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**Wenn man sich plötzlich in seinem Lieblingscomputerspiel wiederfindet…** Eleanor ist anders als die Mädchen an ihrer Schule. Während jene shoppen gehen, hockt sie als leidenschaftliche Gamerin zu Hause und spielt bis tief in die Nacht heroische Online-Spiele. Bis eines Tages das Unmögliche wahr wird und sie im neuesten Trendgame »Ebelle« aufwacht. Ohne Waffe und in Schuluniform muss sie sich von Null auf ein Überleben sichern, Aufgaben erfüllen und vor allem einen Weg zurück in die Realität finden. Gar nicht so leicht, wenn man sich in einem mittelalterlichen Reich befindet, das kurz vor einem Krieg steht und in dem man noch nie etwas von heißen Duschen oder Smartphones gehört hat. Aber Eleanor ist eine gute Spielerin. Sie lernt die richtigen Leute kennen, schlägt sich durch und gewinnt sogar das Herz eines entscheidenden Kämpfers. Währenddessen braut sich über Ebelle ein Unheil zusammen, das nur sie aufhalten kann… //Textauszug: »Vitia el méra«, flüsterte ich leise, aber das hier waren nicht meine Götter und dieser Ort nicht meine Welt. Ein erdrückendes Gefühl der Einsamkeit überrollte mich wie eine eisige Flutwelle, während Zweifel in mir hochstiegen. Was, wenn ich mich irrte? Was, wenn es keinen größeren Plan gab, dem ich folgen musste, um nach Hause zu kommen, dann wäre ich hier allein. Allein und in Ebelle verschollen.//
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Veröffentlichungsjahr: 2016
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Im.press Ein Imprint der CARLSEN Verlag GmbH © der Originalausgabe by CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2016 Text © Antonia Anders, 2016 Lektorat: Isabell Schmitt-Egner Umschlagbild: shutterstock.com / © Oleg Geckmann Umschlaggestaltung: formlabor Gestaltung E-Book-Template: Gunta Lauck Schrift: Alegreya, gestaltet von Juan Pablo del Peral
Sterben, das geht zu einfach. Seufzend lehnte ich mich zurück und ließ meinen Schreibtischstuhl geräuschvoll knarzen. Vor mir flammte erneut der orange Ladebalken auf. Schon wieder hatte einer dieser Mistkerle mich hinterrücks erwischt, kaum dass ich angekommen war, geschweige denn, dass ich mich hatte umsehen können.
Eb-Online, so hieß meine neue Leidenschaft. Die Welt von Ebelle versprach endlich Abwechslung im ewig gleichen Internet. Ja, ich spielte Rollenspiele im Internet. Ich war ein elender, hobbyloser, brillen- und zahnspangentragender, sabbernder Nerd. Obwohl, nein, eigentlich hatte ich weder eine Brille noch eine Zahnspange, und sabbern tat ich allerhöchstens im Schlaf, Ehrenwort!
»Elle? Eleanor Winfield!« Das war mein Dad. »Ich bin wieder daheim!« Das war tatsächlich überraschend. Mein gesetzlicher Vormund streckte den Kopf zur Tür herein und sah mich vorwurfsvoll an. »Schon wieder am Computer?«
»Ich wechsle auch gern zum Fernseher«, sagte ich über die Schulter und betrachtete wieder den Ladebalken.
»Wie war's in der Schule?«
»Gut.«
»…«
»Ja?«
»Möchtest du nicht vielleicht ein wenig ausführlicher antworten?«
»Es war gut.« Mehr als einen ganzen Satz konnte er doch nicht wirklich von mir erwarten. Wir hatten eine Französisch-Arbeit geschrieben und ich war eine Niete in Fremdsprachen – in Naturwissenschaften übrigens auch. Ich hatte mich noch nicht damit abgefunden, Dad bald wieder ein Null-Punkte-Versagen vorlegen zu müssen. Diesen enttäuschten Gesichtsausdruck, den er dann aufsetzte, als ob er es besser gekonnt hätte, hielt ich kaum aus. Dad arbeitete in einem Elektronik-Unternehmen in Edinburgh.
»Ich sehe schon, du bist gerade beschäftigt.« Dad lehnte immer noch im Türrahmen. »Ich treffe mich heute mit Cynthia. Pizza ist im Tiefkühlfach.«
»Glaubst du nicht, Cynthia erwartet eher so etwas wie ein Candle-Light-Dinner?«
»Sehr lustig«, sagte mein Dad trocken. »Bis dann.« Kopfschüttelnd verließ er mein Zimmer und der Ladebalken war vielleicht zwei Millimeter vorgerückt!
Ich wartete noch ein wenig, bis ich hörte, wie Dad die Tür hinter sich geschlossen und den Schlüssel gezogen hatte, dann sprang ich auf und lief zum Tiefkühlfach.
Die Küche war gerade groß genug für zwei Personen, doch da ich hier meistens alleine wirtschaftete, machte das nicht viel aus. Margherita, die mochte ich am liebsten! Ich zog das Blech heraus, platzierte den Teigfladen vorsichtig darauf, stellte den Backwecker und schlug die Ofenklappe wieder zu.
Cynthia, hieß sie nicht Sheryl? Ganz sicher, vor einem Monat hatte ihr Name noch mit einem »S« angefangen. Meine Mum und mein Dad hatten sich vor fünf Jahren getrennt. Sie lebte seitdem in Newcastle und ich hier in Edinburgh.
Ich war der Typ, der mit seinen siebzehn Jahren gerne zur großen Gruppe gehört hätte, zum Mainstream, wie man so schön sagte, aber ich schaffte es einfach nicht. Wo ich auch hinkam, meine Anpassungsversuche scheiterten kläglich. Nicht, dass ich versucht hätte mit einem Dudelsack in die Schule zu kommen, nachdem wir hergezogen waren oder so was. Echte Freunde hatte ich bisher kaum gefunden. Doch immerhin, seit kurzer Zeit war ich stolzes Mitglied unserer Klassen-WhatsApp-Gruppe.
Eine dampfende Pizza auf dem Arm balancierend stieß ich erneut die Tür zu meinem Zimmer auf. Mein kleines Reich war leider sehr beengt. Auf der rechten Seite stand mein Bett, das wir mit Ach und Krach zwischen beide Wände gequetscht hatten, in der Mitte der Schreibtisch mit meinem Computer. (Wie passend, das Zentrum meines Lebens in der Mitte, tja, Nerd eben). Zu meiner Linken befand sich die Kleiderkommode, wo sich haufenweise Bücher, Ladekabel, kunterbunte Kuscheltiere und Brettspiele stapelten, die mangels Mitspielern vermoderten. Ich räumte ein tellergroßes Loch in das Chaos und stellte die Pizza dort ab.
