Durch die Ichs - Amo Dos - E-Book

Durch die Ichs E-Book

Amo Dos

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Beschreibung

Eine spannend, mit historischen Behauptungen und zukunftsorientierten Ideen, erzählte Geschichte über Macht, Hoffnung und Mada. Was würde geschehen, wenn es möglich wäre, mehrere politisch-gesellschaftliche Ideologien in unterschiedlichen Dimensionen ausprobieren zu können? Wäre das nur in einem Spiel möglich? Oder ist die eigentliche Weltgeschichte und ihre Zukunft ein ewiges Spiel? Die Machtverhältnisse entscheiden, wer am Ball ist und das Spiel spielen darf. Mada ist ein Spieler, ein Mittelpunkt und ein Torwächter der Dimensionen. In seinem Spiel entscheidet er, wer mitspielen darf, auch wenn er davon nichts weiß, vorerst. Seine persönlichen Erlebnisse fließen in die Geschehnisse ein und formen diese. Manchmal wird ein zufäliger Gegenspieler oder eine Gegenspielerin seine Missionen gefährden, aber Mada hat einen Vorteil: er kennt den Schlüssel. Somit erleben wir seine Sicht auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Übergänge zwischen den Dimensionen, der Geschichte, der Zukunft und den Hauptpersonen erzeugen eine Spannung und verlangen nach Erklärungen, welche nur der Leser selbst herausfinden kann. Oder er wird wütend, weil ihn die literarische Freiheit stören wird.

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Seitenzahl: 215

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Den Wortlosen stiehlt man die Wörter

Die Lenker weisen die Denker

Den Weinenden verbietet man die Tränen

Den Armen zeigt man das Unerreichbare

Die Erinnerungen können Fehler verhindern

Der Ursprung hemmt den Vorsprung

Das Sterben erleichtert das Fortleben

Eine gewisse Anpassungsfähigkeit ist oft überlebenswichtig

Die Kampflosen bekämpft man

Die stets Gebende gehen leer aus

Der Anfang ist schwarz, das Ende dagegen weiß

In Gedanken an meinen Papa. Danke, dass Du da warst. 6. Nov 2010

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: »Den Wortlosen stiehlt man die Wörter« Die mögliche Erlösung

Kapitel 2: »Die Lenker weisen die Denker« #Gene Ration

Kapitel 3: »Den Weinenden verbietet man die Tränen« Magdallena

Kapitel 4: »Den Armen zeigt man das Unerreichbare« Der charmante Bettler

Kapitel 5: Die Erinnerungen können Fehler verhindern« Der royale Fall

Kapitel 6: »Der Ursprung hemmt den Vorsprung« Der wiederkehrende Tod

Kapitel 7: »Sterben erleichtert das Fortleben« Der unausweichliche Ursprung

Kapitel 8: »Eine gewisse Anpassungsfähigkeit ist oft überlebenswichtig« Der vermeidbare Fehler

Kapitel 9: »Die Kampflosen bekämpft man« Die Erbin der Aufgabe

Kapitel 10: „Die stets Gebende gehen leer aus“ Die freiwillige Ablösung

Kapitel 11: „Der Anfang ist schwarz, das Ende dagegen weiß“ Magdallena ist Mada

Kapitel 1: »Den Wortlosen stiehlt man die Wörter« Die mögliche Erlösung

Seit vielen Jahren sah sich Mada nach einer Auszeit. Er wurde durch die Geschichte hin und her geschleudert, um alles zu erleben und um seinen Weg zur Gewöhnlichkeit zu finden. Dabei war er gezwungen, ein paar wenige auserwählte Menschen auf seinem Weg zum Unfassbaren mitzunehmen. Er glaubte, mehr erlebt zu haben als jeder andere.

Ein Mann könnte behaupten, er hätte alles vollbracht, wenn er einen gescheiten Beruf, ein schnelles Auto, ein Haus mit einer schönen Frau, zwei Kindern und vielleicht noch einem Kindermädchen als Geliebte vorweisen kann.

Eine Frau könnte das gleiche behaupten, wenn sie nach ihrer Ausbildung einen gestandenen Mann gefunden, für ihn zwei Kinder auf die Welt gebracht und ihn in allen seinen Lebenslagen unterstützt hätte. Vorausgesetzt, dass wir nur über heterosexuelle Beziehungen sprechen, da jegliche Sexualität, Herkunft, Religion sowie Weltanschauung in Betracht zu ziehen, diese Geschichte kaum verändert hätte. Alle Lebewesen sehnen sich nach der Erfüllung eigener Träume.

