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200 Jahre in der Zukunft. Androiden leben als gewöhnliche Bürger unter den Menschen, außer in der isolierten Diktatur der Kaspischen Republik: Hier hat man jegliche künstliche Intelligenz verboten. Als Lily Xirau, die Witwe des ermordeten politischen Propagandisten Paulo Xirau, ins Land kommt, um seine Überreste zu identifizieren, bekommt Agent Nikolai South den Auftrag, sie zu eskortieren. Doch Lily sieht Souths verstorbener Ehefrau zum Verwechseln ähnlich, und wie sich herausstellt, war der Ermordete selbst eine KI. South ahnt schnell, das irgendetwas hier ganz und gar nicht stimmt …
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Veröffentlichungsjahr: 2023
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Übersetzung aus dem Englischen von Simon Weinert
Deutsche Erstausgabe
© Neil Sharpson 2021
Titel der englischen Originalausgabe:
»When the Sparrow Falls«, Tor Books, New York 2021
Published by arrangement with Neil Sharpson
© Piper Verlag GmbH, München 2023
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Covergestaltung: zero-media.net, München
Coverabbildung: FinePic®, München
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Cover & Impressum
Widmung
Prolog
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Epilog
Danksagungen
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Für Iola, für Donnacha und für Aoife.
Meine Welt.
Ich werde mit Leon Mendelssohns Erhängung beginnen.
So. Das wäre entschieden.
Meine geliebte Frau ist Schriftstellerin und hat mich darauf hingewiesen, dass das Finden eines Anfangs das Schwierigste am Geschichtenerzählen sei. Damit sollte sie, wie in allem anderen auch, recht behalten. Lange Zeit wollte ich nämlich mit der Gründung der Kaspischen Republik vor ungefähr vierundneunzig Jahren beginnen oder mit meiner Geburt drei Jahre später in ebendiesem unausgegorenen Staatsgebilde. Doch bei der ersten Variante wäre ich Gefahr gelaufen, in Geschichtsschreibung zu verfallen (die ich nicht betreiben möchte), und bei der zweiten, eine Autobiografie abzuliefern (die, das kann ich euch versichern, ihr nicht lesen möchtet). Deshalb beginnen wir an einem strahlend klaren, ziemlich grausam kalten Septembertag, an dem der gute arme Mendelssohn in den Hof vor eine Gruppe Parteifunktionäre, Gewerkschaftsvertreter und einen Journalisten geführt und am Hals aufgehängt wurde. Die Anwesenden sahen dabei zu und traten vor Kälte auf der Stelle.
Sie gehörten nicht zu der Sorte Mensch, die vor Gewalt zurückschreckte. Eine jede und ein jeder von ihnen wusste, dass die Kaspische Republik die Wächterin einer unermesslich kostbaren Sache war, nämlich der letzten Ascheglut der menschlichen Rasse. Und um seine Untertanen vor der Höllenmaschine zu schützen, musste der Staat – wie jeder andere Staat – zu töten bereit sein. Die Apparatschiks der Kaspischen Republik wohnten mit derselben Regelmäßigkeit Erschießungen bei, mit der die Führenden anderer, dekadenterer Nationen Führungsseminare besuchten. Doch eine Erschießung ist das eine, eine Erhängung jedoch etwas ganz anderes. In Kaspien war seit Jahrzehnten keiner mehr gehängt worden, und ein Galgen dafür musste von Grund auf neu konstruiert werden. Er stand im Hof, scheußlich neu und abstoßend sauber. Aus einem unerfindlichen Grund war er himmelblau angestrichen worden, als wollte man sicherstellen, dass niemand den Blick von ihm abwandte, und er drängte sich den Blicken der Zuschauenden mit einer schrecklichen, unwiderstehlichen Lebhaftigkeit auf. Dem Anblick eines nagelneuen Galgens, der gerade in sein langes, grausiges Leben tritt, wohnt ein ganz besonderes Entsetzen inne.
Mendelssohn wurde in die Kälte hinausgeführt, und seine Erscheinung erschreckte sogar diejenigen unter den Zuschauern, die hohe Stellungen in der Staatssicherheit und in ihrer unerbittlichen Rivalin, der Parteisicherheitsbehörde, innehatten. Es waren Menschen, die aufgrund der Beschaffenheit ihres Broterwerbs daran gewöhnt waren, den menschlichen Körper in extremen Zuständen zu erblicken, aber selbst diese zuckten zurück, als sie das Geschöpf sahen, das, von einem Wachmann am einen, von einem Priester am anderen Arm gestützt, zu ihnen herausgeführt wurde.
Schon immer war Mendelssohn dürr gewesen, doch nun fragten sich die Anwesenden, wo die Muskeln sein sollten, die es ihm erlaubten, ermattet ins helle, raue Sonnenlicht zu schwanken, das eher zu kühlen als zu wärmen schien. Seine leuchtend blauen Augen funkelten tief aus ihren Höhlen hervor, und seine einst dichte braune Haarmähne war so schütter und spröde, dass es schien, als könnte ihm ein steifer Windzug den Schädel kahl rasieren. Auch sein Bart war verwildert und über die Lippen gewachsen, und die getrockneten Überreste seiner letzten Mahlzeit, eines Napfs dünner, grauer Suppe, die er bei Tagesanbruch gierig in sich hineingeschüttet hatte, klebten darin. Ich habe keinen Grund, irgendeine der Personen zu mögen, die an jenem Morgen Zeugen von Leon Mendelssohns Dahinscheiden wurden, und dennoch gehe ich davon aus, dass sie Mitleid empfunden haben. Schließlich war er einer von ihnen. Oder war es zumindest gewesen. Einst war er einer der führenden Köpfe der Partei gewesen, einer der wenigen, die es immer noch schafften, die Prinzipien der Revolution edel und romantisch erscheinen zu lassen, die beim Singen der alten Lieder noch die Töne trafen. Er vermochte zu dichten, während die anderen selbst Mühe mit der Prosa hatten.
Das liegt nun alles in der Vergangenheit. Er war in Ungnade gefallen, und nun blieb ihm nichts anderes mehr, als noch einmal zu fallen: sechs Fuß tief.
Vom Schafott lächelte Mendelssohn traurig und schwach in die Menge, während man ihm den Strick um den Hals legte, einen Hals, der kaum dicker als der Strick war.
»Keine Sorge, Freunde«, sagte er leise, »wir sehen uns bald wieder.«
Der Priester, der ihm aus der Zelle gefolgt war, nickte anerkennend, da er überhaupt nicht begriff, was Mendelssohn mit diesen Worten meinte. Ebenso wenig begriff er die Gefahr, in die er sich brachte, indem er diesen Worten beipflichtete.
Warum wurde Mendelssohn gehängt? Weil sie ihn liebten und er sie verraten hatte.
Ihn einfach zu erschießen, das hätte aus ihm einen von tausend anonymen Verurteilten gemacht. Hier handelte es sich jedoch um Leon Mendelssohn. Den hatten wir auf unseren Nachtkästchen stehen und lasen ihn unseren Kindern vor. Seine berühmte Passage über die Natur der Liebe aus Elijas Wagen wurde fast dreißig Jahre lang auf jeder zweiten Hochzeit in Kaspien vorgelesen.
Sein Beitrag für das Leben in Kaspien war groß. Sein Verrat unbeschreiblich.
Also hing der Staat ihn auf, um seinen eigenen Standpunkt klarzumachen.
So barbarisch es auch erscheinen mag, so kann das Hängen die gnädigste Todesart sein, wenn die Hinrichtung mit Sachverstand ausgeführt wird. Allerdings waren die Umstände nicht günstig. Wie ich schon erwähnte, hatte man seit einigen Jahrzehnten keine Erhängung mehr durchgeführt, und selbst wenn die Schlinge fachgerecht geknüpft worden wäre, war Mendelssohn schlichtweg zu leicht. Er hing womöglich ganze zwei Minuten lang, verwandelte sich vor der versammelten Zuschauerschaft aus einem würdigen Gelehrten in ein panisch röchelndes Tier und schließlich in einen Gegenstand, der still im Wind baumelte.