In diesem Moment tönte eine Fahrradklingel aus der Tasche meines karierten Rocks (ich hatte die Schuluniform noch nicht ausgezogen). Das war mein Smartphone, vermutlich verglichen meine Klassenkameraden ihre Angaben in der Prüfung und verbreiteten gründlich Panik. Ich zog mein Handy heraus und entsperrte es.
Was war denn jetzz richtig?? :D Hab keine Ahnung …!
Ich auch nicht, tippte ich.
Mein Gott!! War echt soo eine Kacke!! –.-
Stimmt, tippte ich.
Vor allem die erste Aufgabe!!! mann, hat die wer?? Hallo??
Satzzeichen sind keine Rudeltiere, tippte ich und machte noch so einen süßen Wolf-Emoji daneben.
Eleanor wurde aus der Gruppe entfernt.
Lol. Ich schaltete mein Handy aus.
Etwas niedergeschlagen ertränkte ich nun meine soziale Unbeholfenheit in Orangensaft. Großzügig schenkte ich mir ein und trank in langen Zügen. Ich knallte das Glas auf die Theke und lief zurück in mein Zimmer, endlich! Es hatte geladen. Mit einem Lächeln ließ ich mich in meinen Sessel sinken.
Ich klickte mich durch gefühlte hunderte von Werbe-Pop-ups, bis ich endlich wieder den ursprünglichen Bildschirm sehen konnte. Da wollte man mir ein Anti-Viren-Programm andrehen, ein heißes Date mit einem vollbusigen Single aus meiner Nähe (ich stehe nicht auf große Hupen, ganz allgemein), einen Haufen Designer-Sessel und noch einige vielversprechende Aktien.
Ich begann also eine neue Partie in Ebelle-Online. Vor mir erschien etwa drei Sekunden lang die detaillierte Karte der Welt. Sehr hilfreich war das. Ehe ich auch nur das Gröbste hatte entziffern können, war sie schon wieder verschwunden. Vermutlich musste ich mich dort auf meine ausgeprägten Pfadfinder-Kenntnisse verlassen. Der Bildschirm wurde schwarz, dann flimmerte plötzlich eine weitläufige Landschaft auf. Das war eigentlich nicht normal für ein Online-Spiel. Normalerweise durfte man vorher ausführlich einen Charakter erstellen, der so wenig wie möglich seinem tatsächlichen Ich ähnelte. Also quasi das Gegenteil-Spiegelbild zur Person hinter dem Avatar darstellte.
Mein Gegenteil-Tag-Ich wäre dann wohl blond und vollbusig, mit himmelblauen Augen, hochgewachsen, allseits beliebt, behütet von glücklich verheirateten Eltern und außerdem ein richtiges As in Fremdsprachen (insbesondere in Französisch).
Die Welt hatte sich geöffnet. Willkommen daheim in der Fantasy, wo Trolle noch putzige Fabelwesen waren.
***
Ich stand auf einer weiten, ebenen Grasfläche. Durch die Lautsprecher hörte ich es rauschen, eine Soundstörung? Nein, hinter mir war das Meer. Ich drehte mich um. Ich stand an einer Art Küste, ein schmaler Sandstreifen vor mir. Hektisch drückte ich einige Tasten. Ich streckte die Hände aus. Ich trug eine Rüstung, die anscheinend meinen ganzen Körper bedeckte. Um ehrlich zu sein, sah sie ziemlich hässlich aus. Sie spiegelte im Sonnenlicht, vermutlich konnte ich damit meine zahllosen Gegner blenden, die mir bald wieder auflauern würden. In einer Sache sind Online-Spieler und Schulhöfe genau gleich: »Da ist ein Neuer! Schnappt ihn euch!«
Nein, diesmal ohne mich. Ich hielt die Vorwärts-Taste gedrückt und entfernte mich von der Küste. Vor mir erstreckte sich nichts als grünes Niemandsland, kein anderer Spieler war zu sehen, ein Glück.
In den folgenden Stunden begann ich die Gegend ausführlich zu erkunden. Viel gab es bisher nicht zu sehen, ein wenig enttäuschend. Die Landschaft war öde und leer und schien lediglich von einigen schwarz-weiß gescheckten Krähen bevölkert zu werden, die mit einem langgezogenen Schnarren, das gar nicht typisch für Krähen klang, über mich hinwegschwirrten. Warum sahen diese Vögel eigentlich aus wie ein schlecht belichtetes Bild? So etwas nannte man wohl kreatives Design. Ich fühlte mich ein wenig deplatziert, wie ich so aufs Geratewohl einfach geradeaus lief. Egal, mich sah ja keiner. Endlich, nach etwa zwanzig Minuten, war da etwas Neues am Horizont. Ein Lächeln glitt über mein Gesicht, als ich die Umrisse eines Dorfes in der Ferne erkannte. Mir war sofort klar, hier durfte man sich als Neu-Einsteiger austoben und seine ersten Lorbeeren sammeln. Nicht, dass ich der Einzige mit diesem Gedanken gewesen wäre. Ich sah von den kleinen Häusern eine dicke schwarze Rauchsäule aufsteigen. Dort waren auch andere Spieler, vermutlich auf der Suche nach einer weniger hässlichen Rüstung. Blieb nur zu hoffen, dass ich mich gut genug vor ihnen verbergen konnte oder sie so gutmütig waren, mich nicht sofort umzubringen – oft genug war es ja schon passiert.
»Elle!« Ich schreckte hoch. Die Stimme kam aus dem Flur. Es war mein Dad.
Widerwillig sprang ich hoch und riss die Tür auf. Ich prallte zurück, als ich Dad zusammen mit einer blonden Frau im Flur stehen sah.
»Ich dachte, ihr geht essen«, sagte ich und setzte ein freundliches Gesicht auf. Wenn ich nur brav genug Konversation machte, konnte ich schneller wieder zurück und endlich das Dorf erkunden.
»Wollten wir eigentlich auch«, erklärte Dad.
»Wir haben uns spontan anders entschieden«, schaltete sich Cynthia ein. »Der Italiener hatte Ruhetag.«
»Pech, äh, ich meine, wie bedauerlich. Ich hoffe doch, das stellt keine allzu große Enttäuschung für euch dar.«
Cynthia lachte. Lachte sie über mich oder meine witzige Art ein Gespräch zu führen?
»Das ist meine Tochter, Elle …« Dad schien zu überlegen, was, beziehungsweise, ob es irgendetwas Unverfängliches über mich zu erzählen gab. »Sie ist siebzehn.« Das war schon ein wenig schwach.