Ich meine, wer weiß schon, was ein Wesen mit einem niedrigen, durchschnittlichen oder hohen IQ über Leben oder Sterben denkt? Wer leitet uns zum Weitermachen? Wer zwingt uns dazu, sich zu vermehren? Oder zu lieben? Wer garantiert uns, dass die menschliche Geschichte, Kunst und Architektur weitere fünf Tausend Jahre übersteht? Also warum sind wir kreativ? Warum glauben wir eine Antwort auf die Frage nach Leben und Tod in fanatischem Glauben oder in spiritueller Wissenschaft finden zu können?

Mada befand sich gerade auf den letzten Rängen seiner Möglichkeiten. Er sah verbraucht und erschöpft aus. Seine letzten Missionen verliefen nicht sonderlich gut. Er wusste, dass es nach jeglichen missglückten Taten eine viel schwerere Aufgabe zu meistern galt - bevor er letztendlich erlöst würde.

Zuerst gelang ihm nicht, die Zeitzeugen für sich zu gewinnen und er sah zu, wie sich die ganze Welt verändert, wenn falsche Vorbilder vergötzt werden. Damals wusste er noch viel zu wenig von der Aufgabe und somit wurde er dazu verdammt, die Rolle eines Zuschauers anzunehmen. Sämtliche Veränderungen wurden durch andere vollzogen, obwohl Mada sich immer, scheinbar zufällig, mittendrin befand und auch als Mittäter oder Helfer zu den Veränderungen beigetragen hatte. Aber wie gesagt, das alles war ihm angeblich nicht bekannt.

Dann, fast sechzig Jahre später, wurde er erneut ausgetrickst und viele seine Kräfte schienen nur noch in der Luft zu existieren. Fortan war er gezwungen, auf seine Erlösung zu warten und konnte zum wiederholten Mal nicht in die Geschehnisse eingreifen, geschweige diese kontrollieren. Also war seine jetzige Lebenslage letztendlich eine Strafe und auch eine Lektion, um mehr über das eigentliche Ziel seines Daseins zu erfahren.

Es vergingen viele Jahre bis seine Fähigkeiten wieder gefragt wurden, aber Mada wehrte sich nicht dagegen. Nie zuvor musste er so lange in einer Dimension verweilen. Aber alle seine Taten waren vorgeschrieben und auf eine scheinbar unerklärliche Art und Weise unheimlich. Nun verstand er, dass viele Menschen sich nicht als ein Teilchen des Universums sehen, sondern meinen, die Herrscher der Welt zu sein. Nur dadurch konnten so viele Irrglauben entstehen, wie die vermeintliche Vorahnung über das Leben nach dem Tod. Er erinnerte sich, dass er früher genau so dachte.

Die einzig wahre Macht, die über das Leben oder den Tod entscheidet, ist das Licht. Jedes einzelne Teil des Universums besteht aus Atomen und besitzt eine bestimmte Masse. Beim Sterben setzt jene einen Lichtstrahl frei. Die Ausgangsmasse ist entscheidend. Das stelle ich mir so vor: ein Stern stirbt viel spektakulärer als ein Mensch, eine Pflanze oder ein Tier. Durch seine mehreren Tausend Tonnen höhere Masse hat der Stern

viel mehr Kraft, um ein Licht zu spalten, zu gestalten oder zum Leuchten zu bringen. Rein atomar betrachtet, könnte es heißen, dass der gleichzeitige Tod aller lebenden Menschen ein fast ähnliches Spektakel hervorrufen könnte.

Dass der Mensch existiert ist ein Glücksfall. Dass der Mensch denken kann, ist ein Zufall. Wir glauben, um unsere Hoffnungen zu entschuldigen. Wir hassen, weil unser Glaube oder unsere Ansicht kein Echo findet. Wir hoffen, dass wir ankommen und das Ende beliebig verzögern können.

War es das, was Mada erfahren musste, um seine Erlösung zu finden? Wenn ja, dann war er diesem Augenblick näher gekommen als je zuvor.

