Durchbruch ins dunkle Glück - Carl Amery - E-Book

Durchbruch ins dunkle Glück E-Book

Carl Amery

0,0
29,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Zwei der bedeutendsten Romane in einem Band: die große Sonderausgabe zum 100. Geburtstag von Carl Amery am 9. April 2022.

DIE WALLFAHRER: Das Opus Magnum von Carl Amery, ein kühnes Panorama über vier Jahrhunderte, in dessen Zentrum die Wallfahrtskirche in Tuntenhausen steht. Mit opulenter Fabulierkunst verknüpft Amery die Geschichten von sonderbaren Einsiedlern, Kapuzinern, dem Mörder von Kurt Eisner, Kreuzfahrern, Komödianten und anderen Erlösungssuchenden mit einer bissig-kritischen Würdigung der katholischen Tradition und der Sorge um den Fortbestand dieses Planeten.

DAS GEHEIMNIS DER KRYPTA: Carls Amerys Roman vom Ende des Fortschritts - ein Wissenschaftler arbeitet an einem Programm zur Reduzierung der Menschheit um 90 Prozent, um dem Rest eine Überlebenschance zu geben. Ein großer satirischer Roman in der Nachfolge Swifts, mit unverwechselbarer Sprachvirtuosität und anarchischem Spaß am geistigen Abenteuer. Großes phantastisches Welttheater.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 946

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Zu den Romanen:

Zwei der bedeutendsten Romane in einem Band: die große Sonderausgabe zum 100. Geburtstag von Carl Amery am 9. April 2022.

DIE WALLFAHRER: Die Wallfahrtskirche in Tuntenhausen steht im Mittelpunkt eines kühnen Panoramas, das vier Jahrhunderte umspannt. Auf vier verschiedenen Pilgerpfaden verknüpft Carl Amery die Geschichten von skurrilen Einsiedlern, barocken Komödiantentruppen, cholerischen Kapuzinern, dem Mörder von Kurt Eisner und vielen anderen mit einer bissig-kritischen Würdigung der katholischen Tradition und der Sorge um die Bewohnbarkeit unseres Planeten.

DAS GEHEIMNIS DER KRYPTA: Carls Amerys Roman vom Ende des Fortschritts – ein Wissenschaftler arbeitet an einem Programm zur Reduzierung der Menschheit um neunzig Prozent, um dem Rest eine Überlebenschance zu geben. Ein großer satirischer Roman in der Nachfolge Swifts, mit unverwechselbarer Sprachvirtuosität und anarchischem Spaß am geistigen Abenteuer. Großes phantastisches Welttheater.

Zum Autor:

Geboren am 9. April 1922 in München. Mitglied der Gruppe 47, von 1989 bis 1991 Präsident des bundesdeutschen PEN-Zentrums sowie Mitbegründer der E.F. Schumacher-Gesellschaft für politische Ökologie. Amery schrieb neben einigen Hörspielen zahlreiche Romane und wurde vor allen Dingen durch seine kulturkritischen Essays sowie als engagierter Ökologe bekannt. Jahrzehntelang hat er die politische Diskussion in der Bundesrepublik entscheidend mitgeprägt. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem »Tukan-Preis«, dem »Bayerischen Friedenspreis« und 1991 mit dem »Literaturpreis der Stadt München«. Carl Amery starb am 24. Mai 2005 im Alter von 83 Jahren in seiner Heimatstadt München.

Carl Amery

Durchbruch ins dunkle Glück

Die Romane »Die Wallfahrer« und »Das Geheimnis der Krypta«

Luchterhand

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright © 2022 für diese Ausgabe

Luchterhand Literaturverlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

»Die Wallfahrer« erschien erstmals 1986

bei Süddeutscher Verlag GmbH, München

»Das Geheimnis der Krypta« erschien 1990 im

Paul List Verlag in der Südwest Verlag GmbH & Co. KG

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

Covergestaltung: buxdesign | Ruth Botzenhardt

ISBN 978-3-641-28797-9V001www.luchterhand-literaturverlag.de

Die Wallfahrer

Roman

Für Balthasar, Georg, Judith, Maurus etc.

Inhalt

Vorwort: Literarische Annäherung an die Ewigkeit betreffend

I.Aufbrüche

II.Der Pfad des Einsiedels

III.Der Pfad der Comoedianten

IV.Der Pfad des Kreuzfahrers

V.Der Pfad des Mörders

VI.Nach Tuntenhausen und zurück: Pfade der Moderne

VII.Ankunft und Offenbarung

VIII.Zwei Schlüsse: Ein orthodoxer und ein häretischer

Ich sehe dich in tausend Bildern, Maria, lieblich ausgedrückt …

Novalis

Vorwort: Literarische Annäherung an die Ewigkeit betreffend

WALLFAHRT!

Altes, mächtiges Bild für unser Dasein auf Erden. Gleichnis insbesondere für den Christenmenschen, der Pilger ist; das heißt ein verbanntes Kind Evas, stolpernd über die Fluren und Äcker der Fremde.

Dieser Tradition strebt unsere Erzählung nach. Den nachdenklichen Leser (und die wahrscheinlich noch nachdenklichere Leserin) will sie bekannt machen mit graden und krummen, mit verworrenen und planvollen Pilgerpfaden; mit großen und kleinen Umwegen dabei; mit tragischen und unterhaltsamen Fluchten; eitlem Streben, das vereitelt wird – aber auch mit erhoffter oder unverhoffter Ankunft, erwartetem oder überstürzendem Gnaden-Erweis. (Nicht um, wie der Calviner Milton sagt, Gottes Wege vor dem Menschen zu rechtfertigen: was glaubt er denn, daß wir sind?)

Ziel dieser Pfade ist

TUNTENHAUSEN,

eine seit Jahrhunderten gerühmte Gnadenstätte Unserer Lieben Frau im Oberbayrischen. So ist die alt-bairische katholische Welt Schauplatz und Szenenplan, dem der Weg von vier Jahrhunderten in die Endzeit (wie provisorisch immer) eingezeichnet wird.

ENDZEIT:

Welches Schreckenswort! Wie hallt und dröhnt es die Korridore der Geschichte hinab und hinaus in verhangene Zukunft! Wer erbleicht nicht bei seinem erzenen Klang?

Wer wird dabei nicht von methaphysischem Schauer überlaufen? Wer erzittert nicht?

Die Antwort: so gut wie niemand.

Das hat Gründe. Zuoberst den: unsere Errungenschaften haben die Phantasien der Vorväter betreffend die Ewigkeit weit überholt, so oder so. Wen kann die Sehnsucht nach einem unkündbaren Abonnement in einer stratosphärisch gelegenen Prunkoper, wen die Angst vor permanenter Folterwerkstatt in vulkanischen Tiefen noch überzeugen? Überholt, so oder so. Und darunter ein noch wichtigerer Grund: unser klägliches Rüstzeug zur Erkenntnis der Wirklichkeit, von einer faulen Mutter Natur in bequemen Selektions-Schritten zusammengehudelt.

Dieses Rüstzeug langt nicht hin bis zur entscheidenden Eigenschaft der Ewigkeit – nämlich zur Aufhebung der Zeit. Die Mystiker wissen das natürlich; aber wir gewöhnlichen Sterblichen, wir Durchschnitts-Stolperer über die Pfade der Pilgerschaft können uns die Ewigkeit kaum anders vorstellen als einen Wasserhahn, aus dem monoton der Faden der Zeit rinnt – monoton, das heißt langweilig; mögen die Feinkörper dieser Langeweile himmlische Kadenzen und Duftstäube – oder Schwefelbrühe und siedendes Öl sein.

Ach! Eingenagelt in drei Dimensionen, fixiert auf den rinnenden Faden der Zeit ist auch der Erzähler. Wie vermag er die Gewebe von Ewigkeit und Endzeit, das Mit- und Beieinander von Schicksal, Entscheidungen, Fehlentscheidungen und ihre Wirkungsnetze auch nur einigermaßen einsichtig abzubilden?

Da versuchen wirs kühn und paradox: einfach durch Bescheidung. Durch Beschränkung auf vier Pilgerpfade, die wir durch vier Jahrhunderte legen. Sie brechen gleichsam miteinander auf, die Pfade, mäandern dann jeder anders über Berg und Tal, treffen sich zuletzt (und hinter unserer Moderne) in Ankunft und Enthüllung. Da es um Endzeit geht, das heißt, da Ewigkeit nahe ist, wird sich vieles berühren und überkreuzen, werden sich Fäden verknäueln, werden sich erschreckliche (oder doch verschreckende) Querblicke durch bröckelnde Zeitwände auftun. Dies kann nicht anders sein, grad deswegen nicht, weil Endzeit uns ständig nähergebracht wird – gleichzeitig, das heißt aus allen Zeiten heraus. Selbst die jeweilige Verantwortung für das Hier und Heute wird uns deutlicher heimgeleuchtet durch die entsprechenden Bürden unserer Nachbarn auf den Zeitpfaden.

Ja, und dann merken wir, daß es ausgerechnet das Durcheinander ist, was uns deuten hilft. Denn jede Erkenntnis, das sagen uns die Meister der Wissenschaft vom Menschen, bedarf, damit sie überhaupt zustand kommt, eines ordnenden Gitters – eines Musters von Linien und Schnittpunkten. Dann wären also unsere vertrackten Pfade, ihr scheinbar so regelloses Gewurl, nichts anderes als das Gewebegitter, das uns Endzeit deuten hilft? Endzeit auf einem Stück Erde, das so unbedeutend und minder auch wieder nicht ist – schon deswegen, weil es unser Eigen ist.

Lassen wir sie also losziehen: den Einsiedel, die Comoedianten, den Kreuzfahrer –

– und den Mörder.

I Aufbrüche

Wir wissen, daß das Land der Hopi nicht das einzige spirituelle Zentrum der Welt ist. Andere Plätze wurden vom Schöpfer an seine Seite gesetzt – durch jene, die seinen Anweisungen folgen in anderen Ländern, um als Heiligtümer in einer Zeit großer Weltveränderung in der Zukunft zu dienen. Ihre Wurzeln werden durch uraltes Wissen gefunden werden, das zu diesen Plätzen führt.

