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Was, wenn eine Prophezeiung plötzlich Deine Zukunft bestimmen will? 2489 – Die Menschheit hat die Erde hinter sich gelassen und auf Terra Nova mit ihren sieben Monden eine neue, scheinbar friedliche Heimat gefunden. Jacks Entschluss, sein Wort zu halten und nach Luna V zurückzukehren, erweist sich als schwerer Fehler. Ihm bleibt nur die Flucht vor seinem gewalttätigen Onkel zurück nach Terra Nova. Schon auf dem Rückweg lauern Gefahren. Nur mühsam gewöhnt er sich an das neue Leben unter falscher Identität. Das gilt insbesondere für sein Studium an der Sternenakademie. Als vermeintlicher Loonie und Bastard des Senators ist er dort vielen Schikanen und Vorurteilen ausgesetzt. Zum Glück kann er sich auf seine Freunde verlassen, die ihn auf seinem neuen Weg unterstützen. Schon bald wird klar, dass die Bruderschaft des Lichts unter allen Umständen ihre Prophezeiung erfüllt sehen will. Mit ihm als Krieger an der Spitze. Eine Jagd beginnt. Der letzte Band der SciFi-Geschichte um Geheimbünde, Freundschaft und ein junges Computergenie, das der Prophezeiung der Bruderschaft die Stirn bieten will.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Dürre
Band 3
Prophezeiung der Dämmerung
D.K. Berg
Häusliche Gewalt, Misshandlung
Impressum: Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Veröffentlicht bei Infinity Gaze Studios AB
1. Auflage/ Oktober 2024
Alle Rechte vorbehalten / © 2024 Infinity Gaze Studios
Texte: © Copyright by D. K. Berg
Cover & Buchsatz: Valmontbooks
Autorenfoto: Maike Vará
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung von Infinity Gaze Studios AB unzulässig und wird strafrechtlich verfolgt.
Infinity Gaze Studios AB
Södra Vägen 37
829 60 Gnarp
Schweden
www.infinitygaze.com
Für Alfred, Julian und Jonas,
die gute Geschichten lieben
und auf ihre ganz eigene Art
Geschichtenerzähler sind.
Wenn Chaos und Unverstand das Land regieren, wird der Krieger des Lichts kommen, um uns zu richten. Er wird wählen zwischen Licht und Schatten, um das Leben neu zu ordnen. Er wird Leben schenken und auslöschen und so jeden seiner ihm zugewiesenen Bestimmung zuordnen.
Wenn die Sonnenwinde leuchten, bricht das neue Zeitalter an. Der Krieger des Lichts wird für alle Welt sichtbar sein. Er wird seine Aufgabe annehmen und sein Licht der Menschheit schenken. Das Schicksal der Menschheit erfüllt sich, wenn Waffe und Krieger eins werden. Mit seinem mächtigen Schwert, das er selbst geschmiedet hat, zerteilt er den Strom und schafft eine neue Ordnung.
Aus den roten Büchern der Dämmerung
„Bitte schnallen Sie sich an, wir landen in wenigen Minuten.“ Die freundliche Computerstimme hörte Jack nur mit halbem Ohr. Während des gesamten Fluges hatte er sich gefragt, was ihn auf Luna V erwarten würde. Die Antwort darauf würde nur Onkel Amos wissen. Die Unruhe, die sich seiner bemächtigt hatte, glich der, die ihn befallen hatte, wenn er von der Schule zurück auf die Farm geeilt war. Was konnte sich in den paar Stunden nicht alles ereignen! Nun war er zehn Tage nicht vor Ort gewesen, sondern auf Terra Nova, einem Ort, den sein Onkel von ganzem Herzen hasste!
Als der Junge aus dem Tor des Landeplatzes von Luna V trat, lehnte Onkel Amos mit überkreuzten Armen an seinem Planwagen, den er normalerweise für die Ernte nutzte. Offenbar war er direkt vom Feld aus aufgebrochen, um ihn abzuholen. Der Junge zögerte kurz, dann schulterte er seinen Seesack und kam langsam auf seinen Onkel zu. Amos beobachtete ihn. Sein Blick glitt prüfend von oben nach unten und wieder zurück, als suche er nach gewissen Anzeichen von etwas, das Jack nicht genau benennen konnte.
„Hallo, Onkel Amos“, brachte Jack schließlich hervor, als er vor ihm stand. Er hatte verdrängt, wie groß und massig dieser Mann war. Wie so oft überkam ihn das Gefühl, in seiner Gegenwart ein Winzling zu sein.
Amos kniff die Augen zusammen und schaute seinen Neffen durchdringend an. Überrascht stellte er fest, dass er geglaubt hatte, der Junge hätte sich irgendwie verändert. Äußerlich war dem Bengel jedenfalls nichts anzumerken. Aber er würde seinem Neffen schon noch auf den Zahn fühlen.
„Rauf mit dir, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, 'rumzustehen und ein Pläuschchen zu halten. Die Arbeit macht sich nicht von allein!“
„Ja, Sir“, sagte der Junge ergeben und warf seinen Seesack hinten auf die Ladefläche, bevor er selbst auf den Kutschbock kletterte und neben Amos Platz nahm. Er blickte stur geradeaus und versuchte, seinen Onkel so gut es ging zu ignorieren. Wenn er sich quasi unsichtbar machte, hatte er eine gute Chance, heute gefahrlos durch den restlichen Tag zu kommen.
Amos ließ die Kutscherpeitsche kurz knallen, und Amy und Bella setzten sich in Bewegung. Es war merkwürdig, nach den zehn Tagen absoluter Technologie auf Terra Nova wieder auf diesem sehr rückständig wirkenden Mond zu sein. Jack fühlte sich unwirklich, fast wie in einem Traum. Eine Weile rumpelten sie durch die abgeernteten Felder. Der Landeplatz verschwand nach und nach aus ihrem Gesichtsfeld. Um sie herum war nichts als Weite, die hier und da von einem Baum oder einem Hain durchbrochen wurde. Die nächste menschliche Besiedlung lag meilenweit entfernt.
In Jack begann sich etwas zu regen. Zunächst konnte er es nicht genau benennen. Mit der Zeit verstärkte sich aber das Gefühl und ließ seine Nackenhaare zu Berge stehen. Etwas bahnte sich an. Eine Katastrophe, von der er nicht wusste, wie er sie verhindern sollte. Er hatte etwas Entscheidendes vergessen. Etwas sehr Wichtiges, das ihn Kopf und Kragen kosten würde. Er war sich sicher, dass es so war, aber er konnte absolut nicht sagen, was genau ihm diese Gewissheit brachte.
„Da ist unser Studiosus also tatsächlich zurückgekehrt“, brummte Amos mit einem Mal. Er klang fast belustigt, so als hätte Jack einen komischen Fehler begangen, wieder einmal.
„Ich habe dir mein Wort gegeben, Onkel Amos. Ich halte mich in der Regel an Absprachen.“ Der Junge blickte auf seine Hände, die er fest ineinander verschlungen hatte. Amos hob eine Augenbraue und fixierte seinen Neffen mit einem eisgrauen Blick.
„So?“
Jack warf ihm einen scheuen Blick zu und musste sich zwingen, die Worte, die ihm auf der Zunge lagen, hinunterzuschlucken. Denn dann würde sein Onkel wissen, dass er mehr über seinen Aufenthalt hier wusste als vor seiner Abfahrt, und das würde bedeuten, dass er sich eben nicht an alle Absprachen gehalten hatte. Amos ruckte plötzlich an den Zügeln, und die Pferde hielten an. Er drehte sich zu Jack herum, der sich zwingen musste, ruhig sitzen zu bleiben. Dieser Mann hatte eine wirklich furchteinflößende Aura.
„Hast du deinen Ring noch?“, wollte er wissen und ließ seinen Blick nach unten an Jacks Knöchel gleiten. Der Junge verzog seinen Mund und ein spöttisches Lächeln glitt kurz über sein Gesicht, bevor es wieder der undurchdringlichen Maske Platz machte, die er seit dem Verlassen des Shuttles aufgesetzt hatte. Er beugte sich vor, knöpfte langsam das Hosenbein auf und legte die Fußfessel frei, die noch immer grün leuchtete. Offensichtlich war er in einem freien Bereich. Zumindest hoffte er es.
Plötzlich wurde ihm klar, was er vergessen hatte. Aber jetzt war es zu spät, um es noch zu korrigieren. Langsam sah er auf und blickte in Onkel Amos' Gesicht, dessen Augen vor Wut dunkel geworden waren. Und da war auch noch etwas anderes. So etwas wie ein kurzes, erregtes Aufflackern einer tiefen Freude, die Jack an Flucht denken ließ. Die Augenblicke, die still vorüberzogen, kamen ihm endlos vor. Fast war er erleichtert, als sein Onkel ihn unsanft am Kragen packte.
„Du Rotzlöffel hast geglaubt, dass du mich reinlegen kannst?“ Die Ohrfeige, die folgte, riss Jacks Kopf herum. Hätte er gestanden, wäre er, wie meistens, zu Boden gegangen. Er schmeckte Blut im Mund. In seinen Ohren klingelte es, und seine Wange brannte, als hätte er sie auf eine heiße Ofenplatte gedrückt. Er schüttelte den Kopf, um wieder klare Sicht zu bekommen, doch eine zweite Ohrfeige vereitelte seinen Versuch. „Hast du das tatsächlich geglaubt?“
„Nein, Sir! Ich weiß nicht, wovon du…“
„Ach, du weißt also nicht, wovon ich spreche?“
Erneut traf Amos' Handrücken ihn im Gesicht. Gleichzeitig ließ Amos los, und der Junge stürzte rittlings vom Wagen herunter und schlug hart am Boden auf. Die Luft wich aus seinen Lungen. Benommen blieb er liegen und rang keuchend nach Luft.