Aber er ist noch nicht angekommen. Erst zurück in seiner eigenen Welt erkennt er, dass er nichts Besonderes hervorbrachte und erfährt, wie viel ein Leben wert ist.

Im Sommer 2075:

Es war ein besonderer Tag in Madas Leben, der unendlich werden und bereits am früheren Morgen merkwürdig anfangen sollte. Keinesfalls lag es am Kontrollsystem, welches alle großen Staaten eingeführt hatten, um die gesamte Bevölkerung in einer einzigen Datenbibliothek zu registrieren, der sogenannten digital population data. Es wurde ein Chip, in Form eines ein Zentimeter langen und ein Millimeter dicken Wurms, zwischen die Augen eingepflanzt. Eine minimale Verdickung machte es für alle erkenntlich. Dadurch konnten Bewegungsprofile erstellt werden, welche dauerüberwacht wurden, um die angeblich bedrohte Sicherheit jedes Einzelnen zu garantieren.

Der Mensch war selbst Schuld daran, als er das Internet erfand und vorerst keine Regel aufstellte. Das wiederum brachte eine Generation hervor, welche zeigte, dass sie einfacher zu kontrollieren und zu manipulieren war. Anders als im Kommunismus störte plötzlich niemanden, dass man ständig ausspioniert wurde. Der Missbrauch war vorprogrammiert und gewollt, um noch mehr Geld- oder Ruhmgierige hinzu zu locken, welche mit Nichts Profit schlagen konnten.

Aber wie gesagt, es störte kaum einen, sich zu entblößen. Hauptsache war: in dieser Masse von Milliarden Menschen bin ich etwas wert, weil ich Hunderte digitale Freunde habe, die meine Posts lesen oder mich beim Kotzen auf der Toilette filmen. Wenn es Tausende Menschen anklicken, dann bin ich ja jemand.

Politiker erkannten die Macht des Internets spät, aber rechtzeitig genug, um die totale Kontrolle, mit Hilfe von verurteilten Hackern und Spezialisten aus Nachrichtendiensten, systematisch und gezielt zu übernehmen.

Die dpd-Nummer war kostenlos, in vielen Ländern bei Grenz- oder Polizeikontrollen mittlerweile unerlässlich und ermöglichte den modernen Menschen bessere Arbeitsperspektiven und zwar weltweit. Der Erfinder, Jacob Zet, hatte es in den Genen, sein Vater galt als der Gründer der erfolgreichsten Sozialnetzwerk-Seite (Book&Café) des gesamten World Wilde Web und er war sein Erbe.

Progress refusenik (Fortschrittsverweigerer), mit ihrer veralteten Sichtweise und fast schon unbrauchbaren Personalausweisen, konnten am Fortschritt nicht mithalten und wurden zum geduldeten Übel degradiert. Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt waren dementsprechend relativ gering.

Was Mada betraf, er war praktisch nicht da. Nur wenige Menschen bemerkten seine Existenz. Die Gesellschaft schien ihn wenig zu interessieren und er meinte, diese auch selber aussuchen zu können. Den geltenden Gesetzen konnte er sich sowieso nicht widersetzen und das brauchte er gar nicht. Die vielen politischen Systeme, bei denen er unweigerlich Zeuge geworden war, definierten sich durch die gegenwärtige Geschichte und übersahen die Zukunft, somit waren sie gezwungen zu reagieren, statt zu agieren. Sie weigerten sich, die Kostbarkeit des Lebens ihren Fortbestand zu gewähren. Genau darin lag Madas Vorteil. Er wusste wohin die ständigen Reaktionen führten und glaubte, der Richtige zu sein, um die Veränderungen zu steuern.

Alles hat vor zwei oder vielleicht mehreren Tagen angefangen. Mada konnte es nicht genau sagen. Er wachte alleine im Bett auf und fragte sich, warum ihm das nicht komisch vorkam. Eigentlich musste er tot traurig sein, nach dem seine Beziehung zu Vanessa in die Brüche gegangen war. Normalerweise wäre er auch angeschlagen oder zumindest besoffen gewesen. Die Mittagssonne brannte in seinem Gesicht, er war verschwitzt und durstig. Er stand auf und schaltete dadurch automatisch eine Reihe an Funktionen ein, die in der Wohnungssoftware Alive programmiert waren; was die erste schlaue Erfindung von Jacob Zet war.