Der Hopi David Monongye an den Dalai Lama, Oktober 1982

Der Einsiedel bricht auf

Weisung für Gropp

Halt dich zu Anfang ans Chronologische. Das heißt ans 17. Jahrhundert, an Gropp den Einsiedel, Mühlen bei Innsbruck.

Halt dich an das Wort, das auf ihn fällt – aber trau um Gottes willen nicht dem trauten Bildnis an der Tuntenhauser Kirchenmauer, linker Hand, wenn du durchs schmiedeeiserne Friedhofsgitter kommst, von dem hochgebuckelten asphaltierten Platz her. Was siehst du da schon? Handsamen Greis in sauberem Bett, das Bett steht in sauberer Kammer, das Fenster hat Butzenscheiben, hinter denen du besonnte Giebel wähnen magst, irgendeine Tiroler Marktstraße.

Trau dem nicht. So malt das einer später, in einem andern Jahrhundert-Atelier, wo man das Frommsein ins laue Herbstfenster stellt, damit es brav vor sich hin stöckelt. (Wir kommen noch drauf.)

Vielmehr liegt der Gropp auf schimmeligem Kotzen, der Kotzen auf Kranewitter-Gezweig und Stroh: fauliges Groppzeug auf faulem Unrat. Gropp und Unrat brauchen den halben Boden in der Heuhütte. Die Hütte ist eingelassen in einen sauren aperen Buckelhang, das Frühjahr ist grau und geizig. Der Gropp schnattert auf Zahntrümmern, stiert auf einen Riß, durch den es zwischen schwarzen Rundhölzern hell und kalt kommt. Er mampft an einem Kräutlein Hoffnung, dessen Geruch ist wild wie eine Faust, die von unten gegen aschenfette Sparren und Schindeln stößt.

Den Gropp frißt es von innen heraus, geht so seit einer Woche, geht ans Leben, das merkt er, und das ist schon ein Raufen. Er ist ja fromm, eigentlich. Hat hinlaboriert an eine glückselige Sterbstunde in immer einschichtigerer Landschaft, und Kriege hats auch gegeben und gibts immer noch, zur Zeit den endlos langen um den katholischen Glauben, der, scheints, auch nicht so gut ausgeht. Aber jetzt hat er wutige Angst. Jetzt beißt er aus seinem Scherhaufen gegen den Tod an wie ein verbissener Rattenkönig, schämt sich nicht darob, kaut hexerisches Kraut, klaubt zusammen, was er in sich als Lebenstrotz findet, schiebt es vors Jenseits, das er auf einmal nicht mehr erkennt.

Er hat sich ja das Jenseits längst gezeichnet, der Fromme; gepinselt, ja verputzt und mit Goldfirnis belegt durch Jahrzehnte, mit alabasternen Fenstern belichtet: seinen Himmel. Seine Ewigkeit voll Kurzweil: meilenlange Perspektiven, aufspringende Tore, Lichtstiegen, Wolkenleitern zwischen den Seligkeitsrängen, auf denen kräftige Chöre wallen; Bögen Marmors, in denen sich die Jubelgruppen auszählen lassen: Dreifaltigkeit – neun Engelarten – vierzehn Nothelfer – elftausend Jungfrauen – die Hundertvierundvierzigtausend der Offenbarung Johannis, so dem Lamme singen …

Das ist weg. Aber daß ihm das gestohlen oder verweigert ist in seiner kotigen Sterbstunde, das könnte er verkraften, meint der Gropp, käme der Dieb in der Nacht der Seele, durch die heilige Wüste, die man kennt oder kennen müßte von der heiligen Teresa und vom Johannes vom Kreuz. Das wäre, bei aller Angst und Marter, eine glückselige Einsamkeit, eine beata solitudo, standesgemäß, ja gnadenhaft für einen Einsiedel. Aber das ist es ja nicht, was ihm sein Fieber vorführt mit immer weniger Vergessen dazwischen, das ist es eben überhaupt nicht. Was ihm vielmehr aufgepackt wird, ist ein Zuviel: quellendes Drängen, Ringe und Sphären, die in geilen chymischen Farben brummen, der guten Natur nicht erreichbar; eine Neue Welt in ahnungsloser Verdammnis; eine Neue Stadt, die treibt türkisene Veranden und rosa Söller hervor, auf denen lebt sichs fürstenmäßig, und so leben die da auch, tausend oder Millionen: Frauen mit bloßen Wadeln, Knien, Bäuchen – und Männer in weißem Zeug, mit hohen kalten Gläsern in der Hand und in kalten Gesprächen, zum Fürchten in vollendeter gottloser Abwendung – aber eben keine Ewigkeit. Keine Ewigkeit, vielmehr allerflüchtigster Durchgang. Denn der Gropp sieht die Sphären wachsen, sie rollen aus der Nacht zwischen den Sternbildern herbei und rempeln sich, er kann die Leute auf den Söllern und Balkonen nicht aufscheuchen, sieht sie dennoch ganz nah, sieht wie einer sein Glas hebt, ein hohes rundes, mit der dreiflammigen Lilie eingeätzt, der Rand ist rauh von geeistem Zucker und ein Spreißl Minz hängt in den bernsteinfarbenen Trank hinein, ganz nah sieht er den Kalten grinsen und trinken, aber warnen kann er nicht. Die feuerroten feuergrünen Sphären sind schon da, und wer löst ihn aus, den erst brummenden, dann grollenden, dann brüllenden Gesang der Vernichtung, wenn nicht er, Gropp, natürlich das verdiente Ende, das pflichtprophetisch vorhergesagte seit dem Hirten von Prag, aber doch das beweinungswürdige Ende der Welt, da gibt es nichts zu windbeuteln, und er siehts wieder und wieder. Die Welt ist viel gläserner, schrundiger, zersprungener als da je einer gemerkt hat, je einer von Adams Kindern bis herauf zum regierenden Kaiser in Wien – denn wie gäb es die sonst, diese kalten Leute und ihr kaltes Reden und Trinken? Das steckt also drin im Weltlauf, bläht sich aus ihm heraus, und es bedarf des hitzigen Fiebers von Gropp, um das aus seinem Zukunftsloch zu kitzeln. So geht die Welt unter; während der Weiße aus dem Minz- und Zuckerglas trinkt, zerstiebt sie grün und hellgelb und himbeerfarben.

Wenn er aufgibt? Das wär ja wohl das, was ein Leben als gottgefälliger Einsiedel ihm beigebracht haben könnte: Fahren lassen. Hingeben, sich und alles andere. Aufgeben. Und dann wär der Schrecken vorbei. Dann wär nichts mehr als die friedsame kalte Wüste. Beata solitudo in desertis. Aber da wäre sein Heil betroffen, das spürt er. Sein Seelenheil, spürt der Gropp, ist angeschirrt an die Unheiligkeit dieser kalten, feurigen Bewegungen; und es ist immer auch er selber, der, unwissend wie und warum, den Stups gibt, der die Ringe krachen und die Sphären stäuben und die Söller bersten läßt, da gilt keine Ausrede. »Nur ein Weniges unter die Engel gestellt«: das gilt für dich, pfeilgrad, du klappriger Gropp im Kot.

Das wär ja dann, wahrhaftig, ein Eigenes, ganz und gar Gropp-zu-eigenes, mitten in der Enteignung. Dann wär das wilde ratzenhafte Sichwehren ein Warten, ein notwendiges, auf Weisung. Gegentat wär geboten, aber die kann er nicht selber finden, wie denn? Er, der Lumpige, keinen Finger breit entfernt vom Wurmfraß, fast schon augenscheinliches Exempel der halb-skelettierten Memento-Mori-Manndeln auf den Andachtszetteln, aber man will was von ihm, das ist offenbar. Wer da will? Mittendrin weiß ers.

Was ihn anschaut (zuerst nur blitz-augenblicklich hinter den Kataklysmen heraus, dann steter, schon auf eigener Wolke, in eigenem Glanz), ist die Himmelskaiserin. Auch auf sie sollte er vorbereitet sein, Jesusmariandjosef, durch etliche tausend Rosenkränze und das kleine marianische Brevier. Aber was sind schon tausend biglietti d’amore vor dem ersten Blick von Angesicht zu Angesicht? Zuerst nicht mehr als ein dreieckiges Prunkkleid, dann nicht mehr als zwei ebene Augen und ein ebener Mund unter der goldenen Kugelkrone, dann eine kleinere Kugel für das Söhnchen, dann dichter farbig im Hauch ihres Drängens: ihre Backenknochen, die heiß sind, ihr rötliches Haar federnd unter dem edelsteinernen Kronenrand. Eja, eja ergo advocata, Fürsprecherin, umschäumt von den totschlagenden Sternen des Gerichts? Gar nicht so heilig, das Gesicht, er kennts so gradhin, es könnte aus Rattenberg sein, aus Kastelruth, aber auch aus dem Chiemgau, ein hiesiges Gesicht, nicht exquisit, aber schon gar nicht das Gesicht der sanften Magd, vielmehr von einer, die selber anschafft und Weisung gibt. Siegreiche Weisung? Weisung unserer Lieben Frau vom Sieg? Vom Weißen Berg? Von Lepanto? Madonna della Vittoria? So auch nicht. Denn sie läßt nicht wissen, ob sie siegt, ganz und gar nicht, das verweist sie an ihn, IHN, den Menschen-schon-halb-Unmenschen, den Un-Mächtigen inmitten von Gestank und Grauen, von foetor et horror. Er versteht nur Trümmer der Weisung zwischen kosmischen Krachen und eisigem Lachen –

TUN HAUS ›TEN SEN‹ ›TUN‹ T’NHAUS –

Mehr nicht. Die paar Silben, in die Welt-Fährnis gesprochen: mit denen muß er sich aufmachen. Muß sich aufmachen bar jeder himmlischen und schon gar jeder irdischen Pracht, bar auch jeder Aussicht auf glückselige Einsamkeit; muß frostschnatternd, dreckstarrend, auf durchbohrtem Gebein die Schlammrinnen und Steinrunsen zwischen den Weidzäunen hinuntertorkeln, muß an Bauerntüren und Wirtstüren und Pfarrhaustüren schlagen, muß in den geschundenen Stumpfsinn, die abweisende Salbung, die weinige Lustbarkeit, den Hochmut, den Hohn, den Ekel hineinfragen: TUN TE TEN HAU SEN –?