»Meine Freizeit verbringe ich eigentlich durchgängig vor dem Computer. Ich bin ein absoluter Außenseiter an der Schule, aber keine Sorge, ich nehm's dort niemandem übel. Geburtstag habe ich am achten November, an dem Tag wurde auch Bram Stoker geboren, der Autor von Dracula. Das ist ziemlich cool, musst du zugeben.« Ich wollte etwas ehrlicher sein als mein Vater, der nun ziemlich angesäuert aussah. Nicht schlimm. Für Sandy, oder wie auch immer die Nächste hieß, würde ich mich ja vielleicht zusammenreißen.
Cynthia schien nicht so recht zu wissen, was sie sagen sollte. Vielleicht war sie kein großer Dracula-Fan. Blass genug war sie jedenfalls.
»Deine Tochter ist wirklich originell, Nicolas.« Originell, das klang nach einem ausgefallenen Lampendesign oder einer Beschreibung für ein misslungenes Gericht.
»Wusstest du, dass Cynthia sich unglaublich für polynesische Kunst interessiert?«, sagte Dad, der wohl Angst hatte, ich könnte weitere irritierende Details über mich selbst preisgeben.
»Nein«, gab ich ehrlich zu, doch mein Dad wusste eigentlich auch, dass meine Wenigkeit sich unglaublich für andere Dinge als polynesische Kunst interessierte.
»Da hat gerade eine ganz außergewöhnliche Ausstellung eröffnet. Vor zwei Tagen war die Vernissage«, verkündete er.
»Eine einmalige Gelegenheit, meiner Meinung nach.« Cynthia strahlte.
»Wir dachten, es wäre doch nett …«
Oh nein, mir schwante Unheil.
»Ja, das klingt wirklich nach einer einmaligen Gelegenheit für euch zwei«, antwortete ich trocken. Dad plante mich mitzunehmen und den vorbildlichen Vater heraushängen zu lassen, damit konnte er an Cynthias sentimentale Seite appellieren. Sieh nur, der arme, alleinerziehende Vater, der nur noch seine merkwürdige Tochter hat, um polynesische Kunst zu bewundern.
»Möchtest du uns nicht begleiten, Eleanor?« Er nannte mich Eleanor, dazu kam sein Das-war-eine-rhetorische-Frage-Blick, was jede Antwort überflüssig machte.
Also lief ich rasch zurück in mein Zimmer, um mein Spiel zu beenden.
Du bist TOT, leuchtete mir eine rote Schrift auf schwarzem Grund entgegen. Das gab's doch nicht! Schon wieder?
»Eleanor! Beeil dich!«
Ohne herunterfahren zu können, stürmte ich aus dem Zimmer.
***
Den Ausstellungsstücken schien es in Schottland nicht besonders zu gefallen. Vielleicht war es das Regenwetter oder warum sonst machten sie diese grässlichen Fratzen? Auch wirkten sie merkwürdig deplatziert in den klinisch weißen Ausstellungsräumen. Sie gehörten in eine farbenfrohe Umgebung und nicht in diese anonymen Hallen, deren Stille nur durch ein leises Husten der Besucher durchbrochen wurde. Ich langweilte mich fürchterlich und das den ganzen Nachmittag hindurch. So gut es ging, hielt ich mich von Dad und seiner Freundin in spe fern. Während Cynthia sich vielleicht tatsächlich für polynesische Kunst interessierte, spürte ich, dass Dad sein Interesse nach geschlagenen drei Stunden nur noch heucheln konnte. Ich konnte nicht sagen, wer von uns erleichterter war, als wir endlich die Ausstellung verließen. Mit der Ausrede, dass ich daheim vergessen hatte den Hamster zu füttern (wir hatten keinen, aber Tiere zogen immer), hatte ich der Sache noch den nötigen Nachdruck verliehen. Draußen dämmerte es bereits, meinen Tag hatte ich wirklich gründlich genug verplempert. Müde starrte ich die durch die feuchtkalte Luft flitzenden Tauben an, hob meinen Blick und betrachtete eine große Plakatwerbung für Armbanduhren, damit Dad und Cynthia sich in Ruhe verabschieden konnten. Er drückte sie fest an sich, dann trennten sich endlich unsere Wege.
Da es in der Innenstadt quasi unmöglich war, sich mit dem Auto schneller als im Schneckentempo fortzubewegen und weil wir beide »sitzende Berufe« ausübten, wie Dad es scherzhaft nannte, liefen wir nach Hause, anstatt den Bus zu nehmen. Es war ein langer Weg und meine Hände, die ich zum Schutz vor der Kälte tief in den Manteltaschen vergraben hatte, froren langsam aber sicher ein.
»War doch gar nicht so übel.«
»Dad …«
»Okay, es war übel.«
Ich musste widerwillig lachen.
»Mochtest du sie?«
»Ist doch völlig egal.«
»Nein, mir ist es nicht egal.«
»Jetzt komm, bitte, solange ich nie wieder in so eine Ausstellung muss, könnt ihr machen, was ihr wollt. Von mir aus auch nach Polynesien in die Flitterwochen fahren. Ist sie so eine, die lauter Räucherstäbchen daheim hat und ihre Wohnung nach solchen komischen Energielinien einrichtet oder wie hieß das nochmal? Karma-Grenzen?« Wieder lachten wir. Das hatten wir öfter getan, damals vor fünf Jahren.
»Cynthia ist übrigens sehr gut in Französisch. Sie hat sogar schon einige Sprachreisen dorthin gemacht. Wäre es nicht …«
»Nein, Dad, wäre es ganz sicher nicht.«
***
Es war schon vollständig dunkel, als wir endlich an unserem Wohnblock ankamen. Der Aufzug war kaputt, weshalb wir ins enge Treppenhaus ausweichen mussten. Hässliche Betonstufen, grelles Licht und kaltes Metallgeländer. Wer Wohlfühlatmosphäre wollte, hatte gefälligst den Aufzug zu benutzen, in dem es sogar einen Spiegel gab (auf den jemand vor ein paar Tagen mit Rasierschaum »Fucker« geschrieben hatte). Ob es Sheryl gewesen war? Vielleicht hätte Dad sie doch nicht abservieren sollen.
»Nacht, Dad, oder sollte ich eher sagen, aloha? Wie auch immer, bis morgen.«
»Jaja, Elle, vergiss du besser nicht, den Hamster zu füttern.« Ich grinste und winkte, bevor ich die Tür hinter mir schloss.
