kam.
„Christina, geht es dir gut?“, fragte sie besorgt und legte ihre Hand auf meine Stirn.
„Öhm … ja. Sollte es anders sein?“, erwiderte ich verwundert.
„Jessi rief an und fragte mich, ob es dir besser ginge. Sie erzählte mir, was passiert war”, erklärte sie schon etwas ruhiger.
„Sie hat dich angerufen?“
„Ja, sie meinte du gehst nicht ans Telefon und dachte du schläfst vielleicht. Aber sie wollte sichergehen, dass auch wirklich alles in Ordnung ist.“ Sie drückte mich fest an sich. „Mann, du machst vielleicht Sachen.“
Meine Jessi, die Beste, die es gab. Sie hatte mich definitiv nicht angerufen, mein Handy trug ich bei mir. Aber sie dachte sich wohl, dass es Ärger geben würde, wenn Alexander mitbekäme, wie ich nach Hause kam.
„Ich hab gar nichts gemacht. Das waren der blöde Wind und der olle Baum, die sich gegen mich verschworen hatten. Deswegen hab ich dann auch noch die Milch vergessen”, erwiderte ich wehleidig, woraufhin sie mir einen Kuss auf die Stirn gab.
„Ach vergiss die blöde Milch”, meinte sie resolut. „Es war wirklich nett von deinem Mitschüler, dich nach Hause zu bringen. Gott, wenn du im Bus umgefallen wärst, dann hätte ich dich womöglich aus dem Krankenhaus abholen müssen.“ Mom hasste Krankenhäuser und sie wollte niemals eines ihrer Kinder dort besuchen müssen. Ja, wie gut, dass Justin da war.
Max setzte sich auf Moms Schoß und drückte sie fest, was sie mit einem dicken Kuss auf seine Wange quittierte. „Aber Alexander war total fies. Der hat schon wieder geschimpft.“
Sie seufzte schwer und brauchte einen Moment, um nach Worten zu suchen. „Er meint es nicht böse. Er macht sich nur Sorgen.“
„Pfff … den interessierte es doch gar nicht, dass ich fast erschlagen worden wäre. Dem ging es nur darum, wie ich nach Hause komme”, brummte ich.
„Warum muss er hier wohnen Mami?“ Mein Bruder nannte sie immer noch Mami, und wenn er auch nur ein klein wenig nach mir kam, dann würde er das auch ewig tun, zumindest in solchen Situationen.
„Wir haben uns nun einmal lieb. Alex muss sich noch daran gewöhnen, Kinder zu haben. Das ist noch neu für ihn. Gebt ihm ein wenig Zeit”, bat sie uns traurig.
„Mom, ganz ehrlich, er soll mich in Ruhe lassen. Meine Noten sind gut, ich mache meine Hausaufgaben, bin pünktlich zu Hause, passe auf Max auf … Ich bin Teenager und mein Leben ist anstrengend genug. Ich will mich nicht auch noch mit ihm auseinandersetzen”, erklärte ich ihr eindringlich und sie nickte.
„Ich rede noch einmal mit ihm”, sagte sie leise, dann stand sie auf. „Seid ihr schon fertig?“
Ich schüttelte den Kopf. „Noch nicht ganz.“
„Gut, dann macht noch alles fertig und kommt dann runter”, meinte sie lächelnd und ging.
„Auf mich muss man nicht aufpassen”, brummte Max plötzlich.
„Ja, ich weiß. Du kannst das schon allein. Lass mich doch in meinem Glauben, das macht mich glücklich”, erwiderte ich genervt.
Nach dem Essen rief ich Jessi an und wurde gleich mit einem „Na endlich!“ begrüßt. „Und wie war es?“, fragte sie gleich weiter.
„Ähm, was genau meinst du denn?“
„Na Justin … du und er allein in seinem Auto …”, erklärte sie vieldeutig.
Ich stöhnte genervt. „Er ist und bleibt ein Idiot!“
Sie seufzte. „Und warum dieses Mal?“
„Er meinte, ich sei zickig.“
Gespannte Stille war meine Antwort.