Er hatte geahnt, dass es schlimm werden würde, und nun bekam er langsam Angst. Fünfzehn Tage waren vergangen, an denen sein Onkel kein Ventil für seine Emotionen gehabt hatte. Jack hoffte, dass die Wut, die Amos angestaut hatte, sich wie eine Explosion entladen würde. Heftig, aber kurz. Er wappnete sich innerlich gegen die Tracht Prügel, die gleich unweigerlich folgen musste.
Der Junge fühlte ein leichtes Bedauern. Er hatte die zehn Tage trotz aller Aufregungen auf Terra Nova wirklich genossen. Insbesondere weil er weit außerhalb der Reichweite seines Onkels gewesen war.
Amos war ebenfalls vom Kutschbock gesprungen. Er zerrte den Jungen hoch, der nur wenig Widerstand leistete.
„Dir werde ich zeigen, was es heißt, mich zu hintergehen“, sprach Amos fast zu sich selbst. Er öffnete die Schnalle seines dünnen Lederriemens. Anstatt ihn damit wie sonst zu schlagen, band er schnell Jacks Handgelenke zusammen. Der Junge war völlig überrascht und starrte seinen Onkel entsetzt an.
„Was hast du vor, Onkel Amos?“
„Ich werde dir beibringen, mich und meine Anweisungen ernst zu nehmen. Ich hatte dir gesagt, dass du die Fußfessel tragen sollst, damit du dich nicht an Orten herumtreibst, die dir nicht bekommen. Offenbar hast du das Ding aber manipuliert.“
Er schwieg einen Augenblick und wartete auf Protest von Jacks Seite. Dabei zerrte er den Jungen zur Rückseite des Wagens. Die Ladefläche war erhöht und umrandet, sodass das getrocknete Stroh nicht so ohne Weiteres herunterfallen konnte. Einzelne senkrechte Streben liefen um die Ladefläche, zwischen denen sich Eisenstangen befanden. Sie begannen knapp auf Augenhöhe. Er streifte das lange Ende des Gürtels um eine der höheren Streben und zog es fest. Jacks Handgelenke hingen nun über seinem Kopf. Er versuchte probeweise aus den Fesseln zu entkommen, doch ihm war klar, dass es zwecklos war. Vermutlich würde ihn sein Onkel bis zur Farm hinter sich herlaufen lassen. Er nahm an, dass, wenn sie auf der Farm angekommen waren, er sich dann im Büro die eigentliche Abreibung abholen durfte.
„Wie kommst du darauf, dass ich die Fessel manipuliert habe?“ Jack sah seinen Onkel über die Schulter trotzig an. Der kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.
„Sie hätte sich nach der Landung deaktivieren müssen. Immerhin brauche ich dich auf der Farm und kann eine Einschränkung durch dieses Ding nicht gebrauchen. Aber sie leuchtet noch immer grün. Kannst du mir das erklären?“
Noch während er sprach, hatte er seine Hand erhoben und sie dann schmerzhaft in Jacks Haar verkrallt. Er zog seinen Neffen unsanft zu sich heran. Jack war durch die gefesselten Hände seinem Onkel wehrlos ausgesetzt. Er versuchte das Reißen an seiner Kopfhaut so gut es ging zu ignorieren und biss die Zähne zusammen. Er würde das hier durchstehen. Sein Onkel schüttelte ihn wie eine Ratte.
„Ich habe dich was gefragt, Schwachkopf. Wie kann es sein, dass die Fessel noch immer aktiviert ist?“
„Vielleicht ist sie falsch programmiert worden!“ stieß der Junge atemlos hervor. Aber er wusste, dass er seinen Onkel nicht täuschen konnte.
„Du hast sie umprogrammiert, sobald du die Gelegenheit dazu bekommen hast, darauf wette ich.“
„Onkel Amos! Bitte! Ich habe nicht…“
„Lüg mich nicht an!“
Amos’ Gesicht war Jacks so nah, dass dieser die feine, sonnengebräunte Haut seines Onkels aus nächster Nähe betrachten konnte. Er roch den dumpfen, moschusartigen Schweißgeruch, den Amos verströmte und erschauerte. Der Lederriemen schnitt dem Jungen in die Handgelenke, als er erneut versuchte, sich zu befreien.
„Mach mich los“, stieß Jack zwischen den Zähnen hervor. „Du hast kein Recht…“
„Ich habe jedes Recht der Welt, Bürschchen“, schnitt Amos ihm das Wort ab. „Dein Vater hat dich in meine Obhut gegeben und es ist an mir, dir endlich Manieren und Anstand beizubringen. Bis jetzt war ich offenbar zu zögerlich in deiner Erziehung. Also muss ich andere Saiten aufziehen.“
In seinen Augen glitzerte etwas, das Jack das Blut in den Adern gefrieren ließ. Er begann sich so gut es ging zu wehren. Dennoch, es war aussichtslos. Sein Onkel war viel stärker als er und in der eindeutig besseren Position. Plötzlich packte Amos Jacks Tunika hinten am Kragen und zerrte mit einem kräftigen Ruck daran. Mit einem hässlichen Geräusch gab der Stoff nach. Er zerriss der Länge nach und gab den bloßen Rücken frei, der, bis auf ein paar verblasste rote Linien, wieder makellos war.
Einen Augenblick war Amos versucht, zärtlich über die Schulter- und Rückenpartie seines Neffen zu streichen. Aber er war zu sehr in Aufruhr, um sich lange an dem Anblick zu ergötzen.
„Ich werde dich lehren, was passiert, wenn du gegen meine Regeln verstößt, Freundchen.“
Seine Stimme war plötzlich sehr ruhig. Jacks gesamter Oberkörper überzog sich mit einer Gänsehaut. Er stand ruckartig still und versuchte seinen Onkel zu fixieren, der aber kurz aus seinem Gesichtsfeld verschwand.
„Was hast du vor?“
„Ich hatte dir gesagt, was passieren wird, wenn du dich nicht an unsere Abmachung hältst, oder?“
„Ja.“
„Ja, was?“
„Ja, Sir.“
Amos stand plötzlich so in seinem Rücken, dass Jack ihn nur sehen konnte, wenn er den Kopf extrem nach hinten verdrehte. Er wandte sich mühevoll um und entdeckte die Kutscherpeitsche, die Amos in der rechten Hand hielt. Erneut zerrte er verzweifelt an seinen Fesseln. Der Riemen gab keinen Zentimeter nach. Ein helles Zischen kündigte den ersten Schlag an. Jack drehte seinen Körper hin zur Kutsche, um sein Gesicht zu schützen. Er stand augenblicklich still und rührte sich nicht mehr. Als das dünne Ende sein Ziel erreichte, riss Jack vor Schmerz und Überraschung gleichermaßen die Augen auf. Er zuckte zusammen, gab aber keinen Laut von sich. Die Peitsche hinterließ einen dünnen, hellroten Streifen, der sich zügig dunkelrot verfärbte.
„Ich sagte dir, dass du ein Tribunal erleben würdest, wie keines davor“, fuhr Amos ungerührt fort. „Nun sag mir, Jack. Wie hoch muss ich bei deinem Ungehorsam ansetzen, damit du mir endlich glaubst und zukünftig tust, was ich dir sage?“
Ein zweiter und ein dritter Schlag gingen in kurzer Folge auf den Jungen nieder. Jack schluckte krampfhaft und versuchte, in dem Schmerz, der wie Feuer über seinen Rücken rauschte, einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Das hier würde übel enden. Wenn er sich weiter wehrte, würde er seinen Onkel nur noch weiter anstacheln, ihm wehzutun. Er versuchte abzuwägen, was er vermutlich ertragen konnte, gegen das, was seinem Onkel in Wahrheit vorschwebte, und suchte fieberhaft nach einem Kompromiss.
An die Wucht des Gürtels war er mittlerweile gewöhnt, und wenn es nicht ausartete wie vor ein paar Wochen, konnte er 50 Schläge einigermaßen wegstecken. Auch wenn er sich danach hundeelend fühlte und kaum bewegen konnte. Der Gürtel hinterließ im Normalfall allerdings keine blutigen Verletzungen. Diese Kutscherpeitsche war etwas anderes. Amos platzierte einen weiteren Schlag, um ihn zum Sprechen zu animieren.
„Wie viele, Jack?“
Die ersten Striemen auf seinem Rücken begannen anzuschwellen und unangenehm zu pulsieren.
Der Junge atmete tief durch die Nase ein. Der Riemen um seine Handgelenke gab ihm plötzlich Halt und somit die Kraft, sich wieder zu seinem Onkel umzudrehen.
„Wenn ich weiter für dich arbeiten soll, dann solltest du dich besser beherrschen, Onkel Amos.“
Er wusste nicht genau, woher er den Mut nahm, das zu sagen, und offenbar überraschte seine Antwort seinen Onkel ebenso wie ihn selbst. Der Schlag, der folgte, war härter als die davor. Jack schossen die Tränen in die Augen. Er zuckte erneut vor Schmerz zusammen und konnte ein Aufstöhnen nur mit Mühe unterdrücken. Offenbar hatte er seinen Onkel nachdenklich gestimmt.
