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Liebesroman um zwei attraktive schottische Brüder Eine unerwartete Begegnung, eine mysteriöse Frau und ein heißer Lord mittendrin. Royal Romance voller Leidenschaft und Geheimnissen. Als plötzlich eine fremde Frau in seinen Wagen steigt und ihn bittet, schnell aufs Gaspedal zu treten, zögert Shane MacKinnon keine Sekunde und bringt sie ins Burghotel Glencairn, wo sie in Sicherheit ist. Zu allem Überfluss leidet die Fremde, die sich Rachel nennt, an Gedächtnislücken. Sie weiß nicht, wer hinter ihr her ist oder warum, nur dass ihr jemand nach dem Leben trachtet. Schnell ist nicht nur Shanes Beschützerinstinkt geweckt, er verspürt auch eine zügellose Hingezogenheit zu der faszinierenden jungen Frau, die ihn ganz und gar in Atem hält. Gemeinsam versuchen Rachel und Shane herauszufinden, was es mit dem gefährlichen Verfolger auf sich hat, und kommen sich dabei auf sinnliche Weise näher …
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Veröffentlichungsjahr: 2025
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Diese Geschichte enthält potenziell triggernde Inhalte wie Gewalt gegen Frauen, körperliche und psychische Angriffe sowie Verfolgung. Bitte achte beim Lesen auf dein Wohlbefinden. Eine Aufzählung gibt es am Ende des Romans.
© Piper Verlag GmbH, München 2025
Redaktion: Cornelia Franke
Covergestaltung: Traumstoff Buchdesign traumstoff.at
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Cover & Impressum
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
Danksagung
Content Notes
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Shane
Sanft klopfte der Nieselregen an die Windschutzscheibe, tauchte die Straße in einen undurchdringlichen Dunst. Eine gefühlte Ewigkeit stand ich mit meinem Range Rover zwischen imposanten Altbauten aus rotem Backstein. Der Scheibenwischer schob sich quietschend über das Glas, schwerfällig, als wäre er genauso müde wie ich nach diesem langen Tag.
Ich erlaubte mir einen Blick zu den Fenstern der Häuser, vor denen gusseiserne Balkongitter hingen, während sich die Dächer zu viktorianischen Spitzgiebeln aufschwangen. Anmutig erhoben sie sich über Birmingham, als wollten sie den dunklen Wolken trotzen.
Die Hauptstraße wäre die bessere Wahl gewesen. Aber das Navi hatte behauptet, diese Strecke würde schneller aus der Stadt führen. Vielleicht sollte es das der Ampel sagen? Ich gähnte, wollte nur nach Hause. Der Gedanke an die fünfstündige Fahrt, die vor mir lag, erfüllte mich nicht mit Vorfreude.
Die Reihe an Autos hinter meinem Rover wurde immer länger. Ungeduldig glitt mein Blick umher, fing die Broschüren auf dem Beifahrersitz ein.
Flyer großer Hotelketten, Lieferdienste für Veranstaltungen, Wein- und Whisky-Destillerien. Es hatte sich gelohnt, an der Hotelmesse im National Exhibition Centre teilzunehmen. Drei Tage hatte ich in den gläsernen Messehallen Kontakte geknüpft, neue Lieferanten aufgetan und Werbematerialien von Glencairn Castle am eigenen Stand verteilt, war Ansprechpartner für potenzielle Gäste und Geschäftspartner gewesen.
Meine Helfer waren bereits heute früh nach Schottland aufgebrochen, ich hatte noch einen Termin mit einem Webdesigner gehabt, der unsere Internetpräsenz modernisieren wollte. Wie das so war, hatte sich das Gespräch in die Länge gezogen.
Normalerweise ging ich gern auf Messen, lebte meinen Geschäftssinn aus. Aber dieses Jahr war es anstrengend gewesen, die Hallen scheinbar unendlich groß und die Wegstrecken lang. Nun fühlte ich mich wie nach einem mehrtägigen Marathon, aber das gute Gefühl einer erfolgreichen Geschäftsreise wog den Muskelkater auf.
Vorausgesetzt es ging hier irgendwann weiter.
Stur leuchtete mir das Rot der Ampel durch das diesige Regenwetter entgegen. Das Geräusch des Scheibenwischers durchbrach den stumpfen Klang des Herbstschauers erneut, als plötzlich ein Schrei alles andere übertönte. Neugierig hob ich den Blick. Im Rückspiegel entdeckte ich eine Gestalt, die an den Reihen der wartenden Autos vorbeistolperte, fast stürzte und sich mühsam aufrappelte.
Panisch blickte die junge Frau hinter sich, als wäre sie auf der Flucht. Ihr Herbstmantel flatterte wie ein Umhang hinter ihr her, durchnässt vom Schauer. Sie war in meinem Alter, Ende zwanzig, Anfang dreißig, schätzte ich. In den Händen trug sie ein paar High Heels, während sie selbst auf hauchdünnen Strümpfen um die Pfützen herum hechtete.
Unwillkürlich rauschte ein Schwall Adrenalin durch meine Venen, als wäre ich selbst auf der Flucht. Denn so rannte niemand, der den nächsten Bus bekommen wollte. Ein Auto hupte. Die Ampel ging auf Gelb. Mein Blick blieb auf dem Rückspiegel haften, wo ich die Frau beobachtete, die näher und näher kam. Panik in den Augen.
Am Ende der Straße tauchte ein Motorrad auf. Sie bemerkte es, ihr Gesicht verzerrte sich vor Angst.
Was immer vor sich gehen mochte, die Frau brauchte Hilfe. Aus einem Impuls heraus entriegelte ich das Fahrzeug, mein Arm streckte sich wie von selbst zur Beifahrertür aus, öffnete diese.
Die Fremde erkannte mein Vorhaben, zog die Wagentür auf und stürzte keuchend auf den Beifahrersitz.
»Danke«, brachte sie hervor.
Die Flyer segelten zu Boden. Unsere Blicke trafen sich.
