E R S A N - Dieter Gronau /// AMEISE - E-Book

E R S A N E-Book

Dieter Gronau /Ameise

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Beschreibung

An alle türkischen Mitbürger und E-Book Leser! Ein türkischer Junge, in der Türkei, in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, hat den inneren Drang, zu Lernen und zu Lernen, alles was ihm Wichtig erscheint. Die Schule, in Eski-Datca, muss er vorzeitig verlassen. Sein Lehrer kann ihm leider nichts mehr beibringen und seinen Eltern geht es genau so Da entscheidet der Vater: "Ersan geh raus, raus in die Welt, lerne alles was du für wichtig verspürst. Ziehe nach Norden, mein Sohn, da liegt deine Zukunft!!!"

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Seitenzahl: 313

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Dieter Gronau /// AMEISE, Lisa Skodda

E R S A N

Das Gebet seiner Väter

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Überschrift 1

Überschrift 2

Überschrift 3

Überschrift 4

Überschrift 5

Überschrift 6

Überschrift 7

Überschrift 8

Überschrift 9

Überschrift 10

Überschrift 11

Überschrift 12

Überschrift 13

Überschrift 14

Überschrift 15

Überschrift 16

Überschrift 17

Überschrift 18

Überschrift 19

Überschrift 20

Überschrift 21

Überschrift 22

Überschrift 23

Überschrift 24

Überschrift 25

Überschrift 26

Überschrift 27

Überschrift 28

Überschrift 29

Überschrift 30

Überschrift 31

Überschrift 32

Überschrift 33

Impressum neobooks

E r s a n

Das Gebet seiner Väter!

Der Mensch wird hineingeboren an einen Platz oder Ort, wo er manchmal, wie sich später herausstellt, und er auch selber feststellen muss, er es sich niemals so gewünscht hätte. Das nennt man dann klugerweise Schicksal!

Der eine wird förmlich im Dreck geboren, bedroht an Leib und Seele vom ganzen Unrat um ihn herum, der andere auf einem Haufen Reichtum und Macht und bedroht von Neidern und Nichtgönnern.

Also ist es doch eigentlich völlig egal, an welchem Ort der Mensch geboren wird. Entscheidend ist doch, wie er sein weiteres Schicksal beeinflussen und womöglich etwas verändern kann, ob zu seinem Besten oder zu seinem Nachteil, das weiß man zum Glück nie vorher. Die Wahrheit stellt sich immer viel später heraus. Es gibt da eben doch noch eine höhere Gerechtigkeit auf Erden, die so genau keiner erklären kann. Wichtig ist, es gibt sie und sie funktioniert zuverlässig. Selbst der größte Großrechner kann das das Ergebnis nicht vorausberechnen, selbst er zeigt verschiedene Möglichkeiten und Ergebnisse an.

Es geschieht tausendmal und öfter in der Sekunde auf unserer so schönen und dennoch grausamen Welt.

So auch in der Türkei, in Eski-Datca, auf einer Landzunge zwischen dem Ägäischen- und dem Mittelmeer. Einer Gegend, die jeder Türke gut kennt, wegen der gesunden Luft und den vielen Stränden. Ganz zu schweigen von dem antiken Ort, Knidos, wo die alten Griechen schon medizinische Schulen betrieben und heute noch jedem Besucher, der sich etwas mit dieser antiken Stätte befasst hat, sich die Nackenhaare sträuben. Es ist noch immer eben ein magischer und ungewöhnlicher Ort, dieses Knidos. Wo der ständige Wind dem Besucher viel erzählen will, könnte man ihn verstehen. Es reicht schon, findet man an diesem Ort die innere Ruhe und erahnt etwas, das reicht schon, um einen Gänseschauer nach dem anderen zu erleiden.

Am Rande von diesem kleinen Ort Eski-Datca, in einer kleinen Olivenplantage, mit Olivenbäumen, die schon ein halbes Jahrhundert überlebt haben, lebt Jusuf, mit seiner Frau Emine und seinen  nun inzwischen schon fünf Töchtern. Jusufs sehnlichster Wunsch, wie bei allen türkischen Familien, ist es, endlich einen Sohn in den Armen zu halten, einen Erben für sein Lebenswerk. Er wusste auch seit 15 Jahren, wie sein Sohn heißen müsste, Ersan, so wollte er ihn nennen. Ein für Jusuf magischer Name und Ausdruck für Kraft und Stärke. Die er selber besaß, wie Jusuf von sich selber behauptete, aber leider viel zu selten beweisen konnte, weil ihm die Mittel und Möglichkeiten dazu fehlten, denn er lebt mit seiner Familie nur in einem kleinen Dorf in der Türkei und Hatte noch nie eine große Reise unternommen, um andere Menschen und Städte kennenzulernen. So hatte er sich damit begnügt, das beste aus seinem Leben zu machen Inzwischen war er schon so bescheiden geworden, das er sich jeden Morgen nach dem Aufstehen und dem Morgengebet, über den neuen Tag bei Allah bedankte. Im Abendgebet vergaß er nie, seit 15 Jahren, bei Allah um einen Sohn zu bitten. Aber Allah hatte noch immer kein Erbarmen mit Jusuf. Nun hatte er schon geduldig sich mit 5 Töchtern abgefunden, aber einen Sohn, das wäre doch wirklich etwas. Welche schwere Bürde hatte Allah dem Jusuf auferlegt!

Jetzt war Jusuf und Emine wieder guter Hoffnung, Es wurde täglich mit einer erneuten Geburt gerechnet.