„Also schön. Guten Argumenten habe ich mich noch nie verschlossen. Eineinhalb Dutzend, plus zwei, um das Ganze aufzurunden …“ Er ließ die Kutscherpeitsche fast liebevoll durch seine andere Hand gleiten. Ihre Blicke verhakten sich einen Moment, aber dieses Mal war es Amos, der zuerst seinen Blick löste und die Peitsche knallend durch die Luft sausen ließ.
Die Angst verbiss sich wie ein kleines, wildes Tier in Jacks Eingeweiden vor dem Kommenden.
Zeig ihm nicht, dass du Angst vor ihm hast. Diese Hölle ist bald vorbei!
Er ließ den Satz wie ein Mantra in seinem Kopf kreisen und wappnete sich dem Unausweichlichen.
Joe stand in ihrem Zimmer und fühlte sich irgendwie verloren. Carry würde, solange Georgina noch hier war, das Zimmer weiter mit ihr teilen, um ihr weiterhin zur Seite zu stehen. Vielleicht sollten sie sich, wenn das neue Semester begann, ein Zimmer zu dritt besorgen? Das war zwar ungewöhnlich, aber durchaus machbar. Sie mochte die ruhige Georgina. Im Augenblick fühlte sie sich sehr allein. Sie hatte sich überraschend schnell daran gewöhnt, mit Jack zusammen zu sein. Nun war er wieder fort. Hoffentlich behielt sie Recht und sein Onkel würde sich einfach freuen, ihn wieder auf der Farm zu haben. Die Zuversicht, die sie noch vor kurzem in der Gegenwart ihres Cousins verspürt hatte, wich zusehends einer tiefen Beunruhigung. Und was, wenn ihr Cousin recht hatte und er wieder als Blitzableiter fungieren musste?
„Du musst dich wehren, Jack! Hörst du!“ sagte sie leise. Sie hätte es ihm noch viel deutlicher machen müssen. Sie seufzte tief. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als abzuwarten, was passieren würde. Sie schnappte sich ihr Tablet und nahm Kontakt zu ihrem Vater auf.
„Joe!“ Ihr Vater war ganz offenbar erfreut, sie zu sehen.
„Hi Daddy Star!“
„Du siehst traurig aus, Prinzessin. Was ist los?“
„Jack ist vor kurzem nach Luna V zurückgekehrt. Und nun … es ist erstaunlich, wie schnell man sich an einen Menschen gewöhnen kann.“
„Du vermisst ihn“, stellte Richard fest und lächelte fein. „Ich denke, du solltest jetzt erst einmal durchatmen und an dich denken. Der Junge hat für ziemlichen Wirbel gesorgt.“
„Durchatmen kann ich nicht. Die Bruderschaft ist immer noch hinter ihm her.“
„Du willst ihm also immer noch helfen?“
Joe runzelte irritiert die Stirn. „Ich habe es ihm zugesagt. Wir haben es ihm zugesagt. Du hast gesagt, du hilfst mit.“
Richard sah einen Moment beunruhigt aus.
„Ja, das habe ich gesagt und ich halte meine Versprechen.“ Er blickte sie finster an.
„Er braucht unsere Hilfe, Daddy Star. Wir haben im Übrigen etwas Interessantes entdeckt. Nein, Jack hat es entdeckt, als er eine Strafarbeit im Büro machen musste …“
„Strafarbeit?“ unterbrach Richard seine Tochter. „Am letzten Abend? Der Junge ist unmöglich!“ Er schüttelte erbost den Kopf.
„Aber nur, weil er seine Freundin verteidigen wollte. Ein Missverständnis … irgendwie.“
„Ein Missverständnis.“ In Richards Stimme klang eine Spur Ironie mit.
„Egal. Auf jeden Fall hat er vermutlich die Namensliste gefunden.“
„Was für eine Namensliste?“
„Die der Bruderschaft des Lichts“, erklärte Joe ungeduldig.
„Ach ja?“ Jetzt war es an Richard, verblüfft auszusehen. „Und die lag da rum? Einfach so?“
Joe verdrehte entnervt die Augen. „Nein, natürlich nicht. Oder doch … wie man’s nimmt.“
„Was denn jetzt?“
Joe erzählte ihm in kurzen Sätzen, was Jack herausgefunden hatte. Daraufhin schwieg ihr Vater eine Weile.
„Ich muss darüber nachdenken, wie wir das am besten verwenden können. Er könnte trotzdem noch alles abstreiten und behaupten, dass man ihm diese Liste untergeschoben hat und er die alten Schinken nie genauer gelesen hat.“
„Dir fällt bestimmt etwas ein. Dir fällt immer etwas ein!“
„Danke für dein Vertrauen. Aber versprechen kann ich nichts. Bleibst du für die Semesterferien-Akademie im Metis-Turm oder kommst du zumindest für ein paar Tage nach Hause?“ Joe zögerte. Auf der einen Seite wollte sie gern Zeit mit ihrem Vater verbringen. Auch die Semesterferien-Akademie besaß ihren eigenen Reiz.
„Ich weiß noch nicht, Daddy Star. Muss ich das jetzt und hier entscheiden?“
„Nein, aber ich hätte dich gern hier, wenn dir das die Entscheidung erleichtert.“
„Ich melde mich. Zeitnah.“
„Du weißt, dass ich Worthülsen hasse, Prinzessin. Zeitnah ist eine.“
„Ich melde mich schnell. Versprochen!“
„Gut. Dann bis bald!“
„Hab dich lieb, Daddy Star!“
„Ich dich auch.“
„Kommunikation beenden.“
Joe starrte eine Weile auf den leeren Bildschirm. Dann seufzte sie tief. Sie musste Geduld haben. Es würde sich schon alles fügen. Sie schnappte sich ihren Komm und hinterließ Carry und Georgina eine Nachricht, dass sie sich gern mit ihnen in der Mensa treffen würde. Unschlüssig schweifte ihr Blick durch das Zimmer. Nichts deutete darauf hin, dass Jack je hier gewesen war. Wieder fragte sie sich, wie es ihm ging. Mittlerweile musste er angekommen und auf dem Rückweg zur Farm sein. Hoffentlich hatte sein Onkel daran gedacht, ihn abzuholen, sonst würde das ein langer Fußmarsch werden.
Gedankenversunken trat sie hinaus auf den Flur und wäre fast mit jemandem zusammengestoßen, der offenbar gerade im Begriff gewesen war, an ihre Zimmertür zu klopfen. Erschrocken fuhr Joe zurück und blickte in Patricks dunkelblaue Augen, die verschmitzt funkelten.
„Nicht so stürmisch, junge Frau! Ich wollte nur höflich fragen, ob Sie mich zum Essen begleiten.“
„Und da kommst du extra an meine Tür?“ Joe spürte ein kleines bisschen Ärger in sich hochwallen.
„Ich dachte, ich frage lieber persönlich“, meinte Patrick betroffen. „Ich wollte nicht unhöflich sein. Entschuldige bitte.“
Joe winkte müde ab. „Nein, nein. Schon gut. Ich war gedanklich woanders und habe nicht damit gerechnet, dass jemand vor meiner Tür lauern könnte.“
„Ich habe nicht gelauert“, stellte Patrick ein wenig pikiert klar.
„Sicher“, sagte Joe und zog die Tür hinter sich zu.
„Bitte, Joe. Es tut mir leid. Ich hatte nicht die Absicht, dich zu belästigen.“ Er berührte sie sachte am Arm. „Aber ich dachte, da du nun wieder Zeit hast …“ Er sah sie unschlüssig an.
„Ich hatte immer Zeit“, sagte Joe mürrisch, aber sie sah ein, dass das nicht wirklich stimmte. Sie seufzte. „Naja, vielleicht nicht immer. Es ist schade, dass du dich so rar gemacht hast. Du hättest Jack besser kennenlernen können, statt davon auszugehen, dass er eine Bedrohung darstellen könnte.“
„Bedrohung?“ Patrick lachte amüsiert auf. „Nein, als Bedrohung habe ich ihn nie gesehen. Eher als dein Projekt.“
Er wandte sich zum Gehen, und Joe folgte ihm ganz automatisch. Sie betrachtete ihn nachdenklich.
„Jack ist kein Projekt. Er ist mein …“ Sie unterbrach sich gerade noch rechtzeitig. Patrick durfte nicht wissen, dass der Junge ihr Cousin war. Es durfte bis auf weiteres nicht ans Licht kommen, dass sie und der Loonie miteinander verwandt waren. „Er ist nur ein Freund.“
„Ein Freund?“ wiederholte Patrick und musterte sie prüfend. Sie hielt seinen Blicken mühelos stand und nickte ernsthaft.
„Ja. Jack ist ein Freund. Er hat eine Menge Probleme und ich versuche, ihm zu helfen.“
„Probleme? Was für Probleme?“
Patrick sah ehrlich interessiert aus. Joe überlegte kurz, was sie alles erzählen konnte.
„Jack wohnt bei seinem Onkel auf der Farm. Dort wird er ausgenutzt und schikaniert. Er ist ein kluger Kopf und die Dozenten waren alle ganz begeistert. Am liebsten hätten sie ihn direkt für ein Stipendium hierbehalten. Das will sein Onkel aber nicht.“
„Hm. Klingt kompliziert. Und was ist das mit dem Senator? Das hat er nicht gewusst?“ Joe biss sich auf die Lippe. Sie mochte Patrick nicht anlügen, doch jetzt ging es nicht anders.