Für einen Sekundenbruchteil schien die Welt still zu stehen. Als wäre alles in meinem Leben nur geschehen, um zu diesem Augenblick zu führen. Ein irrealer Gedanke, der nicht zu mir passen wollte, ich war der geborene Kopfmensch. Doch dieser Moment veränderte alles. Ihr sinnlicher Duft. Die aufgerissenen Augen. Hinter uns der Motorradfahrer, der näher und näher kam.
Es durchbrach meinen müden Alltag wie ein Blitz, der urplötzlich einschlug, ohne Vorwarnung.
Die Augen der Fremden wurden größer. Ihr Brustkorb hob und senkte sich. Hektisch atmend. Ein rasselndes Geräusch, als würde sie um Luft ringen. Und doch gab es eine stille Übereinkunft zwischen uns. Wir kannten uns nicht, aber vertrauten uns.
Grün.
Hinter uns hupte es sofort.
»Fahren Sie los! Bitte … fahren Sie doch! Sie sind hinter mir her.«
Ich sah Blut an ihrer Schläfe und war mit einem Mal hellwach. Nicht länger der müde Hotelier, der sich nach seinem Bett sehnte.
Ich dachte nicht nach. Trat aufs Gas.
Die Reifen quietschten.
Mit meinem unbekannten Fahrgast bretterte ich über die Kreuzung, touchierte fast einen Linksabbieger des Gegenverkehrs und ignorierte das erneute Hupkonzert, als hätte mein Kleinhirn die Kontrolle über mich übernommen. Pure Reflexe. Ich rauschte durch eine Pfütze, das Wasser spritzte zu beiden Seiten meines Autos in die Höhe. Wie ein Special Effect auf der Kinoleinwand.
»Gott sei Dank«, murmelte die Fremde neben mir, streifte sich mit einer Hand ihre High Heels über die durchnässten Perlonstrümpfe und sank in den Beifahrersitz, als wollte sie vollständig in diesem verschwinden. Mit der anderen Hand hielt sie ein Taschentuch an ihre Schläfe. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie es sich rot färbte. Ihre freie Hand fingerte am Gurt, bis sie ihn zu fassen bekam. Sie schnallte sich an und blickte nervös hinter sich, während ich den Motor aufheulen ließ.
Wie heißen Sie, wollte ich fragen. Aber der Gedanke war viel zu normal für diese Situation. Geriet so schnell in den Hintergrund, wie er gekommen war.
Ich musste sie in Sicherheit bringen. Wovor eigentlich? Ich hatte keine Antwort darauf. Doch der Gedanke war alles, was mein Sein erfüllte. Als wäre dies die oberste Priorität in meinem Leben. Kleinhirn-Reflexe. Wer hinter ihr her war? Und warum? Diese Fragen streiften mein Bewusstsein nur marginal.
Jeder Muskel meines Körpers war zum Zerreißen angespannt. Es hätte mich nicht überrascht, wenn die Nähte meines teuren Jacketts aufgeplatzt wären, weil ich derart unter Strom stand wie nie zuvor in meinem Leben.
Der Blick in den Rückspiegel verriet mir, unser Verfolger gab nicht auf, holte sogar auf. Ich trat noch kräftiger aufs Pedal, nahm einem Pick-up-Fahrer die Vorfahrt, der daraufhin seine Hand nicht mehr von der Hupe löste.
Noch Sekunden später dröhnte es in meinen Ohren. Aber ich ignorierte es.
Waren dies unsere menschlichen Urinstinkte? Ich, das Männchen, dass das Weibchen unbedingt beschützen wollte? Sich am Ende gar eine Belohnung erhoffte? Vielleicht war das so. In dieser Sekunde. Denn trotz aller Hektik war mir nicht entgangen, wie ausnehmend schön die mysteriöse Fremde war.
Sie schaute mich an, mit diesen angstgeweiteten dunklen Augen, ihr Atem so schnell, dass es keinen Zweifel gab, sie hatte Angst um ihr Leben.
Die Erkenntnis schnürte mir die Kehle zu.
»Bitte, bringen Sie mich weit weg«, raunte sie.
In meinem Rückspiegel tauchte ein zweites Motorrad auf, das schnell zu uns aufschloss, während der erste Fahrer dicht hinter uns blieb. Fahrer Nummer Zwei wich zur Seite aus, holte auf, kam näher und näher und lieferte sich mit uns ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Hatte der Kerl eine Axt in der Hand? Sah so aus. Oh Mann! Was war hier los?
»Wer sind die?«
Keine Antwort.
Meine Beifahrerin geriet in Panik, drehte sich von dem Kerl in Leder weg, der durch sein Helmvisier zu uns blickte. Er nahm jede Pfütze mit, schlitterte, aber behielt die Kontrolle. Den würde ich abhängen.
Ich trat erneut aufs Gas, beschleunigte auf ein Maximum und ignorierte die Warnungen meines protestierenden Navis, das sich vor allem darum sorgte, dass wir vom geplanten Weg abgekommen waren.
»Nicht da lang. Das führt in eine Sackgasse!«, rief die Fremde. Zu spät. Eine scharfe Linkskurve, schon rauschte ich durch eine verwinkelte Gasse, nahm eine Abzweigung und gelangte in eine enge Straße mit einer Wendeplatte. Parkende Autos verschmälerten die Fahrbahn, mein Rover kam kaum durch. Shit. Das passierte, wenn man sich nicht auskannte.
Seufzend schaute ich zu meiner Beifahrerin.
»Wenden Sie da vorne!«, empfahl sie mit gepresster Stimme.
Und dann? Die zwei Typen umfahren?
Vielleicht war das wirklich eine Option. Ich verwarf sie jedoch wieder.
Immerhin, auch unsere Verfolger konnten nicht überholen, zumindest nicht, wenn sie sich an die Verkehrsregeln hielten. Selbstredend taten sie das nicht. Nummer Zwei brauste auf den Bürgersteig, schreiend sprangen ein paar Fußgänger zur Seite, eine Frau stürzte, dann schloss er erneut zu uns auf und überholte uns.
Nummer Eins machte es ihm nach, aber auf der anderen Straßenseite.
