Dusi - Marianne Grädel - E-Book

Dusi E-Book

Marianne Grädel

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Beschreibung

Dusi (gesprochen Duschi) und ihre Schwester Klarika verlieren als kleine Kinder innerhalb kurzer Zeit beide Eltern und alle Geschwister, das Elternhaus und schliesslich die ungarische Heimat. Beide müssen sich neu orientieren. Obwohl sie dieselbe Herkunft haben, gelingt der einen die Verankerung im neuen Leben besser als der anderen. Auf einmal kollidieren Schein und Wirklichkeit. Das Finden einer eigenen Identität zwischen den gesellschaftlichen Ansprüchen und dem Wunsch nach Selbstbestimmung wird zu einer Gratwanderung. Dusi als kreative, eigenständige und trotzdem anpassungsfähige Persönlichkeit geht ihren eigenen Weg. Äusserlich von eher zarter Statur, ist sie innerlich unbeugsam, wenn es darum geht, zäh und ausdauernd Lösungen für vordergründig ausweglose Situationen zu suchen. Die wachen und stets präsenten Erinnerungen an die frühe Kindheit im ländlichen Ungarn erweisen sich als tragfähige Lebensgrundlage und Kraftquelle für Dusi.

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Seitenzahl: 216

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Titelei

Cover

Titel

Marianne Grädel

Dusi

Erzählung

Impressum

© 2018 Blaukreuz-Verlag Bern

Fotos: Archiv Marianne Grädel

Umschlaggestaltung: diaphan gestaltung, Liebefeld

Satz: diaphan gestaltung, Liebefeld

Druck: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm

ISBN des E-Books: 978-3-85580-533-4

ISBN der Print-Ausgabe: 978-3-85580-530-3

Grossi guldigi Summervögel

«Grossi guldigi Summervögel flüge über d Strasse.

Grossi guldigi Summervögel flüge usem Wald ufs Fäld.

Jetzt guet Nacht du schöni Wält, mir wei itz ga schlafe,

jetzt guet Nacht du schöni Wält, mir wei itz ga schlafe.

Grossi guldigi Summervögel flüge über d Strasse.

Grossi guldigi Summervögel flüge usem Wald ufs Fäld.

Ihre Summer isch verby, ihri Freud vergange,

über Nacht chas Winter si, s heisst, es gäb e länge.

Grossi guldigi Summervögel flüge über d Strasse.

Grossi guldigi Summervögel flüge usem Wald ufs Fäld.

Darum rueie si dert, und anders chunnt ad Reihe,

d Chnospechindli, brun und rund, tröime scho vom Maie.»

(aus: «Es singt es Vögeli ab em Baum» von Sophie Haemmerli-Marti, Verlag Sauerländer, 1958)

Inhalt

Vorwort

Prolog

Frühling

Sommer

Herbst

Winter

Epilog

Bildteil

Dank

Zur Autorin

Vorwort

Was soll von einem Leben bleiben? Die Frage stellt sich meist erst an Beerdigungen. Hier wird bilanziert und manchmal schöngeredet. Wir wissen wenig von den inneren Kämpfen, die ein Mensch Zeit seines Lebens ausficht. Sichtbar werden nur die Auswirkungen, die Kreise, die ein Menschenleben zieht.

Im vorliegenden Buch geht es um die Auseinandersetzung mit dem Inneren und dem Äusseren im Leben von Dusi (gesprochen Duschi) Fischer-Gremsperger. Ich stütze mich dabei auf Berichte ihrer Familie, auf ihre Aufzeichnungen aus der frühen Kindheit in Ungarn (Originalzitate sind im Buch kursiv gedruckt) und eigene Erinnerungen an sie. Sie war meine Grossmutter. In langen Gesprächen mit Verwandten und Freunden wurde immer klarer, was Dusi als Mensch ausmachte. Dies ermöglichte es mir, ihr inneres Ringen zwar in schriftstellerischer Freiheit darzustellen aber doch hoffentlich sehr nahe an der Wirklichkeit festzumachen.

Dusi lebte gewiss kein Leben wie im Bilderbuch. Die Bilder, die sie mit ihrem Leben, unter Aufbietung all ihrer Kräfte, erschaffen hat, sind aber bunt und facettenreich. Sie erhellen aus der Vergangenheit immer noch unseren Alltag und halten die Frage wach, was von unserem eigenen Leben bleiben soll.

