Durstig - Martina Rutschmann - E-Book

Durstig E-Book

Martina Rutschmann

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Beschreibung

Alixe kann dem Sterben nicht mehr zusehen. Sie kündigt ihren Job auf der Krebsstation und beginnt mit dem Ausverkauf ihres bisherigen Lebens, um über die Runden zu kommen. Über Fabian, mit dem sie eine lose Liebschaft beginnt, macht sie Bekanntschaft mit dem bald 94-jährigen Forscher Carl. Die Mittdreissigerin fühlt sich wohl in der Gegenwart des charismatischen alten Mannes, aus dessen bewegtem Leben sie viel erfährt. Alixe beginnt versöhnlicher auf ihr eigenes Leben zu blicken. Sie lässt sich auf eine Beziehung mit Fabian ein, eine unbeschwerte Zeit beginnt. Doch diese dauert nicht lange. Alixe erfährt, dass Carl sie zur Sterbebegleiterin machen möchte und Fabian sie dazu überreden soll. Die Vergangenheit holt sie ein, plötzlich geht es wieder um den Tod. Die Autorin erzählt in temporeicher Sprache eine Geschichte von Menschen, die zufällig zueinanderfinden und in existenzieller Weise voneinander profitieren.

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Seitenzahl: 263

Veröffentlichungsjahr: 2017

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MARTINA RUTSCHMANN

DURSTIG

Martina Rutschmann

DURSTIG

Roman

Der Zytglogge Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.

© 2017 Zytglogge Verlag, Basel

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Angela Fessler

Cover: CinCin, Dina Christ und Nicola Carpi

ISBN: 978-3-7296-0950-1

eISBN (ePUB): 978-3-7296-2144-2

eISBN (mobi): 978-3-7296-2145-9

E-Book: Schwabe AG, www.schwabe.ch

www.zytglogge.ch

 

Für meinen Großvater

Die letzten Tage

Schweinereien, sagte er, wolle er keine. Und jetzt zielt Carl mit der Pistole auf mein Herz.

«Wenn du abdrückst, ist niemand mehr da, der dafür sorgt, dass das Ganze sauber erfolgt. Außerdem will ich noch nicht sterben.»

Carl schaut mich schlaftrunken an. Er weicht nicht von der Stelle. Offenbar ist es mit dem Frieden der vergangenen zwei Tage vorbei.

«So sei doch vernünftig, Carl!»

Er schaut mich an, als wüsste er nicht, worauf ich hinaus will.

«Wer denkt denn hier ans Sterben, Alixe?»

Er senkt die Pistole. Der Lauf zeigt jetzt auf den Perserteppich. Carls Finger umklammern immer noch den Abzug. Mir wird klar, dass es hier nicht um mich geht. Offenbar hat er keine Geduld mehr und will es so schnell wie möglich hinter sich bringen.

«Carl, weißt du nicht mehr? Du hast stets von Selbstbestimmtheit gesprochen. Wenn du eine Pistole zur Hilfe nimmst, ist sie es, die bestimmt. So lass dir doch noch ein paar Tage Zeit, ich bitte dich.»

Wie angewurzelt stehe ich auf dem abgewetzten Teppich, von dem ich vermute, dass er seit Jahrzehnten genau an dieser Stelle liegt. Mit einem bald 94-jährigen nahezu Blinden, der sterben will und eine Pistole in der Hand hält, ist nicht zu spaßen. Was sage ich, um die Situation zu entschärfen? Ich bleibe stumm und sehe zu, wie Carl seelenruhig den Bademantel am Hintern zurechtzupft und mit seinen greisen Pianisten-Fingern den Handlauf ertastet. Er setzt sich auf die Treppe.

«Das ist eine Luger aus dem Jahr 1909. Sie darf nicht in falsche Hände geraten, Alixe. Sie gehörte meinem Vater. Im Gegensatz zu ihm habe ich die Waffe nie verwendet, aber ich weiß: Sie funktioniert noch tadellos.»

Er öffnet das Magazin, betrachtet die Patronen, beugt sich mit gestreckten Armen nach vorne und hält mir die Waffe entgegen.

«Mach das bitte weg, es schaudert mich. Außerdem bin ich radikale Pazifistin!»

Carl schließt das Magazin und legt die Pistole neben sich auf die Treppe. Ich reiche ihm die Hände. Ausnahmsweise lässt er sich beim Aufstehen helfen. Ich zittere.

«Du zitterst ja.»

Er blickt zur Pistole, dann zu mir und im nächsten Augenblick an die Wand zum Gemälde von Sam Francis. Sein Blick verrät nicht, dass seine Augen kaum mehr etwas erkennen können. Mein Herz klopft auch an Körperstellen, an denen ich nie vermutet hätte, einen Pulsschlag zu spüren. Jetzt passiert es, er nimmt das Ding. Erweiterter Suizid, kommt in den besten Familien vor, aber ich gehöre ja gar nicht zur Familie!

«Carl, ich gehöre nicht zur Familie!»

«Alixe, du könntest meine Enkelin sein, natürlich gehörst du zur Familie! Ich habe mir immer eine Enkelin gewünscht und auch gegen einen Enkel hätte ich nichts einzuwenden gehabt.»