„Er hat mich beleidigt”, erklärte ich noch einmal mürrisch.
„Okay“, antwortete sie gedehnt. „Und wann? Du weißt selber, dass du manchmal, na ja, missverstanden werden kannst.“
„Er ist trotzdem ein Idiot! Er hat mich angemotzt”, brummte ich.
„Aber er macht sich doch Sorgen um dich und er hat dich nach Hause gefahren”, erwiderte sie ernst.
„Trotzdem.“
„Und er hat dich auf Händen getragen!“, erinnerte sie mich. Sofort stolperte mein Herz bei dem Gedanken daran und meine Ohren fingen an zu glühen.
„Du stehst auf ihn”, flötete sie mir ins Ohr.
„Gar nicht wahr.“
„Es wird die Zeit kommen, da du mir sagst ‚Du hattest recht‘. Und wenn es soweit ist, werde ich einen Freudentanz aufführen und singen: Ich hab es ja gewusst!“, erklärte sie absolut selbstsicher.
„Ich hoffe du hast Zeit.“
Sie lachte nur.
„Ich hab gehört, du hast dir Sorgen gemacht”, sagte ich schließlich, um auch endlich auf ein anderes Thema zu kommen.
„Nö, eigentlich war ich nur neugierig. Aber ich dachte mir, vielleicht brauchst du etwas Unterstützung und ein wenig Mutterliebe”, entgegnete sie fröhlich.
„Du bist so gut zu mir.“
„Hat es denn was gebracht?“
„Ja”, knurrte ich. „Alexander war total sauer, als er merkte, dass Justin mich nach Hause brachte. Den interessierte es gar nicht, was ich dem erzählt hab. Dadurch, dass du Mom selber angerufen hattest, musste ich mich bei ihr gar nicht mehr rechtfertigen. Ich war einfach nur das arme kleine Opfer.“
„Hach, ich bin so gut”, seufzte sie selbstzufrieden.
„Ja, du hast sogar Justin in ein ganz gutes Licht gerückt. Mom fand das ganz toll, dass er sich um mich gekümmert hat.“
„Muahahahaha, hab ich meinen Plan doch perfekt umgesetzt.“ Manchmal war sie wirklich angsteinflößend. Nicht wegen dem bösen Lachen, sondern wegen ihrer Pläne, die sie immer wieder hatte und umsetzte.
Wir unterhielten uns noch eine Weile und machten Pläne für das Wochenende bevor wir uns für den Tag verabschiedeten.
Am folgenden Morgen wurde ich mit hasserfüllten Blicken in der Klasse erwartet. Amelie ließ es sich auch nicht nehmen, mir einen giftigen Kommentar entgegenzuwerfen: „Na, hast du dich ordentlich an ihn ran geworfen? Wie billig.“
Ich begegnete ihr nur mit einem müden Blick und meinte: „Schätzchen, wenn du willst setz ich mich auf einen Baum und säge den Ast ab, unter dem du stehst. Kein Ding, ich mach das gerne. Wenn du Glück hast, wird er dich retten. Wenn du Pech hast, ignoriert er dich, wie die Tage zuvor. Aber keine Angst, ein paar Tage im Krankenhaus haben noch keinem geschadet.“
Wenn sie gekonnt hätte, hätten ihre Blicke mich nun getötet. Wie dumm, dass mich das so gar nicht interessierte. Schade fand ich nur, dass das Schnuckelchen fehlte und auch einen blöden Kommentar von sich gegeben hatte. Auch als der Unterricht anfing, war von ihm nichts zu sehen. Die Frage, ob jemand wüsste wo Justin wäre, hätte sich unser Lehrer sparen können. Keiner kannte Justin sonderlich gut und niemand redete mit ihm mehr, als es der Unterricht erforderte.
„Was hast du denn mit dem armen Jungen gestern gemacht, dass er heute nicht mehr zur Schule kommen kann?“, fragte Jessi grinsend, als wir nach der Schule in einem kleinen Café saßen.
„Halt die Klappe!“, knurrte ich. Ich war es irgendwie leid, über ihn nachzudenken.