Prolog

«Um das Kapitel Spiel und Spielgefährten abzuschliessen, möchte ich nur noch ein Spiel erwähnen, das ich ganz alleine als Geheimnis mit einem himmlischen Gefährten spielte, nämlich dem Mond. Schon als Kind liebte ich die Silbersichel am hellen Abendhimmel. Stand sie hoch genug oben und war es mir vergönnt, noch ein wenig auf dem Hofplatz zu sein, so sprang ich hin und her und sah zum Himmel auf, ob sie mir folge. Und immer war sie genau über mir. Ich konnte die kunstvollsten, raschesten Wendungen machen, von einer Ecke gerade in die andere springen, der Mond kam unfehlbar mit. Das kam mir seltsam vor, dass er so bereit war, gerade mein Spiel mitzuspielen, denn es gab doch noch so viele Leute in Rácalmás, die er auch begleiten könnte, wenigstens zur Abwechslung.»

Aus Dusis Kindheitserinnerungen, niedergeschrieben 1965 im Alter von 51 Jahren als Brief an ihre jüngere Schwester Klarika

«Behold, we know not anything;

I can but trust that good shall fall

At last – far off – at last, to all,

And every winter change to spring.»

(Aus «In Memoriam» 1850, von Alfred Tennyson; London, 1878)

Frühling

Die Wohnung ist kalt am frühen Morgen. Erst im Lauf des Nachmittags wird die Sonne die Fassade eine Weile bescheinen und einen Hauch von Wärme spenden. Der Frühling ist noch weit weg, auch wenn die Tage schon etwas länger hell sind. Bisher hat Dusi noch nicht viel von Budapest gesehen. Die Stadt bedrückt sie, nirgends sieht man den Horizont. Sie vermisst die unendlichen Felder und Wiesen hinter dem Dorf und die schmalen Wege dazwischen, wo man die Füsse in den feinen, hellen und kühlen Sand stecken konnte. Und ihr fehlt der Anblick des weiten Himmels mit dem Spiel der ziehenden Wolken. Immer schon hatte sie sich gewünscht, auf den weichen weissen Wolkenbergen herumzutollen. Von dieser Wohnung aus kann sie zwischen den hohen Häuserreihen bloss ein kleines Stück Himmel erspähen.

Sie zieht die kalten Füsschen unter den Rock, um sie zu wärmen. Geheizt wird erst am Abend wieder, wenn die Patin von der Arbeit zurückkommt. Es ist still in der Wohnung, ganz still. Dusi bettet den Kopf aufs Kissen und versucht, noch einmal einzudösen. Im Schlaf kommen jeweils die freundlichen Träume. Wie feine Fäden ziehen die Erinnerungen Spuren hinter den Augenlidern.

Als das nicht gelingt, drückt sie sich die Handballen fest auf die Augen. Sie liebt die farbigen Kringel, die entstehen, wenn man nur lange genug wartet. Erst sind sie grau und weiss, dann werden sie blau und golden. Der Hintergrund ist schwarz wie der Nachthimmel über der Puszta. Gelbe Sternenpünktchen flirren näher und verschwinden wieder. Es tauchen Verzierungen auf, wie sie die Mutter jeweils mit bunten Fäden auf die Sonntagsblusen stickte.

Die Tränen laufen dem Kind unter den Fäustchen hindurch über die Wangen. Es vermisst die Mutter. Und den Vater, den es Apa nannte. Er sei nun auch gestorben, hatte die Tante gesagt. Gewiss ist die Tante eine liebe Frau und sorgt, so gut sie kann, für ihr Patenkind, aber sie ist immer so lange weg. Sie müsse arbeiten und Geld verdienen, hatte sie Dusi erklärt. Wenn ihr Verlobter aus der russischen Kriegsgefangenschaft heimkehre, werde er vorerst keine Arbeit haben und vielleicht sogar krank sein.