„Nein. Das war ein ziemlicher Schock für ihn. Der Senator hat versprochen, ihn hierher zu holen, damit er studieren kann. Aber Jack ist fest davon überzeugt, dass das nur leere Worte waren und dass ihn sein Onkel darüber hinaus nie gehen lassen würde. Sein Onkel hasst Terra Nova und alles, was damit in Verbindung steht. Die Tage auf der Farm waren alles andere als einfach, das kann ich dir versichern.“
Patrick nickte verständnisvoll. „Kein leichtes Leben, gebe ich zu. Und was will er?“
„Er würde gern wieder zurückkommen und hier studieren.“ Sie zuckte unschlüssig mit den Achseln. „Abwarten und Tee trinken, heißt wohl die Devise. Er war ziemlich geknickt deswegen.“
„Kann ich mir vorstellen. Bleibt ihr in Kontakt?“
„Wir wollen es zumindest versuchen.“
Sie hatten die Fahrstühle erreicht, als Joes Komm sich regte.
„Einkommende Nachricht von Carry Andrews.“
„Nachricht annehmen. Hallo Carry!“
„Hi! Bist du schon auf dem Weg in die Mensa? Dann treffen wir uns gleich dort, einverstanden?“
„Ja, gern.“ Sie warf einen Seitenblick auf Patrick, der ein enttäuschtes Gesicht machte. „Patrick ist bei mir. Wir wollten zusammen etwas essen. Ist das in Ordnung, wenn er mitkommt?“
„Klar, kein Problem,“ ließ sich Carry vernehmen. „Dann bis gleich.“
„Kontakt beendet“, informierte sie die Computerstimme.
„Als ob ich das nicht selbst wüsste!“ Entnervt stopfte sie den Komm zurück in die Tasche.
„Entschuldige bitte, ich war mit den Mädchen schon früher verabredet. Aber es macht dir sicherlich nichts aus, mich mit meinen Freundinnen zu teilen, oder?“
Sie schenkte Patrick ein keckes Lächeln, dem er nichts entgegenzusetzen hatte.
„Nein.“ Er schüttelte den Kopf und lächelte ebenfalls.
Als die Kutsche rumpelnd zum Stehen kam, schlug Jack langsam die Augen auf. Die Sonne war schon im Begriff unterzugehen. Es war bald Zeit für das Abendessen. Mühevoll richtete er sich auf der Transportfläche des Wagens auf. Der Schmerz brandete durch seinen Körper und machte ihn ein wenig benommen.
„Sieh zu, dass du runterkommst. Verstau deine Sachen in deinem Zimmer und dann gehst du deiner Tante zur Hand.“
„Ja, Sir.“
Steif stand Jack auf und kletterte ungelenk vom Wagen herunter. Einen Moment blieb er zitternd stehen, um den Schmerz wieder unter Kontrolle zu bekommen. Das zerrissene Hemd lag noch auf der Ladefläche. Schwerfällig angelte er danach, wie nach seinem Seesack, aus dem er eine andere Tunika herausgefischt hatte, nachdem sein Onkel mit ihm fertig war und ihn wieder losgebunden hatte. Einen Moment hatte er geglaubt, dass er ohnmächtig werden würde, doch er hatte seinen gesamten Willen zusammengenommen und gegen die dunklen Schatten gekämpft, die hartnäckig ihre Finger nach ihm ausgestreckt hatten. Die Striemen auf Rücken und Armen pulsierten im Takt seines Herzschlags. Die Peitsche hatte ihn im letzten halben Dutzend blutig geschlagen, und Jack war sich nicht sicher gewesen, ob er die Bestrafung wirklich durchstehen würde. Die andere Tunika, die er nur mühevoll wieder hatte anziehen können, hatte nicht gerade dazu beigetragen, seinen Schmerz zu lindern. Nun klebte ihm das Tuch, das sich mit seinem Blut vollgesogen hatte, am Körper. Es würde kein Vergnügen werden, es von dort wieder zu lösen. Aber er hatte es überlebt. Kurz schoss ihm Joes Dusche durch den Kopf. Am liebsten hätte er sich unter sie gestellt und den gesamten Reisestaub und das Blut, aber auch seine Verzweiflung, dort abgewaschen. Das konnte er erst einmal vergessen.
Erschöpft folgte er seinem Onkel ins Haus. Seine Tante war nirgends zu sehen. Dies überraschte Jack.
Normalerweise begrüßte sie ihn schon am Eingang, wenn er von einem länger dauernden Auftrag zurückkehrte.
„Wo ist Tante Maggy?“ Die Worte waren ihm entschlüpft, ehe er großartig darüber nachgedacht hatte.
„In der Küche, wo sonst?“ Amos zog die Augenbrauen hoch, als hätte sein Neffe eine absolut lächerliche Frage gestellt.
„Ich bringe meine Sachen nach oben“, sagte der Junge und ging langsam die Treppe hinauf.
„Trödel nicht. Die Strafgefangenen warten sicherlich schon auf ihr Essen.“
„Ja, Sir.“
Es hatte sich nichts verändert. Jack kam es mit einem Mal so vor, als wäre er nie weg gewesen. Eine Welle der Hoffnungslosigkeit überrollte ihn so plötzlich, dass er sich an der Wand abstützen musste. Auch wenn er jetzt wusste, dass seine Eltern ihn nicht aufgegeben hatten, so war nicht klar, wann sein Vater wirklich kommen würde, um ihn von hier wegzuholen. Die Bruderschaft war noch immer hinter ihm her und daher war es ungewiss, ob und wann er nach Terra Nova zurückkehren konnte. So lange hatte sein Onkel die Macht über ihn, ob er wollte oder nicht.
Er öffnete die Tür zu seinem Zimmer und trat ein. Der vertraute Geruch von Kräutern und Lavendel stieg ihm in die Nase. Offenbar hatte Tante Maggy die Säckchen erneuert, die die Motten aus der Kleidung halten sollten. Sein Bett war frisch bezogen. Am liebsten hätte er sich hineingelegt und direkt geschlafen. Er fühlte sich mehr als elend. Aber dafür hatte er keine Zeit. Vor dem Waschtisch blieb er kurz stehen. Der Krug war mit Wasser gefüllt, Tante Maggy hatte wirklich an alles gedacht. Vorsichtig zupfte er an seiner Tunika. Sie klebte am Rücken und ließ sich so erst einmal nicht ausziehen. Er würde Hilfe von seiner Tante benötigen. Großartig! Kurz war er versucht, den gesamten Waschtisch mitsamt dem antiken Waschkrug umzustürzen, aber er beherrschte sich. Einen weiteren Zusammenstoß mit seinem Onkel verkraftete er heute Abend nicht mehr. Die Tunika musste bleiben, wo sie war, und legte zumindest Zeugnis davon ab, dass er verletzt war.
Es würden Fragen kommen. Und wenn nicht die, dann zumindest fragende Blicke, die er mehr hasste als alles andere. Abgesehen von seinem Onkel vielleicht. Er seufzte kurz und ging dann langsam wieder die Treppe hinunter.
Als er in die Küche kam, stand seine Tante mit dem Rücken zu ihm und hantierte am Herd. Es roch verführerisch nach Hühnerfrikassee. Überrascht stellte Jack fest, dass er tatsächlich Hunger verspürte.
„Hallo Tante Maggy. Ich bin wieder da.“
„Der Karren ist schon fertig gepackt. Bring das Essen rüber und dann komm wieder her.“ Sie drehte sich nicht zu ihm um und ihr Ton war abweisend.
Jack runzelte überrascht die Stirn. Was hatte er um Himmels willen angestellt, um so eine Begrüßung zu verdienen? Wortlos wandte er sich um und verließ die Küche. Der Karren stand wie erwartet neben der Eingangstür. Er zog ihn mühevoll zu den Baracken. Insgeheim hoffte er, Roy würde da sein, damit er sich bei ihm bedanken konnte. Auch wenn er aufgeflogen und dafür hart bestraft worden war, hatte Roy großen Anteil daran, dass er wieder Hoffnung geschöpft hatte, indem er mit seiner Mutter in Kontakt getreten war. Als er die Tür zum Essensraum aufstieß, war weit und breit niemand zu sehen. Er traute sich nicht zu rufen, aus Angst, dass irgendwer mitbekam, dass er heimlich mit Roy sprach und es seinem Onkel erzählte, in der Hoffnung, eine Belohnung dafür zu kassieren. Also stellte er alles so schnell er konnte auf den Tisch und ging zurück zum Haupthaus. Er traf gleichzeitig mit Onkel Amos vor der Küchentür ein. Jack trat einen Schritt zurück, senkte den Blick und ließ seinem Onkel den Vortritt. Amos musterte seinen Neffen und ein kleines, böses Lächeln umspielte kurz seine Lippen, bevor er wieder finster blickte.
„Wo warst du so lange?“
Jack sah überrascht auf. „Ich habe nur das Essen weggebracht, Onkel Amos.“
„Deine Tunika ist schmutzig. Zieh sie aus, bevor du dich so an meinen Tisch setzt.“
„Hier? Jetzt?“ In der Stimme des Jungen schwang eine Spur Panik mit.
„Bist du in den letzten zehn Tagen etwa prüde geworden, Schwachkopf? Obwohl, stimmt ja, ich vergaß, du ziehst deine Tunika nie vor anderen aus, habe ich recht?“ Amos lächelte ironisch. Jack errötete und blickte wieder zur Seite, erwiderte aber nichts weiter. „In fünf Minuten sitzt du hier sauber unten am Tisch oder ich erkläre dir im Anschluss im Büro gern noch mal den Ablauf, falls du ihn in der Zwischenzeit vergessen haben solltest.“ Die Drohung war unüberhörbar.
„Ja, Sir.“ Jack nickte knapp und rannte so schnell er konnte die Treppenstufen hinauf. In seinem Zimmer angekommen, blickte er sich gehetzt um, hastete zur Kommode und zog ein frisches Hemd hervor.