Jessi kicherte fröhlich. „Kennst du seine Adresse?“, wollte sie dann geheimnisvoll wissen.
„Nö, wieso? Willst du ihm ´nen Krankenbesuch abstatten?“
„Nee, aber du könntest ihm ja die Hausaufgaben vorbeibringen.“
„Und mich am Montag von Amelie niederstechen lassen? Außerdem ist er ein Idiot. Ein Klugscheißer, der keine Manieren hat”, erklärte ich ihr verärgert.
Aber sie winkte nur ab. „Übertreib nicht und wehr dich nicht ständig dagegen. Du stehst auf ihn! Punkt!“
Ich seufzte schwer. Irgendwie schien mein Leben an diesem Tag unendlich hart zu sein.
„Also, kommst du morgen Nachmittag vorbei?“, fragte ich, um ein neues Thema anzureißen.
„Klar. Wir müssen auch unbedingt Mathe durchgehen. Ich muss Montag schließlich mein grenzenloses Können unter Beweis stellen”, antwortete sie leicht frustriert.
„Würdest du meine Antworten nicht immer nur auswendig lernen, sondern mal versuchen zu verstehen, dann müsstest du dir auch nicht so viele Gedanken machen”, tadelte ich sie.
Schmollend starrte sie auf ihre heiße Schokolade. „Schimpf nicht mit mir. Ich gebe mein Bestes, aber mein Kopf weigert sich einfach. Ich kann nichts dafür, dass mein Hirn dumm ist.“
„Ja, klar”, lachte ich.
Je länger wir redeten, über dieses und jenes, über Make up, Klamotten, Jungs und Promis, und je mehr heiße Schokolade ich in mich hineinschüttete, umso besser wurde meine Laune.
Der Freitag war der einzige Tag in der Woche an dem ich einfach mal später nach Hause kommen konnte. Der Tag an dem ich auch nicht sofort auf mein Zimmer musste, um Hausaufgaben zu machen. Seit drei Jahren gingen Jessi und ich am Freitag, nach der Schule, irgendwo einen Cappuccino oder Heiße Schokolade trinken. Mom hatte uns auf die Idee gebracht, die Woche mit einem guten Erlebnis zu beenden und sie behielt damit absolut recht. Auf diese Weise konnte ich den Freitagabend immer völlig entspannt genießen und einmal komplett abschalten und das wollte ich auch an diesem Tag.
Als ich nach Hause kam und motzfrei in mein Zimmer konnte, um mich gekonnt erschöpft ins Bett zu schmeißen, ließ ich die Woche Revue passieren. Das war also die erste Woche im neuen Schuljahr. Ereignisreich und nervig. Mein Bauch kribbelte und mein Herz raste, als ich ans Schnuckelchen dachte … okay, die erste Woche hatte auch durchaus schöne Seiten gehabt.
Am Samstagnachmittag fuhr Mom mit ihrem Alex schön zum Einkaufen und ich durfte mit Max zum Spielplatz gehen. Ich hatte Jessi angebettelt mitzukommen, aber sie ließ mich eiskalt abblitzen. Ein wenig konnte ich es auch nachvollziehen. Der Spielplatz war zwar relativ groß, mit einem zwei Meter hohen Zaun gesichert und mit einigen Bänken ausgestattet, auf denen die Eltern Platz fanden. Für die Kinder gab es Sandkasten, Wippe, Schaukel und ein hässliches Klettergerüst. Soweit eigentlich ein normaler Spielplatz, aber er war eingezäunt und damit der sicherste, beste und größte in unserer Umgebung und daher ständig stark besucht. Von Müttern mit ihren Kindern ‒ von lauten, gackernden und lästernden Müttern mit ihren lauten, quengelnden, heulenden und schreienden Kindern. Ein Nachmittag dort und man brauchte Urlaub.
Meist schupste ich Max nur durch die Tür und setzte mich auf eine Bank vor dem Spielplatz. Straßenverkehr gab es dort nicht und so hatte ich zumindest halbwegs Ruhe. Auch an diesem Nachmittag hielt ich es so.
