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Ein Burn-out verändert das ganze Leben. Wie einschneidend, erfuhr Cordula Horn während der sechs Jahre, in denen sie immer tiefer in dieser Krankheit versank - und schließlich wieder aus ihr herausfand. Mitten im Leben, zwischen der erfolgreichen Arbeit als Pferdetherapeutin, dem Alltag mit ihren zwei Kindern und der Trennung von ihrem Ehemann, wird das Gefühl der Überforderung zum ständigen Begleiter Horns. Die patente Frau, die bislang jeder Krise mit Stärke begegnete, ist im wahrsten Wortsinne "ausgebrannt". Erst will sie es selbst nicht wahrhaben. Doch als die Symptome schlimmer werden und ein normales Leben schließlich nicht mehr möglich ist, muss Horn bei Ärzten und Heilpraktikern Hilfe suchen. Hilfe, die sie dort nicht findet. Erst nach mehreren Jahren, im Rollstuhl und mit Todesangst, erkennt sie, welche Lehre sich hinter ihrer Erkrankung verbirgt. Mit dieser Erkenntnis schließlich kann die Heilung beginnen. Cordula Horn zeichnete noch während des Burn-outs und in den Phasen ihrer Genesung ihre Gedanken, Gefühle und Erfahrungen auf. Heraus kam ein eindringlicher Bericht, der zeigt, wie gefährlich die "Volkskrankheit Burn-out" sein kann - der Betroffenen aber auch Mut macht, sich mit ihrer Erkrankung auseinanderzusetzen. Denn wer seinen Burn-out nicht verdrängt, sondern durchlebt, der kann Heilung finden und daran wachsen.
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Seitenzahl: 570
Veröffentlichungsjahr: 2016
www.tredition.de
Cordula Horn
Durchlebe Deinen Burn-out
Das Erlebnis des tiefen Fallens bis zum Aufstieg in eine neue Welt Der Ruf unserer Seele
www.tredition.de
© 2014 Cordula Horn
Umschlag, Illustration: Cordula Horn
Lektorat, Korrektorat: Kay D.Szantyr
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7345-2562-9
Hardcover
978-3-7345-2563-6
e-Book
978-3-7345-2564-3
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Widmung
Kapitel 1
Zu meiner Person
Das Ende meiner Ehezeit
Der Verlust meines besten Freundes
Meine Kinder wurden erwachsen
Meine Vision
Begegnung mit einer Kartenlegerin
Das Ende meiner Erfüllung in meiner Arbeit
Fahrt an die Ostsee
Begegnung mit meiner Zwillingsseele
Kapitel 2
Burn-out
Mein Tagesablauf
Erste Fahrt nach Berchtesgaden
Zuhause in Rottendorf in der Oberpfalz
Zweite Fahrt nach Berchtesgaden
Zuhause in Rottendorf
In der Salzgrotte
Zu Gott finden in der Kirche
St. Anna-Kapelle
Wiederanfang – Lehrgang
Heilung durch Naturheilverfahren
Mein Zusammenbruch
Im Krankenhaus
Reha in Bad Griesbach
Aufenthalt bei meiner Freundin in der Oberpfalz
Unser erstes Treffen nach der Reha
Wohnungssuche
Umzug
Panikattacken
Meine Akupunkturtermine
Termin bei der Allgemeinärztin
Termin beim Neurologen
Termin beim Lungenfacharzt
Akzeptanz des Sterbens
Meine wahre Liebe
Mein Alltag
Termin bei einer Psychologin
Meine Familienaufstellung
Meine Wiedergeburt
Kapitel 3
Mein zweiter Lebensabschnitt
Besuch meiner Freundin
Besuch des Lebensgefährten meiner Mutter
Es geht bergauf
Es wird Winter
Loslassen meiner Tiere
Loslassen meines Exmannes
Loslassen meiner Zwillingsseele
Loslassen von negativer und positiver Energie
Loslassen meiner Kinder
Loslassen meines geliebten Schatzes
Loslassen meiner Eltern
Loslassen meiner Arbeit
Loslassen meiner ersten Lebenshälfte
Beginn meiner zweiten Lebenshälfte
Wie sich meine Sichtweise erweitert hat
Rückblick
Danksagung
Einleitung
Es ist schon beängstigend, wie viele Menschen – vor allem auch junge Menschen – einen Burn-out bekommen.
Unsere heutige Gesellschaft möchte glückliche, gesunde und starke Menschen sehen. Menschen mit Schwächen und Ängsten werden gemobbt und ausgenutzt. Dadurch vereinsamen viele Menschen in ihrer Seele. Sie fangen an, sich selbst zu betrügen, zu manipulieren und zu schauspielern, um von der Gesellschaft angenommen zu werden.
Früher lebten wir in Großfamilien mit unseren erfahrenen, weisen alten Menschen. Sie waren „des Lebens wissend“, denn sie hatten es selbst erlebt. Heute jedoch betrügen auch die alten Menschen sich selbst; sie können ihren Kindern und Enkelkindern keinen Rat und Halt mehr geben, denn sie haben sich selten tatsächlich weiterentwickelt auf ihrem Lebensweg. So ist der junge Mensch mit seinen Problemen allein und einsam. Er ist intelligent und kennt sich in modernen Gebieten wie Technik und Wissenschaft und im Internet aus. Aber an vielen Stellen arbeitet die moderne Welt mit der Angst der Menschen – zum Beispiel in der Werbung. Dadurch entwickelt der Mensch unserer Zeit anstelle des Urvertrauens einen Kontrollzwang: Das Gefühl der Kontrolle vermittelt ihm Sicherheit, und er verliert die Angst. Doch funktioniert dieses System wirklich?
Kann man tatsächlich alles kontrollieren?
Es hat den Anschein, dass starke Menschen nie traurig sind. Sie nehmen immer alles an, was in ihrem Leben passiert, und können alle Probleme selbst lösen. Doch sind sie nur einmal traurig und suchen nach Hilfe, werden sie schon zu schwachen Menschen erklärt. Wer als starker Mensch gelten will, ist daher verpflichtet, nach Außen seinen Schein zu wahren.
In meinem bisherigen Leben war ich von Kindheit an auf mich selbst gestellt. Ich habe alle Probleme annehmen und lösen können. Meine Lebensphilosophie war super, und ich konnte vielen Menschen und Tieren in ihrer Not helfen. Ich fühlte mich stark und glaubte, mein Leben völlig unter Kontrolle zu haben. Egal, welches Schicksal mich traf – und es gab viele solcher Ereignisse –, ich blieb immer ein zufriedener Mensch.
Das hört sich gut an. Doch gibt es ihn wirklich, den immer zufriedenen Menschen? Eines Tages brach meine Welt zusammen, meine Maske fiel, ich erkannte meinen Betrug an mir selbst und erlebte meinen Burn-out. Heute weiß ich, was einen starken Menschen ausmacht: Ein wirklich starker Mensch lebt in allen seinen Gefühlen; er steht zu seinen Ecken und Kanten, denn sie machen seine Persönlichkeit aus, egal was die Gesellschaft dazu sagt. Es sind die Selbstliebe und der Selbstwert, die einen starken Menschen auszeichnen, und nicht das gelungene Kopieren perfekter Vorbilder.
Wer nicht traurig, verzweifelt und ängstlich sein kann, der lebt nicht wirklich in seiner Mitte. Wer nicht mehr weinen kann, der lebt nicht in seinen Gefühlen. Dies alles gehört zum wirklichen Leben dazu. Es ist sehr wichtig, das alles zu leben, genauso wie Freude und Glück. Nur wer zum Beispiel so wie ich einmal gelähmt war und nicht mehr gehen konnte, weiß, wie glücklich man ist, wenn man wieder gehen kann. Früher war Gehen für mich eine Selbstverständlichkeit, keine besondere Freude. Es ist für unser Glück und unsere Freude bedeutend, auch unglücklich sein zu können, ohne dabei zu verzweifeln.
Mit diesem Beispiel möchte ich deutlich machen, warum es so wichtig ist, seinen Burn-out zu durchleben: um danach mit der Hilfe neu gewonnener Erkenntnisse über sein Leben wahrhaftig am Glück und der Freude und dem Urvertrauen und der wahren Liebe teilhaben zu können.
Ich habe in meinem Leben viele Menschen dabei beobachtet, wie sie mit dem Burn-out umgehen. Angst haben sie alle, so wie ich sie auch hatte. Vor allem die Angst, Fehler zu machen und zu sterben. Angst vor der Erkenntnis, keine absolute Kontrolle über sein Leben zu haben. Angst vor Krankheit, Depression, Verzweiflung. Deshalb versuchen viele Menschen, diese Symptome über Medikamente zu verdrängen. Deren Einnahme erweckt den Anschein, dass alles wieder in Ordnung wäre – und der Betrug sich selbst gegenüber kann weiter betrieben werden, anstatt sich mit den Symptomen auseinanderzusetzen. Ich bin nicht gegen eine entsprechende Medizin im akuten Fall. Nimmt man jedoch auf Jahre hinaus Medikamente, so entsteht neben dem Verdrängen eine schleichende Zweiterkrankung, nämlich die der Nebenwirkungen. Verdränge ich mithilfe von Medikamenten, muss ich außerdem meine Gewohnheiten nicht ändern. Davor hat man am meisten Angst: Veränderung macht Angst; Gewohntes – auch wenn es nicht perfekt ist – beruhigt uns. Das hatte ich bei vielen Frauen und Männern gesehen, die von ihren Partnern gequält wurden. Sie wünschten sich ein Ende der Schmerzen, hatten aber Angst vor der Veränderung und blieben daher lieber in ihrem Leid.