Ich ahnte, was die vorhatten. Die wollten uns vorne abfangen, aber nicht mit Shane MacKinnon.
Ich trat auf die Bremse, legte den Rückwärtsgang ein und rauschte in die andere Richtung zurück. Darauf bedacht, niemanden umzufahren. Aber die Leute blieben bereits auf Abstand. Huschten mit ihren Regenschirmen zur Seite, während das Unwetter erbarmungslos auf uns niederprasselte.
Mein Fahrgast schrie vor Schreck auf. Mit dem Manöver hatte meine Begleiterin nicht gerechnet. Unser Verfolger und sein Kompagnon allerdings auch nicht. Sie legten fast zeitgleich eine seitliche Vollbremsung hin. Wäre sicher gut für die beiden ausgegangen, wäre die Straße nicht so nass gewesen. Ihre Fahrzeuge küssten in Sekundenschnelle den Boden. Plumps. Mitten rein in die nächste Pfütze.
Ich konnte mir das Grinsen nicht verkneifen.
Mühsam rappelte sich Nummer Eins auf und versuchte, Nummer Zwei zu helfen.
Ich hingegen erreichte die Abzweigung, wendete und folgte der Fahrbahn bis zur nächsten Kreuzung.
Ein winziger Punkt tat sich im Rückspiegel auf, der sich bei genauerer Betrachtung als zwei verwaschene, dunkle Flecken entpuppte. Die Typen gaben nicht auf, bis sie uns allerdings einholten, wären wir auf und davon.
»Fahren Sie links rein. Wenn Sie der Straße folgen, kommen Sie aus der Stadt raus.«
»In Ordnung.«
»Beeilen Sie sich. Die geben nicht so schnell auf«, sagte die Fremde nervös, drehte sich in ihrem Sitz herum und krallte die Finger in den Überzug.
Na, das wollen wir erst mal sehen.
»Wer sind die überhaupt?«, fragte ich erneut.
»Keine Ahnung.«
Sie wurde von diesen wilden Motorradfahrern verfolgt und wusste nicht mal wieso?
Keine Zeit, das auszudiskutieren. Ich musste mich aufs Fahren konzentrieren. Noch zwei Seitenstraßen und ich raste aus der Stadt heraus auf die M42. Die typischen Backsteingebäude Birminghams wurden kleiner im Rückspiegel. Kein Motorrad zu sehen.
Ich blieb dennoch wachsam. Als die zwei Biker auch nach fünf Minuten sich nicht in unserer Nähe materialisierten, entspannte ich mich.
»Sieht so aus, als hätten wir die Kerle abgehängt.«
Die Fremde nickte. Kerzengerade saß sie da, ihr Atem immer noch schwer, zitternd. Auch meine Hände hielten verkrampft das Lenkrad fest.
Irgendwie musste ich ein wenig Normalität in diese Situation bringen, die alles, nur nicht normal war. Ich schaute zu ihr. Ihr Blick war starr auf die Fahrbahn gerichtet.
»Das Gröbste haben wir hinter uns.« Ich versuchte, locker zu klingen. Sie sagte nichts.
»Ich bin übrigens Shane. Wie heißen Sie?«
Normalerweise war ich nicht so direkt, angesichts der Situation hatte ich jedoch wenig Sinn für vorsichtige Annäherung. Ich musste wissen, was hier los war. In welche Scheiße ich mich reingeritten hatte.
Sie wandte den Kopf. Ihr Kinn bettete sich auf dem weiten Kragen ihres Herbstmantels, darunter meinte ich ein cremefarbenes Office-Kostüm zu erkennen. Eine edle Kombination, wie ich sie in einer Kanzlei oder einem Großunternehmen erwartete.
Mein Blick fiel auf die Blutflecken auf dem hellen Mantel. Sie löste das blutige Taschentuch von ihrer Schläfe, starrte es ungläubig an. Ihr Atem wurde hörbar schneller. Als würden wir immer noch verfolgt.
Wieder dieser Blick, der so viel in mir bewegte, wofür ich gerade keine Worte fand.
»Ich … oh Gott …« Plötzlich kamen ihr Tränen. Nur zu verständlich nach der Verfolgungsjagd. Aber es schien mehr dahinter zu stecken, denn ihr Atem wurde noch schneller, schüttelte ihren Körper. Das blutige Taschentuch glitt zu Boden.
Sie versteckte ihr Gesicht in den Händen, schluchzte leise, und ich reichte ihr rasch ein weiteres Taschentuch. Als sie es mit einem verkrampften Lächeln entgegennahm, fiel mir das Armband an ihrem Handgelenk auf. Es bestand aus kleinen Perlen, auf denen Buchstaben gedruckt waren.
»Rachel« las ich laut.
Erstaunt sah sie mich an, legte den Kopf schief, die Wangen feucht glänzend. »Kennen wir … uns?« Die Frage war ernst gemeint. Sie schien es nicht zu wissen.
»Tun wir nicht«, entgegnete ich irritiert.
»Aber woher wissen Sie denn, dass ich Rachel heiße?«
»Es ist eine Vermutung, es steht dort«, sagte ich sanft und deutete auf das Schmuckstück. Sie hob den Arm und reagierte, als würde sie das Band zum ersten Mal sehen.
»Tatsächlich. Heiße ich so?«
Okay, sie wurde nicht nur verfolgt, sie brauchte auch medizinische Hilfe.
Wir schwiegen, und für einen Moment drang nur das Fahrtrauschen an mein Ohr, während Kiefern wie auf dünnen Stelzen rechts und links an uns vorbeirauschten. Ich wartete immer noch auf eine Reaktion. Überlegte bereits, wo ich sie am besten hinbringen könnte, um die Wunde versorgen zu lassen.
»Rachel«, wiederholte sie. »Eigentlich ein schöner Name.«
Ich lenkte den Wagen in die nächste Haltebucht, brachte ihn etwas ruppig zum Stehen.
»Wieso halten wir an?«
Weil ich Klarheit brauchte, denn die Situation wurde auch für mich zunehmend belastender.