Die Hebamme, aus der Nachbarschaft, eine alte Frau, die sich gut mit Kartenlegen und Wahrsagen aus dem Kaffeesatz auskannte, hatte schon vielen Kindern aus Eski-Datca und den Nachbarorten auf die Welt geholfen, sie hatte ihre Fähigkeiten vor vielen Jahren in einem Krankenhaus in Mugla, der Kreisstadt, erworben und galt als beste Kraft in dieser schweren Stunde, einer Geburt.. Wie alt sie inzwischen schon war, wusste keiner im Ort, sie vermutlich selbst auch nicht. Einen Ausweis besaß sie nicht, den hatte sie auf einem Heimweg unbemerkt verloren und nie wiede bekommen. Vermutlich hatte eine Ziege ihren Ausweis aufgefressen, denn der Wegesrand wurde noch immer ständig von unzähligen Ziegen abgeweidet. Wozu brauchte sie auch einen Ausweis, jeder im Ort kannte und schätzte sie., das genügte doch! Sie war in weitem Umkreis eine verehrte und bekannte Persönlichkeit, bekam von allen Müttern, denen sie in ihrer schwersten Stunde erfolgreich geholfen hatte, Früchte von Garten und Feld, Fleisch, Brot und Käse, alles frisch. Sie brauchte sich nur noch um ihre Trinkwasser zu kümmern., das sie aus einem alten Brunnen hinter ihrem Haus gewann.

In der Nachbarschaft munkelte man inzwischen, in diesem Brunnen soll sich besonderes Wasser sammeln, weil sie allen so gesund und rüstig erschien. Wie alt dieser Brunnen schon war, konnte auch keiner bestimmen. Einige, besonders Kluge, dazu zählte auch der alte Dorflehrer, meinten nach dem zweiten Raki, einem Anisgetränk, den Brunnen hatte einst ein griechischer Bauer errichtet und soll einen unterirdischen Zugang zu einer Höhle gehabt haben, wo sich der Bauer, samt Familie, bei räuberischen Überfällen verstecken konnte. Diese Bauernfamilie sollen die Gründer von Eski-Datca gewesen sein.

Ein Nachbar soll, so gegen Mitternacht, auf seinem Nachhauseweg von einer Feier beobachtet haben, wie die Hebamme, die alte Frau, sich tief über den Brunnen gebeugt, am Zugseil des Wasserbehälters sich festklammernd, sich aufgeregt mit etwas oder jemand im Brunnen unterhielt und kurz darauf den Wassereimer aus dem Brunnen nach oben zog, der, wie der Nachbar noch heute schwört, bis an den Rand gefüllt war mit Weinflaschen, deren Inhalt im Mondlicht deutlich tiefrot aufleuchtete. Was war das bloß für ein Brunnen? Oder war es der Eingang in eine andere Welt, ins Jenseits, wie man in unseren Kreisen zu sagen pflegte. War das der Quell ihrer Lebensenergie, von der alten Frau, der Hebamme?

Genau sie hatte Jusuf, wie bei den Geburten seiner fünf Töchter, um Hilfe gebeten. Hilfe für seine Frau Emine, Hilfe für das Kind, hoffentlich einen Sohn!

In der Nacht zuvor hatte Jusuf einen merkwürdigen Traum. Er hütete, wie so oft, wieder einmal seine Ziegenherde am Hang des Berges. Es war Mittag, alle Ziegen hatten sich, an einem schattigen Plätzchen, zur Mittagsruhe niedergelegt. Die Sonne war stechend heiß und schien durch seinen alten Hut auf dem Kopf und auf seine Halbglatze zu brennen, das es ihm in den Ohren zu sausen und zischen begann. Jusuf tat es seinen Ziegen gleich, die Natur machte es dem Menschen oft vor, wie er sich zu verhalten habe und streckte sich auf seiner alten, stets mitgeführten, grob gewebten Decke, der Länge nach unter einem alten Feigenbaum aus und schlief auch kurz darauf sofort tief ein. Dann hatte er diesen ungewöhnlichen Traum: sein Ziegenbock stand plötzlich , so groß und gewaltig wie ein ausgewachsener Bulle, vor ihm und senkte langsam seinen Kopf, streckte sein spitzes Gehörn ihm entgegen und sprang mit aller Wucht auf ihn, rammte die rechte Hornspitze in Jusufs rechte Brustseite, zog das Gehörn wieder heraus und blickte ihn mit blutbespritztem Kopf und Augen voller Hass an. Kurz darauf ertönte eine liebliche Musik es klang wie von vielen Harfen gezupft. Alle seine Ziegen standen im Kreis um Jusuf herum und blickten ihn erstaunt mit ihren dunklen braunen Augen an. Dann schien Jusuf von etwas getragen zu werden, ganz langsam und behutsam schwebte er über den Erdboden. Dann wurde Jusuf plötzlich wach, ergriff seinen knorrigen Hirtenstab und drosch auf den aufgeschreckten Ziegenbock mit solcher Wucht ein, das sich das arme Tier auf seiner Flucht vor weiteren Schlägen fast ein Bein brach und erschreckt und an allen vier Beinen sichtlich zitternd auf einer Anhöhe stehen blieb und zu ihm hinunter schaute.

„Du verdammtes Mistvieh! Was sollte das sein? Was sollte das bedeuten? Du hast mich umgebracht, du As!“ Schrie Jusuf seinem verstörten Ziegenbock zu und begann seine Ziegenherde in das nächtliche Gatter zu treiben und einzusperren.

„Du bleibst heute Nacht alleine draußen! Ein Wolf soll dich ruhig fressen! Such dir deine Futter und Wasser selber, du Ungeheuer!“

Abends, fast bei Vollmondschein, klopfte es an der Haustür von Jusuf seinem bescheidenen Heim.

„Es ist so weit! Die Sterne sagen es mir und haben einen guten Standort am wolkenklaren Himmel über Eski-Datca. Es muß stündlich so weit sein. Euer sechstes Kind will auf die Welt. Lass uns gemeinsam zu dem alten Olivenbaum im Garten gehen, wie bei der Geburt eurer Töchter. Der alte Baum ist ein guter Schirmherr für unser Vorhaben“, rief die alte Hebamme durch die Haustür noch immer ständig mit ihrer Faust an die Haustür klopfend. Die Haustür sprang lautlos auf und Emine stand in einem weißen sauberen Tuch gehüllt vor der alten Dame.