Schikane. Es ist reine Schikane! dachte er bei sich.
Erneut zupfte er an der Tunika. Sie saß fest und er hatte zu wenig Zeit, um sie vorsichtig zu lösen. Er schüttete ein wenig Wasser aus dem Krug über seine Schultern und durchtränkte den Stoff, der auf den offenen Wunden klebte. Dann holte er tief Luft und zog die Tunika mit einem wilden Ruck über den Kopf. Das scharfe Brennen drückte ihm den Rücken durch und trieb Tränen in seine Augen. Aus seiner Kehle kam ein dumpfes Grollen, als er versuchte, den Schmerz zu kanalisieren. Er fühlte, wie die Wunden teilweise wieder aufrissen und das Blut heraussickerte und ihm warm über den Rücken lief. Erneut schüttete er Wasser über seine Schultern. Es kühlte ein wenig und nahm dem Brennen etwas an Schärfe. Wütend wischte er sich über die Augen. Sein Onkel sollte nicht sehen, dass er mit den Tränen kämpfte. Vorsichtig tupfte er seinen Rücken, soweit es ihm möglich war, trocken. Zog anschließend auch die Hose aus, die, wie er mittlerweile festgestellt hatte, ebenfalls mit Blut besudelt war, und schlüpfte in frische Kleidung. Er hielt es für unwahrscheinlich, dass diese Tunika sauber blieb, doch das konnte er in der Kürze der Zeit nicht ändern. So schnell er konnte, hastete er wieder nach unten und stürzte in die Küche.
„Na endlich!“ Amos’ Blick ließ ihn augenblicklich innehalten. „Länger hätte ich nicht mehr gewartet. Setz dich, Schwachkopf. Wir wollen essen.“
„Ja, Sir.“ Jack blickte zu Boden und schlüpfte auf seinen Platz. Sein Onkel hatte offenbar eindeutig vor, eine neue Gangart einzulegen.
Als sein Onkel mit dem Tischgebet begann, blickte der Junge verstohlen hoch. Seine Tante hatte ihr Gesicht tief über ihren Teller gebeugt und schien inniglich den Worten ihres Mannes zu lauschen. Irgendwie sah sie noch kleiner aus als sonst. Oder bildete er sich das bloß ein? Wie es ihr wohl in der Zeit, die er nicht dagewesen war, ergangen war? Vermutlich war Etliches liegen geblieben.
Als sein Onkel endete, blickte seine Tante auf und ihre Blicke kreuzten sich. Jack prallte förmlich zurück, als er in das Gesicht seiner Tante blickte. Ihre gesamte rechte Gesichtshälfte war blutunterlaufen. Die Lippe war aufgeplatzt und ein kleiner Rest Schorf zeigte, dass sie geblutet hatte. Er atmete tief durch und biss sich auf die Zunge. Wenn er jetzt auch nur einen Ton von sich gab, konnte er für den weiteren Ablauf des Abendessens nicht mehr garantieren. Seine Tante bemerkte seine Erregung und schüttelte kaum merklich warnend den Kopf. Dann senkte sie wieder ihren Blick und vermied es, ihren Neffen auch nur kurz anzusehen.
Jack biss die Zähne zusammen, in dem Bemühen ruhig zu bleiben. Dann siegte sein Hunger. Der Duft des Hühnerfrikassees drang ihm in die Nase und ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Das hatte er auf Terra Nova wirklich schmerzhaft vermisst. Seine Tante war eine umwerfende Köchin. Bei Gelegenheit musste er das unbedingt einmal zur Sprache bringen.
Endlich gab Onkel Amos das Zeichen zum Essen. Der Junge beobachtete seinen Onkel genau. Er hatte keine Lust, sich schon wieder eine Abfuhr einzufangen, und behielt seine Hände auf dem Schoß. Nachdem sowohl seine Tante als auch sein Onkel sich aufgetan und begonnen hatten zu essen, wagte auch Jack einen Versuch. Er kam sich vor, als laufe er auf einem sehr schmalen Steg über einen sehr tiefen Abgrund. Eine falsche Bewegung und er würde abstürzen.
Sein Onkel musterte ihn scharf, sagte aber nichts. Jack war erleichtert, dass er wenigstens in Ruhe essen konnte. Der Tag hatte ihn erschöpft. Wenn er seine restlichen Arbeiten erledigt hatte, würde er todmüde ins Bett sinken. Das wusste er mit absoluter Sicherheit.
Über dem Tisch hing eine eisige Stille. Jack war so in sein Essen vertieft, dass er es gar nicht wirklich wahrnahm. In Gedanken war er bei Joe, Carry und Georgina. Er vermisste sie schmerzlich. Ihre gemeinsamen Treffen in der Mensa und ihre lockeren, ungezwungenen Gespräche. Er war so versunken in seiner Erinnerung, dass er erst bemerkte, dass sein Onkel mit ihm gesprochen hatte, als dieser ihm eine Kopfnuss verpasste.
„Träumst du beim Essen, Schwachkopf?“ Amos musterte ihn streng.
„Ich … nein.“ Der Junge sah ihn stirnrunzelnd an.
„Nein … was?“ Amos’ Blick glich flüssigem Quecksilber.
„Nein, Sir!“ verbesserte sich Jack hastig. Er hatte nicht mehr Richard vor sich, sondern seinen Onkel!
„Nach dem Essen kommst du in mein Büro. Ich glaube, wir haben noch einiges zu besprechen.“ Amos grinste böse und Jack erbleichte.
„Warum? Was habe ich denn gemacht?“ Seine Augen blickten hilfesuchend zu Tante Maggy, aber diese sah auf ihren Teller und rührte sich nicht. Amos schaute gespielt erstaunt.
„Das weißt du nicht? Nun, dann werden wir es zusammen herausfinden, nicht wahr?“ Das Lächeln verschwand und machte einem grimmigen Ausdruck Platz.
„Aber ich...“ Jack verstummte. Er wusste genau, dass Lamentieren nichts brachte. Es würde – im Gegenteil – alles nur noch viel schlimmer machen. Kurz erinnerte er sich an seinen ersten Abend hier auf Luna V. Es war ähnlich verlaufen. Nur mit dem Unterschied, dass sein Onkel damals sofort zugeschlagen hatte. Er atmete tief durch, straffte die Schultern und blickte ausdruckslos auf seinen Teller. „Ja, Sir.“
Der Appetit war ihm gründlich vergangen. Er sah zu, wie seine Tante und sein Onkel das Essen beendeten. Schweigend stand er auf, als sein Onkel sich erhob und sammelte mit der Hilfe seiner Tante das benutzte Geschirr ein.
Während sich sein Onkel ins Büro begab, lief Jack mit dem Handkarren wieder zur Baracke der Strafgefangenen. Sie mussten gerade erst fertig geworden sein. Aber es war weit und breit niemand zu sehen. Vermutlich hatten sie den klappernden Handwagen gehört und sich sofort zurückgezogen. Der Junge lauschte einen Moment, doch oben rührte sich nichts. Auch Roy erschien nicht.
Stumm sammelte er das benutzte Geschirr ein und brachte es im Handkarren zurück in die Küche. Dann wusch und trocknete er alles ab. Seine Tante, die am Tisch saß und sein zerrissenes Hemd nähte, sah nicht einmal auf oder richtete das Wort an ihn. Sie schien böse auf ihn zu sein, allerdings konnte sich Jack absolut keinen Reim darauf machen. Nachdem er den letzten Teller im Küchenschrank verstaut hatte, blieb er einen Moment unschlüssig stehen.
„Lass ihn nicht noch länger warten“, kam es plötzlich von seiner Tante.
„Tante Maggy, was…“
„Geh!“ Der Befehl, mit dem sie ihn unterbrach, war unmissverständlich.
„Ja, Tante Maggy“, seufzte er und machte sich schweren Herzens auf den Weg. Eine weitere Tracht Prügel schaffte er heute Abend nicht. Das musste auch seinem Onkel klar sein! Er ging den Gang entlang und hielt vor der schweren Eichentür inne. Er kämpfte mit seiner Angst, die immer heftiger von ihm Besitz zu ergreifen versuchte, bemühte sich, an nichts weiter zu denken und klopfte energisch.
„Herein,“ hörte er es dumpf durch die Tür, drückte die Klinke und trat ein. Sein Onkel stand am Fenster und sah in die beginnende Nacht hinaus. Er drehte sich um, als Jack das Zimmer betrat. Dieser blieb unschlüssig im Raum stehen und blickte zu Boden.
„Du wolltest dich mit mir unterhalten, Onkel Amos?“
Amos stieß sich vom Fensterbrett ab und schlenderte auf den Jungen zu. Nur mit Mühe unterdrückte Jack den Impuls, nach hinten auszuweichen. Wenn nur diese verdammte Angst nicht wäre! Auf Terra Nova war sie zum Schluss auf ein Minimum zusammengeschrumpft. Nun kehrte sie zurück. Machtvoller denn je und untergrub jeden Versuch, sie vor seinem Onkel zu verbergen.
„In der Tat. Mach die Tür hinter dir zu und setz dich.“
Jack gehorchte überrascht. Sein Onkel hatte ihn noch nie dazu aufgefordert, sich zu setzen. Meist stand er sich die Beine in den Bauch, bis sich sein Onkel bereit erklärte, das Wort an ihn zu richten. Langsam nahm er auf einem der beiden Sessel Platz. Er blieb auf der äußersten Kante sitzen, bereit, jederzeit aufzuspringen, wenn es sein musste. Er wagte es nicht, seinem Onkel in die Augen zu sehen, also starrte er auf seine Hände.
