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Bei dem Buch "Düstere Abgründe" handelt es sich um einen Sammelband von Horror-Kurzgeschichten. Ein Menschenleben ist lang oder es ist kurz – aber vor allem ist es endlich. Der menschlichen Psyche hingegen scheinen keinerlei Grenzen gesetzt zu sein. Wie fühlt es sich an, wenn die zähe Dunkelheit über die bebende Seele kriecht, sich einem tief in den Schädel frisst und den Verstand zu erdrosseln sucht? Was geschieht mit der Moral, wenn man den Instinkten nicht länger Einhalt gebietet? Mit Phantasie als Brandbeschleunigender für das tiefste Grauen im Innern werden die verschiedensten düsteren Szenerien heraufbeschworen, die dem Leser das Gefühl geben, Teil zu sein, dabei zu sein, während der blanke Wahn aus den leblosen Augenhöhlen sickert. Zwischen Anregung und Aufregung dringt man ein in die Abgründe menschlicher Moral und menschlicher Psyche, wandelt an geisterhaften Orten, tanzt inmitten mystischer Gestalten, wird von alten finsteren Mächten heimgesucht und findet sich vor der Frage wieder, was wohl passiert, wenn man etwas zu bewahren versucht, das niemals je existiert hat. Reicht es, am Leben zu sein, um sich auch wahrlich lebendig zu fühlen? Eine nervenaufreibende Spannung – die viele Fragen und Ängste offen lässt.
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Seitenzahl: 295
Veröffentlichungsjahr: 2022
Düstere Abgründe
Von Anja Sievers
© 2021 Anja Sievers
ISBN E-Book: 978-3-347-41474-7
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich
geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede
Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die
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"Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg,
Deutschland
Für meine geliebte Familie.
Die Welt braucht ein gewisses Maß an Grausamkeit, damit das Gute nicht seinen Glanz verliert.
Inhalt
Die Spieluhr
Die Furcht vor dem Unausweichlichen
Memoria – Eine vergessene Erinnerung
Zwiegespräch mit Gott
Homo Adfectus
Im Bann der Zeit
Wahrheit. Weisheit. Wahnsinn.
Im Innern gerichtet
Gewissenlos?
Befreiung
Yaya Chiñi
Die Spieluhr
Heute Morgen hatte ich mir eine Spieluhr gekauft. Sie hatte dort gelegen, in Mitten verbrauchter Kindheitserinnerungen, zwischen Plüschtieren und Legofiguren, etwas versteckt und doch hatte sie meinen Blick fast magisch auf sich gezogen. Ich war nicht im Stande gewesen, wegzusehen. Diese alte leicht eingefallene Holzkiste besaß eine Wirkung auf mein Inneres, die mich in Erstaunen versetzte. So unschuldig hatte sie dort geruht, nur darauf wartend, dass ich sie in meine Hände schließen und sie heim tragen würde…
So begab es sich nun, dass ich bereits den gesamten Tag in meiner kleinen Wohnung auf dem Sofa saß, die hübsche alte Büchse in den vor ihrer überwältigenden Schönheit zittrigen Händen liegend und den kunstvoll verzierten Deckel gebannt hob und ihn leicht wehmütig wieder schloss. Jegliche meiner Sinne konzentrierten sich auf diesen einen Akt, als würde die Schatulle meine Aufmerksamkeit gänzlich kanalisieren. Ich meinte fast zu sehen, wie meine bebende Seele als feiner glänzender Nebel in ihre Richtung gezogen wurde. Mein gesamter Körper war erfüllt von einer geheimnisvollen Inbrunst, einer völligen Hingabe an diesen einen Moment, der sich mehr und mehr in die Länge zog.
Ich hob den hübschen Deckel erneut und es ertönte eine leise klimpernde Melodie, so rein, dass es mir das Herz zerriss. Im Takt dazu drehte sich eine kleine Ballerina in himmelblauem Kleid. Ihr filigran geschnitztes Gesicht begegnete dem meinen, ehe sie sich abwandte und ihre nächste Runde antrat. Ihr langes blondes Haar schien zu tanzen, während sie dort in der leisen hohen Melodie ihre Pirouetten schwang, scheinbar nur für sich selbst – und doch wohnte diesem Bild eine Anmut Inne, die sich kaum in Worte fassen lies.
Wieder und wieder öffnete ich den Deckel, lauschte den ruhigen betörenden Tönen, beobachtete ihren kleinen friedvollen Tanz und es fühlte sich an, als würde ich langsam in eine andere Welt hineingezogen. Doch sobald ich die Büchse schloss, war dieses verzückte Bild plötzlich völlig abrupt verschwunden und stattdessen bemächtigte sich die schier unaushaltbare Stille meiner, gewährte meinen dunkelsten Gedanken Zutritt zu der maroden Oberfläche meines Schädels und verdarb mir schleichend den Verstand. Es war ein Antagonismus, wie er furchterregender kaum hätte sein können.
Die Dose geöffnet und ein seliges Lächeln ruhte auf meinen Lippen.
Die Dose geschlossen und meine Mundwinkel verhärteten sich, ein düsteres Grauen loderte tief in meinen Augen, das mir eigenartig fremd erschien, als bedürfte es keines wahrlichen Fundaments.