„Ja, Allah will es so! Es soll geschehen! Ich gebe mich in deine heiligen Hände, Allah! Allah sei mit uns und beschütze uns!“ Betete Emine mit gefalteten Händen und hin und wieder zum Himmel aufschauend, so schritt sie langsam zu dem Platz im Garten unter dem alten Olivenbaum. Die alte Dame, die Hebamme, breitete ein großes Tuch auf dem mit halbhohen Gras bewachsenen Platz aus, eilte noch einmal schnellen Schrittes ins Haus und kehrte mit einem tönernen Krug voll Wasser und einer Handvoll weißer Tücher zu Emine unter dem Olivenbaum im alten Garten hinter dem Haus zurück.

Emine stand vor dem alten Baum, die gefalteten Hände weit über den Kopf in die Höhe gestreckt und betete etwas in flehendem Ton. Ein plötzlicher, stechender Schmerz ließ sie in sich zusammensinken und fand sich liegend auf der rechten Seite auf dem großen Tuch am Boden wieder. Die alte Frau neben ihr, griff in ihren Umhang, zog eine Flasche mit einem roten Inhalt hervor und stellte sie auf den Stammstumpf eines Olivenbaumes, der vor einigen Wochen gefällt werden musste, ab.

Ein unüberhörbares Stöhnen, das nicht von dieser Welt schien, ließ das Gezwitscher der Vögel in den umliegenden Bäumen je verstummen.  Mal tönte es lauter, dann wieder leiser fast zischend, dann wieder klagend um kurz darauf vollends zu verstummen. Ein neugierig, über dem Platz da unten, seinem Lieblingssitz in den obersten Zweigen, jetzt aufgeschreckt und am Himmel seine Kreise zeichnender Falke zeigte mit seinem langgezogenen Ruf an, das jetzt eine besondere Stunde begonnen hätte und heute ein besonderer Tag wäre. Ein lauter Schrei, ähnlich dem des Falken am Himmel in luftiger Höhe, zeigte an, es war so weit, die Welt, die Familie von Jusuf hatte einen Erdenbürger mehr. Ein zuerst leises Wimmern, dann Geschrei, ließ die Hebamme aufgeregt hin und her hantieren. Es war immer wieder erstaunlich, wie beweglich und flink, trotz ihres scheinbar hohen Alters, diese alte Dame noch war. Sie griff nach einigen Minuten nach den Flaschen mit dem roten Inhalt auf dem Baumstumpf neben dem alten Olivenbaum, hielt die merkwürdiger Weise bereits geöffnete Flasche Emine an den verschwitzten Mund und ließ von dem Inhalt einige Schlücke Emine trinken.

„Es ist geschafft! Allah, wir danken dir für einen Sohn!“

In hohem Bogen schleudert die alte Frau, einen Schluck des Flascheninhaltes gegen die Stammrinde des alten ehrwürdigen Olivenbaumes, nahm dann ebenfalls einen tiefen Schluck aus der geheimnisvollen Flasche, über deren genauen Inhalt es bei den Nachbarn von Jusuf

die merkwürdigsten Spekulationen gab, beträufelte dann den Kopf des neugeborenen Knaben ebenfalls mit dem tiefroten Inhalt und zerschmetterte dann die noch halbvolle Flasche auf einem großen Stein, der sich an der Aufschlagstelle blutrot färbte.

„Oh Allah, du hast uns mit deiner ungeheuren Kraft und Güte beigestanden und uns gestützt mit deiner unendlichen Macht! Sei Dank! Sei Dank viele mal! Gib du dem neuen Erdenbürger etwas von deiner Macht, Stärke und Güte, er wird es gebrauchen in seinen noch vor ihm liegenden langem Leben! Hab

Überschrift 1

Dank, hab Dank!“ Betete Emine, auf den Knien stehend, ihren Sohn in die Höhe hebend neben der noch immer knienden und unentwegt betenden alten Frau, der Hebamme.

Am Himmel zogen jetzt zwei Falken mit ihrem unverkennbaren Krächzen ihre steten Kreise am Himmel. Hatte das etwas zu bedeuten? Zwei Falken? Vorher war es nur einer, der etwas aufgeschreckt dort oben am Himmel seine Kreise zog. Woher kam so plötzlich der zweite Falke? War es ein Omen? Ein gutes oder ein schlechtes Omen? Wer wagt es schon, heute so viel zu wissen und eine Deutung zu wagen! Der Mensch macht es sich doch alles viel einfacher und nennt es einfach das Schicksal.!

Als Jusuf, von der Ziegenweide nach Hause zurückkehrte, begann er zu taumeln. Seine beiden Knie schienen zu versagen. Er sank auf der Stelle nieder, als er das Geschrei eines Kindes hörte. Vielleicht ahnte er es auch, das es ein Sohn sein würde, den Wunsch hatte ihm Allah endlich erfüllt.

„Oh Allah, du Allmächtiger, du Gnädiger hast mein Flehen erhört! Ein Sohn! Ersan, du Göttlicher, bist endlich da! Oh Allah, hab tausend Dank!“ Nahm seinen Sohn, hob ihn in beiden Händen haltend hoch, preisend und verneigend in alle vier Himmelsrichtungen

Danach gab Jusuf seinen Sohn der Mutter wieder, küsste und umarmte beide liebevoll, tat das gleiche  mit der alten Frau, der Hebamme, rannte in den Hühnerstall, ergriff seinen stolzen Hahn, der wild vor Angst schrie und mit den Beinen und Flügel wild um sich schlug, schlug ihm mit einer Axt auf einem Holzklotz den Kopf ab, ließ das warme Blut in seinen offenen Mund tropfen und reichte schließlich den noch immer zappelnden Hahn der alten Frau als Dank und höchste Anerkennung.