Keiner der Parteitreuen sagte ein Wort. Niemand wünschte, in diesem Spiel eine Hauptrolle zu übernehmen. Alle gaben sie sich als Statisten zufrieden.
Wenn ihr euch die Bilder von Erhängten anschaut, dann achtet auf die Gesichter dieser Leute: so grau, unförmig und anonym wie aufgereihte, ungewaschene Kartoffeln. Einen aber seht ihr aus ihnen hervorstechen. Einen Mann Ende dreißig, der sich den jugendlichen Eifer im Gesicht bewahrt hat, glatzköpfig, fahl und mit dem Blick eines gehörnten Liebhabers, in dem Hass und faulig gewordene Liebe loderten.
Das war der Journalist Paulo Xirau, und er war der Einzige seiner Zunft, dem der Zugang zur Erhängung gestattet worden war. In der Regel misstraut man Journalisten in Ländern wie der Kaspischen Republik. Diejenigen, denen man Vertrauen schenkt, haben ihre Staatstreue zuvor aufwendig unter Beweis gestellt; bei Paulo war dies ohne Zweifel der Fall. Wenn ich auf die Zeit zurückblicke, die ich in der Kaspischen Republik verbracht habe, muss ich mich sogar fragen: Gab es jemanden, der mehr geglaubt hat als er? An die Partei, an die Prinzipien, auf denen die Nation gegründet war? Hat irgendein anderer so sehr gehasst, so leidenschaftlich geglaubt, so inbrünstig Leben, Leib und Seele der Kaspischen Republik verschrieben wie er? Ich bezweifle es. Und das ist tragisch, wenn man die Wahrheit über ihn näher betrachtet.
Wenn ich gut gestimmt bin, tut er mir leid. Ich bin einmal einem Theologen begegnet, der die Hölle als »ein kleines Zimmer und genügend Zeit, um darüber nachzudenken, wie sehr man sich selbst hasst« beschrieben hat. Paulo Xirau hat vor langer Zeit schon dieses Zimmer betreten und die Tür verrammelt.
Alle Anwesenden kannten Xirau und Mendelssohn. Sie wussten, weshalb man Xirau vertraute und weshalb Mendelssohn hingerichtet worden war. Aber, so hoffe ich jedenfalls, waren selbst sie geschockt, als er aus den Reihen anonymer Parteigänger heraustrat, sich vor den noch baumelnden Leichnam Mendelssohns stellte und einen dicken, gelben Klumpen Sputum auf dessen Brust abschoss. Sodann, als hätte er sich eben selbst einen bösen Geist ausgetrieben, verließ er ruhigen Schrittes den Hof, wobei er nur innehielt, um mit dem einen oder anderen hochrangigen Parteimitglied ein höfliches, wortloses Lächeln zu tauschen.
Niemand sagte etwas. Aber am selben Abend trafen sich im Salon von Augusta Niemann, der stellvertretenden Direktorin der StaSich, vier Mitglieder des Obersten Verwaltungsrats der Staatssicherheitsbehörde. Dort, mit von Niemanns noch immer beeindruckenden – wenn auch schwindenden –, vor der Zeit des Embargos angesammelten Vorräten an Brandy gelockerten Zungen, erklärten sie tapfer und im Flüsterton, dass Xirau, ungeachtet irgendwelcher Politik, einer Politik, die eine Sekunde lang einmal keine Rolle spielen sollte, zu weit gegangen war. Alle waren sich einig, einer vehementer als der andere beteuerten sie, dass Mendelssohn hatte sterben müssen. Aber seinen Leichnam zu bespucken? Das war vollkommen unangebracht.
»Hatten Sie jemals den Eindruck …«, fing Niemann an, und alle anderen am Tisch bereiteten sich darauf vor, jenen Eindruck zu bekommen, nach dem Niemann sie gleich fragen würde, »… dass mit Paulo Xirau etwas nicht stimmt?«
In einem Staat wie der Kaspischen Republik kam es einem kostbaren Geschenk gleich, wenn man einmal die Wahrheit sagen durfte. Und mit größerer Dankbarkeit als jener, mit der sie dem Brandy zusprachen, nahmen Niemanns Gäste die Gelegenheit wahr, endlich einmal frei von der Leber weg zu reden.
Ja.
Ach Gott.
Ganz fraglos, ganz unbestritten stimmte etwas nicht mit Paulo Xirau.
Contran
kɒn/Tran/
Nomen
1. Ein Vorgang, bei dem mithilfe des Sontangprozesses ein Bewusstsein aus einem organischen Körper auf einen künstlichen Server transferiert wird oder umgekehrt.
»Nach dem Unfall wurde bei ihr ein Contran durchgeführt, und sie wurde sicher hochgeladen.«
contranen
kɒn/Tra/nən
Schwaches Verb
1. Die digitale Transferierung des eigenen Bewusstseins aus dem Physischen in eine virtuelle Umgebung oder umgekehrt.
»Wenn ich das Geld hätte, würde ich mich ins Ah! Sea contranen.«
Duden – Das Wörterbuch, 84.Aufl.
Einige Monate nach der Hinrichtung des alten Mendelssohn wurden in einem kleinen, dreckigen Schlafzimmer in Alt-Baku zwei Leichen gefunden. Der Stadtteil war damals wie heute größtenteils russischsprachig, weshalb ich den Fall mit meinem Vorgesetzten, Spezialagent Alphonse Grier, untersuchen sollte. Ich verfügte über (zugegebenermaßen eingerostete) Russischkenntnisse, die ich zusammen mit Kurzsichtigkeit und einer langen Nase von meiner Mutter geerbt hatte. Kaspien war ein Einwanderungsstaat, Griers Familie kam ursprünglich aus Deutschland, aber er sprach nur einen besonders abgehackten und nervtötenden englischen Dialekt. Aus diesem und keinem anderen Grund war ich bei Nachforschungen in Alt-Baku nützlich. Zumindest, wenn man Grier Glauben schenkte.
Grier klopfte an die Tür, die von einem Russen mit einem prächtigen weißen Bart und traurigen, wässrigen Augen geöffnet wurde. Der Mann erstarrte. Er hatte uns zwar gerufen, aber bei unserem Anblick erstarrte er dennoch. Das war die übliche Reaktion auf die StaSich. Diejenige auf die ParSich sah dagegen ganz anders aus. Die Leute erstarrten nicht, wenn sie die ParSich anrücken sahen. Sondern sie nahmen die Beine in die Hand.
»Jakub Smolna?«, bellte Grier.
Der Angesprochene nickte nervös.
»Ich bin Spezialagent Alphonse Grier von der Staatssicherheit, und das ist mein Kollege, Agent South. Wo sind die Leichen, bitte?«
Smolna sah uns an, sein Blick huschte in stummer Panik zwischen uns beiden hin und her.
Grier seufzte genervt und stieß mir in die Rippen. Ich schreckte zusammen, begriff, was von mir verlangt wurde, und kramte nach dem nötigen Russisch.
»Tela«, war alles, was ich zustande brachte.
Smolna nickte und bedeutete uns, hereinzukommen.
Grier mochte mich nicht, und das vollkommen berechtigt. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits seit neunundzwanzig Jahren Sicherheitsbeamter bei der StaSich. In der ganzen Zeit war ich nur einmal befördert worden, was Grier dahingehend interpretierte, dass man mich für politisch unliebsam hielt. Parteiversammlungen besuchte ich nicht öfter, als es für eine Person meines Dienstgrads absolut nötig war, woraus Grier schloss, dass ich nicht loyal sei. Aus diesem Grund sah er seit dem Moment, als ich ihm als Partner zugeteilt worden war, eine alte Granate in mir, die unter seinen Dielen versteckt gewesen war und jeden Moment in die Luft fliegen konnte. Im Lauf der Jahre wurde ich gegenüber Grier milder gestimmt. Er hatte Familie: eine Frau und zwei Söhne. Das färbte. Es ist leicht, freundlich zu sein, wenn die ParSich einem nicht auf den Schultern sitzt. In Kaspien hat jeder einen unsichtbaren Strick, der ihn an jemand anderen fesselt. Wäre ich als Abtrünniger geschasst worden, hätte man ihn und seine ganze Familie möglicherweise ebenfalls mit mir abserviert.