Ich weiß nicht, ob es gut oder schlecht ist, dass Carl jetzt auf die emotionale Schiene geht. Jedenfalls macht er keine Anstalten, sich wieder der Waffe zuzuwenden, was mich beruhigt. Dennoch gehe ich nicht auf das Thema Enkel ein.

«Wir haben jetzt fast 48 Stunden miteinander verbracht. Und ich erfahre zufällig, dass ich es mit einer Pazifistin zu tun habe – und mit einer radikalen dazu. Ich glaube, Alixe, wir haben uns noch viel zu erzählen.»

Er zieht die Augenbrauen hoch und schüttelt den Kopf, als wollte er sagen: dummes Kind. Der Schrecken scheint vorbei zu sein.

Wir gehen in die Küche.

«Brate dir das Flunderfilet, das ich für dich aufgetaut habe, Alixe, es fängt sonst zu stinken an. Abgesehen davon musst du etwas Anständiges essen.»

«Carl, es ist sechs Uhr in der Früh! Hättest du nicht nach mir gerufen, würde ich noch tief schlafen.»

Ich schalte die Kaffeemaschine an, nehme eine Tasse aus dem Schrank und stelle sie neben die Maschine. Es ist das einzige moderne Gerät in dieser für einen Junggesellen gut ausgerüsteten Küche. Wasserkocher, Toaster, Universalküchenmaschine, alles da, wenn auch nicht in Form von zeitgemäßen Modellen. Carl setzt sich.

«Die Pistole darf nicht in fremde Hände kommen, Alixe. Glaub mir, sie funktioniert einwandfrei. Soll ich es dir beweisen?»

«Lass mal, Carl. Schau mir lieber beim Trinken zu. Vielleicht überlegst du es dir ja anders und entscheidest dich gegen das Verdursten.»

«Oh nein. Und schon gar nicht wegen eines Kaffees. Wenn es dir recht ist, wenden wir uns jetzt wieder dem Ernst des Lebens zu. Über die Luger reden wir zu einem späteren Zeitpunkt. Es bleiben uns ja noch ein paar Tage. Außerdem wäre ich dir verbunden, wenn du das Wort «verdursten» meiden könntest.»

Vier Monate zuvor

Wieder so ein Tag. Alixe reibt ihre Haare mit einem Handtuch trocken. Vor einer Woche hatte sie sich eine Kurzhaarfrisur verpassen lassen. Frauen, die etwas ändern wollen, schneiden die Haare ab, hatte ihr die Arbeitskollegin gesagt. Alixe hatte sich zuvor nie groß Gedanken über ihre Frisur gemacht und an jenem Tag schon gar nicht. Sie wollte der Arbeitskollegin sagen, dass sie dem Krankenhaus-Alltag den Rücken kehren und sie mit den traurigen Geschichten allein lassen wird. Doch es blieb bei der Betrachtung verschiedener Frisuren-Apps. Rückblickend macht Alixe ihren unpräzisen Gesprächseinstieg dafür verantwortlich:

«Ich will mein Leben ändern! Um 180 Grad!», hatte sie gesagt, ohne zu erwähnen, dass der erste Schritt ins neue Leben die Kündigung sein wird.

Die Kollegin ist eine Überredungskünstlerin. In der Mittagspause ging Alixe tatsächlich zu einem Friseur «ohne Voranmeldung». Am Empfang fragte sie, weshalb es «ohne Voranmeldung» heiße und nicht bloß «ohne Anmeldung», das wäre inhaltlich genauso richtig, wenn nicht richtiger. Der Mann hinter der Theke ignorierte ihre Frage und führte sie zu einem Sessel. Ob sie die Gala, die Bunte oder Men’s Health lesen wolle, hatte er gefragt. Um Himmels willen! Warum sollte ich mir das Glück reicher und schöner Menschen antun, wenn ich selber im besten Fall nur das eine davon bin?

Am Abend schrieb sie sieben Varianten von Kündigungen, ohne zuvor jemanden in ihr Vorhaben eingeweiht zu haben – schon gar nicht die Mutter, die hätte getobt. Es dauert ja eine Weile, bis ich weg bin, drei Monate Kündigungsfrist sind ein gefühltes halbes Leben, wenn man innerlich schon lange abgeschlossen hat. Die Krebspatienten lassen ihr auch außerhalb der Klinikwände keine Ruhe. Alixe empfindet es als Hohn, wenn die Arbeitskollegin von gesunder Abgrenzung spricht. Bei ihr dreht sich alles um den Tod. Sie glaubt inzwischen, Menschen auf der Straße als Sterbende zu erkennen.

Während sie Gel ins Haar reibt, rechnet sie aus, was die knappen drei Monate in Tagen bedeuten. Abzüglich der Ferien- und Kompensationstage liegen 42 Arbeitstage vor ihr. 42 Tage mit todkranken Menschen. Und 42 Tage Totenstille zu Hause. Eine Ewigkeit. Nachdem sich Alixe die Haare hatte schneiden lassen, verstaute sie Radio, Fernseher und Laptop in eBay-Kisten im Keller. Es ist nicht nur das Seelenheil anderer Menschen, das sie neuerdings meidet, sondern auch das globale Elend. Glück scheint ihr im eigenen Leben so fern wie der Mond zu sein und die weltweiten Miseren ziehen sie noch mehr herunter. Entziehen kann sie sich der Aktualität trotzdem nicht. In der Klinik sprechen alle darüber, wenn der Krieg in Syrien grausamer wird und Deutschland an der Frauenfußball-Weltmeisterschaft die Elfenbeinküste mit 10:0 geschlagen hat. Unwichtiger Kleinkram außerhalb der Fußballwelt hingegen bleibt ihr erspart. Oder was bringt es ihr zu wissen, dass drei Maskierte bei Bremen einen Geldtransporter überfallen wollten, dabei scheiterten, aber flüchten konnten?