Bis einer »Tuntenhausen« nickt und sich erinnert, daß das im Chiemgau ist, ein Wallfahrtsplatz im jetzt Churbairischen: »Hast dich hinverlobt, Gropp?« Und er nickt zurück, versteht sich, wird von jetzt an das erzählen und nichts anderes, nichts als hundsordinäre vereinzelte Todesangst und Lebensgier und wundersame Erhörung, Heilung von fiebriger Bresthaftigkeit, ein Votivtaferl wie jedes andere:

Dem Andreas Gropp, Einsiedel in Mühlen bei Innsbruck, erschien im Geiste ein Marienbild nebst Kirche und Hochaltar und der ihm GANZFREMDEName TUNTENHAUSEN; wohin er sich verlobte und gesund wurde 1641 –

Er könnte es ja doch keinem verdolmetschen, wozu er sich sonst einen Sack als Mantel und Zudeck, kalten Sterz und eine Schwarte Geselchtes als Wegzehrung erbetteln müßt, für die Reise in den Chiemgau –

Aber kommt er hin? Steht er überhaupt auf? Kommt er wirklich heraus aus seinem Rattenloch? Hat seine grausliche Medizin gegriffen? Und fragt er sich richtig durch? Kann die Kaiserin dem Gropp, kann der Gropp der Kaiserin helfen, die Welt in Schutz und Schirm zu scheuchen? In Schutz und Schirm vor dem Angriff der Sphären?

Wenn man jetzt JA sagt (oder auch NEIN); wenn man jetzt den Gropp sterben läßt oder aufstehen; wenn er jetzt den Handgriff finden darf zur Rettung des künftigen Weltalters oder nicht – die Geschichte wäre erzählt.

Aber sie ist es nicht. Sie hebt jetzt an, mit wunderlichen Pfaden durch die Jahrhunderte, mit hundert heiligen und unheiligen Händeln, mit Hangen und Bangen, mit Staats-Action, Comoedia und Saurennen. Es ist nicht nur der Gropp, nicht nur das Jahr des Heils-Unheils, was aufbricht … Lassen wir uns die Zeit.

Trösterin der Betrübten

Aus den Tuntenhausener Mirakelbüchern I

Wie hilft die Gottesmutter? – Einteilung von 1646

Vertreibt Leibsschäden / Gichtbrüch / Hinfallen / und andere gefährliche Geschwülsten (37 Wunder)Tröstet die Verzweyfelten / Angefochtne / Zerritten / Kleinmütigen / vom bösen Feind beseßne / vnd Ungerische Kranckheit (49)Löschet die Brünsten / behüt vor Fewersnoth / Hagel / Blitzen / Tonnerstraich (39)Errettet vor allerley Wassersnoth / Schiffbrüch / vnd Ertrincken (71)Erleucht die Blinden / gibt den Tauben das Gehör / hilfft allerley zustehendem Wehe an Augen und Ohren (28)Macht redent die Stummen / erlößt die Erstickende vnd in der Fraiß tobende (47)Stärckt Krumme und Lahme an Armb / Händ und Füssen mangelhaffte Leut (55)Erfrewet die mit grosser gefahr gebärende Mütter und Leibsfrüchten (44)Haylet gewaltige Schäden / Wunden / Geschwär / Apostemata etc. vnd Blattern (4o)Erhalt die gefährlich fallende und tödtlich gefallne oder getruckte (4o)Erquickt in Todtsgefährlichen Leibsschwachheiten / Unhails Kranckheiten / Pesten / Wehetagen / etc. (97)Behütet von vnderschidlichen Lebensgefährlichen zuständen vnd gewalt thaten (43 Wunder).

Erstes Verlöbnis (1441): Das arme Weib von Pröttschlaipfen – wann sie wölle gesund werden / solle sie drey Samstäg nach einander nach Tundenhausen gehn, all dort soviel Garn opffern / daraus ein Altartuch möchte gewürckt werden. Weil aber das arme Weib solches ins Werck zu setzen verschoben / ist dieselbe das andermal ernstlicher im Schlaf etmahnet / auch von ihrem aignen Mann / deme sie es erzelt dahin gehalten worden: sie hat kaum das letste mal diß Gottshauß besucht / und das Opffer verricht / ist die Geschwulst und aller Schmertzen vergangen

Eines der letzten Verlöbnisse

Während des Zweiten Weltkrieges verlobt sich der bekannte Münchener Chirurg Professor M. zur Muttergottes von Tuntenhausen, um seine Klinik am Bavariaring vor der Zerstörung durch Fliegerbomben zu bewahren. (Vorsichtshalber zieht er auch noch eine andere Muttergottes zu, die von der Gnadenkapelle in der Herzogspitalstraße.) Während ringsum die Häuser im Bombenhagel abbrennen, bleibt die Klinik unversehrt. Der dankbare Chirurg läßt die beiden hilfreichen Madonnen zunächst auf einem Votivbild verewigen; heute sind sie auch auf die Außenmauer gemalt

Ein prominentes Verlöbnis: Herzog Wilhelm Anno 1575 (erzählt von Petrus Canisius)

Mit was für einem Pomp, mit was für Pracht hat Wilhelmus seine heilig-vorgenommene Kirchfahrt nacher Tuntenhausen verrichtet? Dieser tapffere Held hat sich auff den Weeg gemacht, angethan mit einem schlechten Kleid, auf daß Er unterweegs nicht erkannt wurde, sein Pferd hat er dem Priester, so ihn begleitet, überlassen, und einen so weiten Weg zu Fuß hinter sich gelegt / mit keinem andern Wöhr und Waffen versehen, als mit einen schlechten Steckerlein, welchen Ihm seine grosse Demuth in die Hand gegeben. Disem großmüthigen Beyspiel und Exempel ist gefolget Renata, welche Anno 1575 ingleichen Ihre Wallfahrt nacher Tuntenhausen zu Fuß angelegt.

Die Comoedianten kommen

Der Pater Umgang, die Bräukasparleni und die Wasserburger Sündflut

Eis schmilzt, Wasser träuft und friert zu gleißenden Dolchen. Schnee patscht auf Primeln. Die Kalte Sophie beißt in die frühe Frucht. Zu Johann Baptist knallen und furzen brinnrot die Buchenscheiter in den Öfen der Stadt. Aus den geschreckten gotischen Kirchen-Augen der Gegenreformation schießen finstere Dacheln in den grauen Sommer: ein bayerisches Jahr. Der Inn bleibt kalt und treu, bleibt tätig für gemeines Wohl, fräst seine Schleife tiefer in Kies- und Nagelsteinhänge, karrt weg, was rutscht, schafft einen Schuh, einen Klafter mehr Platz auf der Halbinselbank: für Leiterwagen, Fieranten, für Poussagen nach der Mai-Andacht, für (schließlich) VW-Passat und Suzuki. Das Dröhnen der Glocken im Äther (reboans per aethera clangor) treibt die Pfosten ein für das Ausmessen der Zeit, was würdig und recht ist: von Angelus zu Angelus, von der Auferstehung zur Leich (fünf von sieben, die sterben, sind Kinder – zunächst). Die Bürger trinken Bier, Wachauer Wein, Rosolli-Likör, schimpfen mit den Bauern herum, die an Markttagen ihr Vieh an Dachrinnen und Fensterkreuze binden. Die jungen Herrn liegen rot und schnaufend auf ergebenem Gesinde, und ’s Mariele vom Bräukaspar zog sich die Sperrfraisen zu Anno 1782.

Dergleichen fiel vor in gekannter Ordnung – doch grad zu ihr gehören Lamento und Wirbel, treppauf treppab eine Woche lang. Röhren in der Nacht, heiße Malzumschläge und Skapuliere vom Carmel, kaltes Heubad im Zuber, geübte Klagen, geübtes Kopfschütteln, guter Rat, falscher Rat, im Hausgang gewispert. Sogar der Medicus kam, man hatte es, ließ sich nicht anschauen. Obendrein verlobte man sich zur allbarmherzigen Jungfrau nach Tuntenhausen und nach Tattenhausen zum Heiligen Kreuz. Aber was halfs, zunächst und im Irdischen schon einmal nichts, und so bimmelts vom Dachreiter der Gottsackerkapelle, der Frühmesser, vom Reißmathias schandmäßig verzogen, hatscht hinterm Tragkreuz im Wellengang des LI. Psalms, das Särglein enthält ein stilles blaues Mariele nebst seiner liebsten Docken. Der Bräukaspar und sein Gemahl weinen Zähren nach der Sitte, der Max und der Quirin sind an den Sudpfannen geblieben, denn Portiunkula mit seinem sakramentisch hohen Bierbedarf kam näher, Leich hin oder her. Kinder werfen Würzkräuter und Nägerln in schiefrig splitternde Pfützen; und Lenis Antlitz, auf das alle warten, kommt gewandelt wie sichs gehört, sanft-traurig, wozu sie sich nicht zwingen muß, so vornehm ist sie – aus der Bräukaspar-Art möcht man sagen: die Nase der Hofdame, das kleine Damenkinn, die schläfrigen Augen voll Melancolia, deren Achsen von der Nasenwurzel nach außen abfallen; die Mundwinkel lächeln immer ganz für sich und ganz fein, und wer will schon wissen, ob hinter den demütigen Augen was verrechnet wird, hinter dem Verlust des Schwesterleins her, Mitgift etwa, die ein paar Gulden und Mobilien feister werden, die den jungen Herrn Ferdinand, Adjutor bei der Hofmark, bewegen würde oder könnte, demnächst mit einem etwas hitzigeren Levkojen-Gebinde zur Visit zu kommen. Das oder so was Ähnliches blieb eh abzuwarten in christlicher Geduld. O du FIAT, du süßer Violenton in Lenis samtenem, sammelnden Mieder. Oder so überhaupt nicht? Ganz anders vielleicht?

