E-Volution II - Kolmar Rosse - E-Book

E-Volution II E-Book

Kolmar Rosse

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Beschreibung

Der Meeresspiegel steigt unaufhaltsam und schnell. Die Anzahl der auf der Erde und auf dem Mars lebenden E-Synth nimmt ebenfalls zu, wenn auch nur langsam. Die Skepsis ihnen gegenüber bleibt allgegenwärtig. Eine Emigration zum Mars scheint vielen Überflutungsopfern dennoch eine Alternative zu den unmenschlichen Flüchtlingslagern zu sein. Aber alle Emigranten müssen ihre biologische Existenz aufgeben. Nur als Maschinenmensch, als E-Synth, konnte man zum Mars gelangen. Aber war die Organisation von Massenselbstmorden nicht ein Verbrechen? Die Entdeckung der vor Millionen Jahren auf dem Mars havarierten Fremden, die ihr Bewusstsein in Speicherkristallen überdauern ließen, wirft existenzielle Fragen auf. Sollten diese Aliens wiedererweckt werden, oder handelt es sich bei ihnen möglicherweise um eine invasive Spezies? Würde eine Wiedererweckung dieser Fremden möglicherweise sogar das Ende der Menschheit bedeuten? Traf Luna die richtige Entscheidung?

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Seitenzahl: 1136

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für Antje, Clara und Else

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Teil 1: Die Gesuchte (zweieinhalb Meter)

Der neue Körper

Die neue Stadt

Auf der Spur

Die Jagd beginnt

Der grüne Stein

Tillert

Die Professorin

Hamburg

Nicht allein

Delphine

Zeitreisen

Das Lager

Taifun

Aliens im Kopf

E-Synth Agenda

Signale

Auf der Suche nach Dagobert

Niederlagen

E-Synth abschalten

Teil 2: Parallelwelten (viereinhalb Meter)

Der Damm

Asteroiden

Holzsoldaten

Die Villa am See

Parallelwelten

Schweinestall ausmisten

Neue Wege

Eis

Die Dagoberts

Gottkönig

Die intergalaktische Stadt

Der Sturm

Der zweite Dagobert

Marsbiologie

Ein Start

Teil 3: Amerika (fünfeinhalb Meter)

Muraena

Farmgirl

Der dritte Mond

Enttarnungen

Zusammen

Dunkle Materie

Teil 4: Was danach geschah (sechs Meter)

Der Hügel

Familientreffen

Dunkle Materie

Europa

Die Sphäre

Epilog

Prolog

Jennifer Reston fing ihre Tochter Ann-Claire in ihren Armen ab, als diese die Treppe zum alten Wohnhaus der Mumur-Farm im wilden Galopp hochgestürmt kam „Mama, Mama ich habe eine Nixe gesehen, eine echte Nixe! Mama, sie schaute mich an, sie hat mir zugewinkt.“

»Wer hat was?« Jennifer schaute über ihre Tochter hinweg zu den Stallungen, in denen ihr Mann vor ein paar Augenblicken mit den beiden Pferden verschwunden war und hörte ihrer aufgeregt plappernden Tochter nur mit einem Ohr zu.

„Na die Nixe! Man konnte ihren Fischschwanz sehen und sie hatte grüne Haut und grüne, ganz lange Haare, genau wie in meinem Buch. Als ich sie nach ihrem Namen fragte, rief sie ihn mir zu, Arielle! Mama sie war wirklich echt!“

Jennifer lächelte amüsiert, „Nixen, das weißt du doch, die gibt es nur in Märchen, in Geschichten, du kleines Dummerchen. Nicht einmal jetzt, da wir bei uns den Ozean haben, gibt es hier Nixen. Wer weiß, was du gesehen hast!“

„Mama! Ich weiß, was ich gesehen habe! Ich bin keine fünf mehr! Es war eine Nixe!“ Ann-Claire zog einen Schmollmund und mit fahrigen Händen zupfte sie sich ein paar Disteln von ihrem Hemd und aus ihrem zerzausten Haar. Dann wedelte sie mit ihrer Rechten in Richtung der Ställe. “John B. hat sie auch gesehen.“

Ann-Claire weigerte sich, dickköpfig und stur wie sie war, ihren Stiefvater anders zu nennen, als John B. Beide konnten so viel auf sie einreden, wie sie wollten, es blieb bei John B. Dabei entsprach Johns Umgang mit seiner Stieftochter so ziemlich den Idealvorstellungen, die man sich allgemein von einem Vater machte. Ganz im Gegensatz zu ihrem leiblichen Vater, den sie schon seit mindestens einem Jahr nicht mehr gesehen hat, tat er alles für sie. Er liebte sie wie ein eigenes Kind. Soeben kamen beide von einem Ausritt zurück, der sie an den ehemaligen Unterlauf des Susquehannna Rivers geführt hat. Heute ist er nur noch eine langgestreckte neue Bucht des sich ausweitenden Ozeans, die sich, den ehemaligen Flussbett folgend, bis hinauf zum Staudamm zog. Östlich der Mauer war nun das Meer, westlich von ihr staute sich der Fluss. An den Pegelmarkierungen der Mauer konnte man gut das allmähliche Ansteigen des Meeresspiegels ablesen. Die Staumauer war aber nicht ihr heutiges Ziel. Ann-Claire erzählte aufgeregt und mit fahrigen Handbewegungen ihre Ausführungen unterstreichend, wie sie über Waldwege den halben Susquehanna State Park durchquerten, dabei den Deer Creek durchwateten, kurz die Graigs Corner Farm und die Sinclairs besuchten. Der alte Bob hat ihr ein Eis spendiert! Auf einer Lichtung gegenüber der Robert Island und der deutlich kleineren Wood Island haben sie dann pausiert und den Pferden etwas Ruhe gegönnt. Dort haben sie sie gesehen, die Nixe, auf dem, was von der Wood Island übrig war.

„Sie saß ganz locker auf einem alten Baumstumpf am Ufer und sonnte sich. Wir waren versteckt und sie hat uns anfangs nicht bemerkt. Wir haben sogar Fotos, Videos, also musst du mir glauben! Nach ein paar Minuten sah sie uns und winkte, ich rief ihr über den Fluss zu und fragte nach ihren Namen. Sie rief ihn mir zu und ist einfach zurück ins Wasser und war verschwunden. Mamma sie war wirklich, wirklich wirklich!“

Jennifer schüttelte lächelnd den Kopf. „Und sie sagte, sie hieße Arielle? Wie in diesem Film?“

„Ja! Na gut, ganz genau habe ich sie nicht verstanden. Die Wood Island ist ziemlich weit weg. Aber ich habe sie genau gesehen und John B auch!“

John kam von den Ställen, groß, athletisch, selbstbewusst.“ Er strich sich die unbändigen Haare aus dem Gesicht. „Sie“, er zeigte auf Ann-Claire, „hat dir sicher schon von unserem kleinen Abenteuer erzählt. Wir haben wirklich eine gesehen. Ich hätte nie geglaubt, dass sie jetzt schon hier sind.“

„Du meinst, es war eine von denen?“

„Klar, was sonst? Oder wir sind jetzt alle in einem gottverdammten Märchen gelandet.“ Er kratzte sich den Kopf. „Ann-Claire, bring den Pferden noch ein paar Möhren. Die haben sie sich heute verdient.“

Ann-Claire grinste und verschwand.

Jennifer richtete sich auf und sah ihren Mann lange an. „Dann müssten wir das melden.“

„Ja, müssten wir wohl.“

„Du bist nicht der Meinung?“

John schüttelte den Kopf. „Ich mag die Behörden nicht und warum sollten sie eigentlich nicht hier sein. Sicher, es sind keine Menschen. Ihre Körper sind künstlich. Es sind verdammte Maschinen. Aber Maschinen gibt es überall. Keiner schert sich um Maschinen. Und vielleicht stimmt es, und sie beherbergen wirklich menschliches Bewusstsein und man könnte in einem solchen Körper den Tod überwinden und sogar ewig leben. Vielleicht sind das aber auch nur Gerüchte. Aber eins weiß ich, heute habe ich eine von denen gesehen. Die Nixe, oder was es immer war, wirkte sehr menschlich, exotisch menschlich, nicht nur wie eine Maschine, ein Roboter oder ein Android.“

„Du denkst an deinen Vater?“

„Natürlich denke ich an ihn! Er wird, wenn kein Wunder geschieht, bald sterben. Und hier“, er drehte seinen Kopf in Richtung der Meeresbucht, „sind nun welche, die den biologischen Körper abgelegt haben und weiterleben.“ Er schaute seine Frau entschlossen an. „Nein ich werde sie nicht melden! Ich werde sie suchen … und finden und herausfinden, was von den Gerüchten wahr ist und was Lüge. Wenn sie wirklich ein menschliches Bewusstsein beherbergen, dann müssen sie meinen Vater in einen von ihnen verwandeln. Ich glaube nicht an Gott und einem Leben nach dem Tod. Sollen andere dieses Märchen glauben. Das hier könnte eine Chance sein, seine letzte. Ich will, dass er weiterlebt und er, das weißt du, will es auch!“

„Ann-Claire wird es übermorgen allen in der Schule erzählen. Wenn du es nicht meldest, wirst du später dich rechtfertigen müssen. Sie hat Fotos, Filme?“

John kratzte sich am Kopf. „Stimmt, daran habe ich nicht gedacht. Also werde ich sie wohl doch melden müssen, sonst bekommen wir höllische Probleme.“ Er griff nach seiner Jacke. „Ich muss sofort noch mal dort hin. Vorher fahre ich bei Ben vorbei. Ich brauche die Taucherausrüstung.“

Jennifer hielt ihn am Arm fest. „Sei vorsichtig, versprich es mir!“

Er grinste, „bin ich doch immer“ und küsste sie lange. „Mach dir keine Sorgen, falls es etwas länger dauert.“

Er lief zu seinen kleinen Pick-Up und fuhr schnell Richtung Darlington und weiter die Conowingo Road hinab zum Conowingo Visitors Center. Bob Sharewood, sein alter Kumpel, betrieb einen Verleih von Sportausrüstungen am Visitors Center. Noch auf der Fahrt rief er ihn an. Da gerade nicht viel los war und Bob sich langweilte, brauchte John nicht lange um ihn zu überreden. Wenig später hielt Johns Pick-Up, auf Autonom-Modus eingestellt, vor dem Sportverleih. John trat in den kleinen Laden und fand Bob, der schon dabei war, zwei Ausrüstungen vorzubereiten. Ohne sich umzudrehen brummte Bob: „Nicht viel los heute. Da kann ich auch gleich schließen.“

„Du willst mit?“ fragte John etwas ungehalten.