In den Schachteln liegt lauter Kram, den sie sich für Zeiten der Not aufbewahrt. Bald wird sie froh darum sein. Denn Alixe beabsichtigt nicht, je wieder in einem Krankenhaus zu arbeiten. Und wenn, dann allerhöchstens in der Küche wie die Großmutter damals oder als Hauswart wie der Großvater. Blöd nur, dass solche Jobs inzwischen in den meisten Kliniken ausgelagert werden. Eine komplett andere Stelle zu finden hält sie hingegen für ein aussichtloses Unterfangen, zumal sie ihr ganzes Leben in Krankenhauszimmern verbracht hat, selbst als Kind, wobei sie damals noch gern unter Kranken weilte.

Auch Großmutters Aufschnittmaschine, die hölzerne Kaffeemühle und der Bohnenschneider aus Gusseisen liegen in einer Kiste – zusammen mit der Lötlampe, den Zangen und der Messing-Wasserwaage des Großvaters. Dass sie damit nicht reich wird, weiß Alixe, doch hofft sie damit auf einen Ertrag, der ihr ermöglicht, ein paar Wohnungsmieten bezahlen zu können. Retro ist schließlich gefragt und dieser Shabby-Chic-Trend ist wohl ein weiterer Beweis für die Degeneration der westlichen Zivilisation. Jeder kann sich eine Nespresso-Maschine leisten, aber nein, man mahlt den Kaffee von Hand und kocht ihn auf wie in armen Ländern.

Sie nimmt die sechs Kündigungsschreiben vom Schreibtisch und packt sie in ihre Handtasche. Es ist zu spät, mich für eine dieser Formulierungen zu entscheiden, der Eingang der Variante Nummer sieben ist bereits bestätigt worden. Ich bin bald arbeitslos. Seit diese Tatsache unabwendbar geworden ist, spart Alixe, wo es nur geht. Ihren Müll entsorgt sie manchmal in öffentlichen Eimern, um bei den Abfallgebühren zu sparen. Der Papierstapel passt knapp in ihre Handtasche, es ist ein verhältnismäßig großer Haufen Abfall und zudem einer, der eigentlich ins Altpapier gehörte. Ihr Umweltbewusstsein hält sich in Grenzen. Vielleicht hätte ich doch einen langen Brief abschicken sollen und nicht den Zweizeiler. Dann wüssten die Kollegen, dass auch sie eines Tages kündigen werden, sofern sie Mitgefühl haben. Und Nerven, die zunehmend schwächer werden.

Vor dem Haus nimmt sie das Papier aus der Tasche, wirft es in einen Abfalleimer und steigt auf die Vespa. Wenig später steht sie vor ihrem Spind in der Klinik. Tag 42 beginnt. Wieder so ein Tag. Sie hat beschlossen, die verbleibenden Tage als «Schwester Alixe» rückwärtszuzählen. Ein Countdown in Weiss.

Die letzten Tage

«Das klingt für mich alles mehr oder weniger gleich, wenn ich ehrlich bin.»

Carl schaut mich an, als würde ich ihm meine Liebe zu Justin Bieber gestehen. Höchstwahrscheinlich kennt er Justin Bieber nicht und wird bald als ein Mann aus dem Leben scheiden, der nicht wusste, wer Justin Bieber ist. Er beugt sich nach vorn und nimmt für einen Moment die Sonnenbrille ab.

«Alixe, die Goldberg-Variationen sind nicht irgendein Werk, es gibt nichts Vergleichbares. Hörst du nicht? Das ist ein Höhepunkt barocker Variationskunst! Es ist der Höhepunkt!»

«Was war der Höhepunkt in deinem Leben, Carl? Gab es überhaupt einen?»

Er schließt die Augen und drückt auf die Fernbedienung der Stereoanlage. Bachs Flügel erfüllt den Raum. Wären Vorhänge angebracht, würden sie zur Musik tanzen.

War wohl keine gute Frage, zumindest keine einfache. Wie kann ich bloß einen alten Mann so etwas fragen und dazu einen, der das Wort «erfüllt» inflationär verwendet, wenn es um das lange Leben geht, das hinter ihm liegt? Sein Leben muss ein einziger Höhepunkt gewesen sein.

Ich betrachte Carl und mich selber. Mein Kopf liegt in meinen Händen, die Ellbogen graben Löcher in meine Oberschenkel. Der Kaffee auf dem Nierentisch vor mir ist inzwischen kalt geworden, was mir recht ist, ich trinke ohnehin zu viel davon. Carl blickt mit geschlossenen Augen an die Decke. Die Fernbedienung auf seinem Schoss verschwindet auf einem grauen Streifen seines Morgenmantels.