Denn während sie stattfindet, die geübte Weitergabe des Bräukaspar-Mariele ans Reich der Engel (pulvis in pulverem, Asche zu Asche, sakrales Wedeln des Weihbrunn-Pemsels), kommt die Große Nachricht auf unsichtbaren, von Himmelsrand zu Himmelsrand gespannten Schwingen über Wasserburg, und sie stiert mehr auf wie eine Kindsleich, viel mehr – mehr noch oder fast so viel wie die apokalyptische Kavallerie, die, wer weiß, dazugehört. Die Große Nachricht überkommt freilich nicht die Leni oder sonst Leute aus der Trauergemeinde; den Ersten, wenn nicht Besten, den sie erwischt (Criteria himmlischer Erwählung sind ja sterblicher Nachrechnerei verschlossen), ist der Pater Peregrinus de Colle Sacro Hambucher O.M.Cap., vulgo bekannt als Pater Umgang. Sie erwischt ihn in seiner Heimat; das heißt, nicht in seiner grindigen Zelle an der Schloßbergsteige, wo altes Stroh und altes Bier vor sich hin graweln, sondern in der Weiten draußen, im grünen Bauernland zwischen Attl und Alz, bis auf das letzte Sachl erwandert. Um auf den Lidschlag akkurat zu sein: sie erwischt ihn auf dem Sitzbrett eines Leiterwagens, als Aufhocker des marktwärts strebenden Pankraz Greißer von Irlham.

Wie immer hat der Pater zwei Säcke umhängen: den Collektur-Sack und den Weihtümer- bzw. Heiltümer-Sack, die Seelenrettungsreise ist diesmal bis Gars über Ober- und Unterreith gegangen, und den Graz Greißer hat er auf dem Rückweg angetroffen, im Holz zwischen Kematen und Babensham. Vielmehr: er ist von hinten quasi auf ihn aufgerannt, denn Ochsen weilen fast schon in der Ewigkeit, irdischem Gehetz entrückt, und schreiten wesentlich langsamer aus als ein seelsorgerisch umtreibender Kapuziner im Tränental. Der Greißer Graz hat ihn aufsitzen lassen (gut für ein paar Täg Antlaß, denkt er), ist wieder eingeduselt hinter seinen ewigkeitsnahen Viechern, die den Weg kennen, der Wagen hat Babensham passiert, Riepertsham, den Penzinger See in seiner unbesehenen Lieblichkeit (neben dem Bauern befaßte sich der Pater mit seinen schmerzenden Zehen, die er mit Hundsfett einrieb, und rechnete nach, was er diesmal an Hexenrauch, Wehdam-Salben, Frais- und Lukaszetteln, Skapulieren etc. abgesetzt), und sie haben die Hochleiten über der Innschleife erreicht, von wo sich die schimmernde Vista der Halbinselstadt anbietet, mit ihren Dächern, Türmen, der Burg auf der Höhe des westlichen Tors. Dort trifft ihn die Botschaft in der Weise des Blitzschlags.

Nach Menschen-Urteil ist der P. Peregrinus, wie schon angedeutet, kein ziemliches Gefäß für dergleichen. Nehmt allein seine Leiblichkeit: seine wässrigen Augen, seine Schaufelhände, seine gefräßige Magerkeit, die zitternde Unterlefze. Dergleichen mag alles passen auf eine bretterne Kanzel in einer geweißelten Bauernkirche, von welcher er die Mahnungen der Volkspastoral hinunterorgeln läßt: »Auweh aus ists mit euch! Aus ists mit euch! O du Pechpfann aller Pechpfannen! O du Feuermeer aller Feuermeeren! O du Abgrund aller Abgründen! O ihr Donner aller Donner! O ihr Fünsternus aller Fünsternussen« etc. etc. adlibitum, wenn notwendig repetatur. Gewiß, das macht sie schon frieren und zittern, die Schäflein (vor allem wenns draußen friert oder Spitzbuben schüttet), aber das sind doch alte Rezepturen, aus dem Jahrhundert-Surfaß der Ordenstradition geholt. Wie vergleicht sich das mit dem, was ihn jetzt überkommt: dem gleißenden Bild des Weltuntergangs, des Großen Schreckenstags, auf Wasserburg angewandt, das grün und weißfeurig in seine senk- und waagrechten und schrägen Kanten auflodert und dann kleiner und immer kleiner weggesogen wird in ein schwarzes Loch zwischen den Sternen … Da nutzt sie nix mehr, die alte Feuerschlucker-Gewandtheit des Kuttenmannes, da packt ihn ganz andere Angst, durchaus vergleichbar, je ebenbürtig der des Propheten Jonas, und er spürt sich gleich ihm gedrängt, stiften zu gehen, und weiß gleich ihm, daß er damit nicht weit und wiederum höchstens bis Ninive kommen möchte, also pfeilgrad dahin, wohin er nach dem Ratschluß ohnehin muß … Jedenfalls: er schwingt sich vom Ochsengefährt ohne »Pax tecum« oder »Gelobt sei Jesus Christus«, den gach aufschreckenden Ökonomen verstörend, der nur noch sieht, wie der Kapuziner zum Abbruch der Leiten schießt, zwischen einem schwarzgrünen Hollerbusch und einer Bretterzaun-Ruine in den Kies hinunterspringt und – weg ist: Strick zuerst, Kapuze danach, schließlich noch das rötliche, mausbenagte Haar des geistlichen Hauptes.

(Für sich selber wußte der P. Umgang: der Sprung war zunächst und nichts mehr als Ratlosigkeit; denn so oder so galts nun die Große Nachricht zu verkünden, die simultan als Forderung in das Untergangsbild eingelassen war: die Nachricht von der Universalen Wallfahrt, die allenthalben und aus allen Zeiten, aber möglichst sogleich aufzubrechen habe, wenn anders die krachenden Säume der Welt noch halten und die sieben Siegel des Gerichts nicht vollends aufgesprengt werden sollten. Genau dies, nicht weniger, galt es zu verkünden und, vor allem, durchzusetzen! Wen wunderts, daß der Pater wie ein roßkastanienbrauner Blitz zwischen kollernden Nagelsteintrümmern und Unkrautbüscheln den Steilhang hinabsauste, offenmäulig von zwei fischenden Buben beobachtet?)

Der Greißer ist schon halbwegs auf Sankt Achaz zugerüttelt, der Pater hat den Weg zur Innbrücke fast hinter sich gebracht, als in ihm das überirdisch Geforderte mit den Mitteln seines Geistes und Gemütes zusammentrifft, sich deutlicher macht, und zwar in aller geziemenden Demut. Demut ist am Platze, das weiß der Pater selber, und das ehrt ihn. Nicht nur seine Physis gibt ihm Grund, da ist vor allem seine Innenausstattung: ingeniös, doch borniert. Es stehen in seinem Seelensaal lauter kleine Maschinen herum: Apparate mit Blatt- und Spiralfedern, mit Sperrhaken und zappelnden Unruhen, die er in allen möglichen Anordnungen pumpen und schwirren lassen kann, und das höchst wirksam. Da sind, wie schon gesagt, die Mechanismen seiner Predigten; darüberhinaus, und viel gewichtiger, die vertrackten Prozessions-Choreographien, denen er seinen Volksnamen verdankt, und auf die er, mit Verlaub, stolz sein kann … mit ihren Zahnrädern und Zahnkegeln von Belehrung und Lustbarkeit, von Sakramentalem, von Moral-Anmutungen, Standes-Spezifika und Sinnsprüchen; angetrieben von Ehrgeiz, Tatkraft, Spektakellust, auch Reue-Bedürfnis von Gilden, Bruderschaften, Zünften, Ständen, Lebensaltern. Da ist etwa auch das »Ewige Uhrwerk«, für das er erschöpft und erschöpfend unterwegs ist – ein silbriges Netz von Seelen zwischen Ramersdorf und den Sechs Ämtern, in dem sich jede Stunde eine Seele anschickt, das Weberschiffl des Gebets für die Armen im Fegfeuer und für eine Glückselige Sterbstunde aus einer anderen Seelenhand zu übernehmen. (Das Netz, das Ewige Uhrwerk, hat er grad dieser Tage fertiggebastelt.) Und da sind seine geistlichen Dramen, allen voran die SÜNDFLUT, landauf landab rühmlich beschrien. Da sind, innerhalb dieser Hervorbringungen und unentbehrlich für sie, die Maschinen im strikteren Sinne: die Drachen, die Hinrichtungen, die Feuersbrünste, Überschwemmungen, Goliaths und Behemoths, bengalische Mahn- und Warnzeichen wie Kometen und flammende Menetekelschriften an wackligen Kulissenwänden, Exhibitionen an Stricken und Rollen. Und alles sinnreich, einsichtig und geschwind gestochen in des Paters inwendiger Werkstatt.

Da die Gnade auf die Natur gründet (und das ist wohl gläubig anzunehmen, wenn der Doctor Angelicus es verkündet), dann ist, so erkühnt sich der Pater zu denken, grad aus diesen seinen Borniertheiten ein himmlischer Deuter herauszulesen. Dann steckt darin schon ein Zipfel, ein Saum des Grundes für seine willkürliche Berufung, für seinen ganz winzigen, aber vielleicht ganz handfesten Anteil am universalen Auftrag, und so weiß er oder glaubt er zu wissen, was jetzt zu geschehen hat. Leicht wirds nicht werden, aber welch trompetenderen, welch zerknirschenderen … Sag dir nix vor, Peregrinus, vermahnt er sich.

Vor dem offenen Maul des Brückentors sitzt die Bettlerin, die Narrische Mali, krumm-kriechet, zahnstumpfet, in die Pracht ihrer Lumpen-Wut gehüllt. Sie gewahrt ihn, den Heranstürmenden, nur als die schändlich-gefährliche, da geistliche Konkurrenz, verflucht ihn heulend und röhrend. Er rennt vorbei an ihr, hört sie gar nicht, vermahnt sich selbst ums andere Mal: sag dir itzt nix vor, Peregrine, alles gilts aufzuheben für die große Beredung, die’s nun zu leisten gilt, die Ingens Suasio.