»Jetzt hören Sie mal, was wird hier gespielt. Und wieso kennen Sie Ihren Namen nicht?«
Rachel – oder wie immer sie hieß – verkrampfte augenblicklich.
»Tut mir leid. Ich verliere praktisch nie die Beherrschung.«
Ich schaltete den Warnblinker an.
»Schon gut, Sie … verdienen eine Erklärung. Nur habe ich keine. Ich erinnere mich wirklich nicht.«
Ihr Gesicht verschwand hinter ihren nassen Haarsträhnen, sodass es aussah, als würden sie das Gitter eines Gefängnisfensters bilden, bis sie sanft die Hand hob, sie zurückstrich und mit den Fingerspitzen über eine Wunde an der Schläfe fuhr. Sie zischte auf. Betrachtete die blutigen Spuren an ihren Kuppen. Sie wollte das blutverschmierte Taschentuch an ihre Schläfe halten, ich gab ihr diesmal die gesamte Packung, die in der Ablage der Fahrertür lag.
»Drücken Sie fest drauf«, sagte ich.
Sie nickte.
»Was ist Ihnen zugestoßen? Es ist sicherlich kein Zufall, dass Sie verletzt sind, verfolgt werden und Ihren Namen vergessen haben.«
Irgendeine Form von Gewalteinwirkung war offensichtlich die Ursache. Vielleicht die Axt, die der Motorradfahrer geschwungen hatte?
»Ich weiß es nicht!« Ihre Stimme bebte, Tränen liefen abermals in Sturzbächen über ihre Wangen. Und ich? Ich verspürte wieder diesen Urinstinkt, sie beschützen zu wollen. Tränen hatten mich schon immer weich werden lassen.
»Keine Sorge, es sieht … nicht schlimm aus.«
»Wieso blute ich? Wieso kann ich mich nicht erinnern? Ich weiß nicht, wer hinter mir her ist … oder warum. Was ist mit mir passiert?«
Ihre Stimme überschlug sich.
»Ganz ruhig, das … wird sich aufklären.« Keine Ahnung wie, aber ich würde mir etwas einfallen lassen!
»Sie kommen aus Birmingham«, schlussfolgerte ich.
»Wie kommen Sie darauf?«
»Ich habe Sie dort getroffen und sie kannten sich in den Straßen aus. Ergo … nehme ich an, dass Sie mit der Stadt vertraut sind. Mehr als ich jedenfalls. Ein erster Anhaltspunkt.«
»Das ist richtig, das könnte stimmen.«
Es schien sie zu beruhigen.
»Schauen Sie mal in Ihren Manteltaschen, da finden Sie vielleicht einen Ausweis oder ein Handy.«
Sie nickte hoffnungsvoll, legte kurz das Taschentuch neben sich, steckte die Hände in die Außentaschen und in die auf der Innenseite, holte jedoch nur eine weitere Packung Taschentücher hervor. Untersuchte auch die Hosentaschen, um sich ernüchtert in den Sitz zurücksinken zu lassen.
»Nichts?«
Sie schüttelte den Kopf. Drückte ein frisches Taschentuch abermals an ihre Wunde. Mit Erleichterung stellte ich fest, dass sich das Tuch diesmal weniger rot verfärbte.
»Wissen Sie vielleicht, wo Sie wohnen?« Die Chance bestand, sie hatte auch die anderen Straßen gekannt.
»Nein, es scheint … als wäre jede Erinnerung, die mit mir zu tun hat … wie ausgelöscht.«
Sie schluckte.
Das klang nicht gut.
»Soll ich Sie trotzdem in die Stadt zurückbringen, Sie benötigen medizinische Hilfe.«
»Nein!«, sagte sie von plötzlicher Panik ergriffen, ihre freie Hand schnellte vor, krallte sich in den Ärmel meines Jacketts. »Die sind dort. Die warten auf mich.«
»Die Motorradfahrer?«
Rachel nickte ernst, ließ mich zaghaft wieder los. Der Stoff meines Ärmels blieb zerknautscht.
»Ich weiß es, sie werden versuchen, mich dort abzufangen.«
Nach dieser filmreifen Verfolgungsjagd war ich gewillt, das zu glauben.
»Okay … also fahren wir erst mal weiter?«
»Das … wäre besser. So haben wir Zeit zum Überlegen.«
Da mich Rachel offenbar ein bisschen länger begleiten würde und inzwischen fror, schaltete ich die Heizung ein.
»Ziehen Sie am besten den Mantel aus, der ist völlig durchnässt.«
Sie nickte, schnallte sich kurz ab und streifte das Kleidungsstück ab, sodass sie ihre weiße Bluse und die darunterliegenden cremefarbenen Hosen freilegte.
Ich wartete, bis sie den sorgsam zusammengefalteten Mantel auf den Rücksitz abgelegt und sich wieder angeschnallt hatte. Bei der Gelegenheit schlüpfte sie aus ihren durchnässten Strümpfen. Wie lange sie wohl nur mit diesen durch die Straße gerannt war, weil ihre High Heels sie offenbar behindert hatten?
Ich drehte die Heizung weiter auf, ehe ich die Haltebucht verließ und den Wagen wieder auf die Fahrbahn steuerte.
Die Herbstbäume rauschten an uns vorbei, Rot- und Brauntöne mit gelben Akzenten, die Straße angenehm leer und die Sonne senkte sich unterhalb der Wolkendecke zum Horizont. Derweil ging ich alle Optionen durch. Vielleicht sollte ich Ramsey anrufen. Mein älterer Bruder arbeitete als Anwalt und hatte oft mit Fällen dieser Art zu tun. Was würde er vorschlagen? Polizei? Krankenhaus, außerhalb von Birmingham? Sie war verletzt, litt offenbar an partieller Amnesie. Ein Arzt sollte sich das ansehen. Das war die logische Schlussfolgerung.
Ich drückte auf das Display des Navis, vergrößerte den Ausblick auf die Karte, um mir einen Überblick über unsere Route zu verschaffen. Eine größere Stadt in der Nähe wäre ideal.