«Die Liebe», sagt er.

«Und die Entscheidung, dich beim Sterben an meiner Seite zu haben.»

Ich glaube, ich muss weinen.

Vier Monate zuvor

Alixe steht am Bett der Patientin, die sie noch vor einigen Monaten mit ihrem Mann im Club tanzen sah. Vor lauter Freude, die Frau derart ausgelassen zu sehen, spendierte Alixe ihr einen Drink. Die Frau bewegte sich damals auffallend spastisch und ihr Rock war dramatisch kurz, der Ausschnitt ihres Oberteils reichte fast bis zum Bauchnabel und sie trug Birkenstock-Sandalen. Trotzdem hätte Alixe am liebsten mit ihr getanzt. So weit ging sie aber nicht. Vor anderen Leuten zu tanzen, und das erst noch zu Musik, die diese Bezeichnung ihrer Meinung nach gar nicht verdient, kommt Alixe nie in den Sinn. Lieber steht sie an der Bar, nippt an einem überteuerten Getränk mit Gurken und zu viel Eis drin und hofft, dass der Alkohol die lästigen Fragen in ihrem Kopf vertreibt. Was tue ich hier? Was tun die anderen Leute hier? Was tue ich überhaupt auf dieser Welt, wenn ich am Ende sowieso sterbe?

Die Patientin schläft. Alixe deckt ihre Füße zu und denkt an den Drink, den die Frau im Club nicht annehmen wollte. In der Nacht müsse sie wieder ihr Baby stillen, hatte sie gesagt und weitergetanzt. An ihrem Knöchel ist das Geburtsdatum der Tochter eintätowiert und in geschwungener Schrift ihr Name. In wenigen Tagen wird das Mädchen ein Jahr alt.

Es geht ein lauer Wind, das Fenster steht halb offen. Die Patientin mag keine geschlossenen Fenster, auch bei Minustemperaturen nicht. Alixe weiß das noch vom letzten Mal, als die Frau hier lag, im selben Bett und mit derselben Krankheit. Sie liegt unter der Daunendecke, die stets aufgeplustert und leicht aussieht. Der weiße Überzug wird fast täglich gewechselt. Vor allem bei stark schwitzenden Patienten wie dieser Frau. Ihre gelben Birkenstock-Sandalen stehen vor dem Schrank. Sie werden noch eine Weile dort bleiben und dann im Müll landen.

Alixe geht ins Schwesternzimmer und atmet tief durch. Oft schon geriet sie in Panik, wenn sie ein Knötchen in ihrer Brust spürte. Und immer konnten sie die Ärzte auf der Abteilung beruhigen. Eine Zyste, harmlos, geht von allein wieder weg. Besonders nah gehen ihr die Schicksale von Patienten, die jünger sind als sie. Die mitten im Leben stehen und gleichzeitig noch weit von der Mitte ihres Lebens entfernt sind. Wenn sie damals in den Betten der medizinischen Abteilung einschlief, fühlte sie sich wie eine Prinzessin in einem Schloss. Ein Haus mit unendlich vielen Räumen, einem Erwachsenenbett für sie allein und dann die Mutter, die sich um sie und die anderen Prinzessinnen und Prinzen in ihren Zimmern kümmerte. Sie war beliebt, die Mutter – und nah am Wasser gebaut. Meistens lachte und weinte sie gleichzeitig, wobei das Lachen stets gewann. Der Vater war weg, lange schon. Die Mutter musste wie alle Schwestern oft nachts arbeiten. Patienten brauchen rund um die Uhr Betreuung und Kinder auch. So kam es, dass Alixe bis auf das Personal der einzige gesunde Mensch im Märchenschloss war, was sie nicht wusste. Sie war ein Kind und es war wunderbar in ihrem großen Haus. Die Knöpfe am Bett, die das Gestell herauf- und herunterfahren ließen, der Fernseher an der Decke, die Schwestern und Pfleger, die mit ihr scherzten, wenn es nicht viel zu tun gab, und der rothaarige Oberarzt, der sich erfolgreich als Kobold Pumuckl ausgab.

Das Märchenschloss wurde inzwischen geschlossen, das Krankenhaus steht nun kulturellen Zwischennutzern aller Art zur Verfügung. Alixe’ Mutter arbeitet jetzt auf der medizinischen Abteilung in der Universitätsklinik. Sie kümmert sich um Herzrhythmus- und Kreislaufpatienten, während Alixe einen Stock weiter oben Krebskranke betreut. «Onkologie», sagt die Mutter oft, «ist ein wichtiger Bereich – und einer, der dich beelenden kann.» Alixe weiß genau, was sie meint. Das dicke Fell, das sie sich während der Ausbildung zulegte und das sie lange schützte, ist weg. Sie fühlt sich geschoren.