Himmlische Schickung oder auch nicht – es wird ihm, dem Pater, das Allererste, die Auffindung der richtigen Ohren und Gemüter, schon leicht gemacht, indem nämlich die kleine Trauergemeinde, vermutlich dem sittigenden Einfluß der Leni folgend, zur Gedenkjausen nicht in den eigenen oder einen anderen Bräu, sondern in die neumodische Chocoladen- und Café-Anstalt des zugereisten Gennaro Torini, unter den Arkaden gleich rechts von der Torgasse, eingekehrt ist.

Also gewahrten sie einander durch das offene Fenster: das Trauergefolge (mit der Ausnahme des Vaters Bräukaspar, der pflichtschuldig zum Max und zum Quirin an die Sudpfannen zurückgeeilt war) draußt im Bogengang den Pater, eine härene Fledermaus, Collektur- und Weihtümer-Sack, je halbleer und halbvoll, zusammengebunden über die linke Schulter geworfen, mit den weiten braunen Ärmeln flatternd, gerahmt vom niedrigen Arkaden-Schwung; der Pater aber im Innern, im kirschholzpolierten Dunkel, ein ungewisses Halbdutzend, umduftet von tropischen Tränklein – und er dankte dem himmlischen Spielleiter, daß auf den ersten Blick zwei seiner SÜNDFLUT-Darsteller unter dem Halbdutzend auszumachen waren, nämlich die Leni selber, seiner unvergleichliche Göttin Cybele resp. das Element Erde, sowie sein Gottvater, der Hafner. Die Bräuin war auch da, gewahrte er, ihr Geschau hieß ihn keineswegs gänzlich willkommen, aber das half ihr nichts, jetzt galt es schon, und er schoß in die sanftrote, sanftbraune, spiegelnde Café-Dämmerung hinein.

Der Anfang schiebt sich von selber zusammen: natürlich macht er zuallererst der Trauer seine Reverenz, geübt geistlich: ’s Mariele habe ja nun den Pilgerweg ausgeschritten; was allenfalls an winzigkleinen Unebenheiten zu bemerken wäre an so einem Kindlein, sei doch mehr als abgegolten durch die Leiden der letzten Tage, so daß es wohl bereits mit Schwanenflügerln über seraphische Fluren pfludere, gradenwegs in die Arme der Himmelskönigin –

die tut sie ausbreiten,

teilt aus Seligkeiten:

eia, wär’n wir alle schon da!

Aber dann, ehe die Gesichter der Betroffenen in allzu gut gelernte Betrübnis wegtauchen, reibt er sich herüber, nimmt aus der Beleidstrompete, die er wehmütig-sanft geblasen hat, die Sordindln heraus und steigert sich ins Mezzaforte: »Vielleicht grad zur rechten Zeit ists hinübergewitscht, ’s Mariele, grad zur rechten Zeit, vor das himmlische Mauttor zufallt, vor die Riegel vordonnern! Denn, meine Lieben …«

Seine Augen haben sich jetzt an das Interieur gewöhnt, und er kann das halbe Dutzend abzählen, das hier versammelt ist: vorn am runden Tischl die Bräuin, sacktuchbeschäftigt mit ehrlich rotgeheulten und doch berechnenden Äuglein, den Hafner, der seine mystisch-milde Majestäts-Nase in den Coffeedampf hängt, die Leni, mit weißen Fingern Zuckerbrezl krümelnd, ihre resche Freundin, die Hafnerkathi, welche die Gödin der Mariele gewesen; hinten an der Wand, neben der Tür in die Kuchl, dort, wo eine rotgläserne Lampe unter dem Bildnis der Büßerin Magdalena brennt, lehnt der Torini selber, in wohlgestickter neapolitanischer Weste, mit gewachstem Schnurrbart, – und dann sitzt da noch einer mit dreispitzigem Hut und holländischer Tonpfeife, in blaue Tobackswolken geschleiert … »Jawohl, meine Lieben, ich tret jetzt in die Botschaft ein, wie sie mich angesprungen hat bei Sankt Achaz oben, sicut leo rugiens, wie der brüllende Leu der Schrift …«

Und dann bleibt ihm der Mund offen stehen, schweigend, die Unterlefze zittert noch ein bisserl, dann klappt sie nach oben, und sein Blick geht langsam, verzweifelnd, von einem und einer zum andern und der anderen.

Was ihn zweifeln, verstummen ließ? Daß er die Antlitze kannte. Alle kannte, wie sie vor ihm auf- und durcheinanderwuchsen, Rosen und Liebstöckl, Nießwurz und Brennessel, Gesichter wie unter allen seinen Kanzeln, wie in allen seinen Bußpredigten, wenn er die Chorda schnurren, die Donner krachen, die Pechpfannen brutzeln ließ; langweilige Gesichter, mißtrauisch-kalkulierende (wie das der Bräuin, die schon aufzurechnen begann, obs wohl diesmal mit sechs Hellern für den Collektursack getan wär, oder obs auf einen zusätzlichen Jahrtag bei den Kapuzinern hinausliefe), jugendlich-runde, weit weg in den Sommergefilden irdischer Freuden (wie die elfenbeinerne Leni und die runde grad-ane Kathi), bierig-verschlafene wie der Hafner – unendlich behaglich alle miteinander, in kommoder Vertrautheit mit des Predigers possierlicher Schreckensbühne: Sünderle, seids alle daaa?

»Hats Öng die Sprach verschlagen, Hochwirn Peregrinus?«, fragt es hinter den Tobackschleiern heraus: S. V. Saudreck, das ist der Medicus! Der Spottgeist in seinem freymäurerischen Dunst! Der noch obendrein! Doch was verschlagts schon? Der Pater spürt die Wahrheit immer größer in sich, die Botschaft immer unabweisbarer, aber er schaut an seinen Maschinen entlang, an seinen wippenden und surrenden Werkeln, und da ist keine ingens suasio, keine Ungeheure Überredung dabei, wie er sie nun bräuchte, denn er und die anderen Söhne der predigenden Orden, sie haben seit Jahrhunderten so gesungen und georgelt, auweh, aus ists mit euch, aus ists, etcetera totaliter repetatur zumindest seit dem späten Mittelalter, gesagt und gedröhnt vom Ewigen Feuer und vom End aller Dinge, und jetzt, wo’s drauf ankäm, wirklich, wahrhaftig, unweigerlich – der Peregrinus gewahrt sein Elend gestochen scharf im rötlichen Düster der Torini-Anstalt, erschaut sich selber im ampelzuckenden Tränen-Antlitz der großen Büßerin, spürt seine Knie nachgeben, spürt sie ohne sonderlichen Schmerz auf die dunkelroten Fliesen klapsen, er gibt sein irdenes Gesicht in die Handflächen, ein vereinsamter geistlicher Pönitent vor einem Gremium von verstockten Laien, höchst irregulär, wie Zeit und Ewigkeit nun werden dürften, und murmelt klein und erstickt: »Helfts. So helfts doch, so ihr Menschen seids.«

Wars ein Mirakel, was nun geschah? Wars denn wundersam, daß die gesetzten Gesichter zerschmolzen, zersplitterten, aufsprangen, daß sogar der Torini nach vorn hüpfte: chémiseria, frate – und der Medicus, der Freymäurer-Doctor? daß die Kathi brinneifrig ihr Coffeehaferl umstieß, um zuhilf zu kommen? daß selbst die Leni errötend-erbleichend von wetterwendigen Gefühlen hin- und hergewachelt wurde? Am wundersamsten deuchte das alles der Bräuin, wundersam und unverstehbar: nämlich den allzeit betriebigen, allzeit säckelnden und geistlichen Plunder anbietenden, den flattrigen, gewittrigen Volks-Umpflüger Peregrinus auf einen Schlag so täuberlweiß, so stad, so rat- und hilfebedürftig sitzen zu sehen. Denn man hat ihn auf einen Stuhl gesetzt, und man ruft den Torini, der eilfertig zusagt, subito subito, nach Chocolade, als medizinische Labung oder Tonicum jetzt sehr angemessen auch für den Bettelmönch, dem ansonsten die Regel dergleichen verwehrt, und der Medicus fühlt ihm, was immer’s nutzen mag, den Puls: »Excitatio febrilis palpitationibus cordialibus affecta« brummt er, eine lateinische Diagnose setzt immer schon den wichtigsten Heiler in Trab, nämlich den Doctor im Patienten selber. Sie stimmt natürlich hint und vorn nicht, von Fiebrigem kann keine Rede sein, eher schon von einer tiefen Verkältung, von einem Geborenwerden ins Kalte, einem Ausgespiebenwerden in fiebrigwintrige Neumondnacht – »Jonas«, wispelt der Pater. »Jonas im Walfisch, aus dem Walfisch.« Und denkt nicht an seinen trefflichen Pappdeckelwal in der Karfreitags-Prozession, sondern meint, daß er mit ihnen allen, all den Schäflein zwischen Attl und Alz, im wohlhäbigen Sünderheim, im wärmenden Bauch des Leviathan gesessen, wie lang schon, nichts argwöhnend von der Reise des Herbergs-Ungeheuers durch die gischtenden Meere der Heilsgeschichte, an den nackten Ödstrand äußerster Weltgefahr … »Mittendrin«, sagt der Hafner hintersinnig und schüttelt sein Gottvaterhaupt, »mittendrin.« Und: »Excitatio enormis«,sagt der Medicus, »tamquam febrilitate evanescente.« Der Pater Umgang schlürft zitternd am porzellanenen Chocoladen-Tasserl, trenzt dabei ein wenig zu den Proben von Sterz, Eigelb und Biersuppe hinzu, die sich schon auf seiner Kutte finden. Er ist jetzt der Gefragte, der Bestürmte, er muß berichten und tuts glaubhaft, denn er braucht keine riesige Überredung mehr, er könnt sie garnicht mehr, er ist sie selber, in seiner todarm-franziskanischen Selbstoffenbarung: »Wasserburg«, stammelt er. »Mit feurigen Ecken und Kanten. – Das Verschwinden, wißts. – Durchsichtigwerden. Durchscheinen. – Kein Donner, wahrhaftig, nix, aber – wie die Hand von – die Hand selber, aus den Sternen herunter. – Nein, einfach gewißt. – Gewißt, und auch das von der Wallfahrt, von der Universalen. – Der ist verlangt: – der Aufbruch. – Der große, ja.«

So redet die Wahrheit selber, und wär er sie nicht, wie könnte er das schaffen, mitten im Sommer, in der Zeit des wildesten Werkens allenthalben, nicht nur an den Sudpfannen und in der Wirtschaft, sondern auch an den Öfen, die es in den paar warmen Monaten für den todsicheren nächsten Oktober zu richten gilt, und was sonst an gewerblichen Pflichten ansteht? So aber wissen die Hilfreichen und Bestürzten fast von allein, was nun zu tun ist: den Zug zu rüsten, die Exhibitionen, die Kulissen, die Kortinen samt Schnurwerk zusammenzuholen; die Instrumenter für die ariosen Partien; die Frachtwagen zu requirieren, die Reibnägel, die Deichseln und Querstangen, die Wagenschmier nachzuschauen; die Kostüme aus den hoch- und halbherzigen Spendern herauszubetteln, sie mit Lavendelsäcklein unterzogen in die Truchen zu packen; dann, vielleicht noch auf dem Marsch, die zerfingerten Rollen-Pasquille durchzupauken, die Schluß-Apotheose mit der Musica zu üben.

