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G. Kanduth schreibt "unverändert pfiffig, menschlich und giftig, heiter-ironisch bis satirisch, von zuweilen alltagsrealistisch bis leicht surrealistisch, ausreichend variantenreich und niemals langweilig". (Univ. Prof. Dr. Hans D. Mummendey, Münster)
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Seitenzahl: 104
Veröffentlichungsjahr: 2013
Gerard Kanduth
Durch die Gleitsichtbrille
Ein heiter-ironisches Panoptikum
Umschlagbild und -idee: Ruth Hanko
Gerard Kanduth: Durch die Gleitsichtbrille Lektorat: Christina Halfmann Umschlagbild und -idee: Ruth Hanko Umschlaggestaltung: ilab Layout: Christina Čertov © 2013, Hermagoras Verlag, Klagenfurt/Celovec – Ljubljana/Laibach – Wien/Dunaj Gesamtherstellung: Mohorjeva družba, Hermagoras Verein, Klagenfurt/Celovec
ISBN 978-3-7086-0776-4
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Inhalt
I. Ländliche Perspektiven
Die Aufnahmsprüfung
Nächtigungen
Der Grenzstein
II. Strandgeschichten
Der Minotaurus am Pool
Nachmittags am Strand von Cavallino
Commissario Brancino fällt in Ungnade
III. Kulturelle Streifzüge durch Kärnten
Kultur im Lendkanal
Ein Park ohne Hotel
Vom Überfahren der Randlinien
IV. Angewandte Rhetorik
Nicht vor der Zeit
Kleine juridische Vogelkunde
Nougat oder Marzipan
Der kosmische Anfänger
Fair Play
Die Jahresbilanz
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I.
Ländliche Perspektiven
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Die Aufnahmsprüfung
An einem verregneten Mittwoch im April geht es bergab, der höheren Schule entgegen.
Blass und angespannt die Kinder, besorgter noch ihre Eltern.
Kollektives Stirnrunzeln, schweigende Werner-Berg-Gesichter, geradeaus gerichtet oder nach rechts und links in die Landschaft.
Der Busfahrer merkt, dies wird keine alltägliche Fahrt. Er lenkt behutsamer, bremst weicher, beschleunigt später. Wo der Bus sich sonst gefährlich zur Seite neigt, sind die Kurven heute kaum zu spüren.
Die Ausweiche zum Erbrechen bleibt ungenützt.
Statt Scheiben anzuhauchen und mit Fingern zu bemalen, malt Alfons sich in seinem Inneren Unerquickliches aus.
Wie soll er es anlegen: eifrig, devot – oder doch gleichgültig, cool, etwa gar bockig?
Besser nichts sagen, ins Leere blicken, nichtssagend dreinschauen, wortlos und mit offenem Mund Rätsel aufgeben. Sich nichts nachsagen lassen.
Da ist die Schule, ein renoviertes Stiftsgebäude mit neugotischen Fassaden, Arkadenhöfen und englischem Park.
Der Chauffeur zeigt ihnen beim Aussteigen das Victoryzeichen, sie nicken ernst zurück.
Mit beschwichtigenden Worten machen die |10| Frauen ihren Kindern, mehr noch sich selbst, Mut.
Vor dem Großen Festsaal verschlägt es auch ihnen die Sprache.
Wehe den Verlierern!
An der Aufnahmsquote führt kein Hinterfragen und kein Interventionsweg vorbei, jedenfalls nicht für Alfons und seine naiv-autoritätsgläubige Mutter.
Von den sechsundzwanzig Viertklasslern der kleinen Dorfschule wollen heuer sieben aufs Gymnasium, letztes Jahr waren es drei gewesen. Nur der Sohn des stadtflüchtigen Bauamtsleiters hatte es geschafft.
Die beiden anderen gehänselt – Gescheit, gescheiter, gescheitert! – oder getröstet:
Wer sein Herz dem Ehrgeiz öffnet, verschließt es der Ruhe.