»Ich bringe Sie ins Krankenhaus in Nottingham.« Dort würde man sich ihres Falles annehmen. Die Behörden hinzuziehen. Und ich? Ich könnte nach Hause fahren. Sie zurücklassen? Ohne Erinnerung? Der Gedanke legte sich mir schwer in den Magen.
»Nein!«, sagte Rachel fest und schüttelte den Kopf, zischte auf, weil die Wunde durch die Bewegung gereizt wurde. »Ich sagte doch, ich möchte nicht ins Krankenhaus, auf keinen Fall.«
»Sie sagten in Birmingham.«
Sie sog die Luft durch die Zähne.
»Lassen Sie … mich in der nächsten Ortschaft raus. Sie haben schon genug für mich getan.«
»Was?« Das konnte nicht ihr Ernst sein.
»Hören Sie, ich kann Sie nicht einfach irgendwo absetzen.« Das kam nicht infrage! Sie war verletzt, verwirrt und allmählich wurde es dunkel. Nicht zu vergessen der Regen, sie war jetzt schon durchnässt. Im Krankenhaus wäre sie zumindest unter ärztlicher Beobachtung.
»Ich lasse Sie nicht allein.« Da kam der weiße Ritter in mir zum Vorschein. Ich war eben ein MacKinnon, das war nicht zu leugnen.
»Das müssen Sie wohl. Ich brauche kein Krankenhaus, es ist nur eine Platzwunde«, sagte sie ernst.
»Und Ihr Gedächtnis? Hören Sie, Rachel, ich möchte Ihnen nur helfen. Aber ich kann nicht beurteilen, wie schwer diese Wunde an Ihrer Schläfe ist. Sie sieht aus, als müsste sie genäht werden.«
Ihre Finger strichen nervös über den ledernen Gurt. Auf und nieder.
»Ich weiß. Und ich bin Ihnen dankbar. Trotzdem möchte ich aussteigen, sobald es geht.«
Also in den nächsten zehn bis fünfzehn Meilen. So weit wäre die nächste kleinere Ortschaft entfernt.
»Und dann? Wie soll es für Sie weitergehen?«
Sie zögerte.
»Wo wollen Sie schlafen? Sie brauchen ein Dach über dem Kopf. Jemand muss sich um Ihre Wunde kümmern. Und essen möchten Sie sicher auch etwas.«
Sie sank tiefer in den Sitz, als würden ihr all diese Probleme erst jetzt bewusst werden.
»Haben Sie Geld?«
Rachel schüttelte den Kopf.
»Mist. Wie soll ich denn … ohne Geld … ohne Papiere … sicher hatte ich eine Handtasche.«
Die nun weg war. Gestohlen von ihren Verfolgern? Wenn da ihr Ausweis drin war, wussten sie spätestens jetzt, wo Rachel wohnte.
Ich seufzte. Das schloss eine Rückkehr nach Birmingham endgültig aus.
Wir brauchten eine Lösung. Ich stutzte, da ich instinktiv ›wir‹ verwendet hatte. Aber ehrlich, ich fühlte mich für Rachel verantwortlich. Ich konnte … und wollte sie nicht allein lassen. Ramsey hätte mich für einen Narren gehalten. Weil ich mich Hals über Kopf in diese Misere katapultiert hatte und nun nicht mehr herauskam. Andererseits, korrigierte ich mich, wäre Ramsey eher derjenige, der sich noch tiefer reinbuddeln würde. Mein Bruder hatte diesen Hang. War wohl das MacKinnon-Familiengen der weißen Ritter.
Ein Motorrad fuhr an uns vorbei. Es tauchte wie aus dem Nichts aus dem Dunst der Regenschwaden auf. Rachel zuckte vor Schreck zusammen und beruhigte sich erst, als der Fahrer uns überholte und irgendwann in der Ferne verschwunden war.
Ein anderes Model als die vorherigen. Und trotzdem hatte es sofort eine Reaktion bei ihr ausgelöst, die verständlich, aber sicher nicht gesund war.
Ich seufzte. Sie tat mir ehrlich leid. Es musste furchtbar sein, was zu dieser Amnesie geführt hatte. Mein Entschluss verstärkte sich. Ich musste ihr helfen.
»Keine Sorge«, raunte ich und legte behutsam die Hand auf ihre Schulter. Sie ließ es zu. »Das war jemand anderes.«
Sie nickte, völlig verschreckt.
»Rachel, bitte lassen Sie sich von mir helfen. Ich bin überzeugt, dass Sie in die Notaufnahme müssen.«
Sie schluckte, starrte vor sich hin, nickte aber schließlich.
»Sie haben sicher recht, Shane. Aber bitte, ich will nicht nach Birmingham zurück. Bringen Sie mich nach Nottingham oder in ein anderes größeres Krankenhaus in der Nähe.«
Das klang vernünftig.
»Ich habe keine Versichertenkarte, das ahnen Sie sicher schon.«
»Wir werden sehen, was wir tun können«, sagte ich zuversichtlich. Die Notaufnahmen im UK waren kostenlos und Patientinnen und Patienten mussten eine Behandlung erhalten, wenn diese erforderlich war.
Ich erlaubte mir, einen Moment den Blick von der Fahrbahn abzuwenden. Der Motorway war ohnehin leer.
Leicht wandte sie den Kopf, ihr Haar glitt zurück, sodass sich unsere Blicke erneut trafen. Ich hielt den Atem an. Diese Augen, so glänzend und voller Sorge. Aber da war noch etwas anderes. Etwas, das mich für den Moment fesselte. Das Rätsel hinter ihrer Geschichte? Die Frage, wer sie war?
»Ich weiß nicht, was ich ohne Sie gemacht hätte.«
Ich lächelte. Ich wusste es auch nicht, und ich war froh, dass wir es nicht herausfinden mussten.
»Vielen Dank, dass Sie mir helfen, Shane.«
Rachel
Auf dem Weg nach Nottingham rauschte die Landschaft an uns vorbei. Ich schaute immer wieder in den Rückspiegel, um sicherzugehen, dass wir nicht verfolgt wurden, beobachtete, wie sich Felder und Wiesen, die sich hinter einem diesigen Dunst schemenhaft abzeichneten, mit kleinen Wäldern abwechselten und hinter uns verschwanden. Aber keine Verfolger. Zum Glück. Vielleicht … hatten wir sie wirklich abgehängt.