„Die Öffnung der Jalousien gehörte heute offensichtlich nicht dazu“, dachte Mada. Er wollte nicht wissen, wie lange er in der prallenden Sonne gegrillt wurde, wollte dann doch aber erfahren, wie spät es war: „Zeit“, sagte er laut.

„Elf Uhr vierundzwanzig“, antwortete Alive.

In der Küche angekommen, ging er an das Spülbecken.

„Kalt“, sagte er müde.

Der Wasserhahn sprang an. Er wusch sich das Gesicht und trank gleichzeitig. Das kühle Wasser tat ihm richtig gut, was er sichtlich genoss. Zu lange. Alive läutete: „Aktueller Wasserverbrauch Küche: dreißig Liter. Siebenundzwanzig Unions.“

Das dazu klingelnde Geräusch einer sich schließenden Registrierkasse, hätte den Worten noch mehr Kraft verliehen.

Längst gab es keine privaten oder staatlichen Wasserquellen, sondern nur noch die Weltwasserquellreserven. Der Preis für ein jeweiliges Land setzte sich aus dem aktuellen Zinssatz plus Nettoinlandsprodukt geteilt durch die entsprechende Bevölkerungszahl zusammen.

Mada bemerkte eine Auskunftsdrohne vor dem Küchenfenster, als er sich aufrichtete, aber er ignorierte sie. Dieser wahnsinnigen Technik gegenüber blieb er kalt. Nur »Book&Café« Nutzer, was inzwischen praktisch jeder war, waren darin erfasst, um ihre täglichen Entscheidungen bewusst zur Schau zu stellten. Deshalb sind diese relativ kleinen Drohnen, etwa in der Größe eines Rotkehlchens, unschöne Begleiter der Menschen geworden. Einst erfunden, um die Alten zu begleiten, ihren Gesundheitszustand zu messen, ihren Alltag zu dokumentieren und ihnen jederzeit direkten Kontakt mit Ärzten, Familie und Bekannten via EyePhone zu ermöglichen, wurden es später auch als Babysitter eingesetzt. Die EyeWatch Drohnen entwickelten sich zu einer Weltmarke aber erst, als Jacob Zet sie aufkaufte und auf seiner, bereits legendären, Sozialnetzwerkseite vermarkte. Das Eye wurde geboren.

„Sicher“, stellte der On-board Computer der Drohne fest.

Mada legte sich zurück ins Bett und dachte über seinen wiederkehrenden Traum nach, welchen er erneut in dieser Nacht geträumt hatte: Prinzessin Fall.

Als ich vor vielen Jahren diesen Fall erleben musste, glaubte ich meiner Erlösung nah zu sein. Dass mir die Brisanz der Aufgabe nicht aufgefallen war, erwies sich als ein fataler Fehler, was mich bis heute verfolgt. Das Haus, die Wohnung in dem ich mich befinde, verbirgt die Antwort. Es ist kein Zufall, dass ich hier wohne, aber darstellen der richtigen Frage bereitet mir Schwierigkeiten. Ein Puzzle.

Auf einmal ging die Sonne so unter, als ob jemand mit einem Knopf die Kulissen gewechselt hätte und die Nacht ersetzte den Vormittag. Er schaute aus dem Fenster und bemerkte sofort, dass es draußen dunkler war als sonst. Die nervigen Lichter der Drohnen beschmutzten den Himmel nicht und die noch psychologisch korrekten Werbungen, passten sich der Stunde an: keine schrillen Farben und viel weniger schnelle Schnitte.

Die Uhr zeigte vier Uhr morgens. Er hörte den Aufzug auf der Etage halten sowie bekannte Schritte. Der Schlüssel, den Vanessa aus ihrer großen Tasche herausholte, fiel laut zu Boden. Mada war sich nicht sicher, was das alles sollte. Soweit er sich an gestern erinnern konnte, waren sie getrennt. Die Zeitverschiebung, die er zuvor wahrnahm, ergab noch keinen Sinn. Oder doch? Er machte drei lange Schritte und sprang ins Bett, bevor Vanessa das Schloss aufbekam.