„Hab Dank, gute Frau, du hast geholfen meinen Herzenswunsch zu erfüllen, einen Sohn, ein Ersan, mein und unser Ersan! Nimm das als Dank und kleine Anerkennung! Allah möge immer an deiner Seite stehen! Hab Dank! Hab Dank!“

„Ach Jusuf, du hast ein zu gutes Herz, deshalb hast du es nie zu Reichtum und Ehre gebracht. Aber dein Sohn, Ersan, soll es besser machen. Du verschenkst deinen besten Hahn an mich? Ich fühle mich sehr geehrte!“

„Gute Frau, reichst du eine Hand, so erhältst du tausende zurück! Ich bin damit bisher immer gut gefahren. Was bedeutet mir schon Reichtum? Ich habe meine Familie, stets ausreichend und gut zu essen und reichlich zu trinken, gegeben, das ist doch das höchste Gut auf Erden! Alle meine Töchter, meine Frau und ich und jetzt auch Ersan, wir alle sind gesund. Das ist mehr als alles Geld auf dieser Welt!“ Er kniete mit der alten Frau nieder und murmelte sein Dankesgebet. Ein Text, den nur er kannte und keiner mithören durfte und sollte, deshalb vernahm man immer nur ein Gemurmel und konnte kein einziges Wort, wie bei anderen Gebeten, verstehen. Diesen Gebetstext hatte Jusuf, kurz bevor sein Vater verstarb, von ihm übernommen. Das war in der Familie schon seit Jahrhunderten so Sitte. Dieses Dankesgebet, den Text, durfte nur der erstgeborene Sohn, erfahren und benutzen. Dieser Gebetstext soll magische Kräfte ansprechen und Fluch und Unglück von der Familie fernhalten. Jusuf wird auch, wenn die Zeit für einen Abschied kommt, den Text an Ersan weitergeben. Der Text stammt von Allah, so glaubte Jusuf und seine Familie. Und nur von ihm jeweils für den erst geboren Sohn bestimmt. Wenn dagegen verstoßen werde, soll Fluch und Krankheit über die gesamte Familie kommen und alle vernichten! nachdem Emine sich von den Strapazen der

Geburt erholt hatte, bereitete Jusuf ein großes Fest vor. Es sollte, wie es so üblich war, die ganze Familie an dem Glück von Jusuf teilhaben. Die Familie bestand inzwischen von über 200 Menschen. Das war der halbe Ort Eski-Datca und sollte in der ersten Woche nach der Geburt geschehen. Jusuf war voll damit beschäftigt, alle zu verständigen und alles zu organisieren. In der Region Datca, war es üblich, bei so einem Ereignis, so eine große Feier, beteiligten sich alle weiblichen Familienmitglieder bei der Zubereitung der Speisen und Getränke. Somit könnten an so einem Fest noch wesentlich mehr Gäste teilnehmen. Es war eben eine Feier der Familie und alle halfen mit und trugen zum Gelingen bei. Eine schöne Sitte. In Deutschland wäre so etwas unmöglich oder würde ein kleines Vermögen kosten.

Nach dieser Feier verging ein Jahr nach dem anderen. Ersan wuchs heran, kam in die Schule und wurde schnell zu einem der besten Schüler in seinem Alter. Er begriff alles sehr schnell und wusste manchmal schon die richtige Antwort bevor der Lehrer eine Frage ausgesprochen hatte. Ersan übersprang zwei Schulklassen und war nach kurzer Zeit wieder Klassenbester. Der Schuldirektor stand vor einem Rätsel. So einen Schüler hatte er in seinem ganzen Leben noch nie unterrichtet. Mit 12 Jahren wusste Ersan, wo es die besten Futterplätze für die Ziegen seines Vaters gab, wo es zu der betreffenden Jahreszeit, auch bei extremer Dürre, noch immer genug für die Ziegen seiner Familie zu fressen gab und immer noch ausreichend Wasser für die inzwischen große Ziegenherde gab. Einige Bauern befragten Ersan und holten sich Rat bei ihm. Ersan erhielt dann als Lohn frischen Ziegenkäse, einen Beutel Mandeln oder Obst aus dem Garten. Ersan war der Meinung, er brauchte nie lange nachzudenken, stellte man ihm eine Frage oder bat um Rat. Er verblüffte alle Bewohner von Eski-Datca und Umgebung. Eines Tages setzte sich Jusuf neben seinen Sohn und sprach:“ Ersan, mein Sohn! Eski-Datca ist bald kein Ort mehr für dich mein Sohn. Du bist zu Größerem geboren! Dir gehört die Welt! Das wirst du schaffen, was ich nie erreicht habe! Zieh in die Welt hinaus! Auf eine höhere Schule kann ich dich leider nicht schicken, selbst wenn die ganze Familie mithilft. Du hast dein Ziel und wirst es irgendwann erreichen. Du bist jetzt 13 Jahre und schon so klug, wie ich mit 30. Morgen Nacht, wenn es schön kühl ist, sollst du fortgehen, mein geliebter Sohn! Ich werde dann als dein Vater für dich hinscheiden, du erhältst das Familiengebet deiner Väter als kleinen Schatz und Schutz, behüte es gut und nutze es, genau wie ich es immer getan habe und alle meine Väter vor mir! Ich übergebe dich damit einem anderen Vater, nämlich Allah! Ab morgen hast du nur ihn als deinen Vater. Höre seine Worte und befolge seine Ratschläge!“ Unterwies Jusuf mit Tränen in den Augen seinen geliebten Sohn, Ersan.

„Vater ist das wirklich dein freier Wille, oder hat man dich dazu gezwungen?“ Sinnierte Ersan halblaut vor sich hin.