Mir fällt gerade auf, dass ich auf eine Weise von Grier erzähle, als wäre er gestorben. Aber er könnte durchaus noch am Leben sein, schließlich hat man schon von größeren Merkwürdigkeiten gehört. Alle möglichen Leute sind noch am Leben.
Die Paria-Zwillinge, Yasmin und Fiza, hatten sich große Mühe mit dem Zimmer gegeben. Über die von Schimmel verfärbten Wandflecken hatten sie Bilder von sich gehängt, auf denen sie sich umarmten, ehrlich strahlten und großherzig grinsten. Um den Geruch von Smolnas altem Teppich zu überdecken, hatten sie Blumenvasen aufgestellt, und im Licht der Kerzen, die überall auf dem Kaminsims und den Tischen verteilt waren, hätte ich mir das Zimmer sogar recht gemütlich und heimelig vorstellen können.
Die Zwillinge lagen auf dem Bett, einander zugewandt. Auf Russisch bat ich Smolna, die Leichen zu identifizieren, und er deutete auf Yasmin, links, und auf Fiza, rechts. Allerdings schien er sich nicht hundertprozentig sicher zu sein, und das konnte ich ihm nicht verdenken.
Yasmin hatte die Augen geschlossen, die von Fiza waren offen, aber sonst waren sie Spiegelbilder voneinander. Yasmin hatte ein seliges, friedliches Gesicht. Fiza starrte, ohne zu blinzeln, auf eine verfärbte Stelle im Putz an der Wand. Unter dem rechten Auge hatte sie ein winziges, kreisrundes Muttermal, das ich mir merkte, um sie von ihrer Schwester zu unterscheiden. Die Lage ihrer Körper wirkte genau so, wie ich annahm, dass sie wirken sollte, nämlich so, als hätten die beiden Schwestern nach einem langen, anstrengenden Tag ein Nickerchen gehalten. Die Art, wie Fizas Fußknöchel übereinanderlagen, wie Yasmin sich die rechte Hand als Kissen unter die Wange gelegt hatte – rundum alles erweckte den Eindruck, als würden sie sich einfach nur ausruhen. Doch sie waren ziemlich tot. Grier und ich waren hier, um die Todesursache zu ermitteln. Um herauszufinden, ob es sich um Mord oder etwas Schlimmeres handelte.
Smolna war es sichtlich unangenehm, im selben Zimmer mit den Leichen zu sein, deshalb ging ich mit ihm auf den Gang hinaus und stellte ihm ein paar Fragen, während Grier starr in der Mitte des Zimmers stand, als versuchte er, die Geheimnisse darin mittels Osmose aufzusaugen. Smolna wusste nicht viel oder tat so, als wüsste er nicht viel, und ich hatte nicht die Energie, nachzubohren. Ich hieß ihn in der Küche warten und kehrte ins Schlafzimmer zurück, wo Grier und ich uns an die Arbeit machten.
Trotz unserer gegenseitigen Animosität waren wir auf unsere Art ein gutes Team. Wir waren beide nicht mehr jung, aber meine Sehkraft war besser (auf kurze Distanz jedenfalls), deshalb war es meine Aufgabe, die Leichen zu inspizieren, während Grier in den persönlichen Habseligkeiten der Schwestern kramte und versuchte, ein Bild ihres Lebens zusammenzusetzen.
Grier hatte eine tiefe, dröhnende Stimme und wäre in einem anderen Leben vielleicht Schauspieler geworden. Er hatte eine Bühnenpräsenz und liebte es, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Während ich die Leichen untersuchte, rezitierte Grier einen von ihm selbst ersonnenen Monolog: »Fiza und Yasmin Paria. Achtundzwanzig. Ohne Parteimitgliedschaft. Geboren in Nachitschewan. Zwillinge. Verräterinnen an ihrem Land und der gesamten Menschheit – Fragezeichen.«
»Keine Anzeichen von Gewalteinwirkung«, murmelte ich. »Vielleicht irgendwelche Pillen? Suizid?«
»Wäre das nicht schön?«, entgegnete Grier. »Ausnahmsweise mal? Wie konnten sie sich das leisten, South? Wenn Sie das Geld dafür hätten, warum würden Sie dann noch hier leben?«
»Vielleicht hatten sie das Geld, weil sie hier lebten?«, stellte ich in den Raum. »Die Vorzüge eines sparsamen Lebens?«
»Hat Smolna gesagt, wo sie gearbeitet haben?«, fragte er.
Ich schüttelte den Kopf, während ich Yasmins Leiche inspizierte, und die Bewegung führte dazu, dass ihre schlaffe Hand von der Schulter rutschte und sacht auf der Hand ihrer Schwester zu liegen kam. Jakub Smolna war ein Vermieter, der die Privatsphäre seiner Mieterinnen achtete und sich nicht darum scherte, wie sie die Miete aufbrachten, solange sie es nur taten.
»Hostessen?«, fragte Grier unter Benutzung des üblichen Euphemismus. Wieder schüttelte ich den Kopf. Smolna hatte erwähnt, dass die Parias sehr selten männlichen Besuch hatten, und dabei hatte nichts darauf hingedeutet, dass diese Besuche gewerbliche gewesen wären. Zum Leben hätte es auch nicht gereicht. Sex war heutzutage entsetzlich billig, wie ich Grier ins Gedächtnis rief.
»Sie vergessen, South«, sagte Grier in einem abwesenden Tonfall, »Zwillinge. Tja, genug mit den Leichen, was ist mit ihren Seelen?«
Ich hielt inne. Im Nacken hatte Yasmin sauber aufgebrachtes Make-up, ein kleines Quadrat mit knapp einem Zentimeter Seitenlänge. Wer immer es aufgebracht hatte, hatte es mit großer Sorgfalt getan, doch das benutzte Make-up war eine winzige Spur zu hell für Yasmins Hautfarbe und lenkte den Blick auf das, was es eigentlich überdecken sollte. Mit dem Daumen rieb ich es weg, und darunter kam eine kleine, unsaubere Stichwunde zum Vorschein. Sie stammte von einem Gerät, das sogar in seinem Ursprungsland verboten war. Mir war klar, dass es sich bei dieser Wunde um eine Bohrung handelte. Von winzigem Durchmesser, aber so tief, dass sie noch durch den Schädel hindurchging und bis zu den grauen Zellen reichte. Und mir war ebenso klar, dass ich in Fizas Nacken eine identische Wunde finden würde.
Grier hatte nach ihren Seelen gefragt.
Ich wandte mich zu ihm um und nickte nur. Grier seufzte, aufrichtig enttäuscht. »Also«, sagte er, »Fiza und Yasmin Paria. Achtundzwanzig. Zwillinge. Verräterinnen an ihrem Land und der gesamten Menschheit. Punkt.«
Müde und ohne ein weiteres Wort stapfte er hinaus, und ich hörte die Stufen unter seiner schweren Statur ächzen, als er zum Wagen ging, um das StaSich-Hauptquartier anzufunken.
Ich betrachtete die beiden Leichen auf dem Bett.
»Warum habt ihr das getan?«, murmelte ich vor mich hin.
Ich fühlte mich von dem, was die Paria-Zwillinge getan hatten, verraten. Dies war nicht der erste Contran, den ich erlebt hatte, auch nicht der zehnte oder der hundertste oder der fünfhundertste, aber dieser hier fühlte sich wie ein Wendepunkt an. Wir waren die letzten wahrhaft menschlichen Wesen, und unsere Zahl nahm beständig ab. Ich sah mich im Zimmer um und betrachtete die Bilder aus dem Leben der Parias: jung, lebhaft und schön. In Fizas und Yasmins Augen sah ich Klugheit und Freude und eine Liebe zum Leben. Ich sah all das, was die Nation sich nicht leisten konnte zu verlieren. Als ich mich danach wieder zu den Leichen auf dem Bett umwandte, sah ich, dass wir der Auslöschung wieder zwei Schritte nähergekommen waren.