Denn da gibts von Anfang an keinen Dissens: was kann die verlangte Universal-Wallfahrt schon anders sein als eine große Bußprozession, ein Zug der Zerknirschung und des Eingeständnisses eigner und allgemeiner Sündhaftigkeit, des Flehens um unverdiente Barmherzigkeit? Und was kanns da für eine bessere und zwingendere Überredung geben als ihr, der Wasserburger, Spiel von der SÜNDFLUT, den Frommen aller Zeiten geboten? Eifer bricht los. Leni-Cybele greift sich weißfingrig einen Lukaszettel, legt ihn, leere Seite nach oben, aufs Kirschholz, bestellt beim Torini, subito, Tinten und Feder; auch die Sonne wird eifriger draußt, schickt genug Schreiblicht durch die Arkaden herein, und Leni, die winzige Zungenspitze zwischen den Lippen, sortiert Item nach Item, schon im Respekt auf die mageren Möglichkeiten einer Wanderbühne. Der Pater hat, wars die Chocolade, ists nur der eigene zielsetzlichste Eifer, wieder Kraft und Schritt gefaßt, ja ist schon fast wieder daheim in seinen geistlichen Werkeln, flattert zwischen Tisch, Magdalenen-Lamperl und Tür; der Hafner, geistlich-dramatisch entrückt, brummelt seine Gottvater-Verserl vor sich hin:

O Welt und Adam, Sünd, und Tod

Vor Paradeiß, und itzt voll Noth –

Doch wenn es mußt gebissen seyn –

Häst bissen in was anders nein …

»Bei den Exhibitiones, Hochwirn,« sagte Leni-Cybele, »ist schon mannigfach zu sparn: Item sechs, Item zehen, dann der Cometa aus Öl-Papierl…«

»Nur so voran, meine Tochter!«, tönts aus dem Berufenen. Und da nun alles im Lot und, o gnadenreiches Paradox, gleichzeitig in Bewegung ist, fällt ihm rückerinnerlich eine causa finalis, eine Zweck-Ursach für den frommen theatralischen Pilgerzug ein, die für künftige Zeiten (so es sie, dank ihrer Anstrengung, geben wird) nicht ohne Gewicht ist: »Ein frommer, ein praktischer Zweck! Bei so mächtigem Zusammenfluß von andächtigen Scharen, bei so grundtief aufgestiertem Bußgeist kanns nicht fehlen an den milden Spenden, die wir so brandnotwendig haben. Wie stehts denn bisher, zum Exempel, beim Exodus aus der Archen, he? Wie schaut der aus? Itzt gehn alle Viecher mit den Schweifen voran heraus, natürlich, weils nur auf einer Seiten gemalen seind, und das ist weiter nicht schön. Da könnten sich Guttäter eine Ehr machen, es wird alles viel schöner und natürlicher, wenns zweiseitig – denn schließlich geht in der ganzen Welt kein Ochs wie der Krebs zurück, außer der größte Ochs, der Sünder, der geht alleweil mit dem Hintern vorm vördern, zruck von der Gnad Gottes, bis er hinterärschlings in den Graben der bösen Gewohnheit …« Mitten im Rennen hielt er ein, begriff, daß er wieder drauf und dran war, die alten, gut abgelatschten Sentenzen aus der Gewohnheits-Truhe zu holen – aber der Elan der Beteiligten war schon zu groß für mißtrauisches Kritteln, Kathi und Leni klatschten, und Gottvater nickte beifällig –

Das bleibt der Welt nun immer kund,

Geschloßen sey mein Gnadenbund!

»Pom pidi pom, mit Pauken und Trompeten«, ergänzt der Doctor heiter – und dann kommt die wahrhaftigste Überraschung: er, der messerzüngige Criticus, der schiefrige Hagestolz, der freigeistigste Freymäurer, tut einen bedächtigen Zug an der holländischen Mesner-Pfeife, bläst einen besonders schönen Rauchkegel und meint: »Mit Verlaub der löblichen Compagnie würd ich mich diesem Pilgerzug submissest anschließen. Ich ahne da höchst Lehrreiches voraus.«

Natürlich schauen ihn alle höchst verdattert an, der Pater zuvörderst, sogar auch der Torini, der doch mit dem Vorhaben nichts zu tun hat – und ein paar Schnaufer lang meint man nichts zu hören als den winzigen Schluchzger der Magdalenenlampe ob solch unerhörten Angebots. »Da ist keine Rolle für Öng«, bescheidet schließlich der P. Umgang. »Wüßt nicht, was es für Öng zu tun gäb.« »Das«, antwortet der Medicus unerschüttert, »laßt mich nur besorgen. Meine Hände und mein Kopf tun jeden Dienst, auch den demütigsten, wanns gefällig. Werd auch meinen eigenen Heiter stellen, samt Hafersack, der wohl reichen wird für die paar Meilen nach Tuntenhausen. Wollt Ihrs sicherer? Damit ists doch wohl vorbei, wenn anders Ihr, Pater Peregrine, das höchsteigene Gesicht ernstnehmen wollt.«

Der Pater hat sich wieder gesetzt, er fährt mit dem Kuttenärmel über die nasse Stirn, und es ist Leni, die den Diskurs aufnimmt: »Doch was treibt Öng denn, Euer Ehren? Himmlisches Eingreifen ist, so scheints, nie Enker Sach gewesen, habt immer recht spötterisch …«

Der Medicus hebt fast erschrocken die linke Hand, klopft den Pfeifenkopf mit der Rechten gegen das Tischeck: »So ists ganz und gar nicht, Jungfer … Daß ich eueren Heiligkeiten nicht die alten wohlnotierten Namen zu geben vermag, ist Eines. Aber wisset, daß die hellen Geister schon damit angefangen haben, die Welt durch eine nicht bloß rosenrote Brillen anzuschauen. Denkt, Demoiselle, an das große Erdbeben zu Lissabon. Denkt, wie sich die alte Erde, Eure Erde, Jungfer Cybele, da nur kurz gejuckt hat mit einer Steins- und Wasserfalte am äußeren Eck Europens, wie da ganze Straßenzüge, Holz und Marmor und Ziegel und Glas und Menschen durcheinander, geschüttelt worden sind wie von der Hand eines himmlischen Chymikers in seiner esoterischen Werkstatt. Das hat schon etliche neue bengalische Pulver in etlichen Licht-Knöpfen entzunden, könnts mir glauben – allen voran im hellsten von allen, dem des Herrn Arouet, genannt Voltaire. Und da ich mich, bei aller geziemenden Bescheidenheit, stets um weitere Erhellung meiner eigenen Raison bemühe, ist mir ein Gesicht wie das unseres Reverendus Pater Peregrinus alles andere als gleichgültig. Mögen wir des Menschen und der Menschheit letzte Dinge auch jeweils etwas anders benennen, Hochwürden: so lang drohende Fährnis uns alle betrifft, als Wanderer in irdischen Gefilden, so lang werd ich die Anstrengung …«

Der Pater ist wieder aufgesprungen. Er fuchtelt mit bannendem Ärmel: »Da muß gebetet werden, Euer Ehren, gebetet unter mannigfachen Seufzgern und mit tausendfachen lauretanischen Anrufungen, da muß die makelloseste Rechtgläubigkeit schimmern, wenn anders das hohe seraphische Ziel nicht …«

»Geschlossen sei der Gnadenbund!«, ruft da eine stentorische Baßstimme, die Gottvaters, breit und rechteckig steht er da, der Hafner. »Nix für ungut, Hochwirn Pater Umgang, da wem wir wohl in drohende Fährnis ziehn, wie der Doctor meint, und da wem wir wohl jede Pratzen brauchen, wenn die Karren bis zu den Nabnägeln im Kot stecken, was durchaus aufgesetzt sein kann – jede Pratzen und, wer weiß’s, jede Gemütskraft. Er soll mit, sag ich.

Geschlossen sei der Gnadenbund. Also, pack ma’s an.« Sprichts und schreitet, plötzlich erwacht, ins Licht unter den Arkaden, schwindet unterm Nachblicken der Offenmäuligen den Stadtplatz hinunter, tritt nach links, zwischen Stechelkeller und Frauenkirch, in den Sommerschatten des Durchgangs und ist weg.

Das alles sah und hörte die Bräuin, die Ungläubigste und grad deshalb die Gläubigste. Was da zwei oder drei Leut entschieden, für die ganze SÜNDFLUT-Compagnie, das sollte wohl nach irdischem Ermessen nie auf den Weg kommen, da stand die Wut des Bräukaspar davor und die tausend Alltagstrümmer und Hindernisse, und doch wußte sie, die Bräuin, daß das nicht mehr zum Stehen kommen würde. Sie wußte, daß die Achsen geschmiert, die Kulissen verstaut, die Rollenbücher herausgeholt und abgestaubt werden würden, sie wußte, daß sie das Blauseidene für die Leni würde herausrücken müssen, das so schön im Lampenlicht oder auch im Sonnenlicht spielte, sie wußte, daß die Truppe durch die Burg hinaus und die Leiten nach Reitmehring hinaufrollen würde, unter Fluchen und Gelächter und Peitschenknallen, und daß sie in die Weissagung eintreten würde, in die Landschaft, in der die Jahrhunderte umeinanderkreisen, in die Gefahren der Ewigkeit. Und zum ersten Mal (noch lang nicht zum letzten Mal) rief sie das reine Seelchen der Mariele an um Kraft und Beistand.