„Wie war es auf der Akademie?“
Die Frage überraschte Jack so sehr, dass er verblüfft den Kopf hob. Ihre Blicke kreuzten sich. In den Augen seines Onkels lag ein Hauch von Spott. Aber auch – und das verwunderte Jack noch mehr – echtes Interesse.
„Interessant …, Sir“, murmelte Jack. Amos’ Blick verfinsterte sich wieder.
„Geht es ein bisschen genauer?“ blaffte er. „Was hast du den lieben langen Tag getrieben?“
„Ich … ich habe mich in verschiedenen Kursen angemeldet“, stammelte Jack.
„Aha?“ Als Jack schwieg, verdrehte Amos missmutig die Augen. „Muss ich dir jedes Wort aus der Nase ziehen?“ Er machte einen drohenden Schritt auf Jack zu. Er konnte die Angst des Jungen sehen, riechen und schmecken. Es machte ihm Spaß, ein wenig mit ihm zu spielen. So lange hatte er auf seinen Neffen verzichten müssen.
„Nein, Sir“, bemühte sich Jack, um Fassung ringend. „Ich habe Kurse in Geologie, Geophysik, Mikro- und Makroökonomie und Maschinenbau belegt. Und historische Schriftenkunde, aber nur, weil der Dozent diesen Austausch angeregt hatte und es zum Programm gehörte.“
Amos hob ehrlich überrascht die Augenbrauen. „Geologie und Geophysik? Wozu?“
„Weil es mich interessiert“, erklärte Jack lakonisch, ergänzte dann jedoch: „Ich will herausfinden, ob es Möglichkeiten gibt, gegen das Wetter hier anzusteuern und was dazu nötig ist.“
„Hier auf Luna V?“ Amos kam es vor, als hätte er sich verhört.
„Ja. Und über Maschinenbau hoffte ich, neue Impulse für das Bewässerungssystem zu bekommen.“
„Aha. Und der Rest?“
„Nun, Mikro- und Makroökonomie sollte mir helfen, das System zwischen Luna V und Terra Nova zu verstehen.“
„Du hast dir Kurse im Hinblick auf Luna V zusammengesucht?“ Amos starrte ihn ungläubig an. „Warum?“
„Weil …“ Jack suchte nach den richtigen Worten. „Weil ich weiß, dass sich das Wetter immer mehr verändert. Dass wir darauf in irgendeiner Form reagieren müssen, wenn wir weiter die verlangten Erträge erwirtschaften wollen. Ich habe mir erhofft, Antworten zu finden, die ich hier anwenden könnte.“
„Hier auf Luna V?“
„Ja, Sir.“
„Warum?“
Jack zuckte mit den Schultern. „Ich habe die letzten drei Jahre hier verbracht. Es ist …“ Er zögerte kurz, sprach es dann aber doch aus. „Es ist mein … zu Hause … irgendwie“, murmelte er und blickte wieder zu Boden. Fast erwartete er, dass Onkel Amos ihn auslachen würde. Aber er lachte nicht. Er starrte Jack wie vom Donner gerührt an.
„Du hast die Akademie besucht, um Wissen für Luna V und die Farm zu erlangen?“
„Ja, Sir.“
„Kein Computer-Schnickschnack?“
„Was sollte ich hier damit anfangen, Onkel Amos“, meinte der Junge und wiederholte dabei die Worte, die er schon Prof. Beelaird gegenüber gebraucht hatte.
„Und was haben deine Studien ergeben?“ wollte sein Onkel wissen.
„Noch nicht viel. Es war ja nur ein Schnupperkurs.“
Unwillig zuckte Jack mit den Schultern. Was erwartete sein Onkel denn? Dass er innerhalb von zehn Tagen den Stein der Weisen entdeckte?
Amos betrachtete ihn aufmerksam. Plötzlich erschien ihm der Junge in einem ganz neuen Licht. Er hätte nie gedacht, dass sich der Bengel ernsthaft für die Farm und ihre Belange interessieren könnte. Erstaunlich!
„Zieh deine Tunika aus.“ Der Befehl kam unerwartet. Einen Moment war Jack unfähig, irgendetwas zu sagen oder sich auch nur zu bewegen. Wenn Amos ihm unverhofft in den Magen geboxt hätte, wäre die Wirkung nicht viel anders gewesen. „Wird’s bald?!“ Die Stimme seines Onkels bekam einen drohenden Unterton.
Jack stand wie in Trance auf und streifte sich die Tunika über den Kopf. Diesmal ging es leicht, und kurz war er erleichtert, dass er Amos nicht vorführen musste, welche Tortur es in seinem Zimmer gewesen war. Er hielt sie wie ein Schutzschild vor sich. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals. Amos ging langsam um ihn herum und blieb hinter ihm stehen. Der Junge rührte sich nicht, trotzdem konnte er die prüfenden Blicke auf den frischen Striemen förmlich fühlen. Amos betrachtete das Werk seiner Arbeit vom Nachmittag versonnen.
„Du hättest ein weiteres Tribunal durchaus verdient, Bürschchen. Du hast meine Anweisung missachtet und mich angelogen!“ Er schwieg einen Augenblick. „Habe ich recht?“
„Ja, Sir“, murmelte Jack undeutlich.
Er konnte sich dieser kranken Logik einfach nicht entziehen. Zu lange war ihm eingetrichtert worden, dass er, wenn er Fehler machte, die Konsequenzen dafür tragen musste. Joe wäre vor Wut in diesem Moment bestimmt geplatzt. Aber er kam nicht dagegen an. Innerlich versuchte er, sich gegen das Unvermeidbare zu wappnen. Die Angst davor schwappte wie eine Welle über ihn hinweg. Er begann unkontrolliert zu zittern. Amos schwieg einen Moment, dann räusperte er sich.
„Ich will großzügig sein und gehe heute Abend darüber hinweg. Sieh es als Begrüßungsgeschenk. Ich denke, unsere Unterhaltung heute Nachmittag hat dir deutlich gemacht, dass es nichts bringt, mich zu belügen oder zu hintergehen. Ich finde es heraus, Jack. Und sollte ich noch mehr in Erfahrung bringen, dann Gnade dir Gott! Dann war das in der Steppe nur ein harmloses Vorgeplänkel.“
„Ja, Sir.“
Jack war viel zu erschöpft, um Erleichterung zu empfinden, dass er offenbar ohne weitere Prügel diesen Tag beenden durfte. Er überlegte kurz, ob er Amos von dem ganzen Irrsinn der letzten Tage berichten sollte. Er hatte Angst, zu guter Letzt seinen Zorn so weit zu erregen, dass sein Onkel doch noch zum Gürtel griff, um ihn zu verprügeln. Amos’ Hand, groß, rau und schwer, legte sich um Jacks Nacken. Der Junge erstarrte zur Salzsäule.
„Ich bin erfreut, dass du dich doch für die Farm interessierst. Vielleicht überlege ich es mir noch mit der Studiererei.“ Er schwieg einen Augenblick. „Sieh zu, dass Tante Maggy nach dir sieht.“ Dann gab er seinem Neffen einen Schubs in Richtung Tür. „Und jetzt verschwinde.“
Jack stolperte vorwärts. An der Tür angekommen, drehte er sich noch einmal um. Sein Blick fand den unergründlichen seines Onkels.
„Gute Nacht, Onkel Amos“, sagte er leise und schlüpfte, ohne eine weitere Antwort abzuwarten, aus dem Büro.
„Die Aufzeichnungen vom Hangar belegen eindeutig, dass der Junge kein Loonie ist. Ein Loonie würde niemals so mit einem Roboter sprechen. Das hier ist Jack O’Connor von Terra Nova, leiblicher Sohn von Senator O’Connor und seiner Frau Isabelle. Kein Zweifel! Der Junge war nie tot, und dass dieses Verwirrspiel möglich war, beweist, dass das Programm funktioniert.“
„Der Senator hat uns drei Jahre an der Nase herumgeführt!“
„Das zeigt nur zu deutlich, dass die Prophezeiung im Begriff ist, sich zu erfüllen. Der Krieger ist auf dem Weg zu uns.“
„Aber jetzt ist der Junge wieder weg. Wie kommen wir denn jetzt an ihn ran?“
„Wie der Zufall es will, haben wir einen Schläfer vor Ort. Wir müssen ihn nur aktivieren.“
„Oder ihn selbst holen. Das halte ich für sicherer. Immerhin war der Schläfer seit Jahren nicht aktiv. Wie können wir wissen, ob er tatsächlich unsere Anweisungen ausführt?“
„Ich gebe zu, dass bei Schläfern immer ein gewisses Restrisiko besteht. Bei diesem bin ich mir ziemlich sicher, dass er abrufbereit ist.“
„Trotzdem. Ich bin dafür, dass wir ihn selbst holen. Wir verlieren nur Zeit. Und die haben wir nicht.“
„Dann ist es also beschlossene Sache? Wir holen den Jungen von Luna V zurück?“
„Da nicht abzusehen ist, wann und ob er überhaupt nach Terra Nova zurückkommt, werden wir hier selbst aktiv werden müssen. Der Krieger muss in unsere Mitte, um die Prophezeiung zu erfüllen. Nur dann kann das neue Zeitalter beginnen.“
Aaron starrte auf die Zahlen und Tabellen, die erläuterten, wie schlecht es derzeit um den Weizen-Mond stand. Gedanklich war er weit weg und hörte kaum zu, was sein Assistent den anderen Senatoren erzählte und erklärte. Manchmal riss ihn Borris’ tiefe Stimme oder sein dröhnendes Lachen aus seinen Überlegungen, wenn Stan eine Anekdote von Luna V zum Besten gab. Nachdenklich massierte sein Zeigefinger seine Stirn, die er grüblerisch runzelte. Er musste einen Weg finden, Jack von Luna V herunterzuholen. Und das schnell! Er hätte sich nie auf Amos verlassen dürfen. Ihm hätte klar sein müssen, dass er seinen Sohn in die denkbar schlechtesten Hände gegeben hatte. Er hatte sich von seinem Verstand leiten lassen und sein Herz ausgeschaltet. Ein nicht wiedergutzumachender Fehler.