In meiner Angst bin ich auch zum Schulmediziner gegangen. Aber ich habe schnell verstanden, dass ich mich damit selbst weiter betrüge – dass ich schleichend immer noch kränker werde. Ein Leben lang Nebenwirkungen, eine weitere Zerstörung meines Körpers, der doch meine Seele in sich trägt: Nein, das war nicht meine Zukunft. Diese Menschen, die diesen Weg gegangen sind, zerbrachen zuletzt völlig an ihrem Burn-out. Bei dieser „Scheinheilung auf Zeit“ erschöpft man noch seine letzten Selbstheilungskräfte, indem man sie nicht für die Gesundung, sondern für das Überleben durch Medizin einsetzt. Ich höre heute noch die Ärztin zu mir sagen: „Wenn Sie das Cortison nicht ein Leben lang einnehmen, werden Sie wahrscheinlich an Ihrer Erkrankung sterben.“ Aufgrund des Cortisons aber sei mein Immunsystem so geschwächt, dass ich bei jeder kleinsten Erkältung sofort zum Arzt gehen müsse. Das waren meine Wahlmöglichkeiten.
Andere Menschen wählen, ihren Burn-out durch Manipulation zu verdrängen. Sie gehen den esoterischen Weg, werden Anhänger bestimmter Meister und Methoden. Auch ich habe viele Bücher gelesen zur Esoterik, viele Methoden erlernt. Und plötzlich lernte ich meine Zwillingsseele kennen. Es schien, als würde nun alles gut. Ich lernte, über Verhaltensveränderung, positives Denken oder Methoden wie Klopfen und Belohnen Negatives von mir fernzuhalten. Ich muss sagen: Sie haben sogar eine Zeit lang funktioniert. Aber eben nur eine Zeit; in Wirklichkeit habe ich schließlich nichts anderes gemacht, als weiter zu verdrängen. Nach einiger Zeit war ich noch erschöpfter als vorher, denn dieses sogenannte „positive Denken“ kostete unendliche Kraft. Dieser Kraftverlust nahm mir noch mehr Urvertrauen und ich bekam noch mehr Angst. Ich verirrte mich weiter hinaus aus meiner Mitte.
Ich wusste, wenn ich überleben wollte, dann müsste ich vertrauen und annehmen. Nur: Wie schafft man das, ohne zu manipulieren, zu verdrängen oder sich selbst zu belügen? Ich traf keinen Menschen, der mir dazu raten konnte.
Erst als ich gelähmt und bettlägerig war, letztendlich sogar ohne Angst vor dem Tod, fühlte ich meinen neuen Weg. Ich spürte, dass mein Körper und meine Seele das Richtige tun würden, und vertraute mich ganz ihnen an.
Und ich fing an, das Richtige zu tun.
Ich durchlebte meinen Burn-out.
Das erforderte meinen ganzen Mut, und ich bedurfte der Hilfe meines heutigen Lebensgefährten. Er war der einzige Mensch – außer meinen Kindern – der bei mir geblieben ist. Meine Freunde hatten mich aufgegeben.
Begeben Sie sich mit mir auf meine Reise. Meine Reise, die mich zu Gesundheit, innerem Glück und Freiheit gebracht hat.
Widmung
Ich widme dieses Buch allen Menschen, die sich in einem Burn-out befinden. Ich wünsche ihnen, dass sie Vertrauen und Mut haben, sich fallen zu lassen. Dann können ihre Selbstheilungskräfte wirken. Sie lassen die erste Lebenshälfte los und können den Weg zu ihrer zweiten Lebenshälfte beginnen. So werden sie erkennen, welchen Sinn ihr Burn-out hat.
Dieses Buch ist auch für Angehörige, die geliebte Menschen während ihrem Burn-out begleiten.
Und es ist für alle Menschen, die auf ihrem Lebensweg unter Ängsten und anderen negativen Gefühle leiden, damit sie Urvertrauen bekommen.
Kapitel 1
Zu meiner Person
Ich stamme aus einer Lehrerfamilie. Geschützt und behütet verlief meine Kindheit. Ich ging auf das Gymnasium und träumte davon, einmal einen Beruf mit Tieren und Gesundheit auszuüben – vielleicht Tierärztin zu werden. Mein Leben war in absoluter Harmonie.
Plötzlich erkrankte mein Vater an Krebs; ich war gerade siebzehn Jahre alt. Nach zwei Jahren der Schmerzen und des Leids starb er. Das war für mich ein Schock, denn er war meine Sicherheit in meinem Leben. Das war der erste Augenblick, in dem ich meine Welt hinterfragte. Warum musste er so jung sterben? Warum er – er war doch ein guter Mensch? Was hatte sich Gott dabei gedacht? Fragen über Fragen und keine Antworten. Meine Mutter verfiel selbst in eine Depression. Von ihr konnte ich keine Hilfe erwarten.
„Das Leben muss weitergehen“, dachte ich und machte mit achtzehn Jahren mein Abitur. Von da an lebte ich mein Leben ohne Plan: Ich absolvierte ein Praktikum für ein Landwirtschaftsstudium, habe dann aber doch nicht studiert, sondern eine Ausbildung zur Physiotherapeutin gemacht. Ohne meinen Vater war ich wie ein Baum ohne Wurzeln.
Mit zwanzig lernte ich meinen späteren Ehemann in einem Reitstall kennen. Er war vierundzwanzig Jahre älter als ich. Ohne dass es mir damals bewusst wurde, hatte ich einen neuen Vater gesucht – und in ihm gefunden. Ein halbes Jahr später zogen wir an den Bodensee und eröffneten einen Reitbetrieb unter meinem Namen. Wiederum ein halbes Jahr später heirateten wir, denn ich war schwanger mit meinem Sohn.
Mein Leben schien wieder in Ordnung zu sein. Wir verdienten genügend Geld zum Leben. Mein Ehemann aber wollte immer höher hinaus und gab immer mehr Geld aus, als wir einnahmen. Nach kurzer Zeit ging der Gerichtsvollzieher regelmäßig bei uns ein und aus.
Fünf Jahre später fand mein Ehemann dennoch einen Bürgen, um die größte Westernreitanlage Deutschlands zu bauen, und wir zogen mit all unserem Hab und Gut ins Allgäu. Unser Schweizer Bürge beging Selbstmord, und es stellte sich heraus, dass er ein Betrüger gewesen war. Wir waren kurz vor der Fertigstellung unserer Reitanlage. All unser Vermögen steckte darin, und wir hatten natürlich hohe Schulden. Es war nichts zu retten: Die Anlage wurde versteigert, wir selbst lebten bei Freunden. Mittlerweile war ich schwanger mit unserer Tochter. Wir mieteten eine Dreizimmerwohnung in einem uralten Bauernhaus in den Bergen im Allgäu, und da wir keinen Verdienst mehr hatten, fing mein Ehemann an, für unseriöse Kapitalvermittler Finanzierungen zu verkaufen. Das war unsere einzige Einnahmequelle. Meinen Wunsch, er möge in seinem gelernten Beruf als Holzingenieur arbeiten, lehnte er ab: Der Verdienst wäre zu gering, um erneut eine Reitanlage aufzubauen. Er wollte schnelles Geld verdienen. Wir zogen in eine Doppelhaushälfte nach Ingolstadt. Hier, in Ingolstadt, wurde dann mein Ehemann schließlich verurteilt. Ich stand mit meinen beiden kleinen Kindern ohne Geld und Perspektive da.
Jetzt wurde ich endlich erwachsen. Ich fing an, Reitunterricht zu geben, um uns zu ernähren. Ich fuhr mit einem kleinen billigen Auto zu den Pferdebesitzern und gab Reitstunden. Dadurch hatte ich zumindest nur dann Benzinkosten zu tragen, wenn ich auch Kunden hatte.
Innerhalb von vier Wochen war ich ausgebucht und hatte mein Leben das erste Mal selbst im Griff. Ich konnte sogar ganz alleine für meine beiden Kinder sorgen. Und täglich wurde ich erwachsener. Als schließlich mein Ehemann nach eineinhalb Jahren wieder bei uns lebte, war ich eine erwachsene Frau. Ich war kein Kind mehr und hatte nun meinen eigenen Lebensplan. Mir wurde bewusst, dass mein Ehemann nicht einmal sich selbst ohne seine Betrügereien ernähren konnte, dass er in Wirklichkeit bei mir Halt suchte. Mir wurde bewusst, dass er sich ein ganzes Leben lang von seinen Eltern und Geschwistern hatte ernähren lasse, und als sie gestorben waren, übernahmen seine Frauen diese Rolle. Ich war seine dritte Frau. Seine ersten beiden Frauen hatten sich von ihm scheiden lassen.