Vorsichtig öffnete sie die Türe und legte sich wortlos neben ihn ins Bett, nachdem sie ihre Tasche auf die Flurablage stellte. Mit der Annahme dass er schlief, sagte sie leise in sein Ohr: „Ich liebe dich.“

Das Ganze erinnerte ihn an einen Vorfall, der am Anfang ihrer Beziehung stattfand. Es musste vor zehn Jahren gewesen sein. Die Drohnen waren noch nicht für die Allgemeinheit zugänglich und nur für ein paar Hersteller für den wirtschaftlichen Sektor zulässig. Mit den ersten Taxi-Drohnen war es mit dem dunkelblauen Nachthimmel vorbei.

Wie damals hörte er Vanessa nach ihrem leisen „Ich liebe dich.“ weinen und verspürte das gleiche Gefühl von Hilflosigkeit. Am liebsten hätte er sich schon damals umgedreht und sie umarmt, etwas, was er erneut nicht tat, weil ihn die Situation lähmte. Er überlegte, was er jetzt tun sollte und ob seine Kräfte ihm helfen konnten. Vielleicht waren sie es, die ihn in die damaligen Ereignisse erneut versetzten. Aber warum?

Er wartete bis sie einschlief, setzte sich auf und betrachtete intensiv Vanessas Gesicht. Dann legte er seine rechte Hand auf sie und auf seiner linken, breit geöffneten Hand, bildete sich ein kugelförmiges Licht. Darin sah er ihre Erlebnisse der besagten Nacht, die Party, auf die er nicht gehen wollte und die Leute, die er dadurch nicht kennenlernen konnte. Er sah ihren Blickkontakt und anschließend den sinnlichen Sex mit Nella, welche dabei wie ein Mann wirkte. Ein Mann, den Mada kannte: Richard. Eine Vergewaltigung wurde erst daraus, als Nella auf dem Höhepunkt ihre Gesichtskontrolle verloren hatte und Vanessa vor sich einen alten Mann sah. Ziemlich verwirrend, nicht wahr?

Langsam verstand er, warum er diese Nacht erneut erleben musste. Verliebt zu sein macht einen offenherzig und hoffnungsvoll, vor allem das Vertrauen ist groß und unerschrocken. Mada hatte noch nie zuvor das Bedürfnis gehabt, einen ihm nah stehenden Menschen zu durchschauen. Er fand die geheimnisvollen Seiten der Menschen spannender und half eher diese zu verstecken, als sie zu offenbaren. Jetzt waren offensichtlich weitere zehn Jahre verloren gegangen, weshalb ihn die Rückschleife erwischte. Er war gezwungen, die Geschehnisse zu verändern oder auszubessern.

Als am Morgen danach Vanessa wie ausgewechselt die Küche betrat, konnte er nicht anders, als sich innerlich zu freuen. Es freute ihn, dass er jetzt alles anders machen konnte. Er konnte sie wieder berühren und ihren Geruch genießen. Sie sprach zwar kein Wort und wich Madas Blicken aus, aber sie war da. Diesmal löcherte er sie nicht mit Fragen über die Party. Er versuchte nicht ihre Lügen zu verstehen. Er bereitete für sie einen Kaffee vor, stellte ihn auf den Küchentisch vor ihr ab und fragte ruhig: „Brauchst du mich?“

Er wollte vor Freude weglaufen und schreien. Vanessa blickte überrascht nach oben, dann schob sie vorsichtig die Tasse zu sich und antwortete: „Ja, das tue ich. Jetzt mehr denn je“. Sie atmete tief durch und sagte weiter: „Aber zuerst muss ich nachdenken, deshalb will ich alleine sein.“ Sie schaute ihn mit bittendem Blick an: „Das verstehst du doch, oder!?“

Mada nickte nur und verließ die Wohnung. Er lief die Treppe runter, vorbei an der Nachbarin Madame Piqué, die so sehr in ihrer morgendlichen Inspektion des Hauses vertieft war, dass sie ihn übersah. Er stellte sich vor das Haus und schrie laut: „Warum bin ich hier?“

Die Eingangstüre öffnete sich und eine um zwanzig Jahre verjüngte Madame Piqué stellte sich breitbeinig vor ihn. Sie lächelte kurz, nahm eine Zigarette aus einem Etui, zündete sie an und sagte selbstsicher: „Du stehst kurz davor, Magdallena zu finden“

Surreale Gestalten im blauen Dunst zogen seine Aufmerksamkeit kurz an. Die sich stets veränderten Formen konnten eine Botschaft versteckt haben. Aber Mada verstand nicht, warum er schon wieder eine Magdallena suchen sollte. Sie existierte nicht mehr in seiner Umgebung. Das war doch der Grund, weswegen er seine Erlösung verpasste.