Das Mädchen fragt seine Irénnéni, was denn Kriegsgefangenschaft sei? Die Patin seufzt und gibt keine Antwort. Dusi spürt einen Anflug von Schrecken, etwas Ungeheuerliches muss das sein, die Kriegsgefangenschaft. Sie lauscht dem Wort nach. Es klingt doppelt grausam: Krieg und gefangen. Sie erinnert sich an das beklemmende Gefühl, wenn man beim Fangenspielen erwischt wurde. Dusi sieht den Kummer in den Augen der Patin.

Irén Kovács spricht in diesem Jahr 1919 oft davon, dass nun die meisten Menschen in Ungarn Hunger hätten und das Land am Ende sei nach dem grossen Krieg. Dusi und ihr Schwesterchen Klarika haben in ihrem Dorf nichts davon mitbekommen. Nur einmal waren zwei blasse, schüchterne Mädchen aus Österreich zu ihnen gekommen und ein paar Wochen lang verwöhnt worden. Dusi und Klarika konnten es kaum fassen, wie die Mutter den beiden immer und immer wieder die besten Leckerbissen vorgesetzt hatte. Bis sie wieder fröhlich geworden waren und runde Bäuchlein hatten. In Dusis Augen war der Kriegsschrecken der armen Mädchen gelindert worden durch die Fürsorge ihrer Mutter, ihrer Anya.

Indem sie für uns sorgte, war sie heiter, glücklich und zufrieden. Sicher hatte sie auch manchmal Kummer oder Sorgen, aber wir bekamen das nicht zu spüren. Sie war immer freundlich, immer geduldig, immer liebevoll und fröhlichen Gemütes. Sie war sicher einfach in ihrem Wesen aber hatte echte Herzlichkeit und Mütterlichkeit und war deshalb auch bei anderen Menschen beliebt. Nie war sie laut oder lärmig, sondern mehr warmherzig und innig.

Genug der wehmütigen Erinnerungen. Der leere Magen knurrt. Dusi steht auf und trippelt in die Küche. Sie klettert auf den Holzstuhl mit dem geflickten Bein. Die Tante hat ihr etwas altbackenes Brot und Milch bereitgestellt. Dusi kaut sehr langsam, um dem Brotbrei die tröstliche Süsse abzugewinnen. Bis mittags muss das reichen, dann erst darf sie die Reste vom Vorabend essen. Mittag sei dann, wenn die Sonne ganz hoch am Himmel stehe, hatte Irénnéni der sechsjährigen Dusi erklärt. Und wenn die Sonne nicht scheine, wie solle sie dann wissen, wann Mittag sei? Darauf wusste die Tante auch keine Antwort. Also dachte sich Dusi die Regel aus, dass dann Mittag ist, wenn der Hunger mehr schmerzt als das Sehnen nach den Eltern und dem Schwesterchen.

Nach dem Frühstück stellt Dusi ihre Tasse in das Waschbecken. Abwaschen darf sie sie nicht, es könnte sich jemand wundern, wenn in der vermeintlich leeren Wohnung auf einmal Wasser aus den Rohren liefe. Sie verlässt die Küche, tapst ins Bad und kämmt sich die Haare. Sie versucht, zwei Zöpfe zu flechten. Dann steigt sie auf den Schemel, zieht sich mit beiden Händchen auf den Rand des Waschbeckens hoch, stützt sich auf und überprüft im winzigen, halbblinden Spiegel ihr Werk. Mit dem Ergebnis ist sie nur mässig zufrieden. Ihre graublauen Augen blicken aber schon wieder zuversichtlicher in die Welt. Jetzt darf sie spielen. Alles soll seine Ordnung haben, hatte ihre Mutter sie gelehrt.

In der Stube kramt Dusi ihre kleinen Puppen aus der Schachtel hervor. Sie sind sehr einfach und nur der Spur nach als Püppchen zu erkennen. Aber Dusi liebt sie heiss, spielt viele Stunden mit ihnen und denkt sich dabei fabelhafte Geschichten aus. Das kleinste Puppenkind stellt Klarika dar, ihre um neunzehn Monate jüngere Schwester. Dusi erinnert sich daran, dass sie sich viel gestritten hatten und die Mutter darüber traurig war.