Längst schon hatte ich den Gedanken aufgegeben, dass die Kaspische Republik ihren Idealen gerecht werden würde, dass sie ein Land sein würde, in dem Menschen frei und glücklich leben konnten. Aber die Ideale selber hatte ich nicht aufgegeben, die Parias allerdings schon. Sie hatten der Menschheit den Rücken gekehrt und sich der Maschine ergeben. Ihr Verrat machte mich wütend, aber sie taten mir auch leid. Konnte ich ihnen tatsächlich einen Vorwurf machen, weil sie glaubten, in der Maschinenwelt würde ein besseres Leben auf sie warten? Denn was hatten sie hier schon für ein Leben?
»Warum habt ihr das getan?«, hatte ich ihre leblosen Körper gefragt. Doch als ich zum Fenster hinaus auf die grauen, schmollenden Straßen von Ellulgrad blickte, auf denen ein Treiben aus Hunger, Armut und Gewalt herrschte wie in einem Bienenstock, stahl sich mir unwillkürlich eine leise, doch verräterische Frage auf die Zunge:
»Warum habt ihr so lange gebraucht?«
Die Kaspische Republik befindet sich am Ostufer des Kaspischen Meeres und erstreckt sich beinahe über das gesamte Gebiet der nicht mehr existierenden Republik Aserbaidschan sowie auf die Provinz Sjunik, die während des kurzen Kaspisch-Armenischen Krieges von 2158 von der Republik Armenien annektiert wurde. Nach einigen Immigrationswellen als Reaktion auf die KI-Revolution entluden sich die Spannungen zwischen den aserbaidschanischen Einheimischen und den Neuen Humanisten in offener Gewalt, die schließlich 2154 im Sturz der Regierung und der Besetzung der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku (in Ellulgrad umbenannt) gipfelte. Die Neuhumanistische Partei hat seit der Gründung der Nation sämtliche politische Macht inne und vertritt eine militante Ideologie des Organischen Supremats und des Anti-KI-ismus. Ein kürzlicher Bericht der UN zählte Kaspien zu den »am wenigsten freien« Staaten der Welt. Die Regierung der Vereinigten Staaten bezeichnet die Kaspische Republik überdies als Quelle des Terrorismus, da bekannt ist, dass die Regierung in Ellulgrad Gruppen des Organischen Supremats in vielen Ländern, unter anderem auch in den USA, unterstützt.
CIA Quellenbuch,Eintrag zur Kaspischen Republik
»Contran« nannten wir es, eine hässliche Zusammenziehung des noch viel hässlicheren »Consciousness Transferal«, und es galt, Vorschriften zu folgen.
Grier und ich standen vor Smolnas Tür. Er schmauchte eine grässliche russische Billigzigarette, während wir auf den Krankenwagen warteten, der die Parias in die Leichenhalle fahren würde. Dort würde man sie ohne Würde obduzieren, ehe man sie in einem namenlosen Grab verscharren würde, zwei weitere Geheimnisse, die versteckt unter der Erde der Kaspischen Republik schlummern würden. Derlei Geheimnisse bildeten den Felsen, auf den die Nation gegründet war. Sie waren der Grund unter unseren Füßen. Grier und ich würden unsere Berichte abgeben, die dann geprüft und noch einmal geprüft und gegengeprüft werden würden.
Als die Leichen der beiden Frauen auf den Krankenwagen geladen wurden, spähte Grier zu den Fenstern hinauf wie ein Löwe, der die Savanne absucht, und unter seinen bohrenden Blicken zuckten mehrere Vorhänge. Wir sahen dem abfahrenden Krankenwagen nach, Grier ließ seine Kippe fallen und trat sie aus.
»Natürlich müssen wir das den Arschgeigen melden.« Die »Arschgeigen«, das war die Parteisicherheit.
»Die Parias waren keine Parteimitglieder«, sagte ich kläglich.
»Wie reizend, dass Sie meinen, das würde die jucken«, gab Grier säuerlich zurück. Er hatte recht. Eigentlich lagen Delikte, selbst Contranen, die nicht von einem Parteimitglied begangen wurden, außerhalb der Zuständigkeit der ParSich. Dennoch würde die ParSich noch am selben Abend Smolnas Haus auseinandernehmen, und Smolna selbst würden sie in ihrem Hauptquartier in Böyükşor vermutlich auch auseinandernehmen.
Grier stieß den Daumen in Smolnas Richtung, der nervös von der Tür herübersah. »Sagen Sie ihm, dass er zu Hause bleiben soll«, schnarrte er und stieg in den Wagen.
Ich ging zu Smolna, der mich ansah wie ein Kind, das gerne hören möchte, dass es nichts Falsches getan hat.
Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass Grier mir nicht heimlich über die Schulter schaute, flüsterte ich auf Russisch: »Es werden noch andere kommen. ParSich, ja?«
Das bloße Aussprechen des Namens war schon eine Form des Tätlichkeit. Smolna wurde blass, und seine Pupillen schienen zu schrumpfen.
»Ich würde Ihnen raten, nicht hier zu sein, wenn sie kommen«, nuschelte ich, machte auf dem Absatz kehrt und ging zum Wagen.
Die Rückfahrt verlief angespannt. Ich konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass Grier ahnte, was ich getan hatte. Smolna zu warnen war leichtsinnig gewesen. Wenn die ParSich ihn ergreifen würde (und das würde sie), dann würde er mit meinem Namen rausrücken. Wenn ich abends nach Hause kommen würde, würde ich vielleicht zwei Gulliver in meiner Küche vorfinden, die im Dunkeln gelangweilt mit Messern und Schlagstöcken herumspielten. Oder vielleicht würden sie nichts unternehmen. Mein Name könnte auch in irgendeiner Akte landen und wie ein besiegt geglaubtes, aber wiedergekehrtes Krebsgeschwür darauf lauern, entdeckt zu werden.
Grier sagte nichts, sein Unterkiefer war aggressiv vorgereckt, während er versuchte, den schmutzigen, gewundenen Straßen von Alt-Baku zu entkommen, ohne dabei irgendwelche Straßenkinder unter die Räder zu bringen. Contranfälle machten Grier garantiert schlechte Laune. Ein einfacher Mord oder ein Suizid bedeuteten einen Tag Papierkram. Ein Contran jedoch war kein einfaches Verbrechen, sondern eine Frage der Sicherheit. Des Militärs. Der Partei. Der Regierung. Nicht weniger als neun gesonderte Behörden mussten davon in Kenntnis gesetzt werden, eine jede auf ihre eigene unangenehm umständliche Weise. Natürlich wollten sie es alle gar nicht wissen (mit Ausnahme freilich der Arschgeigen), doch Grier musste es ihnen dennoch mitteilen. Und zudem war dies nicht nur ein Contranfall, sondern es waren gleich zwei. Als diensthabender Beamter lagen nun eineinhalb Wochen strapaziöser Schreibtischarbeit vor ihm, und als er aufs Gaspedal trat, fragte ich mich, ob er etwa mit Vollgas gegen eine Wand fahren wollte, nur um damit nichts mehr zu schaffen zu haben. Als wäre mir der Gedanke gerade erst gekommen, erwähnte ich gegenüber Grier, dass er, da die Parias in exakt identischen Umständen vorgefunden worden waren, den Papierkram einfach nur einmal für Yasmin auszufüllen und ihren Namen dann lediglich durch Fiza zu ersetzen brauchte und somit den Arbeitsaufwand halbieren könnte. Grier nahm den Fuß vom Gas, und der Wagen fuhr wieder der geltenden Geschwindigkeitsbegrenzung gemäß weiter.