Die Großeltern wurden glücklicherweise zeitgleich zur Schließung des Krankenhauses pensioniert. So musste weder in der Küche noch in der Werkstatt ein Nachfolger eingearbeitet werden und den alten Leuten blieb der Weg auf das Arbeitsamt erspart. Alixe hatte das Krankenhaus zu jener Zeit nur noch selten betreten. Sie verbrachte ihre Freizeit bei der Tagesmutter, wenn die Mutter Dienst hatte. Die Mutter war der Meinung, als Einzelkind sollte ihre Tochter möglichst viel Zeit mit anderen Kindern verbringen. Die Tagesmutter lebte mit zwei Katzen und einem Wellensittich in einer Wohnung ohne Garten. Bei schlechtem Wetter mussten die Kinder in der Stube bleiben und Figuren aus Klopapierrollen basteln. Alixe war nie ein Bastelkind. Besonders in solchen Situationen sehnte sie sich nach der Zeit, als sich noch die Großeltern um sie kümmerten und Regen ein Ereignis war. Kaum fing es an zu tröpfeln, nahm der Großvater die kleine Alixe bei der Hand und sie gingen in den Krankenhausgarten und führten einen Regentanz auf. Danach packte die Großmutter Alixe in den orangen Frotteebademantel und kochte ihr eine heiße Schokolade.

Am Tag, als die Mutter Alixe beim Frühstück über die bevorstehende Schliessung der Klinik informierte, ließ Alixe den Mittagstisch aus und ging nach der Schule direkt ins Krankenhaus. Sie saß bei der Großmutter in der Küche und lauschte den alten Geschichten. «Alixe, fass die Herdplatte nicht an, sonst verbrennst du dich», sagte die Großmutter nicht zum ersten Mal. Doch diesmal war es als Witz gemeint. Eine Zweitklässlerin weiß selber, dass Herdplatten heiß sind, wenn in den Pfannen Gemüse kocht.

Die Großmutter trug ihr Leben lang dieselbe blau-weiße Schürze mit den Stickereien. Früher lag sie eng an und die eingenähten kochenden Frauen mit ihren Holzlöffeln waren klar als solche erkennbar. Jetzt ist die Schürze noch ein zu großer Fetzen Stoff mit Löchern und verblassten Farben.

In der Hoffnung, auch einmal einen Gips tragen zu dürfen, widersetzte sich Alixe als kleines Kind der Herdplattenwarnung und verbrannte sich die Hand und den Unterarm. Sie erhielt statt des ersehnten Gipses einen Wundverband und eine Predigt von der Mutter. Sie präsentierte die Armschlinge mit dem lädierten Arm trotzdem stolz im Klinikgarten herum. Die Verbrennung war die einzige sichtbare Verletzung, die Alixe je hatte. Würde sie an Gott glauben, würde sie ihm dafür danken, bisher unversehrt geblieben zu sein.

Nur das Tablet hat sie nicht im Keller verstaut. Zwar liest sie damit keine Zeitungen mehr und Bücher schon gar nicht, da sie der Meinung ist, dass ein richtiges Buch aus Papier sein muss. Für Notfälle aber hat sie das Gerät in der Wohnung behalten. Falls mal eine Sirene losheult und sie erfahren will, weshalb – und für die Wetterprognosen. Der Sinn steht ihr nicht nach Lesen oder Kochen, Ausgehen oder Putzen. Sie denkt an Sex und daran, dass sie noch keinen hatte, seit sie die Haare kurz trägt – und auch davor zu wenig.

Sie gibt im App-Store «Flirt» ein. Lauter langhaarige Frauen zwinkern ihr entgegen. Alle sind jünger als sie und wirken so glücklich, wie kaum jemand im echten Leben sein kann. Bärtige Männer mit wuchtigen Oberarmen grinsen sie an. Angesprochen fühlt sie sich nicht. Sie begegnet dem Slogan «Viele neue Leute kennen lernen!!!» und überlegt sich einen neuen Suchbegriff. An mehrere Leute hatte sie nicht gedacht. Ein Kerl würde reichen – und wäre allenfalls schon zu viel. Sie versucht es mit «One-Night-Stand». Es erscheinen Vorschläge für Wecker- und Sex-Apps. Uhren können ihr momentanes Bedürfnis nicht befriedigen. Abgesehen davon taugt diese Art von Wecker bei ihr erfahrungsgemäß nicht. Die Melodie webt sich in ihren Traum ein und Alixe schläft weiter. Und ein anonymes Sex-Date wäre ihr dann doch zu heftig.

Sie tut, was die Arbeitskollegin ihr schon lange ans Herz legt und lädt das Dating-App Tinder herunter. Als sie sich über Facebook anmelden muss, zögert sie kurz. Sie befürchtet, die Tinder-Singles würden dann die Weihnachtsfotos zu sehen bekommen, die sie der Mutter zuliebe gepostet hatte. Einer neuen Creme wegen hatte sie die Feiertage als Pickelgesicht verbracht, es aber nicht für nötig erachtet, die roten Punkte abzudecken. Bis auf die Mutter und die Großeltern war sowieso niemand anwesend gewesen und es gab keinen Grund anzunehmen, ein Fremder würde sich in die Alterswohnung der Großeltern verirren und Alixe auf seinem Schimmel entführen. Sie vertraut Facebook halbherzig, dass es die persönlichen Einträge nicht missbraucht, und meldet sich an.