Oft betrübte es sie, dass wir immer zusammen zankten und sie ermahnte uns. Aber das begriff ich nie. Zanken war doch so kurzweilig und eine reine Angelegenheit zwischen uns beiden. Nie gegen sie, die Mutter, gerichtet. Ich fühlte sicher richtig, dass geschwisterliches Zanken in der Kinderzeit für die gesunde seelische Entwicklung unentbehrlich ist. Wir liebten uns deswegen gleichwohl und waren unzertrennlich. Ich war natürlich etwas in der Übermacht, da ich älter war, und ich verlangte ziemlich kategorisch Gehorsam von dir. Aber du warst ein so munteres, auf­gewecktes Persönchen, dass ich hoffe, du habest keinen Schaden davongetragen.

Aus der schweren Zeit der grossen Veränderungen hat Dusi nur wenige Erinnerungen an den Alltag und die Schwester behalten. Einzig die beiden leidvollsten Szenen haben sich ihr in das Gedächtnis eingebrannt. Einerseits die Kunde vom Tod der Mutter, als Klarika so lange untröstlich war:

Du, die du noch so anhänglich und abhängig von der Mutter warst, weintest manchen Tag lang. Es war herzbewegend. Immer wieder schluchztest du, riefst nach der Mutter und wolltest dich von niemandem anrühren lassen. Ein paar Frauen bemühten sich um dich, aber es half alles nichts.

Und andererseits der Moment des Abschieds, als Klarika von ihrer Patin abgeholt wurde:

Da klammertest du dich verzweifelt an das Bettgestell und wehrtest dich bis zum Äussersten, um nicht fortgebracht zu werden. Du tatest mir so leid, und doch stand ich steif daneben, ohne dich zu trösten oder mich schützend vor dich zu stellen. Ach, man war so hilflos den vielen Erwachsenen gegenüber.

Wie mag es der vierjährigen Klarika jetzt gehen? Auch sie lebt bei ihrer Patin in Budapest. Glücklicherweise ist diese tagsüber zu Hause und kann sich um das Schwesterchen kümmern.

Die grösste Puppe ist die Mutter. Dusi versucht, sich das liebe Gesicht in Erinnerung zu rufen. Das ist der grösste Trost, den sie sich vorstellen kann.

Sie war von schöner, fraulicher Gestalt, eher gross, und ihre angenehmen Züge trugen einen freundlichen, liebevollen Ausdruck. Als kleines Mädchen war sie für mich die schönste Frau und ich kannte keinen brennenderen Wunsch, als einmal genauso auszusehen wie sie. Sie hatte die kleine Eigentümlichkeit, dass ihre Lippen immer leicht geöffnet waren und man die Schneidezähne hervorschimmern sah. In diesen kleinen aparten Zug war ich geradezu verliebt.

Die Puppe, die den Vater darstellen soll, ist etwas kleiner und aus dunklem Stoff hergestellt. Mit einem schmalen Stück eines weissen Lappens ist der Kopf eingebunden.

Der Vater war für mich der Starke, der Beschützende, der sichere Halt unserer Familie. Es gab nichts, was ich ihm nicht zugetraut hätte, und ich hing mit bedingungsloser kindlicher Liebe und Bewunderung an ihm. Er war zwar klein von Statur, ich empfand dies sogar als Kind. Um das Gesicht trug er immer ein gefaltetes, oben geknotetes Tuch, wie man es früher bei Zahnschmerzen zu tun pflegte. Er hatte schöne graublaue Augen mit dunklen Wimpern und Brauen, und trug das Haar kurz geschoren. An der Wange hatte er eine Narbe; um diese zu verdecken, trug er das Tuch. Trotz dieser äusserlich vielleicht nicht imponierenden Erscheinung wirkte sein Wesen klar, entschieden und männlich. Er hatte Autorität, auch in der Erziehung.

Die Dusipuppe ist aus buntem Tuch und führt meistens Regie. Sie hat natürlich stets die besten Ideen. Im Spiel kann Dusi ihre Familie wieder komplettieren. Aus beglückenden Erinnerungen schöpft sie Stoff für Rollenspiele. Ein paar famose Streiche lassen sie hin und wieder vor Vergnügen leise glucksen und heitern ihr Gemüt etwas auf. Sie erinnert sich an die eine richtige Puppe, die ihr und ihrer Schwester einmal überreicht worden war.