„Nein mein Sohn, es ist mein Wunsch und Allahs Wille. Es ist das Beste für dich! Zieh immer nach Norden, denn dort leben viele schlechte aber auch gute Menschen. Du bist klug genug und wirst sie schnell richtig unterscheiden können und deinen vorgezeigten Weg gehen! Denke an und nutze stets unser Gebet, denn so kannst du auch aus der Ferne unsere und deine Familie schützen.“

„Vater, ich bekomme Herzschmerz und Kopfweh. Was erwartest du von mir alles? Ich bin doch noch ein kleiner Junge, erst 13 Jahre alt!“ Stammelte Ersan etwas verzweifelt, blickte seinem Vater in die Augen und begann ebenfalls laut zu weinen.

„Sei still sonst hört uns noch deine Mutter und deine Schwestern!“

„Weiß Mutter von dem, was du mit mir vorhast, von deinem Entschluss?“

„Ja, sie weiß es und findet es richtig. Für Menschen, wie dich, ist hier kein Platz. Du würdest wie in einem Käfig hier leben und elendig verkümmern.“

Überschrift 2

„Also, mein geliebter Sohn, jetzt ist es mir leichter ums Herz. Ich fühle mich von einer großen Last befreit und bin glücklich, es dir endlich gesagt zu haben. Ich habe Tage und Nächte mit mir selber gerungen, mir bei Emine, deiner Mutter, Rat und Trost geholt, Allah angefleht um Unterstützung, aber keine Antwort erhalten, nur das gute Gefühl in meinem Herzen, es so richtig zu machen. Nun ist alles gesagt! Komm, lass dich noch einmal drücken, mein großer Sohn, Ersan!“

Arm in Arm gingen Vater und Sohn hinter das uralte aus Lehmziegeln gebaute Haus. Unter vier Olivenbäumen war eine Plane gespannt, der Erdboden war mit alten Teppichen bedeckt. An einer Seite stand ein gemauerter offener Backofen, der einen herrlichen Duft von gebackenem Brot verbreitete. Im Sommer, den vielen heißen Tagen und Nächten schlief die ganze Familie Jusuf und Emine hier draußen im Garten. Im Haus konnte man sich nicht lange aufhalten, denn dort herrschten mittags Temperaturen von 60 Grad und mehr. Nachts war es im Haus auch immer noch zu heiß um zu schlafen.

So lebte im Sommer fast der ganze Ort Eski-Datca ausschließlich Tag und Nacht im Freien. Kein Haus befand sich im kühlenden Schatten eines Baumes. Das hatte im Winter wieder den Vorteil, die Sonne konnte die Lehmziegelwände vorzüglich aufheizen und es war ständig wohlig warm und trocken.

Diese Nacht konnte Ersan kaum schlafen. Zu viele Gedanken schossen ihm durch den jungen Kopf. Aber dennoch glückte es, ein paar Stunden erholsamen Tiefschlaf zu ergattern. Die Sonne meldete sich am Horizont im Osten. Ersan erledigte, wie gewohnt, gleich nach seinem Vater, die Morgentoilette am Brunnen im Garten hinter dem Haus. Ersan ging nach seinem Frühstück, einige Schluck frische Ziegenmilch, einem Stück Brot mit selbstgemachter Aprikosenkonfitüre, wie an jedem Morgen, in die Schule. Es sollte das letzte Mal sein, das ihn seine Kameraden noch einmal sehen sollten. Heute wurde in zwei Schulstunden über Astrologie gesprochen, die Sternbilder und wie man sich nach den Sternen orientieren konnte. Das passte sehr gut zu Ersan seinem Vorhaben.

„Der Polarstern steht immer im Norden, dann ist immer da Süden, Osten und Westen, stimmt?“

„Jawohl, Hellseher, genauso ist es!“ bestätigte der alte Schuldirektor „Willst du heute eine Wanderung unternehmen?“ Fragte der Schuldirektor weiter Ersan

„Wenn der wüsste! Wer war hier jetzt der Hellseher? Der Direktor, oder Ersan?“ Murmelte er halblaut vor sich hin und verfolgte aufmerksam, wie immer, den weiteren Unterricht

„Wenn der Alte da vorne wüsste, das ich inzwischen viel mehr von der Sternenwelt am Himmel verstand, als er, der sich jeden Tag zuvor auf seine Unterrichtstunden am nächsten Tag vorbereiten musste. Nach so vielen Jahren Schulunterricht, muss er doch schon alles auswendig kennen,“ murmelte Ersan und dachte an den Polarstern, den hellsten, der immer genau im Norden stand. Er sollte sein Zielstern auf seinem Weg in den Norden, in eine interessantere Welt, sein. Das hatte er sich fest vorgenommen. Es stand fest, immer nach Norden, ganz egal wie, das sollte seine Zielrichtung für die kommenden Monate und Jahre sein.

Zwei Stunden vor Mitternacht schnürte Ersan sein kleines Bündel, ein kleiner, alter Rucksack, der gut zu seiner noch jungenhaften Statur passte. Etwas Käse, Brot, zwei Flaschen Wasser aus dem heimischen Brunnen und ein Schulbuch über Astrologie verschwanden rasch im Rucksack. Er griff noch rasch nach einem Stück selbstgemachter Seife von seiner Mutter und warf den Rucksack über die rechte Schulter. Der Vollmond ließ den Garten in einem magischen Licht erscheinen.

„He Vater, du bist auch schon das!“

„Ja, mein Sohn, ich warte schon eine Weile auf dich. Lass uns ein Stück durch unseren Garten gemeinsam gehen!“

„Du Vater, ich habe mich gar nicht von Mutter und meinen Schwestern verabschiedet?“

„Ist alles schon in Ordnung! Geh nur ruhig! Sie wissen Bescheid und finden deine Entscheidung richtig. Sie wünschen dir viel Glück!“

„Autsch, verdammt, dieser verflixte Stein, er bringt mich immer zum Stolpern. Wie oft wollte ich ihn schon ins Gemüsebeet werfen!“ Voller Schmerz humpelte der Vater neben Ersan weiter.