Ich sah auf die vorüberziehende Stadt hinaus, mehr aus reinem Masochismus denn irgendeinem anderen Grund. Eingefallene und verrammelte Gebäude, mürrische Menschenschlangen vor einem Lebensmittelgeschäft. Drei bärtige Landstreicher lieferten sich einen Kampf, schlugen und bissen einander mit solcher Wildheit, dass man unmöglich erkennen konnte, wer auf wessen Seite kämpfte oder ob es überhaupt irgendwelche Seiten gab.
An die Kadaver alter, eingefallener Wohnhäuser klammerten sich zäh alte Plakate. Mantras einer längst vergangenen Zukunft. Auf Englisch und Russisch. Wir sind die einzigen menschlichen Wesen, ein Leib, ein Leben, die Maschine wird uns nicht ersetzen und schließlich Das Triumvirat … die letzten Worte waren von Staatsfeinden oder womöglich dem Wind abgerissen worden. Das führte dazu, dass die Botschaft der Plakate noch bedrohlicher wirkte.
Das Triumvirat macht was? Es wacht? Es wartet? Es schmiedet Pläne? Es führt seine Streitkräfte zu unserer endgültigen, völligen Vernichtung? Ja. All das entsprach der Wahrheit.
Diese Plakate sollte man ersetzen, dachte ich. In diesem Zustand machen sie der Partei nur Schande. Man sollte sie ersetzen.
So dachte ich zwar, meinte es aber nicht.
Denn in Wahrheit waren mir die Plakate scheißegal.
Und dennoch war mir der Gedanke unaufgefordert gekommen wie ein unerwünschter Gast, der sich in meinem Verstand häuslich einrichtete.
Das war ein unheimliches Phänomen, das mir vor vielen Jahren zum ersten Mal aufgefallen war. Was ich selbst als Person dachte, ich, Nikolai South, schleppte sich geduckt und ängstlich durch den Tag, während mir eine vergnügte Stimme im Kopf unverlangt Ratschläge erteilte.
Die Alte dort stiehlt von einem Obstwagen. Zeige sie an.
Der junge Mann. Hast du den schon mal in dem Viertel gesehen? Sieht dunkel aus. Möglicherweise ein Ajay. Verdächtig.
Mrs Jannick in der Wohnung unter dir. Sie senkt die Stimme, wann immer sie dich die Treppe runterkommen sieht. Was verbirgt sie?
Den Guten Bruder habe ich diese Stimme getauft, denn ich tat gerne so, als wäre sie lediglich ein bezahlter Agent, den die Partei in einem unachtsamen Moment irgendwie in mein Bewusstsein eingeschleust hatte.
Ich fragte mich, ob ich der Einzige mit einem Guten Bruder war. Kurz sah ich zu Grier hinüber, dessen Hände das Lenkrad umklammerten, dessen Unterkiefer vorstand wie ein Rammbock gegen die Welt. Hatte er auch eine Stimme, die ihn schalt, ihn zurechtwies, ihn auf die Palme brachte?
Nein. Grier hatte keinen Guten Bruder. Grier war ein Guter Bruder. Die StaSich war voller Guter Brüder. Nur ich allein war mit dem Fluch beladen, dass einer in mir drinsteckte.
Zumindest redete ich mir das ein.
Denn das war leichter, als zuzugeben, dass es meine eigenen Gedanken waren und dass zumindest ein Teil von mir besetztes Gebiet war.
Warum hältst du dich für besetzt?, fragte mich der Gute Bruder. Dies ist die Kaspische Republik, und du bist loyal, oder nicht?
Ja. Ich war loyal. Doch ich verabscheute den Preis dieser Loyalität. Ich verabscheute vor allem anderen die Angst.
Offiziell war die Währung der Kaspischen Republik die Moneta, doch in Wahrheit war das nationale Zahlungsmittel die Angst. Wer immer Angst einflößen konnte, war reich, wer immer in Angst lebte, war arm. Angst vor der StaSich, Angst vor der ParSich, Angst vor Hunger, Angst vor dem Triumvirat, das riesige Landstriche der Außenwelt regierte. Angst vor Schmerz. Angst vor Verlust. Angst vor dem Tod.
Denn wir waren echte menschliche Wesen, erklärte uns die Partei.
Geboren aus Erde und Fleisch. Geschaffen nach dem Bilde Gottes. Gleich nach den Engeln.
Und als solche litten wir.
Der weltanschauliche Richtungswechsel auf Capitol Hill bezüglich der Frage nach künstlicher Intelligenz vollzog sich als Folge der ersten sechs Monate von Konfuzius’ Inbetriebnahme, plötzlich und entschieden. Am besten lässt sich dieser Wechsel womöglich an dem Umstand illustrieren, dass Senator Mark Sorensen (PD-Illinois), der zuvor mit am lautesten vor den Gefahren von SKIs gewarnt hatte, nun ganz offen für einen amerikanischen Konfuzius eintritt. Ich habe den Senator gefragt, wie es dazu kam, dass er seine Befürchtungen abgelegt und SKIs zu schätzen gelernt hat. Seine Antwort war ernüchternd: »Ich habe weder noch. Meine Befürchtungen sind genauso groß wie vor fünf Jahren, wenn nicht gar noch größer. Aber an dem Punkt, an dem wir gerade sind, wenn man da fragt: ›Sollen wir tatsächlich superintelligente KIs entwickeln?‹, dann ist das so, wie wenn man sich fragt, ob man verhüten soll, wenn die Wehen einsetzen. Die Frage ist hinfällig. Das Baby ist zur Welt gekommen. China hat den Korken knallen lassen, der Geist ist aus der Flasche, und die Ergebnisse sprechen für sich. Wenn wir uns nicht beeilen und einen amerikanischen Konfuzius entwickeln, sind wir als globale Macht abgemeldet. So einfach ist das.«
Ein amerikanischer Konfuzius?›Wann‹, nicht ›ob‹, The Washington Post, 3.September 2149
Das Gebäude, das später einmal das Hauptquartier der Staatssicherheit werden sollte, hatte sein Leben als Grand Hotel Neftçilar begonnen und galt einmal als vornehmste Adresse in Ellulgrad.
Darauf wäre man jetzt nicht mehr gekommen, wenn man das Gebäude betrachtete, denn es entsprach so sehr seiner derzeitigen Bestimmung. Wenn man die grimmige, anstrengende Außentreppe hinaufstieg, ragte die Fassade wie ein düsterer Tempel in einem fremden Land vor einem auf. Nach Betreten des Gebäudes befand man sich in der ehemaligen Hotellobby, die jetzt der Empfangsbereich der StaSich war. Vielleicht hatte sie einmal beeindruckend wirken sollen mit ihren prächtigen Ausmaßen und dem Wald brauner Marmorsäulen, die noch über die große Treppe hinausreichten und den Blick auf die Rezeption lenkten. Nun aber hinterließ sie den Eindruck, man wäre ein Tier, allein in einem Wald, und bewegte sich gut sichtbar für alles, was in den Schatten lauern mochte.
Wer hier eintrat, wurde beobachtet, und wer hier beobachtete, blieb ungesehen. Wie gesagt, man konnte sich nur schwer vorstellen, dass das Gebäude einmal irgendetwas anderes als das Hauptquart der StaSich gewesen sein sollte.
Grier und ich verfielen beim Überqueren des weiträumigen, schachbrettartigen Marmorbodens in einen leisen Gleichschritt. Unsere Schritte hallten von den Säulen wider. Die Halle war so groß, dass es eine Weile dauerte, bis ich merkte, dass wir nicht allein waren.