Kaum ist sie als «Amanda, 36» Teil der virtuellen Flirtwelt, begegnet ihr «Fabian, 29» – mit ernstem Blick, langem Haar und rasiertem Gesicht. Sie will weiterklicken, da sie überzeugt ist, dass sich junge Männer nur mit älteren Frauen einlassen, um deren Herzen zu brechen und sich mit einer Jüngeren aus dem Staub zu machen. Als aber eine Nachricht von «Fabian, 29» auf dem Tablet erscheint, lächelt sie.

Schlimm, dass sich Menschen wie wir nicht auf der Straße begegnen können.

Alixe’ Hände bleiben über der Tastatur schweben, ihre Finger sind steif. Sie will «Fabian, 29» fragen, weshalb er wisse, dass sie sich nie in die Niederungen einer Flirtplattform begeben wollte und ob er allen Frauen dieselbe Zeile schicke, entscheidet sich dann aber für ein knappes

Allerdings!

Als sie nach einem mehrstündigen Dialog erschöpft die Augen schließt, bedauert sie, als Ergänzung zum Wecker nicht eine entsprechende App geladen zu haben.

Es ist früh und Alixe ist müde. Als die Arbeitskollegin in der Pause über ihre Tinder-Erlebnisse berichtet, könnte Alixe erstmals mitreden. Doch sie schweigt und blättert gelangweilt in einer Broschüre über Weiterbildungen. Es ist ihr Tag 24 als Schwester Alixe und Fortbildungen sind bald kein Thema mehr. Warum aber sollte sie plötzlich auf die Schwestern-Pflichtlektüre verzichten? Noch ist sie hier. Und noch ist alles, wie es schon immer war, nur ein bisschen schlimmer.

Eine Nachricht von «Fabian, 29» lässt sie unbeantwortet. Die Tinder-Anekdoten der Arbeitskollegin rufen ihr in Erinnerung, dass diese Plattform etwas für Verzweifelte ist und es sinnvoller wäre, an der Supermarkt-Kasse zu flirten. Was nützt ihr ein Date mit einem Kerl, den sie am nächsten Tag zufällig mit Frau und Baby in der Straßenbahn sieht? Will sie Männer treffen, die drei Köpfe kleiner sind als sie selber und den Stimmbruch nicht haben? Oder solche, die glauben, ein Parlament sei ein italienischer Schinken? Außerdem fällt ihr vor Müdigkeit fast der Kopf auf den Tisch. Nach nur fünf Stunden Schlaf hörte sie den Wecker nicht. Als die Sonnenstrahlen jedoch wenig später auf ihr Kopfkissen fielen, erwachte sie von allein.

Die junge Patientin wird heute Besuch von ihrer Tochter erhalten. Alixe hat ihr versprochen, das Mädchen abzulenken, sollte die Mutter vor ihm in Tränen ausbrechen. Der Vater des Kindes wird seine Lebenspartnerin ausnahmsweise aber erst am Abend besuchen. Seine Eltern kümmern sich tagsüber um die Kleine, oft auch an den Tagen, an denen ihr Vater nicht arbeitet. Seine Welt ist nicht mehr dieselbe, seit die Diagnose Krebs sein Familienglück zum zweiten und ziemlich sicher zum letzten Mal belastet und bevor das Leben endgültig zur Hölle wird. Alixe weiß, wie sehr die Patientin unter der Verfassung ihres Partners leidet. Fast mehr als unter ihrer Krankheit. «Ich bin froh, begreift meine Tochter nicht, was passiert», hatte sie ihr neulich gesagt. «Und ich wünschte mir, mein Mann würde es ebenfalls nicht realisieren.»

Die Arbeitskollegin reicht ihr Handy herum. Auf dem Display ist das Porträt eines Jünglings zu sehen. Er sehe doch ganz nett aus, oder? Auch seine Mitteilungen seien mehr oder weniger geistreich, wenn auch orthografisch gewöhnungsbedürftig.

«Wäre er live nur nicht so ungehobelt!»

«Auf Grindr wäre dir das nicht passiert», sagt ein Pfleger und zwinkert Alixe und der gemeinsamen Arbeitskollegin vielsagend zu.

Alixe beteiligt sich nicht am Gespräch. Sie hat auch nicht vor, ihr Schweigen zu brechen. Tinder ist offensichtlich ein Reinfall. Sie merkt sich Grindr.

Als sie am Abend am Tablet sitzt, stellt sie fest, dass sie mit Sicherheit die einzige Frau auf Grindr wäre. Spontan antwortet sie «Fabian, 29»:

Ein Feierabendbier in den nächsten Tagen ist keine schlechte Idee. Wobei ich lieber Gin trinke als Bier und noch lieber Rotwein, aber nur zum Essen.

Die letzten Tage

«Carl, nimm doch zur Abwechslung mal eine ganze Schlaftablette. Wegen einer Pille stirbst du nicht an einer Überdosis, das muss ich dir nicht erklären, oder?»

Carl geht nicht auf meine Worte ein. Er bricht die Schlaftablette entzwei und schluckt sie trocken hinunter. Sturkopf.

Laut atmet er ein und wieder aus und sagt dann: «Ich habe nicht vor, im letzten Moment meine Prinzipien zu ändern. Wie viel Uhr ist es eigentlich?»

«In einigen Minuten beginnt die Tagesschau, kommst du mit mir herunter, um dir anzuhören, was in der Welt alles schiefläuft?»