»Möchten Sie etwas trinken?«
Ich schüttelte den Kopf, war jedoch dankbar für Shanes Fürsorge.
Ein schwarzes Loch hatte sich in meinem Kopf geformt. Es sog alles in sich auf. Gesichter, die mir hätten vertraut sein sollen, verschwanden in dem Schlund. Eine Einschulung. Ein Mann und eine Frau, die mich freundlich anlächelten. Vielleicht meine Eltern? Ich wusste es nicht. Auszüge eines Lebens, das mir fremd war.
Je mehr ich versuchte, mich zu erinnern, desto stärker wurde der Sog des schwarzen Lochs.
Wie war so etwas möglich? Ich sank tiefer in den gepolsterten Sitz. Lauschte den rhythmischen Fahrgeräuschen. Gleich einem Rauschen im Hintergrund, das immer da war. Meine Lider glitten zu. Ich wollte nicht aufgeben. Nicht akzeptieren, dass mir keine einzige Erinnerung geblieben war. Doch mein Kopf pulsierte immer stärker, je mehr ich versuchte, mich an irgendetwas zu erinnern. Völlig gleich, wie unbedeutend es war.
Ich sog die Luft durch die Zähne.
»Alles in Ordnung?«
Ich schaute auf, betrachtete diesen ungewöhnlichen Mann, der mich, ohne zu zögern, in seinen Wagen hatte einsteigen lassen und weggebracht hatte.
Sein Anzug wirkte teuer, stand mit seinem dunklen Ton im Kontrast zu seinen dunkelblonden Haaren, die kurz und gut gestylt waren.
Nicht, dass ich wirklich die Preiskategorie seiner Garderobe hätte beurteilen können. Doch auch sein Wagen hatte bei mir den Eindruck hinterlassen, als könne er sich etwas leisten. Und ich hatte den Rover mit meinem Blut vollgetropft … Überraschenderweise hatte das Shane nicht interessiert. Die Sorge um mich hatte für ihn im Fokus gestanden.
Shanes Parfüm stieg mir in die Nase. Ein Geruch nach Moschus. Immerhin das konnte ich benennen. Moschus. Eine angenehme Note. Fast sinnlich. Vor allem aber beruhigend. So wie er selbst, er hatte so eine stoische Ausstrahlung, die auf mich überging. Ruhe in mein Inneres brachte. Keine Ahnung, wie er es machte, doch seine Anwesenheit gab mir ein Gefühl von Sicherheit. Ich kannte ihn nicht, und doch spürte ich, dass ich ihm vertrauen konnte. Dass er da sein würde, egal, was passierte.
»Es geht wieder«, sagte ich leise und richtete meinen Blick auf das Ortsschild, das wir passierten.
Nottingham.
Wir folgten den von Laternen erhellten Straßen, bis wir das Nottingham City Hospital erreichten, einem Betonkomplex, der sich wie ein überdimensionaler Bauklotz in die Umgebung einfügte. Kantig. Grob. Shane warf einen sorgsamen Blick in den Rückspiegel, als wollte er sich vergewissern, dass niemand hinter uns her war, und stellte seinen Wagen auf dem Parkplatz ab.
Einen Moment blieben wir erschöpft sitzen.
»Ich glaube, diese Typen werden uns nicht wiederfinden.«
»Ich hoffe es.«
Sie wussten schließlich nicht, wohin wir wollten, konnten wir doch in alle Richtungen verschwunden sein. Das verschaffte uns Zeit. Aber ich ahnte auch, dass diese Kerle nicht aufgeben würden.
»Also dann.« Shane nickte mir zu, öffnete die Tür und stieg aus, lief um den Wagen herum, um mir beim Aussteigen zu helfen.
Der Regen hatte aufgehört, aber seine Hinterlassenschaften säumten unseren Weg in Form von glänzendem Asphalt und kleinen Pfützen, die einen Slalom forcierten. Mein Mantel war noch klamm, aber er fing an zu trocknen. Wenigstens etwas. Der kühle Herbstwind strich mir über die Wange. Fühlte sich so echt an, während alles andere unwirklich erschien.
»Kommen Sie«, sagte Shane und bot mir seinen Arm als Stütze an. Eigentlich brauchte ich die nicht. Ich fühlte mich nicht schlecht, mein Kreislauf war stabil. Instinktiv hakte ich mich jedoch bei ihm ein.
»Sie begleiten mich?«
Das war eine berechtigte Frage, schließlich hätte er mich einfach absetzen und weiterfahren können.
»Natürlich«, sagte Shane sanft. »Ich bleibe, bis entschieden wurde, wie es weitergeht.«
Ich lächelte. Seine Worte beruhigten mich. Ich wusste nicht, was genau mich erwarten würde, aber mit ihm an der Seite trat die bohrende Angst in den Hintergrund.
Warmes Licht drang durch die Glasfronten des Gebäudes. ›A&E‹ – also Accident and Emergency – stand in erleuchteten Lettern über dem Eingang der Notaufnahme, die wir zügig ansteuerten.
Meine Finger gruben sich nervös in den Ärmel seines Jacketts, als sich die Schiebetüren vor uns öffneten und mir der Geruch von Desinfektionsmitteln in die Nase stieg. Ich unterdrückte den Impuls, auf dem Absatz kehrtzumachen, weil ich mich für einen kurzen Moment von allem überfordert fühlte.
Ein Blick auf den Warteraum offenbarte, dass es überraschend ruhig für einen Abend mitten in der Woche war. Das hatte sich schon auf dem Parkplatz abgezeichnet. Außer uns waren dort nur die Stehplätze des Personals besetzt gewesen.
Ich erblickte zwei Patienten, die es sich auf den unbequemen Stühlen aus blauem Plastik gemütlich gemacht hatten. Oder besser gesagt, es versuchten. Eine Frau mittleren Alters hob müde den Kopf, musterte uns, in den Händen hielt sie eine Tüte, in die sie sich bemüht geräuscharm übergab. Lebensmittelvergiftung, schoss es mir durch den Kopf.