Da er aber ein guter Vater für seine Kinder war, habe ich ihn nicht verlassen. Allerdings habe ich unsere Familie durch meine Bewegungstherapie für Pferde ernährt, während er bei den Kindern zuhause war. Ab diesem Augenblick ging es uns sehr gut, mein Geschäft lief. Wir waren nicht reich, doch wir lebten gut und sorgenfrei. Nur meinem Ehemann war das nicht genug – er wollte mehr. Er wollte reich werden, und nachdem er das nicht erreichen konnte, wurde er depressiv. Wir gingen verschiedene Wege. Aufgrund seiner Depression kam ihn immer öfter der Hass besuchen. Zuletzt hasste er seine Familie. Ich selbst konnte endlich meinen Kindheitstraum verwirklichen, denn ich konnte eine Familie ernähren durch meinen Beruf mit Pferden. Er aber konnte nicht ertragen, dass ich liebe Kunden hatte, und wir zogen noch zweimal um, alle fünf Jahre wieder. So musste ich mir jedes Mal einen neuen Kundenstamm aufbauen, was mir jedoch jedes Mal schnell gelang.
Je mehr Erfolg ich hatte, desto böser wurde er zu uns. Der letzte Umzug hatte uns in die Oberpfalz gebracht. Dort fühlten meine Kinder und ich uns sofort zuhause – wir erklärten ihm, dass wir nun angekommen seien und nicht mehr umziehen würden. Nach weiteren zwei Jahren absolvierte ich eine Ausbildung zur energetischen Osteotherapeutin für Pferde. Endlich hatte ich meine endgültige Berufung gefunden.
Der Hass meines Ehemannes wuchs weiter. Doch ich konnte ihn ertragen, denn ich wurde durch meine Arbeit belohnt. Sie war und ist bis heute mein Lebenstraum. Und auch meine Kunden sind mir treu geblieben, obwohl sie sechs Jahre auf meine Dienste verzichten und anderen Therapeuten ihr Vertrauen schenken mussten. Dafür bin ich ihnen bis zum heutigen Tag dankbar.
Durch die Wendungen des Schicksals, die ich erlebte, bin ich immer stärker und erwachsener geworden. Mutig fühlte ich mich allen kommenden Herausforderungen gewachsen. Ich fühlte mich stark wie eine Eiche mit tiefen Wurzeln, nichts konnte mich umwerfen, ja, ich war „unsterblich“. Mein Motto lautete: „Alles, was nicht tödlich ist, härtet ab“, und auch: „Probleme im Leben sind dafür da, um gelöst zu werden“. Wenn ich damals auf mein Leben blickte, sah ich nur Erfolge und spürte, dass ich all meine Ziele verwirklichen konnte, denn ich war zäh und kämpfte solange, bis mein Ziel erreicht war.
Doch eines Tages führte das Schicksal mich an meine Grenzen.
Das Ende meiner Ehezeit
Eines Tages war mein Hufschmied mit seiner Frau zu Besuch und wir saßen gemütlich zusammen, als mein Mann sagte: „Das Leben ist schön, man muss es nur zu leben verstehen! Hauptsache, meine Frau hat Arbeit und ich habe das Geld.“ Dabei lachte er. Seine Stimme hörte sich für mich an wie die Stimme des Teufels, der mich auslacht. Alle Anwesenden verstummten und schauten mich an. In seiner Stimme hörte ich seine Verachtung. Es war für mich sehr deutlich, dass es das Einzige war, was er noch für mich empfinden konnte. Die Gedanken schossen mir in mein Gehirn: „War es das, was ich mir gewünscht hatte, was mich erfüllen sollte? Wo finde ich Liebe? Das also ist von unserer Ehe übrig geblieben … war da überhaupt jemals eine andere Verbindung?“
Mein Herz wurde tief traurig.
Diese Szene blieb für die nächsten Tage in meinem Kopf. Ich sah mir bewusst meinen Tagesablauf an. Aufstehen um halb vier. Dann habe ich auf meinem Sofa meditiert, meine Tochter für die Schule fertig gemacht, die Box meines Pferdes gemistet und es auf die Koppel gebracht, bin zum Arbeiten gefahren, nach Hause gekommen (am liebsten, wenn es schon dunkel war), habe gegessen, gelesen und bin ins Bett. Das war jeden Tag so.
Wenn ich zu meinen Kunden fuhr, fühlte ich mich frei. Wenn ich zuhause war, durfte ich mich nicht mit unseren beiden Kindern unterhalten und mit ihnen lachen (das haben wir heimlich gemacht), denn wenn mein Ehemann sah oder hörte, dass es uns gut ging und wir Spaß hatten, so kam er gleich und beschäftigte uns. Dann war er wieder zufrieden, denn unser Spaß war vorbei. Oft haben wir gewartet, bis mein Ehemann ins Bett ging, um uns heimlich zu treffen und lustig zu sein. Erwischte er uns jedoch dabei, mussten wir alle wieder irgendetwas arbeiten.
Ich wollte, dass er auch glücklich sein könnte – so wie wir. Deshalb gab ich ihn frei, um sich eine Freundin zu suchen, damit er sich erfüllter fühlte.
Seit er mir einen Zettel in meine Brotbüchse gelegt hatte, auf dem er ausgerechnet hatte, wie viele Stunden er für mich arbeitete (in Büro und Haushalt – obwohl jeden Tag eine Haushälterin bei uns war –, mit Erledigungen und anderem) und wie viel Sex ich ihm dafür gab, ekelte ich mich vor seinen Berührungen. Nachdem ich diesen Brief gelesen hatte, hatte ich ihn sofort mit dem Feuerzeug angezündet. Ich fühlte mich wie eine Prostituierte, die bisher mit Sex bezahlt hatte. So also sah er mich. Meine kleine, scheinbar heile Welt wurde zerstört. Bis zu dieser Minute hatte ich mir immer noch eingeredet, dass er zwar seine Fehler habe, mich aber doch tief in seinem Herzen liebt. Dieser Brief war wie ein Schlag ins Gesicht; erstmals wurde mir bewusst, dass ich nur noch ein Mittel zum Zweck für ihn war. Ich war so tief verletzt, dass mein Herz so stark gegen meine Brust drückte, dass ich mich fühlte, als müsse ich ersticken. Ich nahm in meiner Verzweiflung das Handy und fragte ihn, ob ich in meiner Ehe, alles was ich von ihm bekommen habe, mit Sex bezahlt hätte. Er sagte tatsächlich: „Ja.“
Von diesem Tag an war mein Herz ihm gegenüber völlig verschlossen. Wenn er mich berührte, löste dies einen sofortigen Würgereiz aus. Ich verlor an diesem Tag meine Monatsblutung für immer. Zuerst hatte ich große Angst, dass ich wieder schwanger wäre. Ich betete zu Gott, dass es nicht so wäre. Und Gott sei Dank war ich es nicht. Ein Kind, das ohne Liebe gezeugt worden war, wäre für mich fürchterlich gewesen. Es wäre ein Kind ohne Liebe geworden.
Mein Zustand war nun wie damals, nachdem mein Vater gestorben war. Ich hatte keine Gefühle mehr: kein Zeitgefühl, keinen Hass, keine Liebe, kein Glück, kein Unglück … ich fühlte nichts als unendliche Leere in mir.
Meine Hilfe für mich selbst war, mehr zu arbeiten, denn das holte mich aus der Versunkenheit wieder heraus. Meine Arbeit erfüllte mich mit Liebe und Dankbarkeit. Es war der einzige Ort, wo ich noch das Gefühl hatte zu leben.
Ab jetzt hasste mich mein Mann nur noch. Ständig überlegte er sich, wie er mir mein Leben schwer machen konnte. Am liebsten zwang er mich, Dinge zu tun, die ich nicht tun wollte: Beispielsweise saß mein Ehemann am Tisch und wollte seinen Autoschlüssel haben, der auf ebendiesem Tisch lag. Dann rief er mich, im Stuhl sitzend, und sagte mir, ich solle ihm den Schlüssel geben. Er grinste mich an und hielt die Hand auf. Ich wusste: Wenn ich nicht funktioniere, würde er unsere Tochter schikanieren, während ich Arbeiten bin, und danach mich. Sie musste alle Arbeiten verrichten, die ich nicht erledigt hatte. Daher tat ich alles, was er mir befahl, noch schnell und völlig gestresst, bevor ich zur Arbeit fuhr, damit er nur ja gute Laune hatte und lieb zu den Kindern war. Er erfreute sich daran, mich zu demütigen, und ich ließ es geschehen. Gleichzeitig betete ich jeden Tag, dass der liebe Gott mich erlösen möge. Ich wusste nicht mehr weiter.
Eines Tages dachte ich mir: Wenn er eine Freundin hätte, wäre er vielleicht besser zu uns. Ich schlug es ihm vor. Der Vorschlag gefiel ihm sehr gut, und er suchte sich im Internet eine vierundzwanzigjährige russische Freundin. Er war selbst schon über sechzig Jahre alt, weder reich noch sportlich. Aber dank seinem betrügerischen Talent fand er schnell eine Frau aus dem Osten für sich. Ihr kaufte er Schmuck und Kleidung und sogar Wellness-Wochenenden – und das alles mit dem von mir verdienten Geld.