«Ich weiß, was alles schiefläuft. Doch es gibt auch schöne Dinge im Leben – selbst in deinem. Es wäre an der Zeit, das zu begreifen, Alixe. Und es zu schätzen. Liegt der Kamm an seinem Platz? Und der Nasenspray? Die Taschentücher?»

«Alles liegt unverändert auf der Ablage. Nasenspray, Taschentücher, Kamm. In dieser Reihenfolge. Ich geh hinunter, ja? Und schau später wieder nach dir.»

Ich bin versucht, Carl die Hand zu drücken, lasse es aber bleiben. Es ist verrückt, wie sich dieser stolze Mann mir gegenüber öffnet, alles von sich preisgibt oder jedenfalls sehr viel. Ich werde ihn vermissen, ich vermisse ihn jetzt schon, obwohl er mir so nah ist wie nie zuvor. Es ist ein präventives Vermissen. Mir ist klar, dass ich damit warten sollte. Bloß weiß ich nicht, wie lange noch. Zwei Tage? Drei? Eine Woche – oder länger? Ich war noch nie dabei, als jemand verdurstet ist. In der Klinik wurden die unheilbar Kranken bis kurz vor ihrem Tod mit Flüssigkeit versorgt. Mein Job war es, den Tod hinauszuzögern. Jetzt forciere ich ihn.

Ich schließe die Schlafzimmertür. Als ich in der Mitte der Treppe stehe, höre ich Carl nach mir rufen. Was ist los? Hat er Schmerzen? Atemnot? Ich gehe zurück ins Schlafzimmer. Carl sitzt im Bett, die Beine ausgestreckt, den Kamm in der Hand.

«Hast du den Briefkasten geleert? Irgendwelche amtliche Schreiben, Formulare, die ausgefüllt werden müssen, oder Rechnungen?»

«Nein, nur die Bestätigung, dass der Telefonanschluss per Ende Monat abgestellt wird. Ich habe den Brief in dein Arbeitszimmer gelegt.»

«Du kannst ihn auch wegwerfen. Und sollte dir langweilig werden: Im Regal neben dem Sam Francis liegt meine Doktorarbeit. Es würde mich interessieren, was du von ihr hältst. Außerdem erfährst du etwas über Lebewesen, die über einen Panzer verfügen und trotzdem keine Menschen sind. Das dürfte dir als misanthropische Pazifistin gefallen.»

Ich schließe leise die Tür, da ich fürchte, Lärm könnte Carl irgendwie schaden.

Drei Monate zuvor

«Alixe, wie konntest du nur!»

Die Mutter schreit durchs Telefon.

«Ich will dich sehen, Alixe, und wissen, wie es so weit kommen konnte!»

«Geht nicht, Mama, ich habe ein Date.»

«Schön, meine Tochter hat ein Date! Zuerst kündigt sie ihren Job, ohne es mir zu sagen, und als Nächstes heiratet sie noch, ohne mich einzuladen!»

Die Mutter schnaubt in den Hörer.

«Ich heirate nicht, ich kenn den Typen nicht mal. Außerdem ist er zu jung. Der will sowieso nur prahlen, es mit einer Milf getrieben zu haben.»

«Mit einer was?»

«Mit einer Mother I’d Like to Fuck.»

«Bist du komplett übergeschnappt? Ich hab dir immer gesagt, dass es dir auf Dauer nicht guttut, auf der Onkologie zu arbeiten. Du hättest in die Dermatologie wechseln können oder in die Säuglingsabteilung. Aber wahrscheinlich liegst du bald selber dort und ich erfahre auf dem Flur zufällig von meinem Großmutterglück.»

«Mama, hör auf. Fabian schreibt originelle Mitteilungen und er trägt keinen Bart. Außerdem ist er Informatiker, und zwar einer, der vorwiegend Hausbesuche macht und seinen Klienten ihre Computer einrichtet und so.»

«Was hat das mit deiner Kündigung zu tun? Wirst du jetzt etwa Informatikerin? Du hast doch keine Ahnung von solchen Dingen. Alixe, du bist eine großartige Krankenschwester. Überleg es dir nochmals.»

«Da gibt es nichts zu überlegen. Ich halte es nicht mehr aus, Menschen in den Tod begleiten zu müssen. Die meisten haben ein Leben, ein richtiges Leben, und plötzlich ...»

Die Mutter unterbricht sie: «Ja, aber vergiss nicht, dass du auch häufig zuschauen konntest, wie Patienten den Krebs überwinden. Alixe, unser Beruf ist nicht nur schlecht, er ist wichtig!»

«Aber mir ist er zu viel. So, ich muss mich jetzt bereit machen, ich sehe aus wie aus dem Müll gezogen. Soll ich einen Rock anziehen oder lieber Hosen?»

«Das spielt keine Rolle, wenn er nur mit dir ins Bett will.»

Alixe ignoriert, was die Mutter sagt, und beendet das Telefongespräch: «Ich ziehe Hosen an, die mit den Blumen, dann meint er, ich sei ein fröhlicher Mensch. Bye-bye.»