Erleichtert stieß ich einen langen Atemzug aus. Endlich wieder in den eigenen vier Wänden. Lange genug hatten sie auf mich warten müssen. Es war dunkel in meinem Zimmer, doch ich machte mir nicht die Mühe, das Licht einzuschalten, stattdessen ging ich zu meinem PC und drückte auf die Leertaste.
In meiner Abwesenheit hatte sich der Computer in den Ruhe-Modus versetzt. Nun, verärgert aus seinem Nickerchen gerissen zu werden, fuhr er schnaufend und quälend langsam wieder hoch. Ungeduldig trommelte ich mit den Fingerknöcheln auf die Lehne meines Schreibtischstuhls. Der Bildschirm schaltete sich ein.
101010001010101000101111010101010110
Eine unendlich lange, weiß leuchtende Zahlenreihe bedeckte die gesamte Fläche. Verdammt, was war da in meiner Abwesenheit passiert? Fluchend hackte ich auf die Tastatur ein. Immer wieder wurde der Bildschirm schwarz, dann tauchte wieder die Zahlenreihe auf, immer und immer wieder, egal, was ich versuchte.
Allmählich geriet ich in Panik. Die Dunkelheit um mich herum schnürte mir die Kehle zu. Ich drückte eine weitere Taste, ein Summen, die Zahlen verschwammen. Mir brach der kalte Schweiß auf der Stirn aus. Das war nicht normal. Nein, irgendetwas passierte hier, etwas Falsches, doch da waren nur noch das Summen und die Zahlen. Kälte ergriff Besitz von mir, als sich Schwärze in meinem Kopf ausbreitete. Die weißen Zahlen leuchteten, als ich verloren ging.
101010101111101010101000101011 ERROR
Ein sachter Wind strich über meine Wange. Es war ein wenig frisch, aber das machte mir nichts aus, schließlich kann man sich in Träumen keine Erkältung holen. Grashalme kitzelten mein Gesicht und sanfte Sonnenstrahlen streichelten über meine geschlossenen Lider. Konnte man in einem Traum mit geschlossenen Augen daliegen? Ich tastete mit meinen kalten Händen über den Boden und fühlte ein Blatt. Ich nahm es in meine Faust und riss urplötzlich die Augen auf. Nein, konnte man bestimmt nicht! Ich fuhr hoch. Um mich herum war nichts anderes als Wald.
Kerzengerade setzte ich mich auf. Wo war ich? Eine Weile blickte ich mich einfach nur heftig blinzelnd um, während mein überfordertes Gehirn versuchte, eine plausible Erklärung für meinen Aufenthaltsort zusammenzuschustern. Langsam tauchten verschwommene Erinnerungsfetzen vor meinem geistigen Auge auf. Der Computer, die seltsamen Zahlenfolgen, das beklemmende Gefühl, aber irgendetwas musste doch dazwischen passiert sein, denn zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich definitiv meilenweit vom nächsten Forst entfernt befunden. Ich blickte an mir herunter. Auf eine ausgelassene Party mit anschließendem Filmriss war ich jedenfalls nicht gegangen, denn meine biedere Schuluniform hätte ich definitiv nicht zum Aufreißer-Outfit auserkoren. Angestrengt rieb ich mir mit dem Handballen die Stirn, als ob mir davon vielleicht doch noch ein rettendes Licht aufgehen könnte. Ein langgezogenes Schnarren riss mich aus meinem Gedanken. Verblüfft legte ich den Kopf in den Nacken und sah gerade noch einen schwarzweiß gescheckten Vogel zwischen den Ästen verschwinden. Diese auffällige Musterung hatte ich schon einmal gesehen, aber das war doch … Ein aufgeregtes Kribbeln durchzuckte mich, als ich hastig aufsprang und mir einen Weg durch das Gestrüpp bahnte, weiter dem schnarrenden Geräusch nach. Immer wieder blickte ich nach oben, um Gewissheit zu haben, dass die Krähe keine Sinnestäuschung gewesen war. Ihr schwarz-weiß gesprenkelter Körper blitzte hin und wieder zwischen den Ästen hervor, während ich durch das Unterholz stolperte. Ich blieb erst stehen, als ich bemerkte, dass sich der Waldwuchs ein wenig lichtete. Wenn ich diesen Ort verlassen hatte, würde sich endlich herausstellen, wo ich denn war. Die Krähe allein musste ja noch nichts heißen. Mit mulmigem Gefühl stieß ich durch das Blattwerk und landete nicht wie erhofft auf einem asphaltierten Weg, sondern auf einem abgeernteten Weizenacker. Ein paar bräunliche Ähren wiegten sich noch einsam im kühlen Wind und wiesen in Richtung eines kleinen Hauses, das nahe am Feld stand. Mit kräftigem Flügelschlag segelte die Krähe über das strohgedeckte Dach hinweg und ließ mich mit meinem flauen Gefühl im Magen ganz allein.
Dich Biest habe ich schon einmal gesehen und mich über das seltsameGeschrei gewundert, aber das war daheim an meinem Schreibtisch gewesen!
Bestimmt eine Minute lang stand ich einfach nur da und musterte nun die ärmliche Behausung in der Ferne, die mir traurigerweise ebenfalls bekannt vorkam. Bauernhäuser dieser Art hatte ich vor kurzer Zeit auf Screenshots bewundert und deren realistische Darstellung zur Kenntnis genommen. Die Macher von Ebelle hatten sich in Sachen Ausstattung wirklich ins Zeug gelegt. Ich war nicht in Edinburgh, noch nicht einmal in Schottland. Wenn nicht jemand einen verdammt sauber inszenierten Scherz für mich organisiert hatte, befand ich mich gerade weit, weit fort von Zuhause. Ich schluckte und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die der Wind mir in die Stirn blies. Eine Welle der Begeisterung schwappte gleichzeitig mit einer gehörigen Portion Panik über mich hinweg. Die Vernunft redete mir vehement ein, dass ich träumte, während mein Verstand mir das Unglaubliche servierte: Ich war in meinem Spiel: In Ebelle. In was für einen verdammt coolen, bescheuerten, unheimlich unheimlichen Mist war ich da hineingeraten!