„Nein“, antwortete Madame Piqué geheimnisvoll. Sie hob langsam ihren Kopf und schaute mit ihren gespenstigem Blick nach oben, um dann direkt auf Madas Augen zu verweilen. Als ob Madame Piqué mit ihren Augen die scheinbar vergangene Geschichte zum Leben erwecken versuchte.

„Du musst endlich erkennen, dass du mit deiner Aufgabe nicht allein bist. Eigentlich müsstest du schon längst Tod sein“, Madame Piqué sprach weiter und ihre Wörter entfernten sich, wie auch ihr Körper stets, aber langsam. Mada machte seine Augen zu und verspürte eine gewisse Erleichterung. Wenigstens glaubte er zu wissen, was er zu tun hatte.

Er öffnete die schwere Eingangstür, nahm die Treppe nach oben und hielt kurz vor seiner Wohnung an. Ein quietschender Ton hallte plötzlich durch die Gänge und das Gebäude fing an zu ruckeln. Mada schaute auf die Treppe hinunter, als diese einstürzte. Er drückte hektisch auf die Klinke, aber seine Tür war verriegelt.

„Verdammt!“, kam aus ihm heraus. Er beschloss, sie aufzubrechen. Aber als er Anlauf nahm und gegen die Tür rannte, öffnete sich diese von selbst. Er krachte auf den Boden und ein höllischer Schmerz im linken Schulterbereich schoss qualvoll durch ihn. Er stützte sich auf die rechte Hand, um aufzustehen und verharrte mit seinen Augen auf dem Flurboden. „Teppich?“, wunderte er sich laut.

Mada setzte sich auf, hob langsam seinen Kopf und schaute sich um. Putz mit roter Elefantenhautfarbe, die er selber mal angebracht hatte, ersetzte die Raufasertapete. Der Schnitt der Wohnung war identisch mit der seinen, aber die Details der Einrichtung waren anders. Da stand eine Kommode, dessen Stil er nicht kannte und welche irgendwie organisch wirkte. Obwohl er davon ausgegangen war, bereits alles gesehen zu haben, ging Mada in Richtung des Schlafzimmers und hoffte, Vanessa dort anzutreffen. Aber als die Tür erneut von selbst aufging und auf dem Boden vor ihm eine unbekannte Frau die Wäsche zusammenlegte, erkannte er, dass sein Geist sich in einer anderen Dimension befand und dass das zärtlich, verängstigte Wesen vor ihm, Magdallena sein musste. Eine Stimme sprach laut aus ihm: „Ich werde Dich retten. Du musst nur Geduld haben.“ Das Bild vor ihm zerbrach wie Glas. Er versuchte sein Gesicht vor herabfallenden Scherben zu schützen und drehte sich weg.

Kurze Zeit später öffnete er seine Augen und stellte erneut fest, dass er allein im Bett lag und die kaum kontrollierbaren Ereignisse wiederholten sich. Ähnlich wie im Filmklassiker „Und täglich grüßt das Murmeltier1“ durchlebte er die Geschehnisse scheinbar immer und immer wieder. Mal frühstückte er mit Vanessa und war in der Wohnung geblieben, mal war er kurz davor Vanessa zu verlassen oder ging nicht zurück in die Wohnung, nachdem er Madame Piqué gesprochen hatte; somit musste er Magdallena nicht treffen. Aber egal was er tat, die Ereignisse änderten sich kaum.

Er machte sich Notizen und versuchte das letzte Mal die Geschehnisse unverändert Revue passieren zu lassen. Die Sonne brannte, als er die Augen aufmachte. Vanessa lag nicht neben ihm. Er dachte an seinen Traum. Diesmal verdunkelte sich die Sonne nicht. Er entschied sich spontan wieder ins Bett zu gehen und weiter zu schlafen. Als er Stunden später aufwachte und Alive auf Nachfrage die aktuelle Zeit durchgab: 16:35 Uhr, sprang er auf.