An einer Säule drückte sich, wie ein Wiesel auf dem Dach eines Hühnerstalls, Nard Wernham herum. Er hatte vor mir unter Grier gearbeitet, und soweit ich das beurteilen konnte, war er der einzige Mensch, den Grier auf persönlicher Ebene tatsächlich ausstehen konnte. Wernham ging neben Grier her, und es war, als würde ich nicht existieren – was mir recht sein sollte. Die Wernhams dieser Welt waren mir bekannt, und ich wusste nur zu gut, dass man besser nicht ihre Aufmerksamkeit erregte. Wie Grier war auch Wernham ein Ex-Militär. Er hatte im Norden des Landes im Rajon Poleador gedient. Man brauchte ihm nur einen Drink zu spendieren, dann fing er an, seine »Witze« über seine Beteiligung beim Massaker von Şəki zu erzählen. Ich selbst bezweifle das. Er wäre damals gerade mal ein ausgehender Teenager gewesen. Aber aus dem, wer jemand zu sein vorgibt, kann man viele Rückschlüsse darauf ziehen, wer er ist, und in Wernhams Fall hasste ich beide.
»Wie geht es dir, Bruder?«, fragte Wernham vergnügt. »Du siehst zufrieden aus.«
»Verpiss dich«, grummelte Grier.
Wernham schnalzte spöttisch mit der Zunge.
»Erzähle mir von deinen Nöten, Grier«, sagte er mit etwas, das Ähnlichkeit mit Mitgefühl hatte. Über die Jahre hatte er so an dem Tonfall gefeilt, dass es sich inzwischen fast echt anhörte.
»Doppelcontran in Alt-Baku«, knurrte Grier. »Ein richtiges Festessen Scheiße hat man mir da vorgesetzt, Wernham. Sieben verfickte Flüche.«
»Ach je. Mach dir keinen Kopf. Du wirst den Typen schon finden«, sagte Wernham. »Ach, damit ich’s nicht vergesse: Magst du Bruder South eigentlich überhaupt?«
Ich blieb stehen. Grier tat dasselbe. Wernham fixierte mich mit einem funkelnden Grinsen. Das Wiesel war in den Hühnerstall eingebrochen.
»South? Wie meinst du das?«, bellte Grier.
»Er ist nach oben zitiert worden«, sagte Wernham. »Niemann will ihn sehen.«
Ich empfand die Schwerelosigkeit und Panik, die einem normalerweise nur von einem Arzt mit ernstem Gesicht und gedämpfter Stimme eingeflößt werden kann.
»Ich?«, flüsterte ich.
»South?«, sagte Grier ungläubig.
»Genau«, sagte Wernham. Der Kerl ergötzte sich an meinem Leiden. Ich fragte mich, warum ParSich ihn uns nicht abgeworben hatte.
Grier fixierte mich mit einem kalten, gleichgültigen Blick.
»Mir ist niemand dieses Namens bekannt«, sagte er. »Nie gehört, werde ich auch nie hören.«
Und damit ging er mit Wernham davon, der kichernd sagte: »Dachte mir doch, dass du das sagen würdest.« Mir war, als verwandelten sich meine Knochen in Wasser. Ich war sieben oder acht verschiedene Szenarien durchgegangen, was passieren würde, wenn sie herausfanden, dass ich Smolna zur Flucht geraten hatte. Keines davon, nicht einmal das schlimmste, das abartigste, das paranoideste von ihnen hatte beinhaltet, dass ich ins Büro der stellvertretenden Direktorin der Staatssicherheit gerufen würde.
Was konnte Augusta Niemann nur von mir wollen?
Wir nannten sie die »stellvertretende« Direktorin, aber das war nur eine Formsache. Der Direktor der Staatssicherheit, Samuel Papalazarou jr., war schon seit Jahren bettlägerig. Wenn wir StaSich-Leute über ihn sprachen, was selten vorkam, dann so, als ginge es bereits um einen Toten. Das Parlament hatte ihn auf dem Posten gelassen aus Respekt vor seiner Familie, die einst zu den großen Gründerclans der Kaspischen Republik gehört hatte. Also lag er kaum bei Bewusstsein in seiner Villa am Kaspischen Meer, und die Macht seines Amtes sammelte sich in seinen gefühllosen Fingerspitzen.
Deshalb war Augusta Niemann in allen Belangen bis auf den Titel der unangefochtene Kopf der Staatssicherheit. Während ich vor ihrem Büro wartete, dachte ich, wie leicht es für sie wäre, mich verschwinden zu lassen. Niemanns Sekretärin hämmerte mit Schmackes in die Tasten ihres Geräts. Ich widerstand dem Drang, ihr über die Schultern zu spähen und nach den Worten »Haftbefehl«, »Hinrichtung« und »South« zu suchen. Die Sprechanlage auf ihrem Schreibtisch knisterte, und ich hörte eine weibliche Stimme, tief und geradezu aristokratisch, herausdröhnen. »Marta? Wo ist South?«
Marta, die Sekretärin, starrte leeren Blicks auf die Sprechanlage und stotterte sodann, dass die stellvertretende Direktorin nur aus dem Fenster zu blicken brauche, dann würde sie den obersten Turm des Agrarministeriums sehen, wo, wie Marta glaubte, Süden sein müsse …
Ich räusperte mich. Marta hatte der Fluch der englischen Sprache und meines Namens ereilt.
»Ich glaube, sie meint mich«, sagte ich.
»Es freut mich, Sie zu sehen, South«, sagte die stellvertretende Direktorin, als ich in ihr Büro trat.
Das überraschte mich.
»Oh?«, sagte ich, oder vielmehr flüsterte ich.
»Ja. Meine Sekretärin wollte mir weismachen, Sie stünden kurz davor, sich vom Dach des Agrarministeriums zu stürzen. Das hat mich ziemlich gekränkt.«
Niemann war eine große Frau, Anfang fünfzig und gebaut wie eine Wrestlerin. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, hatte sie auch ein »StaSich-Gesicht«. Grimmig, eckig, hartes Kinn, ständig gereizt. Grier hatte so ein Gesicht und Niemann ebenso. Doch ihr Blick hatte etwas, das Grier fehlte. Eine gewisse Fröhlichkeit, die unter der grimmigen Fassade begraben lag wie eine Perle im Schnee.
»Bitte. Setzen Sie sich.« Sie zeigte auf den leeren Stuhl vor ihrem Schreibtisch. Als das Gebäude noch das Grand Hotel Neftçilar gewesen war, hatte Niemanns Zimmer als Hochzeitssuite fungiert. Deshalb verfügte es über einen herrlichen Blick auf das Wasser und bot mehr Platz, als Niemann jemals benötigen würde. Als ich mich vor ihren Schreibtisch setzte, fühlte ich mich gestrandet, wie ein Kaninchen im offenen Gelände, weit weg vom eigenen Bau. Langsam und mit Bedacht setzte sich auch Niemann. Ich wartete auf das erste Wort von ihr und hatte die schreckliche Vorahnung, dass es Smolna lauten würde. Es stellte sich jedoch heraus, dass ich mich getäuscht hatte.
»Wir haben uns noch nicht kennengelernt, nicht wahr? Vielleicht bei der Weihnachtsfeier?«, sagte Niemann.
Ich rutschte befangen hin und her. »Nein. An Weihnachten bin ich normalerweise nicht in der Stadt.«
»Ich glaube, ich kenne Sie«, sagte sie. »Sie haben unbestreitbar einen vertrauten Beigeschmack. Stehen Sie auf.«
Sie ließ mich aufstehen und um hundertachtzig Grad drehen, sodass ich der Tür zugekehrt war. Plötzlich überkam mich das Bedürfnis wegzulaufen, aber ich behielt die Nerven.
»Am Hinterkopf eines Menschen lässt sich vieles ablesen, South«, hörte ich Niemann hinter mir sagen. »Zum Beispiel das: Sie nehmen ihr Mittagessen, so es das Wetter erlaubt, immer auf der weißen Bank am Kai ein. Sie nehmen sich einen blauen Behälter mit Suppe mit und ein Butterbrot. Und trotz der Nahrungsmittelknappheit machen Sie die Brotrinde ab und verfüttern sie an die Möwen. Wie schlage ich mich bisher, South?«
»Bis in die kleinste Einzelheit korrekt, stellvertretende Direktorin«, gab ich zurück.
»Wissen Sie, woher ich das weiß?«, fragte sie.