Ein einziges Mal bekamen wir eine schöne Schlafpuppe aus Porzellan geschenkt. Ich weiss nicht mehr, ob anlässlich von Weihnachten oder einem Verwandtenbesuch. Der Mechanismus der sich öffnenden und schliessenden Augen interessierte mich und sehr bald hatte ich sie eingedrückt. Von diesem Moment an wirkte die Puppe unheimlich, mit ihren leeren Augenhöhlen und dem klappernden Geräusch der im hohlen Kopf herumkullernden Augen. Schon vorher war sie mir in ihrer Vornehmheit wesensfremd erschienen, jetzt wollte ich überhaupt nichts mehr mit ihr zu tun haben. Ich bekam noch gehörig Schelte, dass ich das teure Geschenk schon kaputt gemacht hatte.

Dusi sind diese kleinen, aus alltäglichem Material gefertigten Püppchen lieber. Deren Haltbarkeit ist zwar nicht von Dauer, gleichwohl bedeuten sie heiteren Zeitvertreib. Die Tante hatte ihr geholfen, diese neuen herzustellen. Aus dem Dorf hatte sie keine mehr mitgebracht.

Als meine Mutter schon nicht mehr lebte, hatte ich einmal den Wunsch, wieder mit einer Puppe zu spielen. Ich ging zum Vater und bat ihn, mir eine zu machen. Er sah sofort die Notwendigkeit ein und war bereit, mir zu helfen. Ich zeigte ihm die Stofflappen und erklärte ihm alles. Aber wir brachten es trotzdem nicht zustande. Seine Hände waren wohl zu schwerfällig und meine zu ungeschickt. Wehmütig und resigniert hob er mich auf sein Knie und wir beide empfanden, wie arm und freudlos unser Leben geworden war ohne die Mutter.

Am Nachmittag scheint die Sonne in den Raum. Dusi wartet jeden Tag darauf. Sie legt sich auf den Boden unter das Fenster und lässt die Strahlen der Vorfrühlingssonne ihren kleinen Rücken wärmen. Die Hände faltet sie unter dem Gesicht. Sie wird müde und überlässt sich gerne dem leichten Schlummer. Denn so wird es am schnellsten Abend, und die Tante wird nach Hause kommen, Feuer machen und etwas kochen.

Geweckt wird sie später von den Kinderstimmen, die von der Strasse herauf ertönen. Jetzt kommen sie von der Schule nach Hause, weiss Dusi. Also wird es bald dunkel werden. Der Zug der Schulkinder gibt ihrem Tag Struktur. Wie gerne wäre sie ans Fenster getreten und hätte ihnen zugerufen und gewinkt. Oder noch besser: Sie hätte nach unten laufen und sich ihnen anschliessen können. Nach den vielen Monaten alleine in der kleinen Wohnung fehlt ihr die Gesellschaft anderer Kinder. Sie hat die Stimmen unterscheiden gelernt. Einer der lautesten und frechsten Jungen erinnert sie an János aus dem Dorf.

Dann war noch ein kleiner János da, ein kräftiges, etwa dreijähriges Bürschchen, das aber seine altersmässige Unterlegenheit mit einer riesigen Prahlsucht wettzumachen suchte. Er lachte uns weidlich aus, wenn wir bei Regenwetter Schuhe tragen mussten und behauptete, selber den ganzen Winter, sogar bei Schnee, barfuss zu gehen. Leider liess ich mir von ihm imponieren, ich war ihm ganz verfallen und er wäre mir beinahe zum Verhängnis geworden. Um sich wichtig zu machen, pflegte er uns ein kleines Bravourstück vorzuführen. Wenn ein Wagen mit trabenden Pferden vorbeikam, rannte er im letzten Moment vor diesem über die Strasse. Bald tat ich es ihm nach, ja, ich überflügelte ihn bei weitem. Niemand wagte so tollkühn zu sein wie ich. Ich wartete den letzten Bruchteil der Sekunde ab, die Hufe der Pferde berührten mich fast. Ich blieb unbestritten Siegerin vor den Spielgefährten. Wohl fluchten die Kutscher und drohten mit der Faust, aber es nützte alles nichts. Der Triumph, die Waghalsigste zu sein, war süsser. Noch heute danke ich, dass ich bewahrt wurde, nie stolperte oder unter die Hufe geriet. Damals ahnte ich nicht einmal die Gefahr, in der ich jedesmal schwebte.