Als ich das nächste Mal den hübschen Deckel hob und der Dunkelheit meiner Seele Einhalt gebot, kroch mir die leise Melodie unter die Haut bis tief in mein Innerstes hinein, wo sie fast zärtlich mein Herz berührte. Ich meinte zu spüren, wie die sanften Töne sich an dessen Außenwand schmiegten, es umgarnten, es dirigierten, bis ihre Lieder zusammenflossen und ihre Stimmen in Einklang sangen. Ich erhob mich von meinem Sofa, schloss die Spieluhr in meine Arme und begann, mich sacht zu drehen.
Nun war es mein Tanz, meiner ganz allein.
Die Bewegungen wurden ausladender, ich drehte mich bestimmter, schneller und auch als ich die Augen schloss konnte ich noch immer die kleine Ballerina neben mir sehen. Ihre langen blonden Haare umspielten ihren zierlichen Körper und sie schien mir zuzuzwinkern, während sie in eleganten Kreisen durch den kleinen Raum tänzelte.
Ich wollte ihr folgen, näherte mich ihr, reckte während den fließenden Bewegungen die Arme empor und versuchte, sie zu berühren, doch je dichter ich an sie herantrat, desto weiter schien sie sich von mir fortzuschwingen.
Plötzlich tanzte ich nicht mehr nur für mich. Plötzlich tanzte ich für sie. Für diese kleine zerbrechliche Person, die mich so betörend in ihren Bann zog. Ein Anflug von Unbehagen ergoss sich über mein pochendes Herz und lies mich die Dose schließen.
Meine Augen flogen auf, doch da war noch immer diese Melodie. Sie durchdrang mich, pulsierte durch meinen Körper – obgleich der Deckel gesenkt blieb. Die Töne schwebten fast hypnotisch durch den Raum, drangen in meinen Kopf und nisteten sich in meinen Verstand.
Es war zu viel, zu laut, zu schnell – doch diesem Irrsinn ein Ende zu bereiten lang nicht länger in meiner Hand. Meine Füße blieben nicht stehen, sie trugen mich fortwährend durch den Raum, ließen meinen Körper sich drehen, die Arme flogen auseinander und ein Schrei entwich meiner Kehle, so spitz, dass der Spiegel über der Spüle zerbarst. Ich besaß nicht länger die Kontrolle. Haltlos wirbelte ich durch das Zimmer, diese Melodie – sie waberte wie dunkler giftiger Rauch durch meinen Schädel und lies die Grenze zwischen Realität und Wahnsinn verblassen.
Ich öffnete die Dose wieder und die Musik verstummte. Die Ballerina verharrte regungslos auf der Stelle. Eine Stille trat ein, die eisig durch meinen Körper zuckte und ihn erschaudern lies.
Langsam, ganz langsam drehte ich die Spieluhr um – und erstarrte. Der Schlüssel, an dem man sie aufzuziehen gedachte, war abgebrochen. Meine Finger glitten über den feinen bronzefarbenen Stumpf. Der dünne klebrige Faden eines alten Spinnennetzes schlang sich um meinen Daumen und für einen kurzen Moment hielt mein gesamter Körper den Atem an. Meine Pupillen weiteten sich und zogen sich wieder zusammen. Mein Atem hallte rasselnd von den Wänden wider. Es fühlte sich an, als würde jemand seine kalten toten Finger durch die Schläfen in meinen Schädel bohren, die glitschigen Stränge des dort zuckenden Gehirns packen und sie ganz langsam verdrehen, bis Widerstand spürbar war – und weiter.
Ich schluckte. Stille. Dann setzte ich mich in Bewegung.
Ich ging durch den Raum.
Ein Schritt vor dem anderen, wie in Zeitlupe, wie in einer ganz eigenartigen Trance gefangen.
Ein Schritt vor dem anderen.
Die Spieluhr entglitt meinen zittrigen Fingern und stürzte dumpf zu Boden.
Ein Schritt vor dem anderen.
Dort war die Tür, ich musste nur die Klinke betätigen, diese Welt verlassen, irgendetwas verlassen…
Meine Knie gaben nach und langsam sank ich zu Boden. Plötzlich sehnte ich mich nach meiner kleinen Ballerina. Ich sehnte mich nach ihrer Anmut und nach dem Lächeln, das sie mir, wenn auch nur für einen kleinen magischen Moment lang, auf die Lippen gezaubert hatte.
Gedankenlos bewegte ich den Kopf nach vorn, holte aus und lies ihn zurückschnellen gegen das harte Holz der Tür. Der Schlag hallte dumpf durch das Zimmer. Ich begann zu summen. Es war die leise graziöse Melodie, die ich aus der Spieluhr zu hören geglaubt hatte. Wieder holte ich aus und lies meinen Schädel kräftig gegen die Tür krachen, im Takt zu den ruhigen Tönen, die meinen Lippen noch immer sanft entwichen.
Wieder und wieder, als befände ich mich in meiner eigenen kleinen Spieluhr.
Wieder und wieder.
Der Schlüssel abgebrochen, der Verstand verdorben…
Wieder und wieder.
Etwas Warmes und Feuchtes breitete sich unter meinen Handflächen aus und der Gestank von Eisen hing in der Luft, doch all dem schenkte ich keinerlei Beachtung.
Wieder und wieder knallte ich meinen Hinterkopf gegen die Tür, zu der schönen Melodie, bis schließlich ein lautes Knacken ertönte und die hintere Schädelplatte zersplitterte.