An seiner Schuld bestand kein Zweifel. Er wusste auch, dass Selbstvorwürfe ihn jetzt nicht weiterbringen würden. Er musste nach Luna V und das schnell. Seine Augen glitten immer wieder zu Hugh hinüber, der bewegungslos auf seiner Position stand, nahe am Türeingang, um im unwahrscheinlichen Fall eines Angriffs sofort reagieren zu können. Erstaunlicherweise hielt er seine Augen auf Melinda gerichtet, die zu Aarons Rechten saß und das Treffen der Senatoren gewissenhaft aufzeichnete. Er war sich nicht sicher, ob er diese Art der Verbindung, die die beiden eingegangen waren, gutheißen sollte. Noch hatte er nichts zu beanstanden und somit kein Recht, sich ernsthaft einzumischen. Auf der anderen Seite wollte er nicht erst warten, bis das Kind in den Brunnen gefallen war.
„Es ist aufgrund der Daten und Fakten klar ersichtlich, dass Luna V nicht mehr wirtschaftlich genug arbeitet“, beendete Stan seine Analyse. „Terra Nova und die anderen Monde sind auf eine reibungslose Versorgung der Erträge von Luna V unbedingt angewiesen. Aber das ist durch die veraltete Technologie derzeit nicht möglich.“
„Was für eine Technologie?“ sagte Melinda kaum hörbar.
„Ein eigenes Umdenken ist bei der Bevölkerung nicht erkennbar. Unsere Erklärungen vor Ort blieben weitestgehend erfolglos. Die Farmer waren nicht an einer einvernehmlichen Lösung interessiert. Im Gegenteil. Entsprechend werden wir von unserer Seite aus Maßnahmen ergreifen müssen, um den Ertrag wieder auf ein annehmbares Level zu bringen.“
„Mit anderen Worten“, nahm Consuela Rodriguez den Faden auf, „müssen wir umgehend technologisches Equipment auf Luna V platzieren?“
Stan nickte. „Ja. Anders wird es nicht gehen. Und das so schnell wie möglich.“
„Dann treten wir eine Revolution los.“
Aarons Worte schienen ungewöhnlich laut in der nachdenklichen Stille, die sich ausgebreitet hatte.
„Es ist zu ihre aigene Besten“, konterte Borris. Und Vincent van Gulden nickte zustimmend.
„Den dummen Loonies muss endlich jemand zeigen, wo es wirklich langgeht. Aufgrund ihrer albernen Tradition, technologielos zu sein, gerät unser gesamtes System in Gefahr.“
„Ich teile Aarons Meinung“, meldete sich Bao She Mai, die Senatorin für soziale Angelegenheiten, Bildung und Forschung, zu Wort. „Und selbst, wenn wir ihnen moderne Maschinen hinstellen. Sie hätten keine Ahnung, wie sie sie bedienen sollten. Ihr könnt nicht verlangen und erwarten, dass ein ganzes Volk sich von heute auf morgen problemlos umstellen wird. Darüber hinaus brauchen die Maschinen Wartung, Pflege und Energie, um sie am Laufen zu halten. Das alles fehlt auf Luna V.“
„Dann, wir müssen eben dort entsprechend aufbauen“, zuckte Borris mit den Achseln.
„Ha! Einfach so!“ Vincent grinste sarkastisch. „Hast du die Mittel dafür, Borris? Hast du eine Vorstellung davon, wie viele Gelder das verschlingen wird?“
„Besser so als verhungärn, oder?“ Borris blickte ihn streng an. „Veränderung ist wichtig!“ fügte er hinzu. „Es wird kosten, да. Aber langfristig, wir alle haben mähr.“
„Wir müssen die genauen Kosten ermitteln. Einen Plan zur Umstrukturierung von Luna V entwickeln und dann zusehen, wie wir diesen umsetzen können“, wagte Stan, in die Überlegungen mit einzusteigen.
„Wir müssen die Loonies vor vollendete Tatsachen stellen“, meinte Vincent rigoros. „Auf Einzelschicksale können wir keine Rücksicht nehmen.“
„Wir reden hier von einer Nation, Vincent“, wies ihn Bao mit weicher Stimme zurecht. „Einem Volk, das seit der Besiedlung des Mondes so lebt. Wie würdest du dich fühlen, wenn du von heute auf morgen alles aufgeben sollst, woran du bisher geglaubt hast? Wenn ab sofort die Bewohner von Luna V das Sagen hätten und bestimmen würden, dass keine Technologie zu verwenden wäre. Würdest du das einfach hinnehmen?“
Vincent lachte abfällig. „Das wird nie passieren. Warum sollten wir einen Rückschritt mitmachen?“ Bao rollte ungeduldig mit ihren dunklen Augen. Ihre asiatische Abstammung spiegelte sich sehr deutlich in den schrägstehenden Augen und den hohen Wangenknochen wider.
„Es ist doch nur ein Beispiel, Vincent. Sei nicht so verbohrt. Aber deine Reaktion zeigt, dass du damit auch nicht einverstanden wärst. Warum sollten es die Bewohner von Luna V sein?“
„Weil unser System das bessere ist. Ganz einfach! Aaron hat eine Woche auf Luna V verbracht, um die Leute zu überzeugen. Was hat es gebracht? Nichts.“ Vincent blickte zu Aaron hinüber, der die Diskussion schweigend verfolgte. „Die Zeit des Redens ist vorbei. Jetzt müssen wir handeln.“
„Genau das, was ich sage!“ klinkte sich Borris ein. „Alles neu und – puff – Probläm gälöst.“
„Das ist aber nicht das einzige Problem, das dort vorherrscht“, mischte sich Leela Basu ein, die als Senatorin für Umwelt und besondere Aufgaben zuständig war. „Stanley hat vorhin kurz die Versalzung eines Wasserreservoirs erwähnt. Ein Bekannter von mir ist Geologe und Professor an der Sternenakademie. Einer seiner Studenten hatte ihm von einem Beben berichtet.“
„Einer seiner Studenten kommt von Luna V?“ Consuela war überrascht.
„Findet da nicht gerade dieser Austausch zwischen der Akademie und Luna V statt? Vermutlich ist es kein Student im eigentlichen Sinne.“ Leela zuckte mit den Schultern.
„Diese Information des Bebens hatte ich schon vor ein paar MKs verlauten lassen“, grummelte Vincent. „Meine Behörde hatte kurz starke seismographische Aktivitäten auf dem Mond registriert.“
„Und was ist dagegen unternommen worden?“ Leela blickte Vincent säuerlich an.
„Das fällt dann in dein Ressort, meine Liebe“, schoss dieser zurück.
„Ich kann nur agieren, wenn ich auch wirklich unterrichtet werde. Von Behörde zu Behörde. Ich halte nicht alles fest, was du in einem Nebensatz so von dir gibst.“
Leela lehnte sich mit verschränkten Armen zurück. „Ich will einen genauen Bericht. Vielleicht ist dir noch nicht in den Sinn gekommen, dass eine Veränderung der Traditionen auf Luna V völlig umsonst ist, wenn der Mond aufgrund von Naturgewalten aufgegeben werden muss. Die anhaltende Dürre dort vor Ort spricht ja für sich schon Bände.“
„Halten wir also fest, dass zunächst eine Untersuchung stattfinden muss, die beleuchtet, wie es um den Mond im Allgemeinen beschaffen ist. Leela, da sollten wir uns zusammensetzen.“ Aaron schaute zu der Senatorin hinüber, die ernst nickte.
„Das sehe ich genauso. Wir brauchen Bodenproben, seismographische Messungen, Konstellationsberechnungen, das ganze Programm. Bao, hattest du nicht irgendwann berichtet, dass sich das Umlaufbahn-System insgesamt verändert hatte?“
„Ja, aber in den letzten einhundert Jahren gerade mal um 0,002 Prozent. Bisher haben wir dem nicht viel Bedeutung beigemessen. Luna V wurde dabei allerdings nicht sonderlich ins Visier genommen.“
„Dann muss das umgehend nachgeholt werden. Ich gebe Leela Recht, dass eine Reformation der Ansichten von Luna V keinen wirtschaftlichen Sinn ergibt, wenn der Mond dem Untergang geweiht ist. Sollte dem so sein, müssen wir ganz andere Dinge bedenken.“
„Wo bitte sollten wir denn dann das Getreide anbauen?“ Vincent verzog spöttisch das Gesicht. „Auf Luna II vielleicht?“
„Zum jetzigen Zeitpunkt ist es noch viel zu früh für Spekulationen, Vincent. Wir brauchen gesicherte Fakten. Und die können wir jetzt erst einmal nur zusammentragen. Das übernehmen Leela, Bao und ich“, erklärte Aaron kühl. Er streifte die beiden Frauen mit einem kurzen Blick, die einhellig nickten. „Erst wenn wir sicher wissen, wie es um den Mond steht, können wir weiter darüber nachdenken, welche Schritte wir als Nächstes unternehmen.“
Er erhob sich. „Wir sollten uns gesondert zusammensetzen und die anstehenden Aufgaben klar verteilen. Wir müssen möglichst effektiv arbeiten, denn ich habe das dumpfe Gefühl, uns rennt die Zeit davon.“ Auch die anderen standen auf.