Ich hätte nie im Leben gedacht, dass er so weit gehen würde. Wie stark musste sein Hass auf mich mittlerweile sein! Wenn ich so darüber nachdenke, bemerke ich, dass das eigentlich von Anfang an seine Methode war; es war mir nur so nicht bewusst geworden. Er hat immer erst nett versucht, etwas bei mir zu erreichen. Klappte das nicht, reagierte er mit hysterischer Wut. Ich wollte vor allem Harmonie für mich und die Kinder und ich dachte, dass ich mit jeder Situation zurechtkommen würde. Egal, was in meinem Leben passierte. Ich fühlte mich immer stark und wusste, dass ich immer eine Lösung finden würde. Ich dachte auch, dass er immer noch ein guter Vater für seine Kinder wäre, und meine Kinder sollten einen Vater haben, bis sie ihn selbst nicht mehr benötigten. Dafür wollte ich durchhalten mit ihm. Ich dachte daran, wie es früher gewesen war. Wenn zwischen meinem Ehemann und mir keine Harmonie herrschte, bekam unser Sohn, der gut in der Schule war, schlechte Noten. Das war für mich der Beweis, dass er darunter litt, wenn auch nicht bewusst. So entschied ich mich, das Beste aus der Situation zu machen. „Das Beste“ hieß, so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig meinem Ehemann zu gehorchen. Es war für mich ja nur auf Zeit, denn wenn ich arbeiten ging, war ich frei wie ein Vogel. Dort schöpfte ich Kraft, um die Demütigungen meines Ehemannes zu ertragen, damit er ein guter Vater war. Das war für mich ein gelungenes, perfektes Leben. Glücklich war ich nicht mehr – dazu litt ich zu sehr unter meinem Ehemann. Aber ich hatte das Gefühl einer großen Zufriedenheit, da ich funktionierende Lösungen für meine Probleme fand.
Es dauerte aber nicht mehr lange, da bekam ich jedes Mal, wenn ich meinen Mann sah, einen Asthmaanfall. Bei meinem nächsten Treffen mit meinen Kindern (das waren unsere heimlichen Treffen ohne meinen Mann) sagten sie, dass sie unter dem Hass ihres Vaters litten. Ich dachte darüber nach, doch irgendwie hatte ich noch immer Schuldgefühle, ihn wegzuschicken. Mein Ehemann war ja unfähig, Geld zu verdienen; er würde im Nichts stehen. Und er war einmal ein guter Vater gewesen, seine Kinder hatten ihn einst sehr geliebt. Eigentlich glaubte ich immer noch daran, so weitermachen zu können, bis er alt wäre und sterben würde. Ich dachte daran, dass ich mir, wenn die Kinder einmal selbstständig wären und auszögen, eine ganz kleine Wohnung suchen würde. Wenn er mich dann schikanieren wollte, würde ich solange in meine kleine Wohnung flüchten, bis er wieder lieb zu mir wäre. Ihm würde ich die Adresse dieser Wohnung natürlich nicht geben. Das wäre für mich eine gute Lösung für die Zukunft. So war mein Plan.
Aber alles sollte ganz anders geschehen.
Ich hatte Termine in München. Dort hatte ich so viele Kunden, dass ich eine ganze Woche blieb. Meinen Ehemann bat ich, nachdem er nur noch auf meine Kosten mit seinen anderen Frauen unterwegs war, wenigstens in dieser Woche bei unserer Tochter zu bleiben. Sie hatte nachts alleine Angst im Haus. Er sollte zumindest abends, wenn es dunkel wurde, zuhause sein. Das versprach er mir und ich war mir sicher, dass er es auch tun würde, denn ich war überzeugt, dass er trotz allem seine Kinder nicht im Stich lassen würde.
Früh morgens, bevor ich losfuhr, erzählte mir meine Tochter noch, dass am Tag zuvor jemand angerufen hätte, weil die Jeanshose für ihre Mama fertig sei. Ich ahnte, dass diese Hose nicht für mich war. Mein Herz krampfte sich zusammen bei dem Gedanken, dass ich nun auch noch für die Frauen meines Mannes Geld verdienen musste. Ich befürchtete, dass er erst unser Geld für sich und seine Frauen benutzen würde und dann das, was übrig blieb, für uns. Damit hatte er mich in der Hand – ich musste mehr Geld verdienen. Aber auch ich hatte ihn in der Hand, denn ohne mein Geld fand er keine Frauen. Trotzdem krampfte sich mein Herz zusammen, es schmerzte fürchterlich. Nicht wegen meines Ehemanns und seiner Frauen, sondern weil ich noch mehr Last würde tragen müssen.
Einmal hörte ich auch meinen Ehemann in einem anderen Zimmer telefonieren. Er sagte zu einer Frau am Telefon, er habe ein Geschenk für ihren Finger, wenn sie ihn ranließe. Ich ekelte mich vor ihm. Außerdem wusste ich natürlich, wer diesen Ring bezahlen musste.
Ich fuhr zu meinen Terminen nach München und arbeitete fleißig. Während der Arbeit, in der Gesellschaft von Menschen, die dankbar waren und mich liebten, vergaß ich meine Probleme. Meine Last wurde leichter und ich war mir sicher, ich würde alles durchstehen können und der liebe Gott würde mir dabei helfen.
Als ich nach einer Woche wieder nach Hause kam, sah ich, dass die ganze Fahrerseite des Autos meines Mannes eingedrückt war. Ich parkte und fragte meinen Ehemann, der an seinem Auto stand, was denn passiert sei. Er sagte, er sei bei der Autofahrt eingeschlafen. Mein Sohn stand auch neben dem Auto und ich staunte, dass er zuhause war. Er studierte zu dieser Zeit in Rosenheim und hatte keine Ferien. Meine Tochter kam aus dem Haus. Sie war so froh, dass ich zurück war.
Ob die Geschichte, die mein Ehemann erzählte, wahr war, weiß ich bis heute nicht. Tatsache war jedoch, dass er nicht bei unserer Tochter geblieben war während meiner Woche in München. Mein Herz krampfte sich vor Wut auf seine Unzuverlässigkeit zusammen. Dass er mich hasste, war mir egal, aber dass er mich hasste und seine Tochter ihm unwichtig war, das war zuviel für mich. Da er nun seine Kinder hängen ließ und seine Frauen ihm so wichtig geworden waren, wurde offensichtlich, wie er letztlich uns alle hasste. Und das alles nur, weil wir uns von ihm nicht mehr beherrschen lassen wollten und ich kein Sexleben mehr mit ihm teilte. Zwar hatten wir alle dafür gesorgt, dass es ihm sonst an nichts fehlte, denn wir liebten ihn aus jenen früheren Zeiten, als er uns noch liebte. Jetzt aber wurde mir der Preis seiner bedingten Liebe erst klar. Wie dumm und naiv ich doch gewesen war!
Meine Tochter erzählte mir, dass er zu ihr gesagt hatte, er habe ganz wichtige Termine, deswegen müsse er mit dem Auto fort. Wohin, das sagte er ihr nicht. Ihm zuliebe willigte sie ein, nachdem er versprochen hatte, bei Dunkelheit wieder zuhause zu sein. Sie dürfe mir jedoch nichts darüber erzählen, wenn ich aus München zurückkäme. Mein Ehemann kam abends nicht nach Hause und meine Tochter hatte Angst alleine im Haus. In ihrer großen Angst rief sie ihren Bruder an. Dieser setzte sich sofort ins Auto und fuhr von Erding aus zu ihr. Als ich dies alles erfuhr, fehlten mir die Worte. Ich fühlte, wie ich innerlich erstarrte. So viel Kaltblütigkeit hatte ich meinem Ehemann nicht zugetraut. Er hat seine Tochter alleine zuhause zurückgelassen, ohne sich einmal bei ihr zu melden und nachzufragen, ob es ihr gut ging. Bei seinem Unfall ist ihm nichts passiert. Er hätte sich bei ihr melden müssen. Was sollte ich dazu sagen; ich war zutiefst enttäuscht. Ich wusste keinen Rat mehr. Ich verlor mich in Bewusstlosigkeit. Was ich alles gesagt und getan habe, weiß ich nicht mehr, ich fühlte nur noch tiefe Ohnmacht. Das war mein letztes Gefühl vor der Erstarrung meines Herzens.
Eine Freundin hatte mir früher einmal von einer kleinen Kapelle mitten im Wald erzählt. Sie fiel mir nun wieder ein und ich fuhr sofort dorthin. Sie befand sich in einem sogenannten Zauberwald mit uralten Bäumen, am Rande einer Stadt, die ungefähr dreißig KIlometer von meinem damaligen Zuhause entfernt war. Ich fuhr mit meinem Auto einen steilen Berg hinauf, bis zu einem Parkplatz kurz vor seinem höchsten Punkt. Dort stellte ich das Auto ab und ging zu Fuß weiter. Ein steiler Kreuzweg führte mich direkt an die Tür der kleinen Kapelle, die an eine Kirche gebaut worden war.