Alixe stellt die Vespa auf der Kiesfläche neben dem alten Zirkuswagen ab, um sie im Blick zu haben, wenn sie sich gleich mit ihrem Date an einen Tisch sitzt. Der Zirkuswagen wird als Bar genutzt. Sie trägt den Namen «Kleines Glück». Hier kann man «Essen, Trinken und Sein». So steht es in bunten Lettern auf dem Wagen geschrieben. Alixe mag es nicht, wenn sich fremde Leute auf ihren Roller setzen und ihre Fingerabdrücke und Bakterien hinterlassen. Und eigentlich mag sie auch Orte wie diesen nicht. Orte, an denen sich junge Menschen vergnügen, als würde es das Leben gut mit ihnen meinen. Die Vespa hat denselben Jahrgang wie Alixe und ist aus diesem Grund eine Attraktion. Die Großeltern hatten sie ihr zu ihrem dreißigsten Geburtstag geschenkt. Der Großvater hatte sie selber restauriert und sie dunkelblau gespritzt, in Alixe’ Lieblingsfarbe.

Alixe sucht nach einem Mann, der aussieht wie der Internet-Flirter, der sich «Fabian, 29» nennt. Sie sieht lauter Kerle in seinem Alter, manche tragen trotz kühlem Wind nur Badehosen, andere karierte Hemden und bunte Schals.

«Amanda!», ruft jemand vom Flussufer her.

Alixe reagiert nicht.

«Amanda?»

Alixe dreht sich um. Vor ihr steht der Mann aus dem Internet. Seine Wangenknochen sind kräftiger als auf dem Foto, sein Blick ist durchdringender, sein Haar dunkler.

«Du bist Amanda, oder?»

«Ich heiße Alixe.»

«Oh, entschuldige bitte, ich dachte...»

«Ich bin es.»

«Alice, Amanda, egal, schön, dass wir uns endlich sehen.»

Das wird sich zeigen, denkt sie. Und was heißt eigentlich «endlich»? Haben wir eine beschwerliche Reise unter Todesgefahren hinter uns, um einander endlich leibhaftig gegenüberstehen zu können?

«Ja, das ist schön. Alle Tische sind besetzt.»

Ihr Blick wandert von der Bar zur Vespa, zu Fabian und zurück zur Bar.

«Das trifft sich gut», sagt er. «Darf ich bitten?»

Mit der Geste eines Kavaliers weist er ihr den Weg zum Flussufer. Sie geht mit ihm und begreift zunächst nicht, dass das Picknick am Strand für sie bestimmt ist.

«Nimm Platz, Amanda, eh, Alice», sagt er.

«Alixe mit x, Alix ausgesprochen, ohne das e der geschriebenen Version. Alice mit x statt c.»

Sie setzt sich.

«Woher kommt dieser Name?»

«Das ist Griechisch, mein Vater war Grieche, das heißt, er ist es wahrscheinlich immer noch.»

«Du siehst gar nicht südländisch aus oder war Aphrodite etwa auch blond?»

«Ich fühle mich auch nicht griechisch, ich war erst zwei Mal dort, und das nur, um als Pauschaltouristin in einem Hotelkomplex einem Burnout vorzubeugen.»

«Jamas!», sagt Fabian und reicht Alixe ein Glas mit Rotwein.

Sie stoßen an und setzen sich auf das Tuch.

Sie will sich bedanken, sagt dann aber: «Ich dachte, wir …»

«Und ich dachte ... Naja, du magst Rotwein, aber nur, wenn du dazu isst, hast du jedenfalls geschrieben.»

Sie trinken den Wein, essen Oliven und schauen zu, wie ein paar Waghalsige in den kalten Fluss steigen. Er glänzt im Abendlicht wie ein Smaragd. Die Strömung ist schwach. Es ist friedlich.

«Magst du Sbrinz?»

Fabian nimmt den Käse in die Hand. Mit dem Taschenmesser schneidet er kleine Stücke und legt sie auf einen Teller aus Hartplastik. Das Baguette bricht er mit den Händen auseinander und reicht Alixe eine Hälfte. Sie legt Käse und ein Stück Rohschinken auf das Brot und beißt ab. Andere Frauen bringen beim ersten Date kaum etwas hinunter. Die Vespa ist aus ihrem Sichtfeld verschwunden, vor dem Zirkuswagen drängen sich die Leute in eine Schlange, um Bier und Humus mit Fladenbrot zu kaufen.

«Der Wein ist gut – und so würzig», sagt sie und begutachtet die Etikette auf der Flasche.

«Aha, aus Argentinien, der war aber lange unterwegs.»

«Ein Kunde hat mir den Tropfen empfohlen», sagt Fabian. «In jüngeren Jahren hat er auf dem Weingut den Bauern geholfen, mit bloßen Füssen zerstampften sie die Trauben. Damals kannte außerhalb Argentiniens kaum jemand diesen Wein, inzwischen wird er in die ganze Welt exportiert. Das Weingut beschäftigt 300 Leute. Stehen dir gut, die kurzen Haare.»

Alixe schiebt die Sonnenbrille hoch.

«Ist praktischer als diese langen Fäden.»

«Wie Fäden sehen deine Haare auf dem Foto aber nicht aus.»

«Es gibt noch keine Bilder von mir mit kurzen Haaren.»

«Das lässt sich ändern», sagt Fabian und nimmt sein Handy aus der Jeanstasche.

«Lächeln!»