„Ich habe morgen eine wichtige Sitzung in meiner Behörde“, erklärte Leela. „Ich kann frühestens in zwei Tagen.“
„Bei mir sieht es ähnlich aus. Allerdings könnte ich erst nächste Woche“, sagte Bao, die ihren Terminkalender aufgerufen und nach einem freien Datum gesucht hatte.
„Dann nächste Woche. Melinda, suchen Sie einen gemeinsamen Termin und informieren uns dann entsprechend.“ Melinda nickte kurz und speicherte die Sitzung ab.
Da dieses Mal die Sitzung im Demeter-Turm stattgefunden hatte, machten sich Aaron, Melinda und Hugh im Anschluss auf den Rückweg, der sie durch die halbe Stadt führte. Natürlich wäre es auch möglich gewesen, sich ganz einfach über eine Holo-Frequenz zu treffen, aber die sechs hatten schnell festgestellt, dass sie effektiver zusammenarbeiteten, wenn sie sich persönlich gegenübersaßen. Zu Beginn der Legislaturperiode, die sechs Jahre dauerte, war schnell klar geworden, dass sie sich nicht alle untereinander vertrauten, geschweige denn mochten. Nur wenn sie tatsächlich alle in einem Raum zusammenkamen, nahmen sie sich so weit zusammen, dass ein Arbeiten tatsächlich möglich war. Die heutige Sitzung war ausgesprochen harmonisch verlaufen. Das kam eher selten vor.
Aaron rechnete damit, dass er erst in acht bis zehn Tagen wieder mit Leela und Bao zusammentreffen würde. Das gab ihm Zeit, sich um seine privaten Angelegenheiten zu kümmern. Er würde Jack holen. So schnell wie möglich!
„Wie sehen meine kommenden Tage aus, Melinda?“
„Morgen haben Sie einen Termin mit dem Abgeordneten von Luna I. Dieser wollte mit Ihnen die Abgaben und die aktuelle Ausbeute der Minen besprechen. Das Treffen ist für insgesamt drei Tage festgesetzt. Dann das Gala-Dinner mit den Bürgermeistern der Türme, 26. Tag, 9 MK, der 27. Tag ist Reinheitstag im Zephir-Turm, und der 28. Tag...“
„Streichen Sie alle Termine, die am 28. Tag angesetzt waren. Ich muss an diesem Tag nach Luna V und meinen Sohn holen.“
„Ihren Sohn, Sir?“ Melinda betrachtete ihn konsterniert. „Sie wollen ihn wirklich hierherholen? Mit Verlaub, wäre es nicht besser, wenn er auf Luna V bleibt und alle vergessen, dass er überhaupt existiert?“
„Der Strom vergisst sowieso nichts, Melinda. Er sollte dort sein, wo sein leiblicher Vater ist. Bei mir.“
„Seine Verwandten haben sich bis jetzt um ihn gekümmert. Warum wollen Sie das ändern?“
„Weil er intelligent ist, Melinda“, erklärte Aaron ungeduldig. „Sie waren gerade bei dem Treffen dabei. Die Zukunft des Mondes ist gefährdet. Selbst wenn wir feststellen, dass der Mond nicht aufgegeben werden muss, ist eine Veränderung notwendig. Dieser Junge könnte der Schlüssel dazu sein.“ Melinda sah ihn verständnislos an.
„Warum sollte er ein Schlüssel sein, Senator? Er ist ein Loonie. Was könnte er schon groß bewegen?“
„Wenn er von mir lernt, kann er beide Seiten vertreten und vereinen. Vorausgesetzt, er stellt sich geschickt genug dabei an. Die Bewohner von Luna V haben uns nicht vertraut, weil wir eben nicht von Luna V sind.“
„Und Sie meinen, bei Ihrem Sohn wäre das vielleicht anders?“ Melinda war immer noch nicht von diesem Gedankengang überzeugt. „Er wird es hier sehr schwer haben, jetzt wo öffentlich ist, dass er zwar Ihr Sohn, aber ein Bastard ist.“ Aaron zuckte bei der Erwähnung leicht zusammen.
„Er wird schon damit klarkommen. Er hat schon andere Dinge durchgestanden.“
„Ja, wie den Verdacht, der Mörder von Senator van Guldens Sohn zu sein.“
„Die Sicherheitsbehörde hat nichts beweisen können. Und soweit ich weiß, gilt immer noch im Zweifel für den Angeklagten. Bitte bereiten Sie eine Nachricht an seinen Verwandten vor und schicken Sie sie umgehend nach Luna V. Melden Sie mein Kommen an, aber sagen Sie nicht wann genau.“ Melinda schüttelte den Kopf.
„Ich halte das für keine gute Idee, Senator. Ich bin ganz ehrlich.“
„Und dafür schätze ich Sie, Melinda. Aber mein Entschluss steht fest.“
„Und warum ausgerechnet der 28. Tag?“
„Weil das der Geburtstag meines Sohnes ist. Er wird 17. Ich hole ihn nach Hause. Gibt es ein schöneres Geschenk?“
Die Tür seines Zimmers flog auf und krachte mit solcher Wucht gegen die Wand, dass sie in ihren Angeln ächzte. Jack, der bis vor ein paar Sekunden noch im Tiefschlaf gelegen hatte, riss erschrocken die Augen auf, als sein Onkel auch schon über ihm stand.
„Glaubst du wirklich, dass du dich vor deiner Arbeit drücken kannst, Bürschchen?“ Amos riss brüllend die Bettdecke zurück. „Dir mache ich Beine! Auf der Akademie konntest du vielleicht faulenzen. Aber das treib ich dir wieder aus!“
Jacks Blick glitt entsetzt nach oben, wo sein Onkel mit riesenhafter Gestalt zum Schlag ausholte. Er krümmte sich auf dem Bett zusammen, um die kleinstmögliche Angriffsfläche zu bieten und wartete auf das Zischen des Gürtels.
„Amos!“
Es war nur dieses eine Wort. Die Dringlichkeit veranlasste Jack zwischen seinen Armen hindurchlugen, um sich zu vergewissern, dass er sich nicht verhört hatte. Seine Tante hing an Amos Arm, um ihn an dem Schlag zu hindern. Dieser fuhr mit einem Ruck zu ihr herum, so dass sie ins Straucheln geriet.
„Du willst mich aufhalten? Ausgerechnet du?“ Er gab ihr einen Stoß, so dass sie hart auf dem Dielenboden aufschlug. Jack kam auf die Füße.
„Nicht, Onkel Amos! Hör auf! Es tut mir leid!“
Amos wilder Blick traf ihn. Kurz sah es so aus, als wollte er erneut zuschlagen. Doch dann ließ er den Riemen sinken. Offenbar hatte sein Onkel es sich anders überlegt.
„Sieh zu, dass du nach unten kommst! Und zwar ein bisschen plötzlich!“ Ohne ein weiteres Wort rauschte er hinaus, die Tür fiel krachend ins Schloss.
Einen Moment blieb Jack regungslos stehen. Dann beugte er sich zu seiner Tante, die gerade wieder mühevoll auf die Füße kam und half ihr hoch.
„Alles in Ordnung?“
„Alles gut“, winkte Maggy ab und ordnete über Gebühr ihre Röcke. Dann verließ sie ohne weiteren Kommentar den Raum. Jack starrte ihr verwundert nach. Sie hatte sich für ihn eingesetzt! Das erste Mal, in der ganzen Zeit, hatte sie versucht, Amos Einhalt zu gebieten ... und es war ihr sogar gelungen! Die angedachte Abreibung war ausgeblieben. Zum Glück! Die Hiebe von gestern begannen wieder unangenehm zu pulsieren. Er wollte sich gar nicht vorstellen, wie sein Rücken aussah.
Er zog sich so schnell an, wie es ihm möglich war. Jede Bewegung tat weh. Hatte er in den vergangenen zehn Tagen tatsächlich verdrängt, wie schrecklich sein Aufenthalt hier bisher gewesen war, oder lag es in Wahrheit an seinem Onkel, der noch strenger mit ihm verfuhr als sonst? Über diese Gedanken nachgrübelnd, stolperte er die Treppe hinunter. Er machte sich gar nicht erst die Mühe, in der Küche vorbeizusehen, aus der es verführerisch nach frischem Brot duftete. Frühstück würde es für ihn weder jetzt noch später geben. Dazu kannte er Onkel Amos mittlerweile zu gut. Er würde mit dem Essen bis zum Mittag warten müssen. Sein Magen rumorte entrüstet, war er in den vergangenen Tagen immer gut gefüllt worden. Vielleicht fand er im Stall eine Futterrübe, die den schlimmsten Hunger ein wenig dämpfen würde.
Die Sonne war schon halb über den Horizont gestiegen. Es war tatsächlich schon reichlich spät. Jack kam nicht umhin, die Wut seines Onkels nachzuvollziehen. Um diese Zeit war er in der Regel schon mit seiner Arbeit im Stall fertig, die Tiere versorgt und auf dem Weg zu einem reichlichen Frühstück. Sein Magen krampfte sich bei dieser Überlegung wieder schmerzlich zusammen. Caron kam mit hechelnder Zunge zu ihm herüber. Futter- und Wassernapf waren leer.