Sein linker Fuß verhakte sich mit der Bettdecke, kurz bevor er mit dem rechten Fuß den Boden erreichte. Er stürzte schmerzvoll.

„Geräusche im Schlafzimmer. Melden.“ Die Stimme der Software klang immer gleichbleibend und emotionslos.

„Halt die Klappe!“, blaffte Mada zurück. Er fragte sich, ob er irgendetwas anderes getan oder gesagt hatte. Es schien so, weil er die Zeitschleife endlich verlassen konnte. Gespannt wartete er auf das, was jetzt passieren mochte.

„Identifizieren.“ Alive war zu mechanisch, um Emotionen zu verstehen, aber algorithmisch genug, um Wörter zu deuten und den Usern die passende Antworten oder die richtige Fragen zu geben.

Ihr Sicherheitsmodus musste eigentlich ausgeschaltet sein. Mada wusste, dass sie nach fünf Minuten ohne eine Meldung an ihr Motherboard, was passend im Flur hing, die Polizei verständigen werde. Warum Vanessa Alive scharf gestellt hatte, obwohl er noch im Bett lag, verstand er nicht.

„Nächster Termin: Wohnungsparty um 18 Uhr“, erklärte passend Alive. Wenigstens wusste er jetzt, warum die Fensterjalousien im Schlafzimmer offen waren, als er aufwachte: Venessas Fürsorge.

Er zwang sich aufzurichten, ging schwerfällig an die Station und legte seine Handfläche darauf. Sein linkes Knie pochte vor Schmerz.

„Identifikation abgeschlossen“, bestätigte sie.

Um circa 17 Uhr fing er an, sich anzuziehen und als er die Schuhe binden wollte, sich auf das Bett setzte und nach unten beugte, entdeckte er einen alten Schuhkarton unter dem Nachtschränkchen. Seine Härchen stellten sich auf. Offensichtlich war Vanessa noch seiner Freundin.

„Sie ist nicht da und diesen Karton habe ich noch nie zuvor gesehen. Ich kann mich nicht zurück halten. Außerdem ist der Deckel nicht richtig zu.“ - Das alles wollte er sich als eine mögliche Ausrede festhalten, falls er entdeckt werden würde. Er schob die Schachtel vorsichtig mit dem Fuß heraus und versuchte den Inhalt zu durchleuchten, was natürlich sinnlos war. Dann bemerkte er die Aufschrift auf dem Deckel: »Für Nella d.G.« und erstarrte.

„Die muss ich noch verpacken“, ertönte Vanessas Stimme hinter seinem Rücken. Er konnte nicht rechtzeitig seinen unnatürlich verdrehten Körper, mit tief gebeugtem Kopf, in eine entspannte Sitzposition bringen oder die Kiste zurückschieben. Deshalb legte er sie nicht weg und überspielte seine innere Anspannung mit Schuhe binden. Seine Körperstarre ließ trotzdem nicht nach.

Vanessa lachte geheimnisvoll und hob die Kiste auf, bevor Mada seine ausgedachte Ausrede aussprechen konnte, die er sowieso im selben Augenblick vergaß, als sie erschienen war.

„Wer ist Nella?“, fragte er verdutzt. Er versuchte mit der nächsten Frage von sich abzulenken: „Wo warst du?“

Sie setzte sich auf das Bett, umarmte ihn zärtlich von der Seite und sagte bestimmend: „Nella lernst du gleich kennen und mich auch, also zieh dich an, Sherlock.“

Sie stand auf und musterte ihn kopfschüttelnd von oben nach unten. „Ich kann es nicht fassen, Mads“. Er mochte nicht so genannt werden, aber Vanessa zu Liebe beschwerte er sich nie. „Hörst du mir schon mal zu? Oder rede ich immer mit mir selbst?“, sie schaute ihn aufdringlich an und fuhr fort: „Nella ist meine Freundin. Sie half mir, als ich vor einem Jahr überfallen worden bin. Ein fremder Mensch hilft dir, ganz einfach so.“

„Du hast mich damals rausgeschickt, weil du allein sein wolltest. Die Geschichte mit dem Überfall hast du mir so nicht erzählt“, unterbrach Mada.

„Wie bitte? Und wer kam die Treppe runter und hat dir alles vor dem Haus gebeichtet?“, Vanessa ließ ihre Wut raus.