Die Melodie war verstummt. Dem Raum wohnte eine Stille inne, die beinahe zum reißen gespannt war und dort vor der Tür, versinkend in einer Lache eigenen dunkelroten Blutes, sah man einen toten Körper, der Kopf zertrümmert, die Handspitzen nach vorn geglitten berührten sie eine kleine Spieluhr. Eine alte leicht eingefallene Holzkiste. Plötzlich sprang der Deckel wie von Zauberhand auf und eine leise Melodie hallte durch den Raum. Hoch, sanft, betörend und wunderschön schien sie ein Klagelied für den Toten anzustimmen, während eine kunstvoll geschnitzte Ballerina sich verzückt im Kreise drehte.
Die Furcht vor dem Unausweichlichen
Er saß an dem langen Holztisch in seiner kleinen Hütte, die sich, tief verborgen vor den Blicken jeglicher lechzenden Menschenaugen, mitten im dichten Wald befand. Es war still, nur der Wind heulte ab und an durch die morschen Giebel. Seine linke Hand lag auf dem Tisch, die Finger trommelten unentwegt im Takt seines Herzens auf die hölzerne Oberfläche – eine Rastlosigkeit ging von ihm aus, die angesichts der späten Stunde nicht in dieses Bild zu passen schien. Es sah aus, als würde er auf jemanden warten und es sah aus, als wäre ihm dieser Jemand alles andere als willkommen.
Seine rechte Hand steckte tief in der Tasche seiner braunen Lederjacke, sie umklammerte die dort versteckte scharfe Klinge so fest, dass seine Knöchel eine weiße Färbung annahmen.
Die Sekunden zogen sich in die Länge. Sein Blick huschte immer wieder zwischen Uhr und Fenster hin und her, als hoffte er, die Zeit beschleunigen und in der Dunkelheit der Nacht etwas sehen zu können. Plötzlich ertönte ein Knacken. Nur leise, doch es schien von außen zu kommen.
Es war so weit, er war nicht länger allein.
Beinahe konnte er die Präsenz spüren – jemanden, der in leisen Kreisen um seine Hütte zog. Eine geisterhafte Stille trat ein, während sich vor seinem inneren Auge die dunkle Gestalt zu formen begann, die sich nahezu geräuschlos über den moosbewachsenen Waldboden um seine hölzernen Wände bewegte. Plötzlich überkam ihn das Gefühl, man wollte ihn in seiner Unruhe und seiner tiefen Beklommenheit nur noch bestärken…
Schluss damit.
Er erhob sich geräuschlos von dem niedrigen Schemel und trat mit vorsichtigen Schritten an die Mitte zwischen Fenster und Tür. Wieder ertönte das Knacken von draußen, fuhr ihm tief unter die Haut und lies das Blut in seinen Adern gefrieren. Der Speichel schmeckte bitter auf seiner Zunge, der Anflug von Furcht lies sich nun nicht länger leugnen.
Plötzlich erklang ein Lachen. Hoch und kalt wehte es zu ihm herüber, jagte ihm eine Gänsehaut über den Rücken und lies ihn erschaudern. Nervös biss er sich auf die Unterlippe, um ein angespanntes Keuchen zu unterdrücken. Seine rechte Hand bewegte sich langsam nach oben, die Klinge des Messers blitzte kurz auf und seine Finger versteiften sich um den harten Griff.
Er wartete. Sein Innerstes bebte, jeder Nerv seines Körpers schien vor Anspannung in unentwegter Vibration, doch nach außen verharrte er regungslos auf der Stelle. Lediglich sein Brustkorb hob und senkte sich stetig, verlieh der zittrigen Unruhe unter seiner Haut gewissermaßen einen Takt.
Da zerbarst das Holz der Tür plötzlich in ohrenbetäubender Lautstärke. Ein angsterfüllter Schrei drang tief aus seiner Kehle nach außen und er sprang nach vorn, das Messer hoch über den Kopf erhoben.
Da stand diese dunkle Gestalt, inmitten der Bretterfetzen, die Arme weit ausgebreitet, die Lippen zu einem hässlichen breiten Grinsen verzerrt. Ihre Augen funkelten vor Erregung, ein feiner Speichelfaden tropfte die spröden Mundwinkel hinab und sie lachte schauderhaft, hoch und kalt.
„Dachtest du wirklich, dich vor mir verstecken zu können?“
Ihre Stimme klang rau und kratzig, so als hätte diese grauenvolle Kreatur sich ihrer über Jahre nicht bedient.
„Dachtest du wirklich, du könntest mir entfliehen – mir?“
Er war in der Bewegung erstarrt, die Hand mit dem Messer zitterte unentwegt.
„Komm zu mir, na los, keine Scheu, komm zu mir und lass mich dich sterben sehen, dein Herz für immer in Schweigen hüllen!“
So wie die Gestalt es sagte klang es beinahe wie ein Lied, eines, das man niemals weiterzutragen im Stande war. Die letzte Melodie, bevor die Seele für immer verblasste. Die letzte Melodie, bevor der Körper zu Asche zerfiel…
Unter dem langen dunklen Mantel zog sie nun eine modrige alte Sense hervor, so lang, dass sie den oberen Rahmen der Tür mühelos durchtrennte. Das kleine Messer wirkte plötzlich possierlich, wie ein Spielzeug in seinen zittrigen Fingern.
Dennoch, es gebot sich zu handeln. Komm und lass mich dich sterben sehen, dein Herz für immer inSchweigen hüllen…
Er hechtete nach vorn auf die dunkle Gestalt zu, tauchte unter der langen gebogenen Klinge der Sense hindurch und bohrte ihr das Messer in den knochigen Hals. Ein Lachen ertönte wieder, hoch und kalt, schließlich röchelnd – ihr Atem war zunehmend von schwarzem klebrigen Blut durchsetzt, das ihm eiskalt in das bleiche Gesicht spritzte. Der Gestank nach Verwesung hing in der Luft, betäubte jeglichen seiner Sinne und sein Magen zog sich krampfhaft zusammen, wand sich unter dem bestialischen Geruch.