Die Rüstung des Kreuzfahrers

Erinnerungen an Graf Innozenz Maria I

Aus: »DES KÖNIGS ZEICHEN ZIEHN VORAN – 27 Jahre christlicher Politik« von H. H. Domkapitular Placidus Meisinger (1882)

Innozenz Maria Graf von B.-Titlmoos war von mehr als mittlerer Größe, breit in den Schultern, mit wohlgebildeten Gliedmaßen. Im persönlichen Umgang mit Menschen aller Stände zurückhaltend, fast scheu (es sei denn, daß er einfache Menschen noch zartfühlender behandelte), zog er doch alle Gutgesinnten unwiderstehlich in seinen Bann; fast niemand vermochte sich dem Zauber seines Wesens zu entziehen. Dies war zunächst dem gewinnenden Blick seiner braunen Augen zu verdanken; er stand in betroffen machendem Gegensatz zur schmalen Strenge seines Gesichts – den Augen eines geistlich Liebenden im Antlitz eines mittelalterlichen Mönches. (Erst in den letzten Lebensjahren verlor es etwas seine schlanken Konturen als Folge eines quälenden körperlichen Leidens.)

*

Über allem stand strahlend sein wahrhaft edler Charakter.

*

Tausende kannten ihn als unermüdlichen Organisatoren der katholischen Sache, als hartnäckigen wie geschmeidigen Politiker, der in der Zusammenfassung der gläubigen Massen seiner Zeit weit vorauseilte, und als ebenso geistreichen wie klardenkenden Verfasser eines bäuerlichen Reformprogrammes, bei dem es in erster Linie um die Rettung des Familienhofes vor dem immer bedrohlicher werdenden Zugriff des Kapitals ging. Er bedurfte schon jahrelanger Vertrautheit, um zu gewahren, daß hinter diesem steten, unbeirrbaren Tätigsein ebenso stete, oft sehr schmerzvolle Selbstprüfung stand, die bis zum Selbstzweifel ging. Innozenz Maria war, dies sei wiederholt, ein wahrer Edelmann, empfand sich als solcher; dies hieß jedoch in seinem Falle (und wohl nicht allein in seinem), daß er unserem Jahrhundert wenig abgewinnen konnte; ja, daß er sich in ihm als Pilgrim, als Fremdling fühlte. Umso staunender steht man vor der gläubigsittlichen Leistung seines Lebens.

*

»Katholizismus!«, sagte er zu mir einmal halb ernst, halb im Scherz. »Ich mag das Wort eigentlich nicht leiden. Es klingt dürr und spitzig, nach Pickelhaube und Katheder; es ist imgrunde ein preußisches Wort. Regimenter von Ismen, von Izismen werden wir exerzieren sehen, und wir werden Wald und Wiesen opfern müssen, um Platz für ihre exakten Schwenkungen zu schaffen. Aber es ist wohl an dem, daß ihm wie seinesgleichen die Zukunft gehört. Man erinnere sich: sie hat in Preußen angefangen, anno 1837, die Fehde zwischen Thron und Altar. Was bleibt seitdem übrig, als die katholische Sache bataillonsmäßig zu formieren, als mit Mann und Roß und Offizier auf das Marsfeld zu ziehen, das uns die Geschichte zugewiesen hat – um das Kostbarste und Innerste zu retten, den kindlichgehorsamen Glauben? Jetzt erst beginnen wir zu begreifen, was es wirklich heißt, elende, exilierte Kinder Evas zu sein – exules filii Hevae.«

*

Ein andermal ging er genauer auf sein Unbehagen ein. »Wir kamen mit Adelheid von Savoyen nach Bayern, wie Sie wissen. Wir haben uns recht und schlecht bemüht, gute kurbayrische Standesherren zu sein. Im großen Ganzen sind wir es ja auch gewesen – es gab schwarze Schafe, natürlich. Das ständische Wesen seinerzeit: es glich wohl den Kanälen der Schlösser Nymphenburg und Schleißheim: gefaßte, aber lebendige, offen rieselnde Wasser, von Fontänen gespeist. Heutzutage ist das anders. Napoleon hat das geändert, Montgelas, das Königreich von 1806. Das Lebenswasser ist jetzt in Bleirohre gefaßt, in metallene Adern, kann durch Auf- und Zudrehen administrativer Hähne in die eine oder andere Richtung geschickt werden – rechts, links, hinauf und hinab. Den Himmel sieht es nicht mehr. Das mag seine materiellen Vorteile haben, aber es ist kein Gleichgewicht mehr von Natur und Kunst. Hier hat kalte Mechanik gesiegt, und in mehr als einer Weise sind wir alle ihre Opfer.«

Politik und Peristaltik

Am 10. September 1864 sprach Innozenz Maria Graf von B.-Titlmoos im Kleinen Saal des Hotels BELLEVUE am Würmsee. Er erläuterte einem exklusiven Kreis der Münchener Geschäftswelt sein Agrarprogramm. Das Hotel war seit dem Bau der Eisenbahn nach Starnberg und seit der Übernahme der Cuisine durch den gascognischen Meister Maurice Labeyrie bei genannter Geschäftswelt sehr beliebt.

Graf Innozenz Maria schloß seine Ausführungen wie folgt: »Das Programm kehrt nicht das Oberste zu unterst. Es verbindet vielmehr die Einrichtungen der Vergangenheit mit den Bedürfnissen der Gegenwart. Es formuliert die Forderungen, welche aus den natürlichen und geschichtlichen Verhältnissen des Bauernstandes, insbesondere des bayerischen, sich ergeben – und zwar aufgrund der praktischen Erfahrung.«

Maitre Maurice hatte das Menü nicht ohne gallisches Grollen vorbereitet; das Organisationscomité hatte lange mit ihm gerungen, um den asketischen Neigungen des frommen Grafen etwas entgegenzukommen. So unterblieb unter anderem Labeyries berühmtes »Filet de Strasbourg«. Infolgedessen trat die Pause vor dem Hauptgang, während der Innozenz Maria sprach, bereits nach Oxtail-Suppe, Austernragout en coquille, blaugesottenem Wels (mit Senfbutter) und Huhn sauté (mit Champignons und Trüffeln in Weißwein) ein. Zur Erfrischung und (mehr noch) zur Wiederbelebung des Appetits wurde römischer Eispunsch serviert.

Daß der Redner an diesem nur kurz nippte, erklärt sich daraus, daß die bisherigen Gänge nur mithilfe von Madeira und Montrachet bewältigt werden konnten. Kalte Schweißbildung, rhythmische Erweiterungen und Kontraktionen des Gesichtsfeldes, Störungen der Peristaltik, mit denen der Redner zu kämpfen hatte, waren Erscheinungen, die ihm bereits von ähnlichen Gelegenheiten vertraut waren.

»Unser Programm ist konservativ. Es will nichts gemein haben mit gewissen Agrarforderungen, welche radikale Änderungen anstreben und auf Unfreiheit in Form des Staatssozialismus hinauslaufen.«

Verabredungsgemäß blickte er an dieser Stelle zu H. H. Geistlichen Rat Meisinger hinüber, mit dem er die Einzel-Punkte der Rede durchgegangen war und sie den Gegebenheiten dieses Kreises angepaßt hatte. Er sah ihn eifrig nicken, einen roten Fleck unter anderen Farbklecksen. Am Punsch nippen, dann durchatmen und gegensteuern.

»Wir weisen diese Forderungen klar zurück; aber der liberalen Richtung, welche den schrankenlosen Individualismus mit der willkürlichen Verfügung über Grund und Boden als Ideal preist, wird unser Programm dennoch übertrieben erscheinen.«

Es war gewagt, es war gesagt, es trat und betraf den Freisinn; und den meisten Herren dieses Zirkels war der Freisinn Stab und Stecken. So knitterten sich denn einige Brauen, zuckten einige Mundwinkel; Ambros Banter von der Heimat & Boden-Bank lehnte sich leicht ostentativ zurück, so Abstand markierend; Kommerzienrat Frübeis lächelte knapp am Zigarillo entlang, das er, einer persönlichen Unart frönend, zwischen den Gängen angezündet hatte. Diese Reaktion war vorgesehen, deshalb – die nächste Wendung:

»Aber bitte bedenken Sie: der Handel hat für seine Bedürfnisse und Kreditverhältnisse ein eigenes Sonderrecht errungen und darin zu Recht einen Fortschritt erblickt. Es geht darum, auch für Grund und Boden ein entsprechendes Sachenrecht zu erarbeiten.«

Meisingers Gesicht wurde nun heller. Der Prälat verfügte über das Gespür für die politische Stimmung, das ihn als Mit- und Zuarbeiter unentbehrlich machte.

Die geschulten Kellner errieten das Ende der Ansprache und begannen im Hintergrund am Rehrücken à la crême zu hantieren; ließen tatarisch anmutende Mordmesser durch rot-und-rosagestreifte Speckblätter, Sauerrahmglasur und purpurnes Fleisch gleiten, kitzelten die Portionen von den bräunlichen Knochengerüsten. Zu riechen waren: altes und junges Fett, alter und junger Wein, junge Schalotten und der Schweiß alter Männer. Der Redner hatte nun die Zügel anzuziehen, hatte durch Tod und Teufel zur todsicheren Schlußmoral zu galoppieren:

»In den Schlußparagraphen des Programms sind Übergangsmaßnahmen erörtert; ferner ist der Überzeugung Ausdruck gegeben, daß die besten Einrichtungen und Gesetze ihren Zweck verfehlen, wenn in den betreffenden Kreisen es an religiös-sittlicher Kraft zur eigenen Mitwirkung gebricht. Einfachheit und Sparsamkeit, die Kraft der Entsagung und Erhebung müssen in religiös-sittlicher Erziehung und Bildung wurzeln. Man kann nur demjenigen helfen, der sich helfen lassen will.«

Es lag auf der Hand, daß die Herren des Kreises solche Gedanken würdigten, was im warmen Schlußbeifall zum Ausdruck kam. Innozenz Maria stand einen geziemenden Augenblick groß und gesammelt, neigte dann das Haupt, ein edler Überzeugungstäter vor dem Tribunal der Geschichte. Sein nächstes Problem war ganz konkret: wie gelangte er, während die Kellner mit den Silbertabletts zum Zangenangriff ansetzten und in die engen Durchgänge schwärmten, rechtzeitig zum Ausgang des Saales? Nun, auch darin verfügte der Graf über Erfahrung. Er entschuldigte sich unhörbar, entschwand, den Oberkörper seitlich gedreht, zwischen Stuhl- und Kellner-Rücken, Kirschholz-Leisten und Moir-Wandbespannung nach den hinteren Räumen.