Der Mann, der sich in die hinterste Ecke gesetzt hatte, schien zu dösen. Er hatte seinen Mantel wie eine Decke über sich ausgebreitet, die Augen geschlossen. Ihn interessierte es nicht, was um ihn herum geschah.
Shane führte mich zum Empfang, wo eine mürrische Schwester saß, die uns kurz ansah, ehe sie ihren Blick auf den Computer richtete.
»Name?«
Ich hielt den Atem an. Natürlich wollten sie den wissen. Auch wo ich versichert war. Aber ich hatte keine Ahnung.
Shane räusperte sich, als er merkte, dass ich überlegte, wie ich reagieren sollte.
»Das ist Teil des Problems. Meine Begleitung erinnert sich nicht.«
Nun schaute die Schwester auf, musterte mich, als wäre ich ein Alien.
»Wahrscheinlich Folge der Kopfverletzung«, fügte er hinzu und ich schob meine Haare vorsichtig zur Seite, spürte, wie ein paar Strähnen an der Wunde klebten.
Die Krankenpflegerin befreite sich aus ihrer überraschten Starre und glitt in die Routine zurück. Dabei erhaschte ich einen Blick auf ihr Namensschild. Irene, stand dort.
»Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?« Nur kurz schenkte sie Shane einen Blick, bis sie merkte, dass er überaus attraktiv aussah. Ein zweiter Blick folgte, diesmal ein längerer, ehe sie in ihre Professionalität zurückkehrte.
»Shane MacKinnon.«
»Aha. In welcher Verbindung stehen Sie zur Patientin?«
»Ich habe sie zufällig getroffen und direkt zu Ihnen gebracht.«
»In Ordnung. Also keine Verwandtschaft, keine Ehe. Dann erfassen wir Sie«, jetzt sah sie wieder mich an, »als Jane Doe.«
Ich musste ein bisschen grinsen. Gedächtnisverlust hin oder her, was Jane Doe bedeutete, wusste ich. Ich hatte aber vermutet, dass es ein Begriff aus der Filmwelt war.
»Ich denke, ich heiße Rachel«, erklärte ich.
Die Schwester sog die Luft durch die Zähne, als würde sie mein Einwand Unmengen an Zeit kosten. Aber bevor sie fragen konnte, hielt ich ihr das Armband hin. »Sehen Sie.«
»Ein schlagender Beweis. Meinetwegen, also Rachel Doe.«
Klang besser.
Das Keyboard unter den Fingern von Irene klackerte laut, während sie beflissentlich etwas auf dem Bildschirm ausfüllte.
»Da Sie keine Kontaktdaten haben, bräuchten wir einen anderen Ansprechpartner, Miss Doe … Wüssten Sie da jemanden?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Sie können mich eintragen«, sagte Shane.
»Sie sind weder verwandt noch angeheiratet.«
»Ich habe niemanden sonst«, sagte Rachel eindringlich.
Irene nickte. »Also schön.«
»Hier meine Karte.« Er reichte ihr diese, woraufhin sie große Augen machte. Ich versuchte, einen Blick auf diese zu erhaschen, um herauszufinden, was Irene so erstaunt hatte, doch aus meiner Perspektive gelang mir dies nicht.
»Sie sind vermerkt, Mr. MacKinnon«, erklärte Irene und wandte sich dann wieder mir zu.
»Wir haben Standardprozeduren bei Gedächtnisverlust. Wir müssen die Polizei informieren, reine Routine.«
Ich verkrampfte mich, sah aber ein, dass das unumgänglich und sogar notwendig war.
Irene beugte sich zu mir vor, mit einem Mal sehr freundlich, aber auch, als würde sie mit einem Kleinkind reden. »Die Polizisten werden Ihnen Fragen stellen. Sie müssen versuchen, so gut es geht, diese zu beantworten. Verstehen Sie?«
Ja, Himmel. Ich nickte.
»Wie ist das mit der Versicherung?«, wollte Shane wissen. »Sie hat keine Papiere bei sich gehabt.«
»Auch dafür gibt es Standardprotokolle, eine Notfallbehandlung ist durch den National Health Service abgedeckt, auch ohne Nachweis der Versicherung. Wir handhaben das wie folgt bei Amnesie-Patienten: erst die medizinische Versorgung, dann die Formalitäten. Dazu gehört auch die Einverständniserklärung. Können Sie mir mündlich bestätigen, dass Sie einverstanden mit der Untersuchung durch unsere Ärztinnen und Ärzte sind?«
»Ja, natürlich.«
»Gut. Dann gehen Sie bitte durch die Tür nebenan. Wir machen erste Vitalparameter-Tests und nehmen Blut ab.«
Unsicher schaute ich zu Shane. Er war mein einziger Vertrauter. Ein Vertrauter, den ich erst seit wenigen Stunden kannte … Ohne ihn fühlte ich mich unsicher. Weil nichts wirklich Sinn zu ergeben schien. Vielleicht ahnte er, was in mir vorging.
»Darf ich Rachel begleiten?«, fragte er auch schon.
Ich atmete auf. Was ich nicht wollte, war allein zu sein.
»Natürlich.«
Wir folgten Irenes Anweisung, setzten uns in den kleinen Untersuchungsraum, den kurz darauf eine Pflegerin betrat, die freundlich lächelte. Bessere Laune als Irene hatte sie in jedem Fall.
»Ich bin Emergency Nurse Practitioner. Lassen Sie mich mal sehen«, sagte sie und schob vorsichtig meine Haare zur Seite. Ein paar von ihnen klebten an der Wunde fest, sie lösten sich durch den sanften Druck, was mich zischen ließ.
»Ich reinige die Verletzung«, teilte die Pflegerin uns mit und streifte sich Einweghandschuhe über, organisierte sich aus einem Schubfach ein steriles Tuch. Ich merkte, wie vorsichtig sie war, es brannte dennoch wie die Hölle.
»Sie haben es gleich geschafft«, versprach sie.