Als ich die Kapelle betrat, sah ich in einer großen Gesteinshöhle die heilige Anna. Viele Geschenke lagen in den Nischen um sie herum. Ich fühlte eine wohlige Geborgenheit. Ich zündete eine Kerze an und setzte mich auf die Bank. Dann überlegte ich, weshalb ich eigentlich hier war. Meine Gedanken wurden immer langsamer, die Traurigkeit immer tiefer. Meine Gedanken schweiften dahin und ich fiel in einen tiefen Schlaf. Nach etwa zwei Stunden erwachte ich wieder, wusste aber immer noch nicht weiter. Meine Hoffnung war, in dieser Kapelle eine Antwort auf meine Frage zu erhalten. Die Frage lautete: Was kann ich machen, um meinen Ehemann ertragen zu können? Damit es den Kindern gut geht? Aber es kam keine Antwort. Enttäuscht dachte ich, dass mir die Fahrt nun überhaupt nichts genutzt hatte – schließlich wusste ich immer noch nicht, wie ich meine derzeitigen Probleme bewältigen sollte. Sehr traurig ging ich wieder zum Auto. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass dieses Kapelle mein zukünftiger Zufluchtsort werden würde. Auf der Heimfahrt fühlte ich mich stärker, denn ich hatte ja tief geschlafen. Ich betete in Gedanken um Hilfe.
Am nächsten Tag, als ich zum Frühstück machen in die Küche ging, hörte ich im Büro, das neben der Küche war, meinen Ehemann mit einer Frau telefonieren. Das Telefon war auf laut gestellt, so konnte ich das Gespräch mithören. Er wollte sich mit ihr verabreden, sie aber konnte nicht – da legte er den Hörer einfach, ohne noch etwas zu ihr zu sagen, auf. Anschließend rief er sofort eine andere Frau an, die am Abend Zeit für ihn hatte. Als er das Gespräch beendet und den Hörer aufgelegt hatte, lachte er wieder so wie damals, als uns mein Hufschmied besucht hatte. Mein Mann lachte und lästerte sehr abfällig über die Frau, die keine Zeit für ihn hatte. Wie kann man nur so wenig Respekt für andere Menschen empfinden, dachte ich. Ich schämte mich, dass ich diesem Mann je vertraut hatte.
Ich konnte einfach nicht mehr. Das Vertrauen, das ich zu meinem Ehemann einmal gehabt hatte, war völlig zerstört. Er war zu einem Teufel mutiert.
Als ich meinen Ehemann an diesem Morgen lachend aus dem Büro treten sah, bekam ich einen so starken Asthmaanfall, dass ich dachte, auf der Stelle ersticken zu müssen. Er sah mich an und erschrak. Ich war selbst erschrocken, denn ich hatte bis dahin noch nie einen Asthmaanfall gehabt. Den Oberkörper beugte ich nach vorne, damit ich besser atmen konnte. Dann aber richtete ich mich ohne nachzudenken wieder auf und sagte zu ihm mit letzter Kraft, dass er gehen müsse, jetzt gleich, auf der Stelle. Ich lief ihm bis zur Türe nach und drängte ihn mit meinem ganzen Körper und einem eisernen Willen hinaus. Er meinte, dass es jetzt wohl besser wäre, er geht, bis ich mich wieder besser fühle. Ich sagte noch, dass er nicht mehr kommen dürfe. Dass es vorbei war. Wenn er wiederkäme, dann würde ich mit den Kindern aus dem Haus ausziehen. Die Kinder könne er jederzeit besuchen, wenn sie es wollten, ich aber könne ihn nicht mehr ansehen. Dann schloss ich die Türe hinter ihm ab. Erst jetzt wurde mir bewusst, was ich getan hatte. Ich fühlte mich erleichtert. Die Worte an meinen Mann waren nur so aus mir herausgesprudelt. Ich spürte, wie ich mich mit jedem Wort befreite. Ich hatte mich endlich erlöst.
Ich schaute aus dem Fenster und sah, wie er mit dem Auto davonfuhr. Mein Asthmaanfall war vorüber. Als mir bewusst wurde, dass ich es geschafft hatte, mich von meinem Ehemann zu befreien, befiel mich große Angst, dass er wiederkommen würde. Ich musste mir schnell etwas einfallen lassen, um ihm diese Möglichkeit zu nehmen. Mir fiel meine Mutter ein. Sie müsste erst einmal bei uns wohnen. Das würde ihn von einer Rückkehr abhalten, denn er hatte meine Mutter oft schikaniert und wusste, dass sie ihm diese Zeit zurückzahlen würde. Solange sie bei uns wohnte, würde er nicht wieder einziehen wollen. Sofort rief ich meine Mutter an. Als sie erfuhr, was ich getan hatte, war sie sehr überrascht. Denn ich hatte zu nichts von all dem in unseren wöchentlichen Telefonaten geäußert. Als ich ihr von meiner Angst erzählte, dass mein Ehemann wieder zurückkäme, packte sie das Wichtigste zusammen und fuhr mitten in der Nacht, obwohl sie nachtblind ist, die hunderfünfzig Kilometer zu uns. Dafür werde ich ihr mein ganzes Leben lang danken. Als sie mitten in der Nacht bei uns ankam, war ich sehr erleichtert. Nun wusste ich, dass alles gut werden würde.
In derselben Nacht, noch bevor meine Mutter bei uns eintraf, rief mein Ehemann unsere Tochter auf ihrem Handy an und sagte ihr, er komme jetzt wieder zurück. Als er jedoch von ihr erfuhr, dass meine Mutter auf dem Weg zu uns war, wollte er doch nicht mehr kommen.
Ich ahnte, dass er noch in derselben Nacht unser Konto abräumen würde. Ich ließ es geschehen, denn er hatte ja kein Einkommen und ich deshalb Schuldgefühle. Es war für mich, als ob ich ihn einsam und allein ausgesetzt hätte. Damit sich mein schlechtes Gewissen beruhigte, sollte er wenigstens nicht ohne Geld sein.
Meine Mutter war mittlerweile bei uns angekommen. Meine Tochter, meine Mutter und ich saßen am Küchentisch. Ich erzählte ihnen, dass mein Ehemann und ich uns schon längst verloren hatten und keiner von uns beiden daran gearbeitet hatte, wieder zusammenzufinden. Jeder ging seinen Weg und nutzte den anderen eigentlich nur noch aus. Er nutzte mich finanziell aus und ich ihn, indem er für mich im Büro und im Haus arbeitete. Es war nur noch ein Arbeitsverhältnis. Das war mir jedoch zu wenig – ich brauche Liebe. Ohne Liebe kann ich nicht leben.
Liebe ist ein Wort, unter dem sich jeder Mensch etwas anderes vorstellt. Für den einen Menschen ist es Liebe, wenn er einen Blumenstrauß, Auto, Schmuck oder anderes geschenkt bekommt. Für mich ist Liebe, wenn ich immer für den anderen da bin und ihn so, wie er wirklich ist, lieben kann, mit allen Schwächen und Stärken. Ihn nicht verändern möchte, ihn achte und respektiere. Dasselbe muss er für mich empfinden. Mein Herz ist offen für die Liebe.
Heute bin ich mir bewusst, dass wir uns mit unserer Trennung beide befreiten. Wir hatten ab diesem Moment beide wieder eine Chance, einen liebenden Menschen zu finden, der unser Denken und unsere Art von Liebe teilt. Wir hatten uns nicht mehr verstanden in unserer Art und Weise des Lebens, wir hatten uns gegenseitig nur noch eingeschränkt. Wie heißt es so schön: Es gibt für jeden Topf einen Deckel. Ich und mein Ehemann waren schon längst einsam gewesen mit unseren Gedanken und unseren Wünschen. Bewusst wurde mir dies allerdings erst, als wir voneinander getrennt lebten.
Mein Ehemann hatte mein Konto innerhalb weniger Tage auf fünfhundert Euro schrumpfen lassen. Ich musste also wieder viel Geld verdienen, um unseren Lebensunterhalt bezahlen zu können. Aber das war ich ja von früher gewohnt.
Eine große Last fiel von mir ab. Mein Mann hatte mir zwar noch kleinere Schwierigkeiten gemacht, bis er endgültig begriff, dass ich es wirklich ernst meinte. Er gab jedoch endgültig auf, als er feststellte, dass es auch den Kindern sein Auszug sehr recht war. Da gab er sich geschlagen.
Ich konnte es noch gar nicht fassen: Nun hatte ich die Möglichkeit, für mein Leben einen Partner zu finden, der mich bedingungslos liebte! Zunächst einmal aber wollte ich nur mein freies Leben zuhause genießen. Morgens stand ich gut ausgeschlafen auf und machte den Stall, frühstückte und ging zu meiner Arbeit. Es würde bestimmt nicht lange dauern, dann hätte ich mich erholt von dem jahrelangen Stress durch meinen Ehemann. Meine Kinder freuten sich, ein Zuhause zu haben, in dem sie nicht ständig arbeiten mussten und den Launen meines Ehemannes ausgeliefert waren. Meine Mutter wollte noch solange bleiben, bis ich mich erholt hatte. Ich war mir völlig sicher, dass nun der gute Teil meines Leben begonnen hatte. Ab jetzt sollte nur noch Glück in meinem Leben herrschen.