In einer Mischung aus plötzlich erwachter Abenteuerlust und gleichzeitigem Misstrauen begann ich mich dem Haus am Rande des Feldes zu nähern. Wahrscheinlich sah ich gerade aus wie ein verkappter Ninja. Dad hätte sich bei meinem Anblick vermutlich schief gelacht. Ich kam meinem Ziel näher. Es schien gerade niemand dort zu sein. Aus dem Kamin drang kein Rauch und die Tür war fest verschlossen. Ich fühlte mich unbehaglich dabei, ganz allein durch diese menschenleere Landschaft zu streunen. Die Verlassenheit der Gegend und meine Aufregung jagten mir einen kalten Schauer über den Rücken. Leise fluchend schob ich ein paar Weizenähren beiseite, um schneller vorwärtszukommen. Ich war jetzt fast da. Nur noch ein Fleckchen abgetretene Wiese trennte mich von dem Häuschen, das mit ausgeblichenem Stroh gedeckt war und dessen Wände einen sehr selbstgebastelten Charme besaßen. Mit bedächtigen Schritten und misstrauischen Blicken umrundete ich es und entdeckte eine Wäscheleine. Daran flatterten ein fadenscheiniges Kleid, eine ausgeblichene Jungenhose und einige Windeln. Wenn dies alles vielleicht doch nur eine Halluzination war, dann war es jedenfalls eine sehr authentische. Unwillkürlich blickte ich an mir herunter. Wenn ich tatsächlich in Ebelle sein sollte, dann war ein kurzer Rock vielleicht nicht die beste Ausrüstung, um sich durch dieses Abenteuer zu schlagen. Außerdem könnte das aufgenähte Schulwappen an meinem Cardigan als Zeichen einer okkulten Sekte diffamiert werden. Mein Blick wanderte zurück zur Wäscheleine, zu dem langen braunen Kleid, das sanft hin und her schwang. Das schlechte Gewissen regte sich in mir, als ich die Hand ausstreckte, um einer armen Frau die bestimmt nicht einzige Kleidung – sonst wäre sie ja gerade nackt – aber sie hatte sicher trotzdem nicht viel davon, zu stehlen. Mein Herz schlug inzwischen doppelt so schnell – mich erstaunte, dass das überhaupt möglich war. Ich beschloss, den Raubzug lieber vorzeitig zu unterbrechen. Was, wenn sonst jemand kommen würde, um mir die Hand abzuhacken (Machte man das nicht so mit Dieben? Andererseits war das auch ein Online-Rollenspiel, vielleicht würde man mich auch nur ein paar Levels herunterstufen). Mit dem Kleid fest an meine Brust gedrückt, verzog ich mich hinter das Haus, um mich im Schutz seiner fensterlosen Wände umzuziehen. Vorher wühlte ich in den Taschen meines Rocks in der Hoffnung, etwas Nützliches zu finden. Einen Kompass oder eine Wegbeschreibung nach Hause beispielsweise. Alles, was ich fand, waren eine 50 Pence Münze und ein zerknitterter Hinweis auf den Kuchenbasar nächste Woche. Ich bezweifelte im Moment allerdings, dass ich ihn würde besuchen können, mit oder ohne Kuchen.
Das Kleid, das ich mir nun überzog, war sehr schlicht und schon an einigen Stellen geflickt worden. Außerdem hatte ich den Verdacht, dass so etwas wie ein Unterkleid fehlte, also ließ ich mein graues Top an und zog es mir einfach über den Kopf. Es war »ein wenig« zu groß und fühlte sich ziemlich klamm an, und auch wenn Naturtöne hier vielleicht angesagt waren, sah das Braun selbst für einen Klotz von Modebewusstsein wie mich nicht gerade nach High-Fashion aus. Ich steckte die Münze in eine der zwei großen Taschen meines Kleides. Vielleicht bekam ich dafür ja noch einen Kaugummi oder so.
Ich streckte die Arme aus und betrachtete bekümmert meine neue Ausstattung. Langsam aber sicher überschattete nun doch die Angst meine Aufregung. Das konnte ich doch nicht wirklich durchziehen. Ich gehörte überhaupt nicht hierher. Wenn ein Weg nach Ebelle existierte, dann gab es doch bestimmt auch einen zurück. Ich biss mir auf die Lippe. Ich befand mich aller Wahrscheinlichkeit nach in einem Spiel und jedes Spiel ließ sich auch irgendwie gewinnen. In meinem Fall hieße das, nach Hause zu kommen. Und wie gewann man? Indem man Aufgaben erfüllte. Ich ließ meinen Blick über die verlassene Gegend schweifen. Meine erste Aufgabe würde es wohl sein, diese Aufgabe zu finden. Ich seufzte auf. Wenn es so einfach gewesen war hierherzukommen, warum konnte es dann nicht genauso einfach sein, wieder in meinem Zimmer zu landen? Hatte ich denn um diesen Weltentausch gebeten? Das war doch nicht fair. Zur Antwort hörte ich eine Krähe hämisch krächzen. Ich machte mich wohl besser auf den Weg.
Auch wenn mein Fokus aktuell darauf gerichtet war, das richtige Ziel zu finden, erschien es mir als guter Einfall der Straße hinunter zu folgen. Vielleicht würde an deren Ende ja eine Stadt auf mich warten oder wenigstens etwas zu essen, denn auch wenn man gerade in einem völlig absurden Abenteuer steckte, existierten trotzdem noch so profane Bedürfnisse wie Hunger und Durst. Mit einem Seufzen dachte ich an die kalte Pizza, die daheim auf meinem Schreibtisch stand. Im schlimmsten Fall würde ich in meinem Leben nie wieder Pizza essen und wenn Mrs Chester in einer Woche die Französisch-Arbeit herausgab, würde ich mit ein wenig Pech sonst wo stecken – oder vielleicht wäre ich in dieser Zeit zur Königin des Landes aufgestiegen? In solchen Genres ging das ja bekanntlich schnell.
Die Straßen dieser Gegend waren kaum der Rede wert. In einer Zeit vor der glorreichen Erfindung von Infrastruktur und Schlaglochpaten waren es einfache, schlammige Wege, die wohl nur als Richtungsorientierung dienten. Tiefe Furchen von Wagenrädern waren in den Dreck eingegraben und meine Schuhe sahen schon sehr naturverbunden aus, so voller Matsch. Mein Smartphone hätte mich jetzt bestimmt aufgemuntert, denn ich hätte mir mit Musik im Ohr den tristen Weg verkürzen können. Unglücklicherweise lag es in aller Seelenruhe auf meiner Kommode daheim. Die Landschaft wechselte jetzt von Wald zu kahlen Wiesen, auf denen einige kümmerliche Blumen blühten. Plötzlich schreckte ich auf, am Horizont war etwas zu erkennen! Es sah nach einem Ochsengespann aus. Das musste sie sein! Meine Chance, den Sinn von alldem endlich zu erfahren! Und endlich zu verstehen, was ich denn hier bitte tun sollte! Aufgeregt strich ich ein paar Strähnen meines Haares zurück, zumindest war ich nicht rothaarig, denn dann wurde man zu früheren Zeiten sofort als Hexe verbrannt. Das hatte ich in der Schule gelernt (oder war es ein Film gewesen …?) Aus diesem Grund war ich jedenfalls sehr dankbar für mein zartbitterbraunes Haar – der Gedanke an Schokolade deprimierte mich irgendwie.