Aber es ist verboten, das Fenster oder die Tür zu öffnen. Irénnéni hatte ihr deutlich gesagt, niemand dürfe wissen, dass sie ein Kind bei sich in der Wohnung habe. Dusi würde sonst in ein Waisenhaus gebracht werden. Also solle sie auch nicht laut sprechen oder singen, nicht herumspringen oder Licht anzünden.

Dusi schleicht gebückt unter dem Fenster hindurch und überlegt, trotzdem einen kurzen Blick auf die Kinder zu werfen. Nur ganz kurz. Sie fasst mit den Händchen ans Fensterbrett. Aber dann lässt sie es bleiben. Die Sonne ist verschwunden, und es ist wieder kalt geworden. Mit ihrer Puppenschar setzt sie sich im Schneidersitz auf ihr Bett, deckt alle zu und flüstert ein Lied für sie.

Irénnéni kommt nach Hause. Ihre schleppenden Schritte auf der Treppe erkennt Dusi gleich. Die Tante ist müde nach dem langen Arbeitstag. Vom kärglichen Essen ist sie ganz dünn geworden und blass. Aber sie lässt sich nichts anmerken, nimmt das Kind in die Arme und fragt es leise, was es den ganzen Tag gemacht habe. Sie streichelt Dusis braune Zöpfchen, die etwas schief geflochten sind und erschrickt über die Magerkeit des Kindes. Es tut ihr in der Seele weh, dass sie nicht mehr zu essen haben und das Mädchen den ganzen Tag alleine sein muss. Dusi plappert im Flüsterton von ihren Spielen und hat ihr Heimweh vergessen. Sie kochen gemeinsam ein paar Kartoffeln und ein Paprikagemüse. Die Tante würzt nicht so scharf wie die Mutter, trotzdem schmeckt es Dusi sehr.

Irénnéni bringt heute eine freudige Nachricht. Sie berichtet mit gedämpfter Stimme, dass ihr Onkel, Professor Kovács, für Dusi einen Platz im Kinderzug, der in die Schweiz fahren soll, ergattern konnte. Dort sollen bedürftige ungarische Kinder während dreier Monate in Ferienkolonien untergebracht werden und sich bei reichlicher Kost und viel frischer Luft erholen können.

Dusis Augen werden gross. Sie weiss hingegen nicht so recht, ob sie sich freuen soll oder nicht. Bis auf die Fahrt mit dem Pferdefuhrwerk in die Hauptstadt zu ihrer Tante war sie noch nie auf Reisen gewesen. Etwas bange erkundigt sie sich, wo denn die Schweiz sei und ob Irénnéni auch mitkommen würde? Das sei nur für Kinder, entgegnet diese. Sie selbst würde in Budapest bleiben und arbeiten und auf Dusi warten, bis sie im Herbst wiederkomme.

* * *

Drei Monate später ist es soweit. Das kleine Bündelchen mit Dusis kümmerlichen Habseligkeiten ist bald einmal gepackt. Der anfängliche Abschiedsschmerz von der Patin ist schnell vergessen, und Dusi geniesst auf der langen Eisenbahnreise die Gesellschaft der anderen Kinder. Es dauert ein Weilchen bis sie begreift, dass sie sich nicht mehr verstecken muss. Geschichten werden erzählt, und es wird viel geschnattert und gelacht.

An der Schweizer Grenze gibt es Kontrollen. Jedes Kind wird untersucht, denn es dürfen keine Kranken einreisen. Für deren medizinische Versorgung fehlt der Organisation das Geld. Bereits hier in Buchs verlässt eine Gruppe den Zug. Dusi reist mit vielen anderen Buben und Mädchen bis in den Kanton Tessin weiter. Vor dem Zugfenster ziehen hohe Berge und Felswände vorbei. Dusi ängstigt sich ein wenig. Der lange, dunkle Tunnel durch die Alpen bedrückt sie.

Die Landschaft der Südschweiz gefällt ihr schon besser. Die Kinder werden in einem grossen Ferienhaus untergebracht. In riesigen Schlafsälen stehen Stockbetten. Dusi staunt. So grosse und hohe Räume hat sie noch nie gesehen! Flink erobert sie sich einen Schlafplatz und räumt ihre Sachen ein. Draussen lockt ein ausgedehnter Spielplatz mit Turnstangen. Hier können die Kinder endlich ihrem Bewegungsdrang Raum geben nach der schier endlosen Reise.