Es war Frühjahr, als wir meinen Ehemann fortschickten. Wir erlebten einen zufriedenen Sommer. Der Lebensgefährte meiner Mutter besuchte uns; er war Heilpraktiker und begleitete mich den ganzen Sommer bei meiner Arbeit. Wir führten sehr philosophische Gespräche und lasen spirituelle Bücher.
Obwohl eine schwere Last von mir gefallen und ich zufrieden und erleichtert war, wollte meine alte Kraft einfach nicht zurückkommen. Auch mein Asthma war weiterhin da. Ich überlegte, dass ich nun nicht mehr so viel arbeiten müsste, denn ich und meine Kinder benötigten nicht mehr so viel Geld wie früher, als mein Ehemann noch bei uns war. Er hatte ja viel von dem von mir verdienten Geld für seine Frauen ausgegeben.
Ich wollte mein Leben verändern. Ich wollte mein Buch schreiben über die Bewegungstherapie für Pferde.
Mein Asthma aber veränderte sich nicht durch weniger Arbeit. Ich konnte kaum noch atmen und die homöopathischen Mittel, die ich einnahm, halfen so gut wie nicht. Ich schleppte mich zur Arbeit, und mein Pferd konnte ich kaum noch selbst versorgen. Ich ging zwar zum Arzt, doch er war ratlos.
Eine Pferdebesitzerin und Kundin, welche Zahnärztin war, wies mich darauf hin, dass mein Zahnfleisch voll altem Heustaub war. Sie war der Ansicht, dass mein Asthma durch das Zahnfleisch und Störfelder in den Zähnen verursacht würde.
Ich spürte auch, dass ich nicht mehr so viel arbeiten sollte, und sagte alle weiteren Fahrten ab. Ich hatte ja mein „Luxusprojekt“, meinen Ehemann, nicht mehr. Jetzt konnte ich kürzer treten.
Als ich nicht mehr so viel arbeitete, wurde meine Lunge jedoch noch schwächer – es fühlte sich an, als ob ich langsam erstickte. Dabei war ich doch so glücklich! Warum nur verschwand mein Asthma nicht, fragte ich mich.
Ich hatte das Gefühl, ich sollte noch stärker zurückschrauben. Nachdem mein Zuhause nun wieder meine Höhle geworden war, reduzierte ich meine Kunden um die Hälfte.
In meiner Mittagspause saß ich oft an einem idyllischen See. Dort wollte ich Kraft sammeln. Am See konnte ich meine Gedanken schweifen lassen. Ich dachte über mein Leben nach.
Eigentlich war meine Ehe ganz gut verlaufen. Sie hatte viele große Tiefs durchgestanden. Dadurch, dass wir uns beide dabei verändert hatten, jedoch jeder in eine andere Richtung, hatten wir uns verloren. Unsere Interessen waren nicht mehr gemeinschaftlich. Ich habe durch unsere Schicksale gelernt, dass Glück nicht mit Geld zu gewinnen ist, und entwickelte ein großes Vertrauen in meinen Lebensweg. Währenddessen hatte mein Ehemann zwanghaft versucht, Millionär zu werden. Unter diesem Druck wurde er depressiv und wahnsinnig. Ich bin über unseren schwierigen Zeiten erwachsen geworden. Zu Beginn meiner Ehe hatte ich versucht, mit meinem Ehemann meinen verstorbenen Vater zu ersetzen. Alles, was ich an meinem Vater vermisste aus der kurzen Zeit, die ich mit ihm gehabt hatte, suchte ich nun in meinem Mann. Diese Anforderung hatte mein Ehemann die ersten Jahre auch erfüllt. Er hatte sich um mich gekümmert und auch um unsere Kinder. Ich konnte mich am Anfang meiner Ehezeit immer auf ihn verlassen. Der Zusammenhalt unserer Familie in unseren schwierigen Zeiten war mir immer das Wichtigste gewesen, und dieser Zusammenhalt war uns auch geglückt – bis er unsere Familie mit seiner Geldgier gefährdet hatte und verhaftet wurde. Da war mein Vertrauen zu ihm zerstört. Ich war zugleich sehr verletzt und enttäuscht von ihm. In diesem Moment verstand ich, dass ich mein Leben selbst in die Hand nehmen musste, da mein Ehemann für Geld seine Familie verkaufen würde. Er war bereit, für einen Gewinn über Leichen zu gehen. Von da an übernahm ich immer mehr Aufgaben in unserer Gemeinschaft, und das machte mich in meinem Wesen immer stärker, bis ich zuletzt allein die Verantwortung für alle Entscheidungen über mich und die Kinder trug. Das war der Augenblick, in dem ich und mein Ehemann uns endgültig entfremdet hatten.
Traurig blickte ich in den See. Ein leichter Wind wehte über mein Gesicht und durch meine Haare. Die Sonne wärmte meinen Körper. Dann schweiften meine Gedanken weiter.
Ich gebe zu, dass ich in meiner Ehezeit viel gelernt habe. Ich habe gelernt, in der Gegenwart zu leben, Dinge zu akzeptieren, die ich nicht verändern kann. Ich lernte das Urvertrauen, dass für mich immer gesorgt werden würde und dass der Weg, den ich gehe, der wahre und richtige Weg für mich ist. Die Verantwortung für meine Taten und deren Konsequenzen zu tragen. Eigene Lösungen zu schaffen. Und das Wichtigste, was ich gelernt habe, ist, dass ich für mich selbst sorgen konnte. Dass ich mich selbst ernähren konnte.
Der Verlust meines besten Freundes
Mein bester Freund war mein Pferd, mein Painthengst mit dem Namen „Merada“. Ein Paint ist ein geschecktes Quarterhorse. Schon in meiner Kindheit waren meine Tiere – Ziegen, Hasen, Frettchen, mein Hund, Meerschweinchen, Hamster und Katzen – meine besten Freunde gewesen. Ich hatte zwar auch viele menschliche Freunde gehabt, meinen Tieren aber vertraute ich hemmungslos alles an. Sie waren die einzigen Lebewesen, die alles von mir wussten, alle meine Gedanken, all meine Gefühle. So auch mein Pferd. Mit ihm habe ich viele Turniererfolge errungen. Wir waren in der Westernreitszene in der Profi-Klasse ein bekanntes Team. Ich hatte ihn als Fohlen gekauft; inzwischen begleitete er mich seit über zwanzig Jahren. Er kannte alle meine Sorgen und Probleme, denn ich erzählte sie ihm jeden Morgen, wenn ich ihn fütterte.
Jetzt hatte ich Asthma und keine Kraft mehr, ihn zu versorgen. Ich konnte ihn nicht einmal mehr füttern und ich musste mir ernsthaft überlegen, ihn bei meinem Hufschmied, mit dem ich befreundet war, einzustellen. Er hatte an der tschechischen Grenze einen kleinen Stall mit großen Koppeln. Merada wäre dann eine Stunde Autofahrt von mir entfernt und ich könnte ihn nur selten besuchen. Es war jedoch der einzige Stall, wo ein Hengst auf die Weiden käme. Die meisten Einstellerställe lassen Hengste nur auf Paddocks, also eine Art Minikoppel. Denn sie haben Angst davor, dass der Hengst zu der Stutenherde durchbricht. Mein Hengst war es jedoch gewohnt, neben Stuten zu stehen, ohne sie gleich decken zu wollen. Die Tage wurden für mich immer schlimmer; ich konnte kaum noch atmen, hatte gerade noch genug Kraft, arbeiten zu gehen, um uns zu ernähren. Schweren Herzens akzeptierte ich, dass mein Hengst bei meinem Freund eine neue Heimat bekam.
Mein Hufschmied kam mit einem Pferdehänger, und Merada und sein Freund Artax, das Pony meiner Tochter, wurden eingeladen. Als ich ihm zum Einladen das Halfter anlegte, sah Merada mich mit fragenden Augen an. Mit einem Lächeln im Gesicht und einem weinenden Herzen blickte ich ihn an und sagte zu ihm, dass es so, wie es war, wohl gut war. Als ich ihn zum Hänger führte, ging er sofort hinein. Auch Artax war brav in den Hänger gegangen. Ich dachte daran, dass Artax überhaupt nicht gefragt worden war, was er eigentlich wollte. Aber alleine bei mir lassen konnte ich ihn ja auch nicht. Mein Hufschmied fuhr mit den beiden im Hänger los und ich fuhr hinterher und weinte. Meine Tränen flossen wie ein Wasserfall über mein Gesicht, mein Leben war völlig leer. Ich fühlte mich ausgebrannt und völlig einsam und verlassen. Mir fehlte jede Vorstellung davon, wie ich in Zukunft leben sollte, da mich mein einziger vertrauter Freund nun verließ. Nie im Leben hätte ich damit gerechnet, dass wir je getrennt würden. Die Fahrt dauerte eine Stunde, und diese ganze Stunde hindurch weinte ich. Es waren keine einzelnen Tränen mehr, es war ein einziger Tränenfluss, der meine Wangen herunterlief.