Noch während er ungläubig auf die bis zum Stumpf versenkte Klinge starrte und das dunkle pechschwarze Blut sich über seine Kleidung ergoss, holte die hohe Gestalt aus und durchtrennte seinen Hals mit einer fließenden grauenvoll eleganten Bewegung. Der Kopf saß noch auf den verkrampften Schultern, so lange, bis seine Knie nachgaben und der tote Körper zu Boden sank. Sein Haupt rollte über die morschen Dielen, zog dabei eine blutrote Spur hinter sich her und die Gestalt lachte, hoch und kalt, ehe sie sich das Messer aus dem dürren Halse zog und mit der Dunkelheit der Nacht verschmolz.
Memoria – Eine vergessene Erinnerung
Er ging den dunklen Waldweg entlang und blickte hinauf zu den düsteren Baumwipfeln, die sich schemenhaft von dem schwarzen Nachthimmel abhoben. Ihre Äste erschienen ihm wie lange dünne Finger, die sich gierig nach den schwach glimmenden Sternen reckten und dieser geisterhafte Anblick lies ihn unbehaglich erschaudern.
Er hasste es, abseits der Straße gehen zu müssen.
Er hasste es, sich vor den Blicken aller verstecken zu müssen.
Und er hasste es, nichts sehen zu können, weil die Dunkelheit ihm schon von klein auf kein guter Freund gewesen war. Sie machte ihm Angst, denn abseits der Kontrolle war der Ausgang ungewiss. Aber er liebte ihn, oh ja, wie sehr er ihn doch liebte. Nie zuvor hatte jemand solch tiefe Gefühle in seinem Innern hervorgerufen. Er brauchte ihm nur in die dunklen ruhigen Augen zu schauen und die Welt stand still – jegliche Unzufriedenheit über ihrer beider Geheimnis war augenblicklich verstummt und er wollte ihn nur in seine Arme schließen und niemals wieder hergeben. Je stärker die Liebe, desto höher ihr Preis…
Er seufzte wehmütig und griff gedankenverloren nach dem kleinen hölzernen Totem, das an einem langen Lederband um seinen Hals hing.
Es war ein Geschenk gewesen, das sein Liebster ihm einst aus seinem Urlaub in Mittelamerika mitgebracht hatte. Ein Geschenk von ihm, dem Seinen, ein Zeichen innigster Verbundenheit, das ihn zutiefst berührt hatte und es noch immer tat. Eines Tages sicherlich. Eines Tages, da würden sie sich in der Öffentlichkeit zueinander bekennen können… Gewiss…
Plötzlich hielt er inne. Irgendetwas erschien ihm auf einmal anders. Er blieb stehen und horchte in die Stille der Nacht hinein. Ein kalter Wind rauschte den Weg herauf und lies ihn erzittern, sodass er die Jacke etwas enger zog und die Hände fest um seinen Körper schlang. Sein Atem entwich wie weißer Rauch und schraubte sich im verhaltenen Licht der Sterne langsam aufwärts. Das war für diese Jahreszeit äußerst ungewöhnlich, im Sommer hatte er eine derartige Kälte noch nie erlebt, selbst nicht bei Nacht. Er wand sich unangenehm auf der Stelle, unentschlossen und mit einem Anflug von Angst in den Knochen blickte er vor und zurück, überlegte, welcher Weg der sicherste wäre und welcher der sinnvollste. Doch die Möglichkeit einer Wahl wurde ihm genommen.
Auf einmal war es schlagartig dunkel. Unkonventionell dunkel. Abartig dunkel. Es war, als hätte man der Wirklichkeit jeden noch so schwachen Tropfen Farbe restlos ausgesaugt. Ein glanzloses Schwarz – undurchdringlich fing es seinen Blick ein und raubte ihm jegliches Augenlicht. Der Orientierung gänzlich fern taumelte er zur Seite, reckte die Arme Halt suchend nach vorn – doch seine Finger griffen in die Leere. Das schwarze Nichts glitt zwischen ihnen hindurch, obgleich er es nicht sehen konnte – als würde man sich an dickem Rauch festhalten wollen, ohne der Gewissheit, überhaupt einen Arm zu besitzen… Ein schauriges Gefühl, das sein Herz merklich schneller schlagen lies. Er versuchte, sich auf sein Gehör zu konzentrieren, vielleicht vermochte ihm dieses zumindest den Hauch von Orientierung zurückzugeben – doch vergebens. Das Einzige, das er zu hören im Stande war, bestand in dem Rauschen seines eigenen Blutes, welches getrieben von Angst viel zu schnell durch seine Adern jagte. So taumelte er blindlings durch den Wald. Die Straße verschwand, die Bäume umringten ihn drohend, schienen ihn beinahe in sich einzuschließen und er irrte weiter umher. Abseits der Sinne und abseits der Wege.
Plötzlich stieß sein rechter Fuß gegen etwas Hartes und ein spitzer Schrei entwich seinen vor Angst bebenden Lippen. Nun auch des festen Bodens unter ihm beraubt stürzte er in das feuchte Laub, wo er einen Moment lang regungslos liegen blieb. Was machte es für einen Sinn, sich seiner Kraft zu bedienen und aufzustehen? Er wusste weder, wo er war, noch wohin er ging. Vermutlich im Kreise… Wie ein Irrer in der Irre wandeln – und in der Irre noch irre handeln… Nein.