„Zu ärgerlich! Ich glaube, ich kehre lieber um. Komm Ersan, mein geliebter Sohn, laß dich ein vorerst letztes Mal fest an mich drücken und umarmen. Machs gut, mein geliebter Ersan, mach es besser als ich. Du erreichst dein Ziel, das weiß ich. Mir war es leider nicht vergönnt und möglich.!“ Nach diesen Worten befreite sich der Vater aus der Umklammerung mit seinem Sohn und schob ihn sachte etwas von sich fort.

„Ersan, lass dich noch einmal fest anschauen! Ich blicke in das vom Mondschein erhellte knabenhafte Gesicht eines jungen Mannes, der genau weiß, was er will, der ein festes Ziel vor sich hat! Alles Gute, mein Junge!“ Ersan blickte in das von Tränen durchnässte Gesicht von seinem Vater und drückte nacheinander beide Wangen zum Abschied an die seines Vaters.

Komisch, Ersan spürte dabei nicht die Tränennässe auf dem Gesicht seines Vaters. Der drehte sich abrupt um, ging mit hochangezogenen Schultern, leicht humpelnd und im Nachtwind leicht wehendem Gewand auf einen alten Olivenbaum zu, unter dem Ersan vor 13 Jahren das Licht der Welt erblickt hatte und verschwand hinter dem fast einen Meter dicken Baumstamm.

Ersan drehte sich noch einmal vollends um und blickte Abschied nehmend zu seinem Elternhaus. Um diese frühe Morgenstunde war schon jemand im Haus. Um diese Zeit schliefen doch noch alle im Garten, in der morgendlichen Kühle unter den vier Olivenbäumen. Ein Zimmer wurde von dem Schein einer Öllampe erhellt. Auf dem Fenstertuch konnte Ersan ganz deutlich den Schatten einer Frau erkennen.

„Bist du es, Mutter?“ Der Schatten richtete sich auf und hob eine Hand wie zu einem Gruß.

„He, was ist das? Da stand Vater im Mondlicht direkt neben dem Brunnen und blickte starr in seine Richtung.

„Das gibt’s doch gar nicht! Vater war doch eben direkt neben mir. Mit seinem verstauchten Fuß konnte er doch unmöglich schon den weiten Weg bis zum Brunnen gegangen sein.

„Warst du Vater eben bei mir? Warst du es wirklich?“

Ein Schwall aus Tränen ergoss sich über Ersans Gesicht. Er konnte vor Abschiedsschmerz nicht mehr gerade weitergehen. Er heulte lautlos vor sich hin.

„Gut mein Junge, Ersan! Nun bin ich dein Begleiter für dein weiteres Leben. Ich habe dich in die Welt gesetzt und dich geschult in Eski-Datca, so gut es eben an diesem Ort ging. Jetzt wirst du die Schule der Welt, unter meiner Anleitung, erfahren. Du wirst gute und viele schlechte Menschen kennenlernen. Aber sei getrost, ich bin immer bei dir, als dein Vater, der mehr ist als dein leiblicher Vater! Nun gut, das soll erst einmal reichen. Ersan, geh noch eine Weile durch die Felder, bis du an einen kleinen Tümpel kommst, der von einem Quellwasserbach gespeist wird. Dort ruhe dich noch ein paar Stunden aus. Wenn dich die Sonne wieder weckt, gehst du weiter, bis du an eine Verkehrsstraße kommst. Versuche mit einem LKW mitzufahren, so kommst ein gutes Stück weiter in Richtung Norden. Halte niemals ein Auto bei Nacht an, um mitzufahren. Bei Tage kannst du das Gesicht des Fahrers sehen. Das ist ganz wichtig!“ So tönte es mit tiefer, wohltuend klingender Stimme zu Ersan.

„Wer bist du? Wo bist du? Zeige dich, ich fürchte mich nicht!“

„Nein, du musst mich nicht sehen! Es reicht, wenn ich zu dir spreche!“

Eine dunkle Wolke schob sich vor den Vollmond und verdunkelte die Umgebung um Ersan herum. Er blickte neugierig zum Himmel hinauf und suchte den Polarstern. Da zuckten zwei Sternschnuppen in langgestrecktem Bogen in Richtung Erde und erloschen nach ein paar Sekunden wieder.

„Zwei Sternschnuppen nebeneinander, wie ungewöhnlich. Ich habe noch nicht mal eine Sternschnuppe in meinem bisherigen Leben gesehen und jetzt, gleich zwei! Wie wunderbar ist dies alles heute Nacht! Jetzt werde ich den weisen Rat befolgen und den besagten Tümpel suchen!“ Sprach Ersan laut vor sich hin, um seine innere Angst zu zerreden. Unheimlich erschien ihm inzwischen schon alles. Da spielten höhere Mächte mit, davon war Ersan inzwischen überzeugt und glaubte fest daran. Ersan stolperte mehr, als das er ging, über den kleinen Acker in Richtung Norden.  Nach einer Weile des Schweigens, glitzerte etwas vor ihm im Mondlicht. Es war ein schmaler Bach, der munter in eine Richtung plätscherte.

„Da bist du ja, mein angekündigter Wegweiser der Nacht! Nun zeige mir mal den Tümpel, wo ich den Rest der Nacht verbringen kann und soll!“ Ersan folgte dem Bachlauf. Nach einer Weile, etwa einer halben Stunde, schimmerte etwas Großflächiges im Mondlicht vor ihm.

„Na siehste! Ich bin am Ziel für heute. Irgendwie sind meine beiden Beine jetzt auch sehr schwer. Wieso eigentlich, nach einem so kleinen Fußmarsch. Ich bin doch gewohnt stundenlang zu laufen und zu marschieren“

Er suchte sich am Tümpelrand einen geeigneten Platz für sein Nachtlager. Verrichtete sein Nachtgebet. Das erste Mal ohne die Nähe seiner Eltern und Schwestern. Er sprach den von seinem Vater überlieferten Gebetstext halblaut vor sich hin, nahm noch ein paar Schluck Wasser, legte sich der Länge nach auf den Rücken auf den weichen Grasboden, bettete seinen Kopf auf seinen kleinen Rucksack und blickte hinauf zum Himmel mit den unendlich vielen Sternen. Beim Betrachten der Sterne, schlief Ersan auch kurz darauf ein. Heute Nacht hatte er keinen Traum. Er war zu erschöpft von den vielen Eindrücken und Erlebnissen der vergangenen Stunden.