Dass es diesmal so viele versuchen, liegt weniger an den guten Ratschlägen des allzu routinierten Schulpsychologen, der beim Elternabend die Vorzüge der Hauptschule gepriesen hatte, als an der engagierten jungen Lehrerin, die keinen intellektuellen Unterschied zwischen Landschädel und Stadtkopf gelten ließ.
Alfons spürt Beklemmung, weiche Knie, Händezittern und Herzklopfen bis zum Hals.
Wie gerne wäre er jetzt zurück in seiner virtuellen Welt vor dem Monitor am Schreibtisch, unbesiegbarer Held – wenn auch ferngesteuert von einem anonymen koreanischen Programmierer.
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Er ist gleich an der Reihe, Privileg oder Fluch seines ebenfalls mit A beginnenden Familiennamens.
Mutter nestelt in der Handtasche herum, sucht das Halbjahreszeugnis.
Ihr Schlüsselbund fällt zu Boden, die Brieftasche. Münzen, Hunderte, Tausende, klimpern den frisch gewachsten Gang entlang.
Zuerst die vom grinsenden Lehrer entgegengestreckte Hand schütteln oder dem Kleingeld nachlaufen? Irgendwie versucht sie beides gleichzeitig, schräg gebückt, mit hochrotem Kopf, Deckung, Sprung, vorwärts!
Alfons folgt dem Prüfer artig ans Klavier.
Die Tür fällt zu, Mutter hat in der Zwischenzeit eine Beschäftigung.
Alfons, lieber Alfons, was raschelt im Stroh …, gibt der Musikprofessor ein entspannt dämliches Präludium. Und weiter:
Alfons, al fontis, ad fontes! Erasmus, zurück zu den Quellen! Vom Humanismus zu Jandl und wieder retour, da capo al fine!
So weit, so unverständlich.
Um an der Schule aufgenommen zu werden, musste man als Auswärtiger Instrument oder Pinsel wählen.
Alfons hatte sich für Klavier als Gegenstand entschieden, weil auch bei ihm zu Hause eines in der Gegend stand.
Der Lehrer schlägt die erste Taste an.
Alfons trifft in seiner Aufregung das eingestrichene c nicht.
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Kopfschütteln.
Er versucht es nochmals, bis sich sein lang gezogenes Laaaaa endlich auf der richtigen Höhe einpendelt.
Es geht ja doch, Alfons, oh Alfons, oh Alfons, es geht ja doch, Alfons, oh Alfons, es geht!
Der irritierte Prüfling muss weiter Töne treffen und halten, Haltung bewahren, aushalten bis zum Umfallen. Note um Note kämpft er für seine Benotung, der zynisch-vergnügte Lehrer macht sich unleserliche Notizen und transponiert das Alfons-Lied um einen Ton höher.
Klatschen, einfache, kompliziertere Rhythmen, lange, kurze Pausen, Punkte und Kontrapunkte. Alfons gelingt das perfekte Intervall von Stille zu Stille, penibel und pünktlich.
Alfons, al fontes, du geborener Claqueur!, murmelt der Lehrer abschätzig bewundernd.
Was möchtest du einmal werden?
Rennfahrer oder Jet-Pilot.
Aha, ein Playstation-Freak, bemerkt der Prüfer und malt abschließende Schlingen und Kreise in sein Notizbuch, ich verstehe.
Draußen gibt er der Mutter ihren Alfons zurück und ruft das nächste Kind auf.
Wie ist es gegangen?
Keine Ahnung, antwortet Alfons, aber es ist ein neues Lied nach mir benannt worden.
Als der Bus die Kinder am frühen Nachmittag abholt, haben alle ihre Prüfung hinter sich. Wer es geschafft hat, wird erst im Sommer bekannt gegeben.
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Auf der Rückfahrt fällt der Druck von ihnen ab und sie sind kaum zu bändigen.
Der Fahrer revanchiert sich mit Vollgas und muss bei der nächsten Ausweiche wieder stehen bleiben, damit Alfons sich übergeben kann.
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Nächtigungen
Franz K. wälzte sich von einer Seite auf die andere. Er beneidete seine Frau um ihren gesunden Schlaf.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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