Entschlossen setzte er sich auf und stützte sich auf dem nassen Laub ab, als er plötzlich etwas Festes unter seinen Fingern spürte. Verwundert hielt er inne. Könnte er doch bloß etwas erkennen… Vorsichtig schob er die feuchten Blätter beiseite und tastete nach dem harten Gegenstand, den er nun ganz deutlich fühlen konnte. Er schien aus der Erde hervorzuragen, gerade hoch genug, dass man ihn erahnen konnte, und er fühlte sich metallisch an. Die Neugierde krallte sich in ihn. Mit einer Macht, wie er es selbst kaum für möglich gehalten hatte, kratzte sie beinahe an der Grenze zur Skopophilie und er bohrte seine Finger tief in den feuchten Waldboden. Die aufgewühlte Erde stank nach faulendem Holz, der Geruch schmeckte eigenartig modrig auf seiner Zunge, doch er lies sich davon nicht abhalten – ignorierte sogar die kleinen Steine und spitzen Tannennadeln, die sich in seiner Hast tief unter seine Fingernägel bohrten. So grub er in dem faulenden Boden nach seinem Halt und die fremdartige Manie, die von ihm ausging, verblasste erst, als er den geheimnisvollen Gegenstand gänzlich freigelegt hatte.
Neugierig strich er mit seinen Fingern um das glatte Metall. Es besaß eine gebogene Form und lies sich unter schwachem Quietschen in zwei Richtungen hin und her bewegen. Einen Moment lang dachte er nach. Die Theorien über das Wesen dieses Objektes waberten anfangs nebulös durch seinen Kopf, doch dann begann das schleierhafte Chaos Gestalt anzunehmen – als es ihm endlich wie Schuppen von den aufgeregt glühenden Augen fiel. Ein Griff. Es war ein Griff. Euphorie durchströmte ihn angesichts dieser mysteriösen Erkenntnis und hektisch legte er auch das umliegende Erdreich frei. Tatsächlich – er kniete auf einer dicken Falltür.
Es musste lange niemand mehr hier gewesen sein, um dieses tief verborgene Versteck aufzusuchen, denn anders lies sich die dicke Schicht modriger Erde über dem Eingang kaum erklären. Vielleicht handelte es sich hier um einen Ort vor Anbeginn der dokumentierten menschlichen Zeit? Ein schwaches Beben ging durch seinen Körper. Die Aussicht darauf, ein längst in Vergessenheit geratenes Kapitel Menschheitsgeschichte in die Gegenwart zu ziehen, lies ihn verzückt und mit einem Anflug von Ehrfurcht über den schmalen Henkel streichen. Die Erwartungen waren hoch.
„Bitte, lass es etwas Außergewöhnliches sein…“, murmelte er leise vor sich hin, als er den schweren Griff mit beiden Händen packte und sich mit aller Kraft von dem harten Boden abstieß.
Er keuchte angestrengt – das Material war wohl noch schwerer als erwartet. Wieder versuchte er es, lehnte sich mit all seinem Gewicht zurück und zerrte an dem schweren Metall. Ein leichtes Beben ging durch den Waldboden unter ihm – und die Luke sprang auf. Überrascht von der plötzlichen Wucht viel er rittlings in die feuchte Erde, wo er einen Moment brauchte, um wieder zu Atem zu kommen. Dann klopfte er sich recht erfolglos den stinkenden Schlamm von den Kleidern und kroch langsam an die geheimnisvolle Öffnung heran.
Es war nach wie vor so undurchdringlich dunkel, dass er nicht einmal den Hauch einer Ahnung hatte, was sich dort unten befinden mochte – und wo Unten überhaupt war. Vorsichtig tastete er mit den Händen nach dem schmutzigen Rand und lehnte sich leicht über den Schacht. Ein kalter Wind schien sich von dem gestaltlosen Grund aus in die Höhe zu schrauben, so eisig, dass er ihm für einen Moment den Atem raubte. Der Luftzug roch eigenartig. Irgendetwas kam ihm an dem Geruch bekannt vor, doch er vermochte es nicht einzuordnen. Nachdenklich sah er in das tiefe Schwarz hinein. Wie sollte er in die undurchdringliche Tiefe gelangen, wenn er doch nicht wusste, ob sie überhaupt ein Ende besaß? Einen Augenblick lang kämpfte er gegen einen Anflug von Angst an, die plötzlich durch seinen Körper zu flackern begann – dann gab er sich einen Ruck. Na los. So ging er in die Hocke, stützte sich mit beiden Händen rechts und links von der Öffnung ab, holte noch einmal geräuschvoll Luft und lies sich dann schwungvoll in das Innere fallen.
Da hing er nun, seine Füße zeigten in die Leere und die plötzliche Panik übermannte ihn geradezu. Verzweifelt versuchte er, sich wieder nach oben zu ziehen, denn irgendetwas sagte ihm, dass es dort tiefer nach unten ging, als sein Körper es verkraften könnte – doch der Versuch misslang kläglich, seine Kraft war einfach nicht groß genug.