Das Fuhrwerk kam näher und ich versuchte, ihm schnell entgegenzulaufen. Jetzt war der Wagen endlich in Rufweite. Auf dem Bock saß ein etwa 50-jähriger Mann mit spärlichen blonden Haarbüscheln. Er trug eine abgewetzte Weste und eine speckige Hose. In der Hand hielt er eine dünne Peitsche, um seine Ochsen voranzutreiben. Er schien allein unterwegs zu sein. Und tatsächlich, genau in dem Moment, als ich überlegte, ob es wohl meine Aufgabe war das Gespräch zu beginnen, drehte er sich auf dem Kutschbock zu mir um, während der Karren ein wenig langsamer wurde. Ich ballte in der Tasche meines Kleides die Hände zu Fäusten.
»Mach Platz, Mädel«, fuhr er mich ungehalten an. Ich zuckte zusammen. »Du stehst mitten auf dem Weg!«
Immerhin beherrschte er meine Sprache, auch wenn er nicht viel von einer höflichen Anrede zu halten schien. Alles andere hätte dieses Spiel auch ziemlich kompliziert gestaltet.
»Ähm, Mister? Verzeihung …«, sagte ich perplex, doch mein Gesprächspartner machte keinerlei Anstalten, mich weiter zu beachten. Das konnte doch nicht wahr sein: Ich wollte Antworten!
»Hören Sie, Mister«, sagte ich nun lauter.
»Ich nehm' dich nicht mit«, unterbrach mich der Mann ungehalten und zeigte dabei ziemlich gelbe Zähne. »Sind schlechte Zeiten für sowas, scher dich fort! Und mein Name is' nich' Mister.« Den Verlauf dieses Gesprächs hatte ich mir definitiv anders vorgestellt.
»Kommen Sie aus einer Stadt?«, versuchte ich es nun ein wenig verzweifelt in eine andere Richtung und lief ein Stückchen rückwärts, um den Mann im Auge behalten zu können.
»Ja, ja ich komm' aus der Stadt, wo sollt ich sons' her sein? Jeder weiß, dass das die Straße in die Stadt is, es gab nie ne andere.« Er sah immer noch entschlossen nach vorne und schlug mit seiner Peitsche den Ochsen auf den Rücken.
Dann zockelte er zügig an mir vorbei und ließ mich einfach stehen. Was war aus den netten alten Bauern geworden, die einen baten aufzusteigen und obendrein noch einen Apfel verschenkten? Wenn ich doch nur wenigstens wüsste, wie weit es noch war. Frustriert setzte ich meinen einsamen Weg fort, vielleicht hatte ich ja mit dem nächsten Fuhrwerk mehr Glück. Anscheinend durfte man die Leute hier nicht »Mister« nennen. Sollte ich es mal mit »Hochwürden« probieren? Spielte jetzt ohnehin keine Rolle mehr. Es war niemand da. Die Herbstsonne wärmte ein wenig mein schönes Kleid und mein Magen knurrte wie immer. Doch am späten Nachmittag zeigte sich bereits wieder ein Hoffnungsschimmer. In der anbrechenden Dämmerung sah ich eine Kreuzung, an der ein großes Gebäude lag, vermutlich ein Gasthaus. Dahinter konnte ich eine kleine Dorfsiedlung erahnen. Ich hörte entfernt das Stimmengewirr und Pferdewiehern. Hier war man bestimmt ein wenig gastfreundlicher. Immerhin hatte ich ein kleines Vermögen auszugeben, 50 Pence! Aufgeregt beschleunigte ich meine Schritte und betrachtete sehnsuchtsvoll die Schenke, als ob sie mich für all den Frust, den ich erlebt hatte, auf einen Schlag entschädigen könnte. Die Kreuzung vor dem Dorf war leider nicht ausgeschildert. In Zeiten, in denen fast keiner lesen konnte, leider nachvollziehbar. Es gab allerdings so etwas wie einen Meilenstein, auf dem ein großes Banner zu sehen war, mit einer Art eingravierten Münze in der Mitte. Unter dem Bild hatte jemand zwei gekreuzte Schwerter eingemeißelt. Entweder ging es dort in die Stadt oder auf ein Schlachtfeld. Ich würde mich erkundigen, denn meine nächste große Chance auf einen Hinweis wartete irgendwo in der Ferne nur darauf, genutzt zu werden.
Vor dem Gasthaus herrschte immer noch Betrieb. Stallburschen waren damit beschäftigt, nervöse Pferde abzusatteln. Knechte liefen hin und her, Mägde tratschten mit anderen Mägden oder riefen den Knechten etwas mehr oder weniger Freundliches zu. Die Luft roch stark nach Mist. Zögernd näherte ich mich dem Haus und bemerkte die vielen neugierigen Blicke der Anwesenden, man hatte mich schließlich noch nie hier gesehen. Ein einsames Mädchen, ohne jegliche Begleitung unterwegs und mit einem enorm hässlichen Kleid, das eigentlich für Größe 44 ausgelegt war. Ich fühlte mich plötzlich klein und schrumpelig, trotzdem wollte ich unbedingt ins Gasthaus, also steuerte ich unbeirrt die Tür an. Ich konnte einiges aus dem Getuschel zweier Mägde herausfiltern.
»Das Kleid ist ihr ja viel zu groß.«
»Was stellt sie nur mit ihren Haaren an?«
Sie hätten mich mal mit Strähnchen sehen sollen, dachte ich, als ich die beiden passierte und die Tür öffnete. Roch es draußen schon nicht gut, so war es hier sogar noch schlimmer. Es gab keine Fenster und auch ansonsten wurde hier vermutlich selten gelüftet. Die Luft im Raum schien zum Schneiden dick, sodass ich im ersten Moment buchstäblich zu ersticken drohte. Das Gasthaus war gut besucht. Die Gäste saßen an grob gezimmerten Tischen auf gedrechselten Hockern und führten über den allgemeinen Lärm hinweg laute Unterhaltungen. Wie ich hier wohl eine Bestellung aufgab? Ich beobachtete jemanden, der am Tresen stand. Er legte eine Münze auf den Tisch und der Wirt klatschte ein dampfendes Allerlei, vielleicht Eintopf, in eine Holzschüssel, nahm einen Löffel aus der Theke und reichte beides dem Gast, der damit wieder abzog. Das würde ich jetzt auch versuchen!