Ein warmer Sonnenstrahl, der direkt in sein Gesicht viel, weckte Ersan etliche Stunden später wieder auf. Er setzte sich erschrocken auf und betrachtete seine Umgebung

„Wo bin ich hier? Wieso bin ich nicht zu Hause bei Mutter und Vater? Was war mit ihm geschehen?“

Langsam dämmerte es Ersan und er konnte sich die vergangenen Stunden zusammenreimen und erklären.

„Was man mal anfängt, soll man auch zu Ende bringen! Also los!“

Ersan schnürte seinen Rucksack auf, brach sich ein Stück Brot, Brot, gebacken von seiner Mutter, ab, biss zwei-, dreimal in den köstlichen frischen Ziegenkäse, nahm zwei Schluck Wasser, wusch sich im Tümpel das Gesicht, die welligen pechschwarzen Haare, benetzte mit dem kühlen Nass aus dem Tümpel Arme und Beine und machte sich auf den Weg in Richtung Norden. Natürlich nicht, ohne vorher in einigen besinnlichen Minuten sein Morgen Gebet gen Osten zu verrichten. Einen kleinen Gebetsteppich, wie es bei den Männern so üblich war, hatte Ersan noch nicht. So reich war seine Familie nun doch nicht. So musste ein verwaschenes rotes Thieshirt den gleichen Dienst verrichten.

Von einer Anhöhe sah er vor sich im Tal eine Verkehrsstraße. Hin und wieder fuhr dort e

Überschrift 3

Lastwagen, Bus oder Pkw entlang. Mit schnellen langgestreckten Beinen, war Ersan am Straßenrand

„Welche Fahrtrichtung? Wo stand die Sonne? Das ist Westen, dann ist da Norden und Izmir und noch weiter Istanbul.“ Erklärte er sich selber halblaut. Nachdem sich Ersan für die richtige Reiserichtung entschieden hatte, versuchte er durch winken am Straßenrand ein Fahrzeug anzuhalten. Es dauerte eine ganze Weile. Keiner wollte den einsamen Jungen mit dem kleinen Rucksack mitnehmen.

Doch endlich, ein riesiger Lastkraftwagen mit einem Anhänger voller Tomatenkisten hielt mit quietschenden und laut jaulenden Bremsen etwa 50 Meter weiter neben ihm an. Ersan lief schnell den Rest der Strecke bis zum endlich stehenden Lastkraftwagen. Die Beifahrertür des Fahrerhauses wurde mit Schwung aufgestoßen und wippte im Wind leicht hin und her. Ein kugelrundes Gesicht von einem ebenso kugelrunden Mann blickte lachend zu Ersan herab.

„Na junger Mann, wo soll es denn heute hingehen? Komm steig ein! Du kannst mir während der Fahrt alles in Ruhe erzählen.“

„Oh danke guter Mann!“ Ersan war mit einem Satz im Fahrerhaus des Lastkraftwagens.

„Toll haben sie es hier! Ich bin noch nie in so einem großen Auto mitgefahren. Vielen Dank! Ich will nach Norden zu meinem Vater, er wohnt in Istanbul,“ erklärte sich Ersan.

„Na da hast du aber Glück, das ist auch mein Fahrtziel. Morgen Mittag soll ich die Tomaten dort in einer Fabrik abliefern. Dann können wir ja zusammen weiterfahren. Prima, so können wir ein wenig während der Fahrt plaudern und es ist nicht mehr so langweilig für mich. In diesem Fahrzeug ist leider das Radio defekt, habe versucht es zu reparieren, hat nichts gebracht, Pech! Muss vermutlich ein Fachmann in einer Werkstatt machen. Hast du vielleicht ein bisschen Ahnung? Ihr jungen Leute habt doch heutzutage alle ein so glückliches Händchen für technische Probleme, besonders was die Musik angeht.“

„Klar, ich kann es mal versuchen!“ Ersan sah sich das Radiogerät in der Konsole an. Ich müsste das Gerät einmal rausziehen, um die Rückseite zu sehen. Strom bekommt das Gerät. Die Dioden leuchten alle. Mh, so geht es nicht! Hast du so etwas wie einen Schraubenzieher?“

„Neh, mein Junge! Mit dem Bordwerkzeug haben sich schon alle meine Vorgänger eingedeckt. Mein Privatwerkzeug habe ich leider in aller Eile vergessen. Der Auftrag für diese eilige Fahrt traf mich nachts während des Schlafes, so habe ich die Hälfte vergessen. Sogar etwas zu Essen. Ich lebe seit acht Stunden nur noch von Tomaten und deren Saft. Hast du etwas Vernünftiges zu beißen dabei?“

„Klar, dafür haben meine Eltern gesorgt. Ich habe frischen Ziegenkäse und Brot aus unserem Backofen, sowie frisches Wasser aus unserem Brunnen im Garten dabei.“

„Lecker, wollen wir nicht mal erst eine kleine Pause einlegen? Dann ruckelt das Fahrzeug auch nicht so und du kannst dich leichter mit dem Radio befassen!“

„Na gut, es ist fast Mittag. Ich habe zwar noch keinen großen Hunger, aber naschen, so zwischendurch, kann man eigentlich immer.“ Mit viel Geruckel und Gequietsche hielt der Lkw in einer Parkausbuchtung neben der Straße, die wie ein Rastplatz wirkte. Ersan kramte seinen Käse, das Brot und stellte beide Wasserflaschen neben sich auf die Sitzbank im Fahrerhaus.