„Madame Piqué“, dachte Mada laut. Zu laut.

„Madame Piqué!? Ich glaub‹s einfach nicht.“ Ihre Gesichtsfarbe änderte sich vor Wut, blieb aber nicht lange dunkelrot; im Sekundentakt sprang die Farbe von weiß auf rot und zurück. Mada schaute sie überrascht an und begann zu lachen. Vanessa tat es ihm gleich, als sie ihr Gesicht im Wandspiegel sah.

Diese Frau brachte ihn immer zum Lachen und machte die letzten Jahren einigermaßen erträglich. Vanessa forderte nicht, lebte ihr geheimnisvolles Leben und war dennoch fürsorglich, anziehend und gesellig.

Sie lernten sich bei einer Demo gegen die Spaltung der Gesellschaft kennen. Vanessa lief praktisch in seine Arme, als sie von der Polizei verfolgt wurde. Obwohl ihre Eltern zur Oberschicht gehörten, lebte sie in der Unterschicht der Stadt und kämpfte gegen die Unterdrückung. Er war sehr beeindruckt von ihrem Sinn für Gerechtigkeit. Eine Fähigkeit, die in Wahrheit nur noch als trügerische Hoffnung in der Gesellschaft angesehen wurde und mit der Selbstverständlichkeit nichts mehr zu tun hatte.

Es war kein Geheimnis, dass alle, vor allem die ärmeren und radikalisierten, Staaten gezwungen waren, ihre Innen- und Außenpolitik weitgehend zu ändern, um ihren Bürgern das Fortleben zu garantieren. Eine nutzlose, schlecht ausgebildete Einheit konnte sich kaum ein Land leisten, weshalb man auf Bildung setzte. Eine unkontrollierte Geburtenrate oder Krieg war genauso unproduktiv und schadete der Wirtschaft. Was dazu führte, dass sich alle Regierungsinhaber einmal jährlich bei einem Weltpolitik-Kongress trafen. Hier entstanden viele Kooperationen und begannen auch manche Machtkämpfe, welche schon im Keim erstickt werden mussten. Im Vordergrund aller Debatten stand immer die Wasser-, Umwelt- und Nahrungsproblematik. Hinter den verschlossenen Türen, getarnt als eine Verschwörung, versuchten ein paar Auserwählte - Politiker, Adel, Milliardäre und Konzernbosse -, die ansteigende Bevölkerungszahl und die sinkenden, natürlichen Ressourcen unter Kontrolle zu bringen. Sie sahen ihren Reichtum gefährdet.

Die zuerst vielversprechenden Perspektiven einer Großstadt erwiesen sich Jahrzehnte später als eine Falle. Man lockte die Bevölkerung der ländlichen Regionen mit vielseitigen Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten, höheren Gehältern, Quantität an Waren an und schaffte dadurch einen viel besseren Lebensstandard. Das dörfliche Dasein wurde nicht mehr als idyllisch, sondern als rau bezeichnet; die dort lebenden Menschen als ungebildete Dorftrottel. Wer wollte schon als Hinterwäldler gelten? Die Wanderung der Jugend in die Städte war nicht mehr aufzuhalten. Ihre Eltern und Großeltern versuchten bis zu ihrem Tod, das vererbte oder schwer erarbeitete Land zu halten. Sicherlich keine unmögliche Aufgabe, solange man gesund war. Also wurde der Preis für die Ernteerträge künstlich nach unten gedrückt, um auch die letzten Fortschrittsverweigerer an den Konsum, an die Stadt zu binden. Sie waren gezwungen, ihre Quantität zu erhöhen und kauften Maschinen, Genfutter, stellten Arbeitskräfte ein, um auf dem Markt zu überleben. Andere verkauften sämtliche oder einen Teil ihre Erde für Masten, Supermärkte und Industriegebiete. Der Anteil am Grundbesitz, welcher die Mittelschicht besaß, wurde immer geringer.

Die Verlockungen einer Metropole waren eindeutig größer. Die geregelten Arbeitszeiten und die kürzeren Arbeitswege ermöglichten den erwarteten Konsum. Dass man, um die Waren für diesen Konsum zu produzieren, die natürlichen Ressourcen stets ausrottete und die zukünftigen Generationen vor ein Dilemma stellte, war scheinbar niemandem aufgefallen. Oder vielleicht doch?