»Er reibt sich auf«, murmelte Meisinger in geistlicher Kompassion dem Importeur Rosenzweig zu, der am probeweise eingeschenkten Nuits St. Georges nippte. »Das mit dem Helfenkönnen, da hat er recht«, schnob Banter, zermalmte den ersten Bratenbissen und dachte an sechs Bauernhöfe, denen die H&B-Bank geholfen hatte und denen jetzt nicht mehr zu helfen war: Erbteilung, zu hohe Entnahmen, zu hohe Zinsen, geplatzte Hypotheken. »Wissen Sie«, fragte Rosenzweig, den der Burgunder belebt hatte, seinen klerikalen Nachbarn, »woran mich unser gräflicher Freund erinnert? An das Motto unseres großen Herzogs, später Kurfürsten, Maximilian: uriendo consumor, brennend verzehr’ ich mich. Ein edler, ein absolut tadelloser Charakter. Jemand, für den man sorgen muß.«

»Sie meinen, um den man sich sorgen muß.«

»Auch das, auch das. Sicher.«

– – Wir finden Innozenz Maria, der sich übergeben hat, auf dem Abtritt wieder. Gründe der Herzensbildung und des gesunden Menschenverstandes verbieten es, an seinem Schicksal, dessen Ironie er hier zum hundertsten Male durchlebte, irgendetwas lächerlich zu finden. In Wahrheit konnte er jene Furcht und jenes Mitleid beanspruchen, die von den Alten als Emotionen der Tragödie definiert werden. Seine Familie war fromm, er selbst (schon als Knabe) nicht minder. Im Jesuitenkolleg zu Wiesenmünster hatte er sich an die Abtötung des Fleisches nicht nur gewöhnt, er hatte sie liebend umarmt. Knien auf Holzscheiten, Ministrieren in fahler Januar-Dämmerung, wo das Wasser im Kristallkrüglein gefror; dünne Suppen, schmale Fleischscheiben dreimal in der Woche, zweimal Fasttag; ab der Sekunda trübgelben herben Wein aus Latium: all dies opfernd emporgehoben ad maiorem Dei gloriam – und nun, kaum fünfzehn Jahre später, unerbittlich, durch nichts Geringeres als seinen politisch-missionarischen Auftrag, in die Völlerei gepreßt, die er mit allen Fasern seines Körpers und Gemütes verachtete. Wem galt denn diese seine Mission? Etwa den noblen und arrivierten Fressern dort im Saale? Keineswegs. Aber sie waren maßgebend, wurden von Jahr zu Jahr maßgebender in einer Welt, die jetzt schon nicht mehr die seine war. Er mußte sie um gut Wetter bitten – das Wetter, das sie machten, war schon ebenso wichtig wie das gott- oder petrusgesandte für seine Bauern, deren wirtschaftliche Substanz bedroht, deren Seele gefährdet war. Doch hatte er es leichter mit den Bauern selbst? Nicht einmal mit den Dorfarmen: Er besuchte sie oft, wie es seinen Pflichten als Gutsherr entsprach, in seiner Heimat um Busselwang und Tuntenhausen herum. Sie grinsten auf ihren Zahnstummeln, sie knicksten, sie sprachen vom Herrgott, der es dem Herrn Grafen wohl tausendmal lohnen möcht, und ihre Gesichter und Augen waren zu, verrieten nichts von den schwarzen Nattern ihrer Geheimnisse, die sich hinter Handküssen und Vergeltsgott knäuelten. Zudem: sie zählten nicht. Nicht für sein Programm. Sie würden nur dann zählen, wenn es (sodomitischer Gedanke!) ein direktes, allgemeines Wahlrecht gäbe, womöglich (noch sodomitischer!) auch für Frauen. Nun, so lagen die Dinge nicht, würden wohl nie so liegen. Er und sein Programm waren auf ständische Vermittlung angewiesen, auf Verständigung mit den Verständigen und Geweckten, den freien Bauern zum Beispiel – von den Vieh- und Weizenbaronen Ostbayerns bis zu den erwerbstüchtigen Franken um Bamberg und Uffenheim. Wo wird er, zum Beispiel, übermorgen reden? In Eggenfelden. Und nächsten Sonntag? In Straubing. Und was wird ihn dort erwarten? Austern und römischer Eispunsch sicher nicht. Aber (unser Held stöhnt und bedeckt sein Antlitz, sein schweißfeuchtes, während ihn von unten eine bittere Ammoniakfahne anweht) Kälbernes. Leber- und Blutwurst. Schweinshaxe mit quadratisch eingeschnittener, krachender Schwarte. Gansbraten. Graue riesige Knödel, von der Oberpfalz her unbesiegbar nach Süden dringend. Gelbliche essigsulzige Massen von Kartoffelsalat. Geschmälztes Sauerkraut. Gurkenscheiben mit glasigem Innenleben.

Dickes halbsüßes dunkelbraunes Bier. Obstler. Bärwurz-Schnaps, von teuflischen Erdmanndeln in den Höhlen des Böhmerwaldes destilliert. Zuletzt, ihm zu Ehren – ausschließlich ihm kredenzt, mit biederem Strahlen! – irgendein pappiger Süßwein mit ausgezogenen Kücheln, schmierig vom erkaltenden Butterschmalz.

Martyrium. Martyrium doppelt quälend, weil dialektisch umgestülpt, eine hohnvolle, der schwindenden Christlichkeit des Jahrhunderts entsprechende Variante. Darüberhinaus (vielleicht) nachträgliche stellvertretende Buße für vorangegangene Geschlechter seines Namens: den Großvater Zyprian etwa, der komplette Krammetsvögel ins Maul schob, oder jenen mythischen Ahnen Girolamo, dessen Zehn-Seidel-Trinkhorn noch im Stamm-Kastell des Clans zu Verduzzo, Hochsavoyen, zu besichtigen war. Doch wo war der Beichtspiegel, wo der Seelenhirt, der sich auf solches verstand? Sein Beichtvater, der gütige und gebildete Dr. Gerhartinger, war sicher ein guter Moraltheologe – aber er hatte ihm noch nie frank und frei sagen können, ob es dort oben, in den Hauptbüchern über den Sternen, eine Bilanzierungsmethode gab, in der die systematische Zerstörung durch Völlerei denselben Stellenwert hätte wie die Hunger- und Geißel-Triumphe der Heroen der Frühzeit. War er, indem er in diese Welt eingetreten war, vielleicht doch einer falschen Vorentscheidung aufgesessen, die ihn zum Komplizen des Jahrhunderts machte?

Nein. Was ganz sicher war, das war sein Auftrag. Sicher war seine Absicht: Hilfe für das Land, das ihm vertraut war und das er liebte. Sicher war sein Ausgangspunkt: Tuntenhausen, der Sitz der Himmelskönigin. Generationenlang war dort Segen für die Betrübten und Geschlagenen zu holen, waren die Ströme der Pilger gekommen, hatte sich aus ihren goldenen und irdenen Schmerzen das geheimnisreiche Muster der Gnade dichter und dichter gewoben. Nun ging es darum, den Schatz des heiligen Platzes fruchtbar zu machen, ihn gegen die Gefahren des Jahrhunderts zu stellen, Kraft daraus für die Erhaltung der christlichen Lebensweise zu schöpfen. Wie Compostela die Kraftquelle für die Rückeroberung Spaniens geworden war, so würde Tuntenhausen aufrufen zu heiliger reconquista unter dem Banner der Jungfrau – aber mit den neuen, den fast schon demokratischen Waffen der Zeit. Es stand ihm nicht zu, sich neidvoll die Souveränität des Hungers, des Durstes, des Frierens besserer Zeitalter zurückzuwünschen. Er hatte das Seine anzunehmen; anzunehmen mit all den Pfählen, die es in sein Eingeweide trieb; hatte es zu umarmen, wie Teresa de Avila die glühenden Pfeile des mystischen Cherubs umarmt hatte – uriendo consumor.

Er stöhnte ergeben, erhob sich und ordnete seine Kleidung. Es lief, daran war nicht zu rütteln, wieder auf ein Klistier hinaus. (Wo war sie zu finden, die Spiritualität des unabweisbaren und unerträglichen Überflusses?)

Er bog in die Passage ein, die ihn zum Kleinen Saal zurückführte. Ihre rechte Wand war mit Kupfern von italienisch-antikischen Ansichten geschmückt, in ihrer Linken öffneten sich Jalousie-Türen auf einen Kiesplatz, das Eingangsportal zum Grundstück und das von ganz leisem Regen versilberte Panorama des Sees.

Eben hielt eine Droschke vor den weißen, heckenrosenumflochtenen Säulen des Portals. Der Hotelportier eilte, schon gnomisch gebückt, heran, um die kleine Ausstiegstreppe herunterzuklappen. Der Droschke entstieg eine Dame. Anmutig die Rechte auf die Schulter des Portiers legend, setzte sie ihre Stiefeletten auf die steilen Staffeln des Ausstiegs. Mit der Linken raffte sie zwei Zoll ihres höchst vernünftigen Rockes, dann hob sie ihr zartes und gesundes Gesicht unter dem weiten Hut, blickte in die Passage und erkannte Innozenz Maria.