„Klar, ich lasse dich doch nicht allein in diese Brühe abtauchen. Du weißt, da unten ist es gefährlich. Viel altes Gerümpel. Wo genau willst du runter? Port Deposit, die alten Hafenanlagen?“

„Ja vielleicht auch dort aber zuerst will ich zur Robert Island rüber und zur Wood Island. Lieber würde ich allein gehen.“

„Du kennst die Regeln. Entweder ich komme mit, oder du bleibst hier. Niemand taucht allein in der Bucht. Die Strömungen können unberechenbar sein.“

John nickte. „Das habe ich befürchtet.“

„Was, dass dein alter Kumpel mitkommen will?“ lachte Bob und richtete sich auf. „Was ist los, John?“

John schaute sich erst noch einmal um und zückte dann sein Telefon „ich will dir was zeigen, Bob.“

„Du solltest das eigentlich melden“, brummte Bob erstaunt nachdem der die Bilder betrachtet hat. „Wie alt sind diese Fotos?“

„Nur zwei Stunden. Ich war vorhin mit Ann-Claire und den Pferden auf einer Lichtung gegenüber der Wooden Island. Da haben wir sie gesehen.“

„Ann-Claire hat sie auch gesehen? Noch ein Grund mehr das zu melden. Ein Kind behält so etwas doch nicht für sich!“

John nickte. „Deshalb muss ich auch sofort wieder dahin.“

„Du willst mit ihnen Kontakt aufnehmen, stimmt‘s? Wegen deines Vaters!“

John nickte „Ja, genau. Wenn die Gerüchte stimmen...“

„Es wird dir nicht gelingen.“

„Dann habe ich es wenigstens versucht, verdammt! Willst du immer noch mit.“

„Klar, Mann. Aber danach wirst du die Sichtung melden müssen.“

„Ich weiß, aber erst muss ich mich überzeugen.“

Sie verluden die Ausrüstung auf Bens kleines Boot und fuhren die knapp sechs Kilometer schweigend. Erst kurz vor Wooden Island, oder den Resten, die von der Insel übrig waren, fragte Ben: „Was genau hast du vor, John?“

„Ich weiß noch nicht genau. Ich will mich dort unten umschauen, vielleicht finde ich etwas, das mir weiterhilft.“

„Ja vielleicht, aber wie willst du mit ihnen Kontakt aufnehmen?“

John zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, Ben. Das kommt, denke ich, auf die Situation an. Mir fällt schon was ein.“

Ben schüttelte den Kopf, sagte jedoch nichts.

Ursprünglich bestand die nun weitestgehend überflutete Insel aus angespülten Sedimenten des ehemaligen Flusses, dicht bewachsen mit niedrigen Bäumen und Sträuchern. Nachdem der Ozean kam und weite Teile dieser und der benachbarten Inseln überspülte, starb die nicht ans Salzwasser angepasste Vegetation in kürzester Zeit. Nun waren nur noch ausgeblichene, aus dem Wasser regende Stämme an der Stelle zu sehen, an der sich früher die Insel befand. ‚Schattenwälder‘, so nannte man nun die vielen überfluteten Waldflächen.

John zeigte auf eine der wenigen noch nicht überspülten Flächen. „Dort drüben haben wir sie gesehen. Da möchte ich gern zuerst runter.“

Ben stoppte den Motor und warf den Anker ins Wasser. „Hier ist es wegen der abgestorbenen Vegetation nicht ungefährlich aber machbar. Gut gehen wir rein und schauen wir uns um.“

Sie legten schweigend die Ausrüstung an und ließen sich nacheinander unter Wasser gleiten. Das Wasser an dieser Stelle war relativ sauber und die Sicht gut. Sie tauchten entlang der Insel in südöstlicher Richtung. Außer ihnen war aber offensichtlich nichts Lebendes im Wasser. Kein Fisch war zu sehen, keine Pflanzen, nur abgestorbene Bäume deren Äste gefährlich wie Dolche von den Stämmen abstanden. Noch war die Strömung gering, aber spätestens in einer Stunde, mit einsetzender Flut, sollten sie aus dem Wasser sein.

Zurück im Boot war John enttäuscht. Keine Spur einer Nixe oder eines E-Menschen. Kein Anzeichen, dass hier je eine gewesen war. Ben zuckte nur mit den Schultern: „Tut mir leid, John. Hier ist nichts, aber wie du schon sagtest. Wir haben es wenigstens versucht.“

John wusste, dass Ben Recht hatte. Sie haben alles versucht. Mehr konnten sie hier und jetzt nicht tun. Was hatte er denn hier erwartet? Eine geheime Unterwasserstadt der E-Menschen? Ausgerechnet hier in Amerika, wo diese Technologie verboten war und nur immer mal wieder unbestätigte Gerüchte von unerkannt unter der normalen Bevölkerung lebenden E-Menschen auftauchten? Ausgerechnet hier wollte er sie finden. Und wenn, wie sollte er sie dazu bringen, seinen Vater in einen von ihnen zu verwandeln? Das war ein Strohhalm, nach dem er griff, ein sehr dünner! Aber was blieb ihm übrig, es war der letzte Strohhalm. John starrte schon geraume Zeit auf den Boden des flachen Bootes, auf eine dort liegengebliebene Flasche, wie er bemerkte. Ganz in Gedanken hob er sie auf und hielt sie ins Licht. „Ben, du hast mich vorhin gefragt, wie ich mit denen in Kontakt treten will. Ganz einfach. Ich schreibe ihnen eine Flaschenpost! Kannst du mich nochmal zu der Stelle bringen, an der wir die Nixe gesehen haben?“

Teil 1 Die Gesuchte (zweieinhalb Meter)

1. Der neue Körper

Die Sonne brannte Löcher in den Boden. Axel König saß träge neben seiner Frau Savina auf der weitläufigen Terrasse ihres Anwesens am Templiner See bei Potsdam.

Die Luft unter der Markise, die die Sonne abhielt, war mit einem feinen Nebel kleinster Wassertropfen angereichert, die die Temperatur lokal auf angenehme Werte senkte. Er war heute träge und faul und er konnte es sich leisten. Er war zu alt, um wie früher jeden Tag um sechs Uhr aufzustehen und oft bis in die Nacht hinein zu arbeiten. Diese Zeiten, wie hat er sie gemocht, sind vorbei. Jetzt, da er die Leitung seines Firmenimperiums auch offiziell in die Hände seiner Tochter gelegt hatte, konnte und musste er es ruhiger angehen. Dass Greta ein derartiges Händchen fürs Geschäftliche entwickelte, hatte sogar ihn überraschte. Unter ihrer operativen Leitung war der Konzern stärker denn je zuvor. BrainTec war der unbestrittene Weltmarktführer in der Chipproduktion, Logistik, der Nanotechnologie und auf allen möglichen angrenzenden Technologiefeldern. Dabei war es ihm nie um Macht oder Reichtum gegangen. Ihn lockte die Herausforderung, die Technologie, das Neuartige. Es war sein großes Spiel gewesen und er hat es gut gespielt, jahrzehntelang! Greta schien auch von dieser Leidenschaft besessen zu sein. Genau wie er liebte sie dieses Reality-Spiel und sie spielte schon jetzt in ihren jungen Jahren in seiner Liga! Der von ihr neu aufgebaute Forschungs- und Geschäftsbereich zur Nanokohlenstofftechnologie war erfolgreich wie kaum ein anderer und die Zukunftsprognosen waren glänzend. Das Material wurde einfach überall gebraucht. Wie war man nur früher ohne dieses Zeug ausgekommen? Und wieder gründete die Basistechnologie auf Forschungen der E-Synth. Auch diesmal stellten sie die Ergebnisse der E-Synth Forschungen zur freien Verfügung ins Netz, genauso wie sie es zuvor schon mit der Nanofusionstechnologie gehalten haben. Die E-Synth Forschung sollte der gesamten Menschheit zu Gute kommen, das war seine und Gretas Überzeugung. Er und sein Unternehmen würden durch den technologischen Vorsprung, den sie trotzdem hatten, auch so genug daran verdienen, mehr als genug. Was sollte seine Familie mit noch mehr Milliarden!

Leider hatte sein Sohn Carl kein vergleichbares Interesse an BrainTec. Er war ein Nerd, ein Hacker, ein Clown der gefährlichen Sorte. Sein kurzes Intermezzo in der Firma nutzte er vor allem dazu, sich Zugang zu Systemen zu verschaffen, in denen er nichts zu suchen hatte, und Unsinn anzuzetteln. Seine nach außen hin spektakulärste Aktion, die, mit der er nachhaltig sein Ansehen in der Hackerszene steigern konnte, war die Manipulation der KI, die die Fassade des ‚Chamäleons‘, ihres Firmenhochhauses, steuerte. Eines Morgens erschien auf der Fassade unvermittelt der Spruch. ‚Ich habe BrainTec gehackt‘ und dazu ein überdimensionaler Totenkopf. Bilder und Videos davon überschwemmten nur Sekunden später die sozialen Netzwerke. Der Schaden für das Ansehen der Firma war enorm. Peer Sorge, der Chef der internen Sicherheit, Nachfolger von Irene Deckert, konnte die Spur schnell und eindeutig zu Carl zurückverfolgen, was pikant genug war. Der Sohn und Erbe hackt das eigene Unternehmen. Hinzu kam, dass Carl alles genüsslich in aller Öffentlichkeit ausbreitete und sich im zweifelhaften Ruhm seiner Tat sonnte. Danach war er raus. Axel und Greta einigten sich mit Carl auf eine großzügige monatliche Apanage und Carl versprach seinen Anspruch auf eine Leitungsfunktion bei BrainTec zurückzustellen, vorerst, das betonte er.

Ein Geräusch schreckte Axel aus seinen Gedanken. Auch Savina hatte sich aufgesetzt und schaute in Richtung des Sees. Sie hatten aus Sicherheitsgründen von der Terrasse keine direkte Sicht mehr auf den See und alles war videoüberwacht. KI-Systeme mit BrainCubes durchforsteten ununterbrochen die Datenströme nach Auffälligkeiten, Drohnen den Luftraum. Keine Maus konnte unbemerkt auf ihr Anwesen vordringen. Nun hörte es sich aber so an, als ob jemand an ihrem Ufer aus dem Wasser stieg. Er musste sich täuschen. Savina musste sich täuschen.

Sie täuschten sich nicht. Augenblicke später tauchte eine schlanke Gestalt, mit den Händen die nassen Haare auswringend auf dem Uferweg, der direkt zu ihrer Terrasse führte, auf. Barfüßig und tropfend nass. Axel sprang erschrocken auf. Die im Gegenlicht nur undeutlich erkennbare weibliche Gestalt winkte ihnen zu. Einen Moment später rief sie, „Savina, Axel, schön euch zu sehen. Erkennt ihr mich denn nicht mehr?“

Die fremde Frau trat aus dem Schatten, nur noch wenige Meter von den beiden entfernt. Die nackten Füße hinterließen kleine Pfützen, die die intensive Sonne in kürzester Zeit verdunsten ließ. „Wie sind Sie hier hereingekommen. Dies ist ein gesperrtes und gesichertes Privatgelände. Ich rufe die Sicherheit!“

„Axel, beruhige dich! Du erkennst mich wirklich nicht! Ich bin es, Marianne Duval! Gut, es sind nun bald zwanzig Jahre her, als wir uns das letzte Mal sahen, aber ich“, sie kicherte, „habe mich doch kein Bisschen verändert.“

Axel entspannte sich und lachte „Natürlich, Marianne“, er ging der jungen Frau entgegen. Auch Savina ging lächelnd auf sie zu. „Ich würde dich umarmen, aber du bist mir zu nass. Ich dachte, du wärest auf dem Mars?“

„Da verwechselst du etwas. Mein Bruder ist auf dem Mars. Ich habe die Erde nie verlassen.“

Auch Savina umarmte die junge Frau nur sehr vorsichtig. „Wie ist es dir ergangen und was machen deine Eltern?“

„Beiden geht es gut. Sie arbeiten natürlich schon lange nicht mehr. Ich habe sie einige Zeit nicht persönlich gesehen, aber natürlich stehen wir im losen Kontakt. Nach seiner Pensionierung weiß mein Vater nichts mehr mit sich anzufangen. Er hat sich eine Zeit lang an seinen Memoiren versucht, es aber wieder aufgegeben. Er beginnt alle möglichen Projekte, nur um sie kurz darauf wieder abzubrechen. Louanne langweilt sich, gärtnert ein bisschen, töpfert. Könnt ihr euch das bei Louanne vorstellen? Es wird Zeit, dass sie sich endlich entschließen E-Synth zu werden. Wie sieht es mit euch aus? Habt ihr schon konkrete Pläne, es zu tun?“

Savina schüttelte lächelnd den Kopf, „noch sind wir nicht so alt, das hat noch Zeit. Noch fühlen wir uns“, sie schaute ihren Mann an, „noch ganz wohl in diesen alternden biologischen Hüllen. Natürlich haben wir unsere Sicherheitskopien. Aber was machst du hier? Ich vermute, du willst etwas Bestimmtes von uns. Du besuchst uns doch nicht aus reiner Freundschaft? Aber zuerst musst du aus deinen nassen Klamotten raus. Wir finden unter Gretas Sachen sicher etwas passenden für dich.“

„Das hat Zeit. Ich kann mir ja schließlich keine Erkältung einfangen. Ja, ich will etwas von Euch. Dafür muss ich aber etwas weiter ausholen.“ Sie setzte sich, nass wie sie war, auf einen der Terrassenstühle. „Ich werden in Europa wegen der Beihilfe zu Morden gesucht, in hunderttausend Fällen, um genau zu sein.“ Sie schaute in die schockierten Gesichter ihrer unfreiwilligen Gastgeber. „Um gleich eins klarzustellen, ich habe niemanden ermordet oder auch nur dazu beigetragen! Nicht aus meiner Sicht!“ Sie straffte sich. „Ich war in den letzten Jahren in Südostasien. Wie ihr wisst, ist die Lage dort schlimm. Der Meeresanstieg ist dort aus verschiedenen Gründen, die mit geographischen Besonderheiten zu tun haben, besonders gravierend. Mancherorts beträgt dort der Anstieg bereits mehr als zwei Meter! Einige Inseln, die Malediven zum Beispiel, sind fast permanent überflutet. Auch in Bangladesch und Indonesien ist die Lage in den tiefergelegenen Gebieten prekär, in Indien und China, überall. Es gibt dort bereits Millionen Flüchtlinge, die in Lagern vegetieren. Aussicht auf Verbesserung gibt es nicht. Ganz im Gegenteil, die Meere werden weiter steigern. Ich war zum ersten Mal vor rund zwanzig Jahren dort. Da hatten wir erst einen Anstieg von einem Meter und die Lage war schon katastrophal genug. Jetzt ist alles noch viel schlimmer.“ Sie wischte sich die nassen Strähnen aus dem Gesicht. „Die MEN-Labs haben gemeinsam mit den lokalen Regierungen vor Ort ein etwas anderes Hilfsprogramm initiiert. Mit Unterstützung von Indien und vor allen Chinas haben wir, ihr wisst das sicher, einen großen modularen Raumfrachter für den Mars entwickelt und finanziert, einen richtig großen, die ‚Huoxing zhanfang‘. Sie ist jetzt unterwegs zum Mars. An Bord sind Speichereinheiten, BrainDisks, mit den gespeicherten Bewusstseinsmustern der besagten einhunderttausend Menschen. Sie werden bald auf dem Mars wiedererweckt werden. Wir sind dazu übergegangen nur noch Speichereinheiten zu schicken, da diese mittlerweile äußerst kompakt sind. Natürlich geschah alles auf absolut freiwilliger Basis und natürlich mussten die Menschen, die sich zu diesem Schritt entschlossen haben, auf diesem Weg den unmenschlichen Lagerbedingungen zu entkommen und ein neues Leben zu beginnen, vor dem Scan die Selbstmordpillen einnehmen. Aber wir können ihnen ein Weiterleben als E-Synth auf dem Mars bieten und als Nebeneffekt die Bedingungen für die in den Lagern verbliebenden ebenfalls bessern, da es dort nun weniger Menschen zu versorgen gilt, zumindest zeitweise. Das Programm soll fortgeführt werden. Weitere modulare Schiffe werden derzeit gebaut.“

„Europa, oder besser gesagt die EU sucht dich jetzt wegen Beihilfe zum Mord an diesen hunderttausend Auswanderern zum Mars?“

„Niemand wurde ermordet! Diese Menschen haben nur freiwillig ihre biologische Hülle zurückgelassen. Niemand hat sie dazu verleitet oder gezwungen! Nur im Transfer sind sie als Datenträger in einem nichtlebenden Zwischenzustand. Wegen dieser rechtlichen Grauzone gelten diese Menschen zwischenzeitlich als tot und die EU macht mich mitverantwortlich, weil ich das Programm auf Seiten der MEN-Labs leitete. Genau genommen habe ich das Programm sogar entwickelt und initiiert. Die Pläne für die modularen Raumfähren und für das große Traktormodul stammen aus den MEN-Labs. Alles geschah auf absolut freiwilliger Basis und wir haben die Konsequenzen keinesfalls verschwiegen. Jeder wusste, dass die biologische Hülle zurückbleiben musste, um zum Mars zu kommen und dass sie dort wiedererweckt werden würden. Ganze Familien haben sich zu diesem Schritt entschlossen. Aber wir konnten keine Familien mit kleinen Kindern akzeptieren. Für die Umwandlung in einen E-Synth gilt ein Mindestalter von fünfzehn Jahren.“ Marianne schüttelte sich „Mordanklage! Diese Menschen sind doch nicht tot, jedenfalls nicht für lange. Sie haben nur ihren biologischen Körper abgelegt!“

Savina schüttelte sich. „Trotzdem, das ist krass!“

„Ja, das ist es. Aber du hättest die Bedingungen in den Lagern sehen sollen. Das ist dort kein Leben! Die Hunderttausend haben jetzt eine reale Perspektive auf ein neues, erfülltes Leben auf dem Mars, denn auf der Erde war kein Platz mehr für sie, nicht als Bio-Menschen. Aber auch gegenüber E-Synth gibt es überall auf diesem Planeten immer noch massive Vorbehalte. Die Vorurteile uns gegenüber sind mit den Jahren nicht kleiner geworden, ganz im Gegenteil. Dabei bieten wir der Menschheit so vieles! Ein Leben ohne Krankheit und über den biologischen Tod hinaus!“ Sie hob die Hände in einer Geste der Hilflosigkeit. „Ich weiß, euch brauche ich das nicht zu erzählen und ich weiß auch, dass diese Aktion in Asien die allgemeine Ablehnung gegenüber unserer Existenzform nur weiter verstärken wird, aber wir mussten den Menschen dort helfen, ich musste helfen!“

Sie schwiegen lange Minuten, dann fuhr Marianne fort. „In Asien sehen wir nur den Anfang einer Entwicklung. Ich befürchte, es könnten bald überall ähnliche Zustände herrschen. Der Wasserspiegel der Meere wird weiter steigen, egal, was wir unternehmen, das Klima ist träge und bereits gekippt, die Entwicklungstendenzen sind unaufhaltsam. Es braucht viel Zeit und die richtigen Maßnahmen, bis diese Tendenz wieder umgekehrt oder auch nur abgeschwächt werden kann. Nur noch ein paar Meter Anstieg mehr und es werden hunderte Millionen Menschen sein, die aus ihrer angestammten Heimat fliehen müssen. Ganze Länder werden untergehen, auch hier in Europa. Menschen, die niemand will, niemand unterbringen kann.“ Resigniert sah sie Savina und Axel an, „und es werden nicht nur ein paar Meter sein. Die Meere werden um mehr als dreißig Meter ansteigen, unabwendbar.“

Wieder schwiegen sie. Was gab es darauf auch zu erwidern, und wieder war es Marianne, die das Schweigen brach. „Wir bieten diesen Menschen eine Perspektive. Nur muss es endlich auch möglich werden, wieder mehr E-Synth auf der Erde ansiedeln zu können. Der Mars ist groß, aber unsere E-Synth Gesellschaft dort ist noch im Aufbau. Wir sind schließlich erst seit gut zwanzig Jahren auf diesem Planeten. Die Transport- und Erweckungskapazitäten reichen bei Weitem noch nicht aus. Hier auf der Erde ist noch immer Platz genug für Bio-Menschen und für uns.“

Axel fragte, „Marianne, was willst du genau von uns? Warum bist du nach Europa gekommen, wenn man dich hier sucht und dann ausgerechnet zu uns? Und wie hast du es geschafft durch die ganzen Sicherheitskontrollen zu kommen?“

Marianne lächelte. „Hierherzukommen war leichter, als du es dir vielleicht vorstellst. Ich flog nach Sankt Petersburg, völlig problemlos. Auch dort sind übrigens bereits Spuren der Überflutung zu finden, wenn auch nur in begrenztem Umfang. Der Pegel in der Ostsee ist noch nicht so hoch. Dort habe ich einige der örtlichen E-Synth kontaktiert, die mich technisch für einen kleinen Unterwasserspaziergang ausstatteten. Ich brauchte eigentlich nur eine U-Drohne, also ein offenes Unterwasserfahrzeug in Form eines Torpedos. Von Sankt Petersburg bin ich also unter Wasser über die Ostsee weiter, dann die Elbe und Havel hinauf bis hierher nach Potsdam geschwommen und hier wieder aufgetaucht. Warum ich zu euch kam? Ich brauche einen anderen Körper und eine neue Identität. In diesem kann ich mich nicht mehr frei bewegen. Und ich weiß, du machst illegale Erweckungen, Axel. Du kannst mir einen neuen Körper geben! Die neue Identität kreiere ich mir allein.“

Axel wunderte sich nicht darüber, dass Marianne von den Erweckungen wusste, die er unerlaubter Weise gelegentlich durchführte, denn in seinen Augen war die strickte Limitierung erlaubter Erweckungen ein fataler Fehler. Marianne war eine E-Woman und somit ein Netzwesen. Somit brauchte er nicht zu fragen, woher sie von seinen Aktivitäten wusste, und auch nicht, auf welche Weise sie die Sicherheitsanlagen auf seinem Grundstück hatte umgehen können. Aber etwas anderes interessierte ihn. „Aber wieso kommst du hierher nach Berlin? Ich bin nicht der Einzige der, nun ja, nenn sie illegal, Erweckungen durchführt. Um dir einen neuen Körper zuzulegen gäbe es eine ganze Reihe von Möglichkeiten und ich weiß, du kennst sie alle. Du hättest sogar nach Miguel Esteban gehen können. Hätten die MEN-Labs nicht sogar deine erste Wahl seien müssen! Oder warum nicht euer Refugium in Schweden? Auch schon in Sankt Petersburg hättest du dir eine neue Identität zulegen können. Warum also hierher zu uns?

„Ich habe noch einiges in Berlin zu erledigen. Dazu benötige ich ein letztes Mal diesen Körper und eure Lage hier am See war ideal. Vergiss nicht, ich musste untertauchen“, Sie kicherte „im wahrsten Sinne des Wortes.“

Axels Telefon fiepte. „Einen Augenblick, das ist die Eingangstür.“ Er schaute auf das Display. „Greta kommt. Du kannst ruhig bleiben, sie weiß über alles Bescheid. Kennst du meine Tochter?“

Marianne schüttelte den Kopf. „Nein bisher noch nicht wirklich. Sie war noch ein kleines Mädchen, damals als ich euch das letzte Mal sah.“

„Greta leitet jetzt mit mir zusammen BrainTec. Sie hat bereits das gesamte operative Geschäft unter sich und wird in nicht mehr ferner Zukunft auch den Rest übernehmen, ich hoffe immer noch gemeinsam mit ihrem Bruder, aber Carl ist offensichtlich noch nicht so weit.“

„Ja, von Carl und der Sache mit der Gebäude-KI habe ich gehört.“

Eine schlanke, hochgewachsene junge Frau betrat energischen Schrittes die Terrasse und umarmte erst Savina und dann Axel. Lachend fragte sie halb an Axel gewandt, halb an Marianne, wer dieses nasse Wesen auf der Terrasse sei.

Marianne stand auf und ging lächelnd auf Greta zu. „Das letzte Mal, als ich Sie sah, waren Sie erst so groß.“ Sie zeigte eine Höhe auf Tischebene.

„Da Sie nicht älter aussehen als vielleicht zwanzig, jedenfalls deutlich jünger als ich, gehe ich davon aus, dass Sie eine E-Synth sind. Liege ich richtig?“

„Marianne ist die Tochter der Duvals und eine unserer ersten Erweckungen hier in den BrainTec Laboren“, stellte Axel sie vor. Sie hat, nun ja, gewisse Probleme. Ich erzähle dir später alles. Jedenfalls müssen wir ihren Aufenthalt hier verschweigen und ihr einen neuen Körper generieren.“

„Ja, etwas, das meinem wirklichen Alter angemessener ist. Rechnet man die Zeit hinzu, die ich tot war, so werde im Herbst fünfzig!“

„Kommen Sie erstmal mit. Sie müssen aus den nassen Klamotten raus. Ich denke, ich habe hier genug, das Ihnen passen könnte.“ An ihre Mutter gewandt fuhr sie fort, „du hättest ihr längst etwas von mir anbieten können!

Dagobert saß mit seiner Mutter allein am großen Küchentisch im alten Gutshof seiner Eltern und putzte Gemüse, jede Menge Gemüse. Seine Mutter konnte keine untätigen Hände in ihrer Nähe vertragen, darauf sei sie allergisch, wie sie es ausdrückte. Sie und sein Vater, beide waren jetzt um die fünfundsechzig, führen immer noch ihr für alle offenes Anwesen, nach wie vor auf ihre eigensinnige Art. Dagoberts Familie war, wenn sie eine Pause von der großen Stadt brauchten, gern hier. Seine beiden Kinder, mittlerweile bereits im Teenageralter, kamen freiwillig hierher mit, was in ihrem Alter keine Selbstverständlichkeit war. Sie halfen sogar gern in den Ställen. Seine Frau, ein Großstadtwesen mit einem Großstadtjob, kniete hier im Dreck, wie sie es nannte, und zupfte mit Begeisterung Unkraut. Dagobert schüttelte immer noch vor Verblüffung schmunzelnd den Kopf, wenn er seine Frau so sah, schwitzend, schmutzig, körperlich arbeitend. Er erinnerte sich noch genau an das erste Mal, damals, als er Sibylle seinen Eltern vorstellte und er diese andere Seite seiner Freundin entdeckte. Sie war erst die zweite Frau, die er hierher mitgenommen hat, die erste bio-menschliche Frau, denn ihre Vorgängerin, Marianne, war eine E-Women.

Sein vierzehnjähriger Sohn Orlando stürmte in die Küche, „Was gibt es zu essen, Oma?“

„Schuhe aus! Trag hier nicht den ganzen Schweinestall rein, Händewaschen und dann hilf deinen Vater beim Gemüse!“

Orlando verzog sein Gesicht und verschwand wieder nach draußen.

Dagobert lachte, „den werden wir erst wieder sehen, wenn das Essen auf dem Tisch steht.“

Seine Mutter brummte lächelnd, „Lausebengel, wer hat den nur so verzogen?“

Dagoberts Telefon meldete sich. Er legte Messer und Gemüse beiseite und schaute nachdenklich auf die Nachricht.

„Junge, was ist?“

„Das war Marianne. Ich hatte seit mindestens zehn Jahren nichts von ihr gehört, außer dem, was jetzt über sie in den Nachrichten war. Sie will mich treffen, morgen, in Potsdam. Den genauen Ort will sie mir ins BrainCar hacken. Ach so, ich soll euch schön grüßen, dich und Vater.“

Die alte Frau strich sich eine widerspenstige Strähne mit dem Handrücken aus dem Gesicht. „Stimmt das, was man von Marianne hört, deiner Ex E-Woman? Sie soll eine Massenmörderin sein?“

„Ganz so ist es nicht, soviel ich weiß.“ Er atmete tief ein. „Es ist kompliziert. Sie steht europaweit auf der Fahndungsliste, ja. Man erfährt nicht viel, nicht einmal ich. Und das meiste von dem, was man hört, sind Gerüchte, Halbwahrheiten oder Lügen. Fakt ist, dass eine große Zahl Klimaflüchtlinge aus den ostasiatischen Flüchtlingslagern sich entschieden haben, ihren biologischen Körper aufzugeben und als E-Synth weiter zu existieren. Die Bedingungen in den Lagern sollen unvorstellbar schrecklich und unmenschlich sein. So entschieden sich nicht wenige, als ihnen diese Möglichkeit offeriert wurde, als E-Synth auf dem Mars neu anzufangen. Ihre Gehirne würden gescannt, im Allgemeinen werden jetzt ja die lebenden Organe gescannt. Dort auch, nur mussten die Probanden vorab Selbstmordpillen nehmen. Das ist aber nichts Ungewöhnliches. Wenn jemand sich dafür entscheidet als E-Synth weiterzuleben, muss derjenige seinen biologischen Körper aufgeben. Nur so kann verhindert werden, dass eine Person mehrfach existiert. Normalerweise handelt es sich aber um todkranke Menschen, die diesen Schritt gehen. Dort waren es meist kerngesunde Menschen, die sich zu diesem Schritt aufgrund ihrer elenden Lage entschlossen haben. Jetzt ist ein riesiges Raumschiff mit rund hunderttausend Speichereinheiten gescannter Klimaflüchtlinge unterwegs zum Mars. Die Erweckungen werden erst dort vorgenommen werden, das optimierte den Transfer. Die Speicher sind mittlerweile klein genug, um einhunderttausend in einem einzigen Flug zum Mars zu bringen.“

Dagobert nahm unkonzentriert seine Arbeit wieder auf. „Marianne, soviel konnte ich erfahren, hat das alles maßgeblich organisiert und das Verfahren mit den lokalen Behörden in den betroffenen Ländern abgestimmt. In den Lagern sieht man sie als Heldin! Aber wie du weißt, ist man derzeit in Europa geteilter Meinung, was E-Synth und deren Einfluss auf die Bio-Menschheit anbelangt. Anscheinend hat sich eine Lesart durchgesetzt, die besagt, dass die Menschen dort mehrheitlich zu den Scans gezwungen wurden, zwar nicht durch physische Gewaltausübung, aber indirekt durch Propaganda und Gehirnwäsche oder bewusst herbeigeführte Verelendung der Lagerbedingungen. Das alles nur, um E-Synth für den Mars zu rekrutieren.“ Dagobert schüttelte den Kopf, „als ob nicht immer noch genügend Anwärter in den Kryozentren Europas auf eine Erweckung warten würden.“

Er legte das Messer wieder beiseite. „Jedenfalls sah die europäische Staatsanwaltschaft wohl ausreichende Gründe, um gegen Marianne einen europaweiten Haftbefehl auszustellen.“

„Nimm das Messer, Junge, das Gemüse putzt sich nicht von selbst und dein Sohn scheint zu deiner Unterstützung nicht wieder aufzutauchen. Du hattest keinen Kontakt mehr mit Marianne?“

„Nein, seitdem wir uns getrennt haben so gut wie nicht mehr. Wie gesagt, ich habe seit mindestens zehn Jahren nichts mehr von ihr gehört. Ich ging lange Zeit davon aus, dass sie auch auf dem Mars sei, bis ich vor wenigen Wochen von ihren Aktivitäten in Südostasien und von dem Haftbefehl gegen sie erfuhr. Daraufhin habe ich versucht, ein paar Informationen zusammenzutragen. Aber an objektive Tatsachen zu kommen ist schwer. Die meisten Informationen sind politisch verfremdet und widersprechen sich. Reporter bekommen keinen Zugang zu den Lagern, aus Sicherheitsgründen, wie es heißt. Jetzt dieser Anruf. Ich muss morgen hin und mich mit ihr treffen, auch wenn ich dadurch euch das Wochenende verderbe. Was wird Sybille dazu sagen?“

„Was werde ich wozu sagen?“

Seine Frau war von ihm unbemerkt eingetreten. Erschrocken drehte er sich zu ihr um. „Sybille, ich habe dich gar nicht gehört!“ „Gibt es ein Problem?“

„Ja, ich muss morgen weg.“ Er zeigte ihr die Nachricht auf seinem Telefon.

„Wenn sie ruft, musst du natürlich springen?“

Dagobert hörte die Schärfe in ihrer Stimme und antwortet schroffer als beabsichtigt „Ich habe seit zehn Jahren nichts von ihr gehört oder gesehen. Es ist ja nicht grade so, dass ich oft springe.“ Er sah das saure Gesicht seiner Frau und fand es süß. Er verkniff sich jedoch das Lächeln, das ihm bereits auf den Lippen lag. Versöhnlicher fuhr er fort, „sie hat Probleme, der Haftbefehl, du weißt. Ich will und muss wissen, was das alles bedeutet! Bitte versuche nicht, mich davon abzubringen! Vielleicht dauert es nicht lange und ich bin bald zurück.“

„Vielleicht hält sie sich aber auch irgendwo tausend Kilometer von hier entfernt auf, vielleicht sogar in Spanien in diesem Refugium. Du weißt es nicht, also versprich nichts, was du nicht halten kannst.“ Sie drehte sich um und verließ zornigen Schrittes die Küche.

„Na toll“, Dagobert schüttelte den Kopf, „so in etwa hatte ich es mir gedacht!“

„Kannst du es ihr verübeln? Ich kann es nachvollziehen. Lass das Gemüse und gehe ihr nach, Sohn. Versuche, das vor dem Abendbrot zu bereinigen. Ich will den Ärger hier nicht mit am Tisch! Los, raus mit dir!“

Dagobert stand vor dem hohen schmiedeeisernen Tor. Das BrainCar hat er schon dutzende Meter vorher abstellen müssen. Eine direkte Zufahrt auf das Grundstück, zu dem ihn Marianne geleitet hatte, war nicht möglich. Dagobert hatte sich an diesem Sonntag sehr früh ein BrainCar bestellt. Marianne muss es gehackt haben, denn die Route war bereits vorgegeben und brachte ihn hierher, in diesen Vorort von Potsdam. Alles atmete hier Geld und Reichtum. An keinem Tor gab es auch nur ein Namensschild. Alles schien überwacht zu sein und maximal abgeschottet, sehr hohe Mauern. Wo war er hier gelandet und wie kam Marianne in dieses so offensichtliche Reichengetto? Noch bevor er klingeln konnte öffnete sich eine kleine Tür neben dem imposanten, abweisenden Tor. Sie war in die Mauer eingelassen, kaum sichtbar, wie eine Ausfallpforte in einer mittelalterlichen Burganlage. Er wurde von einem Wachschutzmann in einen kleinen angrenzenden Raum geführt, wo er als erstes gründlich gescannt wurde. Das Ergebnis dieser Untersuchung fiel wohl positiv aus. Ein anderer Wachmann geleitete ihn weiter einen überdachten Weg entlang, zum eigentlichen Wohnhaus, das deutlich kleiner war, als er es bei der äußeren Größe des Grundstücks erwartet hatte. Er konnte einen Blick auf den See erhaschen. Eine kleine Yacht dümpelte an einem nahen Steg. Der Wachmann läutete und zog sich diskret zurück. Die Tür wurde von einer attraktiven jungen Frau in Freizeitkleidung geöffnet. „Sie sind sicherlich der Besuch von Marianne, nehme ich an“, sie reichte ihm die Hand, „ich bin Greta, die Tochter des Hauses.“

Dagobert hatte keine Ahnung, um was für eine Greta es sich bei der Frau handelte, obwohl sie ihm vage bekannt vorkam. ‚Vielleicht ein Sternchen im Filmehimmel‘, dachte er amüsiert.

Sie führte ihn um das Haus herum auf die Terrasse. Marianne erhob sich aus einem der Korbsessel und lächelte ihm zu. „Hallo Dagobert!“ Sie lief ihm entgegen und fiel ihm um den Hals. „Schön dich zu sehen.“ Sie nahm seine Hand und führte ihn zu einer kleinen Sitzgruppe nahe dem Pool. „Du siehst gut aus, für dein Alter. Das Familienleben scheint dir zu bekommen.“

„Und du siehst völlig unverändert aus. Die Zeit scheint an dir spurlos vorbeigegangen zu sein. Du bist immer noch die hübsche Zwanzigjährige von damals.“ Dagobert schaute sich um. „Wem gehört dieses Anwesen, doch nicht etwa dir?“

Sie lächelte traurig, „nein, ich bin hier nur zu Besuch, untergetaucht gewissermaßen, denn ich werde gesucht. Aber das weißt zu mit Sicherheit schon. Deshalb auch meine unkonventionelle Wegbeschreibung hierher. Das hier ist das Anwesen der Königs.“ Jetzt fiel es Dagobert wieder ein, woher er diese Greta kannte. „Dann war die Frau eben…“

„Greta König, die neue Chefin von BrainTec, eine der reichsten und mächtigsten Frauen der Welt. Hat der große Reporter sie etwa nicht erkannt?“

Dagobert schüttelte etwas verlegen den Kopf. „Nein, wahrscheinlich weil es so unerwartet kam. Ich bin ihr noch nie persönlich begegnet und kannte sie bislang nur von Filmen und Bildern. Auf denen trug sie keine Freizeitkleidung.“

„Wir sind hier ungestört. Axel und Savina König sind heute nicht hier.“ Sie beugte sich Dagobert entgegen. „Ich muss mit dir reden und ich wollte, dass du mich noch einmal in diesem Körper siehst. Morgen lege ich ihn ab.“

Dagobert hörte leises Bedauern aus ihrer Stimme. „Weil du gesucht wirst?“

„Inwieweit kennst du die Hintergründe?“

„Man hört sehr widersprüchliche Gerüchte und Geschichten, deshalb würde ich nicht behaupten, dass ich die Wahrheit auch nur annähernd kennen würde.“

„Warst du jemals in einem der südostasiatischen Überflutungslager?“

Dagobert schüttelte den Kopf. „Nein, Journalisten haben dort keinen Zutritt.“

„Da blieb dir einiges erspart. Es ist … herzzerreißend, auch wenn man keins hat! Die Behörden vor Ort geben sich zweifellos alle Mühe, absolut. Hilfsgüter kommen aus der ganzen Welt. Aber die Lage ist nicht beherrschbar, denn sie verschlechtert sich mit jedem Zentimeter, den das Wasser steigt. Wir sind jetzt bei fast zweieinhalb Meter in dieser Weltgegend. Weißt du noch, ich war das erste Mal vor zwanzig Jahren dort vor Ort? Damals waren wir noch zusammen. Aber schon in der Zeit war die Lage desolat und die Flüchtlingslager überfüllt. Damals hatten wir allerdings erst einen Anstieg von nicht ganz einem Meter!“ Sie strich sich mit einer altvertrauten Geste die Haare aus der Stirn.

„Die MEN-Labs mussten einfach ihre Unterstützung anbieten. Ich bin in Spanien offiziell immer noch die Leiterin des Instituts. Nach unseren Überlegungen war es das Beste, das einzig sinnvolle, den Menschen dort ein Weiterleben als E-Synth zu offerieren, wenigstens einigen von ihnen, denn auch unsere Kapazitäten sind begrenzt. Auf diesem Weg, so unsere Überlegung, könnten wir einigen eine Perspektive auf ein besseres, erfülltes Leben geben und die Überbelegung der Lager etwas mindern. Natürlich müssten diese Menschen ihre biologische Daseinsform aufgeben, also ihren biologischen Körper. Alles auf freiwilliger Basis versteht sich und ich kann dir versichern, niemand wurde gezwungen. Leider konnten wir nicht erreichen, dass die Regierungen der betroffenen Länder die Wiedererweckung der Menschen auf der Erde gestatteten. Das gleiche Spiel wie überall, religiöse Gründe und die Angst vor unserer intellektuellen Überlegenheit. Niemand wollte in der Region weitere E-Synth. Dabei gibt es dort noch nicht sehr viele. Es blieb nur eine Option für diejenigen, die sich entschlossen haben, als E-Synth das Lager zu verlassen: die Auswanderung zum Mars. Wir entwarfen und bauten zusammen mit China und Indien ein modulares Raumschiff, das die Speichereinheiten mit den Gehirnscans zum Mars zu bringen sollte. Eigentlich besteht das Schiff nur aus einem starken Antriebsmodul auf Nanofusionsbasis und aus jeder Menge Andockstellen, an denen speziell ausgestattete Raumfahrzeuge andocken können, kleine Frachter, die von der Erde gestartet werden und mit einem Landetriebwerk für den Mars ausgestattet sind. So kann jedes Modul selbstständig starten, andocken und landen. Alles in allem ist es eine unglaublich effektive Art des Transfers.“

Marianne schwieg einen Moment und schien sich zu sammeln. „Die Idee durch E-Synth die Flutlager zu entlasten war sicher gut und notwendig. Die Durchführung aber unglaublich schwer und traumatisierend. Es gab genug Freiwillige für den Transfer, auch wenn nur Personen von über fünfzehn Jahren dazu in Frage kamen. Kinder können wir nicht scannen. Die kindliche Entwicklung muss in einem biologischen Gehirn erfolgen und kann nicht in einer BrainBox nachgeholt werden. Wie du selber erfahren musstest, ist in mir immer noch irgendwo die impulsive, kindliche Sechzehnjährige, die ich zu meinem biologischen Tod war. Sie wird mich nie verlassen.“

Marianne schüttelte den Kopf. „Ich schweife ab. Wir mussten also Familien mit jüngeren Kindern von der Kandidatenliste streichen. Aber es gab, wie gesagt, genug Freiwillige, die den Lagern auf diese Weise entkommen wollten, mehr als genug. Die Durchführung aber war, egal ob für Bio-Mensch oder E-Synth, unglaublich traumatisierend, die vielen toten jungen Körper. Die Menschen werden zwar alle weiterleben, aber ihre biologischen Hüllen blieben zurück. Berge von Leichen, die bestattet werden mussten, wie nach einer ungeheuren Pandemie. Ich habe bei weitem nicht alles gesehen, aber du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr es mich immer noch belastet. Alle, die an dem Projekt beteiligt waren, durchlitten ihr persönliches Trauma. Ich aber hatte die Verantwortung. Ich als Leiterin der MEN-Labs, habe das alles maßgeblich initiiert und vorangetrieben. Ich habe die vielen toten Körper auf meinem Gewissen.“

Marianne schwieg wieder einen Moment. Auch Dagobert sagte nichts. Er wusste nicht, was er hätte sagen sollen. Mit leiser und etwas zittriger Stimme fuhr sie fort. „Ich weiß natürlich, dass es das einzig Mögliche und Sinnvolle war, und natürlich gab ich diesen Menschen eine lebenswerte Perspektive, aber trotzdem, wie gesagt, brach es mir das Herz. Jetzt werde ich zu allem Überfluss der Beihilfe zum hunderttausendfachen Mord bezichtigt. Obwohl ich weiß, dass dies den Tatsachen absolut nicht entsprich, kann ich diesen Vorwurf sogar im gewissen Sinne nachvollziehen. Es fühlte sich vor Ort wie Massenmord an, auch wenn der Verstand etwas anderes sagte.“

Dagobert stand auf und nahm sie in seine Arme. Sanft streichelte er ihren Rücken.

„Warum durften diese Menschen nicht auf der Erde bleiben? Alles wäre viel einfacher gewesen, hätten wir sie vor Ort gleich wiedererwecken können. E-Synth verbrauchen kaum Ressourcen und könnten den Bio-Menschen bei der Überwindung der Klimakrise beistehen. Wir haben doch schon so viel für euch getan, die Nanofusionsenergie, die neuen Materialien auf der Basis der Kohlenstoffverbundstoffe, die mein Bruder entwickelte, die Geo-Engeneeringprojekte, eine fast bis zur Unsterblichkeit verlängerte Lebensperspektive, um nur ein paar Beispiele herauszupicken. Aber die meisten von Euch sehen in uns Monster, Aliens oder den bösen Terminator und sterben lieber in der vagen, und meiner Erfahrung nach vergeblichen Hoffnung, dass ihr jeweiliger Gott für ein Weiterleben nach dem Tod sorgt, als die reale Möglichkeit dazu anzunehmen. Ich weiß wovon ich rede, ich war lange genug tot: Hinter diesem Vorhang ist nichts, kein Gott, kein Leben, einfach nur nichts.“

Sie machte sich los von ihm und ging vor ihm nervös auf und ab. Er wollte was erwidern, aber sie stoppte ihn mit einer Handbewegung.

„Das Wasser wird weitersteigen. Auch wenn mittlerweile der partielle Kohlendioxidanteil in der Atmosphäre langsam, sehr langsam, wieder sinkt, braucht es Zeit, den Effekt umzukehren. Das Weltklima ist aber ein träger, nachtragender Elefant, der sich noch lange alle Sünden merkt. Die Eispanzer auf Grönland und der Antarktis werden, auch wenn die weitere Erderwärmung vielleicht gestoppt ist, noch Jahrhunderte weiter abschmelzen und nichts kann man dagegen tun, jedenfalls nichts, was am Ende die Gesamtsituation nicht noch verschlimmern würde.“

„Dann haben die globalen Aufforstungen der wüsten Gebiete also nichts gebracht?“

„Doch, sie haben die Welt gerettet, Dagobert! Nur dass es niemand so sieht oder sehen will, denn auch dies ist ein langfristiger Prozess! Mittlerweite hat unsere Initiative mehr als hundertdreißig Milliarden genetisch optimierte, schnell wachsende Bäume gepflanzt und enorme Mengen an Kohlenstoff aus der Atmosphäre geholt. Aber es ist ja nicht nur das. Die neuen Wälder bieten vor allem neue Lebens- und Wirtschaftsräume für die vielen Klimaflüchtlinge und natürlich Nahrungsmittel als Ersatz für die überschwemmten Ackerböden. Die neuen Wälder machen den entscheidenden Unterschied! Ohne sie würden die Meeresspiegel perspektivisch wohl um über sechzig Meter steigen, so wird der Anstieg nach aktuellen Berechnungen bei nur dreißig zu stoppen sein. Berlin wird vielleicht eine Hafenstadt, aber nicht im Meer verschwinden. So sieht es nämlich aus. Auch Europa wird bald ähnliche Probleme haben wie heute Südostasien. Weltweit werden mittelfristig Milliarden Menschen direkt oder indirekt betroffen sein. Ganze Länder werden einfach verschwinden. An den Küsten unter zehn Meter Meeresspiegelhöhe leben heute hunderte Millionen Menschen, die zu Flüchtlingen werden. Man kann nicht die gesamte Küste durch Dämme abschotten. Sicherlich wird das an einigen Orten möglich sein, aber aus langer Sicht werden wir die Küsten räumen, oder ganz neue innovative Lösungen finden müssen, von denen heute noch niemand eine Vorstellung hat. An den gefährdeten Küsten sind einige der größten Städte der Welt, Tokio, London, New York, Hamburg um nur wenige zu nennen. Diese werden genauso verschwinden, wie Industrieanlagen, Ackerflächen, Straßen. Wir haben für Jahrhunderte ein permanentes Umwelt-, Ernährungs- und Flüchtlingsproblem auf dieser Welt. Glaubt ihr, ihr könnt das ohne uns E-Synth in den Griff bekommen?“

„Du weißt, wie ich zu euch E-Synth stehe, wie ich zu dir stehe.“

„Ja ich weiß, du bist eine Ausnahme, du gehörst zu denen, die nicht nur kurzfristig denken.“

„Langfristiges Denken und Handeln war noch nie die Stärke der Menschheit.“

„Jetzt gibt es aber uns E-Menschen. Langfristigkeit ist eine unserer Stärken. Gemeinsam könnten wir etwas bewirken!“

Dagobert schüttelte resigniert den Kopf. „Theoretisch schon, aber nicht in dieser Welt. Wir nehmen gern eure Technologie und gern die Perspektive der erweiterten Lebenszeit. Aber schon damit fangen die Probleme an. Viele akzeptieren die technische Möglichkeit der Lebensverlängerung nicht. Andere haben schlicht Angst vor eurer Überlegenheit, nicht nur intellektuell, sondern irgendwann auch rein zahlenmäßig. Ihr sterbt ja schließlich nicht.

„Ich weiß, deshalb ist ja der Mars so wichtig, als Sprungbrett für unsere Expansion ins Weltall. Perspektivisch wird das unvermeidbar sein.“

„Und ihr seid nach wie vor der ideale Sündenbock, ein Spielball der nationalen und internationalen Politik. Praktisch jeder schürt eine latente Ablehnung gegen euch. Ehrlich gesagt wundert es mich nicht, dass sie dich wegen Beihilfe zum Mord suchen.“

Dagobert schwieg einen Moment. „Was genau willst du von mir, Marianne?“

„Ich wollte, dass du diesen Körper ein letztes Mal siehst, bevor ich ihn ablege und in eine andere Identität wechsle und ich möchte, dass du deine Möglichkeiten nutzt und den Bio-Menschen das langfristige Denken näherbringst. Du bist Reporter und Schriftsteller, du hast Einfluss. Es ist nicht nur die Politik, die den Lauf der Welt bestimmt. Es sind nicht die krankhaft übersteigerten Egos alter Männer und Frauen, die überkommende nationale Engstirnigkeit befeuern. Genauso sind es Geschichten und Ideen, die Einfluss haben und du bis einer von denen, die sie in die Welt setzen. Du kannst etwas bewirken, ich weiß das. Konkret wünsche ich mir, dass du gegen diese Anklage gegen mich anschreibst und der Welt meine Perspektive offenbarst.“

„Warum ich?“

„Das weißt du.“

Dagobert schwieg einen Moment, dann stellte er die Frage, die ihm seit Jahren auf der Seele lastete. „Warum hast du dich damals von mir getrennt?“

Marianne seufzte und ihre Hände machten eine abwehrende Bewegung in seine Richtung. „Rühr doch nicht die alten Geschichten wieder auf. Die Trennung war letztendlich nur gut für dich. Du bist jetzt verheiratet und hast Kinder. Du wusstest von Anfang an, dass alle E-Synth Probleme mit permanenten Beziehungen haben. Sie schränken die Freiheit ein und wir alle sind Hyperindividualisten und keine gesellschaftlichen Wesen mehr wie ihr. Das ist einer der Gründe, weshalb wir mit euren gesellschaftlichen Hilfskonstruktionen wie Familie, Sippe oder Nation kaum noch was anfangen können. Schon Paarbeziehungen begrenzen und engen ein. Irgendwann war diese Enge für mich zu viel, auch wenn du mir fast alle Freiheit gelassen hast und für einen Bio-Menschen äußerst verständnisvoll warst. Deshalb musst ja auch du diese Geschichten schreiben und keiner von uns. Du verstehst die Bio-Menschen auf einer Ebene, die zum Beispiel mir nicht mehr möglich ist und du sympathisierst mit uns E-Synth.“

Sie schaute Dagobert kichernd ins Gesicht. „Außerdem wurdest du zu alt für mich! Ich habe tief in mir immer noch dies sechzehnjährige Gör und du wurdest langsam aber sicher ein alter Mann.“

Dagobert nickte. „Jetzt habe ich die ersten grauen Haare und einen Bauchansatz. Ich war nie wieder in einem Klub, ich meine nach dem letzten missglückten Versuch in Köln.“

„Ich auch nicht. Diese Episode in meinem Leben gehört allein dir.“ Sie lächelte ihn an. Sein Telefon summte.

Verwirrt griff er danach. „Ich dachte ich hätte es abgeschaltet.“

„Hast du auch, das war ich. Ich habe dir ein Bild von meinem neuen Körper geschickt, den ich ab morgen tragen werde.“

Dagobert schüttelte nur den Kopf. Natürlich, E-Synth waren Netzwesen. Ausgeschaltete technische Geräte zu aktivieren stellte sie nicht vor Herausforderungen. Er betrachtete das Bild und war für einen Augenblick sprachlos. „Das kann nicht dein Ernst sein!“

Sie grinste, „doch mein voller Ernst. Ich wollte schon immer wissen, wie es ist, einen männlichen Körper zu haben. Gefällt der dir nicht?“

„Das kommt … unerwartet!“

„Warum? Was hast du dann erwartet?“

Dagobert schaute sie verlegen an, „eine erwachsene Frau, einen Körper der deinem jetzigen ähnlichsieht, weiterentwickelt, reifer vielleicht. Definitiv keinen Mann!“

„Dagobert, ich muss untertauchen, ich kann keinen mir ähnlichen Körper gebrauchen. Dieser ist ideal!“ Das Bild verschwand von seinem Telefon. „Ich wollte, dass du meinen neuen Körper gesehen hast, aber ich musste ihn wieder aus deinem Telefon löschen.

Niemand soll ein Bild von mir haben, der weiß, wer ich bin.“ Sie schwieg einen Moment. „Jetzt erzähl mir von dir!“

„Offensichtlich weißt du das meiste schon. Ich war nach deinem endgültigen Weggang natürlich am Boden zerstört. Dann habe ich Sibylle kennengelernt und mich neu verliebt.“

Sie grinste, „Ich sagte dir doch, etwas Besseres als mein Weggang hätte dir nicht passieren können.“

„Wir haben zwei Kinder, Orlando und Frederico, beide sind Teenager, verwöhnt und frech und tanzen uns auf der Nase herum. Ich arbeite immer noch als Journalist, wenn auch nicht mehr für ‚Panorama.international‘. Ja und ich habe ein Buch veröffentlicht, einen Roman. Aber das weißt du offensichtlich auch.

„Sie nickte. Ich habe ihn sogar gelesen.“

„Es war anfangs ein Hobby. Das war keine Arbeit, das war pures Vergnügen. Die Arbeit an journalistischen Texten ist jedenfalls wesentlich anstrengender. Was hältst du von dem Buch?“

„Willst du meine ehrliche Meinung zu deinem Buch? Mir war es zu flach, die Story nicht vielschichtig genug und vorhersehbar. Der Schreibstil, nun ja, man merkt ihm an, dass du den Text nicht als professionelle Arbeit betrachtetest.“

Dagobert schaute sie verblüfft an. „Aber es verkauft sich gut!“ Marianne zuckte mit den Schultern. „Du wolltest meine ehrliche Meinung. Ich sag nicht, du hättest kein Talent, aber schreib dein nächstes Buch als der Profi, der du bist und nicht als ambitionierter Amateur, dann kannst du was Bleibendes schaffen und nicht nur,“ sie machte eine fahrige Geste, „Wegwerfliteratur.“

„Das war mir zu ehrlich!“

Leise Schritte nährten sich. Marianne schaute auf. „Greta, gut dass du kommst. Wir sind fertig.“

Dagobert war aufgesprungen und stand der jungen, hübschen aber gleichzeitig unnahbar wirkenden Frau gegenüber. Sie war eindeutig mit einer Aura von Macht umgeben. Warum hatte er diesen Aspekt vorhin nicht gesehen? Sie strahlte ein ähnliches Charisma aus wie ihr Vater. Sie lächelte Marianne an, setzte sich auf einen der freien Liegestühle und wendete sich dann an Dagobert. „Fangen Sie an, Herr Merz!“

„Anfangen, womit?“

„Mit Ihrem Interview! Dafür sind sie doch hierhergekommen, um mit mir, der neuen Inhaberin und Geschäftsführerin von Brain-Tec, ein Interview zu führen, oder nicht? Jedenfalls ist das die Legende, um die Spur zu verwischen. Marianne haben Sie nie gesehen, sie war nie hier!“

Dagobert grinste. „Natürlich das Interview! Welche Marianne? Er holte sein kleines Aufnahmegerät aus der Jackentasche, das er immer mit sich führt und schaltete es ein. „Frau Greta König, wollen Sie nach ihrer Übernahme der Geschäfte von BrainTec die Unternehmungen Ihres Vaters nur weiterführen oder eigene, neue Akzente setzen?“

2. Die neue Stadt

Luna Welter fuhr mit ihrem Begleiter und langjährigem Lebensgefährten, dem Geophysiker Derk Dekker, langsam in ihrem mittlerweile schon stark ramponierten Rover nach einem mehrmonatigen Forschungsausflug zu den drei großen Schildvulkanen in der Tharsis-Region, südöstlich des Olym-pus Monts, zurück in Richtung Amazonis Habitat. Hinter ihrem Fahrzeug fuhren in einigem Abstand die zwei anderen Rover der Expedition, ebenfalls mit jeweils zwei Expeditionsmitgliedern an Bord. Der Abstieg von der enormen Höhe des Tharsis-Buckels war strapaziös. Obwohl das Navigationssystem und die vielen mittlerweile über dieses Gebiet gesammelten Geländedaten den Fahrweg optimierten, mussten sie aufmerksam bleiben und gelegentlich ihre Fahrzeuge sogar manuell steuern. Die Aufgabe ihrer Expedition war diesmal in erster Linie nicht die Erkundung neuer Gelände, sondern die Suche eines idealen Standortes für eine Außenstelle, eines weiteren Siedlungspunktes auf dem Mars, einer zweiten Stadt. Die Lage hier oben war einfach ideal. Direkt am Äquator gelegen und in einer durchschnittlichen Höhe von über neuntausend Metern erhob sich die Tharsis-Region über die Ebenen. Überragt wird die Hochebene ihrerseits durch die markanten, lange erloschenen Schildvulkane, die bis in eine Höhe von achtzehntausend Metern aufragen. Höher war nur der Olympus Mont, der höchste Berg des Sonnensystems, dessen vertraute Kontur in südöstlicher Richtung den Horizont dominierte. Noch weiter östlich begannen die ersten Ausläufer des großen Bruchsystems, das wie eine Narbe tausende Kilometer die Haut des Planeten zerriss. Hier also, knapp zweitausend Kilometer von Amazonis Habitat entfernt, der ersten und bislang einzigen größeren Stadt der E-Synth auf dem Mars, soll nun eine zweite große Ansiedlung entstehen.

Ihr Fahrzeug fuhr derzeit mit Autopilot. Luna ging die Aufzeichnungen für die potentiellen Standorte durch und stellte den abschließenden Bericht zusammen. Eigentlich kamen nur zwei Standorte in eine engere Auswahl. Nur diese erfüllten alle Kriterien. Der neue Standort sollte nahe am Äquator liegen und einen möglichst einfachen Zugang zu mindestens einem der hohen Vulkane bieten. Noch entscheidender war die Nähe zu leicht erschließbaren Materialressourcen, insbesondere zu Metallen, Wasser und Kohlenstoff, da die Rohstoffe zum Aufbau der Stadt vor Ort gewonnen werden mussten. Es wäre mühsam und kaum möglich, alle benötigten Baumaterialien aus der Ebene hinauf auf den Berg zu schaffen. Metalle konnten sie hier oben relativ leicht an verschiedenen Orten und in ausreichender Menge gewinnen. Die Ausstülpung des Tharsis-Buckels exponierte genügend schweres, metallreiches Mantelgestein an leicht abbaubaren Stellen. Wasser und Kohlenstoff in ausreichender Menge war oberflächennah jedoch bislang nur an zwei Orten zu finden. Offensichtlich handelte es sich bei den Quellen um ehemalige hydrothermale Schlote der erloschenen Vulkantätigkeit. Zusätzlich waren an beiden potentiellen Standorten mehrere Lavatunnel zu finden, die mit in die architektonischen Entwürfe der Stadt integriert werden konnten. Diese sollte sich harmonisch in die bestehende Landschaft einfügen. Auch das war eine Anforderung, die an die Auswahl des Standortes gestellt wurde. Zwei potentielle Standorte zu finden war ein Erfolg. Schon einer hätte genügt. Es wurde Zeit endlich die zweite Stadt zu bauen.

Während ein Teil ihres Bewusstseins in enger nonverbaler Kommunikation mit den anderen Expeditionsteilnehmern am abschließenden Bericht arbeitete, sehnte sich ein anderer Teil ihres Bewusstseins bereits nach dem Habitat. So gern sie auf Expeditionen den schier unendlichen Planeten durchstreifte, allein, mit Derk oder wie jetzt in koordinierten und zielgerichteten Expeditionen, so sehr sehnte sie sich spätestens nach wenigen Wochen dort draußen wieder nach den Annehmlichkeiten der Stadt, das musste sie sich immer wieder eingestehen. Nach drei Monaten wollte sie endlich wieder nach Hause. Sie hatten noch weit mehr als eintausend Kilometer vor sich, aber die Rover kannten hier schon den Weg. Luna ließ ihre Gedanken schweifen. Sie dachte zurück an ihre erste Mission zu diesem Planeten. Damals hatte sie noch ihren menschlichen Körper. Durch die von der Lebenserhaltung diktierten Restriktionen waren sie damals auf einen Aktionsradius von kaum mehr als zehn Kilometern beschränkt. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen kamen zwei von ihnen durch einen simplen Roverunfall ums Leben. Ihre Grabstätten waren jetzt Gedenkstätten im Herzen von Amazonis Habitat. Der Rückflug zur Erde wurde zu einem Horrortrip, bei dem drei weitere ihrer Kameraden an einer Infektion starben, hervorgerufen durch in der harten kosmischen Strahlung mutierte Bakterien. Sie war monatelang auf ihrem Schiff, der ‚Aëlita‘, allein, immer in der Angst, selbst auch noch von diesen Killerkeimen befallen zu werden. Am Ende der Reise erkrankte sie dann auch und starb kurz nach dem sie ein Rettungsteam zurück zur Erde hatte bringen können. Man hatte ihr Gehirn kryostatisch konserviert. Jahre später wurde sie in einem vollständig synthetischen Körper wiedererweckt. Ihr Gehirn wurde Neuron für Neuron, Synapse für Synapse gescannt und nanotechnisch in einer sogenannten BrainBox nachgebildet. Auch ihr Körper wurde neu geschaffen, künstliche Muskeln, Sensoren, künstliche Haut. Sie benötigte keinen Sauerstoff mehr, keine Nahrung, keinen Schlaf. Ihre, nun ja, Betriebstemperatur umfasst eine Spannweite, die ihr ein Leben auf dem Mars auch ohne Schutzausrüstung ermöglicht. Sie konnte sich sogar geraume Zeit ungeschützt im freien Weltraum aufhalten. Die benötigte Energie bezog sie aus einer auf Nanofusion basierenden Kraftzelle, eine schier unerschöpfliche Ressource. Ihre Lebenserwartung, nun ja, noch wusste niemand genau, wie lange die Komponenten physisch hielten, aber der Körper war ersetzbar, die Nanobots die die Funktionsfähigkeit ihres künstlichen Gehirns aufrechterhielten waren ebenfalls austauschbar. Es wurde sogar ein Verfahren entwickelt, mit dem ein Abbild der BrainBox extern gespeichert werden konnte. Sollte jetzt einer von ihnen bei einem immer noch möglichen Unfall irreparabel beschädigt werden, früher sagte man dazu ‚sterben‘, so kann diese Sicherheitskopie in eine neue BrainBox geladen werden und das Leben ging von diesem gespeicherten Moment an weiter. Niemand ist unsterblich, aber sie, die E-Synth oder E-Menschen, waren nahe dran.

Natürlich lebte kein einziger Bio-Mensch auf dem Mars. Nach der ersten Expedition zum Mars und der schrecklichen Katastrophe auf der ‚Aëlita‘ flogen Bio-Menschen anfangs zwar noch in die erdnahen Umlaufbahnen oder zum Erdmond. Der Aufwand, den die Lebenserhaltung erforderte, war jedoch einfach zu groß und potentiell störanfällig. Später, als sich die E-Synth etablierten, flogen nur noch diese ins All, auch in erdnahe Umlaufbahnen. Der Aufwand war viel geringer. Seid die umgebaute ‚Aëlita‘ in ihrem ersten Flug mit E-Synth am Bord sie und weitere dreiundzwanzig E-Menschen zum Mars brachte, war der Mars nun dauerhaft besiedelt. Anfangs zogen die E-Astronauten in das alte Habitat der ersten Marsexpedition und bauten es schrittweise aus. Die ‚Aëlita‘, das alte, bewährte Raumschiff, immer noch das einzige, das zwischen Erde und Mars pendelte, brachte in den nächsten zehn Jahren weitere hundertzweiundneunzig E-Astronauten zum Planeten, aber der Aufbau des Habitats kam so nur schleppend voran. An eine richtige Erforschung des Planeten war unter diesen Bedingungen kaum zu denken. Dann aber wurden nur noch die neuen, kompakten Speichermodule mit den Gehirnscans, die BrainDisks, zum Mars entsandt, nicht mehr die platzraubenden, wiedererweckten Personen in ihren neuen Körpern. So konnten in einem Flug mit der ‚Aëlita‘ mehr als tausend Speichermodule zum Mars transportiert werden. Die Erweckungen wurden direkt auf dem Planeten durchgeführt. Dadurch konnte die Besiedlung natürlich deutlich beschleunigt werden. Eine Voraussetzung für diese neue Art des Transportes war die Produktion der entsprechenden technischen Anlagen für den Erweckungsprozess, der BrainBoxen zur Nachbildung der Gehirnstrukturen und der künstlichen Körper in genügender Anzahl. Das Bestreben der Kolonisten zielte mittelfristig auf möglichst hochgradige Selbständigkeit und Unabhängigkeit von den Ressourcen der Erde. Das war allgemeiner Konsens unter den E-Marsianern. Luna konnte es gut nachvollziehen. Eine Abhängigkeit von Versorgungslieferungen von der Erde könnte mittelfristig existenzgefährdend sein, deshalb war das Bestreben der E-Marsianer von Anfang an auf eine schnelle Autarkie ausgerichtet. Die schon für die erste Welle der vierundzwanzig Erstbesiedler mitgelieferten Nanoassembler, die, so langsam der Syntheseprozess auch war, fast jeden benötigten Gegenstand, einschließlich Kopien von sich selbst, herstellen konnten, waren die Basis für eine weitgehende technologische Unabhängigkeit von der Erde.