Am Abend dürfen die Mädchen in den Betten noch ein wenig schwatzen, aber um einundzwanzig Uhr werden die Lichter gelöscht. Plötzlich befinden sich die Kinder im Dunkeln. Es ist ein harter, unvorhersehbarer Wechsel vom Tag zur Nacht, ohne dass eine liebende Mutter, ein Vater oder sonst eine Verwandte ihnen zärtlich über den Kopf streicht.

Dusi lauscht in die Dunkelheit. Die unheilvolle Stille wird auf einmal von einem Seufzen unterbrochen. Es kommt vom Bett unter ihr. Ein kleiner erstickter Laut aus dem Kissen neben ihr folgt. Er scheint ansteckend zu wirken. Von überall her sind nun verhaltene Schluchzer zu hören, und hie und da heult ein kleines Mädchen klagend auf und ruft nach seiner Mutter. Das bittere Heimweh hat die Schar überfallen.

Dusi rutscht hinüber in das Nachbarbett, umfängt das Mädchen mit einem Arm und beginnt leise und tröstend zu summen. Ihr fällt nur die Melodie des Abendliedes ein, das ihre Anyuka immer mit heller Stimme für sie und ihre Schwester gesungen hatte. Das Kind hört zu. Sein Jammern lässt nach. Nach und nach fallen andere in die Melodie ein. Ein Hauch von Heimatgefühl lässt die Kinderherzen ruhiger werden. In den Köpfchen tauchen Bilder von zu Hause auf. Dusi sieht ihren Vater vor sich, wie er eine lustige Volksweise für seine Töchter singt, dabei kleine Tanzschritte macht und über das ganze Gesicht lacht. Die roh verputzte Hauswand strahlt noch die Wärme des Tages ab. Über den friedlichen Abendhimmel ziehen rosa Schäfchenwolken. Aus der Küche ruft die Mutter zum Essen.

Allmählich wird es ruhiger im Schlafsaal. Das Weinen ebbt ab. Der leise Gesang wird von tiefem Atmen abgelöst. Nur dann und wann hört man noch ein Wimmern oder einen letzten Schluchzer, schon halb im Schlaf. Dann ist es still. Am Morgen finden die Betreuerinnen einige Betten leer vor, dafür blitzen ihnen aus anderen gleich zwei muntere Augenpaare entgegen.

An den meisten Tagen werden Ausflüge oder Wanderungen unternommen. Dabei entdecken die Kinder glitzernde Steine oder bizarr geformte Holzstücke. Alles wird in den kleinen Rucksäcken verstaut. Dusi bleibt abrupt stehen und schaut fasziniert auf einen grossen, bunten Schmetterling mitten auf dem Weg. Fast wäre sie darauf getreten. Schon immer hatten ihr die federleicht durch die Luft gaukelnden Sommervögel gefallen. Die Mutter hatte ihr erzählt, wie aus den unansehnlichen Maden, die sich erst verpuppen, auf einmal diese unbeschreiblichen Schönheiten schlüpfen. Dieser hier bewegt sich nicht. Vorsichtig tritt Dusi näher, um ihn nicht zu erschrecken. Aber er scheint tot zu sein. Seine schillernden Flügel liegen schlaff auf der Erde. Sie bettet das Insekt liebevoll auf die Wiese neben dem Weg, deckt es mit Gras zu und rennt dann den anderen nach.

Am schäumenden Bergbach darf gebadet werden! Die begleitenden Frauen haben alle Hände voll zu tun, damit sich keines aus der wilden Schar zu weit entfernt oder etwa in den ­tiefen, ausgewaschenen Steinbecken ertrinkt. Auf einem Felsvorsprung ist ein Tumult entstanden. Ein Wettstreit scheint entbrannt zu sein. Ein paar Knaben feuern sich gegenseitig an. Sie wollen wissen, wer den grössten Mut aufbringt und vom höchsten Punkt des Felsens springt. Natürlich ist auch ein ehrgeiziges Mädchen dabei, das alle anderen ausstechen will.