Er wollte um Hilfe schreien, doch der eiskalte Wind schien sich wie nackte Klauen fest an seine Kehle zu schmiegen, sodass seine Stimmbänder ihm den Dienst versagten. Einen Augenblick lang kämpfte er mit den Tränen. Sollte es das gewesen sein? War das nun sein Ende? Welch eine Farce… Mit letzter Kraft begann er, vor und zurück zu schwingen, in der Hoffnung auf wenigstens die Spur eines Haltes in dieser irrsinnigen Finsternis zu stoßen, doch es schien keine Grenze zu geben. Seine Arme schmerzten, das eigene Gewicht zerrte zusehends an ihnen und er wusste nicht, wie lange er sich noch halten konnte. Vielleicht Minuten. Vielleicht auch nur Sekunden. Er schluckte, seine Kehle fühlte sich wie ausgedorrt an. Dann löste er seinen Griff und rauschte hinab in die scheinbar endlose Tiefe.
Er wusste nicht wie viel Zeit verging. Es kam ihm vor wie eine Ewigkeit, doch vermutlich hatte es sich nur um wenige Wimpernschläge gehandelt, als er von etwas Weichem aufgefangen wurde und erleichterte feststellte, noch immer am Leben zu sein. Sein Herz klopfte lautstark hinter seiner Brust. Der beinahe überwältigenden Neugierde war eine Angst gewichen, die sich tief in seinen Schädel grub und dort seinen Verstand zu erdrosseln suchte. Diesem Anflug an Wahnsinn zu widerstehen drohte ihm auch noch die letzte Kraft zu rauben. Verzweifelt zwang er sich, ruhig zu atmen und allmählich ebbte das krampfhafte Zittern ab, das seinen Körper zu übermannen gedroht hatte. Wohl eine Panikattacke… Er riss sich zusammen und war erleichtert, als seine Gedanken sich zu ordnen begannen. Langsam löste er eine Hand von dem Untergrund – was sich als äußerst schwierig gestaltete. Er war auf irgendetwas Klebrigem gelandet, das ihn hartnäckig an sich zu ziehen schien. Verwundert versuchte er, sich aufzusetzen, doch es fühlte sich an, als befände er sich auf einer Art schlecht gespanntem Trampolin – die seltsame Substanz unter ihm geriet in Schwingung und lies ihn hilflos auf und ab wippen. Unwirsch versuchte er, sich loszureißen. Der unerklärliche Kleber war fester als erwartet. Die Masse unter seinen Händen fühlte sich an wie dicke Taue – oder eher Schläuche angesichts der gummiartigen Konsistenz. Er erschauderte leicht, die Ungewissheit über dieses eigenartige Gittergespann rief Ekel in ihm hervor, der unbehaglich in seiner Magengegend rumorte.
Schließlich hatte er eine Lösung gefunden, der klebrigen Masse zu entrinnen. Er schlüpfte aus seiner Jacke, deren filziger Stoff unmöglich von den dicken Strängen zu lösen war und rollte sich seitlich über das fremdartige Netz. So kam er zwar langsam, doch stetig voran, bis plötzlich etwas unter ihm nachgab und er erneut in die Tiefe fiel. Doch diesmal handelte es sich um eine deutlich geringere Distanz und so kam er recht unsanft auf dem schmutzigen Erdboden zum Erliegen. Fluchend rieb er sich den rechten Arm, der sein Gewicht abgefangen hatte und stellte erleichtert fest, dass er ihn noch immer fließend bewegen konnte – wohl nur eine Prellung. Dann setzte er sich auf.
Es war noch immer zu finster, um etwas sehen zu können, doch er hatte das Gefühl, diese drückende undurchdringliche Schwärze, die ihn zu diesem Ort getrieben hatte, wohnte ihr nicht länger inne. Auch die Kälte hatte ein wenig nachgelassen, doch der Wind strich noch immer beinahe zärtlich um seinen Körper, als wollte er ihm etwas mitteilen… Langsam richtete er sich auf und reckte leicht die Hände nach vorn in die Dunkelheit – kein Widerstand – also tastete er sich mit den Füßen vorsichtig voran. Irgendetwas befand sich unter seinen Sohlen, er konnte ein leises Knacken hören, während er über den unebenen Grund schritt. Es fühlte sich an, als liefe er auf dünnem Geäst, welches über die Jahre oder Jahrzehnte der Einsamkeit morsch geworden war und nun selbst bei der kleinsten Berührung zu zerfallen drohte. Da nahm er plötzlich eine Bewegung aus seinem rechten Augenwinkel wahr. Panisch sprang er herum – und atmete erleichtert auf. Es handelte sich lediglich um einen kleinen Gegenstand, der im seichten Wind gespenstisch hin und her schwang. Als er näher trat, konnte er ihn schemenhaft erkennen – es handelte sich um eine alte Petroleumlampe. Der schwungvoll gebogene Henkel lag über einer dicken Wurzel, die geheimnisvoll von oben in den Raum hineinreichte. Als er ihren verschlungenen Bahnen folge, führte der Blick schließlich ins Nichts – von der Dunkelheit gänzlich verschluckt. So wand er sich wieder der altmodischen Lampe zu. Das alte Glas hatte eine milchige Trübung angenommen und über die angelaufene Metallfassung huschten einige Asseln. Als schienen sie seine Anwesenheit zu spüren liefen sie in hoher Geschwindigkeit über den bauchigen Rumpf und er holte tief Luft, um das Getier fortzublasen. Augenblicklich musste er husten. Sein Atem hatte eine Wolke aus dickem modrigen Staub aufgewirbelt, die ihm nun unangenehm in den Augen brannte und er rieb sich unwirsch mit den Fingern über das Gesicht. Dann streckte er die rechte Hand aus und griff vorsichtig nach der beinahe zerbrechlich wirkenden Laterne.