Das stimmte nicht ganz. Ich musste noch fünf weitere Minuten ausharren, ehe sie zufrieden war. Und anschließend rückte sie mit einem Betäubungsspray an. Ich sah es in ihrer Hand und wusste sofort, was es war. Das überraschte mich. Aber keine Zeit, darüber nachzudenken.
Schon drückte sie sanft meinen Kopf zur Seite.
»Ich nähe die Wunde nun, werde sie vorher leicht betäuben.«
»Dürfen Sie das denn?«, wunderte ich mich.
»Als Emergency Nurse Practitioner gehört das zu meinen Aufgaben«, erklärte sie unumwunden. Das Spray legte sich auf meine Schläfe, die Wunde spürte ich kaum, ein leichtes Kribbeln an den Rändern erinnerte mich an eingeschlafene Füße.
Es ging schnell, sie holte die nötigen Utensilien, ich spürte jeden Stich, jedoch keinen Schmerz. Das Reinigen war definitiv schlimmer gewesen.
Schließlich drückte sie mir zufrieden eine dicke Mullbinde an den Kopf.
»Schön festhalten!«
»Wie sieht es mit Duschen aus?«, fragte Shane nun.
»Duschen geht natürlich. Besser, es kommt kein Wasser für die nächsten Tage ran. Seien Sie also vorsichtig beim Haarewaschen.«
Ich nickte.
»Der Arzt wird sich das ansehen, deswegen bekommen sie erst danach ein Pflaster«, erklärte sie, dann maß sie meinen Blutdruck, nickte zufrieden, nahm noch Blut ab, lobte meine guten Venen und gab mir zudem ein Kopfschmerzmittel. »Jetzt nehmen Sie im Wartezimmer Platz, der Doktor ruft Sie gleich auf.«
»Danke.«
Unsicher schaute ich zu Shane. Doch er bot mir erneut seinen Arm und führte mich in den Saal, wo er sich mit mir zusammen hinsetzte.
»Ich sagte doch, ich bleibe, bis alles geregelt ist«, erklärte er, als hätte er meine Gedanken gelesen.
Rachel
Das grelle Licht blendete mich. Ich musste das Auge immer wieder zusammenkneifen, in das mir penetrant hineingeleuchtet wurde. Wenn der Arzt das noch einmal machte, würde ich erblinden. Da war ich mir sicher.
»Pupillenreflexe normal«, sagte der junge Mann stattdessen, der heute die Nachtschicht schob, schaltete die Lampe aus, wirbelte in einem deutlich zu langen Kittel herum und hastete durch den schmalen sterilen Raum. Am anderen Ende gab er etwas in den Computer dort ein.
Der Arzt wirkte, als käme er gerade von der Uni. Leicht chaotisch. Vielleicht auch nervös, wegen meines besonderen Falls.
Wir hatten nicht lange warten müssen. Die Triage hatte gegriffen, schon fünfzehn Minuten nach meiner Ankunft war ich aufgerufen worden.
Shane war keine Sekunde von meiner Seite gewichen. Ich war ihm dankbar, dass er mich nicht allein ließ.
Der Arzt schnallte eine Manschette um meinen Oberarm, blähte sie auf und maß den Blutdruck erneut, horchte mich gleichzeitig ab.
»Vitalparameter sind in Ordnung«, befand er und lief schnurstracks zum anderen Ende des Raums zurück, um erneut etwas in den Computer einzugeben. Dann schaute er sich meine Kopfwunde genauer an, überprüfte die frische Naht und tastete am Rand entlang, ohne die Fäden zu berühren. Als wäre meine Schläfe nicht schon genug malträtiert worden.
»Ihre Blutwerte haben wir noch nicht«, erklärte er und drückte hier und da, bis ich zischte.
»Tut das weh?« Seine Finger bohrten sich in meine Kalotte.
»Etwas.«
»Und das hier?« Er drückte an meinem Schädel herum, wanderte von der Stirn bis zum Hinterkopf, als wollte er mir eine kräftige Massage geben. In Wahrheit checkte er jedoch, ob die Verletzung über die genähte Platzwunde hinausging.
»Nein, das nicht.«
»Strecken Sie mal die Zunge raus.«
»Bitte was?«
»Haben Sie die Aufforderung nicht verstanden?«
Hilfesuchend schaute ich zu Shane, der auf einem Hocker saß und die Lage kritisch beobachtete, mir dann aber zunickte.
Also schön, wozu auch immer das gut war?
Ich streckte die Zunge raus. Musste dann mit der Stirn runzeln und die Augen abwechselnd zusammenkneifen, sowie die Backen aufblasen. Ein neurologischer Test, schoss es mir durch den Kopf. Keine Ahnung, woher ich das wusste. Ich tat es einfach.
»Ich mache Ihnen ein Wundheilpflaster auf die Naht. Achten Sie dennoch darauf, dass beim Duschen möglichst kein Wasser rankommt.«
Ich nickte.
»Gut … das sieht alles gut aus. Nehmen Sie noch mal draußen Platz. Es kommt bald jemand zu Ihnen und bringt Sie auf Station.«
»Ich muss hierbleiben?«
Mein Herz stolperte. Eigentlich hatte ich es geahnt. Mich in die freie Wildbahn zu entlassen, war eine utopische Vorstellung gewesen.
Wieder schaute ich besorgt zu Shane, der sich sein Jackett ausgezogen hatte und es nun über den Arm hielt.
»Keine Sorge, wir kümmern uns um alles«, versicherte uns der Arzt und schaute von Shane zu mir und zurück. Da trat die Emergency Nurse wie aufs Stichwort ein, im Vergleich zum Doc die Ruhe in Person. »Die Polizei ist da. Sie erwartet Miss … Miss Doe im Besprechungszimmer.«
Offenbar gab es für solche Angelegenheiten einen eigenen Bereich.
»Ah. Dann machen Sie die Befragung zuerst«, erklärte er mir. »Danach setzen Sie sich ins Wartezimmer, bis wir alles vorbereitet haben.«
»Was haben Sie denn auf der Station mit mir vor …?«