Mit dem Ruf zum Picknick unterbinden die Helferinnen das gefährliche Spiel. Friedlich lagert die Gruppe im Schatten eines Felsens und geniesst die reichlich bemessenen Rationen.

Dusi schliesst schnell Freundschaften. Mit ihrer ideenreichen und zielstrebigen Art ist sie bald Anführerin eines kleinen Trupps. Sie heckt Streiche aus und erzählt den anderen Kindern mit blitzenden Äuglein unterhaltsame Geschichten, wahre und erfundene. Überhaupt ist das Geschichtenausdenken eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen.

Sie hat eine lebendige Vorstellungskraft. Selbst schwierigem eigenem Erleben kann sie in ihrer Einbildung eine güns­tigere Wendung geben und es auf diese Weise besser ertragen. Eine Geschichte, die ihr Vater ihr immer erzählt hatte, liebt sie besonders und gibt sie immer wieder zum Besten.

Unser Vater betete nicht nur mit uns, sondern er spielte auch und erzählte uns Geschichten, das heisst, es war eigentlich nur eine, der wir aber immer mit Begeisterung zuhörten. Sie handelte von einem Schweinchen, einem überaus tapferen, klugen Tierchen und dem grossen, bösen, glücklicherweise dummen Wolf. Dreimal trachtete der Wolf nach dem Leben des Schweinchens, aber jedesmal konnte es mit einer List die Gefahr abwenden, und beim dritten Mal brühte es selbst, mit kochendem Wasser, den Wolf zu Tode. Natürlich hauste das Schweinchen in meiner Phantasie in unserem Schweinestall und kletterte auf den ersten Akazienbaum an der Strasse.

Und selbstverständlich ist Dusi selbst das kluge und listige Tierchen. In ihrer Einbildung schlägt sie allen anderen ein Schnippchen.

Nach zwölf Wochen werden die Kinder wieder nach Budapest zurückgebracht. Der Zug ist voller braungebrannter und erstarkter Jungen und Mädchen. Mit vielen neuen Eindrücken kehrt Dusi zur Patin in die düstere Wohnung und in ihre tägliche Einsamkeit zurück. Der Kontrast zu den drei fröhlichen Monaten könnte grösser nicht sein. Sie vermisst den Lärm, das Gewusel und die wilden Spiele mit den anderen Kindern schmerzlich. Dafür bieten ihr die Erinnerungen an diesen sorglosen Sommer viel Stoff für Rollenspiele mit ihrer Puppenfamilie.

Diese kleine Schar hat sich vergrössert, nun gehört auch Maria dazu. Lange Zeit hat Dusi das Bébé fast vergessen. Allmählich tauchen verschüttete Erinnerungen wieder auf. Nach der Beerdigung ihrer Mutter war sie in eine Art seelischer Erstarrung gefallen.

An Vaters Hand wanderte ich zum Friedhof und dort kam der Schock. Als der Sarg in die Erde gelassen wurde, wusste ich mit der Klarheit eines Blitzes alles: Dass ich meine Mutter nie mehr sehen würde, nie, nicht ein einziges Mal mehr, auch wenn ich ein uraltes Weiblein würde und dass der tragende Grund meines Daseins weggebrochen war. Ich begann gellend zu schreien, zerrte verzweifelt an Vaters Hosenbeinen, er blieb meine einzige Stütze. Dann verwandelte sich der ganze Himmel, bis an den Rand des Horizontes, in ein schwarzes Tuch, das sich langsam aber stetig auf die Erde senkte und alles auslöschte. Von dem Augenblick an weiss ich nichts mehr. Ob ich ohnmächtig wurde oder mein Gedächtnis einfach aussetzte, kann ich nicht sagen. Auf alle Fälle liegt von diesem Moment an eine absolute, dunkle Lücke von mehreren Wochen, die von keinem Strahl erhellt wird, in meiner Erinnerung.

Vom Schwesterchen blieb mir nur ein einziges Bild: wie es in einem Kissen zur Amme gebracht wird. Dreimal am Tag wurde es dorthin getragen, aber sein kleines Leben konnte damit doch nicht gerettet werden. Mit ungefähr drei Monaten starb es schon, das arme kleine Wesen. Ihm hatte sicher auch die Ruhe und Geborgenheit gefehlt. Ich glaube, es war auf den Namen Maria getauft worden.