»Ich stelle mir vor, dass die stellvertretende Direktorin der Staatssicherheit über manch eine Quelle verfügt.«
Sie lachte. Kein unangenehmer Laut, wären die Umstände andere gewesen.
»Oh, über die verfügt sie. Glauben Sie etwa, ich hätte Sie verwanzt und Sie beschatten lassen? Ich hätte Ihre Freunde auf Sie angesetzt? Ich hätte eine Kamera in Ihren Schlafzimmerspiegel eingebaut, um Sie beim Schnarchen beobachten zu können?«
Ja, dachte ich. Genau das glaube ich. Alle glauben das. So ist es am sichersten.
»Nein, stellvertretende Direktorin«, sagte ich. »Ich glaube, Ihr Büro geht aufs Wasser hinaus.«
Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber ein Lächeln kann man bisweilen auch hören, oder?
»Immer ist die einfachste Erklärung die richtige, nicht wahr, South?«
»Wie Sie meinen, stellvertretende Direktorin.«
»Setzen Sie sich«, sagte sie.
Ich ließ mich wieder nieder. Niemann hatte eine dünne, blaue Akte vor sich liegen, die sie durchblätterte, als wäre sie eine besonders farblose Zeitschrift im Wartezimmer eines Zahnarztes.
»Nun«, sagte Niemann. »Nikolai Andrejewitsch South. Dreiundfünfzig. Neunundzwanzig Jahre bei der Behörde. Parteimitglied. Natürlich. Geschieden.«
»Verwitwet«, unterbrach ich.
Niemann sah streng zu mir auf. Sie tippte mit dem Fingernagel auf die Akte.
»Hier steht ›geschieden‹«, sagte sie, als wäre die Sache damit erledigt.
Einen Moment lang hatte ich den Geschmack von Salz und Sand auf den Lippen. »Sie ist gestorben«, erklärte ich ihr. »Bevor die Scheidung durch war. Ein Unfall beim Schwimmen.«
Man hatte sie aus dem Meer gezogen, eiskalt und schneeweiß. Man hatte sie auf den Sand gelegt, und ich hatte versucht, o mein Gott, ich hatte versucht, sie durch Beatmung wiederzubeleben. Sie hatte mich angestarrt, verblüfft und verwirrt, als könnte sie nicht glauben, dass dies unser Ende sein würde. Was machst du da?, schien sie mich zu fragen. Willst du mich wirklich gehen lassen? Tu doch etwas, Nikolai. Tu doch etwas.
»Schrecklich«, murmelte Niemann.
»Danke«, sagte ich etwas überrascht von ihrem Mitgefühl.
»Das sind staatliche Akten, um Himmels willen, darf man denn da nicht eine gewisse Genauigkeit erwarten«, fuhr Niemann fort und machte sich eine Notiz. Disziplinarverfahren Ermittler bzgl. Souths verstorbener Frau.
Ah.
»Weiter«, sagte Niemann. »Nach drei Jahren zum Sicherheitsagenten Zweiten Grades befördert. Solide, wenn auch nicht spektakulär. Und dann, nach Ihrer Scheidung …«
Hier hielt sie inne, strich eine Zeile durch und notierte eine Korrektur.
»Nach dem furchtbaren Verlust …« Sie hielt wieder inne und klappte mit einer etwas theatralisch ausladenden Geste die Akte zu.
»Nichts. Gar nichts. Sie wurden einmal befördert. Seit sechsundzwanzig Jahren haben Sie denselben Rang inne, arbeiten in derselben Abteilung. Ihre Arbeit war durchgehend akzeptabel, aber auch kein bisschen besser. Sie besuchen Parteiversammlungen. Aber kein einziges Mal mehr, als es für einen Mann in Ihrer Stellung absolut nötig ist. Nie hat jemand gehört oder belauscht oder beobachtet, dass Sie etwas auch nur im Entferntesten Umstürzlerisches gesagt oder gedacht hätten, und ich würde davon wissen, South. Glauben Sie mir.«
Einen Moment lang verhärtete sich ihre gelangweilt gleichgültige Haltung zu etwas wesentlich Beunruhigenderem.
»Wenn Sie auch nur einen Gedanken an Verrat im Kopf gehabt hätten, hätte ich den schon längst aus Ihnen herausbekommen und zertreten. Wenn Sie sonst auch nichts glauben, dann glauben Sie mir das.«
Ich glaubte ihr. Ich glaubte ihr das genauso, wie ich glaubte, hier in diesem Büro zu sein und sie diese Worte sagen zu hören.
»Und doch«, sagte sie, und die Göttin von Leben und Tod verwandelte sich wieder in meine gelangweilte Bürovorgesetzte, »hat ausnahmslos jeder Vorgesetzte, den Sie hatten, Ihren vollständigen Mangel an Eifer vermerkt. Sie scheinen keinerlei Ehrgeiz zu haben. Keine Leidenschaft. Keinen Stolz. Keine Verbindungen innerhalb der Partei. Und, abgesehen von den Möwen, keine Freunde, von denen ich wüsste. Sie haben ein halbes Leben lang in einem winzigen grauen Büro vor sich hin gearbeitet, haben immerzu das getan, was Sie auch als junger Mensch schon getan haben, und machen es kein bisschen besser.«
Ich fühlte mich ein wenig schwindelig. War meine Leistung tatsächlich so miserabel, dass die faktische Chefin der Staatssicherheit es für nötig befunden hatte, Zeit für die Verteidigung der Nation abzuknapsen, um mich zu sich zu zitieren?
»Stellvertretende Direktorin …«, murmelte ich.
Niemanns Stimme schnitt die meine ab wie ein Messer, das in Marmelade fährt.
»Und dann, vor vier Tagen, erscheint da am Schwarzen Brett des Hauptquartiers eine Bekanntmachung. Eine freie Stelle, eine Beförderung zum Sicherheitsagenten Dritten Grades. Und als ich die vielen Hundert Bewerbungen junger, aufgeweckter Leute durchgehe, die nach neuen Herausforderungen und Chancen gieren und darauf warten, ihr Leben für die Verteidigung dieser großen Nation aufs Spiel zu setzen, da lese ich den Namen eines gewissen Nikolai Andrejewitsch South. Also, warum haben Sie nach sechsundzwanzig Jahren plötzlich beschlossen, dass Sie eine Beförderung verdient hätten?«
Tja, warum?
Ich konnte mich gut an jenen Morgen erinnern. Unvorsichtigerweise hatte ich einen Blick auf den Kalender auf meinem Schreibtisch geworfen, und da traf mich die jähe, unmögliche Erkenntnis, dass Olesja schon zwanzig Jahre tot war. Und mir war bewusst geworden, dass ich weitere zwanzig Jahre auf diese Weise nicht überleben würde. Es musste sich etwas ändern.
»Stellvertretende Direktorin, ich habe mich aus einer Laune heraus beworben«, sagte ich. »Ich bin nicht davon ausgegangen, dass man mich ernsthaft in Erwägung ziehen würde. Ich entschuldige mich. Bitte betrachten Sie meine Bewerbung als zurückgezogen.«
Niemann faltete die Hände unterm Kinn.
»Nein, nein, nein, so einfach geht das nicht. Sie sind jetzt in mein Blickfeld geraten, South. Und dort ist es sehr gefährlich.«
»Ich bin mir nicht sicher, ob ich Ihnen folgen kann«, sagte ich.
»Denn jetzt, nachdem ich Notiz von Ihnen genommen habe, habe ich beschlossen, von Ihnen Gebrauch zu machen. Es gibt da einen Auftrag«, verkündete Niemann.
Das haute mich um. Wurde ich hier etwa rekrutiert? Von der stellvertretenden Direktorin persönlich?
»Was für ein Auftrag?«, fragte ich, und zu meiner Verwunderung hörte ich aus meiner Stimme ein wenig Aufregung heraus. Sie klang gar nicht wie meine Stimme.
»Einer von der Sorte, für die man nur verdammt schwer Leute findet«, sagte sie.