Sie war schwerer als erwartet und als er den schmalen Tankdeckel vorsichtig aufdrehte, wehte ihm der Geruch von Petroleum entgegen und kribbelte leicht in seiner Nase. Es schien also, als ließe sie sich noch immer entzünden – allerdings besaß er kein Feuerzeug… Suchend kramte er in seinen Taschen, doch er konnte nichts Brauchbares finden, sodass er seinen Blick frustriert zurück auf die alte Lampe richtete. Wäre doch bloß sein Freund bei ihm – als Raucher war man immer bestens auf derartige Situationen vorbereitet. Doch dieser Gedanke brachte ihn auch nicht weiter.
Nachdenklich blickte er vor sich in die dicke Dunkelheit. Irgendetwas in ihm schien sich zu sträuben, als wollte es nicht erfahren, was sich dort am Ende der Kammer befand. Als fürchtete es sich… Er konnte es seinem Unterbewusstsein nicht verübeln – doch was war die Alternative? Sollte es keinen zweiten Ausgang geben…
„Nein, sei still, denk gar nicht erst daran!“, murmelte er leise vor sich hin, um seinen Geist von der Panik zu befreien, die in ihm aufzusteigen drohte. Mit Erfolg. So bewegte er sich nun also weiter vorsichtig über den knisternden Grund. Die Petroleumlampe quietschte leicht in seiner Hand, während sie bei seinen holprigen Schritten geisterhaft vor und zurück schwang, doch er hatte sie nicht zurücklassen wollen – irgendwie bereitete sie ihm ein Gefühl von Sicherheit in dieser beinahe realitätsfernen Situation. Da vernahm er plötzlich einen kräftigen Luftstoß. Scheinbar aus dem Nichts heraus fegte er über ihn hinweg und traf ihn mit einer derartigen Wucht, dass er taumelnd nach hinten gedrückt wurde. Erschrocken schrie er auf und die ausgeblichene Lampe entglitt seinen zittrigen Fingern.
Angestrengt kauerte er sich auf den spitzen Boden und versuchte, gegen den kräftigen Luftstrom anzukriechen, doch dieser drückte ihn nur noch tiefer auf den unebenen Grund und er konnte spüren, wie die harten Stäbe sich unsanft in seine Rippen bohrten. Er fühlte sich wie unter einer dicken Steinplatte begraben, deren Gewicht unmöglich zu stemmen war. Keuchend versuchte er, loszukommen von dieser erbarmungslosen Kraft – doch vergeblich. Der Wind hatte ihn gänzlich an den Boden getackert. Die Luft wurde knapp. Seine Lungen schienen sich unter dem hohen Druck zu verengen – als zerquetschte man sie genüsslich… Er konnte spüren, wie seine Augäpfel sich zu weiten begannen. Fast fürchtete er, sie könnten jeden Augenblick seinen brennenden Höhlen entgleiten… Der Sauerstoffmangel wurde unerträglich. Sein Innerstes begann sich verschwommen zu drehen und ein Schwindel überkam ihn, der eine Übelkeit mit sich brachte, welche sich ekelerregend in seiner zusammengepressten Kehle zu stauen begann. Röchelnd schnappte er nach Luft. Schweiß strömte ihm über das Gesicht und rann ihm in die Mundwinkel – das salzige Wasser hinterließ einen beißenden Geschmack auf seiner Zunge. Gerade als er meinte, das Bewusstsein zu verlieren, ebbte der reißende Wind endlich ab und die schier unhaltbare Last, die auf seinen Körper gedrückt hatte, lies langsam nach.
Keuchend drehte er sich auf die Seite und inhalierte gierig den ersehnten Sauerstoff. Sein Atem ging so schnell, dass er kaum mitdenken konnte – und die Übelkeit übermannte ihn urplötzlich. Der aufgestaute Druck in seiner Kehle entlud sich mit einem Mal und er erbrach sich auf den harten Grund. Hustend krümmte er sich zusammen und wartete darauf, dass sein zitternder Körper sich beruhigte. Einige Minuten verstrichen und endlich glätteten sich die wogen in seinem zerzausten Inneren wieder und sein Geist begann sich zu klären.
Erleichtert richtete er sich langsam auf. Er fühlte sich noch immer recht wacklig auf denen Beinen, doch sie schienen sein Gewicht zu tragen im Stande zu sein, also ging er weiter. In seinem Kopf hatte er nur einen einzigen Gedanken: Er wollte fort von diesem Ort – von der anfänglichen Euphorie keine Spur. Plötzlich bemerkte er einen verhaltenen Schimmer im Augenwinkel und drehte verwundert den Kopf. Dort – in einiger Entfernung – lag etwas auf dem Boden und leuchtete geheimnisvoll. Langsam ging er auf den schwachen Lichtkegel zu. Je näher er kam, desto mehr von seiner Umgebung konnte er wahrnehmen und was er sah lies ihn unbehaglich erschaudern. Es erschien ihm, als ginge er unter zerfledderten alten Laken, die sich geisterhaft über seinem Kopf durch die Dunkelheit zogen. Die langen Fetzen waren so dick wie seine Waden und ihre weiße Färbung wirkte blass, beinahe durchsichtig. Der schwache Luftzug regte die unheimlichen Striemen zum Schwingen an und es schien ihm beinahe elegant, wie sie dort oben sanft hin und her schwebten. Mühsam löste er den Blick von dieser wogenden Decke und richtete ihn stattdessen auf den Boden – welch ein Fehler.