„Und, was hast du zu tun?“, fragte ich ihn mit ernstem Blick.
„Nicht mit Fremden reden, kein Essen oder Getränke von Fremden annehmen und auch keine Süßigkeiten. Und nicht den Platz verlassen, wenn du nicht dabei bist”, rasselte er meine Standpauke herunter.
„Braver Junge”, meinte ich selbstzufrieden und schupste ihn rein.
Meine Bank, ein paar Meter vor dem Gehege, erwartete mich und mein Skizzenblock freute sich auf Arbeit. Ich zeichnete immer, wenn ich mit Max zum Spielplatz musste. Inzwischen hatte ich schon ganz tolle Detailskizzen von Spinnen. Ich hasste diese Tierchen, aber das Zeichnen beseitigte meinen Ekel vor den acht Beinen; zumindest solange sie sich nicht bewegten.
Ein kurzer Blick auf die Uhr signalisierte mir, dass ich noch Zeit hatte. Max war noch schwer beschäftigt mit seinen Freunden und Jessi würde erst in frühestens einer Stunde kommen.
Seufzend ließ ich meinen Blick über die Umgebung schweifen und stutzte. Einige Meter weiter, unter einer Baumgruppe saß ein Junge, der irgendwie so aussah wie Justin. Hmmm, nicht zur Schule gehen, aber hier rumsitzen. Kurzentschlossen ging ich zu ihm.
„Au!“, fluchte ich, als mich ein leichter elektrischer Schlag am Hals traf. Seltsam, wie konnte es denn hier zu einer statischen Entladung kommen?
„Was machst du hier? Verfolgst du mich?“, zischte Justin mich wütend an.
Verwirrt starrte ich ihn an und spürte auch schon das wohlige Gefühl der Verärgerung, die durch meine Adern pumpte. „Geht es dir nicht gut? Seit wann ist das hier denn ein Privatgrundstück? Ich kann ja wohl hingehen wo ich will!“
„Was willst du hier?“, wiederholte er bestimmt.
„Es geht dich zwar rein gar nichts an, aber ich bin mit meinem Bruder Gassi!“, knurrte ich und wies zum Spielplatz. „Leidest du unter Verfolgungswahn oder bist du wirklich einfach nur ein Idiot?“
Mit einem seltsamen Funkeln in den Augen sah er mich an. „Ich dachte, ich bin ein Schnuckelchen?“
Mir stockte für den Bruchteil einer Sekunde der Atem. Woher wusste er das?
„Also Schnuckelchen“, entgegnete ich gereizt. „Gibt es einen Grund, warum du gestern nicht in der Schule warst?“
„Gibt es einen Grund, weshalb du das wissen möchtest?“
Uuh, schlagfertig! Sofort sprang mein Herz freudig im Dreieck.
„Ich bin eine Frau, ich bin neugierig.“
Er lächelte.
Plötzlich stutzte ich. „Sag mal leuchtest du?“, fragte ich fasziniert. Seine Haut hatte tatsächlich einen seltsamen Schimmer.
Sofort war seine Mimik wieder so grimmig, als würde er Zitronen lutschen. „Du solltest gehen. Du solltest mir aus dem Weg gehen.“
Dieser Typ strapazierte meine Geduld aufs Äußerste. „Jetzt pass mal auf, du Idiot. Ich entscheide selber mit wem ich mich abgebe und mit wem nicht. Meine Freunde suche ich mir selber aus!“
„Auch wenn dein Gegenüber vielleicht gar nicht mit dir befreundet sein will?“, entgegnete er genervt.
Ich sah ihn aus kleinen Augen an. „Ja! Außerdem willst du mit mir befreundet sein!“
Überrascht sah er mich an und seine Augen wurden noch größer, als ich mein Skizzenbuch fallen ließ, einen Edding aus meiner Tasche kramte und meine Telefonnummer auf seinen Arm schrieb. Er war offenbar zu verwirrt, um sich zu wehren.