Im neuen Stall luden wir die beiden aus. Ich schämte mich vor meinem Hufschmied und seiner Frau, dass ich so viel weinen musste. Merada und Artax kamen nebeneinander in einen Offenstall mit Paddock. Sie fühlten sich wohl. Am Tage kam Merada auf eine Koppel gleich neben der ganzen Pferdeherde, und Artax durfte mit in die Herde. Es war sehr wichtig für die beiden, viel Kontakt zu anderen Pferden zu haben. Ich sah, dass alles in Ordnung war, und fuhr nach Hause. Mein Leben war nun leer, gleichgültig und ohne Freude. Merada war über eine Stunde von mir entfernt. Es war für mich nicht möglich, ihn täglich zu besuchen. Ich dachte daran, dass es ihm dort an nichts fehlte – ich sollte mich für ihn freuen. Er hatte es verdient, ein schönes Leben zu haben. Als ich mit dem Auto zuhause ankam, hatten meine Kinder die Koppel und den Stall der beiden gerade abgebaut.
In diesen Tagen fühlte ich tiefe Einsamkeit in meinem Herzen. Zwar wusste ich, dass ich nicht alleine war; ich hatte eine ganze Menge Freunde und auch meine Kinder um mich herum, und alle wollten mir helfen. Doch sie konnten die Leere in meinem einsamen Herzen nicht füllen, so sehr sie sich auch anstrengten. Das erste Mal in meinem Leben überkam mich das Bewusstsein, dass ich alleine auf die Erde gekommen war, meine Schicksale alleine erleben musste und auch einmal ganz allein würde sterben müssen. Und wenn noch so viele gute Freunde meine Hand hielten – meinen Weg musste ich alleine gehen. Zu keiner Zeit in meinem Leben war mir dies so bewusst wie an jenem Tag, als Merada von mir ging.
In der Anfangszeit der Trennung von Merada war ich völlig ausgebrannt und habe nur noch gearbeitet, da mich die Arbeit erfüllte – das dachte ich zumindest.
Obwohl beide Pferde dort optimal versorgt wurden, nahm Merada immer mehr ab. Auch er litt unter unserer Trennung. Er hatte Futter im Übermaß, die Stallbesitzerin liebte ihn, trotzdem verlor er sehr viel Gewicht.
Zunächst dachte ich, dass er sich an die neue Situation gewöhnen würde. Nach einem Jahr aber habe ich ihn wieder dort abgeholt. Er war sehr dünn und sah nicht gut aus. Mit meiner Zwillingsseele zusammen habe ich ihn geholt und in meiner Nähe in einem Pferdestall untergestellt; Artax kam in einen anderen Pensionsstall in der Nähe, wo er in einer kleinen Herde leben konnte. In seinem neuen Stall hatte Merada zwar nur noch einen Paddock, dafür aber Familienanschluss. Dort war früher seine Deckstation gewesen, und die Besitzer dieses Stalles hatten ihn schon immer geliebt. Ich versuchte, ihn täglich zu reiten und zu putzen, doch mein Asthma schwächte mich zu sehr. Ich konnte ihn auch dort nur an wenigen Tagen besuchen. Zum Glück nahm er trotzdem wieder an Gewicht zu. Die besondere Beziehung, die ich zu ihm gehabt hatte in der Zeit, als er bei uns lebte, konnte ich jedoch nicht mehr aufbauen.
Trotz allem ist und bleibt es wichtig für mich, alles zutun, damit es Merada gut geht. Ich liebe ihn und bin ihm sehr dankbar für die Zeit, die er mir bis zum heutigen Tag geschenkt hat. Heute kann ich ihn bedingungslos lieben; damals konnte ich es nur, wenn er für mich da war. Jetzt bin ich sehr froh, dass er gesund und glücklich ist, und genieße meine Zeit mit ihm.
Meine Kinder wurden erwachsen
Durch mein Asthma habe ich mich immer mehr auf die Arbeit an meinem Buch „Bewegungstherapie für Pferde“ konzentriert. Mit dem Auto zur Arbeit zu fahren kostete mich sehr viel körperliche Kraft, und so dachte ich, dass es jetzt die richtige Zeit für mein geplantes Buch war. Auch dachte ich darüber nach, dass ich so mehr bei meinen Kindern sein könnte, nachdem ich ihren Vater aus dem Haus geschickt hatte. Ich wollte nicht, dass sie sich alleingelassen fühlten. Denn von ihrer Geburt an war immer entweder ich oder ihr Vater bei ihnen gewesen.
Als ich nun mehr Zeit zuhause verbrachte, wurde mir immer bewusst, wie selbstständig meine Kinder schon waren.
Mein Sohn hatte längst eine gute Liebesbeziehung. Er war zudem für sein Studium von zuhause ausgezogen. Das fiel mir sehr schwer: Ich musste ihn loslassen. Anfangs kam er noch jedes Wochenende nach Hause, doch mittlerweile schaute er nur noch vorbei, wie es mir ging. Gewohnt hatte er eigentlich schon länger bei seiner Freundin oder dort, wo er studierte.
Meine Tochter hatte ebenfalls eine feste Liebesbeziehung; auch sie war fast nur noch zum Schlafen da, und dies nur unter der Woche. Das Wochenende verbrachte sie bei ihrem damaligen Freund.
Ich pflegte unseren Garten, so gut ich konnte. An einem wunderschönen sonnigen Sonntag saß ich auf meiner Hollywoodschaukel neben unserem Grillplatz. Ich genoss die Sonne auf meinem Gesicht. Meine Gedanken wanderten so dahin.
Eigentlich gefiel es mir, wie meine beiden Kinder ihr Leben lebten, ihre Aufgaben erfüllten. Sie hatten beide ihren Lebensweg gefunden. Dann schaute ich den Vögeln zu, die am Himmel ihre Kreise flogen. Es war August und die Vögel sammelten sich schon. Ich konnte ihre Sehnsucht spüren. Ich war glücklich, jedoch füllte sich auch mein Herz mit dem Gefühl der Sehnsucht – der nach einem liebenswerten Lebensgefährten. Ich fühlte mich einsam und verlassen. Mein Blick glitt über unseren schönen Grillplatz und Garten, doch niemand außer mir nutzte sie mehr. Ich überlegte, für wen ich mir die ganze Arbeit machte, damit alles schön aussah. Für wen hielt ich das ganze Haus sauber, wenn nur noch ich richtig darin wohnte? Mir würde eine Dreizimmerwohnung mit Balkon reichen. Und was ist, wenn es diesen von mir selbst gebastelten Lebensgefährten nicht gab? Und ich vielleicht am Ende völlig unglücklich würde?
Zu diesem Zeitpunkt war ich frei, niemand konnte mich ausnutzen. Dann dachte ich mir, dass ich meine neue Liebe nicht suchen sollte; er müsste von Gott zu mir geführt werden. Ansonsten, dachte ich, bliebe ich lieber alleine, mit meiner Arbeit, die mich erfüllte, und voll und ganz vertieft in die Bücher, die ich schreiben wollte. Das war meine neue Zukunft, und wenn Gott so wollte, dann würde mein selbsterfundener Lebensgefährte in mein Leben kommen.
Früher, als beide Kinder noch zuhause waren, hatte ich mir vorstellen können, für immer alleine mit meinen Kindern zu leben. An eine Liebesbeziehung hatte ich zu diesem Zeitpunkt keinen Gedanken verschwendet. Meine einzigen Interessen waren meine Kinder und das Schreiben meines Buches.
Nachdem meine Kinder nun aber schon so selbstständig waren – was mich auch stolz auf sie machte –, fühlte ich nach einigen Wochen ein stärker werdendes Gefühl der Einsamkeit. Unser ganzes Heim hatte sich aufgelöst. Meinen Ehemann hatte ich fortgeschickt, was ich zu keinem Zeitpunkt bereute. Mein Pferd war eingestellt in einem anderen Stall, und meine Kinder entwickelten sich prächtig zu Erwachsenen. Eigentlich schien alles perfekt. Ich fragte mich, warum ich dennoch nicht glücklich war. Die Antwort lautete: Mir fehlte Liebe. Auch fehlte mir die Liebe zu mir selbst, um mich so zu akzeptieren, wie ich wirklich war. Meine Einsamkeit war die Sehnsucht nach der Liebe meines erdachten Lebensgefährten. Von diesem Zeitpunkt an sollte ich noch einen langen, schweren Weg gehen, um zu erfahren, wer und wie ich wirklich bin. Es ist wirklich gut, nicht alles zu wissen, was einen in der Zukunft erwartet.