Erschrocken schrie er auf und machte einen panischen Satz zur Seite, sodass es geräuschvoll unter seinen Füßen knackte. Das, was er für morsches Geäst gehalten hatte, entpuppte sich als etwas Anderes. Etwas Schlimmeres. Etwas Abartiges – es waren Knochen, die sich dort auf dem schmutzigen Erdboden häuften. Einige winzig, kaum größer als sein Fingernagel, doch andere wiederum wirkten erschreckend menschlich. Er schluckte schwer. Ihm wurde schlecht, doch er zwang sich dazu, den aufflackernden Ekel herunterzuschlucken – der Geschmack von Galle brannte noch immer auf seiner Zunge.
So setzte er nun seinen Weg über das Meer aus spitzen Knochen fort, erschauderte bei jedem noch so schwachen berstenden Geräusch unter seinen Sohlen und ging doch voran, immer weiter auf den Lichtkegel zu, der nun endlich Gestalt anzunehmen begann.
Was er sah überraschte ihn zutiefst. Der verhaltene Lichtschimmer rührte von einem altmodischen Gegenstand her, der ihm nur allzu bekannt war – den er bereits in seinen Händen gehalten hatte – es handelte sich um die vergilbte Petroleumlampe. Sie musste wohl während des heftigen Sturms fortgeschleudert worden sein… Doch nun brannte die kleine Flamme in ihrem Innern flackernd. Wie nur war das möglich?
Unbehaglich drehte er sich im Kreise und suchte den erkennbaren Teil der Höhle ab. Ihn überkam plötzlich das ungute Gefühl, beobachtet zu werden und dieses Empfinden machte ihm Angst. Doch außer den achtlos verstreuten bleichen Knochenresten, deren dünne Schatten unheimlich über den wüsten Grund tanzten und den geisterhaften dicken Fäden, die noch immer in unregelmäßigem Takt hoch über seinem Kopf hin und her schwebten, konnte er nichts Ungewöhnliches entdecken. Unsanft rieb er sich mit den Händen über die Oberarme – das ungute Gefühl war noch immer da und kratzte rau an seiner Seele.
Schließlich bückte er sich und hob die Petroleumlampe auf. Nun, da er sie genauer betrachten konnte, viel ihm auf, dass etwas mit winzigen Lettern in das dünne Metallband eingraviert war, welches an den breiten Tank am Sockel grenzte. Neugierig führte er die Laterne näher an seine Augen heran, um die feinen Buchstaben entziffern zu können.
Aequilibrium.
Das musste aus dem Lateinischen stammen, so weit war er sich sicher, doch zu seinem Bedauern hatte er damals Französisch gewählt, als es um die Entscheidung einer dritten Fremdsprache ging – und das nur, weil seine Eltern ihm gedroht hatten, andernfalls den regelmäßigen Urlaub an der Côte d'Amour, der südlichsten Küste der Bretagne, künftig ohne ihn zu verbringen. Darüber ärgerte er sich heute noch und so schüttelte er missmutig den Kopf.
„Aequilibrium“, murmelte er leise vor sich hin, als könnte die Aussprache des Wortes ihm auf wundersame Weise dessen Bedeutung zukommen lassen – konnte sie nicht.
Also richtete er den Blick wieder auf seine Umgebung und drehte sich nachdenklich im Kreise. Zugegebener Maßen konnte er sich nicht recht erinnern, aus welcher Richtung er gekommen war. Diese Höhle schien tatsächlich riesig zu sein, denn selbst mit dem schwachen Lichtschimmer in seinen Händen war eine Begrenzung nicht auszumachen. Schließlich entschied er sich, auf seinen inneren Instinkt zu hören und ging entschlossen voran.
Wie er so tief unter der Erde durch diese hohe unheimliche Kammer wandelte, mit alten Knochen unter den Füßen, mit dicken Fäden, die von der nicht sichtbaren Decke in den dunklen Raum hineinreichten und mit einer schwach leuchtenden, sehr alt aussehenden, Laterne in den Händen, fühlte er sich plötzlich wie ein Zwerg, der während der Arbeit in seiner Miene eine verborgene Kammer entdeckt hatte. Nur, dass er selbst größer war – obgleich das im Vergleich zu diesem gigantischen Höhlenraum wohl kaum einen Unterschied machte.
Da vernahm er plötzlich ein Geräusch aus der Ferne.
Abrupt hielt er inne und lauschte in die Dunkelheit hinein. Es war ein Scharren. Rau hallte es durch den weiten Raum und jagte ihm einen Schauder über den Rücken. Es klang, als kratze man mit seinem Fingernagel über blanken Stein. Grauenvoll. Er spürte, wie das Herz in seiner Brust zu rennen begann – es schlug so stark gegen seinen Brustkorb, dass es schien, als wolle es ihm entfliehen… Das Scharrende Geräusch kam näher. Er atmete flach. Sein Blick richtete sich auf die alte Lampe in seiner Hand und er rang mit sich. Wenn er die Flamme erstickte, so wäre dies ein endgültiger Akt. Andererseits – was immer dort hinten tief verborgen in den Schatten der Finsternis lauerte – es könnte sich auf ihn stürzen, noch ehe er es bemerken würde. Da kam ihm plötzlich der rettende Einfall und erleichtert atmete er auf. Mit einer schnellen Bewegung zog er sich das Shirt über den Kopf und wickelte die Lampe darin ein. Augenblicklich war die nackte Dunkelheit zurück und er blinzelte ungeduldig, um seine Augen an die drückende Schwärze zu gewöhnen.