„Was soll das werden?“
„Wonach sieht‘s denn aus?“, entgegnete ich patzig. „Das ist meine Telefonnummer. Wenn du irgendwann von deinem Trip wieder runterkommst oder deinen Sinn für Höflichkeit wieder findest, dann kannst du mich anrufen, damit ich dir die Unterlagen vom verpassten Unterricht und die Hausaufgaben gebe.“
Wütend und genervt drehte ich mich um und ging zum Gehege. „Max, los wir gehen. Jessi kommt gleich zum Lernen vorbei”, rief ich meinem Bruder zu, der nur widerwillig der Aufforderung folgte.
Auch zu Hause besserte sich seine Laune nicht, aber sie war nichts im Vergleich zu meiner Stimmung. Mom und ihr Alexander waren noch unterwegs und so konnte ich meine schlechte Laune pflegen bis Jessi kam.
„Was machst du hier?“, fragte Max, als er meine beste Freundin reinließ.
„Ich hab dir doch gesagt, dass sie zum Lernen vorbeikommt”, knurrte ich ihn an.
„Was ist denn hier los? Wenn ich es nicht besser wüsste, würd ich sagen, du hast einen gewissen Jemand heute getroffen”, erklärte Jessi erstaunt.
„Die hatte Streit mit ihrem Freund und hat mich deswegen vom Spielplatz weggezerrt”, brummte mein kleiner Bruder.
Jessi sah mich mit einem wissenden Blick an.
„Wir sind gegangen, weil Jessi zum Lernen kommen wollte”, zischte ich ihn an und bedeutete Jessi, dass sie mit nach oben kommen sollte.
„Dein Freund?“, fragte sie sobald die Tür zu war.
„Kein Freund, ein Idiot!“, brummte ich.
Sie grinste. „Oh, du hast also wirklich das Schnuckelchen getroffen.“
Schwer atmend verdrehte ich die Augen. „Nenn ihn nicht so. Er weiß, dass wir ihn so nennen.“
„Na und? Ist doch die Wahrheit.“
Frustriert lehnte ich mich zurück.
„Was ist denn passiert?“, fragte sie endlich und ich durfte ihr mein schweres Herz ausschütten. Ich erzählte ihr alles, na ja, nicht ganz. Den Teil mit dem Leuchten und der Telefonnummer ließ ich aus.
„Ich sag’s dir. Der hat irgendeine psychische Macke. Der ist ein Serienmörder oder so”, erklärte sie dann.
„Quatsch. Serienmörder sind doch in der Regel total unauffällig. Du weißt schon: der nette Nachbar, der gleich nebenan wohnt”, wiegelte ich ab.
Schon wieder bedachte sie mich mit einem wissenden Grinsen. „Du stehst auf ihn.“
„Hör auf damit”, brummte ich.
„Erst wenn du es zugibst.“
„Du, es sind nicht meine Noten, die besser werden sollten. Ich hab auch keine Probleme, wenn ich am Montag in Mathe an die Tafel müsste. Aber wenn du meinst, du kannst es dir leisten … du kannst auch gerne gehen”, erklärte ich ihr herausfordernd.
Endlich änderte sich ihre Stimmung und sie sah mich aus kleinen Augen an. „Du bist heute wirklich zickig.“
„Jupp, und wenn du nichts dagegen hast, dass eine Zicke dir bei den Hausaufgaben und beim Lernen hilft, könnten wir jetzt anfangen”, erwiderte ich zufrieden.
Zum Glück wusste Jessi, wann es Zeit war aufzuhören und wir konnten uns endlich darauf konzentrieren, warum sie eigentlich hier war.
Wir schafften sämtliche Hausaufgaben, die wir in der folgenden Woche haben mussten und hatten auch in Mathe einiges geschafft. Jessi blieb zum Abendessen und erklärte mir, dass sie noch einige Matheaufgaben durchgehen würde und, wenn noch Fragen offenblieben, würde sie am Sonntag wieder vorbeikommen.
Ich freute mich auf einen absolut faulen, relaxten Fernsehabend in meinem Zimmer. Leider machte mir das Gewitter, das gegen acht aufzog einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Es war viel stärker als das Gewitter vom Vortag und entschärfte gleich einmal den Strom in der kompletten Straße.