»Das Gleiche, was der vor mir hatte, bitte«, sagte ich und sah freundlich lächelnd den Wirt an. Der betrachtete mich etwas skeptisch, wahrscheinlich hatte ich wieder irgendwas falsch gemacht. Trotzdem begann er, etwas von dem braunen Eintopf schwungvoll in eine Holzschüssel zu gießen. Er knallte die Schüssel auf den Tresen, sodass der Eintopf beinahe überschwappte und legte den Löffel daneben. Zuversichtlich fischte ich das 50 Pence Stück aus meiner Tasche und legte es auf seine ausgestreckte Hand. Er sah es überrascht an.
»Was soll das sein, Mädchen?«
»Eure Bezahlung, Mister …« Ups, durfte man ja nicht sagen.
»Das ist kein Geld, Mädel, damit zahlt hier keiner.«
»Aber das ist echtes Silber«, versuchte ich den Mann zu überzeugen. »Es ist mit Sicherheit sogar mehr wert als diese Mahlzeit.« Ich übertrieb es wahrscheinlich ein bisschen mit dem echten Silber.
»Hmm… «, brummte der Wirt unschlüssig und wischte sich mit der Hand über die glänzende Stirn. Misstrauisch hielt er die Münze vor sein Auge.
»Sowas nehm' ich nicht«, sagte er entschlossen. »Hab keine Ahnung, ob die echt ist.«
»Beißen Sie doch mal drauf«, schlug ich höflich vor.
Der Wirt öffnete verärgert den Mund.
»Schon gut, Nok. Ich zahle für Siera.«
Hinter mir stand ein drahtiger Mann mit kurzen, braunen Haaren und ausdrucksstarken blauen Augen. Er war größer als ich, Mitte bis Ende zwanzig schätzungsweise. Er trug ein einfaches grünes Wams, dunkelbraune Hosen und Stiefel aus Leder. Nun hielt er eine der kleinen kupfernen Münzen hoch, mit denen schon mein Vorgänger gezahlt hatte.
Der Mann legte sie auf den Tisch, dabei fiel mir ein goldener Ring an seiner Hand auf, der mit zwei kleinen Onyxen besetzt war.
»Gib dem Mädchen sein Geld zurück, Nok«, sagte er.
Nok gab mir tatsächlich mein englisches Geld wieder und glücklich nahm ich meine Mahlzeit vom Tresen.
»Besten Dank«, sagte ich lächelnd und wollte mir schnell einen Sitzplatz suchen.
»Was? Das soll alles sein?«, fragte der Mann schmunzelnd. »Ich habe dir immerhin gerade eine ganze Schüssel Eintopf bezahlt. Setz dich doch noch kurz zu mir.«
Ich kräuselte verärgert den Mund. Sollte ich mich etwa vor ihm in den Staub werfen, weil er mir tatsächlich eine ganze Mahlzeit bezahlt hatte? Wow, danke! Eigentlich hatte ich keine große Lust, mich zu ihm zu setzen. Was, wenn er ein perverser Spinner war, der jungen Mädchen erst Essen spendierte und sie dann in einen dunklen Wald lockte? Andererseits konnte ich auch schlecht mit einer Schüssel voll Eintopf schnell wegrennen oder einen Selbstverteidigungsgriff anwenden. Ich schätzte, dass mir nichts anderes übrigblieb, als mich kurz an seinen Tisch zu setzen.
»Na gut«, gab ich widerstrebend nach, »aber ich bin keine besonders interessante Gesellschaft.«
»Oh, das stört mich nicht«, erwiderte er und führte mich zu einem Tisch in der Nähe des Kamins, in dem ein schwaches Feuer loderte. Wir setzten uns gegenüber und mein Gastgeber trank einen kräftigen Zug aus einem Trinkbeutel, der an seinem Gürtel befestigt war. Ich begann ohne Umschweife meine Mahlzeit in mich hineinzulöffeln. Sie schmeckte ziemlich fad und die Bohnen lagen mir bitter auf der Zunge, doch ein warmes Essen – das war immerhin schon mal etwas.
»Wie heißen Sie?«, fragte ich mit vollem Mund.
»Du hast eine komische Ausdrucksweise, Mädchen. Mein Name ist Willem, aus dem Hause Visaris.«
»Ich bin Eleanor, aber meine Freunde sagen auch Elle«, antwortete ich und sah ihn aufmerksam an.
»Eleanor …«, wiederholte er nachdenklich. »Seid Ihr eine Firaq? Aus dem Osten?«
»Firaq? Nein, bin ich nicht.«
»Mir schien, als wäret Ihr nicht mit den Provinzen hier vertraut und Eleanor ist nicht der Name eines armen Bauernmädchens. Ihr tragt wiederum auch nicht den Schwarzring, folglich könnt Ihr nicht adelig sein.«
»Ist das da ein Schwarzring?«, erkundigte ich mich und zeigte auf seine Hand.
»Ja, das ist einer. Mit dem sechzehnten Lebensjahr wird ein schwarzer Onyx eingesetzt, mit dem sechsundzwanzigsten wieder und so weiter.«
»Und wenn kein Platz mehr ist?«
»Den Fall habe ich bisher noch nie erlebt. Leute aus dem Volk haben statt des Rings eine Markierung am Rücken. Der erste kleine Jungschwarzpunkt wird im Nacken eingebracht und mit fortschreitendem Alter immer ein neuer unter die Haut gesetzt, den Rücken hinunter.«
Nachdenklich löffelte ich noch etwas wässrigen Eintopf.
»Ihr habt keinen Schwarzpunkt?«
Ich schüttelte den Kopf
»Frauen tragen das Haar hochgesteckt, damit man den Punkt sehen kann, der das heiratsfähige Alter zeigt. Ihr seht allerdings älter aus als sechzehn und tragt das Haar noch offen.«
»Hmm, ja, stimmt«, gab ich zu. »Ich bin ein wenig älter als sechzehn, aber warum interessiert es Euch?« (Ich begann schon, diese komische Euch-Form zu übernehmen, gruselig.)
»Reine Neugier, glaubt mir«, versicherte Willem und zog eine Augenbraue hoch. »Wo wollt Ihr hin? In die Stadt?« »Ich wüsste nicht, wohin sonst. Diese Straße führt doch nirgends anders hin. Das ist allgemein bekannt, habe ich mir sagen lassen.«
»Wie wahr, mich zieht es leider fort von hier. Würdet Ihr mir vielleicht einen kleinen Gefallen erweisen, Elle?«
Hatte ich ihm erlaubt, mich Elle zu nennen? Viel wichtiger war jedoch, dass nun anscheinend endlich die erste Aufgabe auf mich zukam, die ich wahrscheinlich bewältigen musste, um nach Hause zu kommen. Ich befand mich also auf dem richtigen Weg.