Meine Vision
An schönen Sonnentagen saß ich auf meiner Hollywoodschaukel unter einem sehr alten Apfelbaum in meinem Garten und schrieb an meinem Buch „Bewegungstherapie für Pferde“. Zwischendurch machte ich Pause und schaute den Vögeln, Schmetterlingen und den Wolken zu. Dieses Beobachten der Natur erfüllte mein Herz mit tiefer Wärme. Ich fühlte Sehnsucht danach, ganz mit der Natur eins zu sein. Wie schön doch die Natur war – ich hatte sie ganz vergessen. Ich beobachtete alles, was sich bewegte und blühte. So spürte ich, wie meine Sehnsucht nach Liebe immer mehr wuchs. Ich wusste damals noch nicht, was diese Sehnsucht bedeutete, nur, dass sie sehr intensiv war, sogar fast schmerzte in meinem Herzen. Dieser Schmerz war aber nicht unangenehm. Ich fühlte mich, als ob etwas ganz sensationell Gutes passieren würde. Mein Gefühl sagte mir, dass ich das Schlimmste in meinem Leben durch meinen Exmann erlebt hatte. Dass ab jetzt nur noch Positives in mein Leben kommen würde. Negatives hatte keine Chance mehr, denn das hatte ich ja schon erlebt. Es war, als ob ich nun belohnt werden sollte. Ich musste nur darauf warten, bis die richtige Zeit gekommen war. Solange könnte ich mein Buch schreiben, dachte ich mir, um diese Zeit zu überbrücken. Sehnsüchtig wartete ich auf mein großes Glück.
Meine Vision war Glück, Glück und nochmals Glück. Ich schwebte wie auf Wolken.
Von dieser Zeit an habe ich mich mit Büchern über das Glücklichsein beschäftigt, in spirituellen Büchern über viele Methoden gelesen, wie man sein Glück zu sich holen könnte. Unter anderem stand dort auch, dass man seine Zukunft durch Wünschen und mit Hilfe bestimmter Rituale beeinflussen könne. Ich glaube, ich habe über dreißig Bücher durchgearbeitet von den unterschiedlichsten Autoren und über die verschiedensten Techniken, wie man glücklich werden kann.
Im Endstadium meines Burn-outs habe ich diese Bücher allesamt verschenkt. Durch meinen Burn-out habe ich erfahren, dass man nur glücklich wird, wenn man den Lebensweg der eigenen Seele lebt. Dies stand in keinem der Bücher, die ich gelesen hatte. Nach meinem Burn-out benötigte ich die Techniken und Rituale aus diesen Schriften daher nicht mehr – ich hatte Vertrauen in meine Seele bekommen. Ich weiß heute, dass alle Wünsche erfüllt werden, die sinnvoll für uns sind. Wünsche, die nicht im Sinne unserer Seele sind, werden nicht erfüllt. Meistens sind wir nur zu blind, um den Weg, der uns zur Erfüllung unserer Wünsche gezeigt wird, zu sehen und zu gehen.
Die Rituale, die in vielen dieser Bücher beschrieben werden, vollziehen wir, damit wir überhaupt daran glauben können, dass unsere Träume je wahr werden. Inzwischen bin ich aber der Meinung, dass dabei die große Gefahr besteht, sich selbst zu betrügen. Denn in diesen Ritualen muss man so tun, als sei alles gut und als würde man vertrauen. Die Gefühle in unserem Inneren aber sind andere. Sie lassen sich durch Rituale und Schauspielerei nicht täuschen. Es ist ein verzweifelter Versuch, Gefühle wie die Angst oder den Zweifel, dass es doch nicht gut wird, nicht in unser Bewusstsein gelangen zu lassen. Unsere Erfahrungen sind im Innersten unserer Zellen gespeichert. Wir haben sie gelebt und wir haben sie erfahren. Und nur der tiefste, innigste Wunsch unserer Seele hat die Kraft, diese Angst und diesen Zweifel zu brechen; die Kraft, uns den Mut zu geben, noch einmal etwas zu tun, das wir schon einmal als sehr schmerzhaft erlebt haben und von dem wir wissen, dass es auch wieder sehr schmerzhaft werden kann. Den Mut, zu tun, wovor man Angst hat. Und das Urvertrauen, dass es möglich ist, negative Gefühle zu leben und dass auch sie schon ein Weg zum Ziel sein können. Ich habe in meinem Burn-out gelernt, negative Gefühle ebenso zu leben wie positive Gefühle. Ich habe gelernt, sie nicht wie in den spirituellen Büchern über irgendwelche Rituale anzunehmen, loszulassen, zu verdrängen, schönzureden, zu unterdrücken – sondern sie stattdessen zuzulassen und zu leben. Heute, einige Jahre nach meinem Burn-out, kann ich tieftraurig sein und muss nicht mehr erforschen, warum ich traurig bin. Ich warte einfach, bis es vorbei ist – und es ist jedes Mal so, dass es von selbst wieder gut wird. Ganz von allein. Und dann, wenn es vorbei und wieder gut ist, empfinde ich so viel Glück in meinem Herzen, tief in meinem Inneren, wie ich zuvor Traurigkeit empfunden habe. Ab diesem Augenblick, als ich nicht mehr unterschieden habe zwischen positiven und negativen Gefühlen, sondern als es nur noch „Gefühle“ für mich gab, die ich nicht bewerten musste, habe ich Glück fühlen dürfen. Früher dachte ich: Wenn ich voller Freude bin, das ist Glück; wenn mein Herz höher springt, das ist Glück. Heute weiß ich, dass dies nur ein Moment ist, und danach ist auch alles wieder weg. Natürlich ist es ein sehr schönes Gefühl. Aber das Glück, welches ich nach meinem Burn-out-Erlebnis fühlen darf, ist mehr als das. Es ist vor allem beständig, auch in der Zeit, in welcher ich Traurigkeit empfinde. Mein heutiger Lebensgefährte sagte einmal zu mir, dass man, auch wenn man Traurigkeit empfindet, glücklich sein kann. Er könne das. Das habe ich lange Zeit nicht verstanden. Entweder bin ich glücklich oder traurig, dachte ich, das wäre doch sonst schizophren. Heute weiß ich, dass er die Wahrheit gesagt hat. Dies ist tief erfahrenes Glück, das beständig ist.
Nun aber zurück zu der Zeit, als ich noch wie besessen spirituelle Bücher las.
Ich weiß nicht mehr, in welchem, doch in einem der vielen Bücher stand etwas über das Finden der Zwillingsseele. Es erzählte von zwei Zwillingsseelen, die sich gefunden haben, glücklich wurden und heirateten. „Meine Zwillingsseele“, dachte ich mir, „das ist mein Glück.“ Natürlich war es ein Mann; an eine Frau dachte ich nicht einen Augenblick. Ich erträumte mir einen Mann mit vielen Parallelen zu mir, einen, der mich immer verstehen konnte. Der nur bedacht war, Gutes in seinem Leben zu tun. Und dieses Gute täten wir dann zusammen. Glücklich würden wir gemeinsam uralt. Außerdem stellte ich mir vor, wie wir mit dem Wohnmobil durch unsere Welt fahren könnten und überall, wo es nötig war, heilen und helfen. Mein Herz wärmte sich vor Glück. Meine Einsamkeit und meine Sehnsüchte waren verschwunden. Diese Vorstellung könnte mein neues Leben sein. Dies war mein Wunsch.
Das Buch beschrieb, dass man meditieren müsste und sich dabei auf seine Zwillingsseele konzentrieren. Dann könnte man sie vor seinem geistigen Auge sehen oder im Geiste hören. Ich meditierte tagelang auf meinem Sofa, jeden Morgen, gleich nach dem Aufstehen. Ich stand immer schon um halb fünf auf, damit ich noch alleine war und Ruhe hatte. Nachdem ich meine Zwillingsseele nicht vor meinem geistigen Auge sehen konnte, fragte ich beim Meditieren, ob sie da wäre. Und tatsächlich – nach ein paar Wochen hörte ich plötzlich eine Stimme, die sagte: Ja, ich bin da. Es war eine Männerstimme. Mein Herz sprang vor Freude. Dies wiederholte sich ab diesem Morgen jeden Morgen. Es war eine sehr angenehme Stimme, und ich fragte mich, ob da wirklich eine Stimme war oder ob mein Verstand sich dies nur sehr wünschte. Doch es war mir egal – ich würde einfach weitermachen und abwarten. Was sollte schon geschehen, außer, dass ich die Stimme vielleicht irgendwann nicht mehr hören oder aber tatsächlich meine Zwillingsseele finden würde?
Nicht die geringste Ahnung hatte ich, was mir mit meiner Zwillingsseele widerfahren sollte. Dazu aber komme ich später; zuerst geschah noch etwas anderes.
Begegnung mit einer Kartenlegerin
Ich fuhr alle vier Wochen zu meiner Zahnärztin, um meine Zähne und das Zahnfleisch, das geschädigt war durch den Staub des Heus und der Reithallen und Reitplätze und Stallgassen, reinigen zu lassen. Dieser Staub hatte sich jahrelang an den Zahnrändern unter dem Zahnfleisch festgesetzt. Auch meine Lunge hatte große Probleme. Beim Atmen spürte ich, wie die Bronchien durch zähen Schleim verengt waren. Schon bei nur leichter Belastung musste ich mit meiner Bauchmuskulatur die normale Atmung unterstützen. Ich ahnte, dass sich dieser Staub auch tief in meiner Lunge festgesetzt hatte. Der Schleim war in den Bronchien und Lungenbläschen festgeklebt; das machte das Atmen schwierig. Ich ging jedoch weiterhin jeden Tag arbeiten und schrieb an den Wochenenden an meinem Buch „Bewegungstherapie für Pferde“. Jeden Abend las ich spirituelle Bücher, bis ich einschlief. So verliefen zu dieser Zeit meine Tage.