Nachdem ich meiner Mutter versichert hatte, dass alles in Ordnung sei, machte ich mir zwei Kerzen an und setzte mich auf die großzügige Fensterbank in meinem Zimmer. Ich mochte es, aus dem Fenster zu sehen und so beobachtete ich einfach wie das Gewitter langsam wieder abzog. Irgendwann schnappte ich mir ein Buch und las bis mir die Augen zufielen.
Am Sonntagnachmittag spürte man vom Gewitter kaum noch etwas. Es war zwar kühler geworden, aber die Sonne hatte die Spuren vom Regen recht schnell verschwinden lassen. Also perfekte Bedingungen, um mit Max wieder zum Spielplatz zu gehen. Dieses Mal allerdings setzte ich mich ins Gehege, mit gehörigem Abstand zu den schnatternden Müttern.
Plötzlich surrte mein Handy; eine SMS erforderte meine Aufmerksamkeit, während Max sich mit seinen Freunden im Sandkasten beschäftigte.
Hey
Was war das denn für eine dämliche Nachricht? Die Nummer kannte ich nicht und ich hatte keine Lust, für so etwas eine SMS zu verschwenden, also ignorierte ich sie.
Wieder surrte es: Dreh dich einmal um!
Wieder ignorierte ich die SMS. Wer wusste schon was da hinter mir wartete. Vielleicht wollte sich auch nur jemand über mich lustig machen.
Bitte! Justin, stand in der nächsten Nachricht drin.
Justin? Sofort raste mein Herz. Aus welchem Grund auch immer hatte ich meine Unterlagen eingepackt, auch wenn ich ihn eigentlich nicht sehen wollte. Es war wirklich so, als hätte ich ein Engelchen auf der einen Schulter sitzen, dass mir sagte, wie süß er doch aussah und wie allein. Während auf der anderen Schulter ein Teufelchen saß, dass mir sagte, was für ein Idiot er war, und dass ich ihm aus dem Weg gehen sollte. Wobei ich manchmal nicht genau wusste, wer von den beiden welche Rolle einnahm.
Blöderweise behielt Jessi recht. Ich hatte eine Schwäche für Bad Boys. Und das war leider nicht wirklich gut für den Selbstwert. Rebellen zeigten sich immer schrecklich cool, selten treu und noch weniger ehrlich. Vielleicht machte mich auch nur die Erfahrung ein wenig verbittert. Aber im Moment duellierten sich mein Herz und mein Hirn, wenn es um Justin ging.
Ich holte tief Luft und drehte mich schließlich um … und tatsächlich, da stand er. Er sah mich wirklich irgendwie schüchtern an. Lächelnd drehte ich mich wieder um und antwortete ihm auf seine SMS: Stalkst du mich?
Ich hatte gehofft, dein Angebot von gestern steht noch … mit den Unterlagen und Hausaufgaben, antwortete er.
Dann komm ins Gehege …, wenn du dich traust.
Ich sah aus dem Augenwinkel heraus, wie er zur Tür ging. Er kam tatsächlich rein und setzte sich zu mir. Sofort kramte ich in meiner Tasche und reichte ihm die Unterlagen.
„Du hast sie mit?“, fragte er sichtlich verwundert.
„Klar, du willst sie doch haben.“
„Aber du wusstest doch nicht, ob ich herkomme.“
Schulterzuckend sah ich ihn an. „Spielt das eine Rolle?“
„Warum sitzt du eigentlich hier?“, fragte er nach einer Weile.
„Ich wollte nicht wieder angemotzt werden”, erklärte ich ihm gleichgültig.
Er grinste schief, was ihn unglaublich sexy machte. „Du bist wirklich seltsam. Obwohl du nicht wusstest, ob ich herkomme, oder ob ich überhaupt die Unterlagen haben möchte, bringst du sie mit und setzt dich dann doch hier rein, um mir nicht zu begegnen.“
Etwas verlegen sah ich ihn an. „Ich habe nie behauptet, dass Mädchen in meinem Alter logisch oder gar rational handeln würden.“