„Herrlich, das ist ja ein göttliches Essen. Lecker, der Käse, selbst gemacht?“

„Ja, von meiner Mutter, auch das Brot!“

„Du hast aber eine tüchtige Mutter. Wieso ist dein Vater nicht bei euch zu Hause?“

„Er arbeitet in einer großen Fabrik bei Istanbul und schickt uns jeden Monat etwas Geld. Bei uns im Ort hat er keine Arbeit mehr gefunden.“ Ein seitlicher, nur für Ersan bemerkbarer Tritt gegen sein rechtes Schienenbein und eine tiefe Stimme sagte,“ Na, mein Junge, das wollen wir lieber nicht sagen, das ist doch nicht die Wahrheit, oder?“

„Ja Vater, das ist keine Lüge, das ist nur eine Ausrede um das Ziel meiner Reise besser zu erklären.“

nun gut, ich verzeihe dir diesmal, mein Sohn! Aber treibe es nicht zu doll!“

Ersan hatte das Fahrerhaus verlassen, um draußen einen passenden Gegenstand zu suchen, womit er das alte Autoradio raushebeln konnte. Er fand auf der Straße ein plattgefahrenes stück Blech, das sich für sein Vorhaben eignete.

„Na siehste, es klappt doch! Da haben wir den Übeltäter. Der Antennenstecker hatte sich gelockert und war fast ganz abgerutscht. Das haben wir gleich wieder in Ordnung. So jetzt! Kannst du jetzt einmal die Zündung einschalten, um Strom zu bekommen!“

„Klar, das haben wir gleich!“ Sagte der auf beiden Backen mampfende dicke Mann und leerte noch schnell die zweite Wasserflasche von Ersan.

„Juhu, es knackt und rauscht schon! Jetzt muss ich nur noch einen Sender einstellen. Dann habe ich mir aber einen tiefen Schluck Wasser verdient!“ Irgendein türkischer Sänger krächzte aus dem Radio durch das Fahrerhaus, der noch immer eifrig kauende Fahrer grinste und stellte die leere Wasserflasche neben sich auf seinen Sitz. ab.

„Na wunderbar, jetzt haben wir keine lange Weile mehr. Wo ist mein verdientes Wasser?“

„Oh je, mein Junge, ich habe ausversehen auch noch deine Wasserflasche geleert. Ich besorge dir bei nächster Gelegenheit neues Trinkwasser“

„na schön, das ist aber eine schlechte Entlohnung bei dir! Machst du das immer so? Nur an sich selber denken, den Rest bekommt dann, wenn überhaupt noch etwas übrig ist, die andere Seite!"

Schweigend fuhren beide bis in die Abenddämmerung. Nur das musikalische Geplätscher aus dem Autoradio verschönte die Atmosphäre im Fahrerhaus etwas. Ersan dachte mit etwas Trauer an sein Elternhaus. Da gab es immer genug für jeden und alle hatten Hochachtung vor dem anderen. Was war der Dicke neben ihm wohl für ein komischer Mensch? Hatte er auch ein vernünftiges Elternhaus gehabt? Vielleicht erzählte er, während der Weiterfahrt auch freiwillig mal etwas über sich selber. An einer Tankstelle stoppte der Dicke sein Fahrzeug. Er ließ seinen Treibstofftank auffüllen, zog ein Bündel Geldscheine aus seiner Hosentasche und bezahlte den Dieselkraftstoff beim Tankwart.

„Du, da hinten ist ein Wasserhahn. Fülle unsere beiden Wasserflaschen da auf!“ Befahl der Dicke Ersan, seinem tüchtigen Beifahrer. Ersan tat nachdenklich, was ihm der Dicke aufgetragen hatte, trank unter dem voll aufgedrehten Wasserhahn so viel, wie er irgendwie selber trinken konnte und füllte dann beide Wasserflaschen bis zum Überlaufen. Wer weiß, wann es wieder Wasser für ihn gab. Wasser war wichtig. Essen, was ihm der Dicke alles restlos weggefressen hatte, darauf konnte Ersan ruhig einige Tage gut verzichten. Als Ersan mit den Wasserflaschen   in beiden Händen zum Fahrzeug zurückkehrte, palaverte der Dicke gerade mit einem anderen Fahrer.

„Nach etwa 5 Kilometer ist die Straße blockiert. Da ist ein Anhänger umgekippt. Ihr müsst vorher abbiegen und durch ein Dorf fahren.“

„Ok, das werde ich machen!“ Erwiderte der Dicke seinem Gesprächspartner im anderen Lkw. Ersan hatte eine Wasserflasche in seinen Rucksack gesteckt, die zweite versteckte er, nicht sichtbar für den dicken Fahrer, hinter seinem Sitz. Nach ein paar weiteren Stunden des Schwitzens und Schweigens,

Verdammt, ich habe einen Durst! Kannst du mir mal das Wasser reichen! Oh je, an der letzten Tankstelle haben wir vergessen, uns etwas zu essen zu besorgen!“ Der Dicke trank mit ein paar Schlücken die halbe Wasserflasche leer., verschraubte sie wieder und stellte sie neben sich auf seinen Sitz. Er kam überhaupt nicht einmal auf die Idee, Ersan zu fragen, ob er auch Durst hätte. Nur er selber war wichtig. Nach einer weiteren Stunde war auch der Rest der Wasserflasche geleert

„Oh man, ich hab Durst. Eine Affenhitze heute. Die Tomaten kommen nur noch als Matsch an. Macht sowieso nichts, die machen dort nur Ketchup draus. Was die Flasche ist leer? Wo ist die andere, die zweite Flasche?“

„Ach je, die muss ich bei der Tankstelle vorhin in aller Eile stehen haben lassen! In meinem Rucksack ist auch keine. Das tut mir leid!“

„Du dummer Kerl, kannst nicht mal auf zwei Wasserflaschen aufpassen. Dich sollte man doch wirklich! Dafür bleibst du heute Abend durstig und hungrig!“