»Gefährlich?«, fragte ich, und ob ihr’s glaubt oder nicht, mein Herz hüpfte bei der Vorstellung.
Nicht, dass ich nicht genug Gefahr im meinem Leben gehabt hätte. Ich brauchte nur der falschen Person etwas Falsches zu sagen, und wenn die ParSich davon Wind bekam, dann hätte ich sie genauso schnell auf dem Hals gehabt wie jeder andere auch. Aber was Niemann mir anzubieten hatte, schien eher eine Gelegenheit zu sein, mich für den Staat und nicht von ihm umbringen zu lassen. Das war ein Riesenunterschied. Erreicht ein Mensch ein gewisses Alter, entwickelt er das mächtige Bedürfnis, leistungsstarke Autos zu schnell zu fahren oder aus Flugzeugen heraus Fallschirm zu springen oder ähnliche Dinge, die leicht mit dem Tod enden. Seit der Säuberung der StaSich vor achtzehn Jahren hatte ich eine Kunst daraus gemacht, nicht aufzufallen und mich nicht für Dinge zu melden, die zu gefährlich waren. Kurz gesagt, fast zwanzig Jahre lang hatte ich versucht, dem Stuhl in diesem Büro, auf dem ich jetzt saß, fernzubleiben.
Doch jetzt, wo ich hier war, fand ich die Vorstellung eines gefährlichen Außeneinsatzes unwiderstehlich verlockend. Ich glaube, es war der Anblick der Leichen von Fiza und Yasmin Paria, die den falschen Versprechen der Maschine zum Opfer gefallen waren, der mein Pflichtgefühl wieder neu entfacht hatte. Ich war wieder im Ring. Ich ging im Kopf rasch sämtliche laufenden StaSich-Operationen durch und versuchte zu erraten, für welche davon Niemann mich vorgesehen haben könnte. Vielleicht sollte ich untersuchen, was an den Gerüchten über die Infiltration der Armee durch militante Ajays dran war? Kontakt zu prohumanistischen Gruppen in Amerika oder Europa aufnehmen? Persischer Drogenhandel? Armenische Dissidenten? Joschik?
Doch Niemann schüttelte den Kopf.
»Nein. Oder zumindest … nicht so, wie Sie vielleicht denken«, sagte Niemann. »Der Job an sich ist ziemlich leicht. Aber es ist ein Job, der Sie vielleicht in ein paar Monaten, wenn es schiefläuft, in einen abgedunkelten Raum bringen könnte, vor eine Reihe von Männern, deren Gesichter Sie nicht erkennen können und die Ihnen Fragen stellen, die Sie nicht recht beantworten können. Aber wenn Sie es tun? Dann haben Sie bei mir einen fetten Stein im Brett. Und das ist nicht nichts, South. Das ist vielmehr eine recht stabile Währung da draußen. Verstehen Sie das?«
Ich hatte absolut keine Ahnung, wovon sie sprach.
»Ich verstehe«, sagte ich.
Sie nickte.
»Warum ich?«, fragte ich.
Niemann lehnte sich zurück.
»Weil ich jemanden brauche, der entbehrlich ist. Jemanden, der keiner bestimmten Fraktion der Partei Loyalität entgegenbringt oder einen entsprechenden Eindruck macht. Jemanden, der Befehlen folgt, ohne Fragen zu stellen. Und, weil ich schrecklich sentimental bin, jemanden, der keine Familie hat. Ich brauche jemanden, der nicht vermisst wird.«
»Tja«, sagte ich, »wenn Sie es so darstellen, dann erscheine ich vielleicht etwas überqualifiziert.«
Sie schenkte mir ein Lächeln, das freundlich hätte sein können, vielleicht aber auch lediglich mitleidig war.
Sie nahm meine Akte und steckte sie in ihren Schreibtisch, als wischte sie einen Fleck weg.
»Ich bin fertig mit dieser Akte. Ich finde sie ziemlich öde«, sagte sie.
Sie holte eine andere Akte heraus, diesmal eine rote, und legte sie vor mich hin.
»Jetzt zu der hier«, sagte die stellvertretende Direktorin mit einem Leuchten in den Augen. »Voller Drama und Geheimnis, South.«
Ich nahm die Akte und schlug sie auf. Und das Erste, was ich sah, war ein Foto.
Ein Mann Ende dreißig. Gut aussehend, mit den langen, hoheitsvollen Zügen eines römischen Kaisers. Er war glatzköpfig, weshalb keine Haare den großen blauen Fleck an der Schläfe über seinem linken Auge verdeckten.
Er war tot.
Und außerdem handelte es sich, wie ich mit Entsetzen feststellte, um Paulo Xirau.
Das Wort »Maschine« war in Kaspien allgegenwärtig. Ein loses, dehnbares Konzept, das praktisch jeder im Munde führte, der mir begegnet ist. Es wurde als Substantiv, Adjektiv und Schimpfwort benutzt. Früher hatte es vielleicht tatsächlich einmal nur diejenigen bezeichnet, die online als Programm existierten und nicht organisch zur Welt gekommen waren. Inzwischen war die Bedeutung aber gewaltig angewachsen und hatte sich erweitert. Jetzt konnte alles und jeder »Maschine« sein. War man einmal contrant worden, ungeachtet der Umstände der Geburt, so war man »Maschine«. Wenn man einmal jemanden geliebt hatte, der als Code geboren war, dann war man »Maschine«. Glaubte man an die Rechte und die Würde künstlicher Mitbürgerinnen und Mitbürger, dann war man »Maschine«. Ein Buch kann »Maschine« sein. Ein Satz. Ein Wort. Das Konzept »Maschine« umfasste schließlich alles außerhalb der Grenzen der Republik. Deshalb nennen sie uns: »Die Maschinenwelt.«
Vika Melkowska, Geschlossenes Meer, geschlossener Staat: Eine Undercover-Journalistin in der Kaspischen Republik.
»Xirau ist tot?«, keuchte ich.
»Oh, Sie haben ihn gekannt?«, sagte Niemann milde. Ich verstand den Tadel. Ja, stellvertretende Direktorin, selbst ich habe schon von Paulo Xirau gehört.
In der Partei kannten alle Xirau. Wer auch nur ein bisschen Ehrgeiz hatte, las seine wöchentliche Kolumne in der Kaspischen Wahrheit, oder zumindest tat jeder so. Nicht sonderlich provokant. Im Grunde wurde immer nur dasselbe Thema wiederholt. Hatte man eine Kolumne gelesen, kannte man sie alle. Es waren lange, feurige, giftspritzende Schmähreden auf die Maschine und ihr menschliches Vieh. Eine schmerzhafte Lektüre, selbst dann noch, wenn man mit seiner Sichtweise übereinstimmte. Ich hätte sie »Jeremiaden« genannt, doch das wäre ungerecht gegenüber einem Propheten gewesen, der immerhin ein Talent für lebhafte Bildlichkeit besessen hatte. Xiraus Prosa war ein Vorschlaghammer: stumpf, hämmernd und unnachgiebig. Mit ihm war einer der am meisten gelesenen Schreiberlinge des Landes gestorben.
»Todesursache?«, fragte ich. »Oder ist die nicht geklärt?«
»O nein, nein«, sagte Niemann. »Glauben Sie mir, alles an Xirau ist weitaus interessanter als die Art, wie er zu Tode gekommen ist.«
»Sie machen mich neugierig, stellvertretende Direktorin«, sagte ich.
»Oh, das freut mich«, erwiderte Niemann mit womöglich einer Spur Sarkasmus.
Ich blätterte in der Akte. Zwischen zwei Blättern rutschte ein Bild heraus: Xirau in einer Reihe mit Parteifunktionären vor der baumelnden Leiche Mendelssohns. Alle anderen Männer und Frauen schauen weg, nicht aber Xirau. Nein, Xirau schaut zu ihm auf wie ein Apostel, seine Augen hell und klar.
Ich unterdrückte ein Schaudern und las weiter.