»Ja, das könnte ich machen«, sagte ich langsam und sah ihn aufmerksam an, damit mir ja kein Detail entging.
»Es ist ganz einfach, keine Sorge«, beruhigte er mich. »Ihr sollt lediglich eine Nachricht für mich überbringen. Sie ist für Isena Torr. Sie gehört ebenso wie ich dem Adel an. Es wird Euch keinerlei Schwierigkeiten bereiten, sie zu finden und sorgt bitte dafür, dass nur sie persönlich die Botschaft erhält.«
»Werde ich dafür auch entlohnt? Ich bin leider etwas in Geldnot, müsst Ihr wissen, denn meine eigenen Ersparnisse scheinen in diesem Land nicht gültig zu sein.«
»Ja, das versteht sich natürlich von selbst«, sagte er und zwinkerte kameradschaftlich. »Also, nehmt Ihr an?«
»Jep.«
»Sehr gut. Und übrigens, wenn Ihr Euren Aufenthalt nicht erheblich erschweren wollt, dann gewöhnt Euch an, dass man hier die Höhergestellten mit Sier oder Siera anredet.«
»Siehär? Okay, ich werd's mir merken … Sier.«
»Vortrefflich, bitteschön!« Er legte ein kleines zusammengerolltes und versiegeltes Pergament, ebenso wie eine Handvoll Kupfermünzen auf den Tisch. »Ich werde erfahren, ob die Nachricht angekommen ist.«
Wenn er es erfuhr, würde ich allerdings schon längst wieder zu Hause sein, denn mit dem Überbringen der Nachricht war meine Aufgabe endlich erfüllt und damit auch meine Bestimmung in diesem Spiel – hoffte ich zumindest.
»Ist gut, ich werde mein Bestes geben, Sir, ähm, Sier. Aber, warum ich? Gibt es für sowas nicht Kuriere?« Das war das Einzige, was mich an der ganzen Sache noch misstrauisch machte.
»Die Angelegenheit ist sehr privat. Deshalb brauche ich für diese Aufgabe jemand Außenstehenden, der keiner Partei angehört.«
»Gut, da habt Ihr Euch genau die Richtige ausgesucht.«
»Ich überlasse nichts dem Zufall«, schloss Willem und klang dabei ein wenig bedrohlich.
Ich schluckte und starrte in meine leergekratzte Schüssel.
»Ihr könnt heute hier übernachten. Ich sage Nok, er soll Euch ein möglichst sauberes Zimmer geben. Morgen früh will ich Euch nicht mehr hier sehen. Ach ja, und haltet auf Eurem Botengang bitte Stillschweigen.«
»Ich werde jede Eurer Anweisungen nach bestem Gewissen befolgen, Sier«, erwiderte ich hoheitsvoll.
Ich stand auf und auch Willem erhob sich. Ich folgte ihm zurück zum Tresen.
»Gib Siera Eleanor für heute Nacht ein gutes Zimmer«, ordnete Willem an. Ich stellte meine leere Schüssel auf den Tresen. Nok der Wirt nickte.
»Die Treppe hoch, das zweite Zimmer«, sagte er an mich gewandt.
»Ich gehe dann gleich nach oben. Auf Wiedersehen, Willem Sier.«
»Vitia el méra«, antwortete er.
(Was sollte das denn heißen?)
»In excelsis deo«, erwiderte ich und stieg die Treppe hoch.
Ich lief durch einen Wald.
Das ist falsch, Elle, falsch! Das ist der falsche Weg! Jetzt hör mir doch mal zu, Elle!
Ich lief schneller, um der unangenehmen Stimme zu entkommen, doch es war zwecklos.
Komm zurück!
»Lass mich in Ruhe, ich weiß, wo ich bin!«
Ich prallte gegen Nok, den Wirt.
»Wenn du schon herumirrst, dann iss wenigstens!« Und er schüttete mir eine Schüssel voll Eintopf ins Gesicht.
Alarmiert fuhr ich hoch, um etwaigen Eintopf von mir fernzuhalten. Wie lange hatte ich geschlafen? Wo war der Eintopf? Ich warf einen Blick auf mein leeres Handgelenk. Nicht mal eine Uhr hatte ich. Aufseufzend ließ ich mich in mein Lager zurückfallen. Meine winzige staubige Kammer fühlte sich für mich gerade wie das einzige Zuhause an, das ich hatte. Es hatte mich auch nicht das zart tönende Geräusch meines Weckers aus dem Schlaf gerissen, sondern ein Albtraum. Ich musste nicht wie ein Stehaufmännchen aus dem Bett springen, um zum Bus zu hetzen– ein komischer Gedanke. In dieser Welt wusste man ja noch nicht einmal, was das war, ein Bus. Mein frühmorgendliches Bad in Selbstmitleid wurde von plötzlichem Lärm unterbrochen. Draußen konnte ich Hufgetrappel und laute Stimmen hören, bestimmt machten sich gerade die Reiter von gestern Abend wieder auf den Weg, wo immer sie auch hinwollten. Diese Welt war riesig, aber ich hatte definitiv nicht vor, jeden ihrer Winkel zu erkunden. Müde starrte ich an die Decke, die Balken wurden von einigen Spinnweben verziert und sahen ziemlich alt aus. Ich hätte gerne noch ein wenig weitergeschlafen, doch die Pflicht rief und je länger ich grübelnd herumlag, desto mehr rückte meine Heimkehr in die Ferne.
Erneut rappelte ich mich auf. Alles, was ich besaß, trug ich ja praktischerweise am Körper. Mein Haar fühlte sich ziemlich durcheinander an und über eine schöne Dusche hätte ich mich auch sehr gefreut. Nun, vielleicht gab es hier ja in der Nähe einen lauschigen Bach, in dem die Jungfrauen des Dorfes sich der Körperhygiene hinzugeben pflegten. In Ermangelung eines Kamms fuhr ich mir einige Male mit den Fingern durchs Haar. Meine matschverkrusteten Schuhe hatte ich zum Schlafen ausgezogen. Ich fühlte mich wie ein armes Waisenkind, als ich sie unter meinem Bett hervorzog. Dabei fiel mir ein Nachttopf aus Steinzeug unter dem Bettgestell ins Auge. So ein Ding hatte ich schon mal in einem Heimatkunde-Museum bewundert. Wohl oder übel musste ich heute experimentelle Archäologie